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10. Brief  

Holbach-1768

 

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Ich wage zu hoffen, Ihnen deutlich bewiesen zu haben, daß die christliche Religion, weit entfernt, die Stütze der herrschenden Autorität zu sein, in Wirklichkeit deren Feind ist. Ich hoffe, Sie auch völlig davon überzeugt zu haben, daß die Diener der Religion von Natur aus die Gegenspieler der Herrscher und die gefürchtetsten Gegner der weltlichen Macht sind. Schließlich haben Sie, glaube ich, erkannt, daß die Gesellschaft die Dienste, die jene ihr erweisen, nicht benötigt oder daß sie zumindest darauf verzichten könnte, sie so teuer zu bezahlen.

Prüfen wir nunmehr die Vorteile, die diese Religion den Personen verschafft, die am stärksten von ihr überzeugt sind und die sich am getreulichsten an ihre Gebote halten. Wir wollen sehen, ob sie geeignet ist, ihre Schüler zufriedener, glücklicher und tugendhafter zu machen.

Um die Frage zu entscheiden, braucht man nur Umschau zu halten und die Wirkungen zu betrachten, die die Religion bei solchen Geistern hervorruft, die von ihren vorgeblichen Wahrheiten wirklich durchdrungen sind. Diejenigen, die sich ganz aufrichtig zu ihr bekennen und ihre Übungen aufs genaueste befolgen, haben gewöhnlich ein mürrisches und melancholisches Temperament, das keineswegs auf jenes Wohlbefinden oder auf jenen inneren Frieden schließen läßt, von dem man unablässig spricht, ohne ihn uns jemals zu zeigen. 

Wer mit sich selbst zufrieden ist, läßt dies auch nach außen hin sichtbar werden. Die innere Zufriedenheit der Frommen bleibt gewöhnlich so verborgen, daß man vermuten könnte, sie sei nur ein Hirngespinst. Der innere Frieden, den ihnen ein gutes Gewissen gibt, äußert sich sehr häufig in einer griesgrämigen Gemütsverfassung, über die alle die, die ihren Einfluß zu ertragen haben, gewöhnlich wenig Freude empfinden. Wenn einige Fromme zufällig heiter, frohsinnig und nachsichtig sind, so liegt dies daran, daß die schwarzen Ideen der Religion über ihr glückliches Temperament noch nicht den endgültigen Sieg davongetragen haben.

Der Grund hierfür kann aber auch darin zu suchen sein, daß sie die Gesamtheit ihres Religionssystems nicht genügend überblicken. Dieses würde sie, erwögen sie es hinreichend, in schrecklichste Unruhe und tiefste Kümmernis stürzen.

Wer ernsthaft über den despotischen und eigenwilligen Gott, den die Christen verehren, und über das tyrannische Verhalten, das die Bibel ihm zuschreibt, nachgedacht hat; wer tiefgehend über die trostlosen Dogmen der willkürlichen Gnadenwahl und der Verdammnis des größten Teils der Menschen nachgegrübelt hat; wer weiß, daß ein guter Christ niemals völlige Gewißheit hat, ob er von Gott geliebt oder gehaßt wird, und daß er nicht hoffen darf, die Gnade des Allmächtigen zu verdienen oder zu erhalten; wer daran denkt, daß er durch eine vorübergehende Schwäche mit einemmal die Verdienste eines mit guten Werken erfüllten Lebens verlieren kann; wessen Geist, sage ich, mit solchen unheilvollen Spekulationen angefüllt ist, der kann — wenn er nicht unvernünftig ist — nicht freudig oder ganz aufrichtig und ungetrübt fröhlich sein. Glauben Sie wirklich, daß der fromme Pascal, der die Liebe zu seiner Schwester für ein Verbrechen hielt und der sie in seiner Frömmigkeit häufig kränkte, ein sehr geselliger und fröhlicher Mensch war?

Die gesamte christliche Religion führt notwendigerweise zu Traurigkeit und zu Kummer; sie befaßt sich nur mit trübseligen Gegenständen. Der Gott, von dem sie spricht, ist eifersüchtig auf die Regungen unseres Herzens und auf unsere natürlichsten Neigungen; er untersagt uns das legitimste Vergnügen; er weidet sich an unseren Seufzern, Klagen, Tränen und Schmerzen; er findet Gefallen daran, uns durch Leiden auf die Probe zu stellen; er befiehlt, daß wir uns martern, daß wir uns dessen berauben, was das Ziel unserer Wünsche ist, und daß wir uns von der Liebe für irdische Dinge losreißen; mit einem Wort, er ist ein Gott, der unaufhörlich der Stimme und dem Verlangen der Natur zuwiderhandelt. Ein solcher Gott kann sicherlich keinen Frohsinn schaffen. 

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Ein Gott, der gegenüber seinem eigenen Sohn keine Gnade walten läßt, der für seine Raserei ewig Opfer fordert, der für die unbeabsichtigten, ihn beleidigenden Vergehen maßlose Rache nimmt, kann diejenigen, die so unglücklich sind, darüber nachzudenken, nur in Verzweiflung stürzen. Schließlich muß ein Christ notwendig in ständiger Angst schweben, denn er hat zu befürchten, daß ihn der Tod in jedem Augenblick einem unerbittlichen Richter gegenüberstellt, dessen ewige Ratschlüsse von vornherein über sein Schicksal entschieden haben. Was würden wir von einem Mann halten, der fröhlich oder auch ruhig bliebe, wenn er in jeder Minute sein Todesurteil erwartete?

