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    Teil 3    Vom <inneren Menschen>   

 

10. Marxismus und Moral oder Die Moral des Marxismus

 

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Nirgendwo ist es dem Marxismus bisher gelungen, dauerhaft seine moralische Überlegenheit unter Beweis zu stellen. Überall dort, wo er als politische Bewegung zur materiellen Gewalt wurde, die den Ausgebeuteten und Geknechteten ihr Überleben sichern wollte, ging es zumeist von dem Zeitpunkt an rasch mit seiner moralischen Lauterkeit bergab, sobald die Staatsmacht erobert war. Gar nicht erst zu reden von den Ländern, in denen im Ergebnis der Siege roter Armeen — Marx zum Ruhme — ideologische Zwangstaufen veranstaltet wurden. Wie Václav Havel resigniert schreibt, ist das Leben im Staatssozialismus...

«...von einem Gewebe der Heuchelei und Lüge durchsetzt: Die Macht der Bürokratie wird Macht des Volkes genannt; im Namen der Arbeiterklasse wird die Arbeiterklasse versklavt; die allumfassende Demütigung des Menschen wird für seine definitive Befreiung ausgegeben; die Manipulierung durch die Macht nennt sich öffentliche Kontrolle der Macht, und die Willkür nennt sich die Einhaltung der Rechtsordnung; 

die Unterdrückung der Kultur wird als ihre Entwicklung gepriesen; die Ausbreitung des imperialen Einflusses wird für Unterstützung der Unterdrückten ausgegeben; Unfreiheit des Wortes für die höchste Form der Freiheit, die Wahlposse für die höchste Form der Demokratie; Verbot des unabhängigen Denkens für die wissenschaftlichste Weltanschauung; Okkupation für brüderliche Hilfe

Die Macht muß fälschen, weil sie in eigenen Lügen gefangen ist. Sie fälscht die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Sie fälscht statistische Daten. 

Sie täuscht vor, daß sie keinen allmächtigen und zu allem fähigen Polizeiapparat hat, sie täuscht vor, daß sie die Menschenrechte respektiert, sie täuscht vor, daß sie niemanden verfolgt, sie täuscht vor, daß sie keine Angst hat; sie täuscht vor, daß sie nichts vortäuscht.» 56

Fragen wir nach den Gründen für diese negative Bilanz, dann ist klar, daß niemals der Marxismus als solcher verantwortlich sein kann für die Unmoral der staatssozialistischen Gesellschaft. Und doch können wir uns nicht der Einsicht verschließen, die da besagt, der Marxismus sei bereits in seiner ursprünglichen Form eine Lehre gewesen, die konsequent darauf abzielte, einem jeden Partikularismus den Garaus zu bereiten und der Herrschaft des Allgemeinen zu dienen. 

Von daher ist es nur allzu verständlich, wenn der Marxismus in Gestalt des Leninismus ausgerechnet in den staatsbedingten Gesellschaften des Ostens zur Herrschafts­ideologie aufstieg. In dieser Form leistete er dann seinen Beitrag zur Unterdrückung des Individuums durch den Staat. So gesehen besteht auch ein Zusammenhang zwischen den moralischen Schwächen des Marxismus und unserem Gesellschafts­charakter.

Setzt man in Rechnung, daß das von Václav Havel erstellte Sündenregister politbürokratischer Machtaus­übung natürlich ebenso Auskunft gibt über die Tugendhaftigkeit der dieser Macht unterworfenen Menschen, wird sofort deutlich, in welchem Umfang die ganze Zukunft des Staatssozialismus von einer grundlegenden geistigen Erneuerung desselben abhängt.

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Das Versagen des Staatssozialismus besteht aus der Sicht einer universalistischen Ethik nicht in seiner strukturell bedingten ökonomischen Unterlegenheit gegenüber den Gesellschaften des Westens, denn diese Unterlegenheit schließt ein besseres Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit nicht aus; der Sozialismus scheitert bisher überall auf der Welt an der Morallosigkeit

Man kann die unterschiedlichsten Gründe ins Feld führen, die dieses Ergebnis der marxistischen Bewegung erklären: die Natur des Menschen, das Wesen der Macht, gesellschaftliche Strukturen usw. Übersehen wird dabei zumeist die eigene Moral. Allzu selten fragen wir danach, in welcher Weise die marxistische Lehre unsere eigenen moralischen Schwächen verharmlost.

