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Es war ein denkwürdiger Moment in der Geschichte dieser unsrer Zeit, als Pierre Joseph Proudhon im Anschluß an die französische Februarrevolution des Jahres 1848 seinem Volke sagte, was es zu tun hatte, um die Gesellschaft der Gerechtigkeit und Freiheit zu gründen. 

Er lebte, wie alle seine revolutionären Volksgenossen der Zeit, noch ganz in der Tradition der Revolution, die 1789 zum äußeren Ausbruch gekommen und für das Gefühl dieser Zeit noch im allerersten Anfang, durch die Gegenrevolution und die ihr folgenden Regierungen, die sich alle nicht hatten festsetzen können, nur gehemmt worden war. Er sagte:

Die Revolution hat dem Feudalismus das Ende gemacht. Sie muß Neues an seine Stelle setzen. Der Feudalismus war eine Ordnung auf dem Gebiete der Wirtschaft des Staates, war ein gegliedertes, militärisches System der Abhängigkeiten. Schon seit Jahrhunderten ist es durchlöchert worden durch Freiheiten; die bürgerliche Freiheit hat sich mehr und mehr durchgesetzt. Sie hat aber auch die alte Ordnung und Sicherheit, die alten Vereinigungen und Bünde zerstört; einige sind in der Bewegungsfreiheit reich geworden, die Massen sind der Not und der Unsicherheit preisgegeben. 
Wie sorgen wir, daß wir die Freiheit bewahren, ausbauen, allen schaffen, daß aber dazu die Sicherheit, der große Ausgleich des Besitzes und der Lebensbedingungen, die neue Ordnung komme?

 

Die Revolutionäre, sagt er, wissen noch nicht, daß die Revolution dem Militarismus, d.h. der Regierung ein Ende zu machen bestimmt ist; daß ihre Aufgabe ist, an die Stelle der Politik die Soziale, für den politischen Zentralismus die unmittelbare Verbindung der wirtschaftlichen Interessen, die Wirtschaftszentrale zu setzen, die nicht Herrschaft über Personen, sondern Regelung von Geschäften ist.

Ihr Franzosen, sagt er, seid kleine und mittlere Landleute, kleine und mittlere Handwerker; ihr seid tätig im Ackerbau, der Industrie, dem Transport- und Vermittlungswesen. Bisher habt ihr Könige und ihre Beamten gebraucht, um zueinander zu kommen und euch gegeneinander zu wahren; den König des Staates habt ihr 1793 abgeschafft; den König der Wirtschaft aber, das Gold, habt ihr behalten; und weil ihr so das Unglück und die Ordnungslosigkeit und Unsicherheit im Lande gelassen habt, mußtet ihr auch wieder Könige und Beamten und Armeen hereinlassen. Räumt mit den autoritären Vermittlern auf; schafft die Schmarotzer ab; sorgt für die unmittelbare Verbindung eurer Interessen; dann ist die Gesellschaft, die Erbin des Feudalismus, die Erbin des Staates geschaffen.


Was ist das Gold? was ist Kapital? Es ist nicht ein Ding, wie ein Schuh oder ein Tisch oder ein Haus. Es ist keine Sache, ist nichts Wirkliches. Das Gold ist ein Zeichen für ein Verhältnis; das Kapital ist etwas, was als Beziehung zwischen den Menschen hin und her geht, ist etwas zwischen den Menschen. Kapital ist Kredit; Kredit ist Gegenseitigkeit der Interessen.

Ihr seid jetzt in der Revolution; die Revolution, d.h. die Begeisterung, der Geist des Vertrauens, der Überschwang des Ausgleichs, die Lust, aufs Ganze zu gehen, ist über euch gekommen, ist zwischen euch erstanden: schafft euch jetzt die unmittelbare Gegenseitigkeit, sorgt für die Einrichtung, daß ihr ohne schmarotzende und aussaugende Zwischenglieder mit den Produkten eurer Arbeit an einander herankommt; dann braucht ihr keine bevormundende Behörde und nicht die Übertragung der politischen Regierungs­allmacht auf das wirtschaftliche Leben, von der die neuesten Pfuscher, die Kommunisten, reden. Die Aufgabe ist: die Freiheit in Wirtschaft und öffentlichem Leben zu behaupten und erst recht zu schaffen und doch für den Ausgleich, für die Abschaffung der Not und Unsicherheit zu sorgen, das Eigentum, das nicht Besitz an Sachen, sondern Herrschaft über Menschen oder Sklavenhaltung ist, und den Zins, der Wucher ist, abzuschaffen. Schafft euch die Tauschbank!

 

Was ist die Tauschbank? Nichts anderes als die äußere Form, die sachliche Institution für Freiheit und Gleichheit. Wer immer Nützliches arbeitet, der Landmann, der Handwerker, die Arbeiterassoziation, sie alle sollen nur einfach weiter arbeiten. Die Arbeit braucht nicht erst organisiert, d.h. behördlich bevormundet oder verstaatlicht zu werden. Tischler, fertige Möbel; Schuster, mache Stiefel; Bäcker, backe Brot und so allesamt weiter im Produzieren von allem, was das Volk braucht. Tischler, du hast kein Brot? Freilich kannst du nicht zum Bäcker gehn und ihm Stühle und Schränke anbieten, die er nicht braucht. Geh zur Tauschbank und laß dir deine Aufträge, deine Fakturen in allgemeingültige Schecks umwechseln.

