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5. Alfred Adler — Individualpsychologie 

 

 

 

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Die Begründung der Psychoanalyse durch Freud läßt sich mit der Erfindung des Rades in geschicht­licher Vorzeit vergleichen. Ebenso wie das Rad eine völlig neue, an Möglichkeiten und Vielfältigkeit reiche Gedankenwelt von der physischen Mobilität und Freiheit des Menschen mit sich brachte, so wurde auch die Idee der Psychoanalyse ein Sammelbecken von Möglichkeiten hinsichtlich der seelischen und emotionalen Fähigkeiten des Menschen.

Und ebenso wie die Idee des Rades für eine schier unendliche Zahl von Verwendungszwecken verwertet wurde — um den Menschen aus seiner Isolierung und den Beschränkungen seiner Produktivität zu befreien —, hatte der revolutionäre Gedanke der Psychoanalyse eine ähnliche Vielzahl von Anwendungen zur Folge. Der einzige Unterschied ist, daß das Rad immer rund bleibt, während die Psychoanalyse viele Formen annahm, die vom Freudschen Modell abweichen und oft im Widerspruch zu ihm stehen. Es war, als ob man das runde Rad für nicht vollkommen genug hielte, denn manche versuchten quadratische, ovale, längliche oder rechtwinklige Räder anzufertigen, die ihren Zweck besser erfüllen sollten.

Natürlich war das Rad der Psychoanalyse nicht vollkommen, das heißt, der Vergleich hinkt in dieser Hinsicht. Dennoch ist er aufschlußreich, und er erklärt, warum in den Jahrzehnten, seit Freud die Psycho­analyse entwickelte, die Psychotherapien sich so stark vermehrten. Zwar war das Freudsche Modell nicht vollkommen, doch barg es die Möglichkeit der Vervollkommnung in sich, und wie viele andere unvollkommene Ideen verlangte es nach dem Versuch, es zu verbessern. Aber wie so manch anderer Idee, die zur Perfektionierung auffordert, fehlte dem Modell immer noch die innere Vollkommenheit. So ging es bei seiner Weiterentwicklung im Laufe der Jahre weniger darum, die Fähigkeit zur Vervollkommnung zu verwirklichen, sondern eher darum, »eine bessere Mausefalle zu bauen«.

Als Freud um die Jahrhundertwende für seine Arbeit mit Erfolg belohnt wurde, scharte sich ein Kreis jüngerer Wissenschaftler um ihn, die ebenfalls die Psychiatrie als Beruf erwählt hatten. In diesem Kreis entstanden die ersten Abweichungen von der Freudschen Orthodoxie, entwickelte sich die Neigung der Psychotherapie, sich immer wieder zu spalten und Dutzende und schließlich Hunderte von Schulen und Techniken hervorzubringen. Zu Freuds frühen Schülern gehörten Alfred Adler, Carl Gustav Jung und Otto Rank; diese drei waren es, welche die Lawine der unterschiedlichen Auffassungen ins Rollen brachten.

Dr. Alfred Adler schloß sich 1902 Freuds analytischer Gruppe an. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden über grundlegende Fragen der Theorie verschärften sich immer mehr, bis Adler sich 1911 genötigt sah, sich selbständig zu machen. Danach begann er, seine eigenen Theorien zu formulieren, von denen viele den Freudschen widersprachen. In erster Linie erschien Adler die von Freud vertretene Anschauung vom sexuellen Ursprung aller menschlichen Bestrebungen nicht stichhaltig. Auch glaubte er nicht, daß das Unbewußte das A und O sei. Während Freud den Menschen als Wesen ansah, das von irrationalen Trieben beherrscht ist, von Trieben, die in Zaum gehalten werden müssen, damit der Mensch sich der Umwelt anpassen kann, betonte Adler weniger die psychosexuellen Ursprünge der Motivation, sondern sah den Menschen vielmehr als ein von Natur aus und grundsätzlich zielbewußtes und zielstrebiges Wesen an. Nach Adlers System war der Mensch weit mehr der Herr seines Schicksals als bei Freud, und die Probleme des Menschen waren für Adler eher soziale Probleme als innere Konflikte und sexuell ausgerichtete Neurosen.