Sicher, Marx und Engels haben aus einer moralisch integren Position heraus ihre Gesellschaftskritik vorge­tragen. Jesus oder Buddha können sie deshalb noch lange nicht ersetzen, wie so mancher meint, der sie unbedingt zu Schutzheiligen des Sozialismus berufen will. In seinen Schriften bezieht Marx ja ohnehin in der Regel eine objektivistische Beobachterposition mit Blick auf die Klassenkämpfe seiner Zeit. Die Schwäche des Marxismus besteht in dieser Beziehung darin, daß er seine eigenen Anhänger ungenügend zur Selbstkritik anleitet und zudem vorrangig dem Handeln sozialer Klassen und Gruppen Bedeutung beimessen will. Die Moral des einzelnen ist egal, wenn dieser nur gehörig auf seiten der Parteigänger des Marxismus am Klassenkampf teilhat. 

Im Grunde genommen hat Karl Marx nie ernsthaft auf die moralische Person und den «inneren Menschen» gesetzt, sondern alle seine Hoffnungen — und hier ist er ganz ein Kind seiner Zeit! — in einen sozialen Handlungsrahmen investiert, in dem der Interessen­kampf der Menschen unter dem Strich von selbst vernünftige Ergebnisse hervorbringen sollte.

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Erst aus einer solchen Erwartungs­haltung erwächst die zweifelhafte Souveränität, ohne weitere moralische Skrupel «von der schönen Seite der Sklaverei» zu schwärmen, da diese ja zum «Angelpunkt der bürgerlichen Industrie» wurde. Und wen kümmert schon die Moral von der Geschicht', wenn «es grade die schlechten Leidenschaften der Menschen sind, Habgier und Herrschsucht, die zu Hebeln der geschichtlichen Entwicklung werden, wovon z.B. die Geschichte des Feudalismus und der Bourgeoisie ein einziger fort­laufender Beweis ist»57

Nur, wohin hat uns denn die Geschichte geführt? Vielleicht ist inzwischen das von Marx so bewunderte Böse als Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung überholt? Besonders originell war der Gedanke von «jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft», schon zu Marxens Zeiten nicht mehr. Auch nicht in seiner Anwendung innerhalb der politischen Philosophie.

Vor Marx hatte Giambattista Vico der im 18. Jahrhundert weit verbreiteten Illusion Gehör verschafft, richtig organisierte Gesellschaften könnten es verstehen, Grausamkeiten, Habsucht und Ehrgeiz als die großen Laster der Menschheit für das Gute nutzbar zu machen durch den Einsatz dieser Leiden­schaften innerhalb der nationalen Verteidigung, des Handels und der Politik. 

Hegels List der Vernunft, Adam Smith' Invisible Hand, selbst noch das Freudsche Konzept der Sublimation — all das liegt ganz auf dieser Linie, wobei immer ungeklärt geblieben ist, was das Agens der erhofften Umwandlung «privater Laster» in öffentliche Tugenden sein sollte.

* (d-2015:)  wikipedia  Giambattista_Vico  1668-1744

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Heute haben wir keinerlei Grund mehr, an die heilsame Wirkung menschlicher Laster zu glauben. Eher schon zeigt der Gang der Geschichte gegen­beweislich, wie sich das Laster in allen sozialen Verhältnissen systematisch ausbreiten kann, ohne daß dieser Entwicklung mit irgendwelchen soziologischen Konstruktionen Einhalt geboten werden könnte.

Gewiß werden wir uns auch zukünftig immer wieder in Situationen gestellt sehen, in denen Gutes tun zugleich Böses tun bedeutet und umgekehrt. So schmerzlich das im Einzelfall auch sein mag, das wirkliche moralische Problem ist dies nicht. Wer in derartigen Situationen menschlich leidet, der beweist allemal seine moralische Gesinnung. Wogegen wir uns wenden müssen, ist die verbreitete Charakterlosigkeit, die sich als «dialektisches Denken» ausgibt. Gerade diese Art des Denkens gebärdet sich allzuoft als «Wissenschaft». Tatsächlich zeigt sich darin die Aufseher-Position.

