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 6. C.G. Jung — Analytische Psychologie 

 

 

 

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Der Freudsche Analytiker fragt sich: Wie ist der Patient so geworden? Der Adlersche Therapeut fragt: Was versucht der Patient zu erreichen, indem er sich so verhält?  

Der Jungsche Therapeut hat eine andere Art zu fragen: Was symbolisiert das Verhalten des Patienten? Denn Jung glaubte vor allem, daß das Verhalten des Menschen motiviert sei durch die kollektiven Symbole seiner Kultur, die in seiner individuellen Psyche wirksam werden, und daß Neurosen nur aufgelöst werden können, wenn der Patient dazu gebracht werde, die entscheidenden symbolischen Bedeutungen seines Verhaltens zu verstehen.

Carl Gustav Jung, Sproß einer sehr kultivierten Schweizer Familie, war der begabteste von Freuds frühen Mitarbeitern. Wahrscheinlich war seine Begabung der Grund, warum er schließlich mit Freud brach und seine eigene psychoanalytische »Schule« gründete. Die Trennung vollzog sich 1913; sie ergab sich daraus, daß Jung die ödipalen Theorien von Freud nicht akzeptieren zu können glaubte. 

Aber im Gegensatz zu Adler, der, nachdem er sich von Freud gelöst hatte, ein viel einfacheres System zur Erklärung und Behandlung der Neurosen entwickelte, arbeitete Jung ein System aus, das in seiner Kompliziertheit das Freudsche wie ein Kinderspielzeug erscheinen läßt.

Als Jung sich selbständig machte, hatte er nicht die Absicht, Freuds System zu widerlegen, sondern er wollte nur einen Ersatz für die sexuellen Motive finden, auf denen Freud beharrte. Tatsächlich behielt Jung den größten Teil von Freuds begrifflichem System und seiner Terminologie bei, und erst als sein Interesse an Philosophie, Religion, Astrologie und Mythologie ihn auf den Gedanken brachte, daß es ein kollektives Unbewußtes gebe, fand er den Ersatz, nach dem er gesucht hatte. 

Der Mensch werde nicht von sexuellen Triebimpulsen motiviert, behauptete er, sondern von einem ganzen Bündel an Mythen und Symbolen der Rasse und Kultur, in die er hineingeboren wurde. Dieses Bündel sei das kollektive Unbewußte.

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Jung glaubte, das Unbewußte des Individuums, das mit den Kindheitserlebnissen beginnt, sei einem viel größeren Unbewußtem aufgepfropft, das in seiner eigenen Welt vorhanden ist -nämlich den Erfahrungen seiner Gattung. Das sei ein reales Unbewußtes, das in jedem Menschen wirksam sei und das persönliche Unbewußte des einzelnen verdränge und beherrsche. Das persönliche Unbewußte sei hauptsächlich das Vehikel des kollektiven Unbewußten, und vom letzteren rühre die Neurose her. Um also die Neurose richtig verstehen und bewältigen zu können, muß ein Mensch weiter zurückgehen in seiner Erfahrung — weiter zurück auf zwei Ebenen, der persönlichen und der kollektiven —, als Freud sich vorstellte, um auf diese Weise die Ursachen seines Problems herauszufinden. Man muß zur frühen Kindheit zurückgehen und nicht nur zur Kindheit. 

Aber das ist nur ein Teil; man muß auch zur frühen Kindheit der eigenen Gattung und Kultur zurückgehen. Daher ist die Reise nicht nur viel länger als die Freudsche analytische Suche, der Weg ist auch andersartiger. Die bei der Reise angewandte Methode nannte Jung »analytische Psychologie«, aber eine genauere Bezeichnung wäre vielleicht »Psychosynthese« gewesen, denn sein System versuchte ja, die beiden wirkenden Psychen zu einem einzigen, klaren, konfliktfreien Bild des ganzen Wesens zu synthetisieren.

Jung lehnte Freuds Topographie der Seele nicht ab. Statt dessen verdoppelte er sie, um auf diese Weise die Psychopathologie der seelischen Störungen erklären zu können. Das persönliche Unbewußte ist seiner Ansicht nach das Sammelbecken der verdrängten Gedanken und Gefühle, die im Leben des einzelnen auftauchen und bewußten Ausdruck finden in Träumen und gewissen Verhaltensweisen, etwa Versprechern. Mit dieser Auffassung trug er seine Schuld bei Freud ab. Aber das kollektive Unbewußte, das jedes persönliche Unbewußte einhüllt, ist das Sammelbecken verdrängter Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Eingebungen, die von der gesamten Ahnenreihe seit grauer Vorzeit erfahren worden sind und durch das kulturell geprägte, archetypische Verhalten jedes Menschen ans Licht kommt.

