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Teil 4  -  Wohin?

 

13. Voraussetzungen und Möglichkeiten alternativen Handelns

 

 

Freiheit "von oben" oder Selbstbestimmung

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Erinnern wir uns an dieser Stelle nochmals an einige der im zweiten Teil dieses Buches vorgestellten Phänomene, in denen der "vormundschaftliche Staat" uns sein wahres Wesen offenbart hat: an den konkreten Funktions­mechanismus der politbüro­kratischen Macht, an das "Gefesseltsein an den Boden und die Maschinerie" als Wirksamkeits­bedingung der Staats­planwirtschaft und auch an die dominierende Rolle geheim­dienstlicher Tätigkeiten im gesamten Ordnungs­gefüge des Sozialismus.

Der aus einer solchen Zusammen­schau resultierende Zustand größerer Klarsicht zeigt, daß die Menschen im Staats­sozialismus nicht selten vor die unan­genehme Wahl gestellt sind, entweder im Partei- oder Staatsapparat Karriere zu machen, sich in irgendeine gesell­schaftliche Nische zu verkriechen oder zum erklärten "Staatsfeind" zu avancieren.

In solchen Erfahrungen kann die Wende zum wahren Leben beginnen. Denn gerade die Augenblicke, in denen das Blitzen des Erkennens das Gehäuse grell erleuchtet, das dem Ich bis dahin Sicherheit und Geborgenheit gewähren sollte, enthalten ja immer die Chance, daß der einzelne intuitiv dem Ruf "Folge der Wahrheit!" nachgeht.

Nicht selten aber, wird die eigene Lage und die der Gesellschaft einfach als aussichtslos erlebt. Aus dieser Ausweglosigkeit gibt es dann anscheinend nur noch eine Rettungsmöglichkeit, wenn sich ein aufgeklärter Despot findet, der dekretiv die "Vormund­schaft" beendet und damit "von oben" die Menschen zur Freiheit zwingt.

Diesen bürokratischen Ausweg aus der Gewaltherrschaft, der sich gegenwärtig in der sowjet­sozial­istischen Gesellschaft mit dem Namen des Reformers Gorbatschow verbindet, hatte schon Platon in seiner Staatslehre als praktikable Möglichkeit hervorgehoben. Gorbatschow dürfte vermutlich dessen Bild eines "wahren Gesetzgebers von Natur" ziemlich genau entsprechen. Und sobald der auch noch "Gewaltherrscher" ist, sagt Platon, sind die besten Bedingungen gegeben, damit durch ihn der "leichteste und schnellste" Übergang aus der politischen Despotie in freiere Verhältnisse herbeigeführt werden kann. Im Buch <Nomoi> heißt es dazu:

"Nicht der Anstrengungen und nicht einer besonders langen Zeit bedarf der Gewaltherrscher, will er die Sitten seines Staates umgestalten; zuerst muß er selbst den Weg, den er etwa eingeschlagen wissen will, einschlagen: wenn etwa zur Ausübung der Tugend, dann muß er die Staatsbürger antreiben, oder wenn zum Entgegengesetzten, dann muß er zuerst durch seine eigene Handlungsweise alles vorschreiben, indem er das eine lobt und ehrt, das andere dem Tadel unterwirft, und in jedem einzelnen Falle den Ungehorsam mit Schmach überhäuft."73 

(Blättert man in Gorbatschows Buch "Perestroika" oder hört man seine Reden, könnte man den Eindruck gewinnen, der Generalsekretär der sowjetischen Staatspartei habe sich von der Platonschen Staatslehre belehren lassen.)

