Alexander Solschenizyn

 

1962 Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

1968 Der erste Kreis der Hölle

1969 Krebsstation

1970 Nobelpreisrede

1971 Das rote Rad

1973  Der Archipel GULAG  1918-1956 Versuch einer künstlerischen Bewältigung. All jenen gewidmet, die nicht genug Leben hatten, um dies zu erzählen. Sie mögen mir verzeihen, daß ich nicht alles gesehen, nicht an alles mich erinnert, nicht alles erraten habe. 1973: 592+640+560 Seiten   1985: 555 Seiten

1990:  Russlands Weg aus der Krise - Ein Manifest

 

Wikipedia.Autor  *1918 im Nordkaukasus am Terek bis 2008 (89) 14.2.1974: Ausreise nach Frankfurt

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Würdigung: Solschenizyn 2010 von Siegmar Faust  pdf

Feature MDR 2018  (aktueller Rückblick) 53' .ogg (neues Audioformat)

2018  mdr.de/kultur/empfehlungen/lesezeit-solschenizyn-iwan-denissowitsch100.html 

2018 100 Jahre (.ogg) 4'

2018  deutschlandfunkkultur.de/100-geburtstag-alexander-solschenizyns-ein-eigensinniger 

Audio DLF:  

2008a   2008b   2008e Nachruf  2008 Eichwede   2008 Hilscher 

 

Audio:  Iwan Denissowitsch 1    Iwan 2

 


Ein Brief von W. Schalamow an A. Solschenizyn zum <Denissowitsch>  (1962)  bei Schalamow 

(d-2008:)  Im 'Kurzgulag' mit 550 Seiten habe ich hier selbst einige Zusammen­hänge zusätzlich verstanden, die mir beim Lesen der 3bändigen Langform mir verlustig gingen. Alle mir wichtigen Passagen aus der Langform habe ich auch im Kurzgulag wieder­gefunden.  Ein literar­isches Sachbuch, dessen analytische Qualität an das Iljin-Buch von 1930 anzu­schließen scheint. 


"Wenn Solschenizyn dem Archipel GULAG den Untertitel gegeben hat: <Versuch einer künstlerischen Bewältigung> und man fragt sich am Ende: Ist sie gelungen? ..., so kann die Antwort nur heißen: Ja, ja und nochmals ja!"   (Heinrich Böll)

"Der Archipel Gulag hat ein vorher nie erreichtes Interesse für die zahllosen Opfer eines Terrors erweckt, dessen Methoden und Ziele bis dahin unver­ständlich blieben ... Solschenizyn zeigt, wie sehr es auf den Mut ankommt, doch wie selten er bleiben muß überall dort, wo die Gewalt grenzenlos herrscht."   (Manes Sperber in «Frankfurter Allgemeine Zeitung») 


 

In diesem Buch gibt es weder erfundene Personen noch erfundene Ereignisse. Menschen und Schauplätze tragen ihre eigenen Namen. Wenn Initialen gebraucht werden, geschieht dies aus persönlichen Überlegungen. Wenn Namen überhaupt fehlen, dann nur darum, weil das menschliche Gedächtnis sie nicht behalten hat — doch es war alles genau wie beschrieben. Bedrückten Herzens habe ich das fertige Buch jahrelang zurückgehalten: Die Pflicht gegenüber den noch Lebenden überwog die Pflicht gegenüber den Verstorbenen. Doch nun, da das Manuskript in die Hände des Staats­sicherheits­dienstes gefallen ist, bleibt mir keine andere Wahl, als es unverzüglich zu veröffentlichen.  September 1973 


Inhalt  ("Kurzgulag") 

Geleitwort  (7)    Prolog  (9)  

 

Teil 1 - Die Gefängnisindustrie 
1 Die Verhaftung (15) 
2 Die Geschichte unserer Kanalisation (33) 
3 Die Vernehmung (55)  4 Die blauen Litzen (83)  5 Erste Zelle - erste Liebe (100)  6 Jener Frühling (115)  7 Im Maschinenraum (132)  8 Das Gesetz in den Kinderschuhen (140)  9 Das Gesetz wird flügge (142)  10 Das Gesetz ist reif (143)  11 Das Höchstmaß (149)  12 Tjursak, die Gefängnishaft (156) 

