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3  Die verwahrlosten Kinder          Von Dr. L. Axenoff

 

 

   Das Problem   

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"Die verwahrlosten Kinder – das ist unser allergrößtes Übel", so äußert sich die Sowjetregierung und die Sowjetpresse über dieses Elend, welchem jetzt schon seit 10 Jahren die junge Generation Rußlands zum Opfer fällt.

Wenn ein Volk eine soziale Krankheit durchmacht, sei es Aufruhr, Bürgerkrieg oder Revolution, so müssen Alt und Jung die aus ihren Symptomen entstehenden Leiden über sich ergehen lassen. Am allerschärfsten jedoch äußern sich die Folgen dieser sozialen Erkrankungen an dem Teile der Bevölkerung, der noch nicht vollkräftig dasteht, der einer intensiven und ständigen Bevormundung bedarf, nämlich an den unschuldigen Kindern. 

Flüchtlingswesen, Hunger, Bürgerkrieg, Verarmung und allgemeine Verrohung sind die Begleiterschein­ungen solcher Mißstände; eine Unzahl Waisen, verlassene und verlorene Kinder — die Überbleibsel. Auf diese oder jene Weise kommt eine große Anzahl Kinder um die Fürsorge ihrer Verwandten. Das ist stets so gewesen und wird stets so bleiben. In allen Kulturstaaten der Welt tritt jedoch in solchen Fällen entweder die bürgerliche Gesellschaft, oder die Staatsregierung an die Stelle der Verstorbenen. So wird vermieden, daß es zu einer Verwahrlosung im wirklichen Sinne des Wortes überhaupt kommt. So hielt man es auch im vor­revo­lutionären Rußland. 

Sowjetrußland blieb es vorbehalten, die Welt vor das Problem einer bisher unbekannten und nie gesehenen Massen­verwahr­losung von Kindern zu stellen. Es handelt sich dort nicht um einzelne Fälle von Vagabundenwesen, von jugendlichem Verbrechertum oder dergleichen; es ist vielmehr eine Massenerscheinung, welche in tausenden von Fällen in jeder Stadt registriert wird, und folglich zu einer Millionenerscheinung in ganz Rußland geworden ist. Dieser Zustand währt bereits über 11 Jahre, wobei alle bekämpfenden Maßnahmen der Regierung erfolglos bleiben.

Die Erscheinung ist um so trauriger und schmählicher, als die Zahl der verwahrlosten Kinder tatsächlich ständig wächst. Dies muß entgegen den großsprecherischen Versicherungen der Sowjetregierung festgestellt werden, die von Zeit zu Zeit versucht, ihre großen Erfolge bei der Bekämpfung der Kinder­verwahrlosung zu preisen. 

Nicht nur in Rußland selbst, sondern auch im Auslande hat diese Erscheinung eine umfangreiche Literatur ins Leben gerufen. Es handelt sich hier um eine Angelegenheit von so allgemeiner Bedeutung, daß man nicht mit Still­schweigen darüber hinweggehen kann.


Ein "Besprisornij" ist also ein Wesen, um das sich niemand kümmert und für welches niemand sorgt. Die Eltern kümmern sich nicht um ihr Kind, weil sie, soweit sie noch am Leben sind, jedes Gefühl von Liebe zum eigenen Kinde verloren haben. Häufig sind auch die Lebensbedingungen so hart, daß die Eltern einfach nicht in der Lage sind, für ihre Kinder zu sorgen.

Eine bürgerliche Gesellschaft, die für diese Kinder sorgen würde, gibt es nicht mehr. Zudem ist eine Gruppen- oder Vereinsbildung zu charitativen Zwecken seitens der Sowjetregierung untersagt. Der Staat seinerseits läßt diesen Kindern auch keine genügende Sorge angedeihen, da er nicht dazu geneigt oder imstande ist, diesem breiten, chaotischen und tragischen Prozeß irgendwie wirksam zu begegnen. Kurz — es sorgt niemand für so ein Kind und es verwahrlost buchstäblich. 

Das bedeutet, daß das sich selbst überlassene Kind dem zersetzenden Einfluß seiner Umgebung zum Opfer fällt. Es wächst als ein Wesen heran, dem die Bezeichnung "Mensch" kaum mehr zukommt. Es ist ein Menschlein, welches ohne Erziehung und ohne Unterricht dahinvegetiert und zu keiner vernünftigen sozialen Funktion vorbereitet wird. Es wächst heran wie ein kleines Tier, dem alle Begriffe von Pflicht, Moral, Ehrlichkeit und Anstand fremd bleiben. 

So ein Kind entwickelt sich zum jugendlichen Verbrecher, indes nicht nur zu einem kleinen Dieb, sondern unter Umständen auch zum Mörder oder Helfershelfer bei sonstigen Kapitalverbrechen. Er wird zu einem physisch und geistig ungesunden Wesen, das in keiner Weise dem Zwecke des Staates dienen kann und auf welches dieser Staat in keiner Weise bauen darf; es wird zu einem verkümmerten Geschöpf, das bereits in den frühesten Jahren seines Lebens Bekanntschaft mit dem Alkohol, mit Rauschgiften, sexueller Unzucht, mit Geschlechtskrankheiten und deren Folgen, mit Kälte und Hunger gemacht hat.

 

   Wie die Kinder leben   

 

Bevor ich die Gründe dieser Verwahrlosung, die Bekämpfung und ihre Folgen näher beleuchte, möge es mir gestattet sein, ein Bild zu entwerfen, wie so ein verwahrlostes Kind lebt, was es tut und womit es seinen Tag ausfüllt.

Jedes Kind benötigt an erster Stelle Wohnung, Ernährung und Kleidung. Ein "Besprisornij" entbehrt dies alles. Ein "Besprisornij" hat kein Heim, keine Ruhestatt oder zumindestens keine dauernde Wohnung. So ein Kind übernachtet in einem Keller, in einem verfallenen Gebäude, in einem unbeendeten Neubau, in einer leeren Scheune, in Eisenbahnwagen, hinter einem Sandhaufen, in einem Asphalt-Kessel, im Müllkasten, unter einer Brücke, in einem Erdloch - kurz, überall, wo es einen auch noch so geringen Schutz Segen die Witterungseinflüsse findet.

