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8.  Chemische Beeinflussung

Von Aldous Huxley 1958

 

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In der <schönen neuen Welt> meiner Fabel gab es keinen Whisky, keinen Tabak, kein heimlich gehandeltes Heroin, kein geschmuggeltes Kokain. Die Menschen rauchten weder, noch tranken noch schnupften sie, noch gaben sie einander Spritzen. Wann immer sich jemand niedergeschlagen oder unter pari fühlte, schluckte er eine oder zwei Tabletten eines chemischen, Soma genannten Präparats.

Das ursprüngliche Soma, von welchem ich den Namen dieses hypothetischen Rauschmittels entlehnte, war eine unbekannte Pflanze (möglicherweise Asclepias acida), welche von den alten arischen Eroberern Indiens bei einem ihrer feierlichsten religiösen Riten verwendet wurde. Der berauschende, aus den Stengeln dieser Pflanze gepreßte Saft wurde von den Priestern und Adeligen im Lauf einer umständlichen Zeremonie getrunken. In den Hymnen des Veda wird uns gesagt, daß die Somatrinker auf viele Weise gesegnet waren; ihr Körper wurde gestärkt, ihr Herz mit Mut, Freude und Begeisterung erfüllt, ihr Geist erleuchtet, und in einer unmittelbaren Erfahrung des ewigen Lebens empfanden sie die Versicherung ihrer Unsterblichkeit. 

Aber der geheiligte Saft hatte seine Nachteile. Soma war eine gefährliche Droge — so gefährlich, daß sogar der große Himmelsgott Indra manchmal erkrankte, wenn er sie getrunken hatte. Gewöhnliche Sterbliche konnten an einer zu großen Menge sogar sterben. Doch das Erlebnis war so überaus beseligend und erleuchtend, daß das Somatrinken für ein großes Vorrecht angesehen wurde. Für dieses Vorrecht war kein Preis zu hoch.

Das Soma der »schönen neuen Welt« hatte keinen der Nachteile seines indischen Originals. In kleineren Mengen brachte es ein Gefühl der Seligkeit, in größeren ließ es Visionen erscheinen, und wenn man drei Tabletten nahm, versank man binnen weniger Minuten in einen erfrischenden Schlaf. Und das alles ohne körperlichen oder geistigen Schaden. Die Bewohner der »schönen neuen Welt« konnten sich von ihren düsteren Stimmungen öder von den wohlvertrauten Ärgernissen des täglichen Lebens absentieren, ohne ihre Gesundheit zu opfern oder ihre Tüchtigkeit auf Dauer zu beeinträchtigen.

In der »schönen neuen Welt« war das Somanehmen kein privates Laster; es war eine politische Einrichtung, es war geradezu die Essenz von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück, gewährleistet durch die Bill of Rights. Aber dieses kostbarste aller unabdingbaren Rechte des Staatsbürgers war gleichzeitig eines der mächtigsten Beherrschungsmittel im Arsenal des Diktators. Das systematische Betäuben des einzelnen zum Wohl des Staates (und nebenbei natürlich zu seinem eigenen Genuß) war ein Hauptrequisit in der Politik der Weltaufsichtsräte. Die tägliche Somadosis war eine Versicherung gegen persönliche schlechte Anpassung, soziale Unruhe und die Verbreitung umstürzlerischer Ideen. Religion, so erklärte Marx, sei Opium fürs Volk. In der »schönen neuen Welt« war es umgekehrt. Opium, oder vielmehr Soma, war die Religion des Volkes.

Wie die Religion, so hatte diese Droge die Macht, zu trösten und zu entschädigen, sie rief Visionen einer anderen, besseren Welt hervor, sie bot Hoffnung, stärkte den Glauben und förderte die Nächstenliebe. »Bier«, so schrieb ein Dichter,

»viel besser, als Milton es getan, 
Gottes Wege rechtfertigen kann.«

Und wir dürfen nicht vergessen, daß Bier, verglichen mit Soma, ein Rauschmittel gröbster und unverläßlichster Art ist. Wenn es darum geht, Gottes Wege vor den Menschen zu rechtfertigen, dann verhält sich Soma zu Alkohol wie Alkohol zu den theologischen Argumenten Miltons.