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Bei Platon warnt in diesem Zusammenhang der "Athener", von niemandem sollen wir uns "überreden" lassen, "daß wohl auf anderem Wege leichter und schneller ein Staat seine Gesetze wechsle als unter der Leitung der Mächtigen, noch daß sich das jetzt anderswie begebe noch in Zukunft je begeben werde"74. In dieser voraufklärerischen Meinung liegt bis in die Gegenwart das grundlegende Vorurteil beschlossen, das den Kern jedes "vormundschaftlichen" Bewußtseins bildet. Jenes Kerns, der die Weigerung begründet, Freiheit als die Möglichkeit und Fähigkeit des Menschen zu begreifen, Veränderungen im gesellschaftlichen Leben von selbst anzufangen. Vor keiner anderen Lebenslage fürchtet sich das vormundschaftliche Bewußtsein gleichermaßen, wie vor diejenige Wahl gestellt zu sein, die wir seit den Tagen der Aufklärung als Selbstbestimmung bezeichnen.

Statt die gegebenen Möglichkeiten eines selbstverantwortlichen, kritischen Verhältnisses gegenüber dem Gemeinwesen und dem sozialistischen Staat hier und jetzt wahrzunehmen, begibt sich das vormundschaftliche Bewußtsein in diesen Tagen abermals massenhaft in die gewohnte Objekthaltung, indem es sich erwartungsvoll zum Gegenstand einer Befreiung "von oben" erklärt. Alle Zeichen der Zeit mahnen insofern an die Situation, wie wir sie schon einmal nach dem XX. Parteitag erlebt haben. Die allein in der Mündigkeit des Menschen wurzelnde Assoziation aber, "worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" (Kommunistisches Manifest), kann der sozialistische Staat in seiner gegenwärtigen Verfassung nur verhindern wollen. Daran wird der Reformer Gorbatschow nichts ändern können, denn auch er als Generalsekretär der Staatspartei muß die Staatsraison im Auge behalten.

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Die Staatsraison jedoch verträgt sich nicht so ohne weiteres mit der Bildung und Erziehung des Menschen zum "öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft", sondern sie verlangt zuerst einmal im guten wie im bösen die Einschleifung der Untertanenrolle. Denn die im sozialistischen Staat verdinglichte Macht zur Fremdbestimmung des Menschen will und kann nur wollen den Bürger als den anpassungsbereiten Produzenten-Untertan.

Zweifellos hat Gorbatschow mit seiner durch die Worte "Glasnost" und "Perestroika" gekennzeichneten Politik bei unzähligen Menschen, die im Staatssozialismus leben, tiefes Aufatmen bewirkt, das kann man gar nicht überhören oder etwa gar geringschätzen.

Deshalb brauchen wir aber nicht gleich in die Illusion zu verfallen, es sei nunmehr für den einzelnen Menschen gar nicht mehr nötig, "sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten" und den Staat bis in seine Grundfesten hinein umzugestalten.

Worauf wir allein unsere Hoffnungen setzen dürfen, ist, daß das "Publikum sich selbst aufkläre", damit endlich die nach Kant erforderliche "wahre Reform der Denkungsart zu Stande kommen kann", die allein uns zukünftig an jeder Form von Subalternität wird hindern können.

Man glaubt heute offenbar vielerorts, den Menschen etwas Gutes anzutun, wenn man sie in ihrer Utopie des "guten Herrschers" bestätigt, aber man ist unehrlich, wenn man in ihnen nicht das Verständnis dafür weckt, in welchem Maße der Niedergang der staatssozialistischen Gesellschaften gerade dieser ihrer "vormundschaftlichen" Erwartungshaltung geschuldet ist. Nicht darum kann es sich schließlich in dem gegenwärtigen Augenblick des historischen Geschehens handeln, die eine Form der Vormundschaft gegen die andere auszutauschen, sondern einzig darum, die nächste Wegstrecke im "Fortschreiten zum Besseren" zu gehen.

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   Zum subjektiven Faktor alternativen Handelns   

 

Soll der "vormundschaftliche Staat" zurückgenommen werden, so müssen Kräfte in der staatssozialist­ischen Gesellschaft tätig werden, die danach trachten. Wie die ersten Ergebnisse öffentlicher Diskussionen innerhalb der von Gorbatschow angeführten Nomenklatura im sozialistischen Lager zeigen, hat sich die herrschende Meinung im Zentrum des Staatssozialismus geändert. Es schwindet der Glaube, daß die Mängel der zentral geplanten sozialistischen Ökonomie nur als Ausdruck von Kinderkrankheiten einer sich selbständig zum Besseren wandelnden Staatsplanwirtschaft betrachtet werden können. Gleichzeitig breitet sich die Meinung aus, daß die allgemeine Unordnung in der Wirtschaft und darüber hinaus als eine Art Preis für die Bestandserhaltung des derzeitigen politökonomischen Systems angesehen werden muß. Denn für einen Teil der herrschenden Staatsbürokratie ist diese Unordnung von Vorteil.