Teil 2 - Ewige Bewegung  
1 Die Schiffe des Archipels (169)  2 Die Häfen des Archipels (179)  3 Die Sklavenkarawanen (187)  4 Von Insel zu Insel (196)  

Teil 3 -  Arbeit und Ausrottung  # 1 Die Finger der Aurora (201)  2 Der Archipel steigt aus dem Meer auf (206)  3 Der Archipel siedelt Metastasen ab (217)  4 Der Archipel versteinert (230)  5 Die Säulen des Archipels (234)  6 Die Ankunft der Faschisten (240)  7 Der Alltag im Archipellager (241)  8 Die Frau im Lager (253)   9 Die Pridurki (261)  10 Statt der Politischen (262)  11 Die Loyalisten (265)  12 Geflüster hinter verschlossener Tür 270 # 13 Die zweite Schur 273 # 14 Dem Schicksal einen Stoß geben 279 # 15 Die BURs, die SURs, die Strafisolatoren 283 # 16 Die sozial-nahen Elemente 286 # 17 Die Frischlinge 292 # 18 Die Musen im GULAG 307  # 19 Die Seki als Nation 308  #  20 Der Wach-, Beiß- und Kläffdienst (309)  21 Die Lagerumweh (317)  22 Wir bauen (319) 

Teil 4 - Seele und Stacheldraht  #  1 Läuterung (329)  2 ... oder Zersetzung (345)  3 Die mißhandelte Freiheit (352) 

Teil 5 - Die Katorga kommt wieder  # 1 Die Verdammten (363)  2 Der Wind der Revolution (376)  3 Ach, Ketten, meine Ketten... (377)  4 Warum haben wir uns nicht gewehrt? (380)  5 Verscharrte Dichtung, vergrabene Wahrheit (388)  6 Ein überzeugter Ausbrecher (395)  7 Das weiße Kätzchen (412)  8 Flucht-Moral und Flucht-Technik (413)  9 Die MP-Söhnchen (417)  10 Wenn der Zonenboden glüht (421)  11 Erster Versuch, die Ketten zu sprengen (429)  12 Die vierzig Tage von Kengir (441) 

Teil 6 - In der Verbannung  # 1 Die Verbannung in den ersten Freiheitsjahren (463)  2 Die Bauernpest (467)  3 Die Verbannung bevölkert sich (477)  4 Die Völkerverschickung (480)  5 Die Frist ist abgesessen (484)  6 Eines Verbannten Glückseligkeit (489)  7 Die Seki in Freiheit (514) 

Teil 7 - Nach Stalin  # 1 Blick über die Schulter (523)  2 Die Machthaber wechseln, der Archipel bleibt (526)  3 Das Gesetz heute (531) 

Nachwort  (543)   Ein Jahr danach  (545)   

Anhang:   1 Biographisches Namensverzeichnis  (549)   2 Verzeichnis der Abkürzungen  (570)   3 Landkarten des GULAG-Archipels  (579)  

 


(d-2007:)

Das folgende Inhaltsverzeichnis und Text ist aus dem 1. Band der dreibändigen Ausgabe.  
Der Leser kann sich anhand der Seitenzahlen einen Überblick über den eigentlichen Umfang verschaffen.

 

Inhalt  ("Langgulag")  Band 1

Prolog  (9) 

Erster Teil   Die Gefängnisindustrie  (13) 

1 Die Verhaftung (15)  '
2 Die Geschichte unserer Kanalisation (33) 
3 Die Vernehmung (94)  4 Die blauen Litzen (139)  5 Erste Zelle - erste Liebe (169)  6 Jener Frühling (219)  7 Im Maschinenraum (263)  8 Das Gesetz in den Kinderschuhen  282 #  9  Das Gesetz wird flügge  312 # 10  Das Gesetz ist reif  344 # 11  Das Höchstmaß  396 # 12  Tjursak, die Gefängnishaft  419

Zweiter Teil   Ewige Bewegung   (445) 

1 Die Schiffe des Archipels  (447)
2 Die Häfen des Archipels  (484)  3 Die Sklavenkarawanen  510 # 4 Von Insel zu Insel  529

 

Anmerkungen des Übersetzers  (553)
Biographisches Namenverzeichnis  (557)
Verzeichnis der Abkürzungen  (577)  


 

Geleitwort 1985  

Wäre es irgendeiner Nation möglich, die bitteren Erfahrungen einer anderen durch die Lektüre eines Buches mitzuerleiden, so würde ihre Zukunft gewiß viel heller sein, weil viel Unglück und viele Fehler durch rechtzeitige Einsicht vermieden werden könnten. Doch jedermann ist der verhängnisvollen Meinung: «Derartiges könnte bei uns nie vorkommen!» 

