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2. Das Beispiel Russland 

 

Russische Sphinx, traurig, vor Freude toll, 
Ihr schwarzes Blut verströmt sie, sich verschenkend, 
Und sieht euch an, teils haß-, teils liebevoll, 
Mit Blicken, die sich stumm in euch versenken. 

(Alexander Block)   wikipedia  Alexander A. Blok  1880-1921

Einzig das machtvoll entwickelte Denken des Westens ... ist imstande, die Samenkeime zu befruchten, die in der patriarchalischen, slawischen Lebensform schlummern ... Despotismus oder Sozialismus — es gibt keine andere Wahl. 

(Alexander Herzen)  detopia

In unseren aufrichtigen engen Freundschaftsbeziehungen zum Westen nehmen wir nicht wahr, daß wir es gleichsam mit einem Menschen zu tun haben, der eine bösartige Infektionskrankheit in sich trägt und in dessen Dunstkreis zu atmen lebensgefährlich ist.... Wir wittern vor lauter Lust am Gelage nicht den Leichengeruch, nach dem es schon stinkt.

(Stepan Schewyrjow)   (1806-1864)    [ Foto - Biografiebuch ]

  

  Das Zarenreich — eine 'halbasiatische' Despotie  

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Das allgemeine Interesse am Schicksal anderer Menschen ist heute gewaltig gestiegen. In einem merkwürdigen Kontrast dazu stehen die Kenntnisse der Geschichte Rußlands und Chinas. Zwar hat es in der Vergangenheit durchaus literarische Unternehmungen gegeben, die darauf abzielten, neu aus den Quellen der russischen Geschichte zu schöpfen; so haben sich Rudi Dutschke und Rudolf Bahro bemüht, die historische Wahrheit hinter dem ideologischen Schleier vorzuziehen.

Alle diese Bemühungen haben jedoch kaum Spuren im Geschichts­bewußtsein der Öffentlichkeit hinterlassen. Bis heute leben wir im Schatten eines Weltbilds, für welches die russische Geschichte erst 1917 beginnt und das aus diesem Grunde ein tieferes Verständnis der Strukturen unseres eigenen Staatswesens nicht zuläßt.

Bis in die Gegenwart zeigt sich in der Doppelgestalt Rußlands zwischen Europa und Asien, daß hier der Raum ist, wo sich die beiden in Rede stehenden formativen Entwicklungspfade treffen und zusammenlaufen. Hier herrscht Empfindlichkeit für die süßen Klänge des Panmongolismus. Hier ist der Mensch Westler und Slawophiler in einem, oder, wie Alexander Block sagt: Hier leben die Skythen!

In der Terminologie des Marxismus wird dieser Tatbestand in der Bezeichnung der alten russischen ökonomischen Gesellschafsformation als «halb asiatisch» deutlich. Eine Bestimmung, in der Überlagerungen ebenso wie ökonomische und politische Mischformen, kurz: «historische Unschärfen» angezeigt sind.

Halbasiatisch: In diesem Begriff drückt sich die Doppeldeutigkeit aus, die uns immer wieder in der russischen Geschichte begegnet. Von vornherein verweist er die zaristisch-tributäre Produktionsweise und Despotie an den Rand der asiatischen Formation. Ohne das massenhafte «Zusammentreiben des Volks» — wie in den Brennpunkten der altorientalischen Kulturen — war sie nicht auf staatlich erzwungener, gewaltiger Gemeinschaftsarbeit gegründet.

Anders als etwa in China, wo die gesellschaftliche Entwicklung auf einer vergleichbaren politischen Grundlage schon in der Song-Zeit (960-1279) einen Stand erreichte, der dem europäischen Entwicklungsniveau mindestens ebenbürtig war, blieb die russische Gesellschaft seit den Zeiten der Kiewer Rus, des altrussischen Staates, der sich gegen Ende des ersten Jahrtausends formierte, immer wieder in Kümmerformen stecken — gewalttätig durchaus, wirklich gewaltig aber allein in ihren räumlichen Maßen.

In dieser Rückständigkeit lagen begünstigende Bedingungen dafür, daß der formative Wandel, der sich auf der Basis der asiatischen Produktionsweise in Rußland vollzog, unter europäischem Einfluß seinen Anfang nahm. Gleichwohl war das despotisch regierte Bauernrußland am Vorabend der Oktoberereignisse alles andere als der «Knotenpunkt aller Widersprüche der kapitalistischen Welt». Es war eine in den letzten Zuckungen liegende gesellschaftliche Ordnung eigener Formationen, deren zusammenhängende Einheit sich nicht über den inneren Markt herstellte wie in Europa. 

Statt dessen bedurfte es eines «zentralen Despotismus» der politischen Macht, um das gesellschaftliche Ganze überhaupt zusammenzuhalten. Und das auf einem Territorium, dessen große Weite schon für Katharina II. ihre Despotie hinreichend legitimierte: «Ein weiträumiges Reich», so instruierte Katharina ihre berühmte gesetzgebende Versammlung, «setzt eine unumschränkte Gewalt in derjenigen Person voraus, die ein solches regiert. Die Geschwindigkeit in der Entscheidung der Sachen, die aus fernen Orten einlaufen, muß die Langsamkeit ersetzen, die aus dieser weiten Entfernung entsteht.»

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Das Wissen um den einmaligen Stellenwert der zaristischen Despotie für den Zusammenhalt der russischen Gesellschaft rechnet seit Jahrhunderten zum Fundus der Selbstver­ständlich­keiten östlichen Denkens.

Aus diesem Wissen speist sich die überlieferte Skepsis gegenüber demokratischen Staatsformen auf dem Terrain der tributären Produktionsweise. 

