Teil 1   

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1.9  Das Militärwesen der USSR        Von  XXX

 

detopia-2007: Der Moskauer Iljin-Fachmann Dr. Daniel Tsygankov schrieb (mir), XXX wäre vermutlich "ein weißer General - wie Petr Krasnov oder Alexey von Lampe".

 

 

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Krieg und Wehrmacht    

Die prinzipielle Verneinung des Pazifismus und die scharfe Unterscheidung zwischen dem Kriegs- und Rüstungs­recht der Bourgeoisie einerseits und dem des Proletariats andererseits — bilden die Grundsätze der kommunistischen Militär-Doktrin. 

Die Kommunisten erkennen die Notwendigkeit der Rüstungen an, aber nur für sich allein. Gewisse Kriege betrachten sie nicht nur als gesetz- und zweckmäßig, sondern sogar als erwünscht. 

"Die Geschichte weist Kriege auf, die ungeachtet der mit jedem Kriege unvermeidlich verbundenen Schrecken, des Elends und der Qualen fortschrittlich, d.h. für die Entwicklung der Menschheit von Nutzen waren".1) 

So sind z.B. die Napoleonischen Kriege nützlich gewesen; wenn sie auch "Plünderung und Eroberung fremder Länder durch die Franzosen mit sich brachten, so ändert das an der historischen Bedeutung dieser Kriege nichts, weil sie den Feudalismus und Absolutismus zerrütteten und erschütterten".2)  

Gleichfalls halten die Kommunisten alle Bürgerkriege für nützlich und notwendig, ebenso wie Kriege eines proletarischen Staates gegen die bürgerlichen. Selbstverständlich gilt dabei als proletarisch nur ein von Kommunisten regierter Staat.

Bei einem Kriege zwischen zwei bürgerlichen Staaten ist das Proletariat dazu berufen, alles daranzusetzen, um diesen "imperial­istischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln".

Von diesem Standpunkt aus ist jeder Krieg zwischen "Imperialisten" erwünscht, denn "während die Kommunisten den imperial­istischen Krieg von ganzer Seele hassen, müssen sie sich doch freuen, daß dieser Krieg Millionen und aber Millionen die Waffe in die Hand drückt".3)

Indem also die Kommunisten die Losung: "Verwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg" in den Vordergrund rücken, müssen sie auch den Defaitismus dem Proletariate der bürgerlichen Staaten auf die Fahne schreiben. Dieser wurde zu einem der Grundprinzipien ihrer Kriegslehre.

1)  Entnommen dem Aufsatz "Wojna i Leninism" (Krieg und Leninismus) in der Zeitschrift "Woennij Westnik", Nr. 28, 1924.

2)  Ebendaselbst.    3)  Zeitschrift "Kommunistitscheskij international", Nr. 50, 1927.


Allerdings halten es die Kommunisten für notwendig zu unterstreichen, daß sie, indem sie den Defaitismus im bürgerlichen Staate predigen, damit keinesfalls eine Vaterlands­verteidigung verneinen, sobald dies Vaterland "sozialistisch, proletarisch wird".4)

Das sind die wichtigsten Grundzüge der kommunistischen Doktrin auf dem Gebiete des Wehrproblems. Dementsprechend ist auch ihre Ansicht über das Rüstungsrecht zwiefach. Die Rüstungen der "proletarischen" Staaten sind nützlich und fortschrittlich. "Im bürgerlichen Staate dagegen ist jede Armee, ob Berufs- oder Volkswehr, als ein Unterdrückungsapparat" anzusehen, und deshalb "sind die Kommunisten grundsätzliche Gegner einer jeglichen militärischen Organisation im kapitalistischen Staat".5)

Dabei werden als proletarische Staaten, wie gesagt, nur solche betrachtet, in denen die Herrschaft den Kommunisten gehört. In dieser Hinsicht ist das Verhalten der Kommunisten zur Österreichischen Bundeswehr durchaus charakteristisch. Sie stellen fest, daß diese Armee "ihrer Zusammenstellung nach keineswegs reaktionär ist, denn maßgebend für die Aufnahme in diese Armee ist nicht eine reaktionäre, sondern eine republikanische Gesinnung. Die überwiegende Mehrzahl bilden in dieser Armee die Sozial­demokraten. Diese Armee ist vor der großen Masse verhältnismäßig wenig isoliert, ihr steht das politische Wahlrecht frei, und folglich kann sie sich am politischen Leben beteiligen; sie ist berufsmäßig organisiert, und sogar die Kommunisten können in ihr verhältnismäßig ungehindert arbeiten".6) - Trotz alledem gilt diese Armee nicht als "proletarisch". Die Kommunisten betrachten sie als eine negative Erscheinung und behaupten sogar, sie wäre "als ein Söldnerheer dem Proletariate viel gefährlicher als eine auf der allgemeinen Wehrpflicht aufgebaute Armee",7) wie z.B. die italienische oder die französische.

Als einzige daseinsberechtigte Armee gilt den Kommunisten letzten Endes nur die Rote Armee, die Wehrmacht der Sowjetunion; doch auch nur solange, als die kommunistische Partei in ihr die Oberhand behält. "Wenn die Sowjets ohne Kommunisten einer Konterrevolution gleichzustellen sind, so ist die Rote Armee ohne Kommunisten gleichfalls Konterrevolution'".8) Alle anderen Armeen müssen folglich abgeschafft, entwaffnet oder durch kommunistische Propaganda zersetzt werden. -

4)  Ebendaselbst.   5)  Ebendaselbst.    6)  Ebendaselbst.   7)  Ebendaselbst.    8)  "Wojna i revoluzia", 1927, Nr. 2.