Was setzte Adler an die Stelle der so mächtigen Libido der Freudschen Analyse? Er übernahm sein Schlüsselwort von dem deutschen Philosophen Nietzsche und den französischen Moralisten und gelangte zu der Überzeugung, daß der Grundtrieb im menschlichen Leben das Macht- oder Überlegenheitsstreben sei. 

Als Psychiater, schrieb er später, habe er viele Fälle beobachten können, in denen dieser Trieb an der Entfaltung gehindert worden sei, und so kam er zu dem Schluß, daß solche Frustrationen die Entstehung von Neurosen bewirkten.

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Adlers grundlegendes therapeutisches Ziel entsprach dem von Freud: »Heilung« der Neurose. Auch seine Methode war ähnlich: aus dem Patienten selbst die verborgenen Ursachen seiner Angst ans Licht zu bringen. Er glaubte, da jeder Mensch bei seinem Streben nach Überlegenheit unweigerlich auf Hindernisse stoßen werde, sei es die Aufgabe des Psychotherapeuten, die Gründe zu klären, die dazu führen, daß der Mensch entweder an diesen Hindernissen scheitert oder sie überwindet. Da eine Neurose die Folge von blockierten Strebungen nach Überlegenheit sei, werde die Aufdeckung der Ursache die Neurose beseitigen.

Ein einfaches Rezept - viel einfacher als das von Freud. Aber ganz so einfach war es denn auch wieder nicht. Adler meinte, psychische Schwäche beruhe auf einer Organminderwertigkeit oder ihrem auslösenden Faktor im höheren Nervensystem. Frauen tragen die Last zusätzlicher konstitutioneller Schwächen, die ihr Überlegenheitsstreben behindern, so daß sich bei vielen von ihnen ein »männlicher Protest« entwickelt, eine Einstellung, die bei anderen Menschen eine feindselige Haltung hervorruft — was wiederum zu Verbitterung und Groll führt. So verstärkt dieser Teufelskreis die Neurose.

Da es jedoch einige verhältnismäßig nicht-neurotische Menschen gibt und auch viele, die trotz ihrer Neurosen in der Gesellschaft ganz gut zurechtkommen, kann das Problem der Neurose nicht gelöst werden, ehe nicht herausgefunden wird, welcher weitere Wirkfaktor die Unterschiede begründet. Adler brauchte nicht lange zu suchen, um ihn zu entdecken. Er war etwas, seit eh und je Bekanntes, das von Freud als grundlegender Abwehrmechanismus der Psyche bezeichnet worden war mus der Kompensation.1)

 

1)  Die bewußten oder unbewußten Versuche eines Menschen, seine wirklichen oder eingebildeten Mängel und Minderwertigkeiten zu überwinden — etwa der kleingewachsene Mann, der laut und aggressiv wird, oder ein Versager, der unwahre Geschichten über seine Leistungen erfindet. 

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Obwohl bereits Freud in seinem Modell der psychischen Funktionen dem Kompensationsprinzip eine wichtige Rolle beimaß, erweiterte erst Adler die Lehre auf neue Weise. Der Nicht-Neurotiker, erklärte er, habe seine Organminderwertigkeit angemessen kompensiert; dem Neurotiker dagegen sei dieser Ausgleich nicht gelungen. Daher war für Adler die Kompensation das vermittelnde Agens im psychischen Konflikt zwischen dem Streben nach Überlegenheit und der Organminder­wertigkeit; Kompensation sei der Schlüssel zur psychischen Gesundheit.

Adler begann etwa zur Zeit des Ersten Weltkrieges Psychotherapie nach seiner Theorie zu praktizieren. Er nannte sein System »Individualpsychologie« — keine ganz glückliche Bezeichnung, denn ihr fehlte der therapeutisch zugkräftige Anklang an Psychoanalyse. Er gab ihm diesen Namen, weil er das ganze Individuum behandeln wollte.