«Für mich hat es niemals etwas Ungereimteres gegeben als die Idee von einer republikanischen Regierung in Rußland», diktierte einst Fjodor M. Dostojewski im politischen Prozeß gegen die Petraschewzen der Ermittlungs­behörde in das Vernehmungs­protokoll. Und geschichts­bewußt begründete er sein Apodiktum mit dem Hinweis:

«Unser Staat hat sich nicht nach westlichem Muster gebildet! Wir haben die Beispiele aus der Geschichte vor Augen: erstens Rußlands Niederlage gegen die Tataren durch Schwächung der Autorität und durch ihre Aufspaltung, zweitens das Fiasko der Nowgoroder Republik, einer Republik, die einige Jahrhunderte lang auf slawischem Boden ausprobiert worden ist, und schließlich drittens die zweimalige Rettung Rußlands einzig und allein durch eine Stärkung der Autorität, durch eine Stärkung der Selbstherrschaft: das erste Mal vor den Tataren, das zweite Mal durch die Reform Peters des Großen, als nur der kindlich zuversichtliche Glaube an seinen großen Ernährer Rußland die Möglichkeit gab, eine solche jähe Wende zum neuen Leben auszuhalten. Wer denkt schon bei uns an eine Republik? Wenn auch Reformen bevorstehen, so ist es doch selbst für jene, die diese Reformen herbeiwünschen, klar wie der helle Tag, daß diese Reformen auf jeden Fall von der Autorität ausgehen müssen.»8  

Vergleichbare Würdigungen der «Progressivität der Selbstherrschaft» füllen viele Seiten in der russischen Literatur.

detopia: Lew Tichomirow 1905: Über den monarchistischen Staat   39


Stets erscheint dabei das Siechtum der despotischen Autorität als der eigentliche Krebsschaden, unter dem die vorsozialistische Gesellschaft in Rußland leidet. Es bedurfte eines Mannes wie Lenin, um den belletristischen Schwarmgeist des alten Rußland auf den harten Begriff der Sowjetmacht zu bringen. Mochten sich Lenins Programm und Sprachgebrauch auch noch so sehr westlich an Denkern wie Marx und Engels orientieren; den überkommenen machtpolitischen Verhältnissen konnten er und seine Bolschewiki nicht entgehen. 

Lenin mußte schließlich dem Landhunger der Bauern entsprechen, aber zugleich einen Staatsapparat in Betrieb nehmen, der Bauernrußland in die industrielle Revolution peitschen konnte. Der von ihm geschaffene despotische Staat mußte von vornherein historischer Zeitraffer sein, um diejenige gewaltige Umformung der russischen Agrargesellschaft fristgemäß zu bewerkstelligen, die in Westeuropa durch den sachlichen Zwang der Kapitalverhältnisse längst herbeigeführt worden war.

Allein diese wenigen Überlegungen geben genügend Anlaß, wenigstens in zusammenfassender Form die gesell­schaftlichen Merkmale zu beschreiben, die sich seit der tatarisch-mongolischen Invasion und dem darauf folgenden dramatischen Aufstieg Moskaus (Ende des 15. und 16. Jahrhunderts) zur Metropole der von Ivan III., Vasilj III. und Ivan Groznyj begründeten zaristischen Despotie herausgebildet haben und die in die ursprüngliche Akkumulation des Sowjetstaates eingegangen sind.

Denn ohne eine entsprechende Kenntnis der Vor-Geschichte des «Großen Oktober» bleibt die politische Praxis der Bolschewiki weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln.

 wikipedia  Iwan_IV. (1530-1584)     40/41


Während in Europa mit der Begründung der Nationalstaaten Rahmenbedingungen für die im Schoße der Feudalordnung vorgeformten bürgerlichen Verkehrs­verhältnisse geschaffen wurden, nahm die Staats- und Gesellschaftsgeschichte im zaristischen Rußland ihren eigenen Lauf. Ihre Basis bestimmten von Anbeginn an nicht Allod und Feudum, sondern die in Dorfgemeinschaften zusammengeschlossenen, gemeinsam besitzenden «schwarzen» Bauern, die dem Zaren zins- und dienstpflichtig waren und ihr Ackerland, ihre Weiden, Gewässer und Wälder nur gemeinsam nutzen konnten.

Nicht private Großgrundbesitzer wie in Europa, sondern die Opricniki — in einen staatlicherseits beschränkten Erbbesitz, das pomest'e, eingesetzte und zu Administration und Rechtsprechung auf Zeit verpflichtete Halb-Bürokraten — organisierten hier auf eigene Rechnung und im Interesse der zaristischen Despotie unterschiedlichste Formen der ökonomischen Abhängigkeit. Sie traten an die Stelle der ehemaligen Teilfürsten und Bojaren, einer halbfeudalen, in ihrer Selbständigkeit in etwa dem europäischen Feudaladel vergleichbaren Kaste, die im Verlauf der terroristischen «Opricninapolitik» Ivan Groznyjs vertrieben oder liquidiert wurden.

Auf diese Weise wurden mit der Schaffung des russischen Einheitsstaates zugleich die unterschiedlichsten Verkehrs­verhältnisse zu einer speziellen Variante der asiatischen Produktionsweise bereinigt. Mit der Aus- und Gleichschaltung der das reibungslose Funktionieren der tributären Produktion störenden halbfeudalen Elemente betrieb Ivan Groznyj von einem obersten Zentrum aus die Vollendung und systematische Ausarbeitung eines seiner Despotie angemessenen Systems der Produktion.

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Bis heute kolportiert die Geschichtsschreibung ohne jedes Verständnis des besonderen Ergänzungs­verhältnisses zwischen russischer Produktions­weise und zaristischer Despotie jenes abfällige Urteil von Ivans deutschem Ratgeber Joh. v. Taube, der in der «Bande der Opricniki» lediglich «ein der blödsinnigen Phantasie des grausamen Zaren entsprungenes System der Beherrschung und Ausbeutung seines eigenen verteidigungs­losen Volkes durch eine skrupellose Janitscharentruppe» sehen wollte.

