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3. Die Ausbildung des Psychotherapeuten 

 

 

 

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Es gibt viele Beweise, welche die Behauptung erhärten, daß nicht die Art der Psychotherapie entscheidend ist für den Erfolg oder Mißerfolg einer Psycho­therapie, sondern daß es auf den Psychotherapeuten ankommt. Psychotherapien sind nicht greifbare Instrumente wie Skalpelle oder Zangen; bestenfalls sind sie abstrakte Werkzeuge. Dennoch können sie den Händen derjenigen, die sie anwenden, entgleiten und weiteren Schaden anrichten.

Wenn wir physisch krank sind und uns einem chirurgischen Eingriff unterziehen müssen, bemühen wir uns natürlich, uns der Dienste des bestmöglichen Chirurgen mit der sichersten Hand und der größten Erfahrung zu versichern. Es ist uns gleichgültig, welche Art Skalpell er zu verwenden gedenkt, wir interessieren uns nur für seine chirurgischen Qualifikationen. Wir würden uns nicht gern unter das Messer eines erfahrenen Chirurgen begeben, wenn er nicht viele Erfolge vorzuweisen hätte.

Noch weniger wären wir bereit, uns einem Chirurgen anzuvertrauen, der gerade erst mit dem Studium fertig ist und noch keine Erfahrungen gesammelt hat, oder einem Assistenzarzt, der nur bei Operationen zugeschaut hat, oder einem Röntgenarzt, der glaubt, er habe so viele Aufnahmen des menschlichen Körpers gesehen, daß er auch imstande sei, ihn aufzuschneiden; oder gar einem charismatischen, aber schlecht bezahlten Krankenpfleger, der glaubt, Operationen seien eine gute Gelegenheit, nebenher etwas Geld zu verdienen. Doch wenn es sich um Psychotherapie handelt, tun viele von uns genau das. Wir reagieren nur auf den Therapeuten, nicht auf die Therapie. In der Geschichte der modernen psychotherapeutischen Theorie gibt es genug Rechtfertigungen dafür.

In erster Linie hat die Freudsche Theorie besonderen Nachdruck auf die therapeutische Beziehung gelegt, das heißt, die Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Patienten. Wie sich diese Beziehung gestaltet, bestimmt Freud zufolge weitgehend den Erfolg oder Mißerfolg der Therapie.


Hauptmerkmal ist der von Freud als Übertragung bezeichnete Prozeß (der Patient überträgt Zuneigung zu anderen und Feindschaft gegen andere auf den Psychotherapeuten). Ein therapeutischer Fortschritt ist unmöglich, sofern der Patient nicht grundsätzlich Vertrauen zum Therapeuten hat. Durch die Übertragung wird der Therapeut ein Ersatz für die Eltern des Patienten und spielt eine immer wichtigere Rolle in seinem Leben. Die Rolle beruht in erster Linie auf Phantasie - einer Phantasie, die laut Freud notwendig ist, weil sie dazu beiträgt, daß der Patient seine eigenen Phantasien und seine unrealistische Einstellung zum Leben begreift.

Eben wegen der Art der therapeutischen Beziehung, die traditionell auf der Phantasie beruht, ist es kein Wunder, daß der grundlegende Faktor für den Fall, daß jemandem die Psychotherapie verlockend erscheint, der Therapeut ist und nicht die Therapie. In der gesamten psychoanalytischen Literatur, aus der die meisten Formen der Psychotherapie ihre Grundprinzipien beziehen, ist immer die Ansicht vertreten worden, daß die therapeutische Beziehung letztlich über den Erfolg einer Therapie entscheidet. Daher scheint es so zu sein, daß Menschen, die eine Psychotherapie brauchen oder suchen, von vornherein dazu neigen, die Wirksamkeit und Leistungsfähigkeit einer Therapie danach zu beurteilen, wer sie durchführt — und nicht nach den Qualifikationen, der Ausbildung oder Erfahrung des jeweiligen Therapeuten. Das ist natürlich eine weitere Erklärung für die Verbreitung von Psychotherapien und Psychotherapeuten: je größer die Rolle, die das »Wer« für die Leistungsfähigkeit der Therapie spielt, um so mehr »Wers« sind aufgetaucht, die glauben, sie könnten genausogut eine Therapie verabfolgen wie jeder andere; dazu bedürfe es nur eines verständnisvollen Gebarens, einer überzeugenden Redeweise und einer attraktiven, wenn nicht gar charismatischen Persönlichkeit.

Das ist eine ernste Kritik, entweder an der tatsächlichen Ineffizienz der Psychotherapie oder an ihrer allgemeinen Wirksamkeit. Jedenfalls wird damit die Frage aufgeworfen: Wenn jedermann Psychotherapie verabfolgen kann, warum wenden dann

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manche Leute unheimlich viel Geld und ein halbes Dutzend Jahre auf, um qualifizierte, akademisch ausgebildete Psychotherapeuten zu werden? Und das wirft die nächste Frage auf: Angenommen, jeder, der sich auf das Gebiet der Psychotherapie begibt, wird dazu hauptsächlich durch den Wunsch angeregt, anderen zu helfen (bestenfalls eine zweifelhafte Annahme), welcher Unterschied besteht dann zwischen einem vorzüglich ausgebildeten, hochqualifizierten Therapeuten und dem kaum ausgebildeten und weniger qualifizierten? Insbesondere, wenn der letztere aus der Sicht der Patienten oder Klienten doppelt so tüchtig ist wie der erstere?

Ebenso wie es viele Arten von Psychotherapie gibt, gibt es viele Arten von Psychotherapeuten und viele Möglichkeiten, wie man es wird. Der der Tradition am meisten entsprechende und wohl auch immer noch angesehenste Weg ist, es Freud gleichzutun und Arzt zu werden. Das erfordert am meisten Geld, Zeit, Studium und Berufsausbildung, aber zu guter Letzt kann sich der Therapeut den begehrten Titel Psychiater zulegen. Nur ein Arzt darf sich Psychiater nennen.

Psychiatrie ist die ursprüngliche und traditionelle Form der Psychotherapie. Einst wurde sie als die einzig legitime Form angesehen, und viele Psychiater sehen sie noch heute als die einzig legitime Form an. Ohne im Augenblick auf die Vor- und Nachteile einer solchen dogmatischen Erörterung einzugehen, besteht kein Zweifel daran, daß unter all den Spielarten von Therapeuten nur die Psychiater von Rechts wegen befugt sind, Psychopharmaka wie Tranquilizer und Antidepressiva zu verschreiben oder zu verabfolgen; nur die Psychiater sind von Rechts wegen befugt, die verschiedenen Formen der Schockbehandlung anzuwenden; nur die Psychiater sind von Rechts wegen befugt, klinisch-organische Laboratoriumsuntersuchungen vorzunehmen, um eine genaue Diagnose stellen zu können; und nur die Psychiater sind von Rechts wegen befugt, Patienten in Krankenhäuser einzuweisen. Mit anderen Worten, nur den Psychiatern steht das gesamte bekannte Zubehör für eine vollständige psychotherapeutische Behandlung zur Verfügung.

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Innerhalb des medizinischen Spezialgebiets der Psychiatrie gibt es zwei theoretische Untergliederungen, denen die Ärzte angehören. Der Unterschied zwischen beiden ist groß und oft Ursache scharfer Auseinandersetzungen. Viele Psychiater führen ihre therapeutische Praxis nach den Theorien und Verfahren der einen oder anderen Schule der orthodoxen Psychoanalyse oder lassen sich zumindest von den Lehren Freuds, Jungs oder eines anderen der frühen Erneuerer der Psychoanalyse inspirieren und beschränken sich bei ihren Therapien auf diese Lehren. Andere Psychiater halten sich nicht so strikt an die klassischen psychoanalytischen Techniken und bedienen sich einer Mischung von Methoden, die von den traditionellsten bis zu den avantgardistischsten reichen.