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"Unsere Losung" — erklärt die <Kommunistische Internationale> — "muß lauten: Ausrüstung des Proletariats, damit es die Bourgeoisie besiegen, enteignen und entwaffnen kann." Erst nachdem dies geschehen sein wird, darf das Proletariat, "ohne seiner historischen Mission untreu zu werden, jegliche Munition zum alten Eisen werfen". Und das wird zweifellos geschehen, doch auf keinen Fall eher, als das Proletariat den endgültigen Sieg davongetragen hat.9

 

   Die Zersetzungsstrategie des Kommunismus   

Bei künftigen bewaffneten Zusammenstößen kapitalistischer Staaten beabsichtigen die Kommunisten neben den üblichen Kampf­mitteln auch politische Maßnahmen zu ergreifen: zersetzende Propaganda ihrer Agenten und der besonders zu diesem Zweck geschaffenen Organisationen. Zu der "Zertrümmerungs­strategie" Napoleons und der "Erschöpfungsstrategie" Fochs gesellt sich als dritte die kommunistische "Zersetzungs­strategie" (Lenin).

Die "Prawda"10) brachte einst die Mythe vom Medusenhaupt, das Perseus auf seinem Schild trug, und das so schrecklich aussah, daß seine Feinde zu Stein erstarrten und schutzlos seinen Schwertstreichen ausgeliefert waren. Zu einem solchen Medusenhaupt soll, den Kommunisten zufolge, künftighin die politische Propaganda werden: diese soll die Bourgeoisie lähmen und die militärischen Operationen der "proletarischen" Kräfte etwa zu einer Vergnügungstour in der Richtung auf Berlin, Warschau oder Kalkutta gestalten.

Die politische Kriegspropaganda der Kommunisten hatte einen Höhepunkt während des russischen Bürgerkrieges erreicht. Sie gestaltete sich damals zur mächtigsten Waffe der Roten Armeen und führte den Sieg derselben herbei. Der Versuch, die Propaganda auch 1920 zur Zersetzung der polnischen Armee anzuwenden, ergab keinen vollen Erfolg. Der bürgerliche Patriotismus des soeben wiederaufgerichteten Polen war stärker als das Revolutions­gespenst des Medusenhauptes.

Die Kommunisten selbst erklärten diesen Mißerfolg durch ungenügende Vorbereitung der politischen Basis in Polen. Das veranlaßte sie, ihre militärischen und politischen Organisationen in sämtlichen kapitalistischen Ländern zu verstärken und auszubauen.

Zur Zeit verfügt der Kommunismus in allen Ländern über einen großen und gut organisierten Apparat, der von Moskau aus geleitet wird, und jede Anweisung von dort in blindem Gehorsam ausführt. Dieser Apparat besteht: 1. aus den kommunistischen Parteien und deren Jugendbünden; 2. aus besonderen militärisch-kommunistischen Organisationen, wie z.B. dem Rotfront-Bund (Deutschland und Österreich), dem Arbeiterschutz (Schweiz), der Arbeiterlegion (England) usw.;

9)  "Kommunistitscheskij International", 1928, Nr. 15, S. 7.     10)  "Prawda" vom 1.V.1927.

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3. aus verschiedenen halbkommunistischen Hilfsorganisationen. die die Möglichkeit bieten, zugunsten des Kommunismus auch solche Schichten und Kreise auszunützen, die zu Differenzierung und Zersetzung neigen. Hierher gehören: "Bund der Freunde Sowjet-Rußlands", "Liga zum Kampfe gegen den Imperialismus" u.a.m. 

Ganz besonders bemühen sich die Kommunisten, in alle politisch linksgestimmten Organisationen und Gruppen einzudringen, um sie einer Radikalisierung zu unterziehen.

Die kommunistischen Parteien, denen in dieser Hinsicht die führende Rolle zufällt, sind keineswegs nur politische Organisation, wie das oft angenommen wird. Ihnen liegen auch rein militärische Aufgaben ob. Das geht z. B. klar aus den Geständnissen der Zeitschrift "Kommunistische Internationale" hervor.11) "Eine der Hauptaufgaben der kommunistischen Partei in jedem Lande" — behauptet diese Zeitschrift — "besteht in kriegspolitischer Hinsicht in der politischen Eroberung der bewaffneten Kräfte des Klassengegners, in der politischen und organisatorischen Arbeit in der Armee, Polizei und Marine. Die Erfahrung zeigt, daß, wenn die Armee und die Polizei, militärisch gut durchgebildet, zeitgemäß für Offensive und Defensive ausgerüstet, mit einem vorzüglichen Offizierskorps versehen, durch die in jedem Staate vorhandenen faszistischen Truppenteile verstärkt, tatsächlich gegen die Revolution kämpfen, — sie imstande sind, diese niederzuwerfen, sogar wenn andere für die Revolution durchaus günstige Vorbedingungen vorhanden sind." 

Die Zeitschrift verlangt von den kommunistischen Parteien die "Zersetzung und Liquidierung" der bewaffneten feindlichen Kräfte, und hebt gleichzeitig die "dringende Notwendigkeit" hervor, "rechtzeitig ausreichende bewaffnete Kräfte der Arbeiterklasse zu bilden, die imstande wären, mit den sich der Revolution ergebenden Armeeteilen zusammen die Wehrmacht der bürgerlichen Regierungen endgültig zu vernichten".12)

Den Kern solcher "bewaffneter Kräfte der Arbeiterklasse" bilden in den bürgerlichen Staaten — der Rotfront-Bund und die anderen kommunistisch-militärischen Organisationen. Ihre Unterhaltung erfordert beträchtliche Mittel; ihre Leiter werden oft in besonderem Auftrage nach der USSR geschickt, wo sie nicht nur einen bestimmten Lehrkursus absolvieren, sondern auch an den Manövern der Roten Armee teilnehmen.

Das einheitliche Ziel besteht in der Lahmlegung des gesamten, geordneten Lebens im Lande; es müssen Schwierigkeiten geschaffen werden, welche die revolutionäre Stimmung der Massen steigern und schließlich eine möglichst große innere Zersetzung im Lande herbeiführen: dann wird die Bourgeoisie mit einer leichten Bewegung des Perseus-Schwertes gestürzt werden können.

11)  "Kommunistitscheskij International", 1928, Nr, 25/26, S. 75.      12)  Ebendaselbst, S. 77.