Dennoch sind die Torturen des zwanzigsten Jahrhunderts überall auf der Welt denkbar. Ich habe allerdings die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß die Menschen, daß alle Völker vom Schicksal anderer zu lernen bereit sind, um nicht das gleiche erdulden zu müssen.

Deshalb habe ich Professor Ericsons Vorschlag begrüßt, eine einbändige Fassung des «Archipel Gulag» herzustellen, um allen denjenigen die Lektüre zu erleichtern, die in unserer hektischen Gegenwart nicht die Zeit finden würden, das gesamte dreibändige Werk zu lesen.

Ich danke Edward E. Ericson für seine Initiative, vor allem aber für das bei der schwierigen Kürzungsarbeit bewiesene sprachliche und sachliche Einfühlungs­vermögen.

Alexander Solschenizyn
USA
1985   

 


amazon leser 

GULAG - Die dunkle Seite der Sowjetunion      2003   Von Ein Kunde 

Dieses Buch war für alle Interessenten in der DDR bis zum Mauerfall ein Mythos. Natürlich kannte man das Thema, wusste aus dem West-TV in etwa, was Solschenizyn da präsentierte und ahnte vielleicht Schreckliches. Als man es dann endlich lesen kann, kommt alles viel schlimmer...

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Seiten seines Buches die tiefe Menschenverachtung des Systems. Hier werden nicht nur Abweichler kaltgestellt und aus dem Verkehr gezogen, nein, JEDEN kann es treffen. Andersdenkende, Kritiker und Nichtmitmaschierer ebenso wie tatsächliche Kriminelle, Assoziale und Saboteure. Was bei Lenin beginnt, Stalin in paranoiden Verfolgungswellen ungeheuren Ausmaßes fortführt, setzt sich dann sogar noch in der "Tauwetterperiode" fort. 

Millionen Menschen werden nicht nur unter unwirklichsten Bedingungen und zum Großteil völlig unschuldig versklavt, nein, Millionen bezahlen mit ihrem Leben. Ein Menschenleben gilt im Sowjetreich ebensowenig wie ein Jude bei den Nazis etwas galt oder Afrikaner einst auf den amerikanischen Baumwollplantagen. Und das in einer Gesellschaftsordnung, die sich selbst als einzig mögliches System sieht, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abzuschaffen. 

Besonders dramatisch nehmen sich Solschenizyns auf den ersten Blick nebensächlichen Schilderungen, Erlebnisse Einzelner, Kleinigkeiten oft nur am Rande, geradezu unspektakulär und vielleicht sogar banal wirkend, aber gerade dann kann man die ganze Tragödie am stärksten nachvollziehen. Wenn sich niemand wirklich für dich interessiert, wenn es im Prinzip egal ist, was du angestellt hast (das Soll muss erfüllt werden, also wird die Stadt XYZ noch 1000 Angeklagte mehr abrechnen...), du kannst unschuldig sein oder schwanger, einen Namen haben oder schon jahrelang für den Aufbau des Sozialismus schuften, na und?! Pech gehabt, jetzt bist du im GULAG. Jetzt bist du NICHTS mehr. 

Man mag über Solschenizyns literarischen Qualitäten vielleicht geteilter Meinung sein. Für seinen Mut und seine Ausdauer, für seinen "Archipel GULAG" gebührt im Dank und Anerkennung.

 


Schwer erarbeitete Gänsehaut    2006 Von Simon Schreiber 

Der Archipel Gulag bekommt fünf Sterne, das steht nicht zur Diskussion. Dennoch bereue ich, dieses Buch gelesen zu haben: Ab jetzt werden eine Großzahl der Bücher, die in Buchhandlungen ausliegen oder vorne in den Bestsellerlisten erscheinen, noch unwichtiger erscheinen.

Während der ersten zwei Kapitel musste ich mir immer wieder vor Augen halten: Das ist wirklich geschehen! Das ist nicht George Orwell! 

