Rolf Henrich 

Der vormundschaftliche Staat 

Vom Versagen

des real-existierenden

Sozialismus

 

1989 bei Rowohlt in Hamburg

1990 bei Kiepenheuer in Leipzig 

Rolf Henrich - Der Vormundschaftliche Staat - Vom Versagen des realexistierenden Sozialismus 

1989   304+13 Seiten  (*1944)

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Umweltbuch   1985-Buch 

R.Bahro.1977   R.Steiner

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detopia-2020: Gutes Buch - weiterhin!

Inhalt   ISBN 3-378-00417-7

Einleitung (9) 

Literatur (305) 

Warum ich dieses Buch geschrieben habe  (309)  


Audio:

Henrich im dradio  

10 Jahre Vor.Staat   

Interview Das letzte Wort "löten" ist abgeschnitten, aber es ist das letzte Wort, wie die Mitschrift unten zeigt. 


Vormundschaftlicher Staat - eine Analyse, die auch heute zu denken gibt. 
Von PentaxEye 2016  bei amazon
Der vormundschaftliche Staat war einer der wichtigen Texte, die die friedliche Revolution begleitet und unterstützt haben. Heute neu gelesen, erschrickt man über die Aktualität. Fast sämtliche "Diagnosen", die Henrich für die untergehende DDR gestellt hat, sind bei kritischer Betrachtung auch in der Bundesrepublik des zuende gehenden Jahres 2016 ansatzweise zu erkennen. Es geht nicht um Gleichsetzung. In Abrede kann man die Parallelen nicht stellen. Geschichte wiederholt sich eben doch, allerdings nicht 1:1!

 


Klappentext:

Bereits mehrere Monate vor Beginn der von den Volksmassen ausgehenden politischen Umwälzung in der DDR hat der Jurist Rolf Henrich dieses Buch zur Diskussion gestellt. 

Es bescheidet sich nicht mit Protest gegen verschiedene Anmaßungen von Macht­inhabern oder Kritik an Fehlern in der Leitung von gesellschaftlichen Prozessen in unserem Sozialismus, der eigens als ›real existierender‹ bezeichnet wurde, sondern es geht aufs Ganze: die nüchtern-unerbittliche Erforschung der Ursachen einer geschichtlichen Fehlentwicklung zu einem büro­kratisch verkrusteten Obrigkeitssystem, dessen Defizite an Freiheit, Demokratie, Wohlstand und sozialer Gerechtigkeit für das Volk unerträglich werden mußten.

Henrich liefert zur Diagnose des ›Staatssozialismus‹ Vorschläge für eine Therapie hinzu — sie mögen am ehesten Wider­sprüche hervorrufen.  

Doch eben auch das gebührt, im klassischen Sinn, der Aufklärung als dem ›Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit‹ (Kant), zugleich der Befreiung von ›einer allerhöchst selbstverschuldeten Vormund­schaft‹ (Hamann). Das kostet Mut zur Ausein­ander­setzung, Sachverstand und Sinn für das Neue — Henrich hat uns ein Beispiel dafür gegeben. 

1. Rückschau  

1. Ost und West — ein formativer Gegensatz?  (24)

2. Das Beispiel Rußland Das Beispiel Rußland  (36)  Das Zarenreich: eine ‹halbasiatische› Despotie (37)  Der Sowjetstaat: eine industrielle Despotie (50)