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Eine Sowjetzeitung1 erzählt von einem Knaben, der auf einem Bahnhof, hinter einem Schranke stehend, schlief, aber nicht nur während einer Nacht, sondern monatelang. Dieser Knabe sei noch glücklich gewesen, in einem geheizten Raume schlafen zu können. In den großen Müllkästen übernachten nicht einzelne Verwahrloste, sondern ganze Gruppen von 10 und mehr Kindern. Auf dem Boden eines großen Hauses in Moskau nächtigten über 200 verwahrloste Kinder. Die Hausverwaltung kämpfte dagegen mit allen erdenklichen Mitteln an, so durch Razzien, Durchsuchungen, Drohungen und Überredungsversuche. Schließlich wurde ein großer Teil der Treppe, die zum Boden führte, abgesägt. Dennoch brachten die Kinder es fertig, wie Akrobaten abends den Boden zu erklimmen. Zu guter Letzt stellten die Kinder ihrerseits der Hausverwaltung ein Ultimatum: "Falls man uns nicht in Ruhe läßt, werden wir das Haus anstecken." Die Verwaltung sah sich daraufhin genötigt nachzugeben, und die Kinder hatten ihren Willen durchgesetzt.2

Im Sommer ist es erträglich, alle diese Schlupfwinkel zum Schlafen zu benutzen; furchtbar dagegen ist es im Winter. Aus diesem Grunde setzt zu Beginn des Winters eine Völkerwanderung verwahrloster Kinder ein, aus den nördlichen Gegenden in den Süden, der Wärme und der Sonne entgegen. Dies ist auch der Grund, weshalb die Kinder im Winter viel lieber als im Sommer die Fürsorgeanstalten und Kinderkolonien aufsuchen und dort bleiben. Aus Furcht vor der Kälte sieht man diese verwahrlosten Kinder auch in den Nachtasylen, wo sie sich für 5 bis 10 Kopeken, die sie sich tagsüber verdient, richtiger gesagt, gestohlen haben, ein Nachtlager erstehen. Für dieses Geld darf das Kind im widerlichsten Schmutz, an den es sich übrigens gewöhnt hat, übernachten; es darf eine unbeschreiblich stinkende Luft einatmen, rohes Schimpfen anhören und mitansehen, was Kinderaugen nicht sehen dürften, — denn im Nachtasyl schlafen sie mit Erwachsenen zusammen.

 

   Das Nachtasyl   

Levitan beschreibt in seinem Werke das Nachtasyl auf dem Internationalen Prospekt Nr. 77 in Leningrad.

"Das erste, was einem in die Augen springt, sind Schmutz, Gestank und Prügeleien der kartenspielenden Insassen. Werfen Sie einen Blick in die Toilette und den gemeinsamen Schlafraum für 10 Kopeken. Zwischen der Toilette und dem Schlafraum besteht überhaupt kein Unterschied. Ich würde Ihnen vorschlagen, eine Gasmaske anzulegen und sich aus einer Ecke dieses Raumes das ganze Bild genauer zu betrachten. 
Ihren Augen zeigt sich ein Scheunenraum, angefüllt mit lebendigen, in Zersetzung wühlenden Leichen, von denen ein unbeschreiblicher Geruch ausgeht. Hier sehen Sie auf dem mit Speichel bedeckten Fußboden einen Greis liegen — dort einen Knaben, der bereits Syphilitiker ist. Dann wiederum sehen Sie, wie einer der Insassen aufsteht und in aller Ruhe seinem schlafenden Nachbarn die noch vollkommen brauchbaren und daher verkäuflichen Stiefel auszieht. Ein anderer eilt in die Toilette, indem er auf einen am Fußboden Schlafenden tritt und sich demselben ins Gesicht schneuzt. Ein dritter schüttelt sein Hemd aus, so daß die Läuse auf die unter ihm Schlafenden fallen. ..."3

Kleidung bekommt der Verwahrloste nur durch Zufall. Es sind Fälle registriert worden, wo Kinder vollkommen nackt herumliefen.

Die elende Bekleidung, meist aus Lumpen bestehend, wird auf den nackten Körper angezogen: Wäsche gilt als Luxus, und ist nur in einzelnen, ganz seltenen Fällen vorhanden. Schutz vor Kälte bietet oft ein alter Frauenrock oder Schal, ein zerrissener Mantel, eine Bastmatte oder ein Sack, — alles, was einem Verwahrlosten nur in die Hände kommt. Von der Fußbekleidung ist überhaupt nicht zu reden — Schuhwerk gibt es nur in ganz seltenen Fällen als außergewöhnlichen Luxus.4

In dem erwähnten Berichte lesen wir weiter: 

"... es ist 8 Uhr morgens. Alle müssen das Nachtasyl verlassen. Ein kalter Wintertag ist angebrochen, mit starkem Frost und durchdringend kaltem Wind, der einem das Mark in den Knochen erstarren läßt, wie die Bewohner des Nachtasyles sich ausdrücken. Auf dem Hofe steht ein Knabe in einem Hemde, ohne irgend welche wärmere Kleidung; der eine Fuß steckt in einem alten Gummischuh, der andere ist in eine alte Pelzmütze gewickelt, unter welcher Blut hervorsickert. Wie die Ameisen zerstreuen sich diese Gestalten in der Stadt, betrachten die Schaufenster der Lebensmittelgeschäfte, spucken den Vorübergehenden ins Gesicht und stehlen alles, was nicht niet- und nagelfest ist."5

Häufig kommt es vor, daß Kinder sich nur aus dem einen Grunde freiwillig in ein Kinderasyl begeben, um dort Kleidung und Schuhwerk zu bekommen; dann entlaufen sie wieder, unter Mitnahme von Kleidung und Wäsche ihrer Nachbarn. Selbst diese bettelarme Kleidung muß der Verwahrloste sich meist stehlen. Aber nicht nur Kleidung verschafft er sich durch Diebstahl; auch Nahrung muß er sich auf diesem Wege verschaffen.

1) Prawda, 1926, 9. März.   2) Kufajew, lunije pravonaruschiteli. Moskau 1925. S. 241.   