Wir wollen uns also nicht auf die widerspruchsvollen Reden jener Priester verlassen, die uns zuerst durch ihre schrecklichen Dogmen in Furcht versetzen, sich dann bemühen, uns durch unbestimmte Hoffnungen zu trösten, und die uns schließlich ermahnen, einem Gott zu vertrauen, den sie in ein so ungünstiges Licht gestellt haben. Sie sollen nicht sagen, das Joch Jesu Christi sei leicht zu tragen. Es ist unerträglich für jeden, der es ernst nimmt; es ist nur für diejenigen leicht, die es ohne Überlegung tragen, und für diejenigen, die danach trachten, es anderen aufzuerlegen, ohne sich selbst damit belasten zu wollen.

Denken Sie bitte nur an Ihre eigene Lage. Waren Sie denn sehr glücklich, sehr zufrieden und sehr vergnügt, als Sie mich zum Vertrauten der geheimen Unruhen machten, in die Sie durch die Vorurteile versetzt wurden, die über Ihren Geist die unheilvolle Herrschaft auszuüben begannen, die ich in meinen bisherigen Ausführungen zu zerstören versucht habe? Geriet Ihre aufgewühlte Seele nicht offenbar all Ihrem Urteilsvermögen zum Trotz an den Rand des Unglücks? Waren Sie nicht ernsthaft bestrebt, Maßnahmen zu ergreifen, um Ihr Glück aufzugeben? Waren Sie nicht bereit, der Religion zuliebe der Welt zu entsagen und zu vergessen, was Sie der Gesellschaft schuldig waren? Diese Dinge haben mich zwar sehr betrübt, aber sie überraschten mich nicht. 

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Es ist ein Prinzip der christlichen Religion, Glück und Ruhe auch im tiefsten Grunde des menschlichen Herzens auszurotten; es gefällt ihr, den Menschen zu ängstigen und ihm Furcht einzujagen; sie vermag nur diejenigen glücklich zu machen, die nicht genügend über sie nachgedacht haben. Sie wären durch die Religion ganz bestimmt unglücklich geworden. Sie hätten auf Grund Ihres folgerichtig denkenden Geistes deren Gesamtheit erfaßt, und Ihre allzu empfindsame Einbildungskraft hätte Sie zu Ausschweifungen geführt, die für Sie selbst gefährlich geworden wären und über die sich viele andere Menschen hätten beklagen müssen. Eine Seele wie die Ihre hätte keinen Frieden gefunden; die Ängste, die die Religion einflößt, sind zu stark und ihre widerspruchsvollen Tröstungen zu unbestimmt; sie können dem Geist nicht das notwendige Gleichgewicht und die Ruhe geben, die notwendig sind, um auf sein eigenes Glück oder auf das der anderen bedacht zu sein.

Es ist, wie ich bereits gesagt habe, schwierig, sich um das Glück anderer zu kümmern, wenn man selber unglücklich ist. Der Fromme, der sich aller Dinge beraubt, den alles in Gewissensnot bringt, der sich selbst ständig Vorwürfe macht, der seinen Geist durch Andacht, Fasten und Weltabgeschiedenheit erhitzt, muß notwendigerweise alle diejenigen hassen, die sich nicht verpflichtet glauben, ebenso harte Opfer zu bringen. Er muß gegen die Gottlosen aufgebracht sein, die die Religionsübungen oder die Pflichten vernachlässigen, die Gott von ihm zu verlangen scheint. Er ist nur denen zugetan, die die Dinge ebenso sehen wie er; er sondert sich von den anderen ab und verabscheut sie schließlich. Er hält sich für verpflichtet, seine Denkweise öffentlich zur Schau zu stellen; er muß seinen Eifer zeigen, selbst wenn er Gefahr läuft, lächerlich zu wirken. Würde er Nachsicht walten lassen, so müßte er zweifellos befürchten, an den Beleidigungen mitschuldig zu werden, die man seinem Gott zufügt; er muß die Sünder tadeln, und das wird er gemeinhin in Verbitterung tun, weil sein Gemüt verbittert ist; schließlich muß er auf sie erzürnt sein und ihnen demzufolge zur Last fallen, wenn er eifrig ist; nur wenn er für seine Religion nicht eifrig ist, ist er nachsichtig und liebenswürdig.

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Die Frömmigkeit sammelt in uns selbst nur widerwärtige Gefühle an, die sich früher oder später auf eine Art und Weise äußern, die das Mißfallen anderer Menschen erregt. Die mystischen Frömmler fühlen das sehr wohl; sie werden von der Welt belästigt, und sie selbst fallen der Welt lästig. Diese könnte nicht bestehen, wenn jeder die göttlichen und wilden Vollkommenheiten zu erwerben suchte, die uns die Religion als Ziel vor Augen hält. Die Welt und Jesus Christus sind nicht miteinander in Einklang zu bringen; Gott fordert unser gesamtes Herz; für seine armseligen Geschöpfe darf nichts übrigbleiben, und wenn man nur ein wenig eifrig ist, hält man sich für verpflichtet, diese zu quälen, um sie zur Ausübung der wunderbaren Tugenden anzuhalten, mit denen, wie man sich einbildet, ihr Heil verbunden sei.