Proletarier, ihr möchtet nicht mehr zum Unternehmer gehen und nicht mehr gegen Lohn arbeiten? Ihr möchtet selbständig sein? Aber ihr habt keine Werkstatt, kein Werkzeug, keine Nahrung? Könnt's nicht abwarten und müßt euch gleich verdingen? Aber habt ihr denn keine Abnehmer? Nehmen die andern Proletarier, nehmt ihr Proletarier alle miteinander euch gegenseitig selbst nicht am liebsten eure Produkte ab, ohne Dazwischentreten des ausbeuterischen Vermittlers?

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So sorgt euch doch für die Aufträge, ihr Toren! Die Kundschaft gilt, die Kundschaft ist Geld, wie man das heute nennt. Muß denn die Reihenfolge immer sein: Not - Sklaverei - Arbeit - Produkt - Lohn - Konsum? Könnt ihr denn nicht mit dem beginnen, was der natürliche Beginn ist: Kredit, Vertrauen, Gegenseitigkeit? So daß dann die Reihenfolge heißt: Auftrag - Kredit oder Geld - Konsum - Arbeit - Produkt? 

Die Gegenseitigkeit ändert den Lauf der Dinge; die Gegenseitigkeit stellt die Ordnung der Natur wieder her; die Gegenseitigkeit schafft das Königtum des Goldes ab; die Gegenseitigkeit ist das erste: der Geist zwischen den Menschen, der alle, die arbeiten wollen, an die Befriedigung der Bedürfnisse und an die Arbeit heranläßt.

Sucht nicht Schuldige, sagt er, alle sind schuld; die andre knechten und andern das Nötigste nehmen oder doch eben nur das Nötigste lassen, und die sich knechten lassen und die den knechtenden Herren Dienste als Fronvögte und Aufseher tun. Nicht aus dem Geist der Rache, der Wut und der Zerstörungslust wird das Neue geschaffen. Aus aufbauendem Geist heraus muß zerstört werden; Revolutionieren und Konservieren schließt sich nicht aus.

Hört auf mit der Kopie der alten Römer; die jakobinische Diktaturpolitik hat ihre Rolle gespielt; das große Theater der Tribüne und der schönen Geste schafft euch nicht die Gesellschaft. Es gilt die Verwirklichung; ihr arbeitet nützliche Dinge in genügender Menge; ihr möchtet nützliche Dinge in gerechter Verteilung verzehren; so müßt ihr also richtig tauschen.

Es gibt keinen Wert, sagt er, den nicht die Arbeit schafft; die Übermacht der Kapitalisten haben die Arbeiter geschaffen und nicht für sich behalten und verwerten können, weil sie isolierte Besitzlose sind, die den Besitzern den Besitz vermehren und ihnen Sklavengewalt, Eigentum daraus machen. Aber wie kindisch ist es, könnte er sagen, darum nur auf den vorhandenen Vorrat von aufgestapeltem Besitz in den Händen der Priviligierten zu stieren und nur daran zu denken, ihn durch politische oder gewalttätige Methoden wegzunehmen. Er ist immer im Flusse, immer in der Zirkulation; heute fließt er von Kapitalist über die konsumierenden Arbeiter zu Kapitalist; sorget durch neue Einrichtungen, durch die Wandlung eures gegenseitigen Verhaltens dafür, sagt er, daß er vom Kapitalisten zu den konsumierenden Arbeitern, von diesen aber nicht wieder zum Kapitalisten zurück, sondern in die Hände der nämlichen Arbeiter, der produzierenden Arbeiter fließt.

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Mit einer Macht ohne gleichen, mit einer großen Vereinigung von Nüchternheit und Wärme, von Leidenschaft und Tatsachensinn hat Proudhon das seinem Volke gesagt; hat er für den Moment der Revolution, der Auflösung, des Übergangs, der Möglichkeit umfassender, grundlegender Maßnahmen die einzelnen Schritte, die Dekrete vorgeschlagen, die das Neue geschaffen hätten, die der letzte Akt der Regierung gewesen wären; die aus dieser Regierung wirklich das gemacht hätten, als was sie sich benannte: eine provisorische Regierung.

Die Stimme war da; die Ohren haben gefehlt. Der Moment ist gewesen und ist vorbeigegangen, ist nun für immer vorbei.