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Im Jahre 1931, als ich von dem imaginären synthetischen Präparat schrieb, mittels dessen künftige Generationen sowohl glücklich als auch unterwürfig gemacht werden würden, bereitete der bekannte amerikanische Biochemiker Dr. Irvin Page seine Abreise aus Deutschland vor, wo er drei Jahre lang am Kaiser-Wilhelm-Institut die chemischen Prozesse des Gehirns erforscht hatte. 

»Es ist schwer zu verstehen«, schrieb Page jüngst in einer Abhandlung, »warum es so lange dauerte, bis die Wissenschaftler dahin gelangten, die chemischen Reaktionen in ihrem eigenen Gehirn zu untersuchen. Ich spreche«, fügte er hinzu, »aus eigenster persönlicher Erfahrung. Als ich 1931 heimkam ... konnte ich auf diesem Gebiet (dem der Gehirnchemie) keinen Arbeitsposten finden oder auch nur das geringste Interesse dafür erregen.« 

Heute, noch nicht dreißig Jahre später, ist das 1931 nicht vorhandene Interesse zu einer Flutwelle biochemischer und psycho-pharmakologischer Forschung angeschwollen. Die Enzyme, welche die Arbeit des Gehirns regulieren, werden eifrig erforscht. Im Körper sind bisher unbekannte chemische Substanzen wie Adrenochrom und Serotonin (deren Mitentdecker Page war) gefunden und isoliert worden, und ihre weitreichenden Wirkungen auf unsere geistigen und körperlichen Funktionen werden nun untersucht. 

Mittlerweile werden neue Drogen synthetisch hergestellt — Drogen, welche die Wirkungen verschiedener chemischer Substanzen verstärken oder korrigieren oder hindern, mittels derer das Nervensystem seine täglichen und stündlichen Wunder als Kontrollorgan des Körpers, als Werkzeug und Mittler des Bewußtseins vollbringt. Von unserem gegenwärtigen Blickpunkt gesehen, ist das Interessanteste an diesen neuen Präparaten, daß sie zeitweilig die chemische Beschaffenheit des Gehirns und den zugehörigen Geisteszustand verändern, ohne dem Organismus als Ganzem irgendeinen dauernden Schaden zuzufügen. 

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In dieser Hinsicht gleichen sie dem Soma — und ganz und gar nicht den geistesverändernden Drogen der Vergangenheit. Das klassische Beruhigungsmittel, zum Beispiel, ist Opium. Aber Opium ist eine gefährliche Droge, welche seit der neueren Steinzeit bis herauf in unsere Tage die Menschen süchtig gemacht und ihre Gesundheit ruiniert hat. Dasselbe gilt von dem klassischen Euphorikon, dem Alkohol — dem Rauschmittel, das mit den Worten des Psalms »das Herz des Menschen erfreut«. Unglückseligerweise aber erfreut der Alkohol das Menschenherz nicht nur; er verursacht, im Übermaß genossen, Krankheit und Süchtigkeit und ist seit acht- oder zehntausend Jahren die Hauptquelle von Verbrechen, häuslichem Unfrieden, sittlicher Verkommenheit und vermeidbaren Unfällen.

Unter den klassischen Anregungsmitteln sind Tee, Kaffee und Mate glücklicherweise fast völlig harmlos. Sie sind auch sehr schwache Anregungsmittel. Im Gegensatz zu diesen »Getränken, die beleben, nicht betäuben«, ist Kokain ein sehr starkes und sehr gefährliches Rauschgift. Diejenigen, die Gebrauch davon machen, müssen für ihre Ekstasen, ihr Gefühl, unbegrenzte körperliche und geistige Kräfte zu besitzen, schwer bezahlen: mit Zeiten qualvoller Niedergeschlagenheit, mit so gräßlichen körperlichen Symptomen wie der Empfindung, von Myriaden krabbelnder Insekten überlaufen zu werden, und mit Wahnvorstellungen, welche zu Gewaltverbrechen führen können. Ein anderes Stimulans eines jüngeren Jahrgangs ist das Amphetamin, besser bekannt unter seinem handelsüblichen Namen Benzedrin. Aphetamin ist sehr wirksam — aber, bei Mißbrauch, auf Kosten der geistigen und körperlichen Gesundheit. Schätzungsweise gibt es in Japan heute etwa eine Million Amphetaminsüchtige.