3)  Levitan. Besprisornije. Moskau. 1925. S. 102 (russisch). Eine authentische Sowjetquelle.   4) Prawda, 1926, Nr. 37.    5)  Levitan. Besprisornije.

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   Ernährung und Broterwerb   

 

Eine regelmäßige Ernährung eines verwahrlosten Kindes kommt natürlich nicht in Frage, d.h. es gibt kein wirkliches Frühstück, Mittagessen und Abendbrot für einen Besprisornij. Niemand hat ein Interesse daran, den Verwahrlosten zu ernähren, und folglich muß er selbst für seinen Unterhalt sorgen. Falls ihm ein Diebstahl nicht gelingt, hungert er, häufig ein bis zwei Tage und darüber hinaus; falls es ihm nicht gelingt, genügende Mengen zu stehlen, — kann er sich eben nur halbwegs satt essen. 

Wirklich satt wird der Verwahrloste nur durch einen besonders günstigen Diebstahl. Für einen allein ist es nur ein "glücklicher Zufall", wenn er auf gewandte Weise einer schlafenden Marktfrau oder einem Straßenkrämer etwas entwendet. Um aber sicheren Erfolg zu haben, muß der Diebstahl organisiert sein. 

Die Verwahrlosten haben diese Notwendigkeit sehr wohl erkannt, und stellen daher Banden zusammen, die es versuchen, Raubüberfälle auf ganze Märkte, Geschäfte, fremde Gärten usw. zu unternehmen. Dabei gibt es regelrechte Wachtposten und Vorposten; es gibt Umgehungs­manöver und Attacken der Hauptkräfte, mit einem Wort: eine ganze Strategie ist aus Not und Erfahrung entstanden. 

Aber nicht nur Märkte und Gärten werden überfallen, sondern auch einzelne Fußgänger; besonders haben darunter Frauen zu leiden, namentlich, wenn sie besser gekleidet sind und die Unvorsichtigkeit begehen, eine abgelegene, öde Gasse zu durchqueren. 

Ein Biß in den Finger — und die Handtasche ist der Frau entrissen; ein Steinwurf, Straßenschmutz oder Sand sind die Waffen; ein Augenblick genügt, um den Korb, die Mütze oder etwas anderes zu rauben. Dies ist das übliche Vorgehen der Verwahrlosten. Wenn 3 bis 4 sich zu einem Raubzug zusammengetan haben, dann ist meist jeder Kampf mit ihnen zwecklos. 

Geraubte Lebensmittel werden an Ort und Stelle aufgefressen (nicht gegessen, sondern gefressen); ein geraubter Wertgegenstand wird unverzüglich einer besonders organisierten Hehlerbande verkauft, und für den Erlös werden Brot und Eßwaren, aber häufig auch Schnaps eingehandelt.

Bares Geld verschaffen sich die Verwahrlosten meistens durch Diebstahl, aber natürlich auch durch Betteln. Almosen erlangen sie indes nicht nur durch Bitten und durch Erwecken von Mitleid, sondern häufig durch offene Bedrohung. In solchen Fällen heißt es dann: "Gib mir einen Kopeken, oder ich bewerfe dich mit Straßenkot" oder "zerreiße dir den Mantel"; und der Betreffende ist froh, sich mit einigen Kupfermünzen loskaufen zu können.

Es gibt auch Fälle, in denen Verwahrloste von Haus zu Haus gehen und um Brot betteln; es finden sich auch gewöhnlich Mitleidige, die so einem hungernde Kinde etwas zu essen geben. Nur eines kommt nie vor: daß ein Besprisornij um Arbeit bittet. Arbeit mögen sie nicht. Nun kommen wir zur Frage, womit sich die Verwahrlosten beschäftigen und ihren Tag ausfüllen.

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   Der geistige Zustand   

 

Die Bemühungen des Verwahrlosten gelten Tag für Tag zwei Hauptmomenten: tagsüber der Suche nach Nahrung und abends der Suche nach einem Nachtlager. In beiden Fällen spielt der Zufall eine große Rolle: Hat er Glück gehabt, so ist er satt. Hat er kein Glück gehabt, so hungert er. Eine feststehende Beschäftigung, eine Tätigkeit oder Arbeit gibt es nicht. Das Kind ist sich selbst überlassen, muß sich selbst zerstreuen, beschäftigen und seine freie Zeit mit irgendetwas ausfüllen. Und es gibt viel freie Zeit, und noch mehr Versuchungen. 

Man darf nicht vergessen, daß es Verwahrloste der verschiedensten Altersstufen gibt, von fünf-, sechsjährigen Kindern an bis zu Halbwüchsigen von 16 und mehr Jahren. Es ist selbstverständlich, daß die Interessen dieser Kinder sehr verschiedener Art sind. Wenn einem kleinen Knaben ein kleiner Diebstahl bei einer Händlerin genügt, so hat ein halbwüchsiger Bursche schon ganz andere Ansprüche und Anforderungen. Ich lasse hier eine charakteristische Darstellung von Frau E. D. Kuskowa folgen: 

"... Auf etwas mußten wir ganz verzichten, nämlich auf die Aufnahme (in die Kinderkolonie) von Kindern über 14 Jahre. Im Kreise Dmitrowsk wurde unsere Kinderkolonie (richtiger gesagt: unsere Kolonie für Jünglinge im Alter von 14 bis 16 Jahren) zu einem Schrecken für ganz Dmitrowsk. Die Insassen liefen fort, betranken sich, überfielen die Einwohner usw. Mehrfach hatten wir das Personal gewechselt, und konnten dennoch mit den Jünglingen nicht fertig werden, so daß wir schließlich davon absahen, Kinder über 14 Jahre aufzunehmen."8)

Außerdem gibt es viele verbrecherische Elemente, welche es ausgezeichnet verstehen, die Unmündigkeit und die halbe Zurechnungsfähigkeit der Kinder geschickt für ihre Zwecke auszunutzen. Dabei handelt es sich um Hehlerei, um organisierten Diebstahl, Überfälle, Raub und sogar Mord. Die Sowjetpresse strotzt von Mitteilungen dieser Art.