 

Der Mann Proudhon, der wußte, was wir Sozialisten heute wieder wissen: der Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich und ist zu allen Zeiten unmöglich; er ist möglich, wenn die rechten Menschen da sind, die ihn wollen das heißt: tun; und er ist unmöglich, wenn die Menschen ihn nicht wollen oder ihn nur sogenannt wollen, aber nicht zu tun vermögen, dieser Mann ist nicht gehört worden. Statt auf ihn hat man auf einen andern gehört, der mit der falschen Wissenschaft, die wir geprüft und verworfen haben, gelehrt hat: der Sozialismus sei die Krönung des kapitalistischen Großbetriebs; er komme erst, wenn ganz wenige Kapitalisten im Privatbesitz von Einrichtungen seien, die schon beinahe sozialistisch geworden wären, so daß es für die vereinigten Proletariermassen ein Leichtes wäre, ihn aus dem Privatbesitz in das gesellschaftliche Eigentum überzuführen.

Statt auf Pierre Joseph Proudhon, den Mann der Synthese, hat man auf Karl Marx, den Mann der Analyse, gehört und hat damit die Auflösung, die Zersetzung, den Verfall weiter gewähren lassen.

Marx, der Mann der Analyse, hat mit festen, starren, in ihr Wortgehäuse gefangenen Begriffen gearbeitet; mit diesen Begriffen wollte er die Entwicklungsgesetze aussprechen und schon beinahe befehligen.

Proudhon, der Mann der Synthese, hat uns gelehrt, daß die geschlossenen Begriffsworte nur Symbole für die unaufhaltsame Bewegung sind; er hat die Begriffe in strömende Kontinuität aufgelöst.

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Marx, der Mann scheinbarer und anspruchsvoller Wissenschaft, war der Gesetzgeber und Diktator der Entwicklung; er sprach sein Wort über sie; und so, wie er bestimmte, sollte es ein für alle Mal sein. Das Geschehen sollte sich verhalten, wie ein fertiges, abgeschlossenes, totes Sein. Darum gibt es einen Marxismus, der eine Doktrin und schon beinahe ein Dogma ist.

Proudhon, der keine Frage mit Dingworten lösen wollte, der an die Stelle geschlossener Dinge Bewegungen, Beziehungen, an die Stelle des scheinhaften Seins das Werden, an die Stelle der groben Sichtbarkeiten das unsichtbare Hin und Her gesetzt hat, verwandelte schließlich — in seinen reifsten Schriften — die Sozialökonomie in Psychologie, die Psychologie aber aus der starren Individual­psychologie, die aus dem Einzelmenschen ein isoliertes Ding macht, in eine Sozialpsychologie, die den Menschen als Glied eines unendlichen, ungetrennten und unsäglichen Werdestroms erfaßt. 

So gibt es keinen Proudhonismus, sondern nur einen Proudhon. So kann das, was Proudhon für einen bestimmten Moment Wahres gesagt hat, heute, wo man die Dinge Jahrzehnte lang hat weitergehen lassen, nicht mehr gelten. Geltung kann nur haben, was Ewiges in Proudhons Verstehen ist; es kann nicht sklavisch der Versuch gemacht werden, zu ihm, zu einem vergangenen geschichtlichen Moment zurückzukehren.

Was die Marxisten von Proudhon gesagt haben, sein Sozialismus sei ein kleinbürgerlicher und kleinbäuerlicher Sozialismus, ist, noch einmal sei's wiederholt, völlig wahr und ist sein höchster Ruhmestitel. Sein Sozialismus, anders ausgedrückt, von den Jahren 1848 bis 1851 war der Sozialismus des französischen Volkes in den Jahren 1848 bis 1851. Er war der Sozialismus, der in diesem Moment möglich und nötig war. Proudhon war kein Utopist und kein Augur; kein Fourier und kein Marx; er war ein Mann der Tat und der Verwirklichung.

Wir reden aber hier ausdrücklich von Proudhon, dem Manne von 1848 bis 1851. Dieser Mann sagte, und dazu war die Epoche angetan, daß er es sagen mußte: Ihr Revolutionäre, wenn ihr das tut, vollbringt ihr großen Umschwung.

Dem Mann der späteren Jahre, von dem wir so viel zu lernen haben wie von dem Achtundvierziger, ist es nicht genehm gewesen, auch nach der Revolution noch die Worte der Revolution in eitler komödiantischer oder phonographischer Selbstkopie zu wiederholen. Alles hat seine Zeit; und jede Zeit nach der Revolution ist eine Zeit vor der Revolution für alle, deren Leben nicht in dem großen Moment der Vergangenheit geblieben ist.

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Proudhon hat weitergelebt, obwohl er an mehr als einer Wunde blutete; er hat sich jetzt gefragt: wenn ihr das tut, habe ich gesagt; aber warum haben sie es nicht getan? Er hat die Antwort gefunden und hat sie in all seinen späteren Werken niedergelegt, die Antwort, die in unsrer Sprache heißt: weil der Geist gefehlt hat.