Waren sich noch bis vor kurzem die Befürworter einer Erweiterung der Marktbeziehungen und die Verfechter der Selbstverwaltung einig in ihrem Angriff auf die starre Planwirtschaft, so beginnen sich heute, da die gesellschaftliche Entwicklung die praktische Frage einer Alternative auf die Tagesordnung gesetzt hat, weitergehende Differenzierungen abzuzeichnen.

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Grob gesprochen: Wie stets in derartigen historischen Situationen will der eine Teil der Nomenklatura der Wirtschaft mehr technokratisch gefärbte Rezepte verschreiben, währenddessen der andere Teil wieder mal auf die "Demokratisierung" setzt. Und so dreht sich dann der Interessenstreit, wie wir anläßlich der Diskussionen über den Gesetzentwurf für den staatlichen Betrieb und die Genossenschaften sehen konnten, immer wieder um die alte Frage, ob man ein bißchen "Mehr" an "Marktwirtschaft" zuläßt oder nicht. Sieht man einmal von der vereinzelt vertretenen Forderung nach der Schaffung eines "kleinen Reserve­arbeits­heeres" ab, so sind die vertretenen Auffassungen keinesfalls originell.

Aufs Ganze gesehen dürfte eine durch die Entwicklungsprozesse in der SU belehrte und bestärkte Reformbewegung im deutschen Staatssozialismus vermutlich zunächst annähernd dieselbe Entwicklung nehmen. Aber hier wie dort kann das Bedürfnis nach ökonomischen Umgestaltungen sehr bald weitertreibende Kräfte innerhalb und außerhalb der Bürokratie freisetzen, wenn sich erweist, daß wegen des Primats der Politik in der sozialistischen Gesellschaft wirtschaftliche Reformen nur zu haben sind nach einer entsprechenden "Rücknahme" des vormundschaftlichen Staates in die Gesellschaft. Kommt ein solcher Lernprozeß erst einmal in Gang, ist für den deutschen Staatssozialismus damit zu rechnen, daß sich sehr bald eine Entwicklung ergibt, die von ganz alleine auf eine Rücknahme des "vormundschaftlichen Staates" aus der Wirtschaft und dem Geistesleben hinarbeitet. Im Verlaufe eines solchen Prozesses dürfte es kaum ausbleiben, daß in einer deutschen Reformbewegung sehr bald rechtsstaatliche Traditionen erinnert würden — vielleicht der entscheidende Unterschied zur Umgestaltung in der SU.

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Jeder Reformbewegung im deutschen Staatssozialismus, die Änderungen in dieser Richtung bewirken will, wird die Unterstützung innerer und äußerer Kräfte schon deshalb zuteil werden, weil sie eine Beendigung der durch die "Geschlossenheit" der sozialistischen Gesellschaft hervorgerufenen Leiden verspricht.

Ob jedoch im Verlaufe eines solchen Prozesses eine wirkliche Neugliederung des sozialen Organismus entsteht oder ob im Ergebnis der gesellschaftlichen Umwälzungen lediglich eine dem Staatseigentum verpflichtete östliche Gesellschaftsversion zum Zuge kommt, die in gesteigertem Maße bestrebt ist, westlichen Vorbildern möglichst im Detail noch nachzueifern, hängt ganz entscheidend von der gesteigerten Sozialfähigkeit aller den Wandel tragenden Kräfte ab.