Dennoch fordert dieses Buch wie kein Zweites. Der Lageralltag wird bewusst wieder und wieder geschildert. Viele Kapitel sind gespickt mit Sowjetischen Orten, Namen und Beschreibungen. Kämpft man sich aber durch diese authentischen und ausführlichen Schilderungen, zeigt Solschenizyn immer wieder zum richtigen Zeitpunkt sein literarisches Genie. 

Er spricht den Leser direkt und zeitweise provozierend an, als ob er sagen möchte: "Danke dass du diese Zeilen liest. Trotzdem kannst du dir nicht mal ansatzweise diese unmenschlichen, grausamen Lebensbedingungen vorstellen!" Wohl eines der wenigen Bücher, bei dem Kritik einfach nicht angebracht ist. Lesen. Reflektieren. Merken. 


Schwere Kost - aber es lohnt sich     2005 Von Peter Ditrych (München) 

Im Vergleich zu seinem Buch „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch", in dem das Lagerleben beschrieben wird, beschreibt der Archipel Gulag die gesamte Vorgeschichte (normales Leben - Verhaftung - Gefängnis), ausgehend von den bewegenden Lebenserfahrungen Alexander Solchenizyns. 

Man gewinnt den Eindruck, der Sinn seines Überlebens bestand darin, der Nachwelt über die Zustände und Menschenrechtsverletzungen in der damaligen Sowjetunion zu berichten, als ein Zeuge, der sehr viel mitbekommen hat. Aus seiner Erinnerung beschreibt er für einen normalen Mitteleuropäer unglaubliche Details über die Lebensbedingungen in einem Land, in dem das Recht pervertiert ist und die Willkür regiert. 

"Hier ein Schnappschuss aus jener Zeit... Eine Bezirksparteikonferenz... Am Ende wird ein Schreiben an Stalin angenommen, Treuebekenntnis und so. Im kleinen Saal braust stürmischer in Ovationen übergehender Applaus. Drei Minuten, vier Minuten, fünf Minuten ... noch immer ist es stürmisch und geht noch immer in Ovationen über, doch die Hände schmerzen bereits. Die Älteren schnappen nach Luft. Aber wer wagt es als erster (aufzuhören)? Im kleinen, unbedeutenden Saale wird geklatscht ... und Väterchen kann es gar nicht hören. Und so setzt der Direktor in der elften Minute eine geschäftige Mine auf und lässt sich in den Sessel fallen.... In selbiger Nacht wird der Direktor verhaftet." 

Die Mahnung des Untersuchungsrichters lautet: „Und hören sie in Zukunft nie als erster mit dem Klatschen auf." 

 


 

DLF - KalenderBlatt   10.12.2000 • 4.50 und 11.45 Uhr  Vor 30 Jahren

Alexander Solschenizyn erhält in Abwesenheit den Literaturnobelpreis  ---  Von Meinhard Stark 

 

Selten hat die Verleihung eines Literaturnobelpreises weltweit so viel Aufsehen erregt wie vor 30 Jahren: Am 10. Dezember 1970 wurde Alexander Solschenizyn, dem Autor des "Archipel Gulag", in Stockholm der Literaturnobelpreis verliehen. Doch die Sowjetunion hatte verhindert, daß Solschenizyn den Preis persönlich in Empfang nehmen konnte.

Sprecher 1: Die Lagererzählung "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" machte Alexander Solschenizyn schlagartig weltweit bekannt.

O-Ton Lesung aus "Ein Tag des Iwan Denissowitsch", 1963: 

"Signal zum Wecken wurde um fünf Uhr morgens gegeben, durch einen Hammerschlag auf ein Stück Eisenbahnschiene, die bei der Kommandanturbaracke hing. Der glockenartig an- und abschwellende Ton drang nur schwach durch die zolldick vereisten Fensterscheiben und verebbte dann schnell. Es war kalt. Dem Wachposten war nicht nach weiterem Hämmern zu mute. Der Klang verhallte. Draußen war es stockfinster, wie mitten in der Nacht.

Sprecher 1: Der mit ausdrücklicher Genehmigung des Partei- und Staatschefs Chruschtschow 1962 in großer Auflage erschienene Text war ein bedeutender Beitrag zur Bewältigung der stalinistischen Vergangenheit in der UdSSR. Alexander Solschenizyn schildert einen Tag im Leben des Lagerhäftlings Iwan Denissowitsch Schuchow.