Er hat damals gefehlt und hat seitdem sechzig Jahre lang gefehlt und ist immer tiefer verkommen und versunken. Alles, was wir bisher gezeigt haben, läßt sich in den Satz zusammenfassen: das Warten auf den vermeintlich in der Geschichte vorgesehenen rechten Moment hat dieses Ziel immer weiter hinaus­geschoben, immer mehr ins Dunkle und Verschwommene gerückt; das Vertrauen auf die Fortschritt­entwicklung war der Name und Titel des Rückgangs und diese "Entwicklung" hat die äußern und innern Verhältnisse immer mehr der Erniedrigung angepaßt, immer weiter vom Umschwung entfernt.

Mit ihrem: "Es ist nicht an der Zeit!" werden die Marxisten recht haben, solange die Menschen es ihnen glauben, und sie werden nie weniger, werden immer mehr recht haben. Ist es nicht der schauerlichste Wahn, der je gelebt und Wirkung geübt hat, daß ein Spruch darum gilt, weil er gesprochen und gläubig angehört wird? Und muß nicht jeder merken, daß der Versuch, das Werden so auszusprechen, als wäre es ein abgeschlossenes Sein, wenn er Macht über die Gemüter der Menschen gewinnt, eben dazu führen muß, daß die Gewalten der Gestaltung und die Schöpferkraft gelähmt werden?

Darum ist dieser unser unermüdlicher Angriff auf den Marxismus, darum kommen wir fast nicht von ihm los, darum hassen wir ihn von ganzem Herzen: weil er nicht eine Beschreibung und eine Wissenschaft ist, wofür er sich ausgibt, sondern ein negierender, zersetzender und lähmender Appell an die Ohnmacht, die Willenlosigkeit, die Ergebung und das Geschehenlassen. Die bieneneifrige Kleinarbeit der Sozialdemokratie — die ja überdies nicht Marxismus ist — ist nur die Kehrseite dieser Ohnmacht und bringt nur zum Ausdruck, daß der Sozialismus nicht da ist: denn der Sozialismus geht, im Kleinen und Großen, aufs Ganze. Nicht die Kleinarbeit als solche ist zu verwerfen; nur diese, wie sie geübt wird, die im Kreise des bestehenden Unsinns umhertreibt, wie ein welkes Blatt im Wirbelsturm.

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Die sogenannten Revisionisten, die in der Kleinarbeit ganz besonders eifrig wie geschickt sind, und die sich in ihrer Kritik des Marxismus vielfach mit uns berühren — kein Wunder, sie haben sie zum großen Teil vom Anarchismus, von Eugen Dühring und andern unabhängigen Sozialisten genommen — haben sich allmählich so in etwas verliebt, was man die prinzipielle Taktik nennen könnte, daß sie mit dem Marxismus auch den Sozialismus fast bis auf die letzte Spur von sich getan haben. Sie sind im Begriff, eine Partei zu gründen zur Förderung der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft auf parlamentarischen und wirtschaftlichen Wegen. 

Sind die Marxisten Entwicklungsgläubige à la Hegel, so sind die Revisionisten Anhänger der Entwicklung à la Darwin. Sie glauben nicht mehr an die Katastrophe und die Plötzlichkeit; der Kapitalismus wird nicht in den Sozialismus revolutionär umschlagen, meinen sie, sondern er wird sich allmählich so ausgestalten, daß er immer erträglicher wird.

Einige von ihnen möchten am liebsten schon ganz gerne zugeben, daß sie keine Sozialisten sind, und gehen in ihrer Anpassung an Parlamentarismus, Partei- und Fraktionsschlauheit, Wählerfang und Monarchismus erstaunlich weit. 

Andere halten sich noch durchaus für Sozialisten; sie glauben eine stetige, langsame, aber nicht aufzuhaltende Verbesserung der privaten Lage der Arbeiter, des Anteils der Arbeiter an der Produktion durch sogenannten industriellen Konstitutionalismus, der öffentlich-rechtlichen Zustände durch Ausbau demokratischer Einrichtungen in allen Ländern zu sehen und ziehen aus dem auch von ihnen deutlich erkannten und zum Teil von ihnen bewirkten Zusammenbruch der marxistischen Doktrin den Schluß, der Kapitalismus sei schon auf dem besten Wege zum Sozialismus und die energische Förderung dieser Entwicklung sei die Aufgabe der Sozialisten. Sie sind mit dieser Auffassung gar nicht so sehr weit von dem entfernt, was schon von allem Anfang an im Marxismus steckte, und die sogenannten Radikalen waren schon immer auf den nämlichen Wegen und haben nur den Wunsch, daß man diese Einsicht den zum Revolutionarismus aufgepeitschten und dadurch zusammengehaltenen Wählermassen nicht sage.

Das wahre Verhältnis der Marxisten zu den Revisionisten ist folgendes: Marx und die besten seiner Schüler hatten immerhin das Ganze unsrer Zustände in ihrem geschichtlichen Zusammenhang ins Auge gefaßt und versucht, die Einzelheiten unsres Gesellschafts­lebens unter Allgemeinbegriffe zu ordnen. Die Revisionisten sind skeptische Epigonen, die wohl sehen, daß die aufgestellten Allgemeinheiten sich mit den neu entstandenen Wirklichkeiten nicht decken, die jedoch das Bedürfnis nach einer neuen und wesensandern Gesamterfassung unsrer Zeit überhaupt nicht mehr haben.