Die menschliche Sozialfähigkeit aber gründet sich nicht nur auf die Selbstbehauptung, auch nicht auf die Selbstbehauptung gegenüber den Anmaßungen der Politbürokratie, und sie gründet sich erst recht nicht auf den Veränderungs­willen eines um seine Weltanliegen kreisenden Ichs. Gerade das Welt-Ich vieler Menschen im deutschen Staatssozialismus will ja oft nicht mehr als nur schnittigere Autos, reizvollere Urlaubsziele, Vergnügungen aller Art - mit einem Wort: Konsumbefriedigung wie im Westen. Es sollte bloß nicht ganz so scharf zugehen wie dort.

Um die Verhältnisse aber gültig zu gestalten, muß der sozialistische Mensch vor allem der Tatsache gewahr werden, daß sein wahres Leiden letztendlich aus der Unerfülltheit seines menschlichen Wesens herrührt. Dieses Leiden, das Ganzsein und Heilsein verhindert, ist aber etwas anderes als das gewöhnliche Leiden des Welt-Ichs unter den politischen Verhältnissen.

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Erst wenn das Leiden aus der Tiefe Menschen zu Wesen formt, die sich bewußt im Widerspruch zwischen den Aufgaben und den Verführungen der Welt sowie ihrer inneren Stimme bewegen, kann eine gültige Umgestaltung der Gesellschaft gelingen. Wie aber vollzieht sich die Vermittlung derartiger Subjektäußerungen im praktisch-gegenständlichen Lebensprozeß der sozialistischen Gesellschaft?

 

   Liebe ist nötig   

 

Auch im bestehenden Staatssozialismus ist es niemals nur die Macht allein, die das Handeln der Menschen bestimmt. Mit Macht und Geld kann die Politbürokratie zwar das sozialistische System steuern, die Gesamtheit der zwischenmenschlichen Verhältnisse kann sie damit jedoch nicht erreichen. Wie sich die Zeiten insoweit gewandelt haben, verdeutlicht am besten die historische Sichtweise: Es liegen Welten zwischen dem partikularistischen Selbstverständnis unserer Bürokraten, wie es in der Betonung des Klassencharakters der sozialistischen Staatsmacht zum Ausdruck kommt, und dem alles und jeden vereinnahmenden Paternalismus der alten Despotien.

Nicht daß die sozialistische Bürokratie diesem Selbstverständnis abgeschworen hätte. Wo es nur geht, spielt sie weiterhin Vormund für die Menschen. Heute weiß sie aber, daß der von ihr erhobene Anspruch, noch die persönlichen Lebensverhältnisse der Menschen bestimmen zu wollen, bereits in weiten Kreisen als unnatürlich empfunden wird. Zunehmend mehr Gesellschaftsmitglieder gestalten gerade aus diesem Empfinden heraus ihr persönliches Leben bewußt als Gegensatz zur System-Welt.

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Auf diese Weise wird der in der System-Welt erlittene "Schmerz über den Abstand zwischen dem Bedürfnis, wirklich zu leben (Wirklichkeit zu erleben), und der durchdringenden Erfahrung von Entsinnlichung, Entwirklichung" praktisch. Was entsteht, ist eine Wirklichkeit im Untergrund, die ihre eigene Geschichte schreibt und die zugleich planmäßiger Widerstand gegen Macht und Marktstrukturen ist.

Woher bezieht dieser Widerstand seine Energie? Allein aus dem Gegensatz zur System-Welt kann die Kraft nicht herkommen, welche die Menschen antreibt. Tatsächlich ist die Antwort einfach: Wo Liebe die Grundrichtung des Handelns bestimmt, entstehen in der Praxis Lebensformen, die gegen Macht und Geld immun sind. Weil Liebe aber in jeder Gesellschaft das bessere Sein darstellen will, ist diese von vornherein mehr als ein harmloses Privatvergnügen. Liebe zielt auf den "inneren Menschen"! Der Weg der Liebe, die im persönlichen Bereich beginnen mag, führt zu einem Verhalten des Menschen, das die Gleichgültigkeit gegen andere als die entscheidende Grundlage jeder Herrschaft überwindet.