Durch den Aufenthalt in den Nachtasylen und auf der Straße unter dem Auswurfe der Stadtbevölkerung werden die Kinder mit den häßlichsten Seiten und Erscheinungen des Lebens bekannt. Eine derartige Umgebung kann nie zu etwas Gutem führen. Kein Wunder, wenn der Verwahrloste bereits früh die Bekanntschaft von Tabak, Alkohol, Morphium, Kokain, von Karten und rohem Schimpfen, von Unzucht und Geschlechtskrankheiten macht.

Kein Wunder auch, wenn Mädchen von 9 bis 10 Jahren Prostitution treiben und wenn Fälle registriert werden, wonach 13jährige Mädchen nieder­gekommen sind.7

6) Sensinow. Besprisornije. 1929. S. 26 (russ. u. 1930 auch deutsch).     7)  Krasnaja panorama. Leningrad. 1927. 27. Mai.

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Das Freisein von Arbeit und von einer richtigen Tätigkeit, mit anderen Worten: das Nichtstun — lockt den Verwahrlosten, hauptsächlich wenn er nun mit Gewalt einem Kinderasyl oder einer Kolonie einverleibt wird, und dadurch eine disziplinierte, richtige Tageseinteilung erhält. Das entspricht in den meisten Fällen seinem Geschmacke nicht und der Fürsorgezögling entflieht, verläßt das sichere Dach, die Wärme, die tägliche Nahrung und Kleidung — mögen dieselben auch noch so dürftig sein —, nur um seine vollkommene Freiheit wiederzuerlangen und niemandem gehorchen zu müssen. Für den Verwahrlosten ist diese Freiheit denkbar größtes Glück.

Das Äußere eines Verwahrlosten ist ungefähr folgendes: abgemergelt, hungrig, blaß, elend, in Fetzen gekleidet, ungekämmt, ungewaschen, ungeschoren, äußerst schmutzig, vollständig verlaust, derart übelriechend, daß es unmöglich ist, neben ihm zu sitzen, roh, boshaft, mit Schimpfworten um sich werfend, frech und unverschämt; zu ganz unerwarteten Handlungen neigend: zum Beißen, zum Schimpfen, Steine zu schleudern, zu stehlen. 

In jeder Beziehung ist er ein sozial gefährliches Element, welches sich aber seiner Macht vollauf bewußt ist; denn der Verwahrloste weiß es ganz genau, daß er nicht allein dasteht, daß eine ganze Armee von Schicksalsgenossen hinter ihm steht. Er weiß, daß die Regierung im Kampfe mit ihnen machtlos ist, daß er minderjährig ist und daß er aus diesem Grunde vor dem Gesetz nicht die volle Verantwortung trägt. Dies alles erwägt er und nutzt er aus.

 

    Wie das Elend entstanden ist    

 

Des weiteren muß festgestellt werden, daß die Reihen der verwahrlosten Kinder sich immerfort erweitern und ergänzen; es gibt demnach bis heute noch Gründe und Bedingungen, die dieses tragische Vagabundenwesen zeitigen. Die Sowjetregierung und die Sowjetpresse berichten über diese düstere Seite des Lebens nicht gerne. Die verwahrlosten Kinder sind aber zu einer solchen Gefahr und Last im Sowjetleben geworden, daß es unmöglich ist, sie totzuschweigen.

Noch bis zum Jahre 1925 versuchte die Sowjetregierung zu behaupten, die verwahrlosten Kinder seien ein Erbe des verfluchten alten Regimes, ein Produkt des Anwachsens und der Entwicklung, des Kapitalismus.8) Lilina (Sinowjews Frau) schrieb sogar noch im Jahre 1926 folgendes: 

8)  N. Krupskaja (Lenins Witwe). "Prawda", 1925, 2. Dezember.

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"Die kapitalistischen Staaten haben sich niemals mit der Frage der Verwahrlosung der Kinder im wahren Sinne des Wortes befaßt, wie dies die Sowjetrepublik und die Kommunistische Partei verstehen. Für den Kapitalismus ist die Verwahrlosung der Kinder eine normale Erscheinung, über die man nicht weiter spricht."9

In der großen Sowjetenzyklopädie, die im Jahre 1927 in Moskau erschien, schreibt ein gewisser Professor Salkind etwa folgendes: "... die Ursachen der Verwahrlosung der Kinder sind ausschließlich sozialer Natur; die Verwahrlosung wird sowohl durch die kapitalistische Ausbeutung der Massen gezeitigt, als auch durch alle Faktoren, welche die werktätige Lebensordnung und werktätige Daseinsweise dauernd stören. ... Aus diesem Grunde ist sie sowohl in allen europäischen Staaten, als auch in Amerika in ständigem Zunehmen begriffen, solange diese kapitalistische Ausbeutung andauert."

Es wäre wohl unrichtig, den Ursprung dieser Erscheinung im Weltkriege suchen zu wollen. Wohl gab es verlassene Kinder bei der Art des Rückzuges, wie dieser in Rußland vor sich ging. Die Bevölkerung floh aus ihrer alteingesessenen Heimat, ließ ihre Häuser, ihre Habe und ihre Felder im Stich. Nur das Allernotwendigste wurde auf Fuhren gepackt, um so schnell wie möglich aus dem Bereiche der Kämpfe, des Kanonendonners, der Feuerbrünste und der Lebensgefahr nach Osten zu fliehen. Es war eine überstürzte Flucht, voll Schrecken und ohne Plan für die Zukunft. Da kann es nicht Wunder nehmen, daß in diesem Chaos, in dieser Panik Kinder zurückblieben, verloren gingen und verlassen wurden. 

Jedoch handelte es sich hierbei noch lange nicht um eine Verwahrlosung. Sowohl die Organisationen der sozialen Selbstverwaltung, als auch die Zarenregierung nahmen sich dieser Kinder an. In den ersten Jahren des Krieges gab es eine Menge von Organisationen, Komitees und Gesellschaften, die sich mit der Flüchtlingshilfe und mit den Flüchtlingskindern beschäftigten. Auch wurden Listen gefundener Kinder mit deren Lichtbildern veröffentlicht, da es unter diesen Kindern auch solche gab, die weder ihren Namen, noch ihre Herkunft angeben konnten usw. Wenn auf diese Weise der Weltkrieg verlassene Kinder hinterließ, so sind daraus noch lange keine verwahrlosten Kinder geworden.