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Der Marxismus hatte vorübergehend große Teile der Enterbten wenigstens zur Empfindung ihrer Not, zur Unzufriedenheit und zu einer der Gesamtänderung zugekehrten idealistischen Stimmung gebracht. Das konnte nur nicht von Dauer sein, weil sich die Massen unter dem Einfluß dieser Wissenschaftsnarretei aufs Warten verlegten und zu jeder sozialistischen Betätigung unfähig waren. So wäre allmählich in die Massen längst wieder Stumpfheit und Ruhe eingekehrt, wenn sie nicht fortwährend durch politisch-demagogische Methoden aufgestachelt würden. 

Die Revisionisten nun sehen, daß die allerschlimmsten Barbareien des beginnenden Kapitalismus abgetan sind, daß die Arbeiter sich mehr an die proletarischen Zustände gewöhnt haben und daß der Kapitalismus keineswegs sich dem Zusammenbruch genähert hat. In alledem erblicken wir freilich die ungeheure Gefahr der Festsetzung des Kapitalismus. In Wahrheit hat sich – im ganzen betrachtet – die Lage der Arbeiterklasse nicht verbessert; das Leben ist vielmehr nur immer schwerer und unerfreulicher geworden. Ist so unerfreulich geworden, daß die Arbeiter freudlos, hoffnungslos, an Geist und Charakter verarmt worden sind. Vor allem aber geht der Kampf des Sozialismus, der rechte Kampf, gar nicht aus Mitleidsregungen hervor und dreht sich nicht ausschließlich oder in erster Reihe um das Los einer bestimmten Menschen­schicht. Es handelt sich um eine völlige Umgestaltung der Grundlagen der Gesellschaft; es geht um ein Neuschaffen.

Diese Stimmung (denn mehr als Stimmung war es bei ihnen nie) ist unsern Arbeitern mehr und mehr verlorengegangen, weil im Marxismus die Elemente der Zersetzung und Ohnmacht von Anfang an stärker waren als die Kräfte der Empörung, denen jeglicher positive Gehalt fehlte. Die Erscheinung des Revisionismus und seines vergnüglichen Skeptizismus ist nur der "ideologische Überbau" über der Tatlosigkeit, Ratlosigkeit und Genügsamkeit der Massen und zeigt allen, die es nicht schon wußten, daß die Arbeiterschaft nicht auf Grund geschichtlicher Notwendigkeit das auserwählte Volk Gottes, der Entwicklung, ist, sondern eher der Teil des Volkes, der am schwersten leidet und infolge der seelischen Veränderungen, die das Elend mit sich bringt, am schwersten zur Erkenntnis zu bringen ist.

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Am besten hütet man sich vor allen Verallgemeiner­ungen auf diesem Gebiet; Arbeiterschaft ist vielerlei, und Leid hat noch allewege auf die sehr verschiedenen Menschen sehr verschiedene Wirkungen hervorgebracht. Zum Leid aber gehört vor allem das Gefühl für die eigene Lage; und wie viele Proletarier tragen insofern nicht im mindesten Leid!

Wie nun in diesen Zeiten nach der gescheiterten Revolution, in diesen sechzig Jahren vor der Revolution, die wir bisher hinter uns gebracht haben, die Verhältnisse in Wahrheit geworden sind, wissen wir. Es waren die Jahrzehnte der Anpassung an den Kapitalismus, der Anpassung an die Proletarisierung, und es ist wahrhaftig eine Anpassung, die in manchen Stücken schon Vererbung geworden ist; es ist eine Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Menschen, die schon merklich ein Verfall sehr vieler Körper von Einzelmenschen geworden ist.

Das ist eine ungeheure Gefahr, die hier ausgesprochen wird. Wir haben gesagt: der Sozialismus muß nicht kommen, so wie die Marxisten es meinen.

Wir sagen jetzt: es kann der Moment kommen, wenn die Völker noch lange zögern, wo das Wort heißen muß: der Sozialismus kann diesen Völkern nicht mehr kommen.

Die Menschen mögen sich noch so töricht, noch so niedrig gegeneinander verhalten, sie mögen noch so sehr sich in Knechtschaft ergeben oder in die eigne Brutalität finden: all das ist etwas zwischen den Menschen, etwas Funktionelles und kann in der nächsten Generation, kann schon den Menschen, wie sie jetzt leben, sich ändern, wenn eine entscheidende Erschütterung über sie kommt.

Solange es sich um diese sozialen Beziehungen, das ist eben das, was man gewöhnlich das Psychologische nennt, handelt, ist der Fall noch nicht schlimm. Und so ist das große Massenelend, Not, Hunger, Obdachlosigkeit, seelische Verwahrlosung und Verkommenheit; und ebenso auf der oberen Seite Genußgier, blöder Luxus, Militarismus, Geistlosigkeit: all das, so schlimm es ist, ist zu kurieren, wenn der rechte Arzt kommt: aus dem gestaltenden Geiste die große Revolution und Regeneration. 