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    Die politische Grundlage der Roten Armee   

 

Als vollendete und im Sinne des Klassenkampfes streng erzogene kommunistische Militärmacht erscheint die sogenannte "Arbeiter-und-Bauern-Rote-Armee", dieses "Werkzeug des ersten und einzigen Vaterlandes der Werktätigen" in der Welt, wie es im § 1 des Sowjet-Feldreglements heißt.

Die politische Ideologie dieser Armee ist nicht auf Patriotismus aufgebaut, sondern basiert lediglich auf dem Klassenbewußtsein. Die Aufgabe der Armee besteht nicht nur in der Verteidigung ihres nationalen Vaterlandes, sondern auch in der dem Welt­proletariat zu leistenden Hilfe bei der Stürzung des kapitalistischen Regimes in verschiedenen, eventuell auch in allen Ländern.

"Die Rote Armee ist ein bewaffneter Truppenteil der Weltrevolution" — so lautet ein Propagandaaufruf zum Tage des elfjährigen Bestehens der Roten Armee.13) "Sie — die Rote Armee — muß nicht nur ein Verteidigungswerkzeug des sozialistischen Gemein­wesens gegen etwaige Überfälle der noch vorhandenen imperialistischen Staaten sein, sondern sie muß dem Proletariate dieser Länder nötigenfalls in seinem Kampf Segen den Imperialismus eine entscheidende Unterstützung erweisen", heißt es im Beschluß des VIII. Kommunistischen Kongresses.14)

Die ganze Erziehung der Roten Armee ist durchaus international. Den Rotarmisten wird in den sogenannten "politischen Stunden" beigebracht, daß sie berufen sind, mit ihren Bajonetten die Weltrevolution durchzusetzen, daß die Reserven der Roten Armee hinter der Fron t ihrer Feinde stehen und daß die bourgeoisen Armeen im Laufe des Krieges "ihre Waffen gegen die Könige, die Bankiers, die Fabrikbesitzer und die Generäle richten werden".15)

Das Sowjet-Feldreglement stellt der operierenden Armee zur Aufgabe, "die Arbeiter und Bauern des feindlichen Heeres wie auch die werktätige Bevölkerung des Kriegsschauplatzes für die proletarische Revolution zu gewinnen".16) Während des Vormarsches der Roten Armee gegen Warschau im Jahre 1920 führte der Oberbefehlshaber, Tuhatschewskij, eine schon fertige "polnische Räteregierung" mit sich, die im eroberten Lande die Macht in ihre Hände nehmen und die Angliederung Polens an die Sowjet-Union ausrufen sollte.

13)  "Krasnaja Swesda" vom 21.II.1929.    14)  "Krasnaja Swesda", 1926, I. 5t.  15)  Ebendaselbst, 1926, V. 1.    16)  Feldreglement RKKA., 1929, § 4 (russisch). 

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 Der rote Ansturm gegen Warschau scheint damals doch einen erschütternden Eindruck auf die Polen gemacht zu haben. Frohlockend zitiert nämlich Larin in den Sitzungen des XV. Kommunistischen Kongresses (Dezember 1927) die Schilderung des Feldmarschalls Pilsudsky (Memoiren): Es war der Eindruck "einer heran­nahenden, schaurigen Gewitterwolke; der Staat taumelte, die Charaktere gerieten ins Wanken, die Herzen der Soldaten wurden mürbe"; das war ein Prozeß, der "unseren Willen einem Bruch aussetzte" ... und "immer klarer und eindrucksvoller trat neben der äußeren Front die innere Front hervor." ...17)

Somit stellt sich die Rote Armee im Falle eines Krieges gegen einen bürgerlichen Staat auch die Aufgabe — die proletarische Revolution in diesem Staate zu beschleunigen, diesen zu sowjetisieren und ihm durch eine gewaltsame Angliederung an das "erste und einzige Vaterland der Werktätigen" die politische Selbständigkeit zu nehmen.

Es ist das also gänzlich unverhüllter roter Imperialismus, der sich vom Imperialismus des mittelalter­lichen Ottomanischen Reiches oder vom Imperialismus Napoleons nur dadurch unterscheidet, daß er dem Besiegten eine kommunistische Enteignung, Verelendung und Knechtung bringt. Das Endziel dieses Imperialismus ist die Schaffung eines Sowjet-Weltreiches, das von der Dritten Internationale geleitet werden soll.

 

   Die geschichtliche Entwicklung der Roten Armee   

 

Als Gründungstag der Roten Armee gilt der 28. Januar 1918, an dem ein diesbezügliches Dekret von der Sowjetregierung erlassen wurde.18) — Ursprünglich entstand die Armee aus Freiwilligen; denn sie wurde aus Teilen der "Roten Garde" zusammen­gesetzt, d.h. aus bewaffneten Arbeitertrupps, die mit den Kommunisten sympathisierten. Sehr bald aber wurde das Prinzip der Freiwilligkeit abgelegt, weil die Sowjetregierung, überall von Feinden umgeben, eines starken Massenheeres bedurfte. 

Der Zustrom Freiwilliger war bei weitem nicht ausreichend (bis April 1918 hatten sich insgesamt 106.000 Freiwillige eingetragen). Am 8. April 1918 faßte die Sowjetregierung daher den Beschluß, alle zum Kriegsdienst taugenden "Werktätigen" einzuberufen. 

Trotzky führte energisch die Organisierung der Armee nach neuen Grundsätzen durch. Als Muster dienten die Armeen der großen europäischen Staaten.

17)  Stenogr. Bericht des XV. Kommun. Kongresses, S. 708.   
18)  Man findet geschichtliches Material im sogenannten "Woennij sprawotschnik", Moskau, 1925, S. 178-183 (russisch).