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Die beiden Formen des Unbewußten sind in einem unaufhörlichen Zustand der Interaktion; oder vielmehr haben ihre Bestandteile die individuelle und die kollektive Libido1, das individuelle und das kollektive Ich und so weiter aufeinander eingewirkt. Nach Jungs Theorie ist die Neurose das Ergebnis einer fehlerhaften Interaktion dieser Strukturen der Psyche. Die fehlerhafte Interaktion kommt zustande infolge einer Disharmonie zwischen der Persona (dem Fassade-Selbst) und der Anitna (dem wahren Selbst), die darum wetteifern, das Ich (das ganze Selbst) innerhalb des zweifachen unbewußten Persönlichkeitssystems zu kontrollieren und zu formen.

Bei der Neurose soll das Unbewußte aufgrund dieser unbewußten Aktivität auf zwei Ebenen in verschiedene persönliche Unbewußte aufgespalten werden. Laut Jung gibt es jedoch eine wesentliche Einheit zwischen diesen getrennten Unbewußten, die der in der Jungschen Methode ausgebildete Therapeut leicht beobachten könne. Die Einheit kann verstärkt und wiederhergestellt werden — und damit die Einheit zwischen den beiden Ebenen des Unbewußten — durch eine Methode der Therapie, die den Neurotiker zu guter Letzt dazu bringt, die Mechanik seiner Psyche und die kollektiv-symbolischen Bedeutungen zu verstehen, die seinem Verhalten zugrunde liegen.

Das Ziel der Jungschen Therapie ist es also, die Disharmonie innerhalb der Psyche aufzulösen. Die Behandlung ist eine komplexe Interaktion, die auf all den oben genannten Prinzipien beruht, und zwar nicht nur zwischen dem Patienten und dem Therapeuten, wie bei der Adlerschen Therapie, sondern zwischen den Persönlichkeiten des Patienten und des Therapeuten. Da Persönlichkeit kein konstanter Faktor ist, ist es schwierig, spezifische Techniken wie bei der Freudschen Analyse zu entwickeln, und sie sind auch weniger wichtig als die Begegnung zwischen dem Patienten und dem Therapeuten.

1) Außer vielen anderen Freudschen Begriffen übernahm Jung auch den der Libido. Aber für ihn ist sie ein Abkömmling der Lebensenergie schlechthin, nicht nur etwas Sexuelles.

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Wenn Sie eine Jungsche Analyse oder Therapie (sie wird kaum je analytische Psychologie genannt) aufsuchen sollten, werden Sie feststellen, daß es im allgemeinen vier Stadien der Behandlung gibt, die den drei Phasen der Freudschen Analyse ähnlich sind.

  1. Im ersten Stadium wird die Technik der freien Assoziation nach Art der Freudschen Analyse angewandt, aber sie vollzieht sich viel unmittelbarer unter der Kontrolle des Therapeuten. Der Patient wird auch sehr viel von seinen Träumen berichten, die der Therapeut deutet. Da die Jungsche Analyse den Menschen als zielstrebiger ansieht als Freud, wird der Analytiker den Bericht des Patienten so lenken, daß er sich eher auf bedrückende gegenwärtige Sorgen als auf frühere Erinnerungen konzentriert. Durch den Prozeß und unter der Leitung des Analytikers soll es zu einer Katharsis nach Freudscher Art kommen, wobei der Patient eine hilfreiche Abreaktion erfährt, die das schmerzhafte, verdrängte Material seines persönlichen Unbewußten und die symbolisierten Verdrängungen seines kollektiven Unbewußten sichtbar macht.

  2. Aufklärung, die der Freudschen Deutung entspricht, ist die zweite Phase der Jungschen Analyse. Hier erklärt der Analytiker (natürlich nach der Jungschen Lehre) den Ursprung der Neurose des Patienten. Angenommen, der Patient akzeptiert die Erklärung, dann machen sich beide an den Prozeß des Durcharbeitens der Übertragung, bis der Patient sie als eine wunscherfüllende Phantasie erkennt und mit seinen Widerständen fertigwerden kann.

  3. Die Phase der Erziehung folgt als nächste. Hier zeigt der Therapeut dem Patienten den Weg zu normalen Funktionsweisen, indem er die symbolische Bedeutung seines neurotischen Verhaltens erklärt und ihn über wünschenswerte und normale Verhaltensweisen unterrichtet. Diese Unterrichtung ergibt sich wiederum aus der Jungschen Auffassung vom Menschen als einem auf ein Ziel und die Zukunft ausgerichteten Wesen.