O-Ton Lesung aus "Ein Tag des Iwan Denissowitsch", 1963: 

"Schuchow verschlief das Wecken nie, sondern stand immer sofort auf. So hatte er bis zum Morgenappell ungefähr anderthalb Stunden für sich. Eine Zeit, in der jeder, der sich im Lager auskennt, ein bißchen was nebenbei organisieren kann. Da näht man einem aus einem Fetzen alten Stoff einen Flicken auf den Fausthandschuh. Da bringt man einem wohlhabenden Brigadier seine trockenen Filzstiefel, während er noch in der Klappe liegt und spart ihm so die Mühe barfuß seine Stiefel selbst aus dem Haufen heraussuchen zu müssen. Man läuft rasch einmal zu den verschiedenen Magazinen hinüber, wo man sich vielleicht bei dem einen oder anderen beliebt machen kann, Ausfegen oder etwas heranholen. Man kann in der Eßbaracke die Schüsseln von den Tischen räumen und sie stoßweise zu den Geschirrwäschern bringen. Eine Möglichkeit zu etwas Essen zu kommen. Aber da trieben sich schon vielzuviele andere herum, die den gleichen Einfall gehabt hatten. Und das schlimmste daran ist, daß man jede Schüssel, in der sich noch ein kümmerlicher Rest Essen befindet, gleich ausleckt. Man kann einfach nicht anders." 

Sprecher 2: Alexander Solschenizyn, geboren 1918 in Kislowodsk, studierte Mathematik und Philosophie. Während des Krieges war er Kommandeur einer Artillerieeinheit und erhielt zwei Tapferkeitsmedaillen. Wegen abfälliger Äußerungen über Stalin wurde er im Frühjahr 1945 verhaftet und zu acht Jahren Lager verurteilt. Nach seiner offiziellen Rehabilitierung 1957 arbeitete er als Lehrer. Nebenbei begannen Schreibversuche und die Sammlung von Lagererinnerungen. 

Sprecher 1: Im November 1969 wurde Alexander Solschenizyn jedoch aus dem sowjetischen Schriftstellerverband verstoßen. Der Vorwurf: "mangelnder Patriotismus" sowie zu "düstere Darstellung" der Sowjetgesellschaft.  - Französische Intellektuelle schlugen im Juli 1970 der Schwedischen Akademie der Schönen Künste vor, den Literaturnobelpreis an Alexander Solschenizyn zu vergeben. Am 8. Oktober erfolgte die Nominierung des sowjetischen Autors. Die wie üblich knappe Begründung des Komitees lautete:

Sprecher 2: "Für die ethische Kraft, mit der er die unveräußerlichen Traditionen der russischen Literatur weitergeführt hat." (Solschenizyn, Alexander: In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, dargestellt von Reinhold Neumann-Hoditz, Reinbek 1974, S. 124)

Sprecher 1: Die Moskauer Führung sprach von einer "bedauerlichen" Entscheidung. (Medwedjew, Schores: Zehn Jahre im Leben des Alexander Solschenizyn. Ein politische Biographie, Darmstadt Neuwied 1974, S. 145)

O-Ton RIAS (DRB-Archiv): "Das Unbehagen, daß die Zuerkennung des diesjährigen Literaturnobelpreises an Alexander Solschenizyn weltweit ausgelöst hat, bleibt weiter bestehen. Es ist kein Unbehagen, das in Zweifel zieht, ob der Schriftsteller diesen Preis verdient hat. (...) Nein, das Unbehagen ist in dem Zweifel über das weitere Schicksal dieses nonkonformistischen Schriftstellers begründet."

Sprecher 1: So der Kommentar des RIAS am 8. Oktober 1970:

O-Ton RIAS (DRB-Archiv): "Immer noch ist es ungewiß, wie es nun mit Alexander Solschenizyn weiter gehen wird. Immer noch steht einem das Schicksal Boris Pasternaks vor Augen, der damals gezwungen wurde, den Literaturnobelpreis abzulehnen, wollte er nicht Gefahr laufen, nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren zu dürfen. Alle Zeichen deuten daraufhin, daß die sowjetischen Behörden gewillt sind, in diesem Falle genauso zu reagieren, wie damals, vor 12 Jahren."