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Es wurden folgende Grundsätze bei dem Aufbau der Armee befolgt: allgemeine Wehrpflicht für sämtliche Werktätigen im Alter von 18 bis 40 Jahren; strenge Zentralisierung der Heeresleitung; Wiederherstellung der militärischen Hierarchie sowie einer strengen Disziplin; Heranziehung von Fachleuten aus dem Offizierkorps der ehemaligen kaiserlichen Armee; Bildung eines Instituts der politischen Kommissare, die als unmittelbare Vertreter der Kommunistischen Partei in der Armee auftreten.

Diese Kommissare, ausschließlich Kommunisten, wurden zu Vermittlern der neuen kommunistischen Ideologie in der Armee. Ihnen wurde zur Aufgabe gestellt: "enge und ständige Fühlung der Roten Armee mit dem Arbeiter- und Bauern-Regime aufrecht zu erhalten". Die Fachleute aus den Reihen der früheren kaiserlichen Offiziere standen unter ständiger und strenger Aufsicht dieser Kommissare.

Die nach diesen Grundsätzen geschaffene Armee wurde unverzüglich in das Feuer der Bürgerkriege von 1918—1920 geworfen. Nach Beendigung der Kriegsoperationen und der Demobilmachung wurde die Organisation der Armee einer Revision unterzogen. Man stellte bestimmte Qualitäts- und Bestandsnormen auf. Die Organisation der einzelnen Truppengattungen nahm einen geregelteren und zweckmäßigeren Charakter an.

Im Jahre 1923 wurde eine Neuerung eingeführt: nämlich das Territorial-Miliz-System. Nach Einführung dieser Neuordnung bestanden die Divisionen der Roten Armee in den Agrargegenden (Zentralrußland, Wolgagebiet, der größte Feil der Ukraine) zu 90-95 Proz. aus Bauern. Dabei waren die Bauern den kommunistischen Ideen im großen und ganzen höchst selten zugänglich und konnten daher keinesfalls die Diktatur des Proletariats richtig unterstützen. Dessen ungeachtet brachte das Territorial-Miliz-System seinen Schöpfern keine besondere Enttäuschungen, weil die Sowjetregierung in den darauffolgenden Jahren eine den Bauern gegenüber nicht allzu feindliche Politik führte (nach der Losung: "Mit dem Gesicht zum Dorf").

Das System wurde erweitert. 1925 gab der Volkskommissar für Kriegsangelegenheiten, Frunse, bekannt, daß die Territorial-Miliz-Formationen ilen Grundstein der Roten Armee bilden, und daß die Kaderformationen nur eine nebensächliche Bedeutung hätten. 1926 war die Zahl der Territorial-Miliz-Divisionen bereits höher als die der Kaderdivisionen. Dieses Anwachsen der Truppenbildungen mit einem Bauernübergewicht wurde zu einem bedeutenden Faktor von dein Augenblick an, als die Bauernpolitik der SowJetregierung eine scharfe Wendung erfuhr, d.h. als 1927 der Feldzug gegen die wohlhabenden Bauern, die sogenannten "Kulaki", einsetzte, und die Idee der Kollektivierung der Landwirtschaft in den Vordergrund rückte. Die politische Zuverlässigkeit der militärischen Formationen aus vorherrschend ländlichen Elementen kam ins Wanken; diese Heeresteile wurden zum Sorgenkind der Sowjetregierung und der Kommunistischen Partei. Davon wird noch die Rede sein.

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   Die Organisation der obersten Leitung der Roten Armee    

 

Die oberste Leitung der Roten Armee trägt den Charakter einer grundsätzlichen Zentralisation. Diese geht soweit, daß die militärische Befehlsgewalt in die Hände eines einzigen Menschen gelegt ist, während die "selbständigen" Sowjetrepubliken (Ukraine, Transkaukasien usw.) nicht einmal das Recht haben, über die in ihrem Gebiet befindlichen Truppenformationen zu verfügen, geschweige denn ihnen Befehle zu erteilen. Der Volkskommissar für Kriegsangelegenheiten ist zugleich auch Ober­befehlshaber der Armee, der Marine und der Luftflotte. Eine derartig auf die Spitze getriebene Zentralisation besteht sonst nirgends; denn die übrigen Staaten der Welt haben gewöhnlich zwei, zuweilen aber auch drei für die Wehrmacht zuständige Ministerien (Heer. Marine und Luftflotte).

Zweifellos kann ein solches System in mancher Hinsicht auch Vorteile aufweisen: z.B. Einheitlichkeit der Operationen verschiedener Truppenteile, sowie Vermeidung unnützer Reibungen zwischen einzelnen Ämtern; doch schafft es wiederum einen äußerst ungefügen Apparat, der die Initiative der Ausführenden lahmt und Saumseligkeiten verursacht.

Die wichtigsten Instanzen des Volkskommissariats für Militärwesen sind: der Revolutions-Kriegsrat (Abkürzung "Rewwojen­sowjet") und die Politische Armeeleitung (Abkürzung PUR). Diese Organe sind für die Rote Armee spezifisch und kommen in keinem anderen Staate vor.

Dem Revolutions-Kriegsrat obliegt die oberste Leitung des Heeres, der Marine und der Luftflotte, die Leitung der militärischen Verwaltungsbehörden, sowie die Oberkontrolle über sämtliche Instanzen der Militärleitung. Zur Zeit besteht der Revolutions-Kriegsrat aus folgenden 12 Mitgliedern: Woroschilof. Volkskommissar für Heer und Marine; seine 5 Stellvertreter: Kamenew, Uborewitsch und Gamarnik, von denen Uborewitsch die gesamte Kriegsrüstung leitet und Gamarnik die politische Leitung der Armee innehat; Muklewitsch, Leiter der Kriegsmarine; Baranoff, Leiter der Luftflotte; Budennij, Kavallerie-Inspektor; Tuhatschewsky, Oberbefehlshaber des Leningrader Wehrkreises; Jegoroff, Befehlshaber der Weißrussischen Armee; Jakir, Befehlshaber der ukrainischen Armee; Kork, Befehlshaber, des Moskauer Wehrkreises; Ordschon­ikidse, Kommissar der "Arbeiter- und Bauern-Inspektion".