  4. Schließlich macht der Patient die Wandlung durch, und während dieser Zeit kehrt er zur normalen Funktionstüchtigkeit zurück und wird von seinem Therapeuten unabhängig.

Wahrscheinlich die wichtigste Technik in der Jungschen Therapie sind Analyse und Deutung von Träumen. 

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Der Jungsche Therapeut hält Träume aus zumindest zwei Gründen für wichtig. Einmal dreht es sich darum, was der Trauminhalt über die Macht der kollektiven Archetypen aussagt, die im Unbewußten jedes Menschen hausen. Zum anderen dreht es sich darum, was die Träume dem Therapeuten über die Art und den Umfang der Kompensation sagen können, die der Patient als Abwehr gegen die Schwächen seiner Persönlichkeit hervorbringt.

Während der Freudsche Analytiker den Trauminhalt als Ersatzphantasien für unannehmbare sexuelle und soziale Triebregungen ansieht, geht der Jungsche Analytiker darüber hinaus. Er ist geschult worden, Träume nicht nur als Ersatz für äußere Bedürfnisse anzusehen, nicht nur als Fassade von Wunscherfüllung, sondern als den Ausdruck eines noch stärkeren menschlichen Grundbedürfnisses - des Bedürfnisses nach geistiger Bedeutung.

Für den Jungianer sind Träume symbolisch, nicht symptomatisch. Sie offenbaren keine neurotischen Symptome; vielmehr offenbaren sie die Disharmonie der Symbole, die es in jeder menschlichen Seele gibt und die Symptome hervorbringt. In der Freudschen Analyse ist ein Symptom ein Maßstab für die Abweichung von einem angeblich gesunden, normalen Zustand. Aber Jung glaubte, das Ziel der Therapie sei Selbstentdeckung, nicht Normalität. Träume stellen die Situation des Neurotikers so dar, wie sie wirklich ist, sowohl äußerlich als auch innerlich, nicht seine frühere Situation. Träume kompensieren die Einseitigkeit der bewußten Anschauung eines Menschen; sie übermitteln potentiell wichtige Botschaften, von denen die Menschen nichts wissen, weil ihr Unbewußtes verschüttet ist, die sie aber erfahren müssen. Diese Botschaften können nach Jungscher Ansicht nur verstanden werden durch Symbole, die wir alle in unserem individuellen Unbewußten besitzen, weil es vom kollektiven Unbewußten beherrscht wird.

Jung verstand unter einem Symbol ein Bild, »das die nur dunkel geahnte Natur des Geistes bestmöglich kennzeichnen soll. Ein Symbol umfaßt nicht und erklärt nicht, sondern weist über sich selbst hinaus auf einen noch jenseitigen, unerfaßlichen, dunkel geahnten Sinn, der in keinem Wort unserer derzeitigen Sprache sich genügend ausdrücken könnte.«2

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Die Jungsche Analyse geht also davon aus, daß die Probleme eines Menschen in einem unterirdischen Bereich angesiedelt sind, der noch entfernter und weniger faßbar ist als Freuds sexueller Kerker. Ihrem Ursprung nach sind diese Probleme fast mystisch.

Nach Auffassung der Jungschen Analyse betreffen Träume ausschließlich das Verhältnis des Träumers zu seiner eigenen tiefsten Realität. Auch folgen Träume einem Schema; sie haben eine Art Struktur, die mit der archetypischen Konfiguration des kollektiven Unbewußten übereinstimmt. Ein weiteres Ziel der Jungschen Therapie ist es also, den Neurotiker mit den Ursachen und der Bedeutung dieser Schemata vertraut zu machen, um es ihm auf diese Weise zu ermöglichen, innerhalb seiner menschlichen Grenzen seinen eigenen Mythos zu »erleben«. Dem unbewußten Selbst sowohl auf der persönlichen als auch auf der kollektiven Ebene gegenüberzutreten, ist also der Ausgangspunkt der Jungschen Analyse.

Indem er das Grundbedürfnis des Menschen als das Streben nach dem tieferen geistigen Sinn bezeichnete, deutete Jung an, daß religiöse Sehnsucht den Menschen mehr als alles andere motiviert. Doch in der Regel leugnet oder verspottet unsere Kultur die Sehnsucht nach etwas, das den einzelnen transzendiert. Und Freud erklärte, religiöse Sehnsüchte seien Anzeichen einer regressiven und neurotischen Flucht aus der Realität. Daher steht Jung nicht nur in der Frage nach der grundlegenden Ursache der Neurose in Widerspruch zu Freud; er kennzeichnete auch als Symbol der grundlegenden Ursache das, was Freud nur als ein Symptom ansah — das Bedürfnis nach religiösem Erlebnis.