Natürlich war die Opricnina, wie übrigens schon Plechanow anmerkte, eine «Organisation essentiellement asiatique». Und sie war beileibe nicht nur die Verwirklichung eines Staatsideals, sondern in erster Linie eines ökonomischen Ideals. Hierin liegt das eigentliche Motiv für die Musterung und Vertreibung der übriggebliebenen Bojaren.

Enteignung und Umsiedlung der Bojaren, die Verstaatlichung ihres Grundbesitzes und dessen Neuverteilung an die bürokratische Kaste der Opricniki, die physische Vernichtung angestammter Autoritäten, wochenlange Massaker in Nowgorod (1570), dem Zentrum der halbfeudalen Opposition, die Beseitigung aller Zollschranken, die Einrichtung einer zentralen Prikasverwaltung und immer wieder das Privateigentum an Grund und Boden verdrängende Verfügungen — das sind im Stenogramm die Maßnahmen, die Iwan den Furchterregenden als effektiven, ökonomischen Despoten ausweisen, der sich der wirtschaftlichen Mission seiner Herrschaft wie kein zweiter in seiner Zeit bewußt war (und dessen Politik sich eingestandenermaßen noch für den «aufgeklärten» Peter als das Modell russischer Regierungskunst darstellte). 

Nicht zu Unrecht zog Ivan selbst nur einen Vergleich seiner Herrschaft mit der des türkischen Sultans in Betracht, währenddessen er die englische Königin verspottete, da diese in ihrem Amt dem Stande der Krämer und dem Parlament Gehör schenken mußte.

Anschaulicher kann man den grundsätzlichen Unterschied der beiden Staatstypen, denen diese Herrscher in ihrem Amt vorstanden, kaum verdeutlichen.

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Unbeschadet seiner vielen despotischen Züge verkörperte aber das «groza»-Regime des Ivan IV. durchaus die Gerechtigkeits­vorstellungen seiner Untertanen. Deren «pravda»-Forderungen richteten sich in Übereinstimmung mit den Erfordernissen einer tributären Gesellschaft vor allem gegen den Sonderstatus der verbliebenen Bojaren und Teilfürsten — eines immer wieder rebellierenden Elements in der sich konstituierenden staatsbedingten Gesellschaftsform.

Anders als im Westen, wo sich mit der Ausbreitung der Warenproduktion die formale Gleichheit vor dem Gesetz und zivile Rechte ausbildeten, bestand die Gleichheit der orientalischen Despotie von Anfang an in der gleichermaßen uneingeschränkten Abhängigkeit aller sozialen Kräfte vom Despoten (Nahe dem Zaren, nahe dem Tod — lautete ein altes Sprichwort). 

Die originellste Idealisierung dieser Gerechtigkeits­auffassungen entstammt der Feder des russischen Diplomaten Fedor Kuricyns, der in seiner Erzählung vom walachischen Woiwoden Drakula dem grausamen, aber gerechten Despoten, der kompromißlos das auf Bosheit und Egoismus beruhende Regiment der vielen kleinen Möchtegern-Zaren bekämpft, ein in der Weltliteratur unvergleichliches Denkmal gesetzt hat.

Geduldiges Warten auf den Erlöser-Zaren, das ist die Haltung, die seit den Zeiten Ivans des Furchterregenden die subjektive Verfassung der bäuerlichen Massen bestimmte. Es war dies eine Erwartungshaltung, der durch den periodischen Kaderwechsel im bürokratischen Apparat ebenso entsprochen wurde wie durch das Auftreten der vielen «falschen» Zaren, die in den Bauernrevolten kurzzeitig zu politischem Einfluß gelangten.

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Selbst ein Bauernführer wie Pugatschow mußte noch in die Rolle des «guten» Zaren schlüpfen. 

 DNB Fedor Kuricyn - 118991612   -    wikipedia  Vlad_III._Draculea (1431-1476)    wikipedia  Jemeljan_Iwanowitsch_Pugatschow  1742-1755

Am besten aber verstand es die zaristische Bürokratie, den naiven Volksglauben an den Zaren bis zur Neige auszubeuten. Wie ungebrochen sich dieser Glaube an den Erlöser-Despoten bis in unser Jahrhundert erhalten hat, zeigte sich noch am sogenannten «Blutsonntag», dem Tag, an dem nach der offiziellen Geschichts­schreibung die erste russische Revolution entbrannte. An diesem Tage zogen Arbeiter und Bauern in friedlicher Prozession unter Führung eines Popen — Kirchenlieder singend — vor das Winterpalais, um mit einer Bittschrift ihre Wünsche vorzutragen.

wikipedia  Petersburger_Blutsonntag 1905

Im Bewußtsein seines Volkes war der Zar noch 1905 der «schlafende Recke», der eines Tages all die braven Leute im Land Osten von ihrer Qual und Pein befreien würde. Dieses Bewußtsein, an das der Stalinismus wenig später anschließen konnte, war unberührt geblieben vom «Golfstrom der Renaissance», den «aufrüttelnden Stürmen der Reformation» und dem «Gluthauch der Philosophie des 18. Jahrhunderts», wie Rosa Luxemburg 1918 im Gefängnis in Breslau notierte.