Erst in der vollendeten Liebe werden alle die Schranken niedergerissen, die der Mensch um der Macht willen in sich errichtet hat, sei es in Form seines Charakterpanzers, der Vorurteile, Sprachstörungen usw. Liebe allein kann am Ende das Macht- und Besitz-Ich der Politökonomie niederbrennen. Denn ein solches begegnet dem Lebendigen in allen Liebesverhältnissen. Diese sind ja von sich aus nicht frei von jeder Gewalt und Unterdrückung. Sie müssen die Gewalt erst tilgen, die immer wieder in sie eindringt.

In den "Liebesverhältnissen" finden wir das praktische Modell, anhand dessen Gleichgültigkeit und Herrschaft kritisiert werden können. Die Liebe ist neben dem verständigungsorientierten Diskurs die einzige organisatorische Lebensform, der eine revolutionäre Sprengkraft einwohnt. Liebe allein kann die Überzeugung festigen, daß der Mensch mit dem Menschen — auch ohne Gewalt leben kann.

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Nicht aus der unbegrenzt erweiterten Akkumulation des objektivierenden Denkens und des technisch-organisatorischen Wissens können wir menschlichere Handlungsorientierungen erwarten. Diese sind nur als ein Ausdruck der moralisch-praktischen Reife zu verstehen, die der einzelne im Umgang mit seinem Mitmenschen erwirbt. Hier, in den Liebesverhältnissen, begegnen wir Menschen einander als Vertreter wirklichen Lebens, für die das Sein selber das Worumwillen aller Tätigkeit darstellt. Nur aus der empirischen Tatsache der Existenz von Liebesverhältnissen heraus läßt sich die Hoffnung begründen, die Menschheit wäre heute reif genug, vor allem anderen zunächst reifere Formen des sozialen Zusammenhalts zu entwickeln, um erst auf dieser Grundlage vernünftig über die Anwendung der neuen Produktivkräfte zu entscheiden (und nicht umgekehrt!). Genau das ist des Pudels profaner Kern, den die unvermeidlich mit der Losung "Liebe ist möglich" einherkommende Metaphorik oftmals mehr verdeckt als freilegt.

Jede reifere Form der Sozialintegration setzt aber die weitere Entwicklung der Familie voraus. Wenn überhaupt, dann kann nur von hier her der Wandel des Gesellschaftscharakters seine ersten Impulse erhalten. Während der Mensch in der System-Welt des Sozialismus auf schmerzhafte Weise darin eingeübt wird, mit sich selbst, seinem Mitmenschen und der Natur distanziert umzugehen, damit er diese skrupellos auszubeuten lernt, erinnert ihn die Lebensweise in der Familie, in freundschaftlichen Beziehungen, Liebesverhältnissen und nachbarschaftlichen Begegnungen immer wieder daran, was ihm persönliche Nähe bedeutet, wie menschliche Beziehungen auch sein können.

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In unseren Tagen bewährt sich die Familie immer weniger als das Übungsfeld, wo dem Individuum und zukünftigen Staatsbürger das Prinzip "Bück dich!" eingebleut werden kann, jenes Grundgefühl von Ordnung, das nach Hegel den Staat in seinem Innersten zusammenhält. Seitdem das Bild der modernen Familie immer mehr durch die sich ausbreitenden partnerschaftlichen Beziehungs­muster und immer weniger durch zwanghafte Erziehungspraktiken bestimmt wird, sucht und findet das Individuum hier Zuflucht vor der Scheinhaftigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen in den formal organisierten Handlungsbereichen des Systems der Politökonomie. Darin zeigt sich, daß die Familie auch noch im Staatssozialismus in einem sittlichen Gegensatz zum "Gesetz des Staates" steht. Auch noch im Staatssozialismus gilt das Wort, wonach in der Familie das "Gesetz des Weibes" vorherrscht, welches das "Gesetz der empfindenden subjektiven Substantialität, der Innerlichkeit" ist.