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Von diesen Leitern der Roten Armee sind nur Kamenef und Kork als wirkliche Fachleute anzusehen: Kamenef ist Generalstabsoberst und Kork — Generalstabskapitän bei der russischen kaiserlichen Armee gewesen. Alle anderen haben ihre militärische Laufbahn erst während des Bürgerkrieges begonnen, und oft ist ihr früherer Beruf dem jetzigen hohen und verantwortungsvollen Posten vollständig fremd gewesen. 

So ist z.B. Jakir — ein gewesener Volksschullehrer; Ordshonikidse ist Feldscher von Beruf; Budjennij — Kavallerie­wachtmeister. Über Woroschilof selbst teilen die kommunistischen Militärzeit­schriften nicht ohne Stolz mit, daß "er zwei Winter hintereinander eine Landschule besuchte" ... 

Es muß jedoch gesagt werden, daß sämtliche Mitglieder des Revolutions-Kriegsrates die harte Schule des Bürgerkrieges durchgemacht haben, und zum größten Teil willensstarke Menschen sind.

Die Politische Armeeleitung ist ein Bindeglied zwischen der Obersten Heeresleitung einerseits und der Kommunistischen Partei sowie der Komintern andererseits. Sie führt die parteipolitische Erziehung und das Bildungswesen in der Armee, sowie die militärpolitische Vorbereitung der Bevölkerung im Lande durch. Während des Krieges wird dieser Instanz eine sehr wichtige Rolle zukommen, denn sie wird die politische Bearbeitung der Kriegsschau­platzbevölkerung zu leiten haben, um diese "für die proletarische Revolution zu gewinnen".19) Zum Vorsteher der Politischen Armeeleitung wurde vor einem Jahre (1.10.1929) Jan Hamarnik ernannt, ein angesehenes Mitglied der Kommunistischen Partei.

Die anderen höheren Behörden der Roten Armee unterscheiden sich im wesentlichen nicht von solchen in den bürgerlichen Staaten. Es sei nur erwähnt, daß die Rote Armee keinen Generalstab besitzt. Dieser wurde durch Frunse 1924 aufgelöst.

Es ist nicht leicht zu begreifen, aus welchen Gründen die Abschaffung dieser Organisation, die in allen Ländern (mit Ausnahme Deutschlands, wo sie durch den Versailler Vertrag verboten wurde) besteht, vorgenommen werden ist. Die Fachzeitschriften Sowjet-Rußlands behaupten, daß von nun an die Kriegsvorbereitungen und die Kriegsführung selbst nicht nur durch Fachleute, sondern auch durch Politiker und Wirtschaftler geleitet werden müssen, denn der Begriff Strategie umfaßt nicht nur operative, sondern auch politische und wirtschaftliche Probleme. 

Das ist durchaus richtig. Doch müßte dieser Erweiterung des Begriffes "Strategie" logischerweise eher eine gleichzeitige Erweiterung des Gesichtskreises der Generalstabs­offiziere folgen, als die Auflösung dieser bei der Viel­gestaltigkeit des modernen Kriegswesens unbedingt notwendigen Korporation. Diesen Weg haben jedenfalls alle anderen Armeen eingeschlagen.

19)  Feldreglement d. RKKA. 1929, § 4.

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   Die innere Struktur der Roten Armee   

 

Die Sowjet-Militärgesetzgebung unterstreicht beständig. daß die Rote Armee eine Klassenarmee sei. Das Tragen der Waffe gilt als ein Ehrenrecht und ein Privileg der "Werktätigen Klasse". Den sogenannten "nicht arbeitenden Elementen" wird dieses Recht nicht gewährt. Die Militärpflicht wird für sie durch eine besondere Steuer ersetzt; während des Krieges werden aus ihnen besondere "Bedienungs­formationen" gebildet, die hinter der Front Hilfsarbeiten zu leisten haben.

Bürger, denen weder ein passives noch ein aktives Wahlrecht zusteht, unterliegen der Wehrpflicht nicht. In verschiedenen Jahren bewegte sich die Zahl solcher Entrechteten zwischen 5-10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die übrige große Masse der Jugend gilt als militärpflichtig.

Doch auch diese einschränkende Auslegung des Begriffes der "allgemeinen Wehrpflicht" befriedigt die Kommunisten nicht. Jedenfalls nicht jetzt, zu einer Zeit, wo eine Diktatur des Proletariats besteht. Die Kommunisten wollen aber das Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht nicht abschaffen; denn das würde den Grundsatz des "Leninismus", nämlich die "Einstellung auf die Masse", untergraben. Andererseits können sie diesen Grundsatz auch nicht durchführen, denn dann würde die Stütze der Diktatur des Proletariates, die Rote Armee, zum überwiegenden Teil aus Bauern bestehen, deren Zahl im heutigen Rußland bis zu 83 Prozent der Gesamt­bevölkerung ausmacht. 

Hierin besteht eben der große Widerspruch, dem die Kommunisten bei der Organisation der Roten Armee zu begegnen suchen. Um diesen Widerspruch etwas zu mildern, wurde nämlich ein sehr kompliziertes und ausgeklügeltes System des partei-politischen Apparates eingegliedert. Dieser besteht aus folgenden Organisationen:20)

  1. Politische Leitungen der Wehrkreise und politische Abteilungen bei den Stäben der Divisionen sowie einzelner Brigaden

  2. Politische Sekretariate der territorialen Kreise

  3. Parteiausschüsse bei allen höheren militärischen Einheiten einschließlich einzelner Brigaden

  4. Kriegskommissare und politische Kommandeurgehilfen in sämtlichen Armeeformationen vom Korps bis zur Kompagnie

  5. Parteizellen und kommunistische Jugendhilfsgruppen in denselben Formationen

  6. politische Leiter in kleinen Heeresgruppen

  7. Klubs und die sogenannten Lenin-Ecken21)

  1. besondere GPU-Abteilungen in den Armeeformationen, angefangen von der Division abwärts.