(In märchenhafter Form hat Saltykow-Schtschedrin diesen Sachverhalt gestaltet. Kurz und gut, sagt er, tausend Jahre lang hatte jenes Land alle Schmerzen erlitten, die man sich vorstellen kann, der Recke aber nicht ein einzigesmal aufgehorcht oder aufgemerkt, um zu erfahren, warum das Land ringsum ächzte und stöhnte. Was mochte das für ein Recke sein? Aber jenes leidgeprüfte, geduldige Volk war von starkem Glauben beseelt und hielt unter Weinen und Seufzen unerschütterlich an ihm fest. Es glaubte, einmal würde der Quell der Seufzer und Tränen versiegen, einmal würde der Recke seine Zeit gekommen erachten und seinem Volke Rettung bringen. - Aber die Zeit läßt auf sich warten, und Schtschedrins Recken-Märchen mündet in eine zeitlose Vision. Denn als der Recke in der Stunde größter Not die Hilferufe des Volkes nicht hört, tritt Iwanuschka der Dummling an den Eichenbaum heran, in dessen Höhle der Recke schlummert, und schlägt beherzt zu. Und was sieht er da? Ottern und Schlangen haben des Recken Rumpf bis zum Halse hinauf zerfressen!)

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Bevor Iwanuschka erstmalig zuschlagen sollte, lebte nach Ivan, der in die Geschichte mit dem Beinamen «Grosnyj», der Furchtgebietende, eingegangen ist, die zaristische Despotie noch einmal in zwei hervorragenden Vertretern auf, bevor sie endgültig in ihr Verfallsstadium eintrat: in Peter und Katharina.

In den Petrinischen Reformen erfuhr der bürokratische Überbau seinen letzten Schliff mit der Einführung einer vierzehnstufigen Rangtabelle, mit welcher die letzten angestammten Standesunterschiede beiseite geschoben wurden. Peter selber berief während seiner Regierungszeit (1682-1725) aus dem «gemeinsten Stand» Mitarbeiter in seinen Senat. Der ehemalige Schweinehirt Jagushinskij wurde Generalstaatsanwalt, ein Krämer jüdischer Herkunft namens Schafirow leitete die auswärtigen Angelegen­heiten, und von dem engsten Mitarbeiter des Zaren, von Alexander Danilowitsch Menschikow, wird berichtet, er habe in seiner Jugend als Sohn eines Stallknechts auf dem Markt Piroggen verkauft.

Erbarmungslos wird von dieser hochbegabten, aller sozialen Bindungen ledigen Regierungsmannschaft das «Fenster nach Europa» aufgerissen und Bauern­rußland einem zivilisatorischen Sturmwind ausgesetzt, der es in allen seinen sozialen Schichten erzittern läßt. Ähnlich wie später der Leninismus steht auch der Petrinismus für ein Programm der «Europäisierung» ein, ohne dabei, wie Lenin einmal gesagt hat, vor «barbarischen Methoden des Kampfes gegen die Barbarei zurückzuschrecken».

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Keine gesellschaftliche Kraft begrenzt hier die schrankenlose Ausbeutung der Bauernschaft und die parasitäre Aneignung des gesellschaftlichen Reichtums durch die Despotie. In paradoxer Weise wird die tributäre Produktionsweise durch die Ausschöpfung ihres gesamten Potentials zur Grundlage einer Modernisierung des Staates, die gleichzeitig die überkommene ökonomische Struktur noch zementiert.

 

Noch den geographischen Hauptunterschied Asiens gegenüber Europa, nach hegelscher Lesart ein solcher zwischen Binnen- und Küstenland, versuchte Peter in einem Menschenalter zu überwinden, indem er den theokratischen Bauernstaat zu einem bürokratischen Seestaat herausputzte. Mit Hilfe seines «Heiligsten Synod», welcher der bürokratischen Macht unterstellt war, brach er die mittelalterliche Macht der russischen Kirche, und es gelang ihm damit, den im Interesse einer Modernisierung der agrarischen Despotie notwendigen Handlungs­zusammenschluß zu straffen.

Doch bereits in den auf Peters Ableben folgenden Thronrevolten zeigten sich die ersten Anzeichen des Verfalls. Es sollte allerdings noch 50 Jahre dauern, bis mit dem von Jemeljan Pugatschow angeführten Bauernaufstand (1773-1775) die allgemeine Krise der asiatischen Produktionsweise und ihrer Despotie deutlich sichtbar wurde. 

Zu dieser Zeit zweifelte selbst Katharina II. bereits einen historischen Augenblick lang an der weiteren Tragfähigkeit der ihrer Herrschaftsform zugrunde­liegenden Produktions­weise. 1776 ließ sie durch ihre berühmt gewordene «Freie Ökonomische Gesellschaft» die vielsagende Preisfrage ausschreiben: «Ob es dem gemeinen Wesen vorteilhafter und nützlicher sei, daß der Bauer Land oder nur bewegliche Güter als Eigentum besitze?»

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Wirkliche Konsequenzen konnte ein solches auf die «Eigentumsfrage» abzielendes Frage-Antwort-Spiel natürlich niemals haben. Aber es zeigte sich darin, wo die Probleme der agrarischen Despotie zu suchen waren.

Während die von Katharina beauftragten ersten Köpfe des russischen Reiches über ihrer Antwort schwitzten, bewältigte der die Verwaltung führende Potemkin die Probleme der agrarischen Despotie noch einmal auf geradezu sprichwörtliche Art und Weise. Als Katharina nach Taurien reiste, wurden auf Weisung Potemkins in angemessener Entfernung von ihrer Reiseroute bunte Häuserimitationen aufgestellt, vor denen die Bewohner der Gegend in ihrem Sonntagsstaat lustwandeln mußten, um auf diese Weise der Zarin den allgemeinen Fortschritt optisch zu vermitteln.

(Wie das historische Beispiel beweist, neigt bereits die alte ökonomische Despotie zum Selbstbetrug. Und dieser an den Blödsinn heranreichende Selbstbetrug hält bis heute unvermindert an, wie jeder weiß, der das verlogene Prunk- und Protzbauwesen im Staatssozialismus kennt.)