Wenn wir darüber hinaus die rapide fortschreitende Deinstitutionalisierung der Ehe und die Aufhebung der antiquierten "Männlichkeit" im Staatssozialismus in Rechnung stellen, dann schließt der Wandel in den sittlichen Verhältnissen Momente in sich ein, deren politische Bedeutung gar nicht hoch genug eingestuft werden kann. Denken wir nur an die Erhöhung der Reflexivität in der Zweierbeziehung oder an die massenhafte Bewußtwerdung der Gefühlswelt, die wir gegenwärtig erleben. Weit weniger als in Vorläuferformationen reguliert die klassische Institution Ehe im Staatssozialismus das Verhalten ihrer Glieder zugunsten der herrschenden Macht.

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In dem Maße aber, wie die Konturen der "musterhaften Eheführung" dem Menschen nicht mehr vor Augen stehen, sieht sich dieser auf die Reflexivität in der Zweisamkeit verwiesen, um hier in einem mühevollen Dialog immer wieder neu die familiäre Identität zu bestimmen.

Unter diesen Bedingungen artet der Wechsel aus der familiären Lebenswelt in die bürokratisch organisierte Arbeitswelt immer mehr zu einer Machtprobe zwischen dem einzelnen und dem System aus. Je weiter sich das System gegenüber der persönlichen Lebenswelt verselbständigt, um so schwieriger wird es, den an die eigensinnigen dialogischen Strukturen der Familie gewöhnten Menschen den Imperativen des Systems zu unterwerfen. Sobald junge Menschen am ökonomischen und politischen Verkehr teilnehmen, stellt sich deshalb die Frage, ob ihre zu diesem Zeitpunkt verinnerlichten Handlungsmuster ein problemloses Umschalten zugunsten der vom System erwarteten bürokratischen Rationalität gewährleisten. Damit ist ein Widerspruch angezeigt, dem ausnahmslos alle Angehörigen der nachwachsenden Generation ausgesetzt sind. In der (gemessen am niedrigen Niveau der allgemeinen Kriminalitätsbelastung) unverhältnismäßig hohen Jugendkriminalität entfaltet sich der Widerspruch augenscheinlich nach seiner anarchischen Seite. Aber derselbe Widerspruch kann ebensogut das demokratische Handeln der Jugendlichen aktivieren. Nämlich dann, wenn er dem einzelnen als Bedürfnis bewußt wird, an der Gestaltung des eigenen Daseins auch außerhalb der familiären Lebenswelt mitzuwirken, und diesem legitimen Bedürfnis mit strafrechtlichen Mitteln eine Abfuhr erteilt wird.

Mit Hilfe des staatlichen Jugendverbandes und einer besonderen "Jugendpolitik" will die Politbürokratie das unter der Jugend vorhandene Widerstandspotential entschärfen.

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Wirtschaftliche Schwerpunktvorhaben werden zu Jugendobjekten erklärt, an deren Bewältigung sich junge Menschen heroisch bewähren sollen. Stumpfsinnigste Plackerei wird zum Abenteuer umgedeutet. Nachgeholfen wird mit materiellen Anreizen, Orden und allerlei Ehrungen, um die einmal geköderten Jugendlichen wenigstens zeitweilig bei Laune zu halten. Die "neuen Leiden des jungen W.", die der Schriftsteller Ulrich Plenzdorf protokolliert hat, sind aber so nicht zu heilen, wie das tragische Ende des Edgar Wibeau exemplarisch zeigt. Wenigstens dieser eine widersteht dem System mit aller Konsequenz und vertritt seinen Anspruch auf einen mitbestimmten Lebensentwurf, der über die engen Grenzen seiner Privatwelt hinausweist.

Ob und wie sich die Architektur des Systems der Politökonomie ändern wird, wenn die Familie und die Ehe als tragende Pfeiler von Recht und Ordnung in ihrer überlieferten Form immer mehr ins Wanken geraten, bleibt abzuwarten. Daß aber jeder Wandel in den sittlichen Verhältnissen politische Folgen zeitigen wird, steht fest.

 

   Tapferkeit oder Zivilcourage?   

