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9. Der Sozialismus als Tragödie

 

 

 

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Despotische Macht und Subalternität — wie drückt sich dieses wechselseitige, einander bedingende Verhalten in den besonderen staatssozial­istischen Formbestimmungen aus? Menschen handeln im allgemeinen neben ihrem Eintreten in politische und wirtschaftliche Zweckbeziehungen auf eine bestimmte Weise dramatisch. Das ist in der bürgerlichen Gesellschaft nicht anders als im Sozialismus. Wann immer durch Tun oder Unterlassen gehandelt wird, es geschieht hier wie dort meist in der Gegenwärtigkeit eines Publikums.

Betrachten wir unter diesem ästhetisch-expressiven Gesichtspunkt den Staatssozialismus, dann gilt es, die Frage aufzuwerfen, ob und wie die Politbürokratie zusammen mit den ökonomischen u. a. Problemen die dramatischen Probleme in der Gesellschaft löst: die Selbstinszenierung der Gemeinschaft auf der Grundlage eines gültigen Pathos. Werden die diesbezüglichen Erwartungen des Publikums der Staatsbürger befriedigt oder enttäuscht?

Worum es also geht, ist die Betrachtung der staatssozialistischen Gesellschafts-Form als Form!

In dem Maße wie wir, was inzwischen schon zur schlechten Gewohnheit geworden ist, die stilistischen Charakteristika des Staatssozialismus als oberflächliche Begleiterscheinungen des politischen Handelns oder Geschmacksverirrung einzelner Persönlichkeiten bagatellisieren, kann die Politbürokratie ungehindert das dialektische Moment des «Umschlagens der Form in Inhalt» für ihre Zwecke ausschlachten.

Wo ihr das gelingt, ersetzt sie die normierten Mitwirkungs­ansprüche der Menschen an der Staatsmacht­ausübung durch falschen Schein, um dann hinter den Kulissen des Volksvertretungstheaters ihren partikularen Interessen um so besser nachgehen zu können.

Sie konserviert ihre Vormundschaft in einer Welt des politischen Scheins. Damit hält sie einen Öffentlichkeitsraum besetzt, innerhalb dessen unter anderen Verhältnissen authentisch sich darstellende Massen ebenso wie einzelne schöpferische Kräfte für andere und sich selbst wichtig werden könnten.

Mit ihrer Flucht in den «falschen und bedürftigen Schein» will die Politbürokratie, was vielfach durchaus gesehen wird, einerseits der grauen Realität des Staatssozialismus, in welcher der Mensch gewöhnlich nur eine Nummer ist, Glanz verleihen.

Andererseits aber will sie zugleich - das wird meist übersehen - ihr ästhetisches Unvermögen dadurch überspielen, daß sie dem von ihr erzeugten «bedürftigen» Schein realen Beistand durch die Macht gewährt. Das ist auch der Grund dafür, warum die ästhetischen Versuche der Politbürokratie selbst dort noch in militärische Formen einmünden, wo die Armee ausnahmsweise einmal nicht den zeremoniellen Rahmen der Schaustellungen diktiert.

Wenn uns bisher die betrügerische Schminke der Kultur des Staatssozialismus nicht durchweg nötigt, den sozialistischen Staat in seiner gegenwärtigen Form als «häßlich» zu empfinden, dann liegt die Vermutung nahe, daß wir uns kein Bild mehr davon machen können, was ein «ästhetischer Staat» ist.52

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Denn wir übersehen oftmals, daß es neben der historischen, rechtlichen und moralischen Weltauslegung und Rechtfertigung noch eine weitere, die ästhetische Legitimation, gibt, die nicht minder bedeutsam ist. Bedenken wir aber, daß alles Leben zugleich auch Schein ist, so wird einsichtig, wie wichtig unser Vermögen ist, zwischen dem «bedürftigen» und dem wirklich «schönen» Schein zu unterscheiden. Zudem ist, wie C.G. Jung hervorgehoben hat, lediglich eine «gewisse Verstärkung der urteilenden Funktionen» erforderlich, um über eine geringe Differenzierung des Urteils «die Anschauung aus dem rein Ästhetischen ins Moralische überzuführen»53.

Es ist nur ein kleiner Schritt, der uns von der ästhetisch negativen Bewertung zu der Frage führt: Was bedeutet es für mich, wenn ich die Formen als abstoßend empfinde, in denen die Staatsmacht sich darstellt?

Hören wir uns doch nur einmal einen einzigen Augenblick lang die von der Politbürokratie bei ihren Schaustellungen bevorzugte Musik wirklich an. Bei einer solchen Gelegenheit erschließt sich dem, der sich den flotten Melodien der Militärmärsche, den strohflammenen Liedern aus der Kampfzeit und anderen Erinnerungs­musiken hingeben kann, in der Allgemeinheit reiner Form die seelische Armut der Mächtigen. Wird nicht durch die billige Tonmalerei, die wir mit dem üblichen Erscheinungsbild der Politbürokratie verknüpfen, deren Ansehen noch schlechter, als es schon ist?