Ist aber all die Not und der Druck und der Ungeist nicht mehr bloß in Herkunft und Wirkung etwas zwischen den Menschen, eine Störung der Beziehungen, die in der Seele sitzt oder besser gesagt:

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Nicht mehr bloß eine Störung in dem Beziehungskomplex zwischen den Menschen, den wir Seele nennen, ist es vielmehr infolge von chronischer Unterernährung, Alkoholismus, lang anhaltender Verrohung, fortgesetzter Unbefriedigung, starker und auf allen Gebieten wirksamer Geistlosigkeit zu Änderungen der Individualleiber gekommen, die sich an Bedeutung zur Seele und dem sozialen Gefüge verhalten wie die Spinne zu ihrem Netz, dann kann keinerlei solche Kur mehr helfen, so kann es dahin kommen, daß große Volksteile, daß ganze Völker zum Untergang verdammt sind. 

Sie gehen so unter, wie immer Völker untergegangen sind: andre, gesunde Völker werden Herr über sie und es tritt eine Völkermischung, manchmal sogar eine teilweise Ausrottung ein. Wenn nämlich noch andere gesunde Völker da sind. Man darf aber nicht mit Analogien aus früheren Perioden der Völkergeschichte ein leichtes Spiel treiben. Es braucht, wenn es soweit kommt, nicht wieder so zu gehen, wie es in den Zeiten der sogenannten Völkerwanderungen gegangen ist. Wir leben in den Zeiten der beginnenden Menschheit, und ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen ist es nicht, daß diese beginnende Menschheit der Anfang vom Ende der Menschheit sein könnte. Vielleicht hat nie eine Zeit, was man wohl den Weltuntergang nennt, so gefährlich vor Augen gesehen, wie unsere.

Menschheit nämlich im Sinne eines wirklichen Beziehungskomplexes, einer durch äußere Fäden und inneren Zug und Drang zu einander gebrachten, die Volksschranken übersteigenden Erdgesellschaft gibt es bisher freilich noch nicht.

Surrogate dafür sind da, die aber diesmal mehr als Ersatzmittel, die Anfang sein könnten: der Weltmarkt, internationale Verträge in der Staatspolitik, internationale Vereine und Kongresse der mannigfachsten Art, Verkehr und Mitteilung rings um den Erdball, das alles schafft mehr und mehr, wenn nicht Gleichheit, so doch Anähnlichung der Interessen, der Sitten, der Kunst oder ihrer modischen Ersatzmittel, des Sprachgeistes, der Technik, der Formen der Politik. Auch Arbeiter werden mehr und mehr von den einen Völkern den anderen geliehen. Alles nun, was geistige Wirklichkeit ist; Religion, Kunst, Sprache, Gemeingeist überhaupt ist doppelt da oder scheint uns mit natürlichem Zwange doppelt: einmal in der Individualseele als Eigenschaft oder Vermögen, das andere Mal draußen als etwas, was zwischen den Menschen webt und Organisationen und Bünde schafft.

Das alles ist ungenau ausgedrückt; was sich im Vorbeigehen daran noch bessern läßt, soll gleich geschehen; aber wir können in diese Abgründe der Sprachkritik und der Ideenlehre (die beide zusammengehören) jetzt nicht bis zu unterst hinuntersteigen; das alles ist hier nur wieder einmal angedeutet worden, um zu sagen:

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humanitas, humanité, humanity, Humanität und Menschheit – wofür wir jetzt mit einem verweichlichten und der Tiefe beraubten Ausdruck falscher Mitleidsherablassung Menschlichkeit sagen – all diese Worte haben sich ursprünglich nur auf die im Individuum lebendige und waltende Menschheit bezogen; die war einmal sehr stark vorhanden, sehr leibhaft empfunden, zumal in den hohen Zeiten der Christenheit.

Und zu einer wirklichen Menschheit im äußeren Sinne werden wir nur kommen, wenn die Wechselwirkung oder besser die Identität – denn alle scheinbare Wechselwirkung ist identische Gemeinschaft – für die im Individuum konzentrierte Menschheit und die zwischen den Individuen erwachsene Menschheit gekommen ist. Im Samen wohnt das Gewächs, wie der Samen ja nur die Quintessenz der unendlichen Kette von Vorfahrengewächsen ist; aus dem Menschtum des Individuums empfängt die Menschheit ihr echtes Dasein, wie dieses Menschtum des einzelnen ja nur das Erbe der unendlichen Geschlechter der Vergangenheit und all ihrer gegenseitigen Beziehungen ist. Das Gewordene ist das Werdende, der Mikrokosmos der Makrokosmos; das Individuum ist das Volk, der Geist ist die Gemeinschaft, die Idee ist der Bund.*

 