An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert verschärften sich die sozialen Widersprüche. Im «Vaterländischen Krieg» gewaltsam aus ihrer Lethargie gerissen, wurden die bäuerlichen Massen Rußlands im Verlaufe der kriegerischen Auseinander­setzungen mit westeuropäischen Verkehrsverhältnissen bekannt gemacht, um nach ihrer Rückkehr von den Schlachtfeldern erneut in die dorfgemeindlichen Abhängigkeiten einer auf der Stelle tretenden Produktionsweise gepreßt zu werden. Dekabristische Militärs machten sich in dieser historischen Situation zu politischen Fürsprechern der Bauernmassen.

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In ihnen, die man mißverständlich «Adelsrevolutionäre» nannte, verkörperte sich zum erstenmal der Prototypus einer staatssozialistischen Elite, wie sie später in vielen nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt in den Umbrüchen von einer agrarischen zu einer industriellen Produktionsweise in Erscheinung treten sollten. 

Wenngleich es der zaristischen Despotie ziemlich schnell gelang, die Dekabristen­bewegung niederzuschlagen, die Radikalisierung der Bauernschaft war nicht mehr aufzuhalten. Angesichts der wachsenden Zahl bäuerlicher Aufstände — im jährlichen Mittel kam es zwischen 1855 und 1860 immerhin zu 470 Erhebungen — blieb der zaristischen Despotie gar keine andere Wahl mehr, als der Bauernbewegung von oben entgegenzukommen.

Mit halbherzigen Reformen, welche die bäuerlichen Massen verpflichteten, trotz «Aufhebung der Leibeigenschaft» den von ihnen bewirtschafteten Boden durch Dienstleistungen oder Geldzahlungen abzulösen, versuchte die zaristische Despotie, sich den Erfordernissen der Zeit anzupassen. Obwohl die Eigentums­verhältnisse zugunsten der Bauern auf Kosten der «vielen kleinen Selbstherrscher» verändert wurden, blieb zunächst im größten Teil des zaristischen Reiches die kollektive Nutzung des Bodens innerhalb der Dorfgemeinschaft (Obtschina) erhalten.

Der Grund und Boden wurde nicht in das Privateigentum einzelner Bauern übertragen, sondern der Obtschina als unveräußerliches und nicht verpfändbares Gemeineigentum zugeeignet. Riesige Ablösungs­summen, die nicht für den industriellen Aufbau eingesetzt, sondern von den ehemaligen Gutsbesitzern parasitär verschwendet wurden, verzehrten alle Mittel der Bauernschaft. Nicht mehr als 10 von 100 Wirtschaften arbeiteten im Ergebnis der Reform mit Gewinn; 70 von 100 Bauernwirtschaften konnten ihren Besitzern nicht einmal das für Rußland geltende Existenzminimum sichern.

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Vom Inbegriff sozialer Sicherheit verwandelte sich die Dorfgemeinschaft zur «Hungerkette am Halse der Bauern». Wie Rosa Luxemburg schrieb, gelang es dem Zarismus, die russische Dorfgemeinschaft mit ihrer Solidarhaft in eine «Steuerdruckmaschine» umzubauen. Mit staatlichen Machtmitteln gegenüber ihren Mitgliedern ausgerüstet, war die Obtschina berechtigt, Bauern nach «außerhalb» zu vermieten, sie konnte ihren Mitgliedern den Paß verweigern, ohne den der Bauer sein Dorf nicht verlassen durfte. Selbst die körperliche Züchtigung ihrer Mitglieder wegen auftretender Steuerrückstände lag in der Befugnis der Obtschina. 

Noch in ihrem Niedergang verhinderte auf diese Weise die altersschwache Despotie mit Hilfe der Obtschina, daß ein Prozeß in Gang gesetzt wurde, der — von Marx im <Kapital> beschrieben — zur Freisetzung eines doppelt freien Lohnarbeiters hätte führen können. Dieser aber wäre die Voraussetzung für jede Form von Kapitalismus gewesen.

Fragen wir abschließend noch einmal danach, warum im Gegensatz zu Europa im zaristischen Rußland von innen her keinerlei Impulse für eine modern-kapitalistische Entwicklung wirkten.

Zunächst und vor allem ist dies darin begründet, daß es — anders als im europäischen Feudalismus — keine weitestgehend sich selbst bestimmenden gesellschaftlichen Kräfte wie einen grundbesitzenden Adel, ein städtisches Bürgertum und mit privatem Boden wirtschaftende Bauern gab. Da solche oder vergleichbar wirksame Kräfte in Rußland fehlten, konnte sich angesichts der gleichsam «naturwüchsigen» Macht des in der Zarenbürokratie, der orthodoxen Staatskirche und in den zins- und dienstpflichtigen Dorfgemeinschaften verkörperten Traditionalismus keine über die bestehenden Verhältnisse hinausweisende Eigendynamik entfalten.

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Genau dieser objektive und subjektive Tatbestand veranlaßte Engels, Rußland als «seinem Wesen und seiner Lebensart, seinen Traditionen und Einrichtungen nach... halbasiatisch» zu benennen. Denn ebenso wie andere Länder des Ostens war das Zarenreich in eine sozialökonomische Entwicklungsfalle geraten, der es aus eigener Kraft nicht entkommen konnte. Um diese Entwicklungsfalle aufzubrechen, bedurfte es äußerer Anstöße (Weltmarkt, Krieg).

 

   Der Sowjetstaat — eine industrielle Despotie   

 

Obwohl Marx besonders im Rahmen seines Briefwechsels mit V. Sassulitsch die formativen Merkmale der zaristischen Despotie und Produktionsweise hinreichend hervorgehoben hat und die historische Unvermeidlichkeit der allgemeinen Tendenz kapitalistischer Produktion «ausdrücklich auf die Länder Westeuropas beschränkt» wissen wollte, werden unsere Geschichts­schreiber nicht müde, den Zeitabschnitt von 1861 bis 1917 als die «Epoche des Kapitalismus in Rußland» zu qualifizieren.