Die Gesellschaft des Staatssozialismus betont Beziehungen der Über- und Unterordnung. Damit bietet sie im allgemeinen den Boden für tragisches Handeln. Boden für tragisches Handeln ist nach Hegel ein Zustand der sozialen Verhältnisse, der wesentlich auf «heroisches» Verhalten angewiesen ist.

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Bei allem Formenwandel, den die staatssozialistische Gesellschaft seit Stalins Tod vollzogen hat, der gewöhnliche Sterbliche in ihr weiß sich durchaus jederzeit in Beziehungen gestellt, die das Moment des Tragischen an sich nicht verleugnen.

Als Claqueur für die führenden Persönlichkeiten in Partei und Staat bleibt dem Individuum politisch oftmals gar nichts anderes übrig, als alles zu unterlassen, was den weisen Entschlüssen der Polit-«Heroen» zuwiderläuft.

Furcht und manchmal auch Mitleid prägen die Stimmung der Menschen gegenüber ihren Helden. In der dem Staatssozialismus angemessenen Gefühlswelt werden die Polithelden in schwindelnde Höhen des Ruhms hochgejubelt, so daß die Mittelmäßigkeit ihrer Existenz kaum mehr wahrnehmbar ist. Ganz von dieser Stimmung eingenommen, dichtete einst klassisch Fjodor Gladkow: «Lenin — das ist der Allmensch. Lenin — das ist die Tragödie des gigantischen Kampfes der neuen und der alten Welt!»

Und ein bißchen wie Lenin fühlt sich naturgemäß jeder Parteiführer im Sozialismus.

Ausgeglichen wird eine solche auf die «Heilig­sprechung» der Führer­persönlichkeiten gerichtete Tendenz in unseren Verhältnissen durch eine gegenläufige, auf «Reinigung» abzielende Bewegung. Es bedrücken viel zu viele Ängste den Mann auf der Straße, der im Alltag das Leitbild der sozialistischen Persönlichkeit auf Schritt und Tritt dementiert, als daß man diesem Gefühlsstau auf Dauer die Abfuhr versagen könnte.

Ein derartiger Zustand schreit geradezu nach politischen Sündenböcken. Allein durch deren Opferung kann dem Bedürfnis nach Reinigung entsprochen werden.

Wie die verheimlichte Rechtsgeschichte des Staatssozialismus lehrt, eignen sich besonders gut «Staatsfeinde» aus den obersten Rängen der Politbürokratie, um juristisch leicht verbrämt in Säuberungsprozessen geopfert zu werden.

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Das Pathos dieser schrecklichen Prozesse wurde fast in allen sozialistischen Ländern nach ein und demselben Szenarium erzeugt, welches die Vernichtung anerkannter «Helden» der Arbeiterbewegung zugunsten einer barbarischen Staatsräson zum Gegenstand hatte. Hätte nicht das «Fehlen eines guten historischen Gewissens» die staatssozialistische Gesellschaft seinerzeit davon abgehalten, dann wäre die damalige Zeit, wie Peter Hacks schreibt, die hohe Zeit gewesen, um das bleibende Drama des Sozialismus zu schaffen.

Der metaphysische Trost, mit dem die dramatische Kunst als heilkundige Zauberin uns über das Entsetzliche hätte hinweghelfen können, ist demnach bisher ausgeblieben. Solange uns aber dieser Trost nicht zuteil wird, können wir den Ekel nicht loswerden, den die einmal geschaute Wahrheit hervorgerufen hat. Deshalb, weil wir seelisch dieses Trostes bedürfen, und nicht, wie manche meinen, um des politischen Showeffektes wegen, ist es unbedingt erforderlich, daß das «bleibende Drama» des Sozialismus geschrieben wird.

Obwohl sich die nachstalinistischen Verhältnisse weit weniger aufregend darstellen — der Tod wird schon lange nicht mehr auf offener Bühne vorgeführt —, ist das Ende unserer Politheroen immer noch von Tragik umwittert. Entweder sie fallen einem schnöden Vergessen anheim, oder aber sie werden, wie jüngst erst der Chef der polnischen Staatspartei ebenso wie nicht wenige Kampfgefährten Breschnews, am Ende ihrer Tage mit einer Anklage bedroht.

wikipedia  Edward_Gierek (1913-2001)

Im tragischen Ausgang vieler Politkarrieren soll die kränkende Einseitigkeit der politischen Linie bereinigt werden, die sich allemal symbolisch mit dem Namen des gestürzten Helden verbunden hatte.