Das ist zweifellos eine seltsame Religion, die in letzter Konsequenz die Gesellschaft zum völligen Untergang verurteilt! Der aufrichtige Fromme erstrebt unmögliche Vollkommenheiten, deren die menschliche Natur nicht fähig ist. Da er diese Vollkommenheiten trotz all seiner Anstrengungen nicht erlangen kann, ist er stets mit sich selbst unzufrieden, betrachtet er sich als Gegenstand des göttlichen Zorns, wirft er sich alle seine Handlungen vor, bereut er all die Vergnügungen, die er sich erlaubt hat, fürchtet er, daß ihm alles als Sünde angerechnet werden kann. Zu seiner größeren Sicherheit muß er die Gesellschaft meiden, die ihn jederzeit von seinen angeblichen Pflichten ablenken, ihn zur Sünde reizen und ihn zum Zeugen oder zum Mitschuldigen ihrer Ausschweifungen machen kann. Schließlich kann der Fromme, wenn er ein wenig eifrig ist, nicht umhin, solche Wesen zu fliehen oder zu verabscheuen, die den traurigen Ideen der Religion zufolge fortwährend nur darauf bedacht zu sein scheinen, seinen Gott zu beleidigen.

Andrerseits wissen Sie, daß gewöhnlich der Kummer und der Trübsinn die Menschen zur Frömmigkeit bestimmten.

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Gewöhnlich nehmen wir nur dann unsere Zuflucht zum Himmel, wenn die Welt uns im Stich läßt und uns verachtet. Die Ehrgeizigen suchen sich in den Armen der Religion über ihr Mißgeschick und über ihre fehlgeschlagenen Pläne zu trösten; unsere galanten oder zügellosen Frauen werden fromm, wenn sie sehen, daß sich die Welt von ihnen abwendet; sie bieten Gott ein verbrauchtes Herz und Reize an, die keine Anbeter mehr finden. Die Zerstörung ihrer Anmut sagt ihnen, daß ihr Reich nicht mehr von dieser Welt ist. Da sie mit Unwillen erfüllt, von Kummer verzehrt und gegen die Gesellschaft, in der sie von nun an keine sehr angenehme Rolle mehr zu spielen haben, aufgebracht sind, werden sie fromm und zeichnen sich nun durch religiöse Torheiten aus, nachdem sie früher durch Laster oder durch weltliche Torheiten Aufsehen erregt hatten, und mit grollender Seele beten sie zitternd einen Gott an, der sie nur schwach für die verlorenen Güter entschädigt. Mit einem Wort: Die meisten Bekehrungen entstehen durch Verdruß, Niedergeschlagenheit und Verzweiflung; immer sind es enttäuschte Leidenschaften, durch die wir unseren Priestern ausgeliefert werden. Das also sind die wunderbaren Wirkungen der Gnade, deren Gott sich bedient, um die Menschen zu sich zurückzuführen.

Es ist daher nicht verwunderlich, wenn die der Frömmigkeit ergebenen Menschen gewöhnlich traurig und verdrießlich sind. Die Religion, welche die ihr durch den Kummer unterworfenen Seelen nur noch mehr verbittert, nährt überdies diese Neigungen ständig. Die Unterhaltung mit einem Beichtvater ist ein schwacher Trost für den Verlust eines Geliebten; die trügerischen Hoffnungen auf eine künftige Welt entschädigen selten für die Realitäten dieser Welt; die fiktiven Beschäftigungen der Religion reichen nicht aus, um solche Seelen zu sättigen, die kaum durch Intrigen, Feste und Vergnügungen gesättigt werden konnten.

So sehen wir, daß die Wirkungen dieser erstaunlichen Bekehrungen, die den Allmächtigen und seinen Hofstaat so sehr zu erfreuen vermögen, den Bewohnern dieser gewöhn-

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lichen Welt keinerlei Vorteile bringen. Wenn jene durch die Gnade bewirkten Wandlungen diejenigen, die sie betreffen, nicht glücklicher machen, so verschaffen sie denen, die deren Zeugen sind, weder Annehmlichkeiten noch. Nutzen. Welche tatsächlichen Vorteile hat denn die Gesellschaft von den meisten Bekehrungen? Werden die zur Gnade ausersehenen Menschen besser; machen sie das Übel wieder gut, das sie angerichtet haben; sind sie ihren Mitmenschen gegenüber wahrhaft hilfreich? Wird ein Höfling, der anmaßend und hochmütig war, bescheiden und sanftmütig? Ersetzt ein ungerechter und grausamer Mensch den Schaden, den er durch seine Ungerechtigkeiten angerichtet hat? Gibt ein von Staats wegen eingesetzter Dieb der Gesellschaft das zurück, was er ihr gestohlen hat? Beseitigt eine galante und leichtsinnige Frau durch ihre aufmerksame Fürsorge das Unrecht, das sie ihrer Familie durch ihre Zügellosigkeit und Flatterhaftigkeit zugefügt hat? 