 

   Der Bürgerkrieg  

In Rußland wurde aber der Weltkrieg im Jahre 1918 durch den Bürgerkrieg abgelöst. Da stieg die Zahl der verlassenen Kinder ganz bedeutend. Ein Bürgerkrieg ist viel grausamer und roher als ein regulärer Krieg. Riesige Gebiete wurden zum Schlachtfeld. Die Sowjetregierung dachte nur an Enteignung, an die Truppen und ihre Versorgung mit Munition. Die Privatinitiative wurde aber in jeglicher Hinsicht immer mehr lahmgelegt. So nahm denn die eigentliche Verwahrlosung der Kinder mit der Oktoberrevolution und mit dem Beginn des Bürgerkrieges ihren Anfang.

9)  S. Lilina. Besprisornije. Leningrad 1926.

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   Die Hungerjahre   

Im Jahre 1920 hörte der Bürgerkrieg auf. Ein neues Unglück setzte aber ein: die Hungersnot der Jahre 1921-1922 und die Mißernten der nächsten 2 Jahre. Fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung hungerte; in territorialer Hinsicht war es ein Gebiet von 16 Gouvernements,10) ungefähr sechs Mal so groß wie ganz Deutschland. Alle Speicher standen leer, denn die Kommunisten hatten im Laufe der vorangegangenen drei Jahre einen Proviantkrieg gegen die Bauern geführt und alle "Überschüsse" enteignet. Der Verkehr stockte; jegliche Privatinitiative war unterdrückt. Aus politischen Beweggründen stellte die Sowjetregierung lange Zeit die Hungersnot in Abrede,11) so daß Hilfsaktionen gar nicht vorgenommen werden konnten. Die Katastrophe wurde unbeschreiblich. Ein planloses Auswandern ins Blaue hinein begann; Menschen- und Leichenfresserei kam vor.12) 

Es sind Fälle registriert worden, wo die Eltern ihre Kinder in der Wolga ertränkten;13) andere ließen ihre Kinder im Stich, und machten sich auf und davon. Es gab Menschen, die sich bereit erklärten, die Kinder eines Dorfes für eine bestimmte Summe Geld in der Stadt in einem Kinderasyl unterzubringen. Wenn sie dann eine genügend große Gruppe, 10 bis 30 Kinder etwa, beisammen hatten, trieben sie die Kinder in die Stadt und überließen sie in den Straßen einfach ihrem Schicksal. Es gab "Lassofänger", d.h. Menschen, die auf der Landstraße Kinder mit einem Lasso einfingen, sie dann töteten und das Fleisch verkauften.14) Die Sowjetregierung gibt die Zahl der Opfer dieser Hungersnot mit 5,3 Millionen Menschen an. Noch bis jetzt ist das Wolgagebiet, der Mittelpunkt des damaligen Hungergebietes, ein Hauptherd der verwahrlosten Kinder.

 

Die Epidemien  

Dieses ganze Elend, besonders aber der Hunger, hatte Epidemien zur Folge von einem Umfange, wie sie in der Geschichte der Medizin bisher nicht bekannt waren. Es genügt daran zu erinnern, daß nach Mitteilungen des Professors Tarrassewitsch an Flecktyphus allein 30 Millionen, d.h. fast ein Fünftel der Gesamt­bevölkerung Rußlands, erkrankt waren. Die Sterblichkeit erreichte 15 Prozent, d. h. es starben damals an Epidemien ungefähr 5 Millionen. Die Cholera dauerte 5 Jahre an und wies Sterblichkeitsziffern von 40 Prozent auf. Ungefähr 7 Millionen erkrankten an Malaria; Skorbut war ein ständiger Gast des Südwestgebietes. Diese Angaben dürften genügen, um ein Bild zu geben, wieviele neue Waisenkinder diese Epidemien damals zur Folge hatten.

10)  "Prawda", 1924, 25. Juli.
11)  Siehe das allgemein bekannte Buch von Wassilewsky. Petrograd 1922.
12)  Wassilewsky.
13)  "Prawda", 1925, Nr. 168.
14)  Wetschernjaja krasnaja gaseta, 1922, 7. Mai.

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Die Enteignung

Als vierte Ursache, zum Bürgerkrieg, zur Hungersnot und zu den Epidemien kam dann noch die allgemeine Verarmung des Landes. Die enteigneten Besitzerklassen, die alles entschädigungslos verloren hatten, erlebten eine wirkliche Verelendung; ganze Familien starben aus in Hunger und Arbeitslosigkeit. Aber auch die städtischen Proletarier hatten so viel zu entbehren und zu leiden, daß Lenin ihre Not und ihre Opfer als "geschichtlich unerhörte" schilderte.15)

 

Der Terror

Als fünfte Ursache kommt der allgemeine Terror in Betracht, der sich zu einem politischen System entfaltete.16) Die Zahl der hingerichteten, verbannten, im Gefängnis gestorbenen Menschen — war riesig, besonders in den Jahren 1918-1921; zahllose Familien fielen diesem System zum Opfer und starben gänzlich aus; teils sank aber nur die ältere Generation, Menschen vorgeschrittenen Alters, ins Grab, so daß wieder neue Kinder dem harten Lebensschicksal der Schutzlosigkeit und des Verlassenseins überlassen blieben.

 

Die Arbeitslosigkeit

Die Sowjetregierung und die Sowjetschriftsteller versuchen auch ihrerseits, Ursachen und Gründe zur Erklärung der Kinderverwahrlosung zu finden und anzugeben. So suchen einige Schriftsteller das Entstehen und die weiter wachsende Zahl verwahrloster Kinder auf die "Arbeitslosigkeit der Minderjährigen" zurückzuführen.17) Es wird in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, daß 30 Prozent der verwahrlosten Kinder in einem Alter von 13 Jahren stehen, und daß diese Kinder schwer in den Kolonien und Heimen unterzubringen sind, wo es sowieso keine Arbeit gibt, wenngleich diese Elemente sich schon unbedingt an Arbeit gewöhnen müßten.18)

Ferner wird erwähnt, daß die Hauptmasse der Verwahrlosten — Arbeiterkinder sind, d. h. sich aus der privilegierten Proletarierklasse rekrutieren.19) Und so behauptet nun die Sowjetregierung, die Arbeitslosigkeit sei an der Verwahrlosung der Kinder schuld, und dieser Umstand bedinge allein das weitere Anwachsen der Zahl der Verwahrlosten.20)

 

15)  Lenin. Werke. Band XVIII, Teil i, S. 329; Teil 2, S. 45.
16)  Siehe den Aufsatz "Das System des Terrors" im vorliegenden Sammelwerke.
17)  So z. B. Kufajew. Junije pravonaruschiteli. Moskau 1924.
18)  Boguslawsky. Krasnaja nowj. 1927, Juli.
19)  Trud, 1927, 15. Juli. Kosomolskaja prawda, 1927, 19. Februar.
20) "Prawda", 1926, 22. November.