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Von den klassischen Visionenerzeugern sind die bekanntesten das Peyote Mexikos und der Südweststaaten der USA und der Indische Hanf, in der ganzen Welt unter dem Namen Haschisch, Bhang, Kif oder Marihuana genossen. Den besten medizinischen und anthropologischen Gewährsmännern nach ist Peyote viel weniger schädlich als des Weißen Mannes Gin oder Whisky. Es erlaubt den Indianern, welche es bei ihren religiösen Riten verwenden, ins Paradies einzugehen und sich mit der geliebten Gemeinschaft eins zu fühlen, ohne sie für dieses Vorrecht mit etwas Schlimmerem bezahlen zu lassen als der Peinlichkeit, etwas, das einen höchst widerlichen Geschmack hat, kauen zu müssen und sich ein oder zwei Stunden lang einigermaßen angeekelt zu fühlen.

Cannabis indica ist eine weniger unschuldige Droge — wenngleich nicht annähernd so schädlich, wie die Sensationskrämer uns glauben machen möchten. Der Ärzteausschuß, den 1944 der Bürgermeister von New York zur Untersuchung des Marihuanaproblems einsetzte, kam nach sorgfältiger Untersuchung zu dem Schluß, Cannabis indica sei keine ernsthafte Bedrohung der Gesellschaft oder auch nur der Leute, die sich seinem Genuß hingeben. Es sei bloß ein öffentliches Ärgernis. 

Von diesen klassischen Geistveränderern gehen wir nun zu den neuesten Produkten der psycho-pharmakologischen Forschung über. Am meisten in der Öffentlichkeit angepriesen werden unter diesen die drei neuen Beruhigungsmittel Reserpin, Chlorpromazin und Meprobamat. Bei gewissen Klassen von Psychopathen angewendet, haben sich die beiden ersten als bemerkenswert wirksam erwiesen, nicht indem sie Geisteskrankheit heilen, sondern indem sie deren unangenehmere Symptome, zumindest zeitweilig, zum Schwinden bringen. Meprobamat (auch Miltown genannt) erzielt ähnliche Wirkungen bei Patienten, welche an verschiedenen Formen von Neurose leiden. Keines dieser Mittel ist völlig harmlos; aber ihr Preis, in körperlicher Gesundheit und geistiger Leistungsfähigkeit ausgedrückt, ist außerordentlich gering.

In einer Welt, in welcher niemand etwas umsonst bekommt, bieten Beruhigungsmittel sehr viel für sehr wenig. 

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Miltown und Chlorpromazin sind noch nicht Soma; aber sie kommen gewissen Eigenschaften dieses mythischen Präparats ziemlich nahe. Sie gewähren zeitweilige Befreiung von nervöser Spannung, ohne in der großen Mehrzahl der Fälle dauernden organischen Schaden zuzufügen und ohne mehr als eine ziemlich leichte Beeinträchtigung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten während ihrer Wirkung zu verursachen. Ausgenommen als Narkotika, sind sie wahrscheinlich den Barbituraten vorzuziehen, welche die scharfe Schneide des Geistes abstumpfen und, in großen Mengen genommen, eine Anzahl unerwünschter psycho-physischer Symptome hervorrufen und zu ausgesprochener Süchtigkeit führen können. 

Mit dem LSD-25 (Lysergsäurediäthylamid) haben die Pharmakologen jüngst einen anderen Eigenschaftskomplex des Somas geschaffen — einen Wahrnehmungs­verbesserer und Visionenerzeuger heißt das, welcher, physiologisch gesprochen, fast risikolos ist. Dieses bemerkenswerte Präparat, das schon in so kleinen Dosierungen wie 50 oder sogar nur 25 Millionsteln eines Gramms wirksam ist, vermag (gleich dem Peyote) Menschen in eine andere Welt zu versetzen. In der Mehrzahl der Fälle ist diese Welt, zu der LSD-25 Zutritt verschafft, himmlisch; in einigen kann sie fegefeuergleich oder sogar höllisch sein. Aber ob positiv oder negativ, das Lysergsäureerlebnis wird fast von jedermann, der sich ihm unterzieht, als hochbedeutsam und erleuchtend empfunden. Auf jeden Fall ist die Tatsache, daß der Geist so gründlich und mit so wenig Kosten für den Körper verändert werden kann, ganz und gar erstaunlich.