Aber was ist das schon für ein Kapitalismus, der in Rußland kein Menschenalter übersteht, währenddessen er in der westlichen Welt 500 Jahre Geschichte macht, um in unseren Tagen noch die letzten Ressourcen dieses Erdballs selbstsüchtig für den eigenen technischen Fortschritt auszuplündern?

Mochten die Oktoberereignisse in den Augen Lenins noch als Vorläufer der inbrünstig herbeigesehnten Weltrevolution erscheinen, so wissen wir inzwischen aus eigener Anschauung, daß ihnen diese Bestimmung ebensowenig zukommt wie der albanischen «Revolution».

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Unbestreitbar gehen viele der Ungereimtheiten, die unser Geschichtsverständnis verdunkeln, auf das Konto des, mechanischen Konstruktivismus Lenins zurück, der, übrigens in Unkenntnis wichtiger Werke von Marx, unbedingt die russische Sozialgeschichte mit der europäischen Formationsfolge parallelisieren wollte.

Dieser Absicht entspricht der untaugliche Versuch, die russischen Ereignisse von 1905 als «bürgerliche Umwälzung» zu begreifen. Mit dieser Wertung schuf Lenin die Grundlage für die Glorifizierung seiner «Oktoberrevolution» als «sozialistische Revolution». Da aber im weiten Rußland des gerade erst begonnenen 20. Jahrhunderts von vornherein, wie Lenin selber sagte, «der Sieg der bürgerlichen Revolution als Sieg der Bourgeoisie unmöglich» war, blieb Lenin gar nichts anderes übrig, als eine Form der bürgerlichen Revolution ohne Beteiligung des Bürgertums zu erfinden.9

Im Gegensatz zu Lenin hatte Marx durchaus die Möglichkeit eines nichtkapitalistischen Weges der russischen Gesellschaft für bedenkenswert gehalten. In dem ersten der drei hinterlassenen «Entwürfe einer Antwort auf den Brief von V. I. Sassulitsch» finden wir die Begründung dafür, warum damals eine solche Perspektive realistisch erschien: «Weil in Rußland, dank eines einzigartigen Zusammentreffens von Umständen, die noch in nationalem Maßstab vorhandene Dorfgemeinde sich nach und nach von ihren primitiven Wesenszügen befreien und sich unmittelbar als Element der kollektiven Produktion in nationalem Maßstab entwickeln kann.»10

Hatte die russische Dorfgemeinschaft einmal erfolgreich der zersetzenden Wirkung des Handels getrotzt, lag es nahe, den tragenden Pfeiler ihrer Ökonomie — das halbstaatliche Grundeigentum — für eine sozialistische Rekonstruktion der Verhältnisse aufzuheben.

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Unerläßlich blieb dabei für Marx die Gleichzeitigkeit einer russischen und europäischen Revolution, denn ohne die Unterstützung des westlichen Proletariats war die kurzfristige Aneignung der Ergebnisse und Kultur einer industriellen Zivilisation durch die bäuerliche Gesellschaft Rußlands undenkbar.

Bekanntermaßen hat weder der Geschichtsverlauf in Europa noch der in Rußland den Marxschen Optimismus bestätigt. Der Weg der russischen Agrargesellschaft führte unweigerlich in das kaudinische Joch der staatssozialistischen Industrialisierung, wenngleich unter gänzlich anderen Umständen als von den Klassikern des Marxismus vorausgesehen.   [ wikipedia  Schlacht_an_den_Kaudinischen_Pässen 321vC]

Die Schwäche der marxistischen Analyse des russischen Entwicklungsweges resultiert wesentlich aus einer Unterschätzung der ökonomischen Rolle des despotischen Staates. Bezog die primär anarchisch funktionierende liberale Gesellschaft des frühen Kapitalismus ihren inneren Zusammenhalt aus dem in die Breite und Tiefe wachsenden Markt, setzte die Schaffung eines neuen Netzwerkes von ökonomischen Beziehungen in Rußland den totalen Einsatz des Staates voraus. Während in den bürgerlichen Umwälzungen in Europa lediglich eine bereits in der Feudalgesellschaft angelaufene Entwicklung in den wirtschaftlichen Verhältnissen ihre politische Sanktion erhält (in diesem Sinne wirklich «überbaut» wird!), mußte die russische Gesellschaft zuvörderst den despotischen Staat erneuern, damit dieser als ein zeitgemäßer «Motor» der industriellen Umgestaltung fungieren konnte. Die Richtigkeit dieser Einschätzung beweist der Abschnitt russischer Geschichte zwischen den Reformen bis zu den Oktoberereignissen.

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In dieser Phase ist die zaristische Despotie gerade noch fähig, eine kümmerliche Industrie im Rüstungsbereich zu päppeln, währenddessen sie augenscheinlich viel zu verbraucht ist, um den längst fälligen Übergang in den Industrialismus auf der ganzen Linie zu erzwingen.

Lenin hat in seinen letzten Lebensjahren wiederholt bestätigt, daß die Machtergreifung durch die Bolschewiki geradezu ein Kinderspiel war im Verhältnis zu den Aufgaben, welche die Industrialisierung stellte. Tatsächlich war ja auch der Zusammen­bruch des zaristischen Staatsapparates weniger der Durchschlagskraft des proletarischen Klassenkampfes als vielmehr der bemitleidens­werten Schwäche seiner Verteidiger geschuldet. 