Zweifellos nicht. Jene bekehrten und von Gott auserwählten Menschen geben sich gewöhnlich damit zufrieden, zu beten, zu fasten, Almosen zu geben, sich von der Welt zurückzuziehen, Kirchen aufzusuchen, für ihre Priester zu keifen, zu intrigieren, um eine Partei zu stützen, alle die zu verleumden, die nicht so denken wie ihre Beichtväter, und einen hitzigen und lächerlichen Eifer an den Tag zu legen. Dadurch glauben sie sich gegenüber Gott und den Menschen von aller Schuld befreit; aber die Gesellschaft gewinnt durch ihre wunderbare Bekehrung nichts. Im Gegenteil, die Frömmigkeit übertreibt und macht die früheren Leidenschaften unserer Neubekehrten noch schlimmer und lästiger, sie lenkt diese Leidenschaften nur in eine neue Richtung, und die Religion wird immer die Ausschweifungen gutheißen, zu denen sie führen können. Auf diese Weise wird ein Ehrgeiziger ein stolzer und ungestümer Fanatiker, der sich durch seinen Eifer gerechtfertigt glaubt; auf diese Weise wird ein in Ungnade gefallener Höfling gegen seine eigenen Feinde Ränke schmieden; auf diese Weise wird ein haßerfüllter und rachsüchtiger Mensch unter dem Vorwand, Gott zu rächen, Mittel suchen, sich selbst zu rächen.

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Auf diese Weise glaubt eine Frau, die kein Rot mehr aufträgt, an ihrem Mann, den sie vielleicht einst kränkte, nun ihre üble Laune auslassen zu können; sie wird oft — auf fromme Art — diejenigen verleumden, die sich die unschuldigsten Vergnügungen erlauben. Während sie viel Eifer zu zeigen glaubt, zeigt sie viel Verdruß, Neid, Eifersucht, Bösartigkeit. Indem sie sich wärmstens der Interessen des Himmels annimmt, offenbart sie viel Unwissenheit, Wahnsinn und Leichtgläubigkeit.

Aber ist es nötig, hierauf noch weiter einzugehen? Sie wohnen in einem Lande, in dem Sie viele fromme und wenige tugendhafte Leute sehen. Wenn Sie die Dinge etwas gründlicher betrachten, so werden Sie finden, daß es unter den Menschen, die so sehr von der Religion sowie von deren Wichtigkeit und Nützlichkeit überzeugt sind und die unablässig von ihren Tröstungen, von ihrer Sanftmut und von ihren Tugenden sprechen, kaum einen gibt, den sie wahrhaft glücklich macht, und noch weniger Menschen gibt es, die sie zur Güte bekehrt. Wenn sie von den Gefühlen ihrer trübseligen und schrecklichen Religion tief durchdrungen sind, so sind sie griesgrämig, unbequem und ungesellig. Sind sie nur wenig von den Prinzipien dieser Religion überzeugt, so werden sie weniger streng sein. 

Die Religion des Hofes ist, wie Sie wissen, ein ständiger Mischmasch von Frömmigkeit und Vergnügen; ein Kreis von Andachtsübungen und Zerstreuungen, von vorübergehender Inbrunst und fortwährenden Ausschweifungen; diese Religion weiß Jesus Christus mit dem Gepränge Satans zu versöhnen. Wir sehen, daß sich dabei Prunksucht, Stolz, Ehrgeiz, Listigkeit, Rachsucht, Neid, Zügellosigkeit mit einer Religion verquicken, die sich von strengen Grundsätzen leiten läßt. Die Kasuisten,* die den Großen genehm sind, billigen dieses Bündnis; sie schaffen für diese eine ihren Prinzipien widersprechende, aber den Umständen, den Leidenschaften und den Lastern der Menschen Rechnung tragende Religion. 

Allzu strenge oder allzu christliche Gottesgelehrte würden 

* Praktiker der katholischen Moraltheologie.

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solchen Leuten, die nur unter der Bedingung religiös sein wollen, daß man ihnen nicht lästig fällt, unbequem sein. Das ist zweifellos der Grund, warum der Jansenismus, der uns zu den strengen Prinzipien des Urchristentums zurückführen will, am Hofe nicht Eingang finden kann. Die übertriebenen Grundsätze der christlichen Religion können nur auf solche Menschen, wie es ihre ersten Begründer waren, zugeschnitten sein; sie sind nur für nichtswürdige, jähzornige und unzufriedene Menschen geschaffen, die sich von Luxus, Macht und Ehren ausgeschlossen sehen und die notwendig die Feinde all des Großen sind, nach dem zu streben ihnen nicht erlaubt ist. Die Frommen besitzen das Geheimnis, sich ihre Abneigung oder ihre Verachtung gegenüber Dingen, die ihnen unerreichbar sind, als Verdienst anzurechnen.

Indessen, der in seinen Prinzipien völlig konsequente Christ dürfte kein Verlangen haben, er darf nichts begehren, er muß die Welt und ihre Pracht fliehen, er muß leidenschaftslos sein. Er ist ein wahrer Stoiker, der diese trübselige Philosophie durch seinen religiösen Fanatismus überspannt hat. Die übersteigerten Vollkommenheiten, nach deren Besitz er streben muß, verstricken ihn in einen fortwährenden Krieg mit sich selbst, so daß er schließlich unglücklich werden muß. Unablässig muß er auf die Gegenstände dieser Welt achtgeben, da sie für ihn Gelegenheiten zur Schande und zur Sünde werden können. Der wahre Christ ist der Feind seiner selbst und des Menschengeschlechts; um seiner eigenen Sicherheit willen müßte er wie eine Eule leben und sich niemals sehen lassen. Seine Religion macht sein Wesen ungesellig, er kommt sich selbst überflüssig vor und fällt den anderen zur Last. Was soll die Gesellschaft mit einem Menschen anfangen, der sich ständig fürchtet und grämt, der unablässig betet und nachsinnt? Welches Ziel kann sich ein frommer Mensch setzen, der eine verderbte Welt fliehen, ihre Würden und Reichtümer, durch die ihm die Verdammnis droht, verabscheuen und sich die Vergnügungen versagen muß, die Gott nicht ohne Zorn und Eifersucht sieht?