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Ist dem wirklich so? Arbeitslose gibt es ja überall; verwahrloste Kinder gibt es jedoch nirgends außer in Sowjetrußland. Außerdem, was für Arbeiten kann es für Kinder von 7 bis 12 Jahren geben? Und unter den Verwahrlosten gibt es unendlich viele Kinder in diesem Alter. Folglich sind die Erklärungen der Sowjetregierung und Presse kaum befriedigend.

Der wirkliche Grund der Verwahrlosung der Kinder ist in folgendem zu erblicken: 1. Der Verfall des Familienlebens in Sowjetrußland;21) 2. die schwache und hilflose Bekämpfung der Verwahrlosung seitens der Sowjetregierung, besonders auch die ungenügende Anweisung von Mitteln zu diesem Zweck; 3. die steigende Verelendung der Bevölkerung im Lande, besonders der ärmeren Bauernschaft;22) 4. der Fortbestand des terroristischen Systems; und 5. die Unterdrückung der Privatinitiative in jeder Hinsicht, auch auf dem Gebiete der Wohltätigkeit und der Fürsorge (z.B. die Auflösung der entsprechenden Kinderfürsorge-Organisationen von Frau E. Kuskowa im Jahre 1918 und von Frau L. Kantzel-Dahn im Jahre 1919; die Untersagung der Pfadfinder­vereinigung im Jahre 1922 mit der Verhaftung der Mitglieder des Kinderkongresses in Moskau usw.).

Was nun die Bekämpfung der Kinderverwahrlosung anbetrifft, so sei folgendes festgestellt.

 

Die Bekämpfung der Not  

Auf dem Papier ist ein ganz neues Verwaltungsgebiet geschaffen worden; es werden Kongresse einberufen, Verhandlungen und theoretische Besprechungen abgehalten; es wird viel geredet, und es werden die allerhumansten Beschlüsse gefaßt. Eine Unmenge wurde schon über Kinderklubs, Kinderheime, Nachtasyle, Fürsorgeanstalten, Arbeitskommunen und Patronate geschrieben. Schließlich wurden besondere Gesetze zum Schutz der Minderjährigen erlassen. Dadurch entstanden unendliche Schreibereien von Behörde zu Behörde, — und ein unerhörter Wirrwarr. Es wurden anfangs gleichzeitig vier Volkskommissariate in Anspruch genommen: Kultus, Justiz, Volkswohlfahrt und Inneres. Erst im Jahre 1926 wurde die ganze Angelegenheit in die Hände des Volkskommissars für Wohlfahrtswesen gelegt.

Diese Behördenarbeit auf dem Papier23) ist indes durchaus nicht geeignet, dem Elend ein Ende zu machen. Die Unfähigkeit der Regierung äußert sich anschaulich in den sich ewig ändernden Kampfmethoden: in den ersten Jahren, in denen es unerläßlich schien, sich das Problem durch eine individuelle Ergründung der Ursachen der Verwahrlosung zu vergegenwärtigen, wurde lediglich die Anwendung von abstrakten kommunistischen Theorien vorgeschlagen. Diese "ideologischen" Maßnahmen hat man seit dem Jahre 1925 endgültig fallen gelassen, und ist zum Prinzip "der festen Hand" übergegangen.

21)  Siehe den Aufsatz "Die Ehe und die Lage der Frau" im vorliegenden Sammelwerk.
22)  Siehe die Aufsätze "Das Schicksal des russischen Bauern , "Die wirtschaftliche Differenzierung der Bauernklasse" und "Die deutschen Kolonisten" im vorliegenden Sammelwerk.
23)  Siehe den Aufsatz "Kommunismus als Beamtenherrschaft".

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   Die Kinderheime  

Die nachfolgende Aufstellung nennt die Zahl der Kinderheime und die Anzahl der in denselben in verschiedenen Jahren untergebrachten Kinder.24) Es gab im Jahre:

1922        6063 Kinderheime für                     540.000 Kinder

1923 nur   3971 Kinderheime für nur noch         252.317 Kinder

1924         3377                                             239.776

1925          2836                                            228.127

 

Im April 1922, als die Zahl der verwahrlosten Kinder im großen Aufschwung begriffen war, wurden 50 Prozent, in einigen Städten sogar 75 Prozent aller Kinderheime geschlossen. Ein Kommunist, M. Boguslawsky, schrieb im Jahre 1927: "Der enorme Rückgang des Kinderbestandes (in den Heimen) hat eine Zunahme der verwahrlosten Kinder auf der Straße zur Folge."25) Daraus sehen wir, daß die Regierung, wie die Kommunisten selbst feststellen, durch ungenügende Anweisung von Geldmitteln, anstatt dem Übel zu steuern, es nur noch vergrößert hat.26)

Aber der Erfolg des Kampfes hängt nicht nur von der Zahl der Kinderheime, sondern von ihrer Beschaffenheit ab. Die Heime sind arm und schlecht eingerichtet; sie verfügen über ganz ungenügende Räume und sind bis zum Äußersten überfüllt; die Kinder sind nicht nur schlecht gekleidet, sondern laufen in einzelnen Fällen ganz nackt herum; die Verpflegung ist dürftig, die Aufsicht schwach, und das leitende Personal besteht häufig aus ganz ungeeigneten, oft unehrlichen und minderwertigen Personen. Kurz, die ganze Einrichtung, der ganze Geist solcher Heime ist so beschaffen, daß die Kinder sich nur ungern dort aufhalten und besonders im Sommer scharenweise entfliehen.27) Auf diese Weise erzielt diese vielleicht rationellste Bekämpfungsmethode sehr geringe Erfolge.