Sprecher 1: Solschenizyn nahm den Preis mit großem Dank an, verzichtete aber darauf, ihn persönlich in Stockholm entgegenzunehmen, da er fürchtete, danach nicht in seine Heimat zurückkehren zu dürfen. Eine Übergabe der Nobelpreisinsignien in Moskau im Jahr 1972 unterband die sowjetische Regierung ebenfalls. Weitere Verleumdungskampagnen folgten. Unter den denkbar schlechtesten materiellen Bedingungen arbeitete der Schriftsteller zu dieser Zeit mit Hochdruck an seinem eigentlichen Hauptwerk: Der Archipel GULAG. Ein erschütternder, beinahe 2000 Seiten umfassender Bericht über den Terror der Sowjetdiktatur.

Sprecher 2: Dann überschlugen sich die Ereignisse: 1973 wurde Elisabeth Woronskaja, die Vertraute Solschenizyns, verhaftet und auf brutale Weise verhört. Nach ihrer Freilassung beging sie Selbstmord. Offenbar hatte sie gestanden, wo sich das Manuskript des brisanten Buches befand. In dieser Situation gab Alexander Solschenizyn die Erlaubnis, das Werk im Westen publizieren zu dürfen und erklärte in einem Interview, daß sein etwaiger Tod mit Sicherheit durch den Geheimdienst veranlaßt sein würde. Anfang 1974 verhaftete man den Autor, entzog ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft und schob ihn in die Bundesrepublik ab, wo er zunächst bei Heinrich Böll Aufnahme fand.

Sprecher 1: Mit vierjähriger Verspätung nahm Alexander Solschenizyn am 10. Dezember 1974 in Stockholm in Anwesenheit des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palmes und des schwedischen Königs den Nobelpreis in Empfang. In seiner Danksagung heißt es:

O-Ton Ausschnitt aus Ansprache A. S. am 10.12.1974 (Archiv DF): Russisch - unter nachfolgenden Sprecher legen.

Sprecher 2: Es hat (...) einen besonderen Vorteil, erst nach vier Jahren mit einer Antwortrede für den mir zuerkannten Nobelpreis zu danken. Ich vier Jahren kann man beispielsweise erleben, welche Rolle dieser Preis bereits in seinem Leben gespielt hat. In meinem hat er eine sehr große Rolle gespielt. Er hat verhindert, daß ich von den schweren Verfolgungen, denen ich ausgesetzt war, erdrückt wurde. Er hat geholfen, daß meine Stimme an Orten gehört wurde, wo meine Vorgänger seit Jahrzehnten nicht gehört worden sind. Er hat mir geholfen, Dinge zu sagen, die mir sonst nicht möglich gewesen wären. (Zitiert nach Frankfurter Rundschau, 12.12.1974, S. 6)

  


 

Aus dem literarischen Leben   28.2.2001    von Kersten Knipp

Wahrheit des Krieges

Solschenizyn-Literaturpreis für Konstantin Worobjow und Jewgeni Nosow 

Den Solschenizyn-Literaturpreis, mit 25.000 US-Dollar eine der höchstdotierten Auszeichnungen in der russischen Literatur, erhalten dieses Jahr die Kriegsschriftsteller Konstantin Worobjow (1917-1975) und Jewgeni Nosow (*1925). 

Beide hätten in ihrem Werk die «umfassende Wahrheit» über den tragischen Beginn des Zweiten Weltkriegs in der Sowjetunion vor 60 Jahren, seine Folgen für das russische Dorf und «die späte Bitterkeit der vernachlässigten Veteranen» dargestellt, erklärte die Jury nach Angaben der Zeitung «Nesawissimaja Gaseta« vom Mittwoch.

Der Preis wurde 1997 vom russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn gestiftet, der mit seiner Frau Natalja auch der Jury angehört. Das Preisgeld stammt aus den weltweiten Tantiemen für Solschenizyns Hauptwerk «Archipel Gulag». 

Worobjow wird posthum geehrt. Seine 1946 geschriebene Erzählung über die Erfahrungen in deutscher Kriegsgefangenschaft, aus der er zweimal entkam, durfte in der Sowjetunion erst 1986 gedruckt werden. Nosow schildert ebenfalls seine Erfahrungen als sowjetischer Soldat im Zweiten Weltkrieg.

 

 

 

 

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