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Was folgt aus diesen Grundsätzen einer fanatischen Moral? Daraus folgt das gleiche wie aus den allzu strengen Gesetzen, die zwar jedermann anerkennen muß, nach denen sich jedoch niemand richtet. Man hat bisweilen die Frage gestellt, ob eine Gesellschaft von Atheisten von Bestand sein könne; mit weit mehr Recht könnte man fragen, ob sich eine Gesellschaft wahrer Christen lange Zeit erhalten könne.

Was sollte aus einem Volk werden, dessen Menschen alle vollkommen sein wollten und sich nur der Beschaulichkeit, der Buße, dem Gebet widmeten; in dem ein jeder Reichtümer, Ansehen, Größe und Würde fliehen würde; in dem niemand ans Morgen dächte; in dem sich jedermann einzig mit dem Himmel beschäftigte und völlig all das vernachlässigte, was mit einem vergänglichen oder vorübergehenden Leben in Zusammenhang steht; in dem jeder sich das Zölibat als Verdienst anrechnete; in dem niemand die Muße hätte, seinesgleichen Hilfe zu gewähren, weil er seinen Religionsübungen nachgehen müßte? Es ist evident, daß eine solche Gesellschaft in einer Einöde leben und bald zugrunde gehen müßte. Wenn uns einige Klöster Beispiele eines solchen Eifers zeigen, so können sie das nur deshalb tun, weil die Bedürfnisse der Fanatiker, die in diesen Häusern wohnen, mit Hilfe der Gesellschaft befriedigt werden können. Aber wer würde die Bedürfnisse eines ganzen Volkes befriedigen, das nur an den Himmel dächte?

Ziehen wir die Schlußfolgerung, daß die christliche Religion für diese Welt nicht geschaffen ist; sie kann weder die Gesellschaften noch die Individuen glücklich machen; die Gebote und die Ratschläge eines Gottes sind unausführbar und vermögen die Menschen eher zu entmutigen und in Verzweiflung und Apathie zu stürzen, als daß sie diese glücklich, tätig und tugendhaft machen. Ein Christ muß die Grundsätze seiner Religion aufgeben, wenn er in dieser Welt leben will. Er hört auf, wahrhaft Christ zu sein, wenn er für sein eigenes Glück wirkt; er verliert den Himmel aus den Augen, wenn er an dasjenige seiner Mitmenschen denkt; er läuft Gefahr, seinen Gott zu beleidigen, wenn er Begierden

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hat, wenn er in der Gesellschaft lebt, die nur geeignet ist, seine Leidenschaften zu reizen, und wenn er sich Vergnügungen erlaubt. Mit einem Wort: ein guter Christ ist ein Mensch der künftigen Welt; für unsere Welt ist er nicht geschaffen.

Daher sehen wir, daß die Christen, wenn sie Menschen sein wollen, ständig gezwungen sind, ihre übernatürlichen und göttlichen Spekulationen außer acht zu lassen. Ihre unterdrückten Leidenschaften sind aber deshalb noch nicht erloschen; sie werden vielmehr häufig noch stärker und vermögen in der Gesellschaft um so größere Unruhe zu stiften. Da sie sich unter dem Schleier der Religion verbergen, bringen sie gewöhnlich nur um so schrecklichere Wirkungen hervor. Ehrgeiz, Rachsucht, Grausamkeit, Zorn, Verleumdung, Neid, die sich mit dem wohlklingenden Namen des Eifers umhüllen, werden dann Ursache der größten Verwüstungen; sie kennen keine Grenzen und täuschen selbst die von den unheilvollen Leidenschaften mitgerissenen Menschen. Denn die Religion zerstört in den Herzen der Frommen die Leidenschaften keineswegs, häufig rechtfertigt sie diese, und die Erfahrung beweist uns, daß die besten Christen bei weitem nicht die besten Menschen sind und daß sie gar kein Recht haben, den Ungläubigen die angeblidien Folgen ihrer Prinzipien oder die Leidenschaften vorzuwerfen, die Anlaß zur Ungläubigkeit sein sollen.

In der Tat, die Liebe der friedlichen Diener der Religion und ihrer frommen Anhänger hindert sie nicht daran, ihre Gegner in der Absicht anzuschwärzen, sie verhaßt zu machen und das öffentliche Strafgericht gegen sie heraufzubeschwören; ihr Eifer für den Ruhm Gottes erlaubt ihnen, ohne Unterschied alle Arten von Waffen anzuwenden; besonders die Verleumdung ist für sie jederzeit eine sehr große Hilfe. Ihrer Meinung nach führen lediglich die Ausschweifungen des Herzens zur Ungläubigkeit; man schwöre der Religion nur ab, um seinen Leidenschaften freien Lauf zu lassen; Ungläubigkeit setzt nach ihrer Auffassung immer ein verderbtes Herz, gelockerte Sitten, schreckliche Zügellosigkeit

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voraus. Mit einem Wort, sie behaupten, jeder Mensch, der sich weigere, sich ihre Träumereien oder ihre wunderbare Moral zu eigen zu machen, könne keine Beweggründe haben, Gutes zu tun; dagegen habe er sehr mächtige Beweggründe, Schlechtigkeiten zu begehen.