Die Angehörigen der ersten Gruppe sind nicht nur als Psychiater, sondern auch als Psychoanalytiker bekannt. Sie werden sozusagen anerkannte Psychoanalytiker, denn nach Beendigung des medizinischen Studiums und der vorgeschriebenen Spezialausbildung, die erforderlich ist, um als Facharzt für Psychiatrie approbiert zu werden, erhalten sie eine noch speziellere Ausbildung an einem psychoanalytischen Institut unter der Schirmherrschaft der Psychoanalytischen Gesellschaft.

Die andere Gruppe — Ärzte, die auf diese Spezialausbildung und das Zertifikat in Psychoanalyse verzichten - bleibt schlicht Psychiater. Die meisten Psychoanalytiker, mit denen ich gesprochen habe, betrachten die nicht psychoanalytisch ausgebildeten Psychiater als minder qualifizierte Fachleute. Sie halten sie nicht für fähig, ihren Patienten alle Förderung und all die Hilfsmittel der, wie sie glauben, einzigen umfassenden und erschöpfenden Methode zur Behandlung einer psychischen Krankheit zu bieten. Die meisten nicht-analytischen Psychiater — diejenigen, die sich aus verschiedenen therapeutischen Theorien und Techniken etwas herauspicken — beurteilen ihre mehr kämpferischen, ausschließlich auf Analyse ausgerichteten Kollegen weniger dogmatisch. Sie sind sehr beschlagen in der Freudschen Theorie, sind aber der Meinung, sie sei zu einschränkend und setze sich selbst Grenzen.

»Die reine Psychoanalyse ignoriert die mittlerweile unbestreitbare Tatsache, daß die sozialen Gegebenheiten zu den Leiden unserer Patienten beitragen«, sagte mir ein nichtfreudscher Psychiater.

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»Analytiker als eine Klasse sind zu sehr bestrebt, den Schluß zu ziehen, daß die Hauptursachen des Leidens eines Patienten — jedes Patienten — ausschließlich in ihm selbst liegen, und damit gehen sie einfach über die Bedrückung durch die Umwelt hinweg, die zu der Störung beigetragen haben kann. Insofern ein Psychotherapeut zum Beispiel das Leiden eines Patienten den ungelösten ödipalen Konflikten zuschreibt, läßt er implizite die sozialen Zwänge — etwa introvertierte oder tyrannische Eltern — unberücksichtigt. Dennoch mag das Verhalten des Patienten eine Reaktion darauf sein.«

Das würde einem als gemäßigte und vernünftige Kritik erscheinen, wäre es nicht eine Tatsache, daß die gewöhnliche, eklektische Psychiatrie auch keine nennenswert höhere Erfolgsquote nachweisen kann als die klassische psychoanalytische Psychotherapie. Wir wissen jetzt, daß selbst die wohlwollendsten Untersuchungen über die Ergebnisse der orthodoxen Psychoanalyse einen Prozentsatz von »Heilungen« und »Fast-Heilungen« aufzeigen, der sich nicht von den Ergebnissen anderer therapeutischer Methoden unterscheidet. In der Tat haben die entmutigenden Statistiken, die schon seit Ende der 1950er Jahre vom Untersuchungsausschuß der Amerikanischen Psychoanalytischen Gesellschaft zusammengestellt wurden, den Vorsitzenden dieses Ausschusses veranlaßt, »ausdrücklich zu erklären .... daß diese Gesellschaft nicht den Anspruch therapeutischer Nützlichkeit für die psychoanalytischen Methoden erhoben hat.«1)

Nächst der ärztlichen Ausbildung ist der angesehenste und zeitraubendste Weg, um den Status eines vollgültigen akademisch ausgebildeten Psychotherapeuten zu erlangen, das Studium der Psychologie mit abschließendem Diplom (und evtl. auch Promotion) . Der Student erhält während des Universitätsstudiums eine gründliche Einführung in alle Gebiete der akademischen Psychologie und wird ausführlich mit den Theorien und Techniken der Psychotherapie, auch der Freudschen, vertraut gemacht.

 

1  Dieses Zitat stammt von dem Psychologen Hans J. Eysenck und erscheint auf Seite 4 des von Eysenck herausgegebenen Buches Behavior Therapy and Neuroses, Pergamon Press, New York 1960.

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Das Studium schließt mit der Diplomarbeit (und der Promotion) ab. Wenn das Berufsziel die Ausübung der Psychotherapie ist, wird das Thema der Diplomarbeit in die klinische Psychologie fallen, doch könnte sie auch ein anderes Fachgebiet behandeln, etwa pädagogische Psychologie, Sozialarbeit oder ein entsprechendes Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Mit dem Diplom wird man als ausgebildeter Psychologe angesehen und ist theoretisch befugt, Psychotherapie zu verabfolgen, zumindest in der »Gesprächs«-Form. Aber es ist unwahrscheinlich, daß ein ernsthafter junger Psychologe gleich eine eigene Praxis eröffnet und darauf wartet, daß sich die Patienten oder Klienten einfinden. Erst muß er Erfahrung sammeln und einen Ruf bekommen. Während des Studiums wird bei ihm höchstwahrscheinlich ein Interesse an einer bestimmten Theorie oder Methode der Psychotherapie erwacht sein. Daher werden sich frisch gebackene Psychotherapeuten wahrscheinlich um eine Anstellung in einem Rahmen bemühen, in dem sie weitere Berufserfahrungen sammeln und eine Ausbildung in den therapeutischen Techniken ihrer Wahl erhalten können. Eine solche Anstellung mag den Anfänger in viele verschiedene Bereiche bringen: Schulen, Kliniken, Institute, Sozial- und Wohlfahrtsämter, militärische Dienststellen, Regierungsprojekte und Dutzende andere. Auf diese Weise werden die jungen Psychotherapeuten die meisten oder alle der technischen Fertigkeiten, die sie in der akademischen Ausbildung erlangt haben, in der praktischen Anwendung beobachten, von der Statistik bis zur Kunst der Beratung. So erlangen sie Selbstvertrauen und Zutrauen zu den therapeutischen Techniken, die sie gelernt haben.

Das ist jedoch nur eine von vielen Möglichkeiten, und es ist zweifelhaft, ob auch nur die Hälfte der Psychologen, die sich Psychotherapeuten nennen, auf diese Weise vorgegangen sind. Kurz gesagt, viele Wege führen zu dem Berufsziel Psychotherapeut, und für Psychologen mit Diplom oder Doktortitel sind sie sehr viel mannigfaltiger als für den Arzt, der Psychiater wird.

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Als Gruppe befassen sich die akademisch ausgebildeten psychotherapeutischen Psychologen im allgemeinen mit einer viel größeren Zahl von therapeutischen Theorien und Methoden als die Psychiater. Das ist teilweise auf die Tatsache zurückzuführen, daß ihnen nicht dieselben Mittel zur Verfügung stehen wie den Psychiatern — Medikamente, Schockbehandlung und dergleichen. Die meisten Psychiater werden Spezialisten auf ihrem Gebiet, weil sie Psychoanalyse oder Abkömmlinge davon in Verbindung mit den modernsten diagnostischen und Behandlungshilfsmitteln praktizieren wollen.

Andererseits haben die meisten Psychologen ihrer Ansicht nach einen beträchtlich besseren Blick für seelische Krankheiten und für die Demoralisierung des einzelnen Menschen. In vieler Hinsicht erfahren sie während ihrer Ausbildung mehr als Psychiater über die Ursache von Neurosen und die Vielzahl der therapeutischen Theorien; infolgedessen neigen die Psychologen im großen und ganzen zu der Meinung, sie seien besser gerüstet als Psychiater, um eine umfassendere Skala von seelischen und emotionalen Störungen zu behandeln. Dessenungeachtet ist ein Großteil der psychologischen Therapie ebenso auf Analyse ausgerichtet wie die psychiatrische Therapie; viele Psychologen sind sogar selbst Psychoanalytiker.

In diesem Zusammenhang sei auf einen Irrrum vieler Laien hingewiesen, die glauben, um Psychoanalyse praktizieren zu können, müsse ein Therapeut Psychiater sein. Das stimmt nicht. Jeder, der an der Universität Medizin, Psychologie oder eine verwandte Disziplin studiert und ein Examen abgelegt hat, kann — vorausgesetzt, er ist bereit, Zeit und Geld für die von den psychoanalytischen Instituten gebotene Spezialausbildung aufzuwenden — praktizierender Psychoanalytiker werden. Mit anderen Worten, nicht alle Psychoanalytiker sind Psychiater. Viele haben in Psychologie promoviert, andere haben ein Diplom in mit der Psychologie verwandten Fächern wie Pädagogik und Sozialwissenschaften erworben.

Ein Psychologe, der Zeit und Geld dafür aufwendet, ein anerkannter Psychoanalytiker zu werden, wird sich in seiner Therapie gewöhnlich der Theorien und Techniken der Analyse bedienen. Das wirft die Frage auf: Was ist Psychoanalyse heute eigentlich?

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Es gibt im Grunde drei Versionen der Analyse, die in der heutigen allgemeinen psychotherapeutischen Praxis angewandt werden. Die erste ist die orthodoxe Freudsche Analyse mit ihrer komplizierten Theorie über die innere Dynamik der seelischen Krankheit und mit ihrer strengen Methode.

Die zweite ist ein Verfahren, das man abgewandelte Analyse nennen könnte. Dazu gehören alle die Verfeinerungen und/oder Abwandlungen, die von den frühen Freudschen Dissidenten eingeführt und von den Schülern dieser Dissidenten überliefert wurden. Die Adlersche Individualpsychologie, die Jungsche analytische Psychologie, die Ranksche Geburtstrauma-Analyse und Liebestherapie, die Existenzanalyse von Binswanger und seinen Schülern, die Daseinsanalyse von Medard Boß (in erster Linie eine europäische Richtung), die Logotherapie von Victor Frankl und die Techniken der interpersonalen Theorie von Karen Hor-ney und Harry Stack Sullivan sind nur eine Handvoll Beispiele für die abgewandelte Analyse. Alle unterscheiden sich mehr oder weniger von der Freudschen Theorie — hauptsächlich in der Frage, wie weit die Sexualität für die Persönlichkeitsentwicklung bestimmend ist —, aber alle halten an den von Freud erarbeiteten, allgemeinen psychoanalytischen Techniken fest.

Der dritte, heute angewandte Typus der Analyse kann eklektische Analyse genannt werden. Die eklektische Analyse ist eine Methode, die sowohl von der Freudschen als auch von der abgewandelten analytischen Theorie und Technik einige Elemente übernommen hat. Andrew Salter, Psychologe und Verfechter der Verhaltenstherapie, der einen Großteil seines Berufslebens darauf verwandt hat, die Psychoanalyse als wirkungsvolle therapeutische Methode in Mißkredit zu bringen, schreibt in seinem Buch The Case Against Psychoanalysis:

»Die meisten Psychoanalytiker praktizieren jetzt Kryptoanalyse. Sie behalten ihre sexuelle Monomanie und die psychoanalytische Terminologie für sich und verschleiern damit vor dem Patienten die Tatsache, daß sie sich obsoleter Methoden bedienen. Oder sie sprechen gelehrt von den neueren Freudschen Entdeckungen und verwenden dieselben altmodischen Methoden.«2)

 

2)  Citadel Press, New York 1968, S. VI.

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Wenn wir Salters professionelle Verachtung für die analytische Therapie beiseite lassen, wäre es nicht falsch zu sagen, daß die von ihm so genannte Kryptoanalyse das ist, was ich als eklektische Analyse bezeichnet habe. Relativ wenige unter allen Therapeuten, die heute als ihre wichtigste Technik die Psychoanalyse anwenden, halten sich ausschließlich an den orthodoxen Freudianismus oder auch nur an dessen Abwandlungen. Fast jeder ausgebildete Analytiker braut sich aus Theorien und Techniken des Freudschen und der von Freud abgeleiteten Modelle seine eigene Mixtur zusammen.

Obwohl die psychoanalytischen Techniken für zahlreiche von der Psychologie herkommende Therapeuten die einzige Methode darstellen, ziehen es viele andere Psychologen vor, die formale Ausbildung in der Psychoanalyse zu vermeiden, oder sie können sie sich nicht leisten. Infolgedessen werden sie Psychotherapeuten anderer Couleur. Zwar werden sich einige von ihnen gewisser analytischer Techniken bedienen, doch werden die meisten ein eklektisches Verfahren anwenden, vielleicht durchsetzt mit den Theorien und Techniken, die eine bevorzugte therapeutische Schule entwickelt hat, etwa die, klientenbezogene, die Gestalt- oder Lerntheorie-Schulen. Die von Psychologen und in verwandten Disziplinen ausgebildeten Therapeuten verabfolgte Psychotherapie zerfällt also in drei Kategorien: 1. psychoanalytische Therapie; 2. eklektische Therapie; 3. ausgesprochen nicht-analytische Therapie.

In allen drei Kategorien ist der Therapeut, sofern er nicht Psychiater bzw. Arzt ist, nicht in der Lage, die medizinischen Zutaten zur Psychotherapie zu verabfolgen — Laboruntersuchungen zum Beispiel oder Medikamente und andere Formen der »Nicht-Gesprächs«-Behandlung.

Viele Psychiater und Psychologen (bei denen es viel üblicher ist) bieten Psychotherapie als Einzeltherapie oder als Gruppentherapie an, entweder in ihrer privaten Praxis, in Kliniken oder in den Instituten. Institute werden gewöhnlich nicht nur gegründet, um möglichst viele Menschen therapeutisch zu behandeln, sondern auch, um das Interesse an einer bestimmten Form der Therapie zu fördern - gewöhnlich die eines Therapeuten, dessen Theorien und Techniken innerhalb und außerhalb der psychotherapeutischen Gemeinde einige Aufmerksamkeit erregt haben.

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In der psychotherapeutischen Bewegung ist seit langem ein interner Disput über die Frage im Gange, wer eigentlich dazu qualifiziert sei, Psychotherapie zu praktizieren. Diese Auseinandersetzung geht in der Tat bis auf Freud zurück, der behauptete, die Psychoanalyse sei eher ein Zweig der Psychologie als der Medizin, und der gleichermaßen Mediziner und Nichtmediziner für den Beruf des analytischen Psychotherapeuten ausbildete.

Die Streitfrage spitzte sich zu, als Theodor Reik, einer von Freuds Schützlingen und eher Psychologe als Arzt, 1926 wegen Kurpfuscherei angezeigt wurde, mit der Begründung, er sei kein Arzt und daher nicht qualifiziert, Psychotherapie zu praktizieren. Freud verfaßte eine temperamentvolle Verteidigungsschrift für die nicht ärztlich ausgebildeten Therapeuten, die unter dem unglücklichen Titel Die Frage der Laienanalyse als Buch veröffentlicht wurde. In diesem Buch vertrat Freud den Standpunkt, daß man nicht Arzt zu sein brauche, um erfolgreich Psychotherapie zu praktizieren. Der Erfolg der Therapie hänge nicht von medizinischem Wissen ab, sondern davon, daß man die Theorien und Techniken der Psychoanalyse verstehe und in ihnen ausgebildet sei. Daher sei jeder, der sie beherrsche, qualifiziert, Psychotherapie zu praktizieren.

Zu dieser Zeit lag Freud auch mit der amerikanischen Abteilung der Internationalen Psychoanalytischen Gesellschaft (deren geistiger Vater er war) wegen derselben Frage in Fehde. Der Amerikanischen Psychoanalytischen Gesellschaft, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, gehörten fast ausschließlich Ärzte (Psychiater) an. Sie waren sich durchaus der Verachtung bewußt, die die ärztliche Wissenschaft und altmodische psychiatrische Auffassungen der Psychoanalyse entgegenbrachten, und sie wollten unbedingt anerkannt werden. Daher war es undenkbar, einen Standpunkt zu unterstützen, der eine nicht-ärztliche Psychotherapie begünstigte. Im Jahr 1929 regte Freud an, die Amerikanische Psychoanalytische Gesellschaft wegen ihrer Ablehnung der nicht-ärztlichen Psychotherapie aus der internationalen Gruppe auszuschließen. Freud verlor die Schlacht, und die Amerikanische Psychoanalytische Gesellschaft blieb in erster Linie eine Gemeinschaft von Ärzten.

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Aber der Zweite Weltkrieg und seine Nachwehen brachten mehrere bedeutsame Veränderungen auf dem Gebiet der Psychohygiene mit sich. Der Krieg hatte die psychoanalytische Bewegung in Europa fast ausgelöscht, und wie ich schon erwähnt habe, suchten zahllose führende Analytiker — von denen viele keine Ärzte waren — in Amerika Zuflucht. Viele wurden in die Amerikanische Psychoanalytische Gesellschaft aufgenommen, aber die Nichtmediziner erhielten nur eine besondere, begrenzte Mitgliedschaft. Wiederum war es Theodor Reik, der die anschließende Kontroverse in Gang brachte. Er lehnte einen solchen Status ab, nannte ihn entwürdigend und eine »Mitgliedschaft zweiter Klasse«, und 1949 scharte er eine Reihe anderer, nichtärztlich ausgebildeter Psychotherapeuten um sich und gründete die Nationale Psychologische Gesellschaft für Psychoanalyse (NPAP) als Ersatzvereinigung und Ausbildungs­stätte.

Bis dahin mußte sich jeder, der Psychotherapeut werden wollte, in Einrichtungen unter der Schirmherrschaft der Amerikanischen Psychoanalytischen Gesellschaft (APA) ausbilden lassen. Das bedeutete, daß die einzigen Psychoanalytiker, die in Amerika offiziell praktizieren konnten, Ärzte sein mußten. Mit seiner NPAP erschloß Reik die Ausübung der Psychotherapie auch nicht-ärztlichen Therapeuten, etwa Psychologen.

Noch bedeutsamer war vielleicht, daß der Krieg zu den größten Anstrengungen auf dem Gebiet der Psychohygiene anregte, die die USA je unternommen hatten. Die Streitkräfte und die Fürsorgeverwaltung für Kriegsteilnehmer (Veterans Administration) bildeten zahllose Psychologen und Sozialarbeiter — Leute, die nie daran gedacht hatten, psychisch Kranke zu behandeln - in den Techniken der Beratung und Psychotherapie aus. 

Außerdem weckten Psychiater wie die Brüder Menninger und andere, die sowohl psychoanalytisch orientiert als auch damit beschäftigt waren, psychohygienische Programme in großem Maßstab für die breite Masse des Volkes zu fördern, das Interesse an neuen, weniger zeitraubenden Methoden der Psychotherapie, um den rasch wachsenden Bedarf zu befriedigen. Psychoanalyse vier- oder fünfmal wöchentlich auf der Couch war ein Luxus, mit dem im Nachkriegsamerika die steigende Massennachfrage nach psychischer Betreuung kaum gedeckt werden konnte.

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Angesichts des Bedarfs, und nachdem die restriktiven, elitären Befähigungsnachweise der professionellen Psychotherapie durch die Haltung der Regierung und durch Männer wie Reik und seine Schüler gelockert waren, ließen sich klinische Psychologen, die ursprünglich für psychologische Tests ausgebildet worden waren, von Psychiatern in Kliniken, in den psychiatrischen Abteilungen gewöhnlicher Krankenhäuser und in Heilanstalten schnell in Psychotherapie ausbilden. Es waren draufgängerische Leute, und einige waren sogar so tollkühn, eine Privatpraxis zu eröffnen. Mitte der 1950er Jahre waren die offiziellen psychiatrischen Gruppen — die exklusive APA und auch die demokratischere NPAP — beunruhigt durch die Konkurrenz, die diese nicht-medizinisch und nicht-psychoanalytisch ausgebildeten Therapeuten für sie darstellten. Deshalb versuchten sie über eine Lobby eine Gesetzgebung in verschiedenen Staaten zu erreichen, die die Ausübung der Psychotherapie auf sie beschränken sollte.

Die neuen Therapeuten, immer noch hauptsächlich Psychologen aus verschiedenen Berufszweigen und angeführt von ihren psychologischen Gesellschaften in den einzelnen Staaten, gingen zum Gegenangriff über, indem sie in ihren jeweiligen Parlamenten Gesetzesvorlagen befürworteten, die in vielen Fällen auch verabschiedet wurden, wonach Psychologen nach Ausstellung eines »Zertifikats« berechtigt sind, Psychotherapie zu praktizieren.

Viele dieser Gesetze haben indes, statt die Frage zu klären, wer Psychotherapie praktizieren darf und wer nicht, in Amerika praktisch jedermann Tür und Tor zur Psychotherapie geöffnet. Da im Staat New York die größte Zahl von Psychotherapeuten des ganzen Landes konzentriert ist, dürfte es aufschlußreich sein, sich kurz die Geschichte des Konflikts zu vergegenwärtigen, der seit 1956 schwelte, als das <New York State Psychology Certification Law> eingeführt wurde — angeblich, um die aufblühende Psychotherapie-Industrie in Schach zu halten.

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So, wie das Gesetz verabschiedet wurde, stellte es einen Kompromiß dar zwischen verschiedenen antagonistischen Kräften: den akademischen Psychologen, vertreten durch die Psychologische Gesellschaft des Staates New York, die bestrebt war, die Psychotherapie allen anerkannt Graduierten der Psychologie zu erschließen, die sie praktizieren wollten; den psychoanalytischen Psychologen, vertreten durch Reiks NPAP; organisierten Psychiatern; und anderen Gruppen, die die Öffentlichkeit vor Quacksalbern und Scharlatanen schützen wollten, die von der Psychotherapie angezogen wurden wie verstreute Nägel von einem Magneten.

Den akademischen Psychologen gelang es, ein Examen sowie die Promotion als die beiden einzigen Grundbedingungen für die Berechtigung durchzusetzen, »Psychologie zu praktizieren« — worunter das Praktizieren der Psychotherapie ebenso verstanden wurde wie die traditionelleren Anwendungsgebiete der Psychologie, etwa psychologische Tests, Gutachten, statistische Erhebungen und dergleichen.

Die NPAP und andere Vertreter der nicht-ärztlichen psychoanalytischen Psychotherapeuten, die mit analytischen Ausbildungsprogrammen und in Kliniken beschäftigt waren, wandten sich gegen das Gesetz, und zwar mit der Begründung, daß der Doktorgrad ein akademischer Grad sei, daß die Universitäten keine Programme in Psychologie bieten, die eine angemessene Ausbildung in der psychoanalytischen Theorie und Technik gewährleisten, und ebensowenig eine angemessene Überwachung in der Praxis; außerdem werde keine persönliche Analyse verlangt, eine Bedingung, die seit der Entstehung des Berufs jeder Auszubildende erfüllen mußte.3)

Nach sehr langer und oft scharfer Debatte über das Gesetz wurde als Kompromiß eine Ausnahmeklausel angefügt, die es vielen bereits praktizierenden Psychotherapeuten ermöglichte, sich auch ohne Doktorgrad um das »Zertifikat« zu bewerben.

 

3  Der Mangel an Freudscher analytischer Ausbildung in Universitätsprogrammen, der auch heute noch offenkundig ist, läßt sich auf die Tatsache zurückführen, daß zu der Zeit, als solche Programme eingeführt wurden, die Analyse in Amerika noch eine ausschließlich ärztliche Angelegenheit war. Daß Freud die Schlacht um eine nicht-ärztliche Analyse verlor, war vermutlich so einschneidend, wie er es damals ansah, denn es trug weiter zur Entfremdung der Psychoanalyse von den Universitäten bei. Tatsächlich gibt es keine psychologische Fakultät mit einer vorwiegend Freudschen Ausrichtung, obwohl es Fakultäten gibt, die ein Dutzend verschiedener psychologisch ausgerichteter Therapie­theorien und -techniken vertreten.

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Der letzte wichtige Kompromiß, der der ärztlichen Opposition gegen das Gesetz die Spitze nehmen sollte, sah vor, daß Psychologen nicht (wie Ärzte) approbiert, sondern nur durch das Zertifikat »anerkannt« werden. Das Gesetz bestimmte, daß niemand sich Psychologe nennen darf, sofern er nicht »anerkannt« ist. Es hinderte niemanden daran, sich Psychoanalytiker oder Psychotherapeut zu nennen oder irgendeine Form von Psychotherapie zu praktizieren - nur Psychologe durfte er sich nicht nennen. Diese Lücke im Gesetz öffnete jedermann Tür und Tor, der Psychotherapie praktizieren wollte, obwohl offiziell nur approbierte Ärzte oder »anerkannte« Psychologen und »anerkannte« Sozialarbeiter dazu berechtigt waren.

In den Jahren nach dem »Certification«-Gesetz in New York von 1956 bildeten einige Institute und Kliniken weiterhin »nicht anerkannte« Psychotherapeuten aus — Leute, die nicht in Psychologie oder einer verwandten Verhaltenswissenschaft promoviert haben. Sie taten es aus zumindest drei Gründen. Der eine war, daß die Leiter der verschiedenen Institute und Kliniken einen größeren Stab von Therapeuten brauchten, um die wachsende Zahl von Patienten und Klienten zu versorgen; natürlich wollten sie Therapeuten haben, die in den von den jeweiligen Instituten und Kliniken propagierten Techniken ausgebildet waren, um eine möglichst große Verbreitung ihrer Theorien über »seelisches und emotionales Wohlbefinden« zu gewährleisten. Durch die Erreichung dieses Ziels würden die Institute und Kliniken im Geschäft bleiben.

Der zweite Grund mag ein wenig uneigennütziger gewesen sein, denn es ließ sich nicht leugnen, daß der Bedarf an Psycho­therapie, besonders an der billigen, kurzfristigen Form, mit einer Geschwindigkeit in die Höhe schnellte, die in keinem Verhältnis stand zu dem Angebot an verfügbaren Therapeuten. Das Land wurde kränker, und Therapeuten aller Schattierungen - und ebenso die jungen idealistischen Studenten, die gerade vom College kamen - hatten den aufrichtigen Wunsch, zur Besserung der Lage beizutragen.

Ich erinnere mich, daß Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre fast jeder graduierte Psychologe, den ich in New York traf, danach lechzte, Therapeut zu werden, und daß fast jeder Student, den ich kannte, als Hauptfach Psychologie

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gewählt hatte, um später »den Menschen zu helfen«. Viele von ihnen verließen nach Erlangung des ersten akademischen Grades die Universität und traten bei einem psychotherapeutischen Institut ein, um eine Lehre als Therapeut zu beginnen.

Der dritte Grund beruhte auf Zynismus angesichts der Widersprüche im Certification Law. Matthew Besdine, Präsident der NPAP (eine der Gruppen, die auch weiterhin nicht-promovierte Therapeuten ausbildete), behauptete kürzlich, daß 1970 im ganzen Staat nicht mehr als fünfundzwanzig Personen in klinischer Psychologie promovierten. Er wies weiter darauf hin, daß die Mehrzahl von ihnen nach der Promotion noch eine zusätzliche Ausbildung benötigte, um erfahrene Therapeuten zu werden. Und er bestätigte, daß viele akademisch ausgebildete Psychologen ohne eine Ausbildung in Psychotherapie einfach deswegen »anerkannt« werden, weil sie den Doktorgrad haben, und wenn sie dann in die klinische Praxis gehen, werden sie »rechtlich anerkannte Quacksalber«.

Die bittere Schlußfolgerung ist, daß, wenn das Gesetz auf diese Weise Quacksalberei fördert, dann auch jeder völlig unausgebildete und unqualifizierte Erdarbeiter ebenso berechtigt ist, praktizierender Psychotherapeut zu werden wie ein zum Doktor promovierter Psychologe. Wie sich die Dinge in der Psychotherapie entwickelt haben, nicht nur in New York, sondern in den ganzen Vereinigten Staaten, wäre es keineswegs verwunderlich, wenn ein Erdarbeiter seinen Spaten wegwirft, sich Psychotherapeut nennt und eine Praxis eröffnet. Es wäre noch weniger verwunderlich, wenn eine lange Schlange von Patienten vor seiner Tür wartet. Denn abgesehen von der Schwierigkeit, zwischen den Methoden und der Wirksamkeit einer Vielzahl von Psychotherapien zu unterscheiden, wird die Öffentlichkeit am meisten verwirrt durch die Frage: Wer kann oder sollte Psychotherapeut sein und wer nicht? Offen gestanden, in Anbetracht der doktrinären Interessenkonflikte, die zwischen sämtlichen Schulen der Psychotherapie bestehen, bezweifle ich, daß es, möglicherweise mit Ausnahme des Obersten Gerichts der Vereinigten Staaten, einen Menschen oder eine Institution auf Erden gibt, die objektiv diese Frage entscheiden könnte.

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Und in Anbetracht der Verstöße gegen die Ethik und der ausgesprochen kriminellen Verletzungen der individuellen Menschenrechte, die ein Hauptmerkmal mancher psychotherapeutischer Praktiken zu werden scheinen, mag es gut sein, daß das Oberste Gericht eines Tages die endgültige Antwort wird erteilen müssen.

Ich will damit nicht sagen, daß der mangelhaft ausgebildete paraprofessionelle Psychotherapeut etwa weniger Hochachtung oder Vertrauen verdient, bloß weil er paraprofessionell ist. Vor allem sollte nicht übersehen werden, daß fast alle vorliegenden Hinweise dafür sprechen, daß es der Therapeut ist, der für den Patienten zählt, nicht die Therapie. Angesichts der Mehrdeutigkeit der staatlichen Gesetze darüber, wer nach Ausbildung und Erfahrung dafür qualifiziert ist, Psychotherapie zu praktizieren, kann dem angehenden Patienten oder Klienten nur der Rat erteilt werden, sehr vorsichtig zu sein, wenn er nach einer Psychotherapie Ausschau hält, denn im großen und ganzen wird sein Wohlergehen von keinerlei Überwachungsstelle geschützt, außer vielleicht von Berufsverbänden. Ich sage »vielleicht«, denn wie die Geschichte gezeigt hat, hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus. Mit anderen Worten, eine Beschwerde, die bei einem Berufsverband gegen eines seiner Mitglieder wegen eines Vergehens vorgebracht wird, landet gewöhnlich in der Ablage.

Praktisch ist also der einzig greifbare Vorteil, wenn Sie sich der Dienste eines »anerkannten« Psychologen versichern, der gleiche, den Sie haben würden, wenn Sie sich der Dienste eines approbierten Psychiaters versichern (alle Psychiater müssen natürlich approbiert sein, weil sie Ärzte sind; das Zertifikat eines Psychologen entspricht der Approbation eines Psychiaters). Der Vorteil besteht darin, daß die Versicherungsgesellschaft, sofern Sie eine Krankenversicherung abgeschlossen haben und die Versicherung die Kosten einer psychotherapeutischen Behandlung übernimmt, einen anerkanten Psychologen genauso bezahlen wird wie einen approbierten Psychiater.*

 

*  Diese Gleichstellung von Psychologen und Psychiatern vor der Krankenversicherung gilt in der Bundesrepublik nicht; den Psychologen wird bislang über eine fachärztliche gutachterliche Äußerung von Psychiatern die Psychotherapie »delegiert« (Anm. d. Red.).

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Dementsprechend liegt auch der greifbarste Vorteil für einen Psychologen, der sich die Mühe macht, zu promovieren und damit anerkannt zu werden, in dem Umstand, daß er später Mehreinnahmen haben wird, wenn er auch Krankenkassenpatienten behandeln kann.

Wie bei jedem Gewerbe, mit dem leicht Geld zu verdienen ist, gibt es auch natürlich hier viele Mißstände. Überall in den USA sind nicht-anerkannte Psychologen, paraprofessionelle Therapeuten mit geringer akademischer Vorbildung und ohne einen höheren akademischen Grad in den psychologischen Disziplinen und sogar Nichtfachleute ohne psychologische Ausbildung oder Examina als »anerkannte« Psychologen aufgetaucht. Die meisten sind nicht dreist genug, sich als approbierte Psychiater auszugeben, denn das wird schwer bestraft. Deshalb geben sie sich mit dem »anerkannten Psychologen« zufrieden, lassen sich als solchen ins Telefonbuch eintragen, eröffnen Institute und Kliniken, verschicken üppige Broschüren, und manche erwerben sogar von Postversand-»Diplomfabriken« einen »Dr. phil.«-Grad, um die Urkunde an die Wand des Sprechzimmers zu hängen.

Die meisten dieser Unternehmer leben sehr gut von den Einnahmen aus Versicherungsleistungen — bis sie geschnappt werden, wenn sie geschnappt werden. Eine Untersuchungen der Daily News in New York im Herbst 1972 enthüllte, daß es allein im Stadtgebiet von New York Hunderte von nicht anerkannten und vielfach unausgebildeten Psychotherapeuten und psychotherapeutische »Institute« gab, die sich als »anerkannt« ausgaben. Diese nicht akkreditierten Personen und privaten Gesellschaften wendeten, wie die Zeitung feststellte, »ohne staatliche Kontrolle möglicherweise gefährliche Methoden bei arglosen Patienten« an. Viele von ihnen »gaben Versicherungsträgern wissentlich falsche Behandlungen an... Die Versicherungsträger verließen sich auf derartig falsche Informationen und bezahlten prompt die für geleistete Dienste eingereichten Rechnungen...«*

Man kann also auf alle mögliche Weise Psychotherapeut werden. Wie man ein redlicher Psychotherapeut wird, ist eine ganz andere Sache.

 

»Betrügerischer Psycho-Laden aufgeflogen«, 4. Oktober 1972, S. 3. New York Daily News,

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Eine dritte Kategorie von Therapeuten, der paraprofessionelle, hat wahrscheinlich die größte Auswahl von Möglichkeiten, um zu einer therapeutischen Praxis zu gelangen. Er mag ein College absolviert, irgendein Fach von Ackerbau und Viehzucht bis zur Zoologie studiert und von Psychologie nicht mehr mitbekommen haben als den vorgeschriebenen Kursus in Psychologie I im ersten Semester.

Oder er mag ein College-Absolvent sein, der ein starkes Interesse an Psychologie bekundete, so viele vorgeschriebene und freiwillige Kurse in diesem Fach wie möglich belegte, dem es aber an den Geldmitteln oder der Geduld mangelte, das Studium an der Universität fortzusetzen.

Er könnte auch ein junior College oder eine Fachschule für das Gesundheitswesen oder den Schuldienst besucht haben. Vielleicht hat er auch nur die höhere Schule oder eine Berufsschule absolviert und ist entweder beim Militär oder im Berufsleben mit Psychotherapie in Berührung gekommen und hat bei sich eine Begabung und ein Interesse festgestellt, anderen Menschen bei ihren Problemen zu helfen.

Wie immer ihre Vorbildung aussehen mag, es ist wahrscheinlich, daß Paraprofessionelle ihre Stellung auf dem Weg über persönliche Erfahrungen mit der Psychotherapie erlangt haben. Vermutlich haben sie eigene Probleme gehabt und selbst eine Psychotherapie durchgemacht, waren fasziniert von der Erfahrung charismatischer, mitfühlender Therapeuten, gewöhnten sich ihre Begriffe und ihre Fachsprache an und wurden verlockt durch das psychische und in vielen Fällen auch finanzielle Entgelt, das sie sich erhofften, wenn sie wie ihre Psychotherapeuten würden. Von da ist es nur noch ein Schritt zu irgendeiner Art von Ausbildung in der Therapietechnik. Eine solche Ausbildung findet gewöhnlich in der ersten Therapie statt, mit der sie in Berührung kommen, unter der Leitung des ersten Therapeuten, den sie kennenlernen, im Rahmen des therapeutischen Instituts oder der Klinik, die mit dieser Therapie und diesem Therapeuten gleichgesetzt wird, und gewöhnlich erfolgt die Ausbildung in den Techniken der Gruppen- und nicht der Einzelpsychotherapie.

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Die Kühneren unter ihnen machen »sich dann bald selbständig, während die weniger Unternehmungs­lustigen festangestellte Therapeuten in Instituten oder Kliniken bleiben oder Assistenten von überlasteten Therapeuten werden, die eine große Privatpraxis führen.5)

Ebenso wie die 1950er Jahre zur Blütezeit der Psychologen-Therapeuten wurden, waren die 1960er Jahre das Jahrzehnt, in dem die Paraprofessionellen in den Vordergrund rückten. Ihr Vehikel war das Aufkommen der Gruppentherapie.

Die Gruppenbewegung, die in den 1930er Jahren in Gang kam, erlebte ihren größten Auftrieb nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich der Bedarf an Massen-Psychotherapie sprunghaft erhöhte. Während der 1950er Jahre wiederum breitete sich die Gruppentherapie aus, teilweise wegen des allgemeinen Bedarfs, unmittelbarer aber deswegen, weil die Einzeltherapie es mit der besonderen Art von neuen Patienten nicht aufnehmen konnte, den sogenannten Demoralisierten, die sich bei vielen Therapeuten einfanden.

Gefördert durch die entseelenden Mechanismen einer Nachkriegstechnologie, die den Willen zum Leben (Lust) und zum Tode (Schmerz) — widersprüchlicherweise in gleichem Maße und mit gleicher Leichtigkeit — hervorbrachten, wurde der amerikanische Charakter, der bereits durch seine Psychohistorie, wie die Freudianer sie nennen könnten, konditioniert war, ein fruchtbarer Nährboden für persönliche Isolierung und Entfremdung — für psychische Einsamkeit.

Diese Einsamkeit verwandelte sich in Symptome, die sich von jenen der konventionellen psychischen Störungen ziemlich deutlich unterscheiden. Mit ihrer Entfremdung und Einsamkeit schien diese neue Gruppe von Patienten eine Entwicklung in Gang zu setzen, die seitdem ein Merkmal unserer Gesellschaft geworden ist.

 

Zwar erhalten einige Paraprofessionelle ihre Ausbildung bei Psychiatern und bei durch Diplom anerkannten Psychologen, doch wird die überwiegende Mehrzahl in weniger angesehenem professionellem Rahmen von weniger angesehenen professionellen Praktikern geschult — wenn wir unter »angesehen« theoretisch qualifiziert verstehen. Man hört freilich das Argument, daß viele weniger angesehene Praktiker tatsächlich die erfolgreicheren Therapeuten sind. Vieles spricht für die Richtigkeit dieses Arguments, insbesondere die Leichtigkeit, mit der weniger angesehene Praktiker, eben weil sie kein verfahrenstechnisches Dogma haben, positive therapeutische Beziehungen herstellen.

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Der Psychiater Rollo May bemerkte einmal dazu: »Vieles weist darauf hin, daß unter dem Gefühl der Isolierung, der Entfremdung des eigenen Selbst von der Welt, nicht nur kranke Menschen leiden, sondern auch unzählige <normale>.«6)

Die Einzelpsychotherapie war einigermaßen ratlos, wie mit diesem entfremdeten, »entseelten«, aber vernünftigen Patienten zu verfahren sei. Die neuen Symptome paßten zu keinem der klassischen Schemata. Der neue Typ des Leidenden war zwar sprachlich gewandt, aber insgesamt in seiner Interaktion mit anderen eher passiv. Die Vorstellung von Selbstbehauptung schien ihm irgendwie fremd zu sein. Ein Grundbestandteil seines Charakters zog es weitgehend vor, gesagt zu bekommen, was er tun soll, statt selbst Entscheidungen zu treffen. Tatsächlich war ihm der Gedanke, mit der Welt konfrontiert zu sein und in seinem persönlichen Leben Entscheidungen zu treffen, irgendwie fremd. Womit konnte er schon konfrontiert sein? Maschinen! Und was gab es zu entscheiden? Nichts — die wichtigen Entscheidungen wurden ja von den Maschinen getroffen!

Das war »existentielle Angst« oder »existentielle Depression«, und davon lebte die existentielle und humanistische Einzelpsychotherapie mit ihrer Betonung der Konfrontation und Wahl (Entscheidungen treffen) in den vierziger und fünfziger Jahren. Aber abgesehen davon, daß sie nicht in genügender Zahl für leidende Menschen zur Verfügung stand, vermochte eine solche Therapie genausowenig wie frühere Formen der Therapie, eben durch ihren individuellen Charakter, ein quälendes Bedürfnis der Isolierten und Entfremdeten zu befriedigen: das Bedürfnis, der Einsamkeit zu entkommen.

Gruppentherapie schien die Lösung zu sein. Sie war nicht nur eine Form der Psychotherapie, die für sehr viel mehr Menschen und zu geringeren Kosten erreichbar war; wichtiger war, daß sie einen Rahmen bot, in dem im Idealfall eine große Zahl der Einsamen sich einer mit dem anderen identifizieren und ineinander einfühlen konnte. Sie waren nicht mehr einsam — oder zumindest hatten sie in ihrer Einsamkeit Gesellschaft.

 

6 Existentiell Psychology, 2. Aufl., New York 1969, S. 46.

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Unter diesen Bedingungen blühte die Gruppentherapie auf. Die Soziologen hatten schon seit Jahren erklärt, daß es in einer »außengeleiteten« Gesellschaft, wie es die unsrige geworden war, für den einzelnen fast unmöglich sei, irgendeine Art von Autonomie geltend zu machen. Selbst die hervorragendsten zeitgenössischen Sozialwissenschaftler sind sich darüber einig, daß es nur wenige, sehr seltene Alternativen zu der einengenden Struktur einer außengeleiteten, technologischen Kultur gibt, besonders für den Mittelstand und die unteren Schichten der Bevölkerung. Soziologisch war es also verständlich, daß die Bewegung der Gruppentherapie sich entfaltete. Da die meisten Menschen sich durch die üblichen Vorgänge in der Gesellschaft gegängelt und eingeengt fühlten und die Psychotherapie im Rahmen einer Gruppe zumindest eine teilweise Lockerung der Fesseln bot, fand eine solche Therapie einen sehr fruchtbaren Boden vor.

Zuerst war es nur eine Bemühung, die Gruppentherapie der breiten Masse zugänglicher zu machen, doch dann entwickelte die neue Form ihre eigenen Grundprinzipien ganz unabhängig von denen der traditionellen Gruppentherapie. Das Ergebnis war eine völlig neue und radikale Infragestellung der psychohygienischen Bewegung in Amerika. In einer Zeit weitverbreiteter Enttäuschung über die Autorität und einer Suche nach neuen Ausdrucksformen entstand eine Vielzahl von sehr unterschiedlichen Schulen der Gruppen-Psychotherapie. Marathon-Therapie, Begegnungsgruppen, Gestalt-Therapie, transaktionale Therapie, Sensitivity-Training, Nackt-Therapie, Berührungstherapie, Schrei-Therapie, Entscheidungstherapie und viele Spielarten von ihnen schössen als »growth centers«, wie derartige Institute genannt werden, aus dem Boden. Sie boten ein »kaltes Büffet« an diversen Techniken, das seinen Ursprung hauptsächlich in existentialistischem und humanistischem Jargon und in der Theorie hatte, daß die unmittelbare und ungehinderte Äußerung von Gefühlen irgendwie therapeutisch wirksam sei.

Diese neue Richtung, bestenfalls unwissenschaftlich und in mancher Hinsicht den Theorien ähnlich, die Freud bereits zu Beginn seiner Laufbahn hatte aufgeben müssen, wurde in psychologischen Kreisen als die »dritte Kraft« bekannt und fand in der Öffentlichkeit recht große Zustimmung.

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Später erzielte sie tiefe Einbrüche an den Universitäten und drang allmählich in die heiligen Hallen'der Psychologie ein; schließlich erlangte sie offizielle Anerkennung als humanistische psychologische Bewegung. Tatsächlich gibt es heute eine Abteilung für Humanistische Psychologie in der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft, und Befürworter der Bewegung haben führende Stellungen in vielen traditionellen psychotherapeutischen Organisationen inne.

Die neuen Versionen der Gruppentherapie waren mit ihrer Ermutigung zur sofortigen, totalen Äußerung von Gefühl und Frustration ihrem Wesen nach anti-psychoanalytisch und antiintellektuell. Eine der schwerwiegenden Konsequenzen dieses Trends war die Verbreitung quasi-psychotherapeutischer Techniken unter einer größeren Zahl von Menschen denn je zuvor. Manche Praktiker glauben, daß fast jeder, der an einer Form der neuen Gruppentherapien teilgenommen hatte, leicht dazu ausgebildet werden kann, Gruppen zu leiten. Die Ausbildung von Nichtfachleuten in der Praxis verschiedener Therapieformen ist ein weitverbreitetes und oft lukratives Geschäft.

Dies war die Geburtsstunde der vierten Kategorie von Psychotherapeuten — der nicht-professionellen. Der Nicht-Professionelle ist jemand, der bis zu dem Zeitpunkt, da er an irgendeiner Form von Therapie teilnimmt, höchstwahrscheinlich nichts von ihrer Theorie und Geschichte und ihren Techniken wußte und nicht darin ausgebildet war. Gewöhnlich läßt er erst dann, wenn er selbst eine Therapie mitgemacht hat, ein Interesse daran erkennen — und dann im allgemeinen nur an der Anwendung der Therapie.

Damit soll nicht gesagt sein, daß alle Therapeuten, die nach den Grundsätzen der humanistischen Psychologie eine Therapie leiten, nicht-professionell oder para-professionell sind. Viele vorzüglich ausgebildete Psychologen und sogar Psychiater haben sich der Richtung angeschlossen und verfahren bei ihren Therapiesitzungen nach den Grundsätzen der neuen Gruppenbewegung.

