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Teil 2     Zeitbombe Umwelt

6.  Teufelskreis der Armut

 

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Menschen in unserem Sinne gibt es nach heutigem Kenntnisstand seit rund zweieinhalb Millionen Jahren. Während 99,6 % dieser Zeit lebten die Menschen als Jäger und Sammler in kleinen, umher­ziehenden Gruppen — im Einklang mit der Natur. Die Gesamt­bevölkerung betrug während all dieser Zeit nie mehr als wenige Millionen. Die meiste Zeit — bevor die Menschen sich aus dem heutigen Afrika, der Wiege der Menschheit, in andere Erdteile verbreiteten — gab es sogar nur einige Hundert­tausend.

   Die Weltbevölkerung wächst explosionsartig  

Vor rund 10.000 Jahren begannen die ersten Menschen, seßhaft zu werden und Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Innerhalb kurzer Zeit wurde dies zur vorherrschenden Lebensform. Die wichtigste Konsequenz dieses Umbruchs war, daß die Bevölkerung anfing, dramatisch zu wachsen. 7000 v. Chr. hatte sie sich bereits verzehnfacht. Im Jahre Null — zu Beginn unserer Zeitrechnung — hatte die Weltbevölkerung 250 Millionen erreicht. Im Zuge der Zivilisation verdoppelte sich die Menschheit in immer kürzeren Zeitabständen. Im Jahre 1650 waren es 500 Millionen. 150 Jahre danach, um 1800, war die erste Milliarde erreicht, 1925 die zweite — und nur 50 Jahre später, 1975, waren es vier Milliarden.

Wieviel Erde braucht der Mensch? Oder anders gefragt: Wie viele Menschen verkraftet dieser Planet? 

Über diese Fragen läßt sich trefflich streiten — und genau das tun viele gescheite Leute, die sich beruflich vorwiegend mit Zahlen, Statistiken und Comp­uter­modellen befassen. Es wird wohl nie allgemein­gültige, das heißt von allen akzeptierte Antworten geben. Aber eines ist sicher: Wenn ein Punkt erreicht ist — und dies ist heute der Fall — an dem die Mehrheit der Welt­bevölkerung unter menschen­unwürdigen Bedingungen lebt, und wir gleichzeitig auf dem besten Wege sind, unsere gesamten Lebens­grund­lagen zu zerstören — dann muß man nicht mehr fragen, ob eine Überbevölkerung vorliegt oder nicht. 

Praktisch alle wesentlichen Probleme, die wir heute haben, hängen direkt oder indirekt mit der Überbevölk­erung, dem zunehmenden Platzmangel sowie den immer knapper werdenden Ressourcen zusammen. Und die Menschheit wächst weiter — ja das Wachstum beschleunigt sich zunehmend. Der Fachjargon nennt dies bescheiden: exponen­tielles Wachstum.

Im Jahre 2000 wird die Weltbevölkerung 6,5 Milliarden betragen. Und von den Pessimisten wird für 2030, von den Optimisten für 2060 die Verdoppelung vorausgesagt.

detopia-2021: Das mit der "Verdopplung" lese ich oft und das hängt sicher "mit der Mathematik" zusammen, also mit der (prozentualen) Geburten"Rate" und daraus ableitend wird dann eine Funktion konstruiert. Mir ist immer noch unklar, warum viele "Publikums-"-Autoren "die Verdopplung (szeit) brauchen" - und wozu? Und sie trifft auch nie richtig ein. Das sehen wir hier an der langen Zeitspanne von 30 Jahren zwischen den "Pessimisten und den Optimisten" - ein ziemlich langer "Verdopplungsunsicherheitsfaktor". ("Ob er aber über Obergammergau, oder aber über..."). Da bleibe ich besser bei meinen "alle 13 Jahre eine neue Milliarde", obwohl ich dabei den (möglichen) Beschleunigungsfaktor ausgeblendet habe. Damit kommen wir für 2050 auf 10 Milliarden. (Aber nicht auf die "Verdopplung", nämlich 13.) Jedenfalls stehen wir heute kurz vor der achten Milliarde. Die Zahl ist furchtbar genug - und gibt konkreten Anlaß für einen nachsichtigen Pessimismus. # Bevölkerungsbuch # Vielleicht war Ehrlich 1968 der Antreiber für "das Verdopplungswesen". Die "aktuelle Verdopplung" hat 50 Jahre "gedauert", nämlich von 1974 (4) bis 2024 (8). - Eine "nächste/neue Verdopplung" wird es nicht geben (also 2074 auf 16 Milliarden). Und zwar auf Grund von Klima, Nahrung (einschließlich Wasser) und den typisch-menschlichen Verhaltensweisen.