3. Staatspartei — Parteistaat  (60)   Luxemburg-Lenin über die ‹Organisationsfrage›

2. Die Wirklichkeit des Staatssozialismus 

4. Zur Genesis des bürokratischen Sozialismus in Deutschland  (76)  Formations­verdrängung — die Ausnahme von der historischen Regel (76)  Staat und Recht (80)  Wirtschaft (87)  Vom  deutschen Untertanengeist (89)  Zur subjektiven Seite der Formations­verdrängung 92  *Kulturelle Verödung 94  *Wer sind wir — wer wollen wir sein? 98
5. System und Macht (104)  Die Abstraktion des Systems der Politökonomie 104  Macht als Steuerungsmittel 111  Kader-Auslese - die Reproduktion der Macht 117  Macht und Legitimation 122
6. Bürokratie und Staatsplanwirtschaft (130)  *Planmäßigkeit und Anarchie in der Staatsproduktion 130 * Ökologie und Planwirtschaft 140 * Zur ‹Wohnungsfrage› 144 * Ethik des ‹Optimalverhaltens› 149
7. Anatomie der ‹geschlossenen Gesellschaft›  (153)  Das ‹Gefesseltsein an den Boden und die Maschinerie› 153 * Treuepflicht oder Freiheit? 161 * Warum die Mauer ‹unmoralisch› ist 168
8. Staats-Sicherheit und Strafrecht im Sozialismus  (178)  Feierliches Gedenken an Andrej J. Wyschinski 178 * Politischer Prozeß 183 * Politische Polizei (Tscheka) 188
9. Der Sozialismus als Tragödie  (196) 

3. Vom ‹inneren Menschen›  

10. Marxismus und Moral oder: Die Moral des Marxismus  (208) 
11. Sozialismus und Tod  (215)
12. Marxismus und Christentum  (223)  Staat und ‹Kirche im Sozialismus› (223) Staat und Religion (243) Marxismus und Metaphysik (250) 

4. Wohin?  

13. Voraussetzungen und Möglichkeiten alternativen Handelns (258)  Freiheit ‹von oben› oder Selbst­bestimmung * Zum subjektiven Faktor alternativen Handelns 262 * Liebe ist nötig 265 * Tapferkeit oder Zivilcourage (270)

14. Zur Neugliederung des Staatssozialismus — ein Entwurf  (275)  Geistesleben (279)  Wirtschaftsleben (282) Rechtsstaat und demokratisches Leben (293) Von Jalta zur Emanzipation der Deutschen (300)

 

 

 INTERVIEW 2009 

  Das "Neue Forum" hat "die Sache in Schwung gebracht"

Rolf Henrich über die Stimmung 1989 in der DDR im Gespräch mit Jasper Barenberg

 dradio.de  interview_1031648 

 

"Wir wollten im Grunde genommen nichts weiter als den öffentlichen Diskurs eröffnen", sagt Rolf Henrich, Gründungsmitglied des "Neuen Forum".

Den enormen Zulauf erklärt er sich mit dem Willen zur Veränderung bei vielen Menschen und dem Verschwinden der Angst vor der SED-Führung.

Sandra Schulz: Rolf Henrich gehörte in der DDR lange zur sogenannten Nomenklatura, ein mehrfach ausgezeichneter Rechtsanwalt, der die Bezirksparteischule der SED besucht hatte. Im Laufe der Jahre wird er aber zu einem scharfen Kritiker. Im Frühjahr 1989 erscheint sein Buch "Der vormundschaftliche Staat", eine offene Kampfansage an die Staatsführung.

Die Antwort folgt auf dem Fuße: Ausschluss aus der SED und aus dem Anwaltskollegium. Unbeeindruckt zieht Rolf Henrich im Sommer von Ort zu Ort, hält Vorträge in Kirchen und Studentenklubs, und gehört Anfang September zum kleinen Kreis derer, die das "Neue Forum" gründen als eine Plattform für den wachsenden Protest.