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Wer die sozialistische Gesellschaft als Tragödie ansieht, der lernt sie mit neuen Augen zu sehen. Sie besteht dann nicht mehr nur aus normiertem Rollen­verhalten, Familienbeziehungen oder einem Produktions- und Machtsystem. Mit dem veränderten Blickwinkel ergibt sich zwangsläufig eine veränderte Form der sprachlichen Darstellung, die in sich zugleich kritisch und aufklärend wirken kann.

Wieweit die Annahme, daß sich unsere Gesellschaft an dramatischen Erfordernissen ebenso wie an ökonomischen u. a. orientiert, die Einsicht in das Wesen des Staatssozialismus tatsächlich vertiefen kann, soll im folgenden beispielhaft anhand von zwei Phänomenen gezeigt werden, die anders als durch einen Hinweis auf die dramatische Grundform des Staatssozialismus nicht plausibel erklärt werden können.

 

 

  Warum ist der reale Sozialismus so schrecklich humorlos?  

 

Ausländische Beobachter zeigen sich immer wieder überrascht, wie humorlos Machthaber im Staatssozial­ismus reagieren und regieren. Politische Clownerien werden rigoros unterbunden. Spottgedichte auf die menschlichen Schwächen der Oberen werden geahndet. Dem «Sonderzug nach Pankow» wird die freie Fahrt verweigert. Das kabarettistische Niveau der meisten Bühnen ist geradezu bemitleidenswert brav. Weder auf der Bühne noch andernorts werden die «Torheiten des Demos» und die «Tollheiten seiner Redner und Staatsmänner» dem befreienden Gelächter des Publikums ausgesetzt.

Statt dessen überall Lobgesänge und Hymnen auf das Personal des Politbüros, das als die waltende Macht über dem gesellschaftlichen Ganzen thront wie Zeus im Olymp. Wer um die Dramaturgie unserer Verhältnisse weiß, wird sich über die innerhalb der sozialistischen Verhältnisse vorherr­schende Abstinenz gegenüber allem «Komischen» nicht wundern. Elemente des Komischen sind nun einmal die Ausnahme innerhalb des Sozialismus. In Kenntnis der dramatischen Form des Sozialismus ist es eher schon verwunderlich, wie lustig es dann doch zeitweilig bei uns hergeht.

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  Das Prometheussyndrom  

 

Die Bedeutung der «Dissidenten» in allen sozialistischen Ländern war immer größer, als jemals mit den größtenteils bescheidenen philosophischen Produktionen derselben hätte erklärt werden können.

Dennoch ist die Meinung verbreitet, die Intellektuellen würden mit ihrer Systemkritik den Funktions­mechanismus der sozialen Integration, der hierzulande auf einer zentral verordneten Weltanschauung basiert, direkt beschädigen, worauf denn auch ihre Wirksamkeit zurückgeführt wird.

Tatsächlich ist diese Erklärung nur zum Teil plausibel, nämlich soweit das kognitive und moralische Moment der Nötigung angesprochen wird, was jede Aufklärung in gewissem Sinne freisetzt. Wie aber erklärt sich die Ausstrahlung unserer politischen Trotzköpfe auf den Teil des Publikums, der die literarischen Produktionen gar nicht gelesen hat, ja der oftmals nicht einmal den Gegenstand der Kontroverse kennt?

Allein von der dramatischen Form des Sozialismus her ist die Heroisierung einer jeden Form des politischen Widerstands verständlich. Denn wer immer den Menschen das Feuer bringt, und die Wahrheit ist Feuer, ist das Licht, der ist Prometheus, ob er selber das sein will oder nicht. Die Prometheusrolle (in der bürgerlichen Gesellschaft ist es die Rolle des Clowns!) ist im Staatssozialismus komplementär der Rolle des Politheroen.

Prometheisch erscheint allen denen, die sich in einem Zustand der Subalternität befangen fühlen, die Haltung von Menschen zu sein, die unbefangen das verordnete Schweigen durchbrechen und die Wahrheit offen aussprechen.

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Vor gar nicht allzu langer Zeit war es der Fall des Stefan Krawzyck, der uns darüber belehrt hat, wie wenig es im Staatssozialismus braucht, um derzeit ein Held zu werden.

Zweifellos war die wahre Glanzzeit der Bürokratie die Epoche der asiatischen Produktionsweise. Im Schauspiel der Vergött­lichung des orientalischen Despoten wurde die dramatische Form der tributären Gesellschaft wirklich auf den despotischen Punkt gebracht. Vergleichbare Positionen konnte die Bürokratie im Westen nicht einmal unter der Herrschaft des französischen Absolutismus besetzen. Richelieus Beamte, die den französischen Adel kaltstellten, waren am Ende nichts weiter als bourgeoise Erfüllungsgehilfen. Denn bereits in ihrer Geburtsstunde war die absolute Monarchie von den Kräften abhängig, die sie 1789 liquidieren sollten. Bis es soweit war, berauschten sich die Subalternen aller Schattierungen an den in Mode gekommenen Perserdramen, die das Staatsideal der orientalischen Despotie auf die Bühnen Europas brachten.