20) "Sputnik molodogo komandira" (Handbuch des jungen Kommandeurs), Moskau 1927, S. 492-503.

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Sämtliche Organisationen dieser Art haben zur Aufgabe: politische Bearbeitung der Roten Armee im Geiste der Klassen­ideologie, Überwachung der Rotarmisten, eine unaufhörliche Bespitzelung und den politischen Nachrichten­dienst.

Für so einen politischen Apparat sind selbstverständlich zuverlässige Kräfte erforderlich. Deshalb werden strenge Maßnahmen getroffen, um die Zahl der Kommunisten sowie der Jugendbündler innerhalb der Armee zu steigern. Den neuesten Nachrichten zufolge zählte man in der gesamten Armee im Jahre 1928 rund 82.000 Kommunisten,22) im Jahre 1929 rund 100.000 Komm­unisten23) und im Jahre 1930 rund 129.000.24) Dazu kommen noch 150.000 Mitglieder des kommunistischen Jugend­bundes (im Jahre 1930), was zusammen einen einheitlichen Kern, "eine Macht" bildet, "die selbstlos den Willen der kommunistischen Partei durchzusetzen bereit ist".25)

Darauf legen die Kommunisten selbstverständlich einen sehr großen Wert: "Darf man", stellt Woroschiloff die Frage, "unter diesen Umständen mit dem Gedanken einer politischen Unzuverlässigkeit der Roten Armee rechnen? Darf man für möglich halten, daß sie jemals ablehnen wird, ihre Pflicht zu erfüllen?" ...26)

Selbstverständlich sind die Kommunisten und Jugendbündler besonders zahlreich auf den Kommando­posten, sowie unter den Soldaten derjenigen Abteilungen und Waffengattungen vertreten, deren Hauptaufgabe im politischen Schutz des kommunistischen Staates besteht, wie z.B. bei den Truppenteilen des GPU, bei den Panzerabteilungen, in der Kriegsflotte usw.

Was die Kommandoposten anbetrifft, so belief sich die Zahl der sie bekleidenden Kommunisten auf 51 Prozent im Jahre 192927) und auf 51,1 Prozent im Jahre 1930.28) Im übrigen sind auf den höheren Kommandoposten der Infanterie und der Kavallerie 96-97 Prozent Teilnehmer des Bürgerkrieges; auf den niederen Kommandoposten dagegen nur bis 70 Prozent.29)

21)  Eine Art von Propaganda-Bude, gedacht als Lenin-Altar.  22)  Prawda, 1930. 5. Juli.  23)  Krasnaja Swesda, 1929, 25. Februar.
24)  Siehe genaue Angaben in der großen Rede Woroschilofs, Prawda. 1930. 5. Juli. Bericht in der Sitzung des 16.KK.
25)  Woroschilof, Ebendaselbst.  26)  Ebendaselbst.  27)  Kalender des Kommunisten für 1929, S. 560.
28)  Woroschilof, Prawda, 1930. 5. Juli.     29)  Woroschilof. Ebendaselbst.

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Nur 10,6 Prozent des gesamten Offizierkorps der Roten Armee diente ehemals in der Kaiserlich-Russischen Armee; die Mehrzahl von ihnen gehört jetzt zur Kommunistischen Partei.30)

Ein anderes Mittel zur Hebung der Zuverlässigkeit der Armee ist die künstliche Steigerung der Zahl der einberufenen Arbeiter und eine gleichzeitige Niederdrückung der Zahl der einberufenen Bauern. Diese Klassensiebung, sozusagen, wird während der Einberufung durchgeführt, und ist deshalb möglich, weil das jährliche Kontingent der militärpflichtigen Jugend bei weitem die Anzahl der zur Einstellung Gelangenden übersteigt (von etwa 1.200.000 Wehrpflichtigen werden als wirklich tauglich nur 800.000 anerkannt, und von diesen 800.000 werden nur etwa 450.000 eingezogen.31)

Doch kann auch diese Maßnahme (in Anbetracht der verhältnismäßig geringfügigen Arbeiterklasse Rußlands) die soziale Struktur der Roten Armee zugunsten der Diktatur des Proletariats nicht von Grund auf ändern. So erreichte z.B. im Jahre 1927 die Zahl der Arbeiter in der Roten Armee 25,8 Prozent des Gesamtbestandes, und die Zahl der Bauern 65,4 Prozent; Jetzt (Januar 1950) ist das prozentuale Verhältnis auf 52,9 zu 57,9 Prozent verändert worden. Dementsprechend macht jetzt der Prozentsatz der Proletarier auf Kommandoposten 50 Prozent, in der politischen Abteilung der Armee — 46,7 Prozent, und unter den im Jahre 1929 neu Eingetragenen der Militärschulen 67,5 Prozent aus. Der soziale Bestand der kommunistischen Parteiorganisation der Roten Armee weist auch eine entsprechende Änderung auf: im Jahre 1928 verzeichneten hier die Proletarier 41 Prozent, die Bauern 52 Prozent und die Schicht der Sowjetangestellten 25 Prozent; im Jahre 1950 verzeichneten die Proletarier schon 58,5 Prozent, die Bauern nur 29 Prozent und die Schicht der Angestellten nur noch 12 Prozent.32)

Amtlich sind bestimmte sogenannte "Sättigungsnormen" festgesetzt, nach denen verschiedene Truppenteile mit Vertretern der Arbeiterklasse versehen werden müssen. So haben z.B. die Flotte, die Panzerabteilungen und die Truppen der GPU. nicht weniger als 50 Prozent, die Luftflotte 40 Prozent, die chemischen und Verbindungsabteilungen 50 Prozent, die Artillerie 15 Prozent und andere Waffengattungen 8-10 Prozent Arbeiter aufzuweisen. Was aber die Parteiorganisation in der Armee anbelangt, so muß der Prozentsatz der Arbeiter darin normalerweise auf 65 Prozent veranschlagt werden.

30)  Woroschilof, Ebendaselbst.   31)  Ibidem, S. 358.   32)  Alle Angaben sind von Woroschilof selbst gebracht. Prawda, 1930, 5. Juli.