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Im übrigen wird sich den Prognosen zufolge das Wachstum verlangsamen und die Welt­bevölkerung dann irgendwo zwischen 9 und 14 Milliarden einpendeln. So unglaublich es klingt: In dieser Perspektive wird auch noch ein Grund zur Beruhigung gesehen. Dies zeigt den Zynismus moderner Zahlenakrobaten. Sie interessieren sich für Zahlen — nicht dafür, was sich hinter ihnen verbirgt. Um vorauszusehen, daß die Menschheit nicht unbegrenzt weiter­wachsen kann, braucht man keinen Computer. Wo es nicht mehr genug zum Leben gibt, wird ganz einfach massenhaft gestorben. In ver­schiedenen Regionen der Erde hat dieser Vorgang längst eingesetzt.

   Ursachen und Wirkungen  

Womit hängt das fatal beschleunigte Wachstum zusammen? Dies ist die nächste deprimierende Erkenntnis: Zwischen Armut und Bevölkerungs­wachstum besteht ein direkter Zusammenhang. Je ärmer die Menschen, desto größer der Kinderreichtum — und je kinder­reicher die Familien, desto größer die Armut. Genauer betrachtet, sind es vier Faktoren, die in verhängnisvoller Weise miteinander verknüpft sind:  Armut, Analphabetismus, Hunger und Überbevölkerung. Wer am Hungertuch nagt, geht nicht zur Schule. Wer nicht zur Schule geht, kann nicht lesen und schreiben. Wer nicht lesen und schreiben kann, verfügt nicht über das notwendige Wissen, um sein Leben aktiv gestalten und sich durch geregelten Broterwerb über Wasser halten zu können.

Außerdem herrschen in Ländern der sogenannten "Dritten Welt" meist patriarchalische Kulturen. Kinder­reich­tum ist für die Armen oft das einzige erreich­bare Statussymbol — und körperliche Liebe das einzige Vergnüg­en in einem ansonsten eintönigen und wenig erfreulichen Leben. Häufig genug sind Kinder willkommene Arbeits­kräfte, die mal auf legale, mal auf weniger legale Weise ein Zubrot für die Familie verdienen helfen. 

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Das Inter­nationale Arbeitsamt (ILO) hat erhoben, daß weltweit jedes achte Kind zwischen 10 und 14 Jahren arbeiten muß. Und dies ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Über die Kinder unter 10 Jahren gibt es keine verläßlichen Daten. Es gibt nur eine Schätzung des Inter­nationalen Arbeits­amtes, und diese besagt, daß die Zahl der arbeitenden Kinder weltweit insgesamt "einige hundert Millionen" beträgt.

Im übrigen: Wer nicht lesen und schreiben kann, weiß auch nicht Bescheid über Dinge wie Empfängnis­verhüt­ung oder Zusammen­hänge zwischen Kinderreichtum und Hunger. Ungebildete und unterernährte Menschen sind ganz einfach nicht in der Lage, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, auch dort nicht, wo theoret­isch noch gewisse Überlebens­möglichkeiten vorhanden wären — und dies ist in vielen Gebieten, wo Massen armer Menschen leben, von vornherein nicht der Fall.