Aber zum ersten Mal in der Geschichte der paar tausend Jahre, die wir kennen, will die Menschheit im vollkommenen Sinn und Umfang äußerlich werden. Die Erde ist so gut wie völlig erforscht, ist bald so gut wie völlig besiedelt und besessen; es gilt jetzt eine Erneuerung, wie sie in der uns bekannten Menschenwelt noch nicht war. Das ist der entscheidende Zug dieser unsrer Zeit, dieses Neue, das viel mehr ein furchtbar Überwältigendes für uns sein müßte: die Menschheit rund um den Erdball herum will sich schaffen und will sich in einem Moment schaffen, wo gewaltige Erneuerung über das Menschtum kommen muß, wenn nicht der Beginn der Menschheit ihr Ende sein soll. Früher war solche Erneuerung oft identisch mit den neuen Völkern, die aus Ruhe und Kulturmischung hervorkamen, oder aber mit neuen Ländern, in die abgewandert wurde. Je weiter die Anähnlichung zwischen den Völkern vorschreitet, je mehr die Länder dicht und dichter besetzt werden, um so geringer wird die Hoffnung auf solche Erneuerung von außen her oder nach außen hin. Noch können solche, die an unsern Völkern schon verzweifeln wollen oder die wenigstens glauben, der äußere Anstoß zur radikalen Erneuerung der Gemüter und der Lebenskraft müsse

 

* OD: Diesen Absatz zitiert Siegbert Wolf im Nachwort (12). Zur Erleichterung des Nachprüfenden, habe ich eingefärbt.

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von außen, von neu aus dem Heilschlaf erwachten alten Völkern kommen, noch können sie auf die chinesischen, die indischen, etwa noch die russischen Völker etwelche Hoffnungen bauen; noch können manche sich daran halten, hinter der bübischen nordamerikanischen Barbarei schlummere etwa ein annoch versteckter Idealismus und Kraftüberschuß von Glut und Geist, der wunderhaft hervorbrechen könnte; aber denkbar ist es, daß wir Vierzig- und Fünfzigjährigen es noch miterleben, daß diese romantische Erwartung zu Schanden wird, daß die Chinesen den Affenweg der Japaner gehen, daß die Inder nur aufstehen, um schnell in die Bahnen des Verfalls zu gleiten und so weiter. Sehr schnell geht die Anähnlichung, die Zivilisation und mit ihr in Verbindung die durchaus veritable physische und physiologische Dekadenz vorwärts.

 

In diesen Abgrund müssen wir eintauchen, um den Mut und die inständige Not zu schöpfen, die wir brauchen. Größer und anders, als sie in Zeiten, die wir kennen, je gewesen, muß diesmal die Erneuerung sein; wir suchen nicht nur Kultur und Menschenschönheit des Mitlebens; wir suchen Heilung; wir suchen Rettung. Das größte Außen, das je auf Erden war, muß geschaffen werden und bahnt sich in den privilegierten Schichten schon an: die Erdmenschheit; nicht aber durch äußere Bande, durch Abmachungen oder ein Staatsgefüge oder den Weltstaat gräßlicher Erfindung kann sie kommen, sondern nur über den Weg des individuellsten Individualismus und der Neuerstehung der kleinsten Körperschaften: der Gemeinde vor allen andern. 

Das Umfängliche gilt es zu bauen, und im Kleinen muß der Bau begonnen werden; in alle Breiten müssen wir uns dehnen und können es nur, wenn wir in alle Tiefen bohren; denn kein Heil kann diesmal mehr von außen kommen und kein unbesetztes Land ladet die zu dicht gedrängten Völker zur Besiedlung mehr ein; die Menschheit müssen wir gründen und können sie nur finden im Menschtum, können sie nur erstehen lassen aus dem freiwilligen Bunde der Individuen und aus der Gemeinde der urselbständigen und natürlich zueinander gezwungenen Einzelnen.

Nun erst können wir frei atmen und die unentrinnbare Not unsrer Aufgabe als Stück unsres Daseins akzeptieren, wir Sozialisten; wo wir die Gewißheit empfinden und lebendig in uns tragen, daß unsre Idee nicht eine Meinung ist, der wir uns anschließen, sondern ein gewaltiger Zwang, der uns vor die Wahl stellt:

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entweder den wahrhaften Untergang der Menschheit voraus zu erleben und seine Anfänge um sich fressen zu sehen oder den ersten Beginn des Aufstiegs mit unserm eigenen Tun zu machen.

 

Der Weltuntergang, den wir hier als ein Gespenst möglicher Wirklichkeit drohen lassen, heißt natürlich nicht ein plötzliches Aussterben. Wir warnen nur vor der Analogie, vor der Neigung, weil wir von ein paar Verfallzeiten wissen, auf die dann Höhezeiten folgten, darin eine Regel unverbrüchlicher Art finden zu wollen.