Mein Kollege Jasper Barenberg hat Rolf Henrich getroffen. Mit ihm hat er zurückgeblickt auf das erste Treffen mit seinen Mitstreitern, unter ihnen Bärbel Bohley. Schauplatz war das Haus des 1982 verstorbenen Oppositionellen Robert Havemann in Grünheide. Seine Erwartungen hat Rolf Henrich retrospektiv so beschrieben:

Rolf Henrich: Ich bin nach Grünheide mit einem großen Druck gefahren, weil wir - wenn ich "wir" sage meine ich die drei, die das Treffen ursprünglich verabredet haben, nämlich Katja Havemann, Bärbel Bohley und ich -, weil wir fast schon den Eindruck hatten, wir hätten den Termin falsch bestimmt. Wir haben ja den Sommer 89, da sind ja sehr viele Leute dann ausgereist, in Ungarn wird der Zaun aufgemacht. Aber ich bin da natürlich dann hingefahren mit dem festen Vorsatz, dass wir uns als Gruppe wirklich konstituieren an diesem Wochenende und dass wir alle, die unseren Aufruf lesen oder hören - wir haben ihn dann ja auch in die Medien gegeben, in die Medien im anderen Teil Deutschlands natürlich -, dass die, die diesen Aufruf dann in der Hand halten, sich selber uns auch anschließen, sodass wir die Hoffnung hatten, dass vor allem Leute sich finden, die hier im Land, damals der DDR, etwas wirklich ändern wollten.

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Barenberg: Dieses Buch "Der vormundschaftliche Staat" war im April im Westen erschienen, fertig geschrieben war es schon zwei Jahre vorher, Sie haben es dann rübergeschmuggelt, es ist erschienen im April 1989. Eine bittere Kritik, eine grundsätzliche Kritik an dem Staatssozialismus der DDR, der sich aber auch an die Bürger der DDR ganz entschieden wandte. Die Kernthese lautet ja, der Bürger ein Mündel eines vormundschaftlichen Staates, fast ein mittelalterliches, jedenfalls ein vormodernes Bild. Wie haben die Menschen auch auf diesen Appell an sie alle reagiert?

Henrich: Ich meine schon, dass die Leute diese Bitterkeit, die auch in einem solchen Terminus liegt, also Vormundschaft und der andere ist der Mündel, dass diese Bitterkeit also nicht dazu geführt hat, dass die Leute das abgelehnt haben, sondern die haben das tatsächlich als Appell an jeden Einzelnen begriffen.

Barenberg: Haben Sie auch das Gefühl gehabt, dass es eine Bereitschaft gab, etwas zu tun, etwas zu verändern, bei diesen Veranstaltungen?

Henrich: Ja. Man darf sich den ganzen Vorgang, das ganze Geschehen 1989 nicht so vorstellen: Jetzt wird der Aufruf gemacht und dann reihen sich dahinter sozusagen die Kolonnen der Demonstrierenden ein. Genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Gestimmtheit, die war längst eine andere geworden, und zwar hatte sich das spätestens seit 1985 schon entwickelt. Eine Gestimmtheit, es kann nicht mehr so weiter gehen, und auch eine Gestimmtheit, die sich dadurch auszeichnete, dass die Angst gewissermaßen weg war.

Barenberg: Noch mal zurück zur Situation Anfang September, als sie in Grünheide zusammensitzen. Der Text dieses Appells, dieses Aufrufes zur Gründung des "Neuen Forums" beschreibt ja kein konkretes politisches Programm. Worum kreisten die Diskussionen damals, was hinein soll und was nicht hinein soll, denn bemerkenswerterweise stehen ja zwei Begriffe nicht darin: kein Bekenntnis zum Sozialismus, kein Bekenntnis zur DDR, auf der anderen Seite auch nicht das Wort "Wiedervereinigung". Was waren die zentralen Punkte?

Henrich: Der alles entscheidende Punkt war, wir müssen eine öffentliche Debatte in Gang setzen, weil wir uns zunächst erst einmal fragen müssen, wie wir in Zukunft leben wollen. Wir wollen nicht wieder - wie manche anderen Gruppen dann - den Leuten gleich ein Programm gewissermaßen vorsetzen und wir wissen es wieder besser als alle anderen, sondern wir wollten im Grunde genommen nichts weiter als den öffentlichen (und zwar als offenen) Diskurs eröffnen. Wir sind Leute wie du und ich und jetzt treten wir erst einmal in ein Gespräch ein, was wir ändern wollen und wie wir die Verhältnisse ändern wollen.