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Im Jahre 1929 wurde diese Zahl überschritten: es kam eine sehr hohe "Sättigung" zustande (71 Prozent Arbeiter in der Armee und 85 Prozent Arbeiter in der Flotte). Augenscheinlich wurde das mit Rücksicht auf die angefangene großartige Kollektivierung der Landwirtschaft durchgeführt: man suchte die Armee dem Einflusse der leidenden und unzufriedenen Bauernschaft womöglich unzugänglicher zu machen. Diese "Übersättigung" zeitigte aber negative Folgen, und die Kommunisten mußten mit Verdruß feststellen, daß im selben Jahre die übliche "Säuberung" des Parteiapparates in der Armee 41 Prozent ausgeschlossener Arbeiter und in der Flotte gar 65 Prozent ergab.

Aus dem Gesagten geht deutlich hervor, daß die kommunistische Regierung in Rußland trotz ihrer großen Geschicklichkeit nicht imstande ist, die Rote Armee zu einer ausgesprochenen Klassenarmee zu gestalten. Das Hindernis besteht in dem zahlenmäßigen Übergewicht der Bauernschaft im Lande, die sich im großen und ganzen den Kommunisten gegenüber ganz ablehnend verhält. Gerade aus diesem Grunde mußten die kommunistischen Machthaber in der Roten Armee spezielle, in revolutionärer Hinsicht qualifizierte Teile als zuverlässige Stütze der proletarischen Diktatur schaffen.

Oft werden diese Teile als "Truppen für besondere Bestimmung" oder als "Truppen der OGPU" (russisch gekürzt: "Osnas" oder "Tschon") bezeichnet.33) Es ist üblich, anzunehmen, daß sie die politische Polizei oder Gendarmerie der Sowjetunion darstellen. Jedoch weist in keinem einzigen Staate der Welt die Gendarmerie eine dermaßen entwickelte Organisation und dermaßen reichliche militärisch-technische Hilfsmittel auf wie die Truppenteile der OGPU. Es wäre vielleicht richtiger, diese daher als die Janytscharen oder als die Prätorianer des kommunistischen Regimes zu bezeichnen.

Wir haben bereits gesagt, daß die Truppen der OGPU auf Grund einer besonderen Auslese zusammen­gestellt werden. Außerdem werden Maßnahmen getroffen, um diese Teile technisch besser auszurüsten, ihnen eine bessere Verpflegung und Equipierung zukommen zu lassen als den anderen Einheiten. Sie befinden sich stets in Kriegsbereitschaft. Ihre Organisation ist so durchdacht, daß sie Teile beliebiger Größe aussondern können, die aus verschiedenen Waffengattungen bestehen und selbständig wirken können.

33)  Dies sind ganz sinnlose und durchaus nicht russisch klingende Wörter, wie alle aus Abkürzungen künstlich zusammengesetzten Sprachneubildungen der Sowjetepoche. Die Redaktion.

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In Moskau befindet sich der Kern dieser Truppen der OGPU.: "Dsershinskys Sonderdivision OSNAS beim OGPU-Kollegium" und "Stalins besondere Kavallerie-Brigade".

In allen Großstädten der USSR sind einzelne OGPU-Regimenter stationiert: ihre Gesamtzahl beläuft sich auf 30 — in den Mittelstädten bestehen besondere Abteilungen der OGPU-Truppen. In Gegenden, in denen sich die Bevölkerung den Macht­habern gegenüber besonders feindlich verhält, werden "Manövergruppen" dieser Truppen postiert, denen zur Aufgabe gestellt wird, Repressalien durchzuführen und Strafexpeditionen gegen die Bevölkerung zu entsenden.

Zu Kriegszeiten verbleiben die OGPU-Truppen an Ort und Stelle, um die Regierung vor jeglichen Unwillens­bezeugungen der sie hassenden Bevölkerung zu schützen.

 

   Die Stimmung in der Roten Armee    

 

Für das innere Leben der Roten Armee und für ihre politisch-moralische Stimmung bleibt ihr sozialer Bestand ausschlaggebend. Zahlenmäßig gehört die Übermacht in der Armee — den Bauern; deswegen reagiert sie auf deren Stimmungen so feinfühlig.

Wie bekannt, führt die Sowjetregierung gegenwärtig eine den Interessen der Landbevölkerung durchaus widersprechende Politik. Dem "Kulak" ist der Krieg erklärt worden, und die Kollektivierung der Landwirtschaft ist zur Hauptaufgabe geworden.34)

Natürlicherweise zeitigt diese Politik in der Armee Unzufriedenheit und ein Anwachsen der Mißstimmungen. Das offizielle Militärorgan "Krassnaja Swesda" äußerte sich darüber zur Zeit der besonders scharfen Kollektivierung folgendermaßen:35) "Die Zuspitzung des Klassenkampfes im Lande, der erbitterte Widerstand, den der Kulak dem sozialistischen Vormarsch der Arbeiterklasse entgegensetzt, findet seine Widerspiegelung auch in der Roten Armee" ... "In die Kasernen sind bereits Kulaken­stimmungen gedrungen; in einzelnen Soldatengruppen werden Gespräche über die Unrichtigkeit der politischen General­linie der Partei geführt." Diese Gespräche nehmen zuweilen eine für die Herrschaft der Kommunisten beunruhigende und gefährliche Wendung.36)

34)  Siehe den Aufsatz "Die Bauerndifferenzierung" im vorliegenden Sammelwerk.   35)  "Krasnaja Swesda" vom 23. November 1929.  
36)  In der Prawda, 1930, 27. Juni, werden auch entsprechende Stimmungen geschildert, leider zu allgemein.