Wenn wir uns vorhalten, wie unerhört schnell in diesen unsern Zeiten der kapitalistischen Zivilisation die Völker und ihre Klassen einander ähnlich werden: wie die Proletarier stumpf, ergeben, roh, äußerlich und in immer noch steigendem Maße alkoholisiert werden, wie sie mit der Religion jede Art der Innigkeit und Verantwortung zu verlieren beginnen, wie das alles angefangen hat, leiblich zu werden; wie in den oberen Schichten die Kraft zur Politik, zum umfassenden Schauen und eingreifenden Wirken verlorengeht, wie an die Stelle der Kunst Geckerei, modischer Firlefanz und archäologische oder historische Imitation tritt, wie mit der alten Religion und Moral weiten Schichten jeder Halt, jede Heiligkeit, jede Festigkeit des Charakters verlorengegangen ist, wie die Frauen in den Wirbel der oberflächlichen Sinnlichkeit, der farbig-dekorativen Genußgier hineingerissen worden sind; wie die natürlich-unbesonnene Volksvermehrung in allen Schichten der Bevölkerung zu weichen beginnt und an ihre Stelle, von Wissenschaft und Technik geleitet, die kinderlose Geschlechtlichkeit tritt; wie unter Proletariern und Bürgern die Zigeunerei gerade die besseren Elemente ergreift, die es nicht mehr aushalten, unter den obwaltenden Bedingungen regelmäßig freudlose Arbeit zu tun; wenn wir sehen, wie das alles in allen Schichten der Gesellschaft zu Neurasthenie und Hysterie zu werden anfängt: dann ist die Frage erlaubt und geboten: wo ist das Volk, das sich zur Gesundung, das sich zum Schaffen der neuen Einrichtungen aufrafft? 

 

Ist es ganz sicher, sind untrügliche Zeichen da, daß wir wieder hinaufgehen, wie einstmals aus verfallender, raffinierter Zivilisation und frischem Blut neuer Beginn gekommen ist? Ist es gewiß, daß nicht Menschheit ein vorläufiges, ungenügendes Wort ist für etwas, was später heißen wird: Ende der Völker? 

Schon ertönen Stimmen von entarteten, entfesselten und entwurzelten Weiblein und ihrem Männertroß, die Promiskuität verkünden, an die Stelle der Familie das Vergnügen der Abwechslung, an die Stelle der freiwilligen Bindung die Schranken­losigkeit, an die Stelle der Vaterschaft die staatliche Mutterschafts­versicherung setzen wollen.

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Der Geist braucht Freiheit und trägt Freiheit in sich; wo der Geist Einungen gleich Familie, Genossenschaft, Berufsgruppe, Gemeinde und Nation schafft, da ist Freiheit und da kann auch Menschheit werden; aber wissen wir denn, wissen wir denn sicher, ob wir das, was jetzt an Stelle des fehlenden Geistes innerhalb der Zwangs- und Herrschafts­institutionen, die ihn vertreten, zu toben beginnt: die Freiheit ohne Geist, die Freiheit der Sinne, die Freiheit der verantwortungslosen Lust — ob wir sie vertragen? ob nicht die grauenhafteste Qual und Öde, die hinfälligste Schwäche und stumpfe Schwunglosigkeit sich aus alledem ergeben muß? Ob noch je einmal ein Augenblick der glühenden Erschütterung, der Wiedergeburt, der hohen Zeit des Bundes der Kultur­gemeinden uns Menschen kommen wird? Die Zeiten, wo Gesang über Völkern wohnt, wo Türme die Einheit und den Aufschwung zum Himmel tragen, und große Werke als Repräsentanten der Volksgröße von turmhaften Menschen, in deren Geist das Volk konzentriert ist, geschaffen werden?

Wir wissen es nicht und wissen darum, daß der Versuch unsre Aufgabe ist. Ganz und gar weggeräumt ist jetzt jegliche angebliche Wissenschaft von der Zukunft; nicht nur kennen wir keine Entwicklungsgesetze; wir kennen sogar die gewaltige Gefahr, daß wir jetzt schon zu spät daran sein können, daß all unser Tun und Versuchen vielleicht nichts mehr helfen wird. Und so haben wir die letzte Fessel von uns gestreift: in all unserm Wissen wissen wir nichts mehr. 

Wir stehen wie Urmenschen vor Unbeschriebenem und Unbeschreiblichem; wir haben nichts vor uns und alles nur in uns: in uns die Wirklichkeit oder Wirksamkeit nicht der kommenden, sondern der gewesenen und darum in uns wesenden und wesenhaften Menschheit; in uns das Werk; in uns die untrügliche Pflicht, die uns auf unsern Weg schickt; in uns das Bild dessen, was Erfüllung werden soll; in uns die Not, auszuscheiden aus Jammer und Niedertracht; in uns Gerechtigkeit, die zweifellos und unbeirrt ist; in uns Anstand, der die Gegenseitigkeit will; in uns Vernunft, die das Interesse aller erkennt.

Die so fühlen, wie hier geschrieben steht; denen aus der größten Not die größte Tapferkeit wächst; die es mit der Erneuerung versuchen wollen trotz alledem – die sollen sich nun sammeln, die werden hier gerufen; die sollen den Völkern sagen, was zu tun ist, sollen den Völkern zeigen, wie begonnen wird.

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