Überscharf wird aus dieser Position heraus der kleinste Splitter im Auge des anderen, jedoch niemals der Balken im eigenen Auge wahrgenommen. Nicht selten geht es in den Auseinander­setzungen darum, die Enttäuschung über die Trostlosigkeit der Verhältnisse, in denen wir leben, abzuwehren. Die ganze «Wissenschaftlichkeit» des Marxismus-Leninismus stellt sich dann meist sehr schnell als Versuch heraus, dem Pessimismus zu entgehen. Indem wir uns auf diese Weise selber täuschen, unterdrücken wir nicht nur die Wahrheit. Unsere Optimismus verbreitende Haltung ist zugleich Ausdruck von Feigheit, wenn nicht sogar eine besondere Form der Schläue.

Klasseninstinkte und soldatische Disziplin sind die von der Politbürokratie bevorzugten Tugenden. Abgesehen davon, daß kaum jemand weiß, was darunter zu verstehen ist, steht doch fest, daß ein solches Verhalten mit dem «inneren Menschen» wenig zu tun hat. Denn wo immer diese Sorte Tugenden propagiert wird, da fällt regelmäßig der verantwortlich wirkende einzelne aus.

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Sollte diese Sicht der Dinge zutreffen, ist eine weitere Schlußfolgerung angezeigt. Wesentliche Voraussetzung für die Unmoral im Staatssozialismus ist, daß der Marxismus für seine Anhängerschaft den modernen Gedanken einer «Kausalität aus Freiheit» unter Hinweis auf «historische Gesetzmäßigkeiten» ablehnt. Für ihn ist der Bürger immer Bürger in einem Reich der Neigungen und materiellen Interessen. Als solcher strebt er nach Besitz und Macht, bevor ihm seine Würde als Mensch überhaupt in den Sinn kommt. Nicht das Gewissen und damit Wissen um das moralische Gesetz bestimmen daher sein Handeln, sondern allein Geld und Angst vor Strafe.

Ebenso wie jede Freiheit, die zugleich Selbstgesetzgebung will, der politbürokratischen Macht ein Dorn im Auge ist, widerspricht es der Macht und deren Vorstellungen von Machtausübung, daß sich ihrer Gewalt unterworfene Menschen innerlich einem höheren Prinzip verpflichtet fühlen. Hierin liegt der Grund, warum der Religion jeder Einfluß auf das Erziehungswesen genommen wird. Mit der «Wissenschaftlichkeit» unserer Weltanschauung hat das gar nichts zu tun. Nicht weil die Wissenschaft Gott widerlegt hat, soll den Menschen ihre natürliche Religiosität wie eine Art Aberglauben ausgetrieben werden; dies geschieht allein um der unbeschränkten Herrschaft über ihre Seelen willen.

Nachdem sich inzwischen die moderne Physik von mechanistischen Modellen hin zu einer Sichtweise bewegt, bei welcher der Geist in sämtliche Physis mit einbezogen wird, erscheint es geradezu als hinterwäldlerisch, im Namen der Wissenschaft Marxismus und Religion gegeneinander aufzuhetzen. Spätestens seit Kant wissen wir, daß Gott nicht widerlegt werden kann.

Marx aber ist einer der legitimen Erben der klassischen deutschen Philosophie, Und so gibt es ja auch nicht einen Satz aus der Feder von Marx, in dem dieser den untauglichen Versuch unternimmt, Gott zu widerlegen. Ein solcher Versuch wäre ebenso unsinnig, wie es die zahlreichen Versuche gewesen sind, das Dasein Gottes positivistisch zu beweisen.

Durchaus kein Unsinn ist es allerdings, wenn im bisherigen Atheismus das Dasein Gottes für «wünschenswert» gehalten wurde. Kant, der die mittel­alterlichen Gottesbeweise ad absurdum geführt hat, postuliert das Dasein einer Gottheit und die Unsterb­lichkeit der Seele. Selbst wer nicht glaubt, es sei ein Gott, soll sich nach Kant die Idee eines solchen bilden. Daß jeglicher Gottesbegriff nur subjektiv und nicht objektiv (also selbst Pflicht) sein kann, wie Kant schreibt, macht den Begriff von einer Gottheit nicht unwirklich oder illusorisch. 

Gerade die Gottesidee kann, wenn dieselbe zur Richtschnur im täglichen Handeln wird, zu einer geistigen Gewalt werden. Wie inniglich Atheismus und Religion sich verbünden können, hat Robespierre bewiesen, als er im Konvent die Notwendigkeit eines höchsten Wesens und der Unsterblichkeit der Seele begründete. Robespierre wußte, wie unsicher seine republikanischen Ideen bleiben würden, solange dieselben ohne ein metaphysisches Fundament blieben.

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Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real-existierenden Sozialismus.

 www.detopia.de