Hier liegt die eigentliche Tragik: Wir haben es mit einem Teufelskreis zu tun, der durch keine Maßnahme der Welt kurzfristig unterbrochen werden kann. Das Bevölkerungs­wachstum verstärkt sich selbst. Bis zum bitteren Ende.

   Nichts zu essen, nichts zu trinken  

Haben Sie in Ihrem Leben schon einmal unter Hunger gelitten? Großen Appetit zu verspüren und sich ein paar Stunden auf ein schönes Abendessen zu freuen, ist eine Sache, unter echten Hungergefühlen zu leiden eine andere. Ich hatte als junger Student ein paarmal, wenn auch nur ansatzweise, Gelegenheit dazu. Ich mußte damals mit ausgesprochen wenig Geld auskommen — und manchmal hatte ich vorübergehend gar keins mehr. Da konnte es schon passieren, daß ich mal hier und mal da einen oder zwei Tage schlicht nichts zu beißen hatte. Dies lag zwar immer an meiner lausigen Planung, änderte aber nichts an den Tatsachen. 

Ich habe da manchmal derart Hunger gehabt, daß ich nachts aufgestanden bin und in der Küche meiner Zimmerwirtin etwas Reis oder Teigwaren geklaut, schnell aufgekocht und verschlungen habe — nur kleine Portionen, damit es nicht auffallen würde. Ich habe erst später entdeckt, daß die gute Frau das ganz genau wußte. Aber sie mochte mich und hat nie etwas gesagt. Seit damals habe ich zumindest eine Ahnung davon, was es heißt, von Hungergefühlen tyrannisiert zu werden: nicht arbeiten und nicht schlafen zu können vor Hunger und nichts anderes mehr denken zu können als dies: Wie komme ich zu etwas Eßbarem?

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Nun, ein Fünftel der Menschen auf diesem Planeten kennt Hunger nicht als Ausnahme­erscheinung im Rahmen eines ansonsten gutbürgerlichen Lebens, sondern als Dauerzustand. Die Ärmsten der Armen — es sind etwas mehr als 1,2 Milliarden Menschen — leben mit weniger als 1 US$ pro Tag. Ihr Denken kreist täglich nur um diese eine Frage: Wie kann ich für mich und meine Familie etwas Eßbares beschaffen, um den schlimmsten Hunger zu stillen? Manchmal finden sie eine Antwort auf diese Frage — und manchmal nicht. Diese Menschen sind chronisch unterernährt — und wer lange genug zu wenig Nahrung gefunden hat, verspürt mit der Zeit nicht einmal mehr Hunger.

Ob in den Hungergebieten der Erde oder in den Armenvierteln der Großstädte: Häufig genug herrscht nicht nur Nahrungs-, sondern auch Wassermangel. Oft ist überhaupt kein Wasser verfügbar; oder es muß meilenweit zu Fuß in Kanistern angeschleppt werden; oder es ist derart verunreinigt, daß man es eigentlich gar nicht trinken dürfte. Viele Menschen verlieren mit der Zeit ihre Wider­standskraft. Sie vegetieren buchstäblich vor sich hin, werden immer schwächer, und eines Tages sterben sie an irgend­einer Krankheit — oder auch ganz einfach an Unterernährung.

 

    Hausen wie die Tiere  

Doch Hunger und Durst sind nicht alles. Die in tiefster Armut lebenden Menschen haben kein solides Dach über dem Kopf und keine saubere Kleidung, sie kennen keine Hygiene und keine medizinische Versorgung. Wo es keine Kanalisation und keine Abfall­entsorgung gibt, bleiben menschliche und tierische Ausscheidungen liegen, wo sie fallen. Müll türmt sich zu Bergen. Die Luft wird verpestet, das Wasser — wenn es denn welches gibt — hoffnungslos verseucht. Wenn es regnet, läuft eine stinkende Brühe mitten durch die Bretterbude. Ratten und Insekten bevