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4. Sigmund Freud — Psychoanalyse 

 

 

 

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Ebenso wie die Suche der Alchimisten nach dem Stein der Weisen, der gewöhnliches Metall in Gold verwandeln soll, hat das Streben nach einem Rezept für die Heilung psychischer Krankheiten seit Jahrhunderten große Hoffnungen bei den Menschen erweckt. Führend bei dieser Suche waren in den letzten fünfzig Jahren die Apostel der Freudschen psychoanalytischen Lehre. Den Grundprinzipien und Anwendungen dieser Lehre müssen wir uns zuerst zuwenden, wenn wir einen Überblick über die spezifischen Psychotherapien gewinnen wollen, und sei es auch nur, weil das die Schablone war, nach der alle modernen therapeutischen Methoden geprägt wurden.

Die Psychoanalyse betrachtet sich selbst als das psychologische Gegenstück zur Chirurgie, vergleicht ihre Techniken mit den Instrumenten des Chirurgen und strebt als Ziel an, die Funktionen der Psyche wiederherzustellen oder Verletzungen zu beseitigen, so wie der Chirurg die Funktionen des Körpers wiederherstellt oder Verletzungen beseitigt. Die Psychoanalyse versteht die Neurosen als Folge eines tiefsitzenden Konflikts zwischen dem Ich und dem Es, wobei das Es das Sammelbecken der grundlegenden, unbewußten Triebansprüche ist; das Ich ist der Teil der Psyche, der, aufgrund des Kontaktes mit der Umwelt von Bewußtsein durchdrungen, die Vorstellung vom eigenen Selbst in der Welt wird.

Dieser Konflikt wird verstärkt durch die Funktion des Überich, wie Freud den dritten Bestandteil der Psyche bezeichnet, der, hauptsächlich infolge früher elterlicher Einflüsse, ungefähr gleichbedeutend mit Gewissen ist. Der Konflikt spielt sich im Unbewußten ab, der Region des Geistes oder der Psyche, die selten dem Bewußtsein ausgesetzt ist und das Sammelbecken für verdrängtes Material, Triebansprüche des Es und Abwehrmechanismen des Ich darstellt.

Das Hauptziel der psychoanalytischen Behandlung ist im allgemeinen, das Es vor allem durch die Konzentration auf seine Antriebskraft, die Libido, von seinen frühen Fixierungen und Fehlanpassungen zu befreien, dadurch das Ich zu stärken und ihm eine neue Richtung und Orientierung zu geben. Das Hauptziel der Freudschen Psychoanalyse besteht darin, all dies dadurch zu erreichen, daß zuerst das Freud zufolge aus sexuellen Gründen verdrängte Material aus dem Unbewußten hervorgeholt und daß dann der ödipale Konflikt, der als Hauptursache aller anderen psychischen Konflikte angesehen wird, gelöst oder wieder gelöst wird.

Wie jede andere Form der Psychotherapie arbeitet die Freud-sche Psychoanalyse auf zwei Ebenen. Die erste ist die theoretische Ebene, die dem Freudschen Analytiker das Grundprinzip an die Hand gibt. Die zweite ist die methodologische Ebene, die dem Analytiker seine Behandlungstechniken liefert. Die zweite beruht natürlich auf der ersten.

Die erste Ebene - die grandlegende Theorie der Freudschen Analyse - kann auf folgende Weise schematisch dargestellt werden:

  1. Sexualität ist die primäre Motivation bei allen unseren Handlungen.

  2. Alle. Träume sind im Grunde Äußerungen geheimer sexueller Strebungen.

  3. Alle psychischen Probleme sind die Folge von nicht zum Ausdruck gelangter Sexualität.

  4. Alle Jungen haben den geheimen Wunsch, ihre Väter zu beseitigen und Geschlechtsverkehr mit ihren Müttern zu haben; alle Mädchen haben den umgekehrten Wunsch.

  5. Das Leben eines Kindes ist von Grund auf sexuell, schon von Geburt an.

  6. Jeder Mensch schwankt zwischen dem Wunsch nach normaler Sexualität und dem Wunsch nach Homosexualität.

Das sind die Grundprinzipien der Freudschen Psychoanalyse, die Freud als unwandelbare, auf seinen Beobachtungen und Einsichten beruhende Gesetze aufstellte. Diese Gesetze gelten nicht nur für Neurotiker, sondern auch für alle normalen Menschen.

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Im Freudschen Werk ist also die Grenze zwischen Normalität und Neurose im wesentlichen dadurch gekennzeichnet, wie erfolgreich sich ein Mensch den Grundgesetzen angepaßt hat, die sein Leben bestimmen. Wer in irgendeiner Beziehung schlecht angepaßt ist, wird in unterschiedlichem Maße neurotisch und ist ein geeigneter Kandidat für die Behandlung mit Hilfe der Freudschen Psychoanalyse.

Die Freudsche Behandlung der Neurose beruht natürlich auf diesen Theorien; viele der Behandlungstechniken sind darauf abgestimmt. Doch während Freud in seinen Schriften die Theorien wiederholt in aller Klarheit erläuterte, hat er die spezifischen Techniken der Psychoanalyse sehr viel weniger ausführlich dargestellt. Freud wollte damit verhindern, daß seine zukünftigen Patienten seine Bücher lesen und seine Absichten bei der Analyse durchschauen, indem sie nach »Anhaltspunkten« suchen. Es ist auch darauf zurückzuführen, daß Freud glaubte, die Techniken der Analyse könnten nur durch Kontrollanalysen und die Lehranalyse des angehenden Analytikers richtig gelehrt und gelernt werden.

Obwohl er es nie schriftlich niedergelegt hat, schien Freud auf dem Standpunkt zu stehen, daß ein guter Analytiker, der die Grundprinzipien und die Theorie sowie die allgemeinen Techniken beherrscht, seine Techniken den Bedürfnissen des jeweiligen Patienten anpassen sollte. Wegen der Vielgestaltigkeit der Neurosen kann man sich nur am Anfang und am Ende der Therapie an entsprechende Regeln und einen klaren Aufbau wie bei einem Schachspiel halten. Alle Analytiker verfahren nach demselben Aufbau und denselben Regeln und haben dasselbe Ziel im Auge. Aber was zwischen dem Anfang und dem Ende geschieht, hängt weitgehend vom Geschick des betreffenden Analytikers ab. So kann man selbst heute kein zuverlässiger Psychoanalytiker werden - wie man ein zuverlässiger Anwalt oder Buchprüfer werden kann-, indem man einfach liest und studiert. Man muß nicht nur lesen und studieren, sondern sich spezifische Ausbildungsverfahren in analytischer Technik an einem psychoanalytischen Institut durchlaufen, unter Aufsicht eines Lehranalytikers Analysen (Kontrollanalysen) durchführen und sich auch einer eingehenden Lehranalyse unterziehen.

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Man sollte annehmen, daß, wenn alle diese Einzelheiten so peinlich genau berücksichtigt werden, Scharen von höchst sachverständigen und tüchtigen Heilern hervorgebracht werden. Dem ist leider nicht so. Der Grund dafür liegt in der Tatsache, daß die Psychoanalyse eine Heilmethode ist, die bestenfalls zu zehn Prozent aus Wissenschaft besteht, während die restlichen 90 Prozent reine Spekulation sind. Bei einem so hohen Anteil von Spekulation sind die Techniken zwangsläufig variabel, ungewiß und werden auch ständig abgewandelt, nicht so sehr um den individuellen Bedürfnissen eines Patienten zu entsprechen, sondern weil neue Techniken entwickelt und anstelle derjenigen angewandt werden, die sich als unwirksam oder schädlich erwiesen haben.

Dennoch gibt es gewisse Techniken der Freudschen Analyse, die mehr oder weniger allgemein angewandt werden, welche technischen Eigentümlichkeiten der jeweilige Analytiker auch anhängen mag. Aber ehe wir darauf eingehen, was Sie zu erwarten haben, wenn Sie sich in eine Freudsche Analyse begeben, wollen wir erst feststellen, wer Ihr Analytiker sein könnte und wie er wahrscheinlich auf Ihr Problem reagieren wird.

Ich habe schon darauf hingewiesen, daß ein Freudscher Analytiker entweder ein Facharzt für Psychiatrie ist, ein Diplom-Psychologe mit oder ohne Doktorgrad oder ein Psychotherapeut, der weder Arzt ist noch promoviert hat, aber Psychologie oder eine verwandte Disziplin studiert und eine anerkannte Ausbildung in Psychoanalyse an einem psychoanalytischen Institut erhalten hat.

Es gibt einen vierten Typ des Freudschen Analytikers, der sich unter der Bezeichnung Laienanalytiker betätigt, was gewöhnlich bedeutet, daß er nicht vorschriftsmäßig ausgebildet ist und keine Approbation und kein Diplom besitzt. Es bedeutet nicht automatisch, daß solche Analytiker weniger sachverständig oder tüchtig sind als die drei anderen Gruppen; da die Psychoanalyse eine unsichere und unzuverlässige Wissenschaft ist und es eine Tatsache ist, daß die Wirksamkeit weitgehend vom Können und der Persönlichkeit des Therapeuten abhängt, scheint eine vorschriftsmäßige Ausbildung kaum die wichtigste Voraussetzung für

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einen erfolgreichen Analytiker zu sein. Dennoch steht der Laienanalytiker wegen der Art seiner Praxis an der Grenze der legitimierten Psychotherapie. Daher werde ich diesen Typus bei der Betrachtung der Freudschen Analyse nicht berücksichtigen.

Bei weitem die meisten Freudschen Analytiker sind Psychiater oder promovierte Psychologen. Um das Recht zu erlangen, sich offiziell Psychoanalytiker zu nennen, muß ein Arzt oder Psychologe nach Abschluß seines Universitätsstudiums eine Ausbildung an einem psychoanalytischen Institut absolvieren, das als Ausbildungsstätte staatlich anerkannt ist. Solche Institute stehen gewöhnlich unter der Leitung der verschiedenen psychoanalytischen Gesellschaften, deren Mitglieder (die bereits praktizierende Analytiker sind) zum Teil als Lehrer und Mentoren fungieren. Eine typische Ausbildung wird sich über drei bis vier Jahre erstrecken und folgende Bereiche umfassen: i. Seminare, 2. Lehranalyse, 3. supervisierte Behandlungen (Kontrollfälle) und 4. Tätigkeit in einer Klinik oder einem Krankenhaus.

Die Seminararbeit in einem Ausbildungsinstitut soll dem angehenden Analytiker eine umfassende Unterweisung in Theorie und Praxis der Einzelpsychoanalyse vermitteln. Die erste Phase der Seminararbeit erfordert ungefähr ein Jahr, und in dieser Zeit wird der auszubildende Analytiker gewöhnlich seine ersten 200 Stunden der Lehranalyse absolviert haben. Die Lehranalyse wird als ein wesentlicher Teil der psychoanalytischen Ausbildung angesehen. Sie soll den Psychoanalytiker in die Lage versetzen, eigene Persönlichkeitsprobleme zu lösen, die seine Tätigkeit als Analytiker beeinträchtigen könnten, und sie soll dem jungen Analytiker auch Gelegenheit bieten, die Theorien und Methoden der Psychoanalyse vom eigenen Erleben her zu begreifen. Auch wird sie als das fundamentale Mittel angesehen, die Persönlichkeit des angehenden Analytikers zu einem psychodiagnostischen und psychotherapeutischen Instrument zu entwickeln und zu verfeinern.

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Zwar stellen die meisten Ausbildungsinstitute keine festen Regeln über die Gesamtzahl der für eine erfolgreiche Lehranalyse erforderlichen Stunden auf, doch wird im allgemeinen ein Minimum von 450 Stunden angenommen, und zwar an fünf Tagen in der Woche je eine Stunde.1)

Der Anwärter hat gewöhnlich etwa gleichzeitig die Hälfte seiner Lehranalyse und die erste Phase der Seminararbeit beendet. Zu dieser Zeit werden seine Fortschritte von dem Lehranalytiker, den Seminarleitern und der Verwaltung des Instituts überprüft, die darüber befinden, ob er zur zweiten Ausbildungsphase zugelassen werden kann. Die von den meisten Instituten dabei angelegten Maßstäbe sind nicht überaus streng; Drückebergerei allerdings wird nicht belohnt. Wenn die Entscheidung positiv ausfällt, beginnt der Anwärter die zweite Phase, die in der Fortsetzung der Lehranalyse und etwa einem weiteren Jahr der Seminararbeit besteht, das dem Studium von Theorien und Praktiken gewidmet ist, die fortgeschrittener und komplizierter sind als die im ersten Jahr behandelten.

Nach Beendigung der zweiten Ausbildungsphase wird angenommen, daß die Anwärter so weit sind, daß sie unter Aufsicht von Kontrollanalytikern die psychoanalytische Praxis beginnen können. Von Analytikern, die mit dem Institut oder der Klinik, an der sie ausgebildet werden, in Verbindung stehen, werden ihnen Patienten zugewiesen, und während des dritten Ausbildungsjahrs behandeln sie mindestens zwei psychoanalytische Fälle - beide unter Überwachung von zwei verschiedenen Kontrollanalytikern. Wenn diese Phase erfolgreich abgeschlossen ist, muß der Anwärter einem Beurteilungsausschuß des ausbildenden Instituts einen Fall vorstellen. Eine solche Vorstellung soll einen Überblick darüber geben, welche Techniken und Methoden der Diagnose und Behandlung der angehende Analytiker beherrscht, und auch eine Prognose hinsichtlich des Ergebnisses einschließen. Die Fall-Vorstellung soll die Fähigkeit des Anwärters nachweisen, als praktizierender Analytiker ohne Beeinträchtigung durch persönliche Probleme arbeiten zu können. Nach der gelungenen Vorstellung eines Falles erhält der Anwärter ein Zeugnis vom Institut, in dem bescheinigt wird, daß er für die hauptberufliche Ausübung der Psychoanalyse geeignet ist.

 

1  In der Psychoanalyse und auch in anderen Therapieformen dauert eine »Stunde« in Wirklichkeit fünfzig Minuten. Die Stunde kann kürzer sein, aber nicht länger, denn die Therapeuten legen gern eine Pause von zehn Minuten ein, ehe der nächste Patient kommt.

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Die meisten Institute nehmen keine Bewerber unter 25 Jahren zur Ausbildung an; deshalb ist es angesichts der langen Ausbildungszeit unwahrscheinlich, daß Sie auf einen privat praktizierenden Freudschen Analytiker stoßen, der wesentlich jünger als 30 Jahre ist. Und da es Zeit erfordert, bis sich ein Psychotherapeut eine Privatpraxis aufgebaut hat - sei er nur Arzt oder nicht -, werden Sie frisch gebackene Analytiker vermutlich eher in einer Klinik oder einem Krankenhaus antreffen als in einer Praxis in einem teuren Viertel Ihrer Heimatstadt.

Dennoch machen die meisten Analytiker so schnell als irgend möglich eine Privatpraxis auf. Erstens haben sie eine lange und harte Ausbildungszeit hinter sich, in die sie sehr viel Geld investieren mußten. Sie können nicht ewig von den bescheidenen Gehältern in Kliniken und Krankenhäusern leben. Zweitens sind Neurosen psychische Leiden, die charakteristisch sind für die reichen oder einigermaßen wohlhabenden Schichten. Die Psychosen sind dagegen unter den ärmeren Schichten verbreiteter. In den meisten Anstalten gilt die psychiatrische Arbeit den Psycho-tikern, die von einer psychischen Krankheit befallen sind, die. sogar nach Freuds Ansicht mit Hilfe der Psychoanalyse nicht geheilt werden kann. Außerdem werden die Menschen, die an neurotischen Problemen leiden und im allgemeinen den besser gestellten Kreisen angehören, wahrscheinlich eine private Einzelbehandlung vorziehen und eher bereit sein, dafür zu bezahlen, als sich einer Behandlung in den billigeren Kliniken oder Krankenhäusern zu unterziehen. Deshalb eröffnen viele Psychoanalytiker möglichst schnell eine Privatpraxis, denn hier sind nicht nur ihre Dienste gefragt, sie stoßen auch auf weniger Widerstreben, ihre traditionell hohen Honorare zu bezahlen.

Was die Honorare betrifft, so neigen Zyniker zu der Annahme, Psychoanalytiker seien eine Art von pseudo-ärztlichen Gangstern, denn sie berechneten für eine Stunde 70 Mark oder mehr und erhielten sie auch. Ein alter Witz behauptet, Psychoanalytiker brächten zweierlei fertig: Erst redeten sie einem ein, man sei verrückt, dann bewiesen sie es, indem sie einen veranlaßten, astronomische Summen dafür zu bezahlen, daß sie es gesagt haben.

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Man würde meinen, daß ihre traditionell hohen Honorare ein peinliches Thema für Psychoanalytiker seien. Es gibt zwei Gründe, warum sie es nicht sind. Der eine ist, daß die Psychoanalyse den Honoraren wie allem anderen in der therapeutischen Praxis eine fest umschriebene Rolle zugewiesen hat. Mit anderen Worten, die Frage des Honorars ist ein fester Bestandteil der therapeutischen Technik. Die Bereitschaft, hohe Honorare zu bezahlen, wird als Folge des Engagements seitens des Patienten für die therapeutische Beziehung und als Motivation zur Behandlung angesehen. Außerdem sollen die Reaktionen, die Honorare beim Patienten hervorrufen, dem Analytiker bei der Deutung der unbewußten Konflikte des Patienten helfen. Der zweite Grund liegt darin, daß angenommen wird, hohe Honorare führten beim Patienten zu jener Disziplin, die für eine erfolgreiche therapeutische Beziehung notwendig sei. Es sei absolut erforderlich, daß der Patient dem Analytiker vertraue (und an ihn glaube), denn in vielen Fällen werde der Analytiker die wichtigste Person im Leben des Patienten. Die Bereitschaft, die hohen Stundensätze zu zahlen, sei in Wirklichkeit die abermalige Bestätigung dieses Vertrauens. Außerdem sei dadurch gewährleistet, daß sich der Patient an den vom Analytiker festgelegten Zeitplan für die analytischen Sitzungen hält (denn wenn er ohne rechtzeitige Abmeldung eine Sitzung ausfallen läßt, muß er sie dennoch bezahlen).

Die Festsetzung und Bezahlung hoher Honorare sind nicht nur als ein Entgelt für die großen finanziellen Aufwendungen des Analytikers während des Studiums und der Ausbildung gedacht, sondern die psychoanalytische Tradition hat sie auch listig in ein zusätzliches Instrument der Therapie verwandelt. Der großen Mehrzahl der Psychoanalytiker zufolge, die ich während der Vorbereitung dieses Buches interviewt habe, haben die Zyniker nicht recht: Die hohen Honorare haben nichts damit zu tun, daß sie schnell reich werden wollen. Sie sind im Gegenteil sehr nützliche therapeutische Kunstgriffe und somit jeden Pfennig wert, den der Patient bezahlt.

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Diese Argumentation klingt ein wenig unaufrichtig, ein wenig an den Haaren herbeigezogen, vor allem angesichts der dubiosen Erfolge der Analyse. Doch wenn meine Befragung von Analytikern auch nur einigermaßen repräsentativ ist für alle Angehörigen dieses Berufsstandes, dann kann man sagen, daß die meisten Analytiker diese Ansicht unterschreiben. Ich überlasse es Ihnen, deren Glaubwürdigkeit zu beurteilen.

Bei der Psychoanalyse muß man also vor allem im Auge behalten, daß sie unweigerlich teuer ist. Freud selbst sagte in seiner Arbeit »Zur Einleitung der Behandlung«::

»... es handelt sich bei der Psychoanalyse immer um lange Zeiträume, halbe oder ganze Jahre, um längere, als der Erwartung des Kranken entspricht... Ich halte es überhaupt für würdiger, aber auch für zweckmäßiger, wenn man ihn ... von vornherein auf die Schwierigkeiten und Opfer der analytischen Therapie aufmerksam macht und ihm so jede Berechtigung nimmt, später einmal zu behaupten, man habe ihn in die Behandlung, deren Umfang und Bedeutung er nicht gekannt habe, gelockt.«2)

 

Die moderneren Spielarten der Freudschen Analyse erstrecken sich über Zeiträume, die in manchen Fällen bis zu zehn Jahren umfassen. Bei einem Minimum von drei Besuchen in der Woche (im Idealfall sind es indes fünf) und 60,- Mark pro Besuch (ein Honorar, das eher unter dem Durchschnitt liegt) könnten fünf Jahre Analyse leicht annähernd 50.000,- Mark kosten. Bei der Befragung von sechsundsiebzig Patienten, die sich einer Analyse (nicht nur der Freudschen Art) unterzogen hatten oder noch unterziehen, habe ich festgestellt, daß die durchschnittliche Behandlungsdauer derjenigen, die länger als sechs Monate in Behandlung blieben (und das waren zweiundfünfzig von sechsundsiebzig), vier Jahre und zehn Monate betrug.

Warum dauert die Analyse so lange? Es gibt ein Dutzend Antworten auf diese Frage. Die wichtigste beruht auf der Tatsache, daß die Freudschen Theorien, die der Psychoanalyse zugrunde liegen, so absolut unbestimmt sind, daß die auf ihnen aufgebauten Behandlungstechniken keinerlei Hoffnung zulassen, daß je eine einheitliche, präzise Methodologie zustande kommt.

 

2)  G.W., Bd. VIII, S. 462.

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Da sich die Psychoanalyse mit der nicht greifbaren Unterwelt des Unbewußten und all seinen verwirrenden Phänomenen befaßt, hat sie eine Bürokratie der Behandlungsmethoden hervorgebracht, die wie jede Bürokratie verfährt - unweigerlich langsam und, wie ich hinzufügen könnte, nicht gerade erfolgreich. Das trifft auf die meisten Formen der analytischen Therapie zu, aber ganz besonders auf die Freudsche Analyse.

Das Ziel der Freudschen Analyse ist es, einen Patienten von quälenden neurotischen Symptomen oder störenden Persönlich­keitszügen zu befreien, die seine befriedigende Anpassung an die Gesellschaft beeinträchtigen. Die meisten realistischen Analytiker betrachten das, was sie tun, als eine Art Wiederherstellungsarbeit. Wenn ein Analytiker eine Tätigkeit als mehr ansieht, wenn er erwartet, er könne große Veränderungen herbeiführen, die.einer psychischen Wiedergeburt oder einer völligen Umbildung der Persönlichkeit eines Patienten gleichkommen, dann macht er nicht nur sich, sondern auch seinen Patienten etwas vor. Und jeder, der sich einer Freudschen Analyse mit der Vorstellung unterzieht, daß sie sich, wie lange sie auch dauern möge, schließlich in Form einer wunderbaren Verwandlung der Persönlichkeit und des Charakters auszahlen wird, fällt ebenfalls einer Selbsttäuschung zum Opfer. Wie ihre Geschichte deutlich gezeigt hat, ist das Wirkungsvermögen der Analyse sehr begrenzt.

Alle Psychotherapien befassen sich in erster Linie mit der Linderung von Symptomen. Alle stützen sich auf Prinzipien, die den Anspruch erheben, die den Symptomen zugrunde liegenden Ursachen verständlich zu machen. Aber die meisten Therapeuten erkennen die Unbestimmtheit dieser Grundprinzipien und begnügen sich damit, mit Hilfe von gegenwartsorientierten Techniken allein für die Linderung von Symptomen zu sorgen. Nur die Psychoanalyse und speziell die Freudsche Analyse trachtet, Symptome mit Hilfe von vergangenheitsorientierten Techniken zu beseitigen. Wer sich in eine Freudsche Analyse begibt, muß also bereit sein, den quälend langsamen Rückweg in die eigene psychische Kindheit anzutreten.

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Wenn Sie beschließen, sich einer orthodoxen Freudschen Analyse zu unterziehen, um auf diese Weise Ihre Probleme zu bewältigen, dann sollten Sie sich darüber im klaren sein, daß die Behandlung durch den Analytiker, sofern er ausgebildet, erfahren und verantwortungsbewußt ist, in dem Augenblick beginnt, in dem Sie sein Sprechzimmer zum Erstinterview betreten. Sie haben »derzeitige« oder »aktuelle« Beschwerden oder »derzeitige« oder »aktuelle« Symptome, wie die Analytiker es nennen. Sie sind nicht nur völlig erfüllt von Ihrem Problem, sondern wahrscheinlich auch abgelenkt durch die normale Nervosität, die eine Begleiterscheinung jeder neuen Erfahrung ist. Außerdem sind Sie von dem starken und dringenden Wunsch bewegt, daß Ihre Symptome so bald als möglich gelindert werden, und hoffnungsvoll erwarten Sie von dem Analytiker, daß er diese Linderung auf der Stelle bewirken werde. Verquickt mit all diesen Gefühlen ist natürlich Ihr Wunsch, auf den Analytiker einen guten Eindruck zu machen und die Zusage zu erhalten, daß er Ihnen helfen werde. Wenn Sie Ihrem zukünftigen Analytiker zum erstenmal begegnen, sind Sie also nicht gerade ein Muster an Objektivität.

Der Analytiker andererseits ist es. Von dem Augenblick an, in dem Sie zur Tür hereinkommen, wird er Sie genau prüfen. Er wird nicht nur Ihr Verhalten daraufhin beobachten, ob es Anhaltspunkte für die Art Ihres Problems bietet, er wird auch Ihre Persönlichkeitsmerkmale unter die Lupe nehmen, um sich ein Bild davon zu machen, ob Sie für seine Art der Analyse geeignet erscheinen. Er wird darauf achten, wie Sie angezogen sind, wie Sie reden und sich benehmen, um daraus Schlüsse zu ziehen in bezug auf Ihre Intelligenz, Ihre Bildung und Ihren Geschmack, Ihren Charakter, Ihre soziale Stellung und Ihre Verläßlichkeit und Selbstdisziplin. Damit hält er nicht nur Ausschau nach Hinweisen auf Ihre psychologische Eignung für die Analyse, sondern auch nach Anzeichen für Ihre Fähigkeit, seine Honorare zu bezahlen, für Ihre Bereitschaft, sie zu bezahlen, und danach, wieviel Engagement und Ausdauer er von Ihnen erwarten kann. Sobald Sie seine Türschwelle überschritten haben, versucht er, sich darüber klar zu werden, ob er Sie zur Therapie annehmen soll oder nicht.

Es mag einige Leser überraschen, daß Analytiker so wählerisch und anspruchsvoll sind, wenn sie sich ihre Patienten aussuchen.

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Gewöhnliche Ärzte lehnen Patienten nicht ab, bloß weil sie ihnen nicht gefallen; auch lehnen sie sie nicht ab, weil sie vermuten, es würde Schwierigkeiten bereiten, ihr Honorar einzutreiben. Tatsächlich widerspricht die Vorstellung einer wählerischen Ausübung der Medizin der hippokratischen Tradition.

Auch Psychoanalytiker geben sich als Heiler aus. Dennoch lehnen sie die Behandlung von Patienten oft mit der Begründung ab, daß die Patienten, obwohl sie krank seien, gewisse Kriterien nicht erfüllten. Dieses undemokratische Argument mag in Widerspruch stehen zur ärztlichen Berufsauffassung, daß alle, die um Hilfe bitten, sie erhalten sollten. Indes hat die Psychoanalyse es als unbestreitbare Tatsache hingestellt, daß es manche neurotische Menschen gibt, die nicht so positiv und angemessen auf den psychoanalytischen Prozeß ansprechen, als daß die von beiden Parteien aufgewendete Zeit und Mühe sich lohnten.

Freud war der Meinung, am geeignetsten für die Analyse seien Menschen, die »einen gewissen Bildungsgrad und einen einigermaßen verläßlichen Charakter besitzen«.3) Das mag auf Sie zutreffen. Genauer gesagt, Sie sind höchstwahrscheinlich zwischen sechzehn und fünfzig Jahre alt (wie Sie sich erinnern werden, ist das die Zeit, in der die meisten Neurosen auftreten), von durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz und in guter wirtschaftlicher Lage. Ihr Verstand ist zumindest einigermaßen fähig, Begriffe zu bilden — er erlaubt Ihnen, sich klar und einfallsreich auszudrücken, und ermöglicht Ihnen, die verbalen Mitteilungen von anderen zu begreifen. Sie haben in Ihrem Leben auf einem oder mehreren Gebieten Leistungen vollbracht. Sie sind kein Verbrecher, obwohl sich bei Ihnen gelegentlich eine Neigung zu einem Verhalten zeigt, das ans Verbrecherische grenzt, und Ihre Neurose behindert Sie nicht völlig. Ein einsichtiger Teil Ihres »Ich« erlaubt es Ihnen, einen Schritt zurückzutreten und sich mit einiger Objektivität zu beobachten. Sie können sich damit abfinden, daß Ihr Schicksal zum größten Teil die Folge Ihres Charakters ist, und machen dafür nicht äußere Kräfte verantwortlich, und oft beweisen Sie Mut, wenn Sie wenig schmeichelhafte Aspekte Ihres Charakters erkennen und sie enthüllen. 

 

3)  G.W., Bd. V, S. 21.

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Schließlich wollen Sie (zumindest bewußt) Ihre Einstellungen oder Lebensweise ändern, um sich selbst zu helfen, und Sie sind im Grunde optimistisch, daß Ihnen das mit Hilfe eines Dritten gelingen werde.

Die Person, die ich eben geschildert habe, ist zusammengestellt aus einer Reihe von Beschreibungen der »idealen Durchschnittspatienten«, die mir 23 orthodoxe Analytiker gaben. Wenn Sie sich in diesem Porträt wiedererkennen und dennoch nicht zur Analyse angenommen wurden, mag es sein, daß der wahre Grund, warum der Analytiker Sie abgelehnt hat, jenseits des Grundprinzips »Psychoanalyse ist nicht für jeden da« liegt.

Wenn der Analytiker beschließt, Sie zur Therapie anzunehmen, dann wird alles, was Sie im Erstinterview von sich haben erkennen lassen, in seinem allerersten psychodiagnostischen Eindruck von Ihrem Problem enthalten sein. Deshalb ist es eine weit klügere Strategie, beim Erstinterview so viel als möglich von Ihrem wahren Ich zu zeigen, als zu versuchen, einen vorteilhaften, aber weniger realen Eindruck von Ihrem Charakter, Ihrer Persönlichkeit und Intelligenz zu erwecken. Mit dieser zweiten Methode werden Sie lediglich erreichen, daß es längere Zeit dauert, bis sich der Analytiker über die Art Ihrer Störung klar wird. Ausgebildete und erfahrene Analytiker sind nämlich — denken Sie daran! - im allgemeinen durchaus imstande, deskriptive Diagnosen der verschiedenen Formen von Neurose zu stellen. Erst wenn es darum geht, Gründe für die Neurosen herauszufinden und die Behandlungstechnik festzulegen, tauchen ernstliche Fragen hinsichtlich ihres klinischen Sachverstands auf. Begründungen und Behandlungsverfahren in der Psychoanalyse beruhen natürlich eher auf Theorie als auf Tatsachen.

Wie ich angedeutet habe, beginnt die Therapie beim Erstinterview. Besonders bei der Freudschen Therapie stoßen Sie schon zu diesem Zeitpunkt auf die berühmte, ärgerliche und oft verurteilte Zurückhaltung bei Fragen und Unnahbarkeit des Analytikers. Sie brennen darauf, diesem Sachverständigen, der dem Vernehmen nach aufgrund seiner Ausbildung in der Lage ist, Ihnen zu helfen, von den Symptomen Ihres verwirrenden Problems zu berichten. 

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Aber eben der psychische Mechanismus Ihres Problems beeinträchtigt Ihre Fähigkeit, über das zu sprechen oder genau zu schildern, was Sie quält. Deshalb warten Sie hoffnungsvoll darauf, daß der Analytiker Sie mit einer klugen und fachmännischen Unterhaltung über Ödipuskomplexe, sublimierte Wünsche und dergleichen durch die harte Mauer Ihrer Emotionen hindurchführt. Statt dessen sagt er vielleicht einfach: »Was führt Sie zu mir?« oder »Worin besteht Ihr Problem?«

Damit ist Ihnen die Last aufgebürdet, und schon beginnt das, was die Freudsche Analyse Übertragung nennt.

Sie fangen an, von Ihrem Problem zu reden, suchen verzweifelt nach bestimmten Bildern und Ausdrücken, um klarzumachen, was Sie meinen, aber Sie bringen nichts zustande als anscheinend verschwommene und nutzlose Redensarten. Solange Sie reden, wird der Analytiker Sie ruhig gewähren lassen, und wenn Sie eine Pause machen, um Atem zu schöpfen, wird er auch nichts sagen. Erst wenn Sie sich erschöpft haben oder bei Ihrer Erzählung auf einen Widerstand stoßen, der Sie daran hindert, fortzufahren, weil Ihnen das richtige Wort oder die passende Redensart fehlt, wird der Analytiker eine zweite Frage stellen. Diese Frage wird unweigerlich mit einem Anhaltspunkt für Angst zusammenhängen, den er in Ihrer Erzählung entdeckt hat, und wahrscheinlich wird sie verwirrend sein, weil sie. Ihnen so banal vorkommt. Nehmen wir an, Sie haben fast beiläufig erwähnt, daß alle Ihre Freunde Ihnen sagen, Sie machten sich zu viele Sorgen. Wenn Sie Ihren Bericht abgeschlossen haben, wird der Analytiker vielleicht fragen: »Worüber machen Sie sich Sorgen?«

Das ist verwirrend, denn Sie sind eigentlich nicht der Meinung, daß Sie sich zu viele Sorgen machen, und außerdem erinnern Sie sich kaum, daß Sie es erwähnt haben. Es ist auch deshalb verwirrend, weil es eine Frage der Art zu sein scheint, die man von einem Priester oder einem Moralprediger erwarten könnte, nicht von einem professionellen Therapeuten, der dazu ausgebildet wurde, sich mit den Feinheiten psychoanalytischer Begriffe und der entsprechenden Syntax zu befassen. Sie vergessen, daß Analytiker dazu ausgebildet werden, sich mit Anhaltspunkten zu befassen, und je belangloser sie erscheinen, für um so ergiebiger und fruchtbarer werden sie gewöhnlich gehalten.

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Sie versuchen trotz allem die Frage zu beantworten. Höchstwahrscheinlich werden Sie mit Ihrer Antwort halbherzig abstreiten, was die Frage des Analytikers unterstellte. Sie machen sich eigentlich gar nicht zu viele Sorgen — gewiß, Sie regen sich über manches ziemlich leicht auf, besonders über bestimmte Dinge, aber...

Der Analytiker wird Sie vielleicht an dieser Stelle mit einer weiteren verwirrenden Frage unterbrechen, verwirrend insofern, als er nicht zugelassen hat, daß Sie zu Ende führten, was Sie gegen die Kennzeichnung des »Sich übermäßig Sorgen machen« einzuwenden haben. Sie versuchen, den Verlauf des Interviews zu beeinflussen, dem Analytiker zu sagen, was Sie für wichtig halten, und wegzulassen, was Sie für belanglos halten. Was Ihre Freunde sagen, ist Ihrer Ansicht nach belanglos, und Sie wünschten, Sie hätten es nicht erwähnt. Doch haben Sie jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, denn der Analytiker erwartet eine Antwort auf seine eingeworfene Frage. Was war es doch? Ach ja, er wollte wissen, was Sie besonders aufregt. Verdammt nochmal, denken Sie, wie sind wir überhaupt auf dieses Thema gekommen? Aber Sie versuchen zu antworten. Oh, sagen Sie, Hupen auf der Straße kann Sie rasend machen, und die täglichen Anrufe Ihrer Mutter ebenfalls, und Leute, die viel reden, aber nie wirklich zuhören ...

»Was geschieht, wenn auf der Straße gehupt wird?« fragt der Analytiker dann womöglich. Sie versuchen es zu erklären, immer noch bemüht, die richtigen Worte zu finden.
»Und was geschieht, wenn Ihre Mutter anruft?«
»Was meinen Sie damit, was geschieht?« antworten Sie vielleicht.
»Wie ist Ihnen dann zumute?« wird der Analytiker fragen. Nachdem Sie Ihre ganzen Kümmernisse aufgezählt haben, wird der Analytiker dann unter Umständen fragen: »Und was ärgert Sie sonst noch?«

 

So wird der Analytiker das erste oder eine Reihe von Interviews mit Ihnen führen. Anschließend wird er Ihnen entweder sagen: Jawohl, er glaube Ihnen helfen zu können, oder, es tue ihm leid, er könne bei Ihrem besonderen Problem nicht viel tun.

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Wenn der Analytiker Sie in die Psychotherapie nimmt - und vorausgesetzt, Sie kommen der Vorstellung vom »idealen Patienten« einigermaßen nahe, und es gibt keinen Grund für die Annahme, daß Sie dieser Vorstellung nicht entsprechen -, dann werden Sie sich kurz über das Honorar unterhalten. Sie haben wahrscheinlich genug Geld, um wenigstens das Honorar für ein paar einleitende Sitzungen zu dem Satz aufzubringen, den der Analytiker berechnet, und selbst wenn Sie empört sind über die Höhe des Honorars, werden Sie, zweifellos mutig, dem ersten Termin zustimmen.

Freud behauptete, daß eine Analyse so gut wie nutzlos sei, wenn sie nicht an fünf oder sechs Tagen in der Woche durchgeführt werde. Die modernen Psychoanalytiker sind sich allgemein darüber einig, daß drei Tage in der Woche genug sind, hauptsächlich aus dem Grund, den ein Analytiker aus Chicago so ausdrückte: »Wenn ich ein paar Jahre lang tagein, tagaus denselben sechs Personen zuhören müßte, dann wäre ich selbst bald reif für die Klapsmühle.« Viele Analytiker gehen noch weiter und geben sich mit ein- oder zweimal in der Woche zufrieden, jeweils eine Stunde. (Natürlich können sie auf diese Weise vier- oder fünfmal so viele Patienten behandeln, was ihrem Bankkonto keinen anhaltenden Schaden zufügt.)

Nachdem Sie zur psychoanalytischen Therapie angenommen worden sind, wird der Analytiker wahrscheinlich eine oder zwei weitere Sitzungen darauf verwenden wollen, Ihr derzeitiges Problem zu erforschen, um eine Diagnose zu stellen und Sie an die Verfahren der Freudschen Therapie zu gewöhnen. Wenn der Analytiker ein verantwortungsbewußter Arzt ist, wird er - wenn es bei Ihnen nicht schon geschehen ist — routinemäßige ärztliche Untersuchungen anordnen, um nach Möglichkeit auszuschließen, daß Ihre derzeitigen Symptome auf eine organische oder physiologische Ursache zurückzuführen sind. Auch wird er Ihre vollständige Anamnese aufnehmen, weil er der Auffassung ist, daß selbst dann, wenn es keine nachweisbare physiologische Ursache gibt, Seele und Körper in zu engem Zusammenhang stehen, als daß man sie als getrennte, nicht wechselseitig aufeinander einwirkende Einheiten ansehen könnte. Vielleicht wird er auch gewisse Medikamente verschreiben - Beruhigungsmittel oder Antidepressiva, je nachdem, wie ausgeprägt Ihre psychischen Symptome sind.

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Ein Analytiker, der nicht Arzt ist, wird, wenn er verantwortungsbewußt ist und obwohl er die Untersuchungen nicht selbst verordnen kann, zumindest den Rat geben, sie durchführen zu lassen, ehe er Sie in die Analyse nimmt. Wenn diese Untersuchungen bei Ihnen schon durchgeführt worden sind, wird er wohl von Ihrem Arzt einen Bericht über die Ergebnisse haben wollen, und er sollte auch wissen wollen, ob Sie irgendwelche Medikamente nehmen und welche.

Sobald etwaige physiologische Ursachen Ihrer seelischen Störung ausgeschlossen sind, wird der Analytiker versuchen, eine klinische Diagnose zu stellen. Zuerst wird er zu ermitteln versuchen, ob Ihre Störung psychotischer oder neurotischer Art ist. Das stellt er fest, indem er sich weiterhin anhört, was Sie über Ihre Symptome zu sagen haben, indem er sie beurteilt und auch Ihr Verhalten in Rechnung stellt. Er wird Sie vielleicht einem oder mehreren schriftlichen oder mündlichen Tests unterziehen, um etwaige Vermutungen über die Art Ihrer Erkrankung zu bestätigen, aber da die meisten frei praktizierenden Analytiker sich nicht mit psychotischen Krankheiten befassen, ist es wahrscheinlich (vorausgesetzt, bei Ihrem Problem handelt es sich um eine Neurose oder, was noch günstiger wäre, um einfache Demoralisierung), daß Ihnen die Tests erspart bleiben. Analytiker rühmen sich ihrer auf Beobachtung beruhenden diagnostischen Fähigkeiten, und die meisten Analytiker, die ich interviewt habe, finden psychologische Tests langweilig.

Viele Laien glauben offenbar, daß Psychoanalytiker, wenn sie Diagnosen stellen, wie Versicherungsvertreter vorgehen, die ihre statistischen Tabellen zu Rate ziehen, wenn über Ihre Lebenserwartung gesprochen wird; sie glauben, Therapeuten hätten kleine schwarze Bücher in ihren Schreibtischen, in denen sie bloß nachzuschauen brauchten, um eine bestimmte Diagnose für ein bestimmtes Symptom oder eine Gruppe von Symptomen hervorzuzaubern. Daß diese Ansicht vorherrscht, daran sind die Psychotherapeuten selbst schuld.

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Die Leichtigkeit, mit der sie diagnostische Redensarten aus dem Ärmel schütteln, hat viele Leute davon überzeugt, daß sie ein neurotisches oder psychotisches Leiden genauso leicht diagnostizieren können wie ein Arzt einen komplizierten Beinbruch, wenn ihm der herausragende Knochen des Patienten gleichsam in die Augen springt. Natürlich sind psychiatrische Diagnosen nicht so einfach, obwohl es richtig ist, daß den Analytikern zusätzlich zu ihrer eigenen Erfahrung gewisse Hilfsmittel wie Leitfäden, Handbücher und dergleichen zur Verfügung stehen.

Nachdem sich der Analytiker davon überzeugt hat, daß Ihr Leiden keine organische Ursache hat, wird sein diagnostisches Verfahren im Idealfall darauf gerichtet sein, festzustellen, ob das Leiden psychodynamisch verursacht und entweder psychotisch oder neurotisch ist. (Für die meisten Analytiker zählt einfache Demoralisierung zu den Neurosen, während Anhänger anderer Therapieschulen es vorziehen, sie als eine besondere Klasse von Störung zu behandeln.) Wenn der Analytiker Ihr Leiden als psychotisch versteht, wird er vielleicht der Meinung sein, daß Ihre Ich-Funktionen die Wirklichkeit noch so unverzerrt erfassen können, daß Sie behandelbar sind. Bei einer großen Zahl von psychotischen Diagnosen ist indes dieses Erfassen der Wirklichkeit nicht vorhanden; dann wird der Analytiker entweder dem Psychotiker oder seiner Familie sagen, daß »andere Vorkehrungen« getroffen werden müssen — gewöhnlich die Einweisung in eine Heilanstalt dieser oder jener Art.

Wenn Sie nach zwei oder drei Besuchen noch im Sprechzimmer des Analytikers sind, können Sie damit rechnen, daß er eine Neurose diagnostiziert hat. Jetzt wird er versuchen, die spezifische Art der Neurose festzustellen — Angst, Depression, Hysterie, Zwangsneurose und dergleichen. Aber die Diagnose sollte hier nicht aufhören. Da die verschiedenen Arten von Neurose oft dieselben Symptome hervorbringen und da Symptome sich oft überschneiden und miteinander verbinden, wird sich der Analytiker bemühen, eine noch spezifischere Kennzeichnung Ihres Leidens herauszufinden. So könnte es sein, daß Ihnen schließlich gesagt wird, Sie leiden an einer »Angstneurose bei gemäßigt zwanghaftem Charakter« oder an einer »neurotischen Depression, be-

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gleitet von zwanghaft grüblerischen Zuständen«, oder an dem »Depersonalisationssyndrom, gekennzeichnet durch Dissoziationshysterie«, oder an einer fast unendlichen Vielzahl allgemeiner neurotischer Charakteristika.

Sobald sich der Analytiker auf eine Diagnose festgelegt hat, die er für richtig hält, wird er über Ihr Therapieprogramm nachdenken. Seriöse Psychotherapeuten, die sich an Freuds Vorschriften halten, glauben, die Behandlung müsse, weil jedes neurotische Leiden anders sei, für das spezifische Leiden maßgeschneidert sein. Die Freudschen Analytiker glauben das auch, aber ihre Einstellung zur Therapie wird sich immer an die feststehenden Grenzen der Freudschen Theorie halten. Denn die analytische Therapie zielt in erster Linie darauf ab, das Ich zu stärken, indem die Libido von frühen Fixierungen befreit wird. Nach dem Grundprinzip der Freudschen Analyse haben diese Fixierungen ihren Ursprung in einer abnormen sexuellen Psychodynamik. Das allgemeine Ziel der Freudschen Analyse ist es, die Ursachen der psychosexuellen Abnormität durch eine genau festgelegte Methode aufzudecken: den Prozeß des Redens und Zuhörens und die dazugehörigen Techniken. Innerhalb dieser ziemlich engen Grenzen wird der Analytiker also versuchen, die Behandlung Ihrem Leiden und Ihren Persönlichkeitsmerkmalen, wie er sie begreift, anzupassen.

An diesem Punkt sollte der verantwortungsbewußte Analytiker Ihnen erklären, daß er Sie zwar zur Therapie annimmt, aber Ihnen eine Heilung nicht versprechen kann. Kein ehrlicher und aufrichtiger Analytiker — überhaupt kein Psychotherapeut irgendeiner Richtung — kann oder sollte eine solche Voraussage treffen. Vielmehr sollte der Therapeut Sie für einen therapeutischen Arbeitsvertrag gewinnen, der auf der Tatsache beruht, daß er zwar eine stichhaltige Diagnose Ihres Leidens gestellt hat, aber nicht weiß, ob er es zu beseitigen vermag. Gewiß kann er sagen, er glaube, daß der Versuch die Mühe wert sei, doch sollte er Sie warnen, daß es sehr lange dauern könne, bis sich eine Besserung zeige, und daß es auch keine Garantie für eine Besserung gebe.

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Wenn der Analytiker über die Behandlungsmethode nachdenkt, wird er Ihnen nicht unbedingt erklären, wie er vorzugehen gedenkt. In vielen Fällen wird das daran liegen, daß er noch keine Ahnung hat, wie er vorgehen soll, abgesehen davon, daß er sich an die üblichen Freudschen Verfahren (die ich gleich beschreiben werde) halten und Sie daran gewöhnen wird.

Das ist die Schwierigkeit bei dem »maßgeschneiderten« Konzept. Obwohl Freud erklärte, die Therapie sollte auf jeden Patienten individuell zugeschnitten sein, hat er mit seinen strengen methodischen Richtlinien dem modernen Freudschen Analytiker nicht viel Spielraum gelassen. Daher muß Ihr Analytiker, nachdem er sich angehört hat, was Sie über Ihre derzeitigen Symptome sagen, und eine Diagnose gestellt hat (die in psychoanalytischer Sicht richtig sein mag, aber womöglich nichts mit Ihrem wirklichen Problem zu tun hat), sich selbst eine überaus wichtige Frage beantworten. Und zwar: Welches ist die Ursache Ihrer Neurose? Auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben, wenn der physiologische Faktor ausgeschlossen ist: eine vor langer Zeit eingetretene Fehlentwicklung Ihrer unbewußten psycho-sexuellen Triebe und eine mangelhafte Auflösung Ihres Ödipuskomplexes. Wie und warum es zu dieser Fehlentwicklung kam, ist die erste Antwort, die er von Ihnen hören will, denn für den Freudschen Analytiker ist diese Antwort der Schlüssel für alle anderen Schlösser Ihrer Psyche.

Die Haupttechnik, die der Analytiker anwendet, um diese Antwort und auch alle späteren zu erhalten, wird freie Assoziation genannt; richtiger gesagt, es ist die Haupttechnik, die Sie anwenden sollen. Bei der Freudschen Analyse werden Sie aufgefordert, sich auf eine Couch zu legen, während der Analytiker sich so hinsetzt, daß Sie ihn nicht sehen können. Mit einer anscheinend unpersönlichen Stimme wird er Sie anweisen, alles zu äußern, was Ihnen in den Sinn kommt. Die ersten Male, wenn Sie das tun, wird Ihnen wahrscheinlich seltsam zumute sein — leicht verlegen und unbehaglich —, denn Sie sind nicht daran gewöhnt, Ihren Selbstgesprächen zuzuhören. Die Anwesenheit des Analytikers hinter Ihnen wird Ihnen außerordentlich intensiv bewußt, und dieses Bewußtsein werden Sie als doppelt bedrückend empfinden. So werden Ihre ersten zögernden Versuche, frei zu assoziieren, wohl nicht nur mißlungen erscheinen, sondern auch miß-

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lungen sein, selbst wenn Ihnen der Analytiker versichert, daß Ihr Stottern wie alles andere, was Sie in seinem Sprechzimmer tun, zur Therapie gehört.

Bei den ersten Malen, wenn Sie frei assoziieren, werden Sie wahrscheinlich Äußerungen von sich geben wie »Ich komme mir ein bißchen albern vor.. .« oder »Ach, Herr Doktor, muß das wirklich sein?« Auf die erste Feststellung wird der Analytiker wahrscheinlich sofort mit der Frage reagieren: »Warum kommen Sie sich albern vor?« Das war es nicht, worauf Sie gehofft hatten. Sie hatten auf eine Beruhigung irgendeiner Art gehofft, vielleicht sogar auf eine kurze Belehrung, wie man frei assoziiert. Statt dessen hat. die geisterhafte Stimme den Spieß umgedreht und Ihnen eine noch größere Last aufgebürdet.

Gewöhnen Sie sich daran! Wenn Sie analysiert werden sollen, werden Sie frei assoziieren müssen. Mit Ihrer Bemerkung, daß Sie sich »albern« vorkommen, haben Sie den einen von vielen Widerständen geäußert, die Sie bekunden werden. Der Analytiker wird solche Äußerungen häufig aufgreifen, um den Bereich einzuengen, auf den sich Ihre freien Assoziationen konzentrieren sollten, und um Ihre Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu lenken, der für Ihre Neurose von Bedeutung sein könnte. Ihre Bemerkung, daß Sie sich »albern« vorkommen, spiegelt, werden Sie sagen, nur Ihre Verlegenheit in dem Augenblick wider, in dem Sie herauszufinden versuchen, wie man frei assoziiert - es sei überhaupt kein Zeichen von Widerstand und habe nichts mit dem psychischen Leiden zu tun, dessentwegen Sie den Analytiker aufgesucht haben. Sie haben unrecht, zumindest in den Augen des Analytikers. Vergessen Sie nicht: Alles, was Sie tun und sagen, und auch wie Sie es tun und sagen, wird für den Analytiker etwas bedeuten. Vielleicht stellt sich heraus, daß dem nicht so ist. Aber immerhin könnte es etwas bedeuten. Vor allem in den ersten Phasen der Behandlung sucht der Analytiker noch nach Anhaltspunkten und Erklärungen für Ihre verletzte Persönlichkeit, denn auf diesen Anhaltspunkten und seinen Erkenntnissen wird er seine autoritative Deutung Ihrer Störung schließlich aufbauen. Also, um es zu wiederholen, gewöhnen Sie sich daran!

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Falls Sie die zweite der obengenannten Fragen gestellt (»Ach, Herr Doktor, muß das wirklich sein?«) oder eine andere Verlegenheitsfloskel geäußert haben, werden Sie höchstwahrscheinlich eine einsilbige bejahende Antwort erhalten. Gewöhnen Sie sich auch daran! Die Analytiker sind nicht daran interessiert, die Fragen von Patienten zu beantworten; es interessiert sie eher, warum diese Fragen gestellt werden. All das gehört zu dem, was in Ihrem Unbewußten vorgeht. In diesem Fall würde der Analytiker Ihrer Frage nicht viel Bedeutung beimessen, denn er versteht es, warum Ihnen unbehaglich zumute ist. Aber statt Sie anzuleiten, wie Sie beim freien Assoziieren verfahren sollen, wird er, wenn Sie weiterhin stottern und stammeln, Sie wiederum anweisen, sich auf das zu beschränken, was Ihnen in den Sinn kommt, wie schmerzhaft, anscheinend banal und unlogisch es auch sein mag.

Natürlich werden Sie es ihm verübeln, daß er so autoritär und wenig hilfsbereit ist, und so gelangen Sie in das erste Stadium Ihrer sich allmählich verstärkenden Übertragung - und damit zur zweiten wichtigen Technik, deren sich die Freudsche Analyse bedient.

Der Analytiker wird Ihnen weiter zusetzten, Sie sollen mit dem freien Assoziieren beginnen, alle Gedanken so, wie sie Ihnen kommen, aussprechen, bis Sie den Dreh heraushaben. Eine typische freie Assoziation beginnt folgendermaßen:

»Ach ja ... wenn ich hier so liege und den grünen Aschbecher auf dem Tisch ansehe, dann fällt mir ein, als ich herkam und an einer Verkehrsampel anhielt, der Fußgängerampel, Sie wissen schon ... ja, es war dieses komische Grün, und da fuhr mir plötzlich der Gedanke an etwas durch den Sinn, was geschehen war, als ich - ach, ich weiß nicht, ungefähr neun oder zehn Jahre alt war. Ich war im Umkleideraum nach der Turnstunde, und die Basketball-Mannschaft von der Uni zog sich gerade um, und . .. na, Sie wissen ja, als Kind vergöttert man die Uni-Sportler geradezu, besonders die Stars ... und dieser Typ jedenfalls - ich weiß nicht mehr, wie er heißt, aber er war der Star der Mannschaft, und ab und zu sagte er hallo zu mir - jedenfalls war der Basketball-Dreß aus diesem grünen Satin, und das Grün war genau dasselbe wie bei der Verkehrsampel.... und dieser Typ

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hatte seinen Dreß an und ging nach oben, um sich warmzulaufen, und als er an meinem Spind vorbeikam, tätschelte er mir den Kopf, und ... na, ich war gerade aus der Dusche gekommen und hatte mein Hemd noch nicht an, und als er das tat, streifte seine kurze Hose — diese grünen Satinshorts — meinen Arm, und es war ein ganz komisches Gefühl.. . glatt und kühl... na ja, ungefähr fünf Minuten später ging ich hinauf in die Turnhalle, um mir das Spiel anzusehen, oder zumindest den Anfang, denn ich erinnere mich, daß ich den Schulbus kriegen mußte.... und da liegt dieser Typ auf dem Fußboden in einer Blutlache, und das Blut sprudelt aus einer Halswunde, und alle rennen hin und her und schreien, und ich erinnere mich, daß ich hinging, um zu gucken —" irgendein Junge aus einer anderen Schule war in die Turnhalle gekommen, während unsere Mannschaft sich warmlief, und hatte dem Typ vorgeworfen, er habe ihm seine Freundin abspenstig gemacht oder irgendwas, und sie fingen an, sich zu prügeln, und ehe irgend jemand wußte, was geschah, hatte der Junge aus der anderen Schule ein Messer gezogen und es dem Typ in dem grünen Satindreß in den Hals gestoßen ... Ja, ich sagte ja, ich ging hin, um mir den Typ in all dem Blut anzusehen — er war eine Art Held für mich, und er sah zu mir auf mit diesem entsetzlichen Ausdruck in den Augen, als ob ich ihn retten könnte oder so was, und er streckte die Hand nach mir aus, und plötzlich merkte ich, daß er gar kein Held mehr war, wissen Sie, sondern ein ganz gewöhnlicher Mensch.. . Und ich erinnere mich, daß ich das ganze Blut auf diesem glatten grünen Satindreß sah, und als ich sah, wie die Fußgängerampel mit genau demselben Grün aufleuchtete, da fragte ich mich plötzlich, wie es wohl ist, wenn man erstochen wird — Sie wissen ja, mit all den Raubmördern und was so alles herumläuft - und dann begann ich mich zu fragen, wie es wäre, wenn Blut grün wäre statt rot, und als ich den Aschbecher bemerkte, kam mir der Gedanke wieder ...«4)

Es dürfte so viele Deutungen einer solchen freien Assoziation geben, wie es Analytiker gibt. Dieser Auszug soll nur ein Beispiel für eine typische freie Assoziation sein und wird niemandem zur Deutung angeboten, denn ohne jeden Zusammenhang ist er natürlich bedeutungslos.

 

 

4  Das ist ein wörtlicher Auszug aus einer freien Assoziation eines Patienten, den ich mit Erlaubnis seines Analytikers auf Band aufnahm.

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Nehmen wir indes an, Sie würden an einem Punkt Ihrer Analyse in dieser Weise frei assoziieren und Ihr Analytiker hätte Ihr Leiden bereits als eine Angstneurose diagnostiziert, begleitet von einer Phobie vor gewissen Pflanzen, die von einer irrationalen Furcht herrührt, Sie würden sterben, wenn Sie Giftsumach erwischen.5)  Man braucht kein Analytiker zu sein, um aus einer an Symbolik so reichen freien Assoziation eine geistreiche Deutung herauszuholen.

Symbolik - das ist der springende Punkt bei der Freudschen Technik des freien Assoziierens. Ziel der Analyse ist es, das ins Unbewußte verdrängte Material auszugraben, jenes Material, das einen übermäßigen psychischen Konflikt und daher eine Neurose hervorruft. Aber nach der Freudschen Theorie kann sich das Unbewußte eben wegen seiner Natur nicht durch bewußte und konventionelle Kommunikationstechniken mitteilen; durch be-wpßte Verhaltensweisen teile es sich nur indirekt mit, direkter allerdings durch Träume. Der Analytiker kann Ihre Träume nicht beobachten, so daß er auf diesem Weg keinen Zugang zu Ihrem Unbewußten hat. Und natürlich kann er auch Ihr bewußtes Verhalten nicht ständig überwachen, sondern nur einen kleinen Bruchteil, nämlich wenn Sie sich in seinem Sprechzimmer aufhalten. Es muß ein anderer Weg gefunden werden, um immer wieder einen Blick in Ihr Unbewußtes werfen zu können, wo die Ursachen Ihres Leidens liegen.

Diese therapeutische Notwendigkeit hat Freud dazu angeregt, die Technik des freien Assoziierens zu erfinden. Während viele Leute, die mit dieser Technik nicht vertraut sind, sie für Unsinn halten, weil sie buchstäblich mit Unsinn arbeitet, ist sie für den Freudschen Analytiker das wichtigste Mittel, um Zugang zum Unbewußten eines Patienten zu gewinnen. Ebenso wie in Träumen äußert sich auch hier das Unbewußte nur mit Hilfe einer Symbolsprache. 

Wenn ein Patient also jeweils fünfzig Minuten lang redet und Gedanken und Gefühle enthüllt, die für

 

Ein Analytiker in Chicago hat einen solchen Patienten in Behandlung; er hat im Sommer eine Todesangst, sich ins Freie zu wagen.

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einen Außenstehenden nicht im entferntesten mit seinem Problem zusammenzuhängen scheinen, webt der aufmerksame Analytiker monatelang sorgfältig ein Gewebe aus den Symbolen, die aus dem scheinbar endlosen, unsinnigen Gerede des Patienten auftauchen - Symbole, die nach Ansicht des Analytikers als unterirdische Scheinwerfer dienen, um die Verdrängungen, die in den dunklen Höhlen des Unbewußten des Patienten kauern, zu beleuchten.

Ihr Analytiker wird also großen Respekt vor Ihrem freien Assoziieren haben. Wenn er Sie dazu anstachelt und anspornt, dann erwartet er, daß Sie lernen, es auch zu respektieren, denn für Sie beide ist es der wichtigste Schlüssel zu einer erfolgreichen Therapie.

Analytiker lassen den Patienten die Vorzüge des freien Asso-ziierens gewöhnlich selbst entdecken. Darum werden Sie in den Anfangsstadien Ihrer Analyse, wenn Sie sich vor Verlegenheit winden und sich fragen, was Sie sagen sollen, sehr wenig Mitgefühl von Seiten Ihres Analytikers verspüren. Seine einzige Reaktion wird darin bestehen, daß er Sie energisch dazu anhält, weiterzumachen, bis Sie wahrhaft frei assoziieren können. Sobald das der Fall ist, wird der Analytiker Ihr freies Assoziieren entsprechend dem symbolischen Gewebe leiten, das er aus den Anhaltspunkten in Ihren Monologen zusammenknüpft.

Indes ist freies Assoziieren nicht eigentlich ein Vorgang, den Sie »lernen« könnten, denn das Lernen würde es der Spontaneität berauben, die sein Hauptmerkmal ist. Nachdem Sie aber den Dreh heraushaben, werden Sie wahrscheinlich dennoch ein paar Wochen oder Monate lang vor jeder Sitzung »einstudieren«, was Sie im Sprechzimmer des Analytikers sagen wollen. Ebenso wie Ihre anfänglichen unbehaglichen Gefühle, wenn Sie zuerst frei zu assoziieren versuchen, ist das eine Krücke, die Sie fallenlassen müssen, ehe sich das freie Assoziieren günstig für Sie auswirken kann.

Erst wenn Sie tatsächlich ganz spontan frei assoziieren können, wird die Technik für den therapeutischen Prozeß wirklich bedeutungsvoll. Bei manchen Analysanden mag das bis zu einem Jahr dauern, und das ist einer der Gründe, warum die Analyse so viel Zeit erfordert.

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Bis Sie die freie Assoziation so anwenden können, wie sie gedacht ist, wird alles, was Sie tun und sagen, in Wirklichkeit nur simuliert sein und daher eher eine Vorbereitung auf die Therapie als die Therapie selbst. Das soll nicht heißen, daß diese Vorbereitungszeit - als solche sieht sie Ihr Analytiker an, wie lange sie auch dauern mag — eine Zeitverschwendung ist; viele Analytiker halten diese Zeit sogar für einen unerläßlichen Teil des analytischen Prozesses, weil sie dem Patienten Gelegenheit gibt, die Grundregeln des Prozesses zu erlernen und, was noch wichtiger ist, sich an die Arbeitsweise des Analytikers zu gewöhnen.

Das ist wichtig! Zweierlei sollten Sie in den frühen Stadien der Analyse lernen. Zunächst das, was Sie nicht »lernen« sollten! Zum Beispiel sollten Sie nicht lernen, frei zu assoziieren, sondern es einfach tun. Ebenso sollten Sie, obwohl Sie mit psychoanalytischen Begriffen konfrontiert sein werden und die psychoanalytische Fachsprache hören, diese Begriffe und diese Fachsprache nicht »lernen«, um Ihrem Analytiker zu imponieren oder zu versuchen, sich dem anzupassen, was Sie für sein Niveau halten. Viele Neulinge in der Analyse tun das, um bei ihren Analytikern Eindruck zu schinden, aber es hat wirklich sehr wenig Sinn, denn der Analytiker braucht Ihr Pseudo-Fachwissen nicht und wird darin gerade das Gegenteil von dem sehen, was Sie ihn merken lassen wollten.

Hingegen ist der Analytiker darauf angewiesen, daß Sie ihm vertrauen, und er möchte vor allem, daß Sie das in den ersten Versuchsstadien der Therapie »lernen«. Ihr Verständnis und Ihre Anerkennung seiner Arbeitsweise sind die ersten Sprossen in der Wand des Vertrauens, die Sie erklimmen müssen, ehe die Wirkung der Therapie einsetzen kann. Dieser Teil der Therapie beginnt natürlich — zumindest seitens des Analytikers — bei Ihrer ersten Begegnung. Sobald er Sie zur Therapie angenommen hat, sollte er Ihnen eine Vorstellung davon vermitteln, wie er arbeitet. Wenn er Sie dann in seine Arbeitsmethoden angemessen eingeführt hat, sollten Sie eigentlich keinen großen Unterschied feststellen zwischen seinem Verhalten bei den ersten Interviews, die hauptsächlich dem Zweck der Diagnose dienen, und bei den späteren Sitzungen der eher spezifischen Therapie. 

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Der Analytiker wird höchstwahrscheinlich zuerst aktiver sein und Fragen stellen, Sie lenken und anleiten und Interesse und Teilnahme bekunden. Beim späteren Verlauf der Therapie wird er ein weniger aktiver Teilnehmer sein, eher ein zurückhaltender Beobachter, und er wird nur gelegentlich eine Bemerkung einstreuen und den Anschein erwecken, als lade er Ihnen die ganze Bürde auf, nachdem Ihnen die Technik des freien Assoziierens nun leichter fällt.

Diese Neigung der Freudschen Analytiker, im Verlauf der Therapie immer zurückhaltender und autoritärer zu werden, ist für Analysanden überall auf der Welt eine Quelle unendlicher Verwirrung und Verärgerung. Ich bin sicher, daß jeder von Ihnen, der Freunde hat, die sich einer Analyse unterziehen, Klagen von ihnen hört über die (ihrer Ansicht nach) grausame Verschlossenheit ihrer Analytiker, und wahrscheinlich haben Sie dies auch schon in Filmen oder Büchern dargestellt gefunden. »Ich bezahle ihm 70 Mark in der Stunde dafür, daß er bloß dasitzt und fragt: >Und was geschah dann?< Jetzt weiß ich, daß ich wirklich verrückt sein muß!«, lautet eine häufige Klage.

Die langen Schweigeperioden des Analytikers, nachdem eine wirksame analytische Beziehung hergestellt ist, sind natürlich ein wesentlicher Bestandteil seiner therapeutischen Technik — einer Technik, die Freud selbst mühsam erarbeitet hat. Die Analytiker nehmen es gewöhnlich mit Humor hin, daß sie nach allgemeiner Vorstellung die Stunden, in denen ihre Patienten frei assoziieren, dazu verwenden, versäumten Schlaf nachzuholen, Gedichte zu schreiben oder sich Tagträumen hinzugeben. Was sie betrifft, gehören derartige Kritiken, mögen sie auch unbegründet sein, zu ihrem Berufsrisiko.

Was ist der Sinn dieser »Schweigebehandlungen«? Erstens soll dadurch der freie Gedankenfluß des Patienten angeregt werden - das wichtigste Mittel für den Analytiker, um zum Unbewußten des Patienten gelangen zu können. Obwohl die Schweigebehandlungen des Analytikers bei den Patienten oft einen größeren psychischen Druck hervorrufen als die Neurosen selbst, vertreten Analytiker die Ansicht, daß ein solcher Druck gesund sei, ein Zeichen von Heilung.

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Zweitens handelt es sich dabei um einen Vorgang, den Analytiker »die wirkungsvolle Aufrechterhaltung des Übertragungsphänomens« nennen würden. Die Übertragung — sowohl vom Patienten auf den Analytiker als auch vom Analytiker auf den Patienten - wird, wie ich schon angedeutet habe, als ein wesentlicher Teil des psychoanalytischen Prozesses betrachtet. Nach Ansicht der Freudschen Analytiker ist ihre »Handhabung« sogar entscheidend für Erfolg oder Mißerfolg der Therapie.

Das Phänomen der Übertragung wurde zuerst von Freud beobachtet, und er interpretierte sie als eine natürliche Funktion der verbal durchgeführten Therapie. Dann wies er ihr eine spezifische und wichtige Rolle im therapeutischen Prozeß zu. Ein Analytiker, erklärte er, könne erst dann ein erfahrener Therapeut sein, wenn er Geschick in der Handhabung und Anwendung dieser höchst wichtigen Technik erlangt habe.

Übertragung bedeutet einfach das Hin- und Herfließen persönlicher, intimer, unausgesprochener Gefühle, Einstellungen, Bilder, Gedanken und Vorstellungen zwischen Patient und Therapeut während einer analytischen Psychotherapie. Beim Fließen vom Patienten zum Therapeuten spricht man von Übertragung, während das Fließen vom Therapeuten zum Patienten als Gegenübertragung gilt.

Die Freudsche Analyse bezeichnet die Übertragung als wichtiges Instrument des Heilungsprozesses, weil sie die Möglichkeit eröffne, daß ein Patient an seinen Therapeuten all die negativen oder unangenehmen Gefühle heftet, die aus anderen Beziehungen des Patienten nachwirken. Ein Patient könne zum Beispiel eine ungelöste ödipale Bindung an Mutter oder Vater oder einen verdrängten Haß auf den andersgeschlechtlichen Elternteil, mit dem er sich im realen Leben nicht identifizieren kann, auf den Analytiker übertragen. Der Analytiker wird ein Ersatz für den ungeliebten Elternteil und spielt eine immer wichtigere Rolle im Leben des Patienten, je weiter die Analyse fortschreitet. Durch eine solche Übertragung sollen die tiefsten Verdrängungen des Patienten zum Vorschein kommen.

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Diese Rolle beruht in erster Linie auf der Phantasie des Patienten - einer Phantasie, die nach der Freudschen Theorie notwendig ist, damit der Patient seine ungelösten Komplexe mit dem Analytiker »durcharbeiten« kann. Die anfänglichen Gefühle des Patienten, die auf seinem unbewußten oder verdrängten Haß gegenüber einem realen Elternteil beruhen, sind unweigerlich feindselig. Daher nennt die Freudsche Analyse diese Bindung an den Therapeuten negative Übertragung. Indem sie zuläßt, daß der Therapeut vom Patienten benutzt wird, seine verdrängte Feindseligkeit aufzulösen, fördert die Freudsche Analyse die Begründung der positiven Übertragung, durch die der Patient angeblich ein Gefühl des Wohlbefindens erlangt - seine Feindseligkeit ist jetzt »durchgearbeitet« und aufgelöst.

Freies Assoziieren und Übertragung folgen aufeinander. Wenn der Patient erst einigermaßen frei assoziiert, folgt eine ungehinderte, ungehemmte Übertragung. Da die Anfangsstadien der Übertragung notwendig, negativ und feindselig sind, muß der Analytiker sehr behutsam mit ihnen umgehen, damit er sich nicht ungeschützt den »Schleudern und Pfeilen entfesselter« Verdrängung seitens des Patienten aussetzt.

Da sich die Übertragung nach der Freudscheh Theorie auf einer unbewußten Ebene abspielt, gilt das logischerweise auch für die Gegenübertragung des Therapeuten. Unscharf gebraucht, bezieht sich der Begriff »Übertragung« auf alle Gefühle und Reaktionen, die bewußten und die unbewußten, eines Patienten gegenüber seinem Therapeuten. Aber in seinem eigentlichen, begrenzteren Sinn bezieht er sich auf diejenigen Gefühle und Vorstellungen, mit denen der Patient unbewußt auf den Therapeuten so reagiert, als ob er eine wichtige Person seiner Vergangenheit wäre. Ebenso umfaßt der Begriff »Gegenübertragung«, wenn er ungenau gebraucht wird, alle Gefühle und Reaktionen des Therapeuten gegenüber dem Patienten. Die Reaktionen des Therapeuten können zwischen Liebe und Abscheu schwanken und ebenso leicht durch Aussehen oder Verhalten eines Patienten beeinflußt werden wie durch die unbewußten Gefühle des Therapeuten (denn auch er ist seinem Unbewußten ausgeliefert, wobei nur zu hoffen ist, daß er den größten Teil seiner psychischen Konflikte, wenn nicht alle, durch seine Lehranalyse gelöst hat). 

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Auch hier gilt, daß die Gegenübertragung in ihrem begrenzteren, genaueren Sinn die Gefühle und Vorstellungen betrifft, mit denen der Therapeut unbewußt auf einen Patienten so reagieren kann, als ob der Patient eine bedeutsame Gestalt aus der psychischen Vergangenheit des Therapeuten wäre. Daher hat der Therapeut die Aufgabe, nicht nur die Übertragung des Patienten richtig zu handhaben, sondern auch seine eigene.

Gegenübertragungen führen, sonderlich wenn sie negativen Charakter haben, zu unerwünschten und ärgerlichen Komplikationen, falls der Analytiker seine unrealistischen Gefühle nicht im Zaum halten kann. Das erklärt zumindest teilweise, warum Analytiker dazu neigen, beim freien Assoziieren schweigsam und unverbindlich zu bleiben. Damit fördern sie nicht nur eine, wie sie meinen, produktive Entfaltung der Übertragung eines Patienten - wie negativ sie anfänglich auch sein mag -, sondern zügeln auch etwaige unbewußte Gegenübertragungen. Die Freudsche Analyse hält eine voll entfaltete Übertragung seitens des Patienten für günstig, weil dies therapeutisch vorteilhaft sei, wenn sie »durchgearbeitet« werde. Sie hält eine Gegenübertragung, auch wenn sie unvermeidlich sei, weil der Analytiker auch nur ein Mensch ist, für eine Behinderung des therapeutischen Fortschritts. Daher muß der Analytiker mit diesen Phänomenen sehr geschickt umgehen, und da liegt ein Teil der Erklärung für seine autoritäre und oft zurückhaltende Beziehung zu den Patienten.

Der Hauptgrund für die Schweigsamkeit eines Analytikers oder seine sehr zurückhaltende Reaktion auf Ihr freies Assoziieren ist indes nach wie vor sein Wunsch (der ihm während seiner Ausbildung anerzogen worden ist), die Spontaneität Ihres freien Assoziierens zu fördern, damit er so viel Material als möglich aus Ihrem Unbewußten herausholen kann. Deshalb wird er dabei wohl nur dann eingreifen, wenn Sie auf Hindernisse stoßen und nicht fortfahren können. Sie werden sich erinnern, daß ich gesagt habe, die Freudschen Analytiker deuteten die Unfähigkeit, mit der freien Assoziation fortzufahren, als Manifestation psychischen Widerstandes seitens des Analysanden. 

Wenn solche Widerstände auftreten, wird der Analytiker Sie entweder dazu bringen, weiterzumachen oder Sie unterbrechen, um die möglichen Gründe für den Widerstand herauszufinden - vielleicht

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bietet er sogar vorsichtige Deutungen Ihres Widerstands an, um den Druck, den er verursacht, zu lindern. Im allgemeinen zieht es der Freudsche Analytiker indes vor, möglichst kurz und nur wenig einzugreifen, um den Ablauf der freien Assoziation nicht zu stören.

Worüber werden Sie frei assoziieren? Zu Anfang mag es alles Mögliche sein. Der Analytiker gibt Ihnen keinerlei Anweisungen, sondern besteht nur darauf, daß Sie sprechen. Erst später, wenn Sie sich an das freie Assoziieren gewöhnt haben und der Analytiker ein genaueres Bild von Ihrem Problem und der Art Ihrer Übertragung gewonnen hat, wird er das freie Assoziieren auf die Bereiche Ihrer psychischen Vergangenheit lenken, die seiner Ansicht nach am stärksten mit Ihrem Problem zusammenhängen.

»Nichts Erlebtes wird völlig vergessen«, behauptet die Freudsche Analyse. So mag ein schmerzlicher seelischer Schock in der frühen Kindheit scheinbar in Vergessenheit geraten sein, doch kann er im späteren Leben, etwa unter Belastungen, wieder zum Bewußtsein kommen und damit das psychische Gleichgewicht gefährden. Das ist die Begründung der Freudschen Analyse für die psychodynamische Ätiologie der Neurose. Das seelische Trauma der Kindheit ist lediglich verdrängt und vom Bewußtsein ferngehalten worden, bis ein emotionaler Konflikt das frühere Erlebnis wieder ins Gedächtnis ruft und auf die bewußte Ebene hebt. Solche verdrängten Erlebnisse und die sie begleitenden Emotionen gelten als Komplexe, von denen nach der Freudschen Auffassung der Ödipuskomplex der wichtigste ist. Der am stärksten wirkende Faktor in der Dynamik der Neurose ist die Erinnerung — die unbewußte Erinnerung. 

Das Ziel des freien Assoziierens ist also, Ihr Gedächtnis zu aktivieren, und auf diese Weise dazu beizutragen, die Türen zu Ihrer psychischen Vergangenheit zu öffnen, damit nicht nur der Analytiker, sondern auch Sie selbst einen Blick hineinwerfen können. Worüber Sie frei assoziieren, ist daher Ihre Vergangenheit, auch wenn sie von der Gegenwart her gesehen wird. Und weil die Freudsche Analyse der Auffassung ist, daß die Ursachen der meisten emotionalen Störungen in der psychosexuellen Vergangenheit liegen - in der Kindheit und ihrer zwangsläufigen ödipalen Situation-, wird Ihre freie Assoziation schließlich auch eine sexuelle Färbung annehmen.

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Der Analytiker ordnet das durch freie Assoziation hervorgebrachte Material ein, indem er sich des manifesten Inhalts - der in Worte gefaßten Gesamtheit des hervorgebrachten Materials -bedient, um daraus sein Verständnis des latenten Inhalts zu gewinnen. Der latente Inhalt ist die symbolische Bedeutung, die dem zugrunde liegt, was der Patient beim freien Assoziieren äußert. Sie werden sich erinnern, daß ich von Freuds Traumdeutung sagte, sie beziehe sich auf denselben Tatbestand, nämlich auf den manifesten und auf den latenten Traum. Der Freudsche Analytiker deutet das freie Assoziieren auf ähnliche Weise. Tatsächlich dient der Trauminhalt oft als Ausgangspunkt für das Verfahren des freien Assoziierens, und als Analysand werden Sie unter Umständen aufgefordert, dem Analytiker den Inhalt Ihrer letzten Träume zu erzählen.

Die Traumdeutung ist eine weitere häufig angewandte Technik der Analyse. Die Freudsche Analyse hält sie für effektiv, weil während des Schlafs die Zensur und die Abwehrmechanismen des Ich geschwächt seien und unbewußtes Material leichter auftauchen könne. Wenn solches Material im Wachzustand eines Patienten erinnert und berichtet wird, wird es als nützlich angesehen für die Deutung und Formulierung der neurotischen Psychodynamik des Patienten. Freud hielt den Trauminhalt für die symbolische Darstellung realer unbewußter Konflikte, und er war überzeugt, daß gewisse symbolische Bestandteile von Träumen (etwa lange, spitze Gegenstände, welche die Männlichkeit oder den Penis, und warme, weiche, feuchte Dinge, welche die Weiblichkeit oder den Vagina-Uterus-Komplex symbolisieren sollen) ebenso universell sind wie der Ödipuskomplex. Die modernen Freudschen Analytiker pflichten dieser Theorie ebenfalls bei (wenngleich vielleicht nicht ganz so überzeugt von der Allgemeingültigkeit und der starren Bedeutung der Symbole). Wenn also eine Traumdeutung zu Ihrem Therapieprogramm gehören sollte, dann wird ihr Hauptinteresse höchstwahrscheinlich der Sexualität gelten.

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Aber in größerem Umfang wird die Traumdeutung gewöhnlich nur bei Patienten angewandt, die täglich analysiert werden. Schon von der Eigenart der Erinnerungsmechanismen her, wobei psychische Widerstände für den Augenblick außer acht gelassen werden, ist es schwierig, sich an Träume zu erinnern. Wir können unsere Träume ganz frisch nur kurze Zeit, nachdem wir aufgewacht sind, erinnern. Wenn uns die Gedanken und normalen Ängste eines neuen Tages beschäftigen - ganz zu schweigen von abnormen Ängsten und Abwehren —, verblaßt in unserer Erinnerung auch der manifeste Inhalt unserer Träume. Daher wird der Patient, der nur ein- oder zweimal in der Woche zur Analyse kommt, nicht sehr ausführlich von Träumen berichten können, die er vor zwei oder drei Nächten gehabt hat. Aufgrund der Honorare, die die meisten Analytiker liquidieren, werden Sie das Sprechzimmer Ihres Therapeuten vermutlich nicht täglich aufsuchen. Erwarten Sie also nicht zuviel von Traumerzählung und -deutung. Das freie Assoziieren wird unverändert im Mittelpunkt Ihrer Therapie stehen.

Wenn Ihre Analyse fortschreitet, besteht der Wert des freien Assoziierens zum großen Teil darin, wieviel Katharsis es Ihnen gestattet. Katharsis ist der psychoanalytische Prozeß des spannungslösenden Hervorhebens von verdrängtem Material aus dem Unbewußten. Die Analytiker schätzen den Wert dieses Prozesses sehr hoch ein. Die Katharsis (die gewöhnlich von emotionalem Aufruhr des Patienten begleitet ist) gestattet dem Analytiker, mit Hilfe von Fehlleistungen beim Sprechen oder Verhalten Signale aufzufangen, die ihm deutliche Anhaltspunkte liefern, wie er die Art der Schwierigkeiten seines Patienten einzuschätzen hat. Außerdem glauben die Analytiker, daß die Katharsis heilende Wirkungen ausübt (was wiederum auf dem alten ärztlichen Axiom beruht, daß Schmerz eine Heilung anzeigt).

Freud hätte dem nicht widersprochen. Er stellte sich die Psyche als Ort vor und hielt Gedanken für »Erregungen«, die sich an diesem Ort abspielen. Durch den einfachen Akt des »Aussprechens von Dingen« wurde seiner Ansicht nach also ein Heilungseffekt erzielt, indem Gedanken freigesetzt werden, die sonst unter großem Aufwand an psychischer Energie im Unbewußten festgehalten werden. Die Wirksamkeit der Katharsis sei auf das Abreagieren, wie er es nannte, zurückzuführen, also auf die Entladung aufgestauter Emotionen.

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Abreagieren ist ein weiteres Behandlungsziel des Freudschen Analytikers. Sie ist eine Reaktion auf den psychoanalytischen Prozeß - Katharsis durch freies Assoziieren -, in deren Verlauf der Patient ein schmerzliches, verdrängtes Erlebnis wiedererlebt und sich dadurch, daß er ihm sowohl verbal als auch durch Handlungen Ausdruck verleiht, von dem emotionalen Druck und dem psychischen Leid, die damit verbunden sind, befreit.

Katharsis wird dadurch ausgelöst, daß der Patient sich entschließt, einem Strom freier Assoziation zu folgen, wo immer er auch hinführen und welche Konsequenzen dies auch nach sich ziehen mag. Diese Entschlossenheit wird gestützt durch die negative Übertragung des Patienten, die der Analytiker sorgfältig gepflegt hat, indem er sich dem Patienten als Ersatzobjekt für seine unbewußte Feindseligkeit angeboten und dem Patienten gegenüber durch Schweigsamkeit Zurückhaltung gewahrt hat. Im Idealfall wird der Patient durch das geschickte Lavieren des Analytikers von dem Wunsch erfüllt sein, »dem werd' ich's zeigen!«, und die Widerstände niederreißen, auf die der Analytiker ihn aufmerksam gemacht hat. Wenn er eine schmerzliche Erinnerung heraufholt, dann muß er der Versuchung widerstehen, sein freies Assoziieren auf weniger unangenehme Bereiche abzulenken und immer weiter bohren.

Sobald der Analytiker diese Absicht erkennt, wird er dem Patienten zur Hilfe kommen und ihn höchstwahrscheinlich mit einer Reihe schnell aufeinanderfolgender Fragen weiter antreiben. Mit Hilfe derart positiver Signale des Analytikers gelingt es dem Patienten, den Vorhang des psychischen Schmerzes zumindest teilweise zu durchbrechen und die »Wahrheit« seiner Gefühle zu erkennen. Eine Begleiterscheinung dieses Durchbruchs ist der Schmerz, der »gesunde, heilende Schmerz« des Abreagierens. Nach der Abreaktion läßt der Schmerz nach, und der Patient hat eine neue Einsicht in seine Psyche gewonnen. Die erste Stufe der therapeutischen Leiter ist, jedenfalls theoretisch, erklommen.

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Das ist der ideale Prozeß von Katharsis und Abreaktion. Er folgt allerdings niemals einem so genauen Szenario. Wahrscheinlicher ist es, daß er sich in Intervallen vollzieht, wenn man überhaupt von einem solchen Prozeß sprechen kann. Wenn Sie sich in eine Freudsche Analyse begeben und vorhaben, sie bis zu Ende durchzustehen, dann können Sie immerhin erwarten, daß Ihr Analytiker Sie schließlich zur Katharsis führt.

Wenn es zur Katharsis kommt, dann bedeutet dies, daß Sie die erste Phase Ihrer Analyse hinter sich haben und die zweite beginnen (die meisten Analytiker sind sich darüber einig, daß sich die Psychoanalyse in drei Phasen vollzieht). In der ersten Phase lag die Betonung auf dem freien Assoziieren, und Sie wurden dazu angehalten, alle Ihre Gefühle, Gedanken und Erinnerungen in Worte zu fassen. In seinem Buch The Technique of Psychoanalytic Therapy schrieb der Freudsche Analytiker Stephen Lorand:

»Wenn der Patient erkennt, daß er nicht kritisiert wird, verliert er etwas von seiner Angst und seinem Schuldgefühl. Das ist der Grund für die spontane Besserung in der ersten Phase. Es ist notwendig, von Zeit zu Zeit einige oberflächliche Deutungen anzubieten, aber soweit als möglich sollte die Übertragung aus der Diskussion ausgespart werden.«6)

Mit anderen Worten, die Erfahrung des Aussprechens hat Ihre neurotischen Symptome teilweise gelindert. Aber Sie sind noch nicht »geheilt«. Sie haben die entscheidende zweite Phase erreicht, in der die Aussichten auf einen Erfolg der Therapie weniger von der Erfahrung des Aussprechens als von der Geschicklichkeit des Therapeuten abhängen, den analytischen Prozeß zu lenken und das vom Patienten angebotene Material zu deuten.

Die zweite Phase der Analyse beginnt, wenn ein Patient sjch seines Problems deutlicher bewußt wird, die Übertragungsbeziehung intensiviert und infolge dessen Widerstände zu entwickeln beginnt, die viel tiefer sitzen als die Widerstände beim freien Assoziieren. Wenn ein Patient es schafft, bis zur zweiten Phase zu gelangen, liegt es wahrscheinlich daran, daß er Vertrauen zu den therapeutischen Möglichkeiten der Analyse gewonnen hat. 

 

6  International Universities Press, New York 1946, S. 216.

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Unter dem Eindruck dieses Vertrauens kann er beim Eintritt in die zweite Phase zurückblicken auf das, was er hinter sich gebracht hat, und das Ausmaß und die Kompliziertheit seines Problems richtig einschätzen. Natürlich werden viele Kritiker behaupten, daß der Patient, wenn er wirklich noch Zutrauen zu seinem Analytiker hat, einer Gehirnwäsche unterzogen worden oder bestenfalls seiner eigenen Suggestibilität erlegen ist.

Ob dem so ist oder nicht, jedenfalls wird sich ein Patient seines Problems deutlicher bewußt — die Vorbedingung für die zweite Phase der analytischen Therapie —, wenn er die Katharsis zu erleben beginnt. Da die wichtigste Technik der zweiten Phase die Handhabung der sich verstärkenden Übertragung des Patienten ist, veranschlagen Analytiker die Katharsis auch deshalb so hoch, weil sie ihnen abzuschätzen ermöglicht, ob die Zeit gekommen ist, da die Übertragung des Patienten in den Mittelpunkt des therapeutischen Prozesses rückt. Der Grund der Wichtigkeit der Übertragung für die zweite Phase liegt darin, daß nach Freuds Ansicht mit ihr die stärkeren Widerstände auftreten. Und Freud erklärte, »der Kampf gegen alle diese Widerstände ist die Hauptarbeit während der analytischen Kur«.

Eine Patientin, die sich seit vier Jahre in einer Freudschen Analyse befand, erklärte mir in einem Gespräch: »Die erste Phase, die Sie erwähnen, ist eine Lappalie gegen das, was nachher kommt. Nach zwei Jahren des freien Assoziierens und ein paar bedrückenden Sitzungen mit emotionalem Erbrechen glaubte ich so weit zu sein, daß ich für geheilt erklärt würde. Statt dessen merkte ich, daß ich gerade erst an meine wirklichen Probleme herankam; Es ist, als wenn man zum Zahnarzt geht, um einen Zahn plombieren zu lassen, und herausfindet, daß das ganze Gebiß verfault ist.« Sie sprach von der zweiten Phase der Freudschen Therapie.

Der entscheidende Punkt in der zweiten Phase wird also die Handhabung Ihrer Übertragung durch den Therapeuten sein, die bereits durch die Phase des freien Assoziierens starken Einfluß auf die therapeutische Beziehung gewonnen hat. Nach der Freudschen Vorstellung vom Behandlungsablauf ist Ihre Übertragung eine unbewußte Fehlidentifizierung mit Ihrem Analytiker, die

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dazu führt, daß Sie ihm gegenüber sehr ambivalente Gefühle empfinden und sich entsprechend verhalten. Einerseits verkörpert er Ihre Rettung. Andererseits vertritt er alles, was Ihnen an den anderen wichtigen Personen in Ihrem bisherigen Leben verhaßt ist: Ihre unaufgelösten Gefühle gegenüber diesen Personen haben Sie ja in Ihren jetzigen neurotischen Zustand gebracht.

Obwohl Freud die Rolle der Übertragung niemals ausdrücklich beschrieben hat, betonen viele Freudsche Analytiker, daß nur Übertragungsdeutungen wirkliche Veränderung am Ich eines Patienten herbeiführen können. Andere gehen noch weiter und behaupten, wirksame Psychoanalyse erfordere eine vollentwik-kelte Übertragungsneurose. Sie stützen sich dabei auf die Theorie, daß eine solche Neurose, die den Analytiker unmittelbar betreffe, die einzige sei, die er unmittelbar und erfolgreich behandeln könne.

Für den Analytiker ist der Maßstab, der gewissermaßen erkennen läßt, ob eine Analyse erfolgreich sein wird oder nicht, das Vorhandensein des Ödipus­komplexes. Nach dessen Charakter soll sich ermitteln lassen, ob der Patient die Möglichkeit hat, sich von der Vater- oder Mutterfixierung, welche die Grundursache der Neurose ist, zu lösen und ein wahrhaft heterosexuelles Leben zu führen — das heißt, sich einer Welt von Männern und Frauen anzupassen. Ein Analytiker, so lautet die Beweisführung, könne den Charakter des Ödipuskomplexes mittels des freien Assoziierens nur indirekt beurteilen, da es gleichsam voller symbolischer Deutungen des Verdrängten sei. Der Analytiker benötige einen direkten und weniger symbolischen Zugang zum Unbewußten des Patienten, und den könne nur eine Neurose bieten, die genauer zu identifizieren sei.

Eine solche Neurose ist die Übertragungsneurose. Wenn der Patient dazu veranlaßt wird, alle seine Gefühle auf den Analytiker zu richten, ist der Analytiker viel besser in der Lage, a) die wahre Art der psychosexuellen Verdrängungen des Patienten zu erkennen und zu deuten und b) durch interpersonale Deutungen die Widerstände des Patienten aufzudecken und zu überwinden (denn das Überwinden von Widerständen ist das Hauptziel der Behandlung).

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In der zweiten Phase der erfolgreichen Analyse ziehen Sie sich also unter der Anleitung Ihres Analytikers eine Übertragungsneurose zu. Alle Ängste und anderen Symptome, die Sie seinerzeit veranlaßt haben, sich einer Therapie zu unterziehen, sind auf neue Wege gebracht worden. Ihr neurotischer Konflikt, bisher vage und allgemein, wird allmählich klar und spezifisch. Die Übertragungsneurose ersetzt Ihre ursprüngliche Neurose und bewirkt im Idealfall, daß nicht nur Ihr Analytiker, sondern auch Sie Ihr Problem viel besser verstehen.

Wie wirkt die Übertragungsneurose? Freud hat ihre Entstehung wahrscheinlich am besten beschrieben. In erster Linie, sagte er, beruht »unser Einfluß wesentlich auf Übertragung«7, die durch die Anfälligkeit des Patienten für Suggestion zustande kommt. »Das erste Ziel der Behandlung«, fuhr er fort, »bleibt, ihn (den Patienten) an die Kur und an die Person des Arztes zu attachieren. Man braucht nichts anderes dazu zu tun, als ihm Zeit zu lassen. Wenn man ihm ernstes Interesse entgegenbringt, die anfangs auftauchenden Widerstände sorgfältig beseitigt und gewisse Mißgriffe vermeidet, stellt der Patient ein solches Attache-ment von selbst her.«7*

Zwar vermochte Freud offenbar nicht zu erklären, warum es zur Übertragung kommt, doch sah er sie als ein Phänomen an, das gefördert werden müsse. »Der Analytiker tut nichts«, schrieb er, »sie zu provozieren, im Gegenteil hält er sich eher menschlich vom Patienten fern, umgibt seine eigene Person mit einer gewissen Reserve... Die Gefühlsbeziehung, die der Kranke zu ihm (dem Arzt) annimmt,... ist von der Natur einer Verliebtheit... Diese Liebe ist direkt zwangsläufig ... In der analytischen Situation stellt (dieser Charakter der spontanen Verliebtheit) sich ganz regelmäßig her, ohne doch in ihr eine rationale Erklärung zu finden.«8

 

7   G.W., Bd. XI, S. 466.
7a  G.W., Bd. VIII, S. 473 f.
8   Die Frage der Laienanalyse, G.W., Bd. XIV, S. 256.

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Selten, sagt Freud, sei etwas »ohne rationale Erklärung«, zumal er immer behauptet, die Psychoanalyse sei eine der höchsten Formen des rationalen Denkens. Obwohl er also das Phänomen der Übertragung nicht logisch zu begründen vermochte, so konnte er doch eine geistreiche Mutmaßung anstellen. Und seine Mutmaßung stimmte mit seinen grundlegenden Theorien und ihrer Ausarbeitung zu Beginn seiner Karriere überein. Wie Sie sich erinnern werden, arbeitete Freud zunächst mit Hypnose und Suggestion. Da gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mit seinen strengen Sitten und Bräuchen strikte sexuelle Tabus beachtet wurden, begann Freud sich dafür zu interessieren, welche Rolle die Sexualität bei der Entstehung von Neurosen spielte. Aus der Verbindung zwischen den damals vorherrschenden Theorien über Hypnose und seiner Auffassung von Sexualität entstand seine Neurosenlehre. Ein großer Teil der psychoanalytischen Theorie und Technik läßt sich durch dieses Nebeneinander von Hypnose und Sexualität erklären. Nach Freuds Ansicht ist die Übertragung sowohl Suggestion als auch Sexualität.

»Der Patient wiederholt«, sagte er, »in der Form der Verliebtheit in den Analytiker seelische Erlebnisse, die er bereits früher einmal durchgemacht hat — er hat seelische Einstellungen, die bereits in ihm lagen, ... auf den Analytiker übertragen.«9 An anderer Stelle hieß es: »Wer sich aus der analytischen Arbeit den vollen Eindruck von der Tatsache der Übertragung geholt hat, der kann nicht mehr bezweifeln, von welcher Art die unterdrückten Regungen sind, die sich in den Symptomen dieser Neurosen Ausdruck verschaffen, und verlangt nach keinem kräftigeren Beweis für deren libidinöse Natur. Wir dürfen sagen, unsere Überzeugung von der Bedeutung der Symptome als libidinöse Ersatzbefriedigungen ist erst durch die Einreihung der Übertragung endgültig gefestigt worden.«10

In bezug auf die Übertragung sagte Freud: »... wie jede Verliebtheit (drängt sie) alle anderen Inhalte zurück, sie löscht das Interesse an der Kur und an der Genesung aus, kurz, wir können nicht daran zweifeln, sie hat sich an die Stelle der Neurose gesetzt, und unsere Arbeit hat den Erfolg gehabt, eine Form des Krankseins durch eine andere zu vertreiben.«11  

 

9   a.a.O., S. 255.
10  Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, G.W., Bd. XI, S. 462 f.
11 Die Frage der Laienanalyse, a.a.O., S. 257.

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»Hat sich die Übertragung erst zu dieser Bedeutung aufgeschwungen, ist es dann nicht unrichtig zu sagen, daß man es nicht mehr mit der früheren Krankheit des Patienten zu tun hat, sondern mit einer neugeschaffenen Neurose, welche die erste ersetzt... Alle Symptome des Kranken haben ihre ursprüngliche Bedeutung aufgegeben und sich auf einen neuen Sinn eingerichtet... Die Bewältigung dieser neuen künstlichen Neurose fällt aber zusammen mit der Erledigung der in die Kur mitgebrachten Krankheit, mit der Lösung unserer therapeutischen Aufgabe.«12)

Obwohl sich Freud über das Phänomen der Übertragung nicht gerade freute, war die Beschreibung, die er von ihr gab, doch ein deutlicher Appell an alle zukünftigen Analytiker, die Übertragungsneurose als eine Technik, »zur Lösung unserer therapeutischen Aufgabe« zu fördern. Und was er beschreibt und vorschreibt, verleiht der Behauptung vieler Kritiker Glaubwürdigkeit, die erklären, selbst wenn ein Patient zu Beginn der Analyse normal sei, werde der analytische Prozeß ihn neurotisch machen.

Ungeachtet der Kritiker können Sie indes jetzt, wenn die zweite Phase Ihrer Analyse beginnt, die Richtung, in die Ihr Analytiker Sie führen wird, und den Grund dafür erkennen. Die Übertragungsneurose ist nach seiner Ansicht der Weg zur Heilung, weil ihre »Bewältigung« nach Freuds Worten »zusammenfällt mit der Erledigung der in die Kur mitgebrachten Krankheit«.

Sobald Ihre Übertragungsneurose eindeutig feststeht, wird der Analytiker den wichtigsten Teil seiner Behandlung beginnen, der darin besteht, Ihre Widerstände zu neutralisieren und zu bewältigen. Nach der Freudschen Theorie gehen Widerstände Hand in Hand mit der Übertragung, und je stärker Ihre Übertragungs­reaktionen sind, um so deutlicher werden sich Eigenart und Grund Ihrer Widerstände zeigen.

In der zweiten Phase der Analyse geben Sie das freie Assoziieren keineswegs auf; doch der Analytiker betrachtet es jetzt fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt Ihrer Übertragungsreaktionen. Mittels dieser Reaktionen bemüht sich der Analytiker, Ihre wirkliche ödipale Situation zu erkennen (vergessen Sie nicht, daß Sie jetzt zumindest auf unbewußter Ebene in Ihren Analytiker verliebt und von ihm abhängig sind).

 

12  Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, a.a.O., S. 462.

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Nach der Freudschen Theorie ist die Ursache Ihrer ursprünglichen Neurose eine Stauung des Libidostroms (des Stroms psychosexueller Energie, die Ihr natürlich-animalisches oder Triebleben beherrscht). Die Stauung ist durch Ihren unbewältigten Ödipuskomplex und durch andere Faktoren sexueller Art ausgelöst worden, die aufgrund starker äußerer Einflüsse für Ihr Ich und Überich mit einem Verbot belegt sind. Mit anderen Worten, Ihr Ich befindet sich in einem Konflikt zwischen Ihren starken unbewußten Triebansprüchen — die ihrer Natur nach allemal sexuell sind — und den Beschränkungen, die Sie ihnen aus ebenso unbewußten Schuldgefühlen und aus Angst vor Strafe auferlegt haben. Wann immer Ihre Triebansprüche einen beherrschenden Einfluß zu gewinnen drohten, haben Sie ihnen — wiederum unbewußt und mittels der Tabus, die Ihrer Psyche auferlegt wurden — Widerstand geleistet.

Widerstand wurde also das Charakteristikum Ihres unbewußten Lebens, und die Freudsche Analyse sieht es als ihre wichtigste Aufgabe an, Ihre Widerstände zu brechen, und zwar durch die Auflösung Ihrer fehlgeleiteten ödipalen Bindung, die in Ihrer Übertragungsneurose gegenüber Ihrem Analytiker ihren Niederschlag findet.

Ihre Übertragungsreaktionen, die durch freies Assoziieren ans Licht kommen, werden für Ihre Analyse deshalb als wichtig angesehen, weil sie Ihnen die Möglichkeit geben, Ihre Phantasien (die im Grunde sexuell sind, welche Form auch immer sie annehmen, und aus Ihrer aufgestauten Sexualität resultieren) und Ihre unrealistische Einstellung zum Leben verstehen. Die Übertragungsreaktionen sind in diesem Stadium um so wichtiger, als sie direkte, wenn auch symbolische Äußerungen Ihrer Widerstände sind. Sie richten sich natürlich symbolisch gegen Ihren Analytiker, und der Analytiker hofft, daß Sie durch das »Ausagieren« oder Verbalisieren Ihrer Reaktionen schließlich erkennen werden, daß Ihre symbolischen Reaktionen in Wirklichkeit Widerstände gegen eine angemessene Neuordnung der Beziehung von Es und Ich sind.

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Ihre Reaktionen, wie sie sich im »Ausagieren« und Verbalisieren in Form freien Assoziierens äußern, sind auch für Ihren Analytiker wichtig, denn sie spiegeln in seinen Augen genau die Intensität und das Ausmaß Ihrer Widerstände wider. Sie bereiten ihn auch auf seine vorrangige Rolle in der zweiten Phase Ihrer Analyse vor, die in der Deutung Ihrer Widerstände besteht.

Da weite Bereiche der Freudschen Analyse aus freiem Assoziieren bestehen, werden bis zu diesem Punkt hauptsächlich Sie gesprochen haben. Ihr Analytiker hat gelegentlich eingegriffen, wenn er der Meinung war, seine Intervention werde Ihre gebundene psychische Energie freisetzen und dazu beitragen, unbewußtes Material leichter ins Bewußtsein zu heben. Die meisten dieser Interventionen werden die Form von knappen Deutungen annehmen.

Die Deutung hat in der Analyse den Zweck, den Prozeß der Aufdeckung unbewußten Materials zu beschleunigen; das Vorhandensein solchen Materials vermutet der Analytiker aufgrund der Äußerungen des Patienten. Ihr Analytiker hat auf blinde Flecken und Widersprüche in Ihren frei assoziierten Äußerungen geachtet, er hat aus den Träumen, die Sie erzählt haben, Schlüsse gezogen, er hat Ihr Verhalten bei den Therapiesitzungen beobachtet und sich Gedanken darüber gemacht, was Sie über Ihr Verhalten außerhalb der Therapie berichtet haben, und er hat nach Anzeichen für Ihre Gefühle ihm gegenüber geforscht sowie die Art und Weise verfolgt, wie sich Ihre Übertragung entwickelte. Doch wenn er auch gelegentlich knappe Deutungen gegeben haben mag, so wird er doch wichtige Deutungen, die er bisher für sich formuliert hat, nicht geäußert haben. Aber vorausgesetzt, Sie haben den schnellen Gang Ihrer Übertragungsneurose eingeschaltet (wie mühselig Ihnen die Fahrt auch vorkommen mag), dann wird der Analytiker jetzt bereit sein, Ihre Widerstände genauer zu deuten.

Während die Übertragungswiderstände für den Patienten der wichtigste Teil der zweiten Analyse-Phase sind, ist für den Analytiker die Deutung der wichtigste Teil. Wenn der Analytiker auch eine Reihe belangvoller Deutungen gegeben hat, so kann es dennoch sein, daß sie für den Patienten noch nicht viel Sinn ergeben, weil es sich dabei um Fragen handelt, die ihm noch nicht bewußt sind.

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Daher sollte der Analytiker den Zeitpunkt, zu dem er dem Patienten seine Gedanken darlegt, sehr sorgfältig wählen, damit die Deutungen auch Wirkung erzielen. Das »Timing«, die Wahl des Zeitpunktes, von Deutungen gilt als sehr heikel, da eine vorzeitige Deutung — eine Deutung, die für den Patienten noch keinen Sinn ergibt — abgelehnt wird und damit keinen Nutzen mehr erzielt. Als Faustregel gilt für Analytiker, auf der vorbewußten Ebene des Patienten zu deuten, das heißt, unbewußtes Material zu deuten, das der Patient zwar noch nicht selbst erkennt, aber tolerieren und schließlich als eigenes akzeptieren kann. Wenn Ihr Analytiker Ihnen schon frühzeitig in Ihrer Analyse zu verstehen gäbe, seiner Ansicht nach sei Ihre Depression das Resultat fehlgeleiteter psychischer Energie infolge Ihres Widerstandes gegen den verdrängten Wunsch, Ihren Vater umzubringen, dann würden Sie wahrscheinlich behaupten, Ihr Analytiker sei noch verrückter als Sie. Später, wenn Sie einige Ihrer Verdrängungen aufgehoben haben und sich mit dem Gedanken abfinden, daß sich in Ihnen ein verborgenes intensives Geschehen abspielt, dessen Sie sich nicht bewußt waren, wird Ihnen eine solche Deutung unter Umständen verständlicher und akzeptabler erscheinen. Karl Menninger sagte darüber in seinem Buch The Theory of Psychoanalytic Technique: »Man sagt dem Patienten das, was er fast schon selbst sieht, und man sagt es ihm so, daß sich der Patient, nicht der Analytiker, die Entdeckung als >Ver-dienst< anrechnet.«13

Die Deutungsphase Ihrer Analyse sollte also erst beginnen, wenn Ihr Analytiker sich davon überzeugt hat, daß Sie eine »verläßliche Übertragung« hergestellt haben, um mit Freud zu reden. Was ist eine verläßliche Übertragung? Sie besteht zur Hauptsache in der Fähigkeit, Ihre Bindung an den Analytiker zu erkennen und zu verstehen, was sie bedeutet. Inzwischen werden Sie diese Zuneigung schon verspürt haben — das heißt, Sie werden sich Ihrer sowohl negativen als auch positiven Gefühle von Abhängigkeit bewußt sein. Gleichgültig, was in Ihrem Unbewußten hinsichtlich des Analytikers vorgeht, auf der bewußten und vielleicht auch auf der vorbewußten Ebene haben Sie sich endgültig an ihn gebunden. Jetzt sind Sie für Deutungen zugänglich.

 

13 Theory of Psychoanalytic Technique, New York 1958, S. 610.

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Die Deutungsphase der Analyse führt Sie zum dritten Stadium Ihrer Therapie: der Phase des Durcharbeitens. Wenn der Analytiker beginnt, Ihre »wahren« Widerstände und Konflikte zu deuten, wie sie sich in jenen Widerständen und Konflikten widerspiegeln, die Sie bei Ihrer Übertragungsneurose offenbaren, dann werden sich in Ihnen neue Widerstände gegen seine Deutungen aufrichten. Aber inzwischen haben Sie durch Ihre lange analytische Erfahrung »gelernt«, daß a) vieles, was in Ihrem Leben unbewußt war, mit Hilfe des Prozesses der freien Assoziation und Ihrer Übertragungsgefühle bewußt geworden ist und b) Ihr Leben tatsächlich von psychischen Widerständen beherrscht war, von denen Sie bisher keine oder nur undeutliche Kenntnis hatten oder die sie nie hätten zugeben können.14 

Wenn sich in Ihnen angesichts der Deutungen Ihres Analytikers neue Widerstände aufrichten, wird der Analytiker auch diese deuten und damit wiederum neue Widerstände hervorrufen. Damit bringt er einen dynamischen Kreislauf von Widerstand - Deutung - Widerstand in Gang. Wenn Sie sich indes jeder neuen Art von Widerständen bewußt werden, die sich aufgrund der suggestiven Deutungen des Analytikers in Ihrem Bewußtsein aufrichten, wird Ihr gesamter Widerstand gegen die Vorstellung von Widerständen schwächer, und Ihre Bereitschaft wird zunehmen, die immer spezifischeren Deutungen des Analytikers hinsichtlich der Art und Weise Ihrer seelischen Reaktionen und Ihres Verhaltens zu akzeptieren.

 

14  Ich sage »gelernt«, denn dieses »Wissen« ist eigentlich weniger wissenschaftlich erlangt als vielmehr durch Ihre zunehmende Vertrautheit mit den Theorien der Analyse und Ihre Indoktrinierung mit diesen Theorien. Es ist nicht wichtig, ob die neu erlangten Informationen richtig sind oder nicht; wichtig ist, daß Sie an sie glauben und ihnen vertrauen und damit auch Ihrem Analytiker. (Und wenn Sie so weit gekommen sind, werden Sie ihm vertrauen.)

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Sie sind jetzt in der dritten und letzten Phase Ihrer Therapie, dem »Durcharbeiten« nach dem Freudschen Szenario. Die ununterbrochene Folge von Deutungen des Analytikers und Ihr zunehmend bewußtes Erkennen und Verstehen der Widerstände, auf welche die Deutungen abzielen, ermöglichen Ihnen, sich selbst die innere Dynamik Ihrer Neurose klarzumachen. Und dabei lockert sich Ihre Abhängigkeit vom Analytiker; allmählich lernen Sie, unabhängig von der Deutungskunst des Analytikers Ihre Gefühle und Reaktionen selbst zu deuten.

Laut der Freudschen Analyse stellt sich Ihre neue Unabhängigkeit dadurch ein, daß Ihr Ich im Verlauf des langen Lernprozesses, den Sie durchgemacht haben, um Ihre frühen unbewußten Fixierungen zu verstehen, gestärkt wurde. Diese Fixierungen zu verstehen, haben Sie dadurch gelernt, daß Sie Ihre Übertragungs­beziehung zu Ihrem Analytiker, die in allen Einzelheiten Ihrer ursprünglichen Fixierungen gefolgt ist, durchschaut haben. Wenn Ihre fixierte libidinöse Energie Ihrem Ich wieder zur Verfügung steht, lernen Sie bewußt und dann unbewußt Ihre Widerstände selbst »durchzuarbeiten«. Und wenn Sie sie mit immer größerem Erfolg durcharbeiten, setzen Sie immer mehr libidinöse Energie frei und stärken Ihr Ich gegen alle Zensurmechanismen, die es vorher beherrscht und die Neurose hervorgerufen hatten.

Das Ziel des letzten Stadiums der Analyse ist es, den Patienten, nachdem er von seiner Übertragungs­abhängigkeit befreit und an den Durcharbeitungsprozeß gewöhnt ist, zur Leistungsfähigkeit beim Prozeß der Sublimierung zu erziehen. Sublimierung ist der unbewußte seelische Mechanismus, der unannehmbare Triebansprüche in annehmbare Formen der Befriedigung lenkt. Der Mechanismus der Sublimierung hält uns nach Freud seelisch gesund; das Ausmaß unserer Fähigkeit, unsere fixierte libidinöse Energie zu sublimieren, sei der Schlüssel zu unserer Normalität. Das letzte Ziel der Analyse ist es also, den Patienten dadurch, daß man ihm Verständnis für die Dynamik seiner Neurose vermittelt, zu veranlassen, die fehlgeleitete libidinöse Energie, die Hauptursache seiner Neurose, zu sublimieren. Ist Sublimierung erreicht, gilt die »Kur« als beendet.

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Natürlich ist die Freudsche Analyse erheblich komplizierter und der Behandlungsweg umständlicher, als es ein schematischer Abriß darstellen kann. Vor allem sind viele Freudsche Analytiker unterschiedlicher Meinung über die Feinheiten der Technik. Auch über gewisse Elemente der Theorie sind sie sich nicht einig; einige messen der sexuellen Ätiologie der Neurose weniger Bedeutung bei, andere lenken die Übertragung aktiver und dergleichen mehr. Es gibt keine »typische« Freudsche Analyse — nicht nur weil alle Neurosen verschieden sind, sondern auch weil die Freudsche Analyse so sehr dem Belieben des einzelnen überlassen und überdies so umstritten ist, daß sie erfolgreich nur im weitest möglichen Rahmen wirken kann.

Die Freudsche Analyse hat einen autoritativen Charakter, der im Widerspruch steht zur Unsicherheit ihrer Dogmen. Die Neigung der Menschen, selbst der gebildeten, alles zu glauben, was ihnen gesagt wird, wenn es nur als offizielle Lehrmeinung hingestellt wird, hat sicherlich mehr zu dem Ansehen beigetragen, dessen sich die Freudsche Analyse erfreut, als alles, was die analytische Therapie von sich aus zu erreichen vermag.

Von daher erklärt sich auch das autoritative Auftreten der Analytiker. Jeder Analytiker, den Sie auch konsultieren mögen, wird sich mit Sicherheit den Anstrich von Weisheit und Selbstvertrauen geben. Leider sind diese Eigenschaften bei allzu vielen Therapeuten keineswegs vorhanden, denn ihre Einstellungen beruhen nun einmal auf den unsicheren und in vielen Fällen unbeweisbaren Lehren der Freudschen Analyse.

Nicht nur die therapeutische Effizienz der Freudschen Analytiker ist fragwürdig, sondern häufig auch ihre persönlichen Motivationen. Wenn Sie sich einer Analyse unterziehen, wird zweifellos eine Zeit kommen, in der Sie tatsächlich so etwas verspüren wie Übertragung im Freudschen Sinne. Ihre Gefühle und Reaktionen werden sich überwiegend auf Ihren Analytiker konzentrieren, und ein Gemisch aus Neugier und (vielleicht) Neid wird in Ihrer Einstellung zu ihm beherrschend. Wahrscheinlich wird sogar ein wenig Heldenverehrung dazukommen, denn Sie werden nicht umhin können, die Ungezwungenheit seines Auftretens und die anscheinend wohlgeordnete, von Wohlstand und gutem Geschmack geprägte Umwelt, in der er lebt, zu bewundern. All das wird Ihnen im Vergleich mit Ihrem eigenen mißlichen Zustand besonders begehrenswert erscheinen.

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Wir haben gelernt, daß Heldenverehrung von den Analytikern gefördert wird — sie ist einfach notwendig, um die überaus wichtige Übertragung herbeizuführen. Dennoch werden sich die meisten Analytiker Ihnen gegenüber reserviert und sogar autoritär verhalten. Gelegentlich werden sie Ihnen einen flüchtigen Einblick in ihr Leben, in ihr Denken gewähren, aber nur gerade so viel, daß Ihre Neugier und Ihr Neid weiter angeregt werden. All das ist Strategie, um Ihre Übertragung in den Griff zu bekommen. Aber angesichts des unwissenschaftlichen (sogar wissenschaftsfeindlichen) Charakters der Übertragungsmechanismen muß man sich fragen, ob analytische Strategie wirklich der Grund ist, warum Analytiker eine Übertragung fördern.

Eine weitere Frage, was die Motivation betrifft, ergibt sich aus der Tatsache, daß die Patienten auf der Couch liegen müssen. Die meisten Analytiker behaupten, die Patienten seien viel entspannter, wenn sie liegen, und könnten leichter frei assoziieren; daher sei die Couch ein wesentlicher Bestandteil der Therapie. Freud, der dieses Verfahren einführte, meinte, die Couch sei zwar ein Rest der Hypnose-Behandlung, es gebe aber viele Gründe, sie beizubehalten. »Zunächst wegen eines persönlichen Motivs, das andere mit mir teilen mögen«, schrieb er. »Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich (oder länger) von anderen angestarrt zu werden.«15

Wenn Freuds Hauptmotiv ein persönliches ist, so scheint es höchst fraglich zu sein, ob das Beharren moderner Analytiker auf Beibehaltung der Couch mit therapeutischer Wirksamkeit zu tun hat, wie sie uns glauben machen möchten. Im übrigen neigen Analytiker genauso zur Heuchelei wie andere Menschen. Durch ihre eigene Brille betrachtet, könnte Freuds Widerwille dagegen, »acht Stunden täglich angestarrt zu werden«, ein wichtiger Hinweis sein, daß Freud selbst tiefergehende psychische Schwierigkeiten hatte. Wenn ein moderner Analytiker auf der Couch besteht, so mag das nicht mehr sein als ein Vorwand, um menschliche Mängel zu tarnen, deren mögliche Enthüllung er fürchtet.

 

15  G.W., Bd. VIII, S. 467. 

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Die vielen analytischen Patienten, mit denen ich sprach, als ich dieses Buch vorbereitete, waren einhellig der Meinung, daß ihre Analytiker so vollkommen angepaßte Menschen seien, wie es eben möglich sei. Ich fand das nur deshalb überraschend, weil ich vorher angenommen hatte, diese - gebildeten und kultivierten - Leute würden ihre Analytiker ebenso kritisch beurteilen wie andere Leute, etwa ihre Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Chefs und so weiter. Dann wurde mir klar, daß ihre Analytiker für sie viel mehr waren als nur Anbieter von Dienstleistungen. Ihre Analytiker waren für sie gleichsam der letzte Rettungsgürtel auf ihrem Lebensschiff.

Zum Beispiel sprach ich mit einer Frau, die seit dreieinhalb Jahren in der Analyse war. Etwa drei Monate vor unserer Unterhaltung hatte sie mit Lungenkrebs im Krankenhaus gelegen. Der Chirurg, der sie operiert und, wie man hoffte, alle Krebszellen beseitigt hatte, hat ihr buchstäblich das Leben gerettet. Nach den Statistiken über das Wiederauftreten von Krebs hatte sie dank seines Eingriffes die besten Aussichten auf eine krebsfreie Zukunft. Dennoch äußerte sie sich in unserem Gespräch sehr kritisch über den Chirurgen, machte ihn in jeder Hinsicht schlecht, angefangen von seinem Umgang mit Kranken bis zum Fädenziehen. Aber als wir auf ihren Analytiker zu sprechen kamen, war sie geradezu überschwenglich in ihrem Lob und ihrer Bewunderung, obwohl sie bereitwillig zugab, daß sie nach dreieinhalb Jahren der Analyse psychisch schlechter dran war denn je.

Ein weiteres Beispiel ist ein Mann, mit dem ich sprach, ein Mann, der seit fast fünf Jahren dreimal wöchentlich zur Analyse gegangen war. Ich war von einem gemeinsamen Freund, der ihn bei seiner Scheidung als Rechtsanwalt vertreten hatte, an ihn verwiesen worden. Als wir uns trafen, beklagte er sich bitterlich über unseren gemeinsamen Freund, den Rechtsanwalt, der, wie er behauptete, sich bei den Verhandlungen mit dem Anwalt seiner früheren Frau nicht tatkräftig genug für ihn eingesetzt habe. Er meinte, der Anwalt habe hohen Unterhaltszahlungen für die Frau und auch für das Kind zugestimmt, und obendrein sei die Honorarforderung des Anwalts geradezu Wucher gewesen. Dann erging er sich über die Vorzüge seines Analytikers, obwohl er einräumte, daß der jetzige Analytiker sein vierter in fünf Jahren war. 

Später erfuhr ich, daß der Anwalt, von dem er so wenig

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hielt, ihn durch geschickte Verhandlungsführung vor einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit seiner Frau, die ihn erheblich mehr gekostet hätte, bewahrt und ihm überdies seine beträchtliche persönliche Beteiligung an einer lukrativen Immobilienfirma unangetastet erhalten hatte. Die Rechnung des Anwalts war außerdem nicht höher als der Betrag, den der Mann seinem Analytiker für sieben Besuche bezahlte.

»Warum«, fragte ich eine Dame, »halten Sie so viel von Ihrem Analytiker?«
»Er weiß, um was es geht«, antwortete sie. »Jedenfalls scheint es so.«
»Aber vielleicht stimmt das gar nicht. Wieso sind Sie da so sicher?«
»Na, zumindest weiß er, um was es bei mir geht.«
»Sie meinen, alles, was er sagt, stimmt haargenau?«
»Ach, er sagt nie etwas zu mir.«
»Woher wollen Sie dann wissen, daß er weiß, um was es geht? Woher wollen Sie wissen, daß er nicht selbst ein bißchen verdreht ist?«
»Weil er«, erwiderte sie vollkommen überzeugt, »selbst analysiert worden ist.«

Die Arglosigkeit vieler Analysanden, was die Vorzüge der Analyse angeht, fand ich geradezu bemerkens­wert. Frauen, die nicht zögern würden, mit ihrem Metzger um den Preis eines Stückes Rindfleischs zu feilschen, waren überzeugt, daß die Analyse jeden Dollar wert ist, den sie kostet. Männer, die wegen Pfennigbeträgen auf ein Geschäft verzichten würden, zahlten, ohne mit der Wimper zu zucken, 250 Dollar in der Woche, um sich selbst, ihre Frauen oder ihre Kinder einer Analyse zu unterziehen.

Meine Verwunderung verwandelte sich in Ungläubigkeit, als ich einige weitere Fälle untersuchte und dabei sowohl auf fragwürdige Praktiken als auch auf ausgesprochene Fehlbehandlungen verschiedener Analytiker stieß.

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Im analytischen Bereich der Psychotherapie wimmelt es nur so von Fehlbehandlungen. Aber schließlich kommen in jedem Beruf Kunstfehler vor. Der einzige Unterschied ist, daß es für Psychoanalytiker — da Analyse eher auf Meinungen, denn auf Tatsachen beruht — kaum objektive Maßstäbe für ein Berufsethos gibt. Tatsächlich scheint in der Analyse bis auf Mord alles angängig zu sein. Die Analyse besitzt diese Handlungsfreiheit in erster Linie deshalb, weil sie außer wissenschaftlich vertretbaren Auffassungen über die Existenz von Neurosen erfolgreich ihre Mythen über den therapeutischen Prozeß verbreitet hat.

Zweifellos ist der Übertragungsprozeß die Ursache für die Arglosigkeit der meisten Analyse-Gläubigen. Das ist ein Gebiet, auf dem Freuds Beobachtungen offenbar zutreffend waren; eine Übertragung der Art, wie er sie beschrieben hat, findet in der analytischen Beziehung tatsächlich statt, wenn auch vielleicht nicht in der vollen symbolischen Ausprägung, den er ihr beigemessen hat.

Wie Sie sich erinnern werden, sucht der Analytiker mit Hilfe der Übertragung die Schwierigkeiten des Patienten zu beheben. Freud sagt: »... Die Absicht, dem Analytiker zu gefallen, seinen Beifall, seine Liebe zu gewinnen ... wird die eigentliche Triebfeder der Mitarbeit des Patienten.«16) Das heißt mit anderen Worten, daß ein Patient ohne Übertragung keine Fortschritte machen kann. Daher muß der Analytiker mehr als alles andere die Übertragung fördern.

Aber ich habe bereits dargelegt, daß Übertragung auch Abhängigkeit bedeutet, die Abhängigkeit des Patienten vom Analytiker. Wenn eine solche Abhängigkeit hergestellt ist, kann der Analytiker einem Patienten jede Deutung, wie absurd sie auch immer sein mag, anbieten, und der Patient wird sie wahrscheinlich schlucken. Deutungen in der Analyse werden vom Patienten, besonders wenn seine Abhängigkeit fest begründet ist, so aufgefaßt, wie ein Soldat einen Befehl oder ein gläubiger Katholik ein päpstliches Edikt auffaßt: Ihnen liegt eine höhere Weisheit zugrunde, und sie werden daher wider­spruchs­los akzeptiert. Aufgrund der Übertragung des Patienten wird jede Anregung des Analytikers — wiederum, wie absurd auch immer — nicht als Anregung, sondern als Befehl verstanden.

So bringt der Prozeß der Freudschen Analyse seine eigene Tyrannei hervor. Viele ihrer Kritiker spotten über ihre wissenschaftlich nicht zu begründende intensive Beschäftigung mit der Sexualität. Andere lehnen sie wegen ihrer nachweislich niedrigen Erfolgsrate ab. Ihr wirkliches Versagen — und auch ihre wirklichen Gefahren — ist in der totalitären Art ihrer psychischen Beeinflussung zu sehen. 

Diese ihre Eigenart sollte der Leidende überdenken, ehe er sich zur Freudschen Analyse anmeldet.

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16)  Abriß der Psychoanalyse, G.W., Bd. XVII, S. 100. 

 

 

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