Im Februar 1917 waren es jedenfalls die Bolschewiki, die wie «Iwanuschka der Dummling» dastanden und voller Erstaunen feststellten, daß der Rumpf des zaristischen Recken längst bis zum Halse hinauf von Ottern und Schlangen zerfressen war. Innerhalb von fünf Tagen wurden die Romanows von der politischen Bühne des russischen Reiches weggefegt.

Wenn jemand von den Ereignissen mitgerissen wurde, dann war es das kleine Häuflein der Bolschewiki, deren Parteiorganisation gerade mal 24.000 Mitglieder erfaßte. Nicht «dem Ruf der Bolschewiki folgend», wie uns die Parteiideologen weismachen wollen, sondern spontan und ohne Führung waren die Massen in Aufruhr geraten. 

Es gehört deshalb schlicht in den Bereich der Rechtfertigungs­ideologie der politischen Macht, wenn bis heute die bolschewistische Partei für die treibende und führende Kraft des Aufstands ausgegeben wird.

Die Schwäche der zaristischen Despotie im Revolutionsjahr ist auch die Erklärung dafür, warum, wie zu Recht gesehen wird, verhältnismäßig wenig Blut geflossen ist. Um so größer war dann aber das Blutbad, als sich die avantgardistische Politbürokratie in den großen Städten verschanzte, um von hier aus Bauernrußland auf den Weg der Industrialisierung zu bringen.

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Natürlich ist es ästhetisch reizvoll, die subjektive Seite des Formationswandels als Gesellschaftsspiel vorzuführen, in dessen Verlauf ein jugendlicher Herausforderer (die Bolschewiki) gegen einen alten, aber übermächtigen Tyrannen obsiegt. Mit wachsendem Abstand zu den Oktoberereignissen lernen wir aber immer besser verstehen, daß die staatssozialistischen Verhältnisse in größerem Umfang das Alte in sich bewahren als gemeinhin angenommen wird. Die politökonomische Anpassungs­evolution um die Jahrhundertwende in Rußland war ein Prozeß der gesellschaftlichen Rationalisierung, der im Zentrum der hergebrachten Macht seinen Anfang nahm. Sie war nicht allein das Werk einer sozialen Gegenelite, die vom Leninismus inspiriert den Massen den rechten Weg gewiesen hätte.

Die Linie der vorsozialistischen Modernisierungsversuche ist in Rußland markiert durch das Oktobermanifest, die Duma und die Stolypinische Agrarreform: ein immer wieder durch die Angst vor dem bäuerlichen Protest gebremstes Forcieren der industriellen Entwicklung des Landes. Im Interesse dieser Entwicklung war selbst der zaristische Despot bereit, bis dahin geheiligte Grundsätze der Selbstherrschaft in Frage zu stellen — durch die Zulassung eines Scheins politischer Mitbestimmung, der Formierung zur Partei (Schwarzhunderter) und, wohl bei weitem die wichtigste Maßnahme, durch die 1907 angeordnete Zerstörung der alten Dorfgemeinde.

Wer den Formationswandel in Rußland verstehen will, muß sich natürlich fragen, ob es sich bei den Oktober­ereignissen wirklich um die «Entscheidungs­schlacht» handelt, die der marxistische Revolutions­begriff meint.

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Versteht man unter sozialistischer Revolution eine offene Klassenschlacht, die hauptsächlich von Industrieproletariern ausgefochten wird, muß die Antwort negativ ausfallen. In einem Land mit 200 Millionen Bauern konnten etwa 800.000 Industrieproletarier keine Revolution machen, es sei denn, die Bauern nahmen teil an einem Aufstand. Rein zahlenmäßig waren die Arbeiter sogar noch der Bürokratie unterlegen. Die von Lenin verkündete politische Leitvorstellung einer «revolutionär-demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern» rechnete in gewisser Weise mit diesem Tatbestand. Gleichwohl mißdeutet diese Sichtweise die wirkliche Rolle der Bauernmassen, denen die Funktion eines Erfüllungsgehilfen von Industriearbeitern zugeschrieben wird, genausowie die des Proletariats. Und, was schlimmer ist, diese Sichtweise unterschlägt das eigentliche Leiden der Massen.

Die an den Formationsübergängen von agrarischen zu staatssozialistischen Industriegesellschaften ausbrechenden großen Klassenkämpfe lassen sich angemessener als bäuerliche Verteidigungskämpfe gegen die allseits spürbaren Folgelasten des sich ausbreitenden Fabriksystems erklären, welches die traditionellen Lebensformen erklärtermaßen zu vernichten drohte.

Abgesehen davon, daß sich die Menschen, die in Rußland an diesen Kämpfen beteiligt waren, zum überwiegenden Teil aus der bäuerlichen Bevölkerung rekrutierten, waren es unter allen sozialen Klassen vor allem die Bauern, denen das Wasser bis an den Hals stand. Zugunsten der Industrialisierung des Landes wurden die letzten materiellen Reserven der Landwirtschaft erbarmungslos geschröpft. Von der Obtschina aber führte der Weg der russischen Bauern in die Kollektivierung, die sich in ihren konkreten Formbestimmungen als zeitgemäße «Steuerdruckmaschine» des sozialistischen Staates bewährte und womit die Niederlage der Bauern endgültig besiegelt wurde.

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Was aber wollte die Arbeiterklasse in jenen Tagen, «die die Welt erschütterten»? Sie, die doch nach der reinen Lehre die hauptsächlichste Produktivkraft war und ist — was wollte sie? War es ihr wirklich darum zu tun, «sich den ganzen alten Dreck vom Halse zu schaffen und zu einer neuen Begründung der Gesellschaft befähigt zu werden»?