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Im 4. Kavallerie-Regiment (Letitscheff) sammelten sich Rotarmisten gruppenweise und unterhielten sich darüber, "wie die Bauern geschunden werden, und daß sie deshalb, im Falle eines Krieges, die Sowjetunion nicht verteidigen werden".37)

Im 14. Artillerie-Regiment zu Fuß (Kiew) führten die Rotarmisten darüber Klage, "daß der Arbeiter überall vorgezogen wird, daher müssen wir als Bauern nicht für den Arbeiter, sondern für die Bauern eintreten".38)

Im 12. Artillerie-Regiment (Omsk) bildete sich eine große Gruppe der Jugendbündler-Rotarmisten (Komsomolzy), die ihre Mißstimmung darüber offen äußerte, daß "die Partei den Bauern gegenüber falsche Wege eingeschlagen habe; durch die Steuerpolitik und die gewaltsame Getreideeintreibung werden die Bauern ausgeraubt, so daß daraus Brotmangel und Ernährungsschwierigkeiten entstehen."39)

In einem der ukrainischen Regimenter richtete ein politischer Instrukteur namens Predein an das Büro der Parteizelle folgende motivierte Erklärung: "Ich teile ihnen hierdurch mit, daß ich im Namen des Proletariats, im Interesse der proletarischen Revolution dafür kämpfen werde, daß die gegenwärtige Politik, die nicht nur zur Degradierung der Landwirtschaft, sondern auch zur Untergrabung des sozialistischen Aufbaues führt, unverzüglich geändert wird." — Predein legte dieser Erklärung sein Programm bei, in dem es unter anderem hieß: Steuersenkung auf dem Lande, Rückkehr zur sogenannten "neuen Wirtschaftspolitik" (1921-1927), vollständige Liquidierung der Überreste des Kriegskommunismus, unbeschränkte Beteiligung sämtlicher Bauernschichten am Genossenschaftswesen, Förderung der bäuerlichen Hausindustrie.40)

 

Es ist bezeichnend, daß die Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik, die unter den Bauern weitverbreitet ist, sich auch auf die Arbeiterkreise der Roten Armee ausdehnt. So stellte sich im 45. Artillerie-Regiment (Kiew) heraus, daß "sogar in der Arbeiterklasse — diesem Vortrupp der proletarischen Diktatur — einzelne Gruppen vorhanden sind, die ihre Aufgabe nicht verstehen", und daß "es dort einzelne Personen gibt, die sich unter dem feindlichen Einfluß befinden".41)

Man könnte ähnliche Zitate aus der offiziellen Militärpresse nach Belieben fortsetzen; sie alle legen Zeugnis davon ab, daß in der Roten Armee, wie auch in ganz Sowjetrußland, der Klassenkampf im Steigen begriffen ist. In der Armee gährt es tief und stark. Sie weist eine dem offiziellen Kurs der Regierungs- und Parteipolitik durchaus feindliche Richtung auf.42)

37)  "Tscherwona Armiia", Charkoff, 31. VIII. 1929.   38)  Ebendaselbst, 22. X. 1929.   39)  "Krassnaja Swesda" vom 22. XL 1929.
40)  "Krassnaja Swesda" vom 21. VII. 1929.   41)  "Tscherwona Armija", Charkoff, vom 24. VIII. 1929.

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Das alles entzieht sich der Kenntnis der Regierung keinesfalls. Während des russisch-chinesischen Konfliktes entsandte die Oberste Leitung der Roten Armee an die chinesische Grenze ausschließlich aktive Stammformationen. Sie wagte es nicht, irgendeine Territorial-Miliztruppe an die Front zu schicken. So wenig Vertrauen bringen die Befehlshaber den Bauernformationen entgegen.

Von Interesse sind auch andere, für die Verhältnisse der letzten Zeit bezeichnende Maßnahmen. So ging die Armeeleitung mit besonderer Strenge an die Durchsiebung der Herbstrekruten (1929) heran. Es wurden den Behörden neue Richtlinien eingeschärft: 
1. die Arbeiter- und Parteischichten in der Armee zu verstärken und gleichmäßiger zu verteilen; 
2. nicht nur die sogenannten "Entrechteten" ausscheiden zu lassen (was schon durch die geltenden Gesetze bestimmt ist), sondern auch solche Personen nicht zuzulassen, "die, wenn sie auch nicht entrechtet und auch nicht Kulaken-Kinder sind, so doch, nach ihrem Verhalten auf dem Lande, zu Vermittlern des Kulaken-Einflusses werden könnten"; 
3. die Los-Ziehung bei der Aushebung abzuschaffen und diese durch Klassen-Auslese zu ersetzen.
43)

 

Das letztere bedeutet, daß die allgemeine Wehrpflicht in Rußland jetzt tatsächlich abgeschafft ist. Die Soldaten werden durch den Beschluß der Aushebungs­kommissionen ernannt.

Aus dem Gesagten kann man den Schluß ziehen, daß die Armee, die offiziell als "Arbeiter- und Bauernarmee" bezeichnet wird, jetzt als Einheit kaum noch besteht. Sie wird durch scharfe innere Gegensätze zersetzt und löst sich langsam in ihre sozialen Bestandteile auf; in der Bauernschicht der Armee sammelt sich unter dem hermetischen Verschluß der proletarischen Diktatur Klassenhaß und eine ständig anwachsende Gärung an.

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42)  Es ist lehrreich, festzustellen, daß Woroschilof in seinem großen Berichte (XVI. Kommun. Kongreß, 1930, Juli) diese Tatsache ohne weiteres leugnet: "Ich wiederhole, daß im Laufe dieser ganzen Zeit" (1927-1930. Red.) "es in der Roten Armee keinen einzigen Fall gegeben hat, der geeignet wäre, eine gewisse Unruhe beim Zentral-Komitee oder bei den unmittelbaren Führern der Armee hervorzurufen: Unruhe wegen ihrer politischen Standhaftigkeit". Prawda. 1930, 5. Juli. 
Solche ostentative Leugnungen von allgemein bekannten Tatsachen wird man ohne weiteres auf eine bestimmte politische Abmachung zwischen Woroschilof und Stalin zurückführen wollen.

43)  "Krassnaja Swesda" vom 29. VI. 1929 und 7. VII. 1929. 

 

 

 

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