Das Bedürfnis nach Transzendenz ist der fundamentale motivierende Antrieb für menschliches Verhalten. Es ist der primäre Archetypus des Unbewußten, denn dieses Bedürfnis gab es bereits im kollektiven Unbewußten aller Rassen und Kulturen. Dennoch leugnet die moderne Kultur diesen Antrieb. So wird er verdrängt, und aus seiner Verdrängung entsteht die kollektive Anfälligkeit für Neurosen. Und aus dieser kollektiven Anfälligkeit entsteht die individuelle Anfälligkeit für Neurosen. 

2)  Seelenprobleme der Gegenwart, Freiburg 1973, S. 275.

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Sie sollten aus meiner - zugegebenermaßen skizzenhaften - Erklärung der Jungschen Analyse entnehmen, daß sie die bei weitem komplizierteste Art von Psychotherapie ist, der man sich unterziehen kann. Nicht nur ist ihr Grundprinzip beträchtlich unklarer als das Freudsche, auch verlangen ihre Methoden, wenn das überhaupt möglich ist, noch mehr von den Patienten. Wegen der Bedeutung der Traumanalyse in der Jungschen Therapie sollten Sie sich auf häufige Besuche im Sprechzimmer Ihres Therapeuten, auf eine lange Dauer der Therapie und entsprechende Kosten gefaßt machen. Wenn Ihnen indes die Vorstellung Abscheu einflößt, daß Ihre Probleme von einem geheimen, verdrängten Wunsch herrühren, Ihren Vater umzubringen und mit Ihrer Mutter zu schlafen, oder die Vorstellung, daß Ihre Sauberkeitserziehung als Kleinkind daran schuld sei, daß Sie mit Menschen nicht auskommen können, Sie aber dennoch glauben, daß Psychoanalyse die einzige Lösung sei, dann werden Sie sich in einer Jungschen Therapie wohler fühlen als in einer Freudschen.

 

Als ich dieses Buch vorbereitete, unterzog ich mich kurzen Behandlungen in der Freudschen und der Jungschen Analyse. Der einzige wichtigere Unterschied, den ich in der Praxis zwischen den beiden feststellen konnte, war, daß ich, wenn ich dem Freudschen Analytiker meine Träume erzählte, erfuhr, ich habe Freudsche Träume — daß der Inahlt meiner Träume mit symbolischen Perversionen beladene Ersatzphantasien für meine verdrängten sexuellen Sennsüchte seien. Wenn ich dieselben Träume dem Jungschen Therapeuten erzählte, erfuhr ich, daß ich Jungsche Träume hatte — diesmal Ersatzphantasien für meine verdrängten religiösen Strebungen. 

Eine der eindringlicheren Deutungen des Analytikers lautete tatsächlich, ich hätte mein Leben lang »offenbar insgeheim den Wunsch gehabt, Priester zu werden, aber den Wunsch unterdrückt aus Angst, daß Ihre Verwirrung über Ihre wahre sexuelle Natur Sie unwürdig machen würde«. Im Kontext der Träume, die ich erzählte (die ein wenig zu anrüchig waren, um sie hier wiederzugeben), und auch im Kontext mit dem, was der Therapeut über mein Leben wußte (ich bin das, was man einen »entgleisten Katholiken« nennt), klang diese Deutung außerordentlich einleuchtend.

Aber die Deutung derselben Träume durch den Freudschen Analytiker war ebenso einleuchtend. Der Freudsche Analytiker kannte dieselben Fakten aus meinem Leben. Er deutete meine Träume als Hinweis auf einen gefährlich ungelösten Ödipuskomplex, als Widerspiegelung eines starken, geheimen...

»...Wunsches, Ihren Vater zu kastrieren als Vergeltung für seinen entmannenden Einfluß auf Sie als Kind ... Sie haben ihn auf einem oberflächlich symbolischen Niveau kastriert, indem Sie die Religion verschmäht haben, mit der er Sie zu indoktrinieren versuchte, aber Ihre Traumphantasien zeigen, daß Sie sich der Wirkungen Ihres Handelns nicht sicher sind und immer noch den Drang verspüren, diese äußerste Tat zu begehen.«

Was also die Freudsche und die Jungsche Analyse betrifft, so kann ich Ihnen nur den Rat geben, Ihre Wahl zu treffen.

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