In den folgenden Jahren wurde der Versuch gemacht, weniger kostspielige Wege zu betreten, was soviel wie Rückkehr zur dilettantischen Behandlung der ganzen Frage bedeutete.

24)  Siehe: Detskaja besprisornost i detski dorn. Moskau 1926.
25)  Boguslawsky. Krasnaja nowj. 1927, August. se) "Prawda", 1927, 7. und 22. April.
27)  Vgl. bei Bucharin: "Hättet ihr einmal gelesen über den Zustand, in dem sich bei uns die .Erziehungsheime' für die verwahrlosten Kinder befinden, so wären euch die Haare zu Berge gestanden." Stenogr. Bericht des XII. Kommun. Kongr., S. 545—546.

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So wurden z.B. verschiedene kommunistische Formationen herangezogen, die sich "freiwillig" zur Bekämpfung des Kinderelends melden mußten. Im Jahre 1926 wurde gar der Versuch gemacht, die Verwahrlosten in die Rote Armee einzureihen.28)

Auch den Heimarbeitern, den Handwerkern und Bauern wurden solche Verwahrloste zugeteilt. Alle diese Maßnahmen wurden in der Folge von spitzen Zungen als eine "Marktverteilung der Kinder" bezeichnet. Dann kamen von überallher Meldungen, daß die verderbten und unbeliebten fremden Kinder mißhandelt und in schwerer Arbeit ausgebeutet würden. Es wurden wieder Stimmen laut, die da forderten, daß man die Kinder in gut organisierte und gut gehaltene Kinderheime gäbe, wo sie alles finden könnten, was sie brauchten. Und so kam alles wieder auf alte Wege zurück.

 

  Die Zahl der verwahrlosten Kinder   

 

Es ist vollkommen unmöglich, genau festzustellen, wieviele verwahrloste Kinder es überhaupt gibt. Diese Schwierigkeit ist einfach zu erklären: ein verwahrlostes Kind läßt sich nicht registrieren, macht über sich keinerlei Angaben, und ersucht niemanden festzustellen, ob es wirklich verwahrlost ist und wie lange sein Martyrium schon dauert. 

Folglich sind besondere Maßnahmen erforderlich, um eine Zählung dieser Bevölkerungsschicht durchzuführen. Mit den Angaben der Kinderheime allein kann nicht gerechnet werden, da es verhältnismäßig wenige gibt; und da infolgedessen nur eine geringe Zahl der verwahrlosten Kinder dort Aufnahme finden, wogegen die große Masse derselben nach wie vor auf der Straße bleibt. 

Am 1. Februar 1926 hat in Rußland eine allgemeine Volkszählung stattgefunden. Es schien, daß es nun möglich sein werde, genaue Angaben zu erhalten. Die Verwahrlosten sträubten sich aber gegen diese Volkszählung und ließen sich nicht registrieren: am Zählungstage waren sie jedesmal von dort, wo sie sich gewöhnlich aufhielten, spurlos verschwunden.28) Wo es ihnen aber nicht gelang, sich aus dem Staube zu machen, wehrten sie sich auf andere Weise. In Jekaterinoslaw z.B. wurden die Zähler mit einem Steinhagel empfangen.30) Analoge Nachrichten kamen aus Odessa, Charkow, Moskau, Leningrad usw. Auch in dieser Frage blieb die Regierung machtlos.

Über die Anzahl der verwahrlosten Kinder kann man aus den Sowjetquellen folgende, widerspruchsvolle Angaben schöpfen: Lunatscharsky gab im Jahre 1922 die Zahl der Besprisornije mit 9 Millionen an. Ein Jahr später sagte die Krupskaja, es gäbe ihrer nur 7 Millionen.

28)  Iswestija, 1926, 2. März.
29)  "Prawda", 1926, 17. Dezember.
30) Wetschernaja krasnaja gaseta. 1926, 17. Dezember.

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Auf dem Kongreß für sozialen Kinderschutz sprach man im Jahre 1924 von nur 250.000 Verwahrlosten.31) Die Sowjet-Enzyklopädie (1927 in Moskau erschienen) gibt eine Zahl von 334.000 an. Für das Jahr 1928 wurde gar eine Zahl von 25.000 angegeben.

Dies alles sind natürlich wenig stichhaltige Angaben. Wären sie alle richtig, so müßte man annehmen, daß die kommunistische Regierung in Rußland in den Jahren 1922-1928  9 Millionen verwahrloste Kinder aussterben ließ. Da die Sowjetregierung aber selbst im Jahre 1928 dem Kampf mit der Verwahrlosung der Kinder 60 Millionen Rubel zugewiesen hat, wobei sie mit einem Aufwande von nur 140 Rubel pro Kind und Jahr rechnete, gab sie selbst zu, daß es damals über 400.000 unterzubringende, verwahrloste Kinder gab.

Zweifellos waren indes viel zu geringe Mittel bewilligt worden, und deshalb muß die Zahl der verwahrlosten Kinder bedeutend höher veranschlagt werden. Auf diese Weise ergibt sich, daß die Behauptung, es gäbe nur 25 000 Verwahrloste — eine glatte Unwahrheit war, die von der Sowjetregierung doch verbreitet wurde, um zu zeigen, daß alles in bester Ordnung sei. Wenn man aber einsichtige und mit ihren Behauptungen vorsichtigere Sowjetforscher zu Rate zieht, so sieht man sich genötigt festzustellen, daß es sich im ganzen um etwa 2 bis 2^ Millionen verwahrloste Kinder handeln muß.

 

   Das Aussterben  

Dieselben Angaben lassen uns mit der Tatsache rechnen, daß in den Jahren 1927-1928 die Zahl der verwahrlosten Kinder um etwa 200.000 bis 300.000 abgenommen hat. Diese Kinder sind einfach weggestorben. Der Tod selbst hat den Kommunisten in einem gewissen Sinne geholfen. Die Kinder erkranken, siechen dahin und sterben in unbeschreiblichem Elend. Dagegen muß hervorgehoben werden, daß die große Enteignung und Verbannung der wohlhabenden Bauernschaft (der angeblichen "Kulaken"), die im Jahre 1929 angefangen wurde und im Jahre 1930 (Herbst) fortgesetzt wird — zu einer neuen Quelle der Kinderverwahrlosung werden mußte. Ernste Sachkenner rechnen allein im Jahre 1929 mit 600.000 liquidierten Kulaken-Wirtschaften. Das bedeutet 600.000 Familien, die von neuem der Verelendung preisgegeben wurden. Die Kinder leiden aber unter solchen Bedingungen am schwersten.