Hören wir auf die Arbeiter selber, dann ist klar, was diese wollten. Die von ihnen im gelobten siebzehner Jahr erhobenen Forderungen waren so, daß sie bis in die Gegenwart für jeden verständlich sind, der weiß, was Fabrikarbeit bedeutet. Am populärsten unter den Arbeitern war das Verlangen nach dem Acht-Stunden-Tag. Allgemein abgelehnt wurde die Akkordarbeit. Man wollte an seinem Arbeitsplatz etwas menschlicher behandelt werden und lehnte sich auf gegen willkürliche Lohnkürzungen. Die Betriebsleitungen wurden aufgefordert, sanitäre Einrichtungen zu schaffen oder warmes Wasser bereitzustellen usw.

Zumeist drückte sich in den Forderungen der Arbeiter genau das aus, was unsere Ideologen so gerne als «trade-unionistisches Bewußtsein» apostrophieren. Den Arbeitern ging es im allgemeinen, wie wir sagen würden, um die Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen. Mit ihren Protesten bezweckten sie die Humanisierung der Arbeitsverhältnisse; ihr Ziel war nicht die Revolutionierung der Eigentumsverhältnisse (was natürlich nicht heißt, daß sie etwas dagegen hatten!). Wo tatsächlich einmal Fabrikkomitees die Leitungen davonjagten, geschah das in der Regel aus Angst vor drohenden Fabrikschließungen. Den Tatbestand einer proletarischen Revolution im Sinne der marxistischen Theorie erfüllte dies alles ganz sicher nicht.

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Für den einzelnen Arbeiter und Bauern, der sich 1917 verzweifelt gegen die Auswirkungen des Industrialismus auf seine Lebensweise zur Wehr setzte, handelte es, sich bei den Oktoberereignissen kaum um die sagenumwobene «Lokomotive der Weltgeschichte», die er mit seinem Handeln unter Dampf setzte. Für ihn stellte sich sein eigenes Handeln wohl eher als ein «Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse» dar, von dem Walter Benjamin gesprochen hat.

Der Grund dafür, warum die Oktoberereignisse weiterhin ohne Rücksicht auf die historische Wahrheit überliefert werden, ist also nicht einem Mangel an historischem Material geschuldet. Die herrschende Darstellungsweise entspricht dem Bedürfnis der Politbürokratie, die eigene Herrschaft zu legitimieren und die ungebrochene Kontinuität der «Staatssklaverei» zu verschleiern. Wie schon gesagt, marxistisch-leninistische Formationslehre und Legitimationsbeschaffung sind zwei Seiten ein und derselben Ideologie.

Das tatsächliche soziale Kräfteverhältnis 1917 weist jedoch nicht nur daraufhin, daß die neue Industriedespotie kaum mit allzuviel Zustimmung rechnen durfte, es zeigt mindestens ebenso deutlich, wieviel «Überzeugung durch Zwang» notwendig sein würde, um die Industrialisierung des Landes voranzubringen. Wie wir heute genau wissen, bedeutete Überzeugung durch Zwang eins: GULAG! 

Deshalb schreibt Alexander Solschenizyn völlig zu Recht, «daß die Geburtsstunde des Archipels von den Schüssen der Aurora angekündigt wurde». Nach den von ihm mitgeteilten Berechnungen des Statistikers Kurganow kostete die Überzeugung durch Zwang die Sowjetunion von Beginn der Oktoberereignisse bis 1959 66 Millionen Menschenleben.

(«Natürlich übernehme ich für seine Zahl keine Gewähr», schreibt A. Solschenizyn dazu kommentierend, «bloß fehlen uns eben andere, offizielle Belege. Sobald eine amtlich bestätigte Zahl auftauchen sollte, werden die Fachleute beide Angaben unter die Lupe nehmen können.» Dem schließe ich mich an.)

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Wollen wir auch im Staatssozialismus in der Wahrheit leben, dann dürfen wir über den Tatbestand des millionenfachen Mordes nicht mehr hinwegsehen. Hier ist Trauer und Aufklärung nötig. Wer da von Notwendigkeiten redet, die ihren Preis gehabt haben, redet zynisch. Alexander Solschenizyn hat die Tragödie der Seki für immer der Verborgenheit entrissen. Wir wissen also, was gewesen ist. Das eigentliche Problem besteht insoweit schon nicht mehr darin, der bereits erkennbaren Ideologie der kommenden Jahre standzuhalten, welche die Verbrechen auf den Zeitabschnitt von 1937/1938 beschränken will, um im übrigen alles beim alten zu belassen.

(Der vorwurfsvolle Tenor dieser Ideologie hört sich so an: «Wie kann man zusammen mit den Fehlern, negativen Erscheinungen, Verbrechen und Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit und der Leninschen Normen des Parteilebens die Industrialisierung des Landes, die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Kulturrevolution ... in einen Topf werfen? Wie kann man ganze Generationen und Menschenschicksale auf solch einen gemeinsamen Nenner bringen und ihnen ihre Ideale nehmenPrawda, 23.Juli 1987 / Neues Deutschland, 1. August 1987)

Wirklich schwierig ist die Selbst-Demaskierung! Warum setzen wir der historischen Wahrheit so einen verbissenen Widerstand entgegen? Wollen wir uns unsere Ideale nicht nehmen lassen?

Wir sollten das Gefühl der Enttäuschung darüber, wie erbärmlich das ganze im Gefolge der Oktoberereignisse zu verzeichnende Geschehen ist, nicht abwehren, denn die Enttäuschung ist das beste Gefährt auf dem Wege zu moralischer Einsicht. Auf diese Weise hätscheln wir nicht weiter unser Selbst, bereiten uns aber statt dessen auf die Erkenntnis vor, daß das Böse ein Teil unserer eigenen Natur ist, demgegenüber wir uns nicht leichtfertig verhalten dürfen.

Nicht moralische Verachtung hilft weiter. Was not tut, ist Mitgefühl mit Opfern und Tätern.

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Der vormundschaftliche Staat. Vom Versagen des real-existierenden Sozialismus