 

Aus Angst scheuen die meisten Menschen im Staatssozialismus davor zurück, öffentlich in der Wahrheit zu leben. Wo es moralisches Handeln gibt, da beschränkt sich dasselbe oftmals auf private Tugendhaftigkeit, Hilfsbereitschaft gegenüber Nachbarn, die gewissenhafte Erfüllung anerkannter Normen in Familie und Beruf. Indem wir stillschweigend in unserem Handeln auf Öffentlichkeit verzichten, halten wir uns an die von der geheimpolizeilichen Macht abgesteckten Grenzen.

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Gegenüber dem Unrecht um uns herum bleiben wir taub und stumm. Durch Unterlassen werden wir mitschuldig an dem, was in unserer Umgebung politisch vor sich geht. Lieben wir ihn wirklich - unseren Nächsten? Schlüpfen wir nicht begierig, um unser Gewissen zu besänftigen, in die respektablen Rollen, welche die Gesellschaft für uns bereithält? Als "ehrlicher Arbeiter", "guter Vater", "gewissenhafte Buchhalterin", "sich aufopfernde Krankenschwester" und wie die zahlreichen Verkleidungen unseres wahren Ich alle heißen mögen, hinter denen wir unsere private Tugendhaftigkeit wahren wollen, schreiten wir emsig auf dem uns angewiesenen Pfad der Pflichterfüllung dahin. Der diesem sozialen Verhalten innewohnende Sinn, das ist der Sinn des Nichts-wissen-Wollenden. In der Begrenzung auf das Pflichtgemäße kommt Widerspruch erst gar nicht hoch. Es unterbleibt jeder Versuch einer freien, aus der Verantwortung heraus getanen Tat, die allein das Böse überwinden kann.

Dürfen wir aber, solange die geheimpolizeiliche Macht im Staatssozialismus allgewaltig ist, den bedingungslosen und öffentlichen Gebrauch der individuellen Vernunft unter allen Umständen fordern? Wohl kaum. Wir können einfach nicht erwarten, daß ausgerechnet in einer Welt geheimpolizeilicher Tätigkeiten Menschen nur noch aus reiner Moralität heraus handeln. Zwar wird die Macht weiterhin mit der intellektuellen Redlichkeit einzelner rechnen müssen, die aufs Ganze gehen. Nicht weniger bedarf es aber der Ermutigung, im täglichen Leben die eigenen Überzeugungen gegen die Anmaßungen der Macht von Fall zu Fall öffentlich zu vertreten. Mit anderen Worten: was wir bitter nötig haben, sind Menschen mit Zivilcourage!

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Die Tugend der Zivilcourage hat erst in der jüngsten Vergangenheit ihren festen Platz in den Normenkatalogen der universalistischen Ethik gefunden. Zivilcourage meint nicht die individuelle oder kollektive Rebellion gegen empörende Mißstände und Unterdrückung. Zivilcourage zeigt, wer damit anfängt, "sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten". Für den, der die Macht hat, ist die Tugend der Zivilcourage dagegen entbehrlich. Der Machthaber bedarf ihrer nicht, will er seine "Wahrheiten" verkünden. Zudem sind couragierte Untertanen nicht mehr so ohne weiteres kuschbereit, sie "mucken auf", wie es im Jargon der Mächtigen heißt.

In Deutschland hat die Tugend der Zivilcourage noch immer Seltenheitswert. Schon der alte Bismarck soll zu seinem Mitarbeiter von Keudell gesagt haben: "Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, daß es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt." Bis heute ist es dabei im wesentlichen geblieben. Während die Tugend der Tapferkeit staatlicherseits ebenso wie in der Familie gefeiert wird, gerade so, als müßten wir uns alsbald wieder mal auf den Schlachtfeldern dieser Erde bewähren, ist der Kurswert der Zivilcourage niedrig. Wir lernen zwar, wie man Schmerzgefühle abwehrt und unter allen Umständen die eigene Angst verleugnet — wie man "ein tapferer Junge ist", haben aber in vergleichsweise harmlosen Lebenslagen nicht den Mut zur eigenen Meinung. Unsere Geschichtsbücher sind Sammlungen von Heldenbiographien. Tritt da aber einer aus seiner Unmündigkeit heraus und der Macht mitsamt ihren Einschüchterungen couragiert entgegen, ist das unseren Geschichtsschreibern selten der Rede wert.