31)  Dagegen bei Bucharin: "Die Verwahrlosung der Kinder hat wahrlich ein riesiges Ausmaß." Stenogr. Bericht des XIV. Kommun. Kongresses, S. 814.

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Das Alter

Es wäre von großem Interesse, wenn man einwandfrei feststellen könnte, in welchem Alter die verwahrlosten Kinder stehen, welcher sozialen Schicht sie angehören, ob sie noch irgendwo Eltern haben usw. Gewisse Anhaltspunkte hierbei können die Kinderheime geben, in denen allerdings nur ein geringer Teil der verwahrlosten Kinder Aufnahme findet. Als zweite Hilfsquelle zur Beleuchtung dieser Frage kann die Statistik der jugendlichen Verbrecher, die hauptsächlich den Reihen der verwahrlosten Kinder entstammen, herangezogen werden. Die Angaben dieser beiden Quellen besagen, daß die Hauptmasse der Verwahrlosten — Bauernkinder sind (über 50 Prozent). Verwahrloste Arbeiterkinder stellen ungefähr 25 Prozent, Kinder von Staatsangestellten etwa 10 Prozent der Gesamtzahl, und ungefähr derselbe Prozentsatz kommt auf die Kinder aller übrigen Professionen bis zu den Rotarmisten. So ergibt sich also, daß im "Arbeiter- und Bauernstaate" die bei weitem größte Zahl der verwahrlosten Kinder gerade diesen führenden Ständen angehört, und zwar über 75 Prozent der Gesamtzahl.32)

 

  Die Eltern  

 

Die Familienverhältnisse der Kinder können etwa folgendermaßen geschildert werden: die meisten Kinder sind Vollwaisen, und zwar bis zu zwei Dritteln der Gesamtzahl. Halbwaisen gibt es ungefähr 30 Prozent; annähernd 4 Prozent der verwahrlosten Kinder haben Eltern. Bei den Halbwaisen ist das Verhältnis derjenigen, die nur den Vater haben, zu denen, denen nur die Mutter übrig geblieben ist, wie 4:1; daraus wäre zu schließen, daß ein Kind, welchem die Mutter bleibt, mehr an der Familie hängt als ein mutterloses Kind. Ferner kann man sicher behaupten, daß die größte Mehrzahl aller Verwahrlosten aus Knaben besteht, und zwar übersteigt die Zahl der Knaben um das Sechsfache die Zahl der verwahrlosten Mädchen.

Das Alter der Kinder ist sehr verschieden. Man sah auf den Straßen sogar dreijährige Verwahrloste.... Die Mehrzahl der verwahrlosten Kinder ist 8 bis 13 Jahre alt (ungefähr 60 Prozent); von 13 bis 16 Jahre gibt es ca. 20 Prozent; die über 16 Jahre alten werden ungefähr mit 7 Prozent berechnet.

Am 14. April 1927 hielt der Volkskommissar Lunatscharsky bei einer Sowjettagung eine Rede, in der er unter anderem ausführte: 

"Wir müssen noch eine ganze Reihe von Jahren kämpfen, um das Land von der Not der Verwahrlosung zu befreien. In den Kinder­heimen haben die Kinder das Alter von 17 und 18 Jahren erreicht, und wir wissen nicht, was mit ihnen anfangen. ... Sie sind auf uns angewiesen geblieben, und es besteht die Gefahr, daß wir mit Eheschließungen zu rechnen haben werden, aus denen eine neue Generation entstehen wird — eine Stammbevölkerung der Kinderheime. ..."

"In den Kinderheimen", führt Lenins Witwe, Krupskaja, aus, "werden geradezu Banditen erzogen; da hausen beinahe verheiratete Lotterbuben, die da herumlungern und herumtoben."33) "Wie viele Male schon", schreibt Kalinins Frau, "hat man die Straßen in Moskau von den verwahrlosten Kindern gesäubert, und sie stecken doch überall. An jeder Ecke — ist es wie in einem schlimmen Traum. Und die Zahl der Banden wächst immer weiter fort."34) 

"Für den gegenwärtigen Stand der Verwahrlosung", berichtet ein objektiver Sowjetforscher, Boguslavsky, "ist es charakteristisch, daß sie stabil wird, und daß dadurch die Gefahr entsteht — es werde sich ein unveränderlicher Bestand der Verwahrlosten bilden." Diese Annahme erscheint indes sogar zu optimistisch; denn die Verelendung neuer Bauernschichten dürfte, wie gesagt, schon an sich für neuen Nachschub zu der unglücklichen Kinderschar sorgen. 

In den letzten Jahren (1929-1930) wird es leider immer schwieriger, genaue Angaben über die Kinderverwahrlosung in der Sowjetpresse zu finden. Dieses Schweigen gehört übrigens zum Stalinschen System des offiziellen kommunistischen Optimismus. ... Was aber die geistige Seite dieses Problems anbetrifft, so wird Lunatscharsky bis ans Ende recht behalten mit seinem Bekenntnis: 

"Eins wird uns nie verziehen werden, nämlich die Demoralisierung, von der die Seele unserer Jugend betroffen bleibt, derselben Jugend, die uns ablösen muß und unsere Zukunft bedeutet."35

Dies ist das wahre Bild von dem größten Weltelend der Geschichte. Und in dieser Darstellung gibt es keine einzige Tatsache, keinen einzigen Strich, der nicht den authentischen Sowjetquellen entnommen wäre.

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32) Boguslawsky, Über die Verwahrlosung der Kinder, Prawda, 20.2.1926; "Detskaja Besprisornostj". Moskau, 1926, Ausgabe des Volkskommissariates für Kultus.

33)  "Prawda", 1925, Nr. 275.     34)  "Prawda", 1927, 20. Mai.    35)  Siehe bei Wassilewsky. Detskaja prestupnost. Twer, 1923.

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