Auf diese Weise stempeln unsere mitleidsvollen Gottesgelehrten die Feinde ihrer Macht zu gefährlichen Verbrechern, die die Gesellschaft in ihrem eigenen Interesse ächten und vernichten müsse. Diesen Beschuldigungen zufolge sind diejenigen die unvernünftigsten Menschen, die auf das Vorurteil verzichten, um die Vernunft zu befragen; sind diejenigen schlechte Staatsbürger, die die Religion auf Grund der Verbrechen verurteilen, zu denen sie auf Erden anstiftet oder denen sie stets als Vorwand dient; sind diejenigen die Ruhestörer der Völker, die sich über die Unruhen beklagen, die von zanksüchtigen Priestern so oft hervorgerufen wurden; haben diejenigen, die angesichts der unmenschlichen und ungerechten Verfolgungen zittern, die durch den Ehrgeiz und die Schurkereien der Priester ausgelöst wurden, keine Idee von der Gerechtigkeit und müssen notwendigerweise die Gefühle der Menschlichkeit in sich selbst ersticken. Daraus folgt weiterhin, daß diejenigen, die die falschen und trügerischen Beweggründe nicht anerkennen, die man bisher so vergeblich in der künftigen Welt hat suchen wollen, um die Menschen zur Tugend, zur Rechtlichkeit, zur Wohltätigkeit anzuhalten — daß diejenigen, sage ich, keine realen Beweggründe mehr haben, um auf Erden die für ihre eigene Sicherheit notwendigen Tugenden auszuüben. Schließlich folgt daraus, daß alle, die die geistliche Tyrannei und die für die Herrscher und für die Untertanen gefährlichen Betrügereien zerstören wollen, Staatsfeinde sind, die ohne weiteres durch die Gesetze bestraft werden müßten.

Ich glaube, daß Sie jetzt völlig davon überzeugt sein werden, daß die wahren Freunde des Menschengeschlechts und der Fürsten nicht die Freunde der Religion oder der Priester sein können. Welches auch die Beweggründe oder die

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Leidenschaften sein mögen, die einen Menschen zur Ungläubigkeit bestimmen, welches auch die Prinzipien sein mögen, die sich aus ihr ableiten — sie können nicht so schädlich sein wie jene Prinzipien, die sich direkt und notwendigerweise aus einer so widersinnigen und so wilden Religion wie der christlichen ergeben. Die Ungläubigkeit gründet ihre Rechte nicht auf die Gottheit, sie maßt sich nicht an, über das Gewissen zu herrschen, sie sucht keinen Vorwand, die Geister zu knebeln oder jemanden wegen seiner Überzeugungen zu hassen, es sei denn, diese Überzeugungen äußerten sich in einer für das praktische Leben gefährlichen Weise. Mit einem Wort, die Ungläubigen haben keine Unmenge von Beweggründen, Interessen und Vorwänden zur Hand, auf Grund deren sie Schaden stiften könnten; dagegen sind die eifernden Anhänger der Religion reichlich mit solchen versehen. Ein Ungläubiger, der Macht besitzt, wäre weder ungerechter noch bösartiger als ein Frommer, der Macht besitzt und der es für seine Pflicht hält, zu verfolgen.

Ein nachdenkender Ungläubiger erkennt, daß er, ohne den Bereich dieser Welt verlassen zu müssen, zwingende und reale Beweggründe hat, die ihn bestimmen, Gutes zu tun; er sieht ein, daß er Interesse daran hat, sich selbst zu erhalten und all das zu meiden, was ihm zu schaden vermag; er sieht sich durch seine physischen Bedürfnisse einig mit Menschen, die ihn verachten werden, wenn er Laster hat; die ihn verabscheuen werden, wenn er sich einer Handlung schuldig macht, die der Gerechtigkeit oder der Tugend widerspricht; die ihn bestrafen werden, wenn er Verbrechen begeht oder wenn er Gesetze verletzt. Die Idee des Anstan-des und der Ordnung, das Verlangen nach der Anerkennung durch seine Mitbürger, die Furcht vor Tadel und Strafen sind ausreichend, um jeden vernünftigen Menschen im Zaum zu halten. Ist er wahnsinnig, so kann ihn alle Gläubigkeit der Welt nicht bändigen; ist er so mächtig, daß er hienieden nichts zu befürchten hat und eich über die Meinung der Menschen hinwegsetzen kann, so wird er vor der göttlichen Meinung nicht mehr Furcht haben als vor dem Haß und vor der Verachtung der Richter, die er unmittelbar vor Augen hat.

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Man wird uns vielleicht sagen, die Furcht vor einem rächenden Gott trage wenigstens zur Verhütung sehr vieler heimlicher Verbrechen bei, die man sich erlauben würde, wenn die Religion nicht wäre. Aber verhindert denn die Religion jene heimlichen Verbrechen? Beherbergen die christlichen Völker nicht sehr viele Schurken aller Schattierungen, also solche Menschen, die auf das Verderben ihrer Mitbürger sinnen? Gestatten sich die anscheinend gläubigsten Menschen nicht eine Unzahl von Lastern, deren sie sich zu schämen hätten, wenn sie durch Zufall aufgedeckt würden? Der Mensch, der völlig davon überzeugt ist, daß Gott alle seine Handlungen sieht, schämt sich häufig nicht, im geheimen Dinge zu begehen, die er sich vor einem noch so erbärmlichen Menschen nicht herausnehmen würde.