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Wie oft kommt es aber geschichtlich gerade auf das Handeln derer an, denen ihre Unmündigkeit beinahe zur zweiten Natur geworden ist. Es macht zudem einen Unterschied, ob der Mensch subjektiv aus der Rangtiefe heraus handelt oder ob da einer Widerstand leistet, der unter etwas anders gearteten politischen Umständen selber zum Kreis der Mächtigen zählen würde.

Gerade in der Zivilcourage zeigt sich ein moralisches Moment der Freiheit, das zutiefst menschlich ist. In Zeiten des Umbruchs etwa (die uns meist zum Vorbild für moralisches Handeln dienen), wenn die überlebten Ordnungen zusammenbrechen, entsteht meist im Gefolge der voranstürmenden sozialen Aktivisten ein Sog, in dem die vielen nur mitgerissen werden. Was mit ihnen geschieht, kann man schwerlich als tugendhaftes Handeln ansehen. Die Zeit der Zivilcourage liegt dazwischen. Zivilcourage ist in den geschichtlichen Abschnitten gefragt, in denen "Ordnung und Sicherheit" nicht in Gefahr sind. Dann hängt Entscheidendes für das menschliche Zusammenleben davon ab, ob Zivilcourage als Tugend gelebt wird.

Es leuchtet ein, wir alle brauchen Tugenden, nach denen wir unser Handeln richten. Ohne universalistische Normen und Werte sind wir hilflos den Zumutungen der Politbürokratie ausgeliefert, die sich durchaus nicht immer nur auf selbstsüchtige Interessen stützt. Es ist ja kein Zufall, wenn in der staatssozialistischen Gesellschaft allein heroische Tugenden wie "Heldentum", "Opferbereitschaft" usw. gepriesen werden und in Lehrbüchern der Ethik nicht einmal das Wort "Zivilcourage" geschrieben steht.75 Durch diese Überhebung trefflichen Handelns ins schier Unerreichbare bleibt der gewöhnliche Alltag meist ungestört durch moralische Vorbehalte.

Natürlich kann auch im Staatssozialismus das notwendige "Zusammenfallen des Änderns" sowohl der bestehenden Verhältnisse als auch des menschlichen Handelns in der hier angedeuteten Richtung "nur als umwälzende Praxis gefaßt und rationell verstanden werden". So richtig aber diese Einsicht ist, sie darf nicht länger als Entschuldigung dafür dienen, daß wir nicht mit der erforderlichen Selbst-Veränderung beginnen.

Gerade die Geschichte der neuzeitlichen Arbeiterbewegung liefert Beispiele genug, wie sich zunächst fortschrittliche Bewegungen in ihr genaues Gegenteil verkehrt haben, weil ihre Mitglieder nicht die psychischen Wurzeln der Vormundschaft bei sich selbst beseitigt haben. Moralisches Handeln ist ein Sprung vorwärts in der Bewußtheit der Menschen. Was immer wir an Charakterfehlern oder Schwächen besitzen — wir können uns ändern, umkehren. Darum geht es.

Wer auf eine menschlichere Form des Staatssozialismus hinwirken will, der darf die eigene Tugendhaftigkeit nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertagen. Die Änderung der Verhältnisse allein — hier etwas weniger Zentralismus, da ein bißchen mehr Mitbestimmung — führt nicht weiter. 

Unser Unvermögen, konstruktiv und offen zu handeln, ist gewiß verschiedensten Umständen geschuldet. Aber diese Umstände wären nicht die, die sie eben sind, wenn nicht überall auch ein innerer angstbedingter Konformismus mit am Werke wäre, der uns ständig zuruft: nur nicht auffallen, es läßt sich sowieso nichts machen, sieh dich vor ... Die Tugend, die diesen Konformismus überwindet, ist die Zivilcourage.

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Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real-existierenden Sozialismus.