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Indes ist geschätzt worden, daß etwa zwei Drittel der Mißstände, die in der heutigen Psychotherapie auftreten, im Rahmen dieser neuen Gruppen vorkommen.7) Annähernd zehn Millionen Amerikaner haben diese Formen der Gruppentherapie kennengelernt — entweder bei obligatorischen Sensitivity-Training-Programmen, die von Lehranstalten oder Firmen vorgeschrieben werden, oder bei freiwilliger Teilnahme an Begegnungsgruppen und anderen »Therapie«-Programmen, die von Kliniken, Instituten und dergleichen durchgeführt werden.

Die »Unfallziffer« bei solchen Programmen wird von der verantwortungsbewußten therapeutischen Gemeinde auf zehn bis 25 Prozent geschätzt, je nachdem, wer die Schätzung vornimmt. Als »Unfall« wird ein neues Symptom oder eine Reihe von Symptomen bezeichnet, die nach der Teilnahme an einer der neuen, weitgehend unüberwachten und nicht fachmännisch geleiteten Therapien auftreten. Diese hohe Unfallziffer wird hauptsächlich der großen Zahl von nichtprofessionell ausgebildeten und überwachten Therapeuten, die solche Therapien leiten, zugeschrieben. Ein traditioneller Psychotherapeut, mit dem ich sprach, meinte: »Die Leute haben immer behauptet, die Arbeit, die ich tue, nütze nicht viel, und niemandem gehe es nach der Analyse wirklich besser. Das bekümmerte mich früher, aber jetzt nicht mehr. Denn meine Art der Therapie schadet wenigstens nicht. Ich behandele kranke Menschen und versuche, sie gesund zu machen. Wenn das nicht immer gelingt — na schön! Aber diese neuen sogenannten Therapien — die behandeln wahrscheinlich auch gesunde Leute und machen sie krank.«

Der erste Gedanke, der einem in den Sinn kommt, ist, Ihnen, dem Leser, den Rat zu erteilen, den unzählige Autoritäten schon unzählige Male anderen erteilt haben, nämlich sich von dem nicht-professionellen Therapeuten fernzuhalten. Aber wenn man sich dann überlegt, daß die Hauptanziehungskraft und vielleicht auch die Wirksamkeit der Psychotherapie stets mehr auf der Begabung der Therapeuten als auf den Theorien der Therapien beruhen, dann zögert man, einen solchen Rat zu erteilen. Man kann bestenfalls Vorsicht empfehlen.

7  Vgl. zum Beispiel The Encounter Game des Psychologen Bruce L. Maliver, Stein & Stein, New York 1972.

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Vorsicht ist indes keine ausreichende Warnung im Hinblick auf die fünfte und letzte Gruppe in unserer Kollektion von Psychotherapeuten. Das ist der Schwindler-Therapeut, der wenig oder gar keine Bildung, Ausbildung oder Interesse an der Psychotherapie hat — abgesehen von einem starken pekuniären Interesse —, der sich als qualifizierter Therapeut ausgibt, sich als solcher anpreist und in der psychologischen Leichtgläubigkeit und ehrfürchtigen Scheu vieler Menschen eine Goldgrube findet.

Man hört allenthalben, daß solche Leute als Scharlatane und Quacksalber bezeichnet werden, aber diese Bezeichnungen können auch für approbierte Psychiater und anerkannte Psychologen gelten. Diese Leute sind mehr als Scharlatane, mehr als Quacksalber. Denn da das, was sie tun, in vielen Staaten dank fragwürdiger oder gar keiner Gesetze legal ist, werden sie am zutreffendsten als begabte Hausierer und Hochstapler beschrieben.

Als solche kann man sie wegen ihres unternehmerischen Einfallsreichtums bewundern. Sie arbeiten auf nicht viel andere Weise als die Innovatoren in der Wirtschaft und Industrie, denen von unserer Gesellschaft höchster Beifall gezollt wird. In der Tat ist ihre Ausnutzung des Systems der freien Marktwirtschaft und der Werbepsychologie den modernsten, allgemein akzeptierten Geschäftspraktiken ebenbürtig. Man kann sogar sagen, sie handeln mit denselben Waren wie unsere führenden Reklame- und Kommunikationsgenies, nämlich der menschlichen Angst. Ihre Verheißungen sind so marktschreierisch und unbewiesen wie die Behauptung, ein Mundwasser sei besser als ein anderes.

Dennoch ist es angesichts der Geschichte der westlichen Konsumgesellschaften kein Wunder, daß Psycho­therapie in mancher Beziehung einfach ein weiteres Produkt geworden ist, das auf den Markt gebracht und verkauft wird. Alle Bestandteile des Geschäfts stimmen: die allgemeine Leichtgläubigkeit und Angst, die der Psychotherapie innewohnende Verheißung,. die Qual des Lebens zu erleichtern, und die Werbung- und Absatzausrichtung unserer Kultur. Letzten Endes ist es die Öffentlichkeit — oder ein großer Teil von ihr —, die die Voraussetzungen schafft, unter denen die Schwindel-Psychotherapie blüht und gedeiht. Ohne eine ökologische Bewegung auf dem Gebiet der Psychohygiene werden die anrüchigen, die geistige Umwelt verschmutzenden Elemente der zur Industrie gewordenen Psychotherapie weiterhin blühen und gedeihen.

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Diese geistige Umweltverschmutzung wird auch nicht nur von den Hochstaplern und psychischen Taschen­dieben der Industrie verübt; sie dringt aus allen Winkeln und Ritzen der Psychotherapie, wenngleich von dem »qualifizierten« Ende der Skala in geringerem Ausmaß als von dem »unqualifizierten«.

Es gibt Therapeuten, die von dem echten Wunsch beseelt sind, ihren Patienten oder Klienten zu helfen, und die dank einer Kombination von Intelligenz, Sensibilität, Erfahrung, Wissen und persönlicher Ausstrahlung das Potential besitzen, dies bis zu einem gewissen Grad zu leisten. Es gibt andere, die ebenso aufrichtig motiviert sind, denen aber im allgemeinen eine oder mehrere der Eigenschaften der ersteren fehlen und damit auch das Potential zu helfen. Schließlich gibt es den Therapeuten, dem sowohl die Motivation als auch die Qualifikationen abgehen und dem das Potential zu helfen daher doppelt fehlt.8)

Das sind Verallgemeinerungen, ich weiß, aber wohl keine unbilligen. Denn trotz des Faktors »persönliches Charisma«, von dem ich gesagt habe, daß er letztlich entscheidend sei für den Erfolg oder Mißerfolg der psychotherapeutischen Beziehung, sind Erfolg oder Mißerfolg der Beziehung nicht unbedingt entscheidend für den Erfolg oder Mißerfolg einer Therapiemethode (obwohl viele naive Therapeuten dazu neigen, die letztere nach der ersteren zu beurteilen). Schließlich ist Psychotherapie immer noch Psychotherapie — was gesagt wird, zählt, nicht, wie es gesagt wird. Der Psychotherapeut verkörpert die Form der therapeutischen Erfahrung; die Psychotherapie — ihr Grundprinzip und ihre Techniken — verkörpert die Substanz.

 

Was unsere drei Gruppen von Therapeuten betrifft, so geht aus zahllosen Untersuchungen hervor, daß positive Ergebnisse, wenn sie überhaupt erzielt werden, am häufigsten bei den Therapien vorkommen, die von Therapeuten der ersten Art vertreten werden. Die Untersuchungen zeigen auch, daß die Mehrzahl dieser Therapeuten, abgesehen von ihren persönlichen charismatischen Eigenschaften, von der Kultur der Psychotherapie durchdrungen ist. Sie sind wie große Orchesterdirigenten — sie wissen fast alles, was es über Musik zu wissen gibt, können jede Partitur auswendig dirigieren und Form wie Substanz einer Komposition zu einem ästhetischen Ganzen gestalten.

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8)  Man könnte eine vierte Kategorie aufstellen: 
der Therapeut, der nicht nur nicht helfen kann, sondern eindeutig Schaden anrichtet. 
Von ihm werden wir noch hören.

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