Der sozialistische Realismus hat nicht einmal mehr Perserdramen zustande gebracht. Obgleich die Politbüro­kratie im Staats­sozialismus anerkanntermaßen entscheidende Funktionen des sozialen Organismus verkörpert, werden nicht Stücke über Bürokraten, sondern allein solche gegen die Bürokratie zur Aufführung gebracht. Was die sozialistische Dramatik auf die Bühnen bringt, das sind, so jedenfalls resümiert der Meisterdramatiker unseres Landes,

«...Tragödien, die von Beamten verursacht werden, Tragödien ihrer Opfer. Aber die sind gedanklich Gemeinplatz und künstlerisch schlecht zu machen. Sie zwingen... zu dem tränenreichen und dramaturgisch unergiebigen Grundriß des Passionsstückes. Der Unterschied zwischen einem Trauerspiel und einem Leidensweg ist, daß den letzteren immer der Zuschauer gehn muß».54

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Nicht weniger kümmerlich sind die Darstellungen des öffentlich inszenierten Dramas des realen Sozialismus. Weil auf fast allen Ebenen der Selbst­inszenierung (die einzige Ausnahme ist der politische Prozeß, der aber hinter verschlossenen Türen stattfindet) nurmehr ungenügend das herausgearbeitet wird, was in den gesellschaftlichen Begebenheiten Furcht und Mitleid hervorruft, wird das massenhaft verbreitete Bedürfnis nach Katharsis nicht gestillt. 

Das dadurch entstehende Defizit ist über die dilettantisch geplanten Rituale der Selbstdarstellung der «führenden Repräsentanten der Partei und des Staates» nicht wettzumachen. Für die Planer dieser Schaustellungen sind die Zuschauer stets die Gegenspieler, die unter die gefühlsmäßige Kontrolle der Politbüro­kratie gebracht werden sollen. Die Planer wollen von vornherein verhindern, daß das Publikum als Kollektivum unter Inanspruchnahme seines Rechts zum Beifall wie zum Mißfallen sein Urteil verhängt. Unter diesen Umständen können Stimmungen des «Festrauschs und der dithyrambischen Begeisterung» anläßlich der mit großem Aufwand begangenen Staatsfeiertage und anderer Höhepunkte des gesellschaftlichen Lebens gar nicht erst aufkommen. Anstelle der Begeisterung für die Ideale und Ziele des Sozialismus erfaßt denn auch die Teilnehmer der anläßlich solcher Gelegenheiten zusammengetrommelten Massen­veranstaltungen häufig ein Gefühl, wie man es als Zuschauer eines langweiligen Theaterstücks spüren kann, das man sich lediglich deshalb bis zum letzten Akt ansieht, weil man nun einmal da ist.

Manchmal kann man allerdings bei derartigen Anlässen erleben, wie hinter der betont biederen Fassade der staatssozialistischen Wirklichkeit ein ganz anderes, unkontrolliertes zweites Leben aufscheint.

Nicht selten geschieht es nämlich nach derartigen Festlichkeiten, und zwar insbesondere dann, wenn die Jugend des Landes zusammengerufen wurde, daß nach dem Abgang der alten Herren von den Redner­tribünen und den Podien die ganze Veranstaltung in einer geschlechtlichen Zuchtlosigkeit ausartet, die als der letzte Nachklang eines zweiten, man könnte sagen «dionysischen» Lebens gelten darf. Wie in einem Naturlaut macht sich hier der Protest gegen die auf den bedürftigen Schein und die verplante Lust gegründete Welt des Staatssozialismus Luft.

Natürlich verhindert die Politbürokratie mit der hier aufgezeigten Regie, daß ihrem «Bedürfnis zu gefallen» überhaupt entsprochen werden könnte. Denn mit diesem Bedürfnis untersteht sie unausweichlich «des Geschmackes zartem Gericht».

Um dessen Empfindungs­weise aber kann die Macht nicht mit Gewalt, sondern nur durch die Form ringen: Sie müßte am «Muster des freien Bundes» orientiert in den öffentlichen Ereignissen der Freiheit Gestalt geben, wollte sie der Freiheit ernsthaft gefallen.55

Solange der sozialistische Staat im Gegensatz dazu das gefühlsmäßige Erleben der Menschen als Marionettentheater symbolisiert, unterdrückt er auch in der Form unseren Sinn für Schönheit.

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Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real-existierenden Sozialismus - Von Rolf Henrich (Autor)