Indes beschränkte sich Adler bei seiner Neurosenlehre nicht auf den Faktor Kompensation. Es dauerte nicht lange, bis er das Individuum als Teil eines größeren Ganzen — der Gesellschaft — sowie seine Probleme als Folge des kollektiven Problems des größeren Ganzen ansah. So rückte bei Adler allmählich eine soziologische Betrachtungsweise der Neurose in den Mittelpunkt. Neurose oder Spannung wurden jetzt als das Ergebnis der Eltern-Kind-Beziehung und des Verhältnisses unter Geschwistern angesehen. Nach dieser Auffassung ist es von entscheidender Bedeutung, ob ein Mensch das einzige oder das erste, zweite oder dritte oder jüngste Kind der Familie war.

Als Adler 1926 in die Vereinigten Staaten kam, richtete er Kindertherapie-Kliniken ein, unternahm Vortragsreisen im ganzen Land und tat viel für die Verbreitung seiner Theorien. Da er sich hauptsächlich mit den Problemen von Kindern beschäftigte, fanden seine Gedanken viel Anklang bei fortschrittlichen Erziehern. Die Folge war nicht nur, daß in Amerika eine neue Ära der Kinderpsychologie anbrach, sondern Adlers Theorien über Neurosen und ihre Behandlung auch allgemeine Anerkennung fanden.

Als sich in den 1940er und 1950er Jahren in Amerika das Interesse an der Freudschen Analyse verstärkte, verlor die Adlersche Analyse viel von ihrem Einfluß und wurde nur durch die Bemühungen der von Adlers Tochter geleiteten Alfred Adler Mental Hygienic Clinic in New York lebendig erhalten.

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Aber in letzter Zeit ist sein Stern bei vielen Psychotherapeuten wieder im Aufsteigen begriffen, bei Psychotherapeuten, die an der Lehre Freuds kritisieren, daß er unpersönlichen Mechanismen und Komplexen in der menschlichen Psyche einen höheren Rang einräumt als dem Charakter und der Selbstbestimmung.

Die Adlersche Analyse betont das Realitätsprinzip, das heißt den Willen, die gänzlich ichbezogenen Triebe der Kindheit umzuwandeln in annehmbare Sozialgesinnung, von der Adler glaubte, daß sie ebenso universell zur menschlichen Psyche gehöre wie Freuds eher fragwürdiger Ödipuskomplex. Weil das Realitätsprinzip der entscheidende Faktor der Ich-Funktionen ist, der nicht im abgelegenen Bereich des Unbewußten wirksam ist, sondern hier und jetzt in der realen Welt des einzelnen, ist die Einstellung der Adlerschen Analyse zum Patienten viel persönlicher und einfühlender als die der Freudschen Analyse.

Obwohl Adler Freuds komplizierte Topographie der Psyche stark in Zweifel zog, glaubte er an die Existenz eines Ich. Tatsächlich war es nach Adlers Ansicht gerade das Ich, das den Menschen in stärkerem Maße zum Herrn seines Schicksals macht, als er es nach Freuds Ansicht sein kann. Der Mensch sei nicht ein bruchstückhaftes, aus Teilen, Mechanismen und Komplexen bestehendes Wesen, sondern vielmehr ein einheitliches Ganzes, und sein Ich sei zugleich der einigende Faktor seiner Ganzheit und deren Niederschlag. Ein starkes Ich bedeute eine vollständige, gesicherte Einheit, ein schwaches Ich eine unvollständige und daher unsichere Ganzheit. Das Ich ist also die Summe der Ganzheit des einzelnen. Die Adlersche Therapie sieht es daher als ihre erste Aufgabe an, die ganze Person zu verstehen und zu behandeln, um die grundlegende Einheit der Person wiederherzustellen und zu erhalten. Nur die Unversehrtheit der Einheit des Individuums garantiere seine psychische Gesundheit.

Aber was beeinträchtigt oder gefährdet die Einheit? Die Adlersche Therapie findet die Antwort auf diese Frage in Adlers eigenständiger Neurosenlehre: Es ist das Streben nach Überlegenheit und die fehlangepaßten Kompensationen, die solche Strebungen erzeugen können.

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Durch seine Betonung der selbstbestimmenden Natur des Menschen näherte sich Adler der Auffassung von einem freien psychischen Willen, die wiederum der Freudschen Auffassung diametral entgegengesetzt war, wonach das Verhalten des Individuums durch seine persönliche psychische Vorgeschichte, besonders seine Kindheit, bestimmt wird. Adler war der Meinung, daß der Mensch - da er eine angeborene Potentialität besitze, die Adler »Gemeinschaftsgefühl« nannte — nach zwei sozialen Zielen strebe und daher eher durch die Zukunft als durch die Vergangenheit motiviert werde. »Jede seelische Erscheinung kann«, schrieb er, »wenn sie uns das Verständnis einer Person ergeben soll, nur als Vorbereitung für ein Ziel aufgefaßt und verstanden werden. Das Endziel erwächst jedem bewußt oder unbewußt ...«2) Das Streben nach dem Ziel äußert sich häufig als eine fiktive Zielstrebigkeit, wenn die Ziele, die einen Menschen motivieren, nicht genaue Wahrnehmungen der Realität sind, sondern verzerrte Anschauungen, die in der Kindheit übernommen wurden. Der sich daraus ergebende Konflikt zwischen Anschauungen und Realität ist das erste Stadium des neurotischen Leidens.

Nach Adlers Ansicht ist das Streben nach Überlegenheit das grundlegende angeborene Motiv menschlichen Verhaltens und die Quelle, aus der sich alle anderen Motive speisen. Als Reaktion auf diesen fundamentalen Trieb strebt jeder Mensch auf seine Weise nach Überlegenheit und entwickelt einen Lebensstil, wie Adler ihn nannte — eine Einstellung zum Leben, die mehr ist als die Summe seiner triebmotivierten Verhaltensweisen. Adlers Vorstellung ähnelte derjenigen der Gestaltspsychologie, die das Ganze als mehr ansieht als die Summe seiner Teile. Auch für Adler ist die Ganzheit des Individuums mehr als die Summe seiner Teile, und da sein Lebensstil mehr ist als jeder spezifische Aspekt seines Lebens, stellt er das Leitprinzip dar, der das Individuum auf seine Verhaltensweisen festlegt.

Praxis und Theorie der Individualpsychologie, Fischer Taschenbücher 6236, S. 21.

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Die Neurose, sagt Adler in seinem Buch The Science of Living, kann am besten verstanden werden als »ein Versuch, sich von einem Gefühl der Unterlegenheit zu befreien, um ein Gefühl der Überlegenheit zu erlangen.«3) Das hauptsächliche Mittel, das bei dem Versuch eingesetzt wird, ist Kompensation. Aber wenn die Kompensation den gewünschten Effekt nicht herbeizuführen vermag, wird sie zur Überkompensation. Überkompensation ist eine Äußerung von Fehlanpassung; sie ist ein fehlangepaßter psychischer Vorgang, der einen Menschen veranlaßt, sich aus dem Gemeinschaftsleben zurückzuziehen, und der ihn isoliert, gewöhnlich im kleinen Kreis seiner Familie oder in einer streng begrenzten eigenen Welt. Wenn sich die Überkompensation verstärkt, zieht der Betreffende sich immer mehr aus der sozialen Gemeinschaft zurück - sein angeborenes Gemeinschaftsgefühl ist gefährdet - und flüchtet sich in ein Leben der Einbildung und Phantasie.

Wie Sie sehen, geht Adler und die auf seinen Gedanken aufbauende Psychotherapie davon aus, daß Neurosen primär auf sozialen Faktoren beruhen und weniger auf den inneren mechanischen Kräften, von denen Freud spricht. Da Adler den sozialen Beziehungen so große Bedeutung beimaß, ist es nicht überraschend, daß er seine Vorstellungen von Therapie auf eine therapeutische Beziehung konzentrierte, die eher als reale Beziehung und nicht als die künstliche der Freudschen Analyse anzusehen ist, und daß er seine Aufmerksamkeit stärker auf gegenwärtige Probleme und zukünftige Entscheidungen als auf die Vergangenheit richtete. Adler sah die Aufgabe des Therapeuten als in etwa »analog der Funktion der Mutter« an, ein Begriff, der nicht allzu weit entfernt ist von Freuds Konzept der Übertragung, wenn auch qualitativ verschieden. Nach dem Adlerschen System der Therapie soll der Patient Gelegenheit erhalten, Beziehung mit einem anderen fühlenden Menschen aufzunehmen, der sein Gemeinschaftsgefühl fördern und ihm behilflich sein kann, seine sozialen Kontakte außerhalb der Therapie zu verstärken. An der Mutter liegt es, ihrem Kind die Gesellschaft zu erklären; der Therapeut spielt etwa dieselbe Rolle.4)

3)  London 1929, S. 114.
4)  Der Begriff »Bemuttern« ist einer jener Begriffe, die in der Geschichte der analytischen Psychotherapie immer wieder auftauchen. Heute spielt er bei gewissen Therapiemethoden eine wichtige Rolle, wie wir später sehen werden.

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Die Aufgabe des Adlerschen Therapeuten ist es, auf sanfte Weise das Vertrauen seines Patienten zu gewinnen und ihm, ohne dabei Zwang auf ihn auszuüben, behilflich zu sein, in seiner Gesellschaft ein Selbstwertgefühl zu entdecken. Zu diesem Zweck — und weil Adler glaubte, daß eine harmonische Beziehung zwischen Patient und Therapeut für die Therapie entscheidend sei - verzichtet die Adlersche Therapie auf die psycho-analytische Couch zugunsten eines unmittelbaren Blickkontakts, wie er einer realen sozialen Beziehung angemessen ist. Natürlich stellt auch die Adlersche Therapie das Phänomen der Übertragung in Rechnung, aber es wird eher als ein Beispiel für das Gemeinschaftsgefühl behandelt, nicht als Technik der Therapie.

Der Adlersche Therapeut kann Arzt, Psychologe oder paraprofessionell sein. Die meisten Adlerianer bieten im allgemeinen eine kürzere Therapie und weniger Sitzungen pro Woche an als die orthodoxen Freudschen Analytiker, und ihre Honorare sind gewöhnlich nicht so hoch. In diesem Rahmen wird der in der Adlerschen Theorie und Methode ausgebildete Therapeut, nachdem er die Möglichkeit einer physiologischen oder organischen Krankheit als Ursache Ihres Problems ausgeschlossen hat - was er als verantwortungsbewußter Arzt tun muß -, Ihre Therapie höchstwahrscheinlich in drei Hauptabschnitte unterteilen.

 

1. In den ersten Sitzungen wird Sie der Therapeut über Ihre Probleme sprechen lassen. Das ist nicht das freie Assoziieren der Freudschen Analyse, sondern eine einfache, unmittelbare Schilderung der spezifischen Symptome, Probleme und Schwierigkeiten, die Sie in Ihrer Neurose festhalten. Während Sie sprechen, wird der Therapeut teilnehmend zuhören und versuchen. Ihnen sein einfühlendes Verständnis für Ihre Probleme zu vermitteln, gleichzeitig aber auch Schlüsse zu ziehen über deren Ursache und Art, und zwar mittels der Anhaltspunkte, die Ihre Aussagen ihm liefern. Da er in der Adlerschen Theorie ausgebildet ist, wird er besonders Ausschau halten nach Hinweisen auf Ihr Überlegenheitsstreben und auf psychische Blockierungen, die Ihr Minderwertigkeitsgefühl hervorgerufen haben. In der Adlerschen Therapie wird der Prozeß des Überlegenheits-Minderwertigkeits-Konflikts als dynamische Ursache der Neurose angesehen. Schlüssel zum Erfolg des Therapeuten wird daher seine Sensibilität für die Äußerungen Ihres grundlegenden Überlegenheitsstrebens sein.

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2. Sobald der Therapeut eine genaue Vorstellung von Ihnen und Ihrem Problem zu haben glaubt, wird er versuchen. Ihnen Ihr Selbst zu erklären. In gewisser Beziehung ist das die deutende Phase der Adlerschen Therapie, und zwar insofern, als der Therapeut Ihnen die Theorie der Individualpsychologie eingehend erklären wird, um dann den Zusammenhang herzustellen zwischen dieser Theorie und dem, was Sie ihm berichtet haben, und Ihnen zu zeigen, daß Ihr Leben eine neurotische Äußerung Ihres angeborenen Strebens nadh Überlegenheit ist.

3. Die restliche Therapie ist dem Bemühen gewidmet. Ihr Gemeinschaftsgefühl zu fördern und zu stärken, und zwar durch soziale Interaktionen innerhalb und außerhalb des Rahmens Ihrer Therapie. Sie werden dazu angehalten werden. Ihr Bedürfnis nach Überlegenheit auf gesunde Weise zu äußern und Ihre sozialen Fähigkeiten direkt bei Ihrem Therapeuten zu erproben, um sie auf diese Weise zu stärken. Sie werden auch aufgefordert, dasselbe in Ihren Beziehungen außerhalb der Therapie zu tun und Ihrem Therapeuten über Ihre Gefühle, Erfolge und Mißerfolge zu berichten. Wiederum durch teilnehmendes Verständnis und Ermutigung wird er Ihre Fortschritte beurteilen und vor dem Hintergrund seiner Erkenntnisse über Ihre sozialen Interaktionen mit ihm und Ihrer Berichte über andere Interaktionen weitere Möglichkeiten vorschlagen, wie Sie Ihr geschwächtes Ich stärken können. Sobald er zu dem Schluß gekommen ist, daß Ihr Gemeinschaftsgefühl seine »normalen« Eigenschaften wiedererlangt hat - daß Sie auf normale Weise Ihren Mann in der Gesellschaft stehen können, ohne auf Überkompensation, die in erster Linie Ihr Problem hervorgerufen hat, länger angewiesen zu sein -, wird er erklären, daß Ihre Neurose glücklich aufgelöst sei, und wird Sie als »geheilt« oder gebessert wieder in die Welt entlassen.

Wie ich schon angedeutet habe, hat Alfred Adler die Entwicklung der Psychotherapie stark beeinflußt, vor allem dadurch, daß er die Begriffe Minderwertigkeitskomplex, Geschwisterrivalität und einfühlendes Verständnis in die Psychotherapie einführte. Er war in vieler Hinsicht ein Vorläufer der modernen humanistischen, sozial ausgerichteten Betrachtungsweisen der Therapie und hatte eine besonders starke Wirkung auf die Entwicklung der Gruppentherapie.

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Doch gibt es wenige Hinweise, die die Behauptungen Adlerscher Therapeuten erhärten können, daß ihre Behandlung die Heilung von Neurosen bewirke. Die Adlersche Therapie erscheint ebenso übervereinfacht, wie die Freudsche Therapie überkompliziert ist. Beide erheben Anspruch auf therapeutische Wirksamkeit aufgrund streng systematischer Deutungen der Neurosenursache, und obwohl beide ein Körnchen Wahrheit enthalten mögen, ist die Adlersche Auffassung ebensowenig wissenschaftlich erhärtet wie die Freudsche.

Die Anziehungskraft der Adlerschen Therapie beruht wahrscheinlich auf ihrer Naivität. Es mag richtig sein, daß neurotische Symptome und neurotisches Verhalten von einer Unfähigkeit herrühren, im Leben seinen Mann zu stehen, weil das Streben nach Überlegenheit erstickt wurde. Aber wenn das die kategorische und allumfassende Lösung des Neurosenproblems wäre, dann würde es uns nicht schwerfallen, es selbst ins reine zu bringen.

Die Adlersche Therapie war die erste der »Common sense«-Auffassungen von Therapie, und auf dieser Basis sprach viel für sie, vor allem, da sie dem intellektuellen und begrifflichen Elitedenken des höchst fragwürdigen Freud-Kultes entgegenzuwirken trachtete. Sie bewies, ebenso wie es die Freudsche Analyse bewies, daß das einfache Aussprechen von Problemen gegenüber jemandem, der in der Kunst des Zuhörens ausgebildet und erfahren ist, einen therapeutischen Wert hat. 

Aber um Aussicht auf Erfolg zu haben, erfordert die Adlersche Analyse ebenso wie die Freudsche, daß der Patient ihr theoretisches und methodologisches Grundprinzip uneingeschränkt akzeptiert. Wiederum läuft alles auf die Suggestibilität des Patienten hinaus. Wenn der Patient gegenüber den suggestiven Elementen der Adlerschen Therapie hinreichend aufgeschlossen ist, mag sich nach einer solchen Therapie eine Besserung einstellen. Ist der Patient nicht genügend suggestibel, kann die Adlersche Therapie nicht viel ausrichten, es sei denn vielleicht, seine sozialen Fertigkeiten zu fördern.

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