Wie steht es also um den so mächtigen Zügel, den die Religion den Leidenschaften anlegt? Wollte man den Reden unserer Priester glauben, so könnte es scheinen, daß es in den Ländern, in denen man auf ihre Lehren hört, weder öffentliche noch geheime Verbrechen gibt; man würde jene Priester selbst für Engel halten, und jeder religiöse Mensch wäre ein fehlerloser Mensch. Wir vergessen unsere religiösen Spekulationen immer dann, wenn uns heftige Leidenschaften treiben, wenn wir durch die Bande der Gewohnheit gefesselt sind oder wenn wir durch große Interessen geblendet werden; in diesem Fall überlegen wir nicht mehr. Ein Ungläubiger kann sehr starke Leidenschaften haben; er kann über die Religion sehr richtig und über sein eigenes Verhalten sehr schlecht urteilen. Wer alles glaubt, hat einen schlechten Verstand; wenn er außerdem schlecht handelt, so ist er zugleich töricht und bösartig.

Zwar sprechen unsere Priester den Ungläubigen den Vorzug ab, richtig urteilen zu können; sie behaupten, man urteile immer sehr schlecht, wenn man der Vernunft den Vorzug vor der priesterlichen Autorität gibt. Aber in dieser

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Beziehung sind sie offensichtlich voreingenommen und parteiisch; die Frage soll von solchen Menschen beantwortet werden, die sich nicht von irgend­welchen Interessen leiten lassen. Indessen scheinen die Priester selbst die Zuverlässigkeit ihrer Urteile anzuzweifeln; sie rufen für ihre Beweisführungen den weltlichen Arm zu Hilfe; sie treiben mit Peitschenhieben ins Paradies; sie erleuchten die Menschen mit dem Licht der Scheiterhaufen; sie schärfen den Glauben mit gewaltigen Schwerthieben ein; sie sind so feige, daß sie Menschen herausfordern, die sich nicht zeigen können, ohne den Häschern in die Hände zu fallen. Ein solches Verhalten deutet nicht darauf hin, daß diese Leute von der Stärke ihrer Beweisführungen sehr überzeugt sind. Würden unsere Theologen, wenn sie aufrichtig wären, nicht die freie wissenschaftliche Auseinandersetzung zulassen? Würden sie Diskussionen verbieten? Müßten sie nicht begeistert sein, wenn man ihnen schwierige Fragen stellte, deren Beantwortung, wäre ihr System wahr, nur zu seiner Festigung beitragen könnte? Sie glauben sicherer zu gehen, wenn sie ihre Gegner so behandeln, wie es die mexikanischen Priester taten, als sie Sklaven binden ließen, um mit ihnen zu kämpfen und um sie dann zu töten, weil sie gewagt hatten, sich mit ihnen zu messen.

Wie dem auch sei, es ist durchaus möglich, daß sich ein Ungläubiger tadelnswert verhält. Dann steht er, was sein Urteilsvermögen betrifft, mit dem Frommen auf gleicher Stufe. Die fanatischsten Parteigänger der Religion müssen zugeben, daß sich unter ihren Anhängern nur eine kleine Anzahl Erwählter oder solcher Leute befindet, die durch die Religion tugendhaft geworden sind. Mit welchem Recht verlangen sie also von der Ungläubigkeit, die nichts Übernatürliches anerkennt, Wirkungen, die nach ihrem eigenen Geständnis auch von der Religion nicht hervorgerufen werden? Wären alle Gläubigen rechtschaffene Menschen, so hätte die Sache der Religion gänzlich gesiegt; zumal wenn die Ungläubigen stets sittenlose und lasterhafte Leute wären. 

Aber unsere Priester mögen sagen, was sie wollen, es gibt Ungläu-

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bige, die tugendhafter sind als sehr fromme Menschen. Ein glückliches Temperament, eine rechtschaffene Erziehung, das Verlangen, in Frieden zu leben, die Furcht, gehaßt und getadelt zu werden, die Gewohnheit, Gutes zu tun, sind stets Beweggründe, die mächtiger und wahrer sind als die, welche uns die Religion zur Vermeidung des Lasters und zur Ausübung der Tugend gibt. Überdies hat der Ungläubige nicht die Unzahl von Zufluchtsmöglichkeiten, die die Religion dem Abergläubischen eröffnet. Der Abergläubische kann sich, sobald er seine Verbrechen sühnen will, mit Gott versöhnen und sein Gewissen in Ruhe wiegen; der Ungläubige, der Böses getan hat, kann sich weder mit der Gesellschaft, die er beschimpft hat, noch mit sich selber aussöhnen, weil er sich hassen muß. Wenn er keine Belohnungen in der künftigen Welt erwartet, so hat er um so mehr Interesse, sowohl das Lob zu verdienen, das man in gesitteten Ländern der Tugend, der Rechtschaffenheit und einem stets ehrenhaften Verhalten spendet, als auch die Strafen und die Verachtung zu meiden, denen die Gesellschaft diejenigen preisgibt, die ihr Wohlergehen beeinträchtigen oder die sich weigern, es zu vermehren.