Barenberg: Das Echo war gewaltig. Im Westen kann man das nachvollziehen. Überraschend war ja eher, wie gewaltig das Echo auch im Osten, also in der DDR war. In kurzer Zeit fast 200.000 Anträge auf Mitgliedschaft.

Henrich: Es wird immer diese ominöse Zahl 200.000 genannt. Die ist nicht falsch. Das war zu einem bestimmten Zeitpunkt so. Aber wir haben es ja so gemacht: wir hatten ja einzelne Kontaktadressen dann angegeben und an diese Kontaktadressen wurden dann auch tatsächlich die unterschriebenen Listen geschickt. Ich habe die persönlich ständig in den Ofen reingesteckt, ganz einfach deshalb, weil ich zu der Zeit noch befürchtete, dass eine weitere Hausdurchsuchung bei mir stattfindet, und ich wollte nicht, dass die die Namen dann finden. Aber wir haben dann zum Schluss nicht mehr gezählt. Ich glaube nicht, dass die Zahl stimmt. Nach meiner Überzeugung war die Zahl viel größer. Das "Neue Forum" zeichnet sich ja dadurch aus, dass es tatsächlich flächendeckend Fuß gefasst hat, also bis in die, wir haben damals immer gesagt, Provinz hinein.

Barenberg: Was ist sozusagen die bleibende Leistung dieser Gruppen, Foren, die überall und allerorten dann entstanden sind?

Henrich: Die bleibende Leistung des "Neuen Forums" ist es für mein Dafürhalten, dass es diesen ersten Impuls gesetzt hat, also dass es die Sache in Schwung gebracht hat, und ich für meinen Teil habe immer dafür plädiert, dass man das "Neue Forum" möglichst sozusagen Anfang des Jahres 1990, Mitte des Jahres beendet hätte auf eine vernünftige Weise. Deshalb war ich eigentlich immer ein bisschen traurig darüber, dass sich das dann hinterher so in ein "Ja da ist noch ein Neues Forum" und da gründet sich eine Forumspartei" und sonst was verläppert hat.

Barenberg: "In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört", so damals der erste Satz in dem Aufruf zur Gründung des "Neuen Forums". Hat der noch Aktualität heute, oder ist es wirklich vorbei?

Henrich: Das ist nun eine ganz andere Frage. Dieser Satz bleibt aktuell. Uns fehlt selbstverständlich im Jahre 2009 eine große gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir unseren Daseinsentwurf gestalten wollen. Wenn wir jetzt nur diese berühmte (aber das ist ja schon so abgedroschen) Finanz- und Wirtschaftskrise hernehmen. Tatsächlich ist doch im Moment so die Situation, dass grundsätzliche Debatten überhaupt nicht geführt werden. Nur darüber zu sprechen, wie wir technisch das Bankensystem ein bisschen korrigieren, das reicht mir jedenfalls nicht aus. Da bin ich tatsächlich dann in gewisser Weise, was jedenfalls den öffentlichen Diskurs anbelangt, tatsächlich wieder ein Stück in der Situation wie Anfang 1989.

Barenberg: Haben wir den vormundschaftlichen Staat zumindest ein Stück weit jetzt hinter uns gelassen?

Henrich: Ich möchte nicht die Situation vor 89 mit der heutigen im Hinblick auf den Staat gleichsetzen, das auf gar keinen Fall. Ich freue mich nach wie vor über die Einheit, aber Vormundschaft ist nach wie vor ein Thema. Es ist auch wieder ein Thema, dass viele unter uns diese Vormundschaft durchaus begrüßen. Da machen wir uns mal nichts vor. Ich sehe im Moment keine Freiheitsneigung als Leidenschaft in diesem Land brennen in größerem Maße. Eher ist es wohl so, dass alle nach dem Vater Staat schauen und der soll es löten.

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