Mein Soma war nicht nur ein Visionen hervorrufendes und ein beruhigendes Mittel; es war auch (und zweifellos unmöglicherweise) ein Stimulans für Geist und Körper und bewirkte sowohl aktive Euphorie als auch die negative Glückseligkeit, die der Befreiung von Angst und Spannung folgt.

Das ideale, kräftige, aber unschädliche Anregungsmittel erwartet noch seine Entdeckung. 

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Amphetamin ist, wie wir gesehen haben, noch lange kein befriedigendes; es fordert einen zu hohen Preis für das, was es bietet. Ein mehrver­sprechender Kandidat für die Rolle des Somas in dessen dritter Funktion ist Iproniazid, das heute dazu verwendet wird, deprimierte Kranke ihrem Elend zu entreißen, apathische zu beleben und im allgemeinen die verfügbare seelische Energie aller zu vermehren. 

Noch mehr verspricht, dem Zeugnis eines hervorragenden Pharmakologen meiner Bekanntschaft nach, ein neues Präparat, welches sich noch im Versuchsstadium befindet und Deaner heißen wird. Deaner ist ein Amino-Alkohol, von dem angenommen wird, daß es die Erzeugung von Azetylcholin im Körper steigert und dadurch auch die Tätigkeit und Leistungsfähigkeit des Nervensystems. Wer die neue Pille schluckt, braucht weniger Schlaf, fühlt sich frischer und zuversichtlicher, denkt schneller und besser — und das alles, zumindest auf kurze Dauer, fast ohne organische Risiken. 

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein.

Wir sehen also, daß es zwar mein Soma noch nicht gibt (und wahrscheinlich nie geben wird), daß aber ziemlich gute Ersatzmittel für die verschiedenen Wirkungen des Somas schon entdeckt worden sind. Es gibt heute physiologisch billige Beruhigungsmittel, physiologisch billige Visionen­erzeuger und physiologisch billige Anregungsmittel. 

Daß ein Diktator, wenn er wollte, zu politischen Zwecken von diesen Präparaten Gebrauch machen könnte, liegt auf der Hand. Er könnte sich gegen politische Unruhen sichern, indem er den chemischen Zustand der Gehirne seiner Untertanen änderte und sie so mit ihrem Sklavendasein aussöhnte. Er könnte Beruhigungsmittel benutzen, um die Aufgeregten zu beschwichtigen, Anregungsmittel, um Begeisterung in den Gleichgültigen zu erwecken, und halluzinatorische Mittel, um die Aufmerksamkeit der Elenden von ihrem Elend abzulenken. Aber wie, so fragt man sich wohl, wird der Diktator seine Untertanen dahin bringen, diese Pillen zu schlucken, die sie so denken, fühlen und handeln machen werden, wie er für wünschenswert erachtet? Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es genügen, diese Pillen bloß erhältlich zu machen. 

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Heutzutage sind Alkohol und Tabak allgemein erhältlich, und die Menschen geben beträchtlich mehr für diese sehr unbefriedigenden Euphorika, Pseudostimulantien und Sedativa aus, als sie für die Erziehung ihrer Kinder auszugeben bereit sind. 

Oder man betrachte die Barbiturate und die Beruhigungsmittel. In den USA sind diese Präparate nur auf ärztliche Verschreibung erhältlich. Aber die Nachfrage des amerikanischen Publikums nach etwas, das das Leben in einer städtisch-industriellen Umwelt ein wenig erträglicher machen würde, ist so groß, daß die Ärzte nun Rezepte für die verschiedenen Beruhigungsmittel bis zur Summe von achtundvierzig Millionen im Jahr schreiben. Überdies wird die Mehrzahl dieser Rezepte mehr als einmal ausgefertigt. Ein Hundert Dosierungen von Glückseligkeit ist nicht genug: Laß aus dem Drugstore noch eine Flasche holen — und, wenn die zu Ende ist, wieder eine... Fest steht, daß Beruhigungsmittel, wenn sie so leicht und billig zu kaufen wären wie Aspirin, nicht, wie gegenwärtig, millionenweise verbraucht würden, sondern milliardenweise. 