Offensichtlich muß jeder Mensch, der seine Vernunft zu Rate zieht, vernünftiger sein als der, welcher sich nur von seiner Einbildungskraft beraten läßt. Es ist evident, daß derjenige, welcher seine eigene Natur und die der ihn umgebenden Wesen um Rat fragt, bessere Ideen von Gut und Böse, von Recht und Unrecht, von Rechtschaffenheit und Ehrlosigkeit hat als derjenige, welcher sich in seinem Verhalten nur von den Orakeln eines verborgenen Gottes leiten läßt, den seine Priester als bösartig, ungerecht, wechselhaft und sich selbst widersprechend hinstellen und der bisweilen Handlungen befohlen hat, die der Moral und allen Ideen, die wir von der Tugend haben, völlig entgegengesetzt sind. Es ist evident, daß derjenige, der sich gemäß der priesterlichen Moral verhält, nur der Laune und den Leidenschaften seiner Priester folgen und häufig ein sehr schädlicher Mensch sein wird, obwohl er sich für sehr tugendhaft hält.

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Schließlich ist es evident, daß man, den Geboten und den Ratschlägen der Religion folgend, sehr fromm sein kann, ohne auch nur das geringste Maß von Tugend zu besitzen. Die Erfahrung beweist uns, daß es durchaus möglich ist, sich blindlings alle die unbegreiflichen Dogmen unserer Priester zu eigen zu machen, sehr gewissenhaft alle die von ihnen vorgeschriebenen Übungen zu befolgen, sich nach außen hin zu allen christlichen Tugenden zu bekennen, ohne nur eine der Eigenschaften zu haben, die für unser eigenes Glück und für das der Wesen, mit denen wir in Gemeinschaft leben, notwendig sind. 

Auch die Heiligen, die man uns als Vorbilder hinstellt, bringen der Gesellschaft nicht den geringsten Nutzen; wir sehen, daß sie nichts anderes sind als finstere Fanatiker, die sich den trübseligen Ideen ihrer Religion geopfert haben, oder wilde Fanatiker, die unter dem Vorwand, dieser Religion zu dienen, ständig die Ruhe der Völker gestört haben, oder schwärmerische Gottesgelehrte, die durch vieles Nachsinnen Systeme erfunden haben, die geeignet sind, die Hirne ihrer Anhänger zu verwirren. Ist ein Heiliger ruhig veranlagt, so ist er immer nur bestrebt, sich selbst zu nützen, und ist nur darauf bedacht, sein Heil in der Weltabgeschiedenheit zu suchen. Ist ein Heiliger aber aktiv, dann benutzt er die Welt nur, um seine für die Gesellschaft unheilvollen Träumereien kundzutun und um die kirchlichen Ansprüche, die er mit den Interessen seines Gottes verwechselt, geltend zu machen.

Mit einem Wort: ich kann nicht oft genug wiederholen, das gesamte Religionssystem scheint nur zum Nutzen der Priester ausgeklügelt worden zu sein; die Moral der Christen hatte immer nur das Interesse der Geistlichkeit im Auge; alle Tugenden, die das Christentum lehrt, liegen nur im Sinne der Kirche und ihrer Diener, und diese waren immer nur bestrebt, die Völker zu unterjochen, um sich auf Kosten der Arbeit und der Leichtgläubigkeit dieser Völker bereichern zu können. Man kann zweifellos moralisch und tugendhaft sein, ohne an jenen Verschwörungen beteiligt zu sein.

Wenn die Priester jenen Menschen nicht beistimmen, die ihnen Widerstand entgegensetzen, und wenn sie den Denkern, die ihre nutzlosen oder gefährlichen Tugenden verwerfen, jede Rechtschaffenheit absprechen, so darf sich andrerseits die Gesellschaft, die zu ihrer Erhaltung menschlichere und realere Tugenden braucht, weder die Gefühle noch die Streitigkeiten jener Leute zu eigen machen, die sich offensichtlich gegen sie verbündet haben. Wenn die Diener der Religion ihre Dogmen, Mysterien und fanatischen Tugenden brauchen, um ihre unrechtmäßig angemaßte Herrschaft zu stützen, so braucht die Regierung vernünftige Tugenden, eine evidente und besonders eine friedliche Moral, um ihre legitimen Rechte auszuüben. Schließlich brauchen die Individuen, aus denen sich jede Gesellschaft zusammensetzt, eine Moral, die sie in dieser Welt glücklich macht; sie dürfen sich nicht durch die Moral verwirren lassen, die ihnen nur ein Glück in einer eingebildeten Welt verspricht, von welcher sie nur die Ideen haben, die sie von ihren Priestern erhalten.

Diese Priester waren so geschickt, ihr Religionssystem mit der Moral zu verbinden, um es geheiligter zu machen und um die Autorität zu festigen, die ihnen bereits durch ihre mysteriösen Dogmen gesichert war; mit Hilfe dieses Kunstgriffs gelang es ihnen, den Menschen einzureden, daß es ohne Religion weder Moral noch Tugend geben könne. Ich hoffe, dieses Vorurteil in meinem folgenden Brief endgültig zu zerstören und jedem, der gewillt ist nachzudenken, deutlich zu zeigen, daß die Religion zu allen Zeiten nur abstrakte, unbestimmte und trügerische Begriffe vermittelt hat, durch die häufig sogar Philosophen beeinflußt wurden, durch die bislang die Entwicklung der Moral verzögert und durch die die bestimmteste, klarste und für jeden denkenden Menschen verständlichste Wissenschaft zu einer zweifelhaften, rätselhaften und mit Schwierigkeiten angefüllten Wissenschaft herabgewürdigt wurde.

Ich bin etc.

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