Und ein gutes, billiges Anregungsmittel wäre fast ebenso beliebt. Unter einer Diktatur würden bei jeder Veränderung der Umstände die Apotheker angewiesen werden, ihre Tonart zu ändern. In Zeiten nationaler Krise wäre es ihre Aufgabe, den Verkauf von Anregungsmitteln zu steigern. Zwischen Krisen aber könnten zuviel Lebhaftigkeit und Energie der Untertanen dem Tyrannen recht unangenehm werden. In solchen Zeiten würden die Massen dringend ermahnt werden, beruhigende und Visionen erzeugende Mittel zu kaufen. Unter dem Einfluß dieser Beschwichtigungssirupe würden sie ganz gewiß ihrem Herrn und Meister keine Unannehmlichkeiten bereiten.

Wie die Dinge heute liegen, können Beruhigungsmittel manche Leute daran hindern, nicht nur ihren Herrschern, sondern auch sich selbst genug Unannehmlichkeiten zu bereiten. Zu viel Spannung ist ein Krankheitszustand; das gilt aber auch für zu wenig Spannung. Es gibt gewisse Gelegenheiten, wo wir angespannt sein sollten, wo ein Übermaß an Gelassenheit (und besonders einer von außen, durch ein chemisches Präparat aufgezwungenen Ruhe und Gelassenheit) völlig unangebracht ist.

Bei einer unlängst veranstalteten Konferenz über Meprobamat, an welcher ich teilnahm, schlug ein berühmter Biochemiker scherzweise vor, die Regierung der USA sollte den Sowjetvölkern fünf Milliarden Portionen dieses beliebtesten Beruhigungsmittels zum Geschenk machen. Der Scherz hatte auch seine ernste Seite. Aus einem Wettstreit zwischen zwei Völkern, von denen das eine unaufhörlich durch Drohungen und Versprechungen erregt und beständig durch einseitige Propaganda gelenkt wird, während das andere nicht weniger beständig durch Fernsehen abgelenkt und durch Miltown beruhigt wird — welcher der beiden Gegner wird da wohl eher als Sieger hervorgehen? 

Nicht nur beruhigend, halluzinierend und stimulierend wirkte das Soma meiner Fabel, es vermochte auch die Beeinflußbarkeit zu erhöhen und konnte so dazu verwendet werden, die Wirkungen der Regierungs­propaganda zu verstärken. Mehrere Präparate, welche bereits in der Pharmakopoe stehen, können, weniger wirksam und mit größeren physiologischen Risiken, für denselben Zweck verwendet werden. Da gibt es zum Beispiel das Scopolamin, den Wirkstoff des Bilsenkrauts, in großen Mengen ein starkes Gift; da gibt es ferner Pentothai und Natriumamytal. Pentothal, aus irgendeinem wunderlichen Grund »das Wahrheitsserum« genannt, ist von der Polizei verschiedener Länder dazu benutzt worden, widerspenstigen Verbrechern Geständnisse zu entlocken (oder sie ihnen vielleicht zu suggerieren).

Pentothai und Natriumamytal senken die Schranke zwischen Bewußtsein und Unterbewußtsein und sind von Bedeutung bei der Behandlung von »Kampfmüdigkeit« mittels eines Verfahrens, das in England als »Abreagierungstherapie«, in den USA als »Narkosynthese« bekannt ist.

Es wird behauptet, daß diese Präparate manchmal von den Kommunisten verwendet werden, wenn sie wichtige Häftlinge für das öffentliche Erscheinen im Gerichtssaal vorbereiten.

Mittlerweile sind Pharmakologie, Biochemie und Neurologie auf dem Vormarsch, und wir können ganz gewiß sein, daß sie im Lauf der nächsten paar Jahre neue und bessere chemische Verfahren entdecken werden, die Beeinflußbarkeit zu erhöhen und psychische Widerstände herabzusetzen. Wie alles andere, können auch diese Entdeckungen zum Guten oder zum Schlechten verwendet werden. Sie können den Psychiater bei seinem Kampf gegen die Geisteskrankheiten unterstützen, sie können aber auch dem Diktator bei seinem Kampf gegen die Freiheit helfen.

Wahrscheinlich werden sie (da die Wissenschaft göttlich unparteiisch ist) beides tun, versklaven und befreien, heilen und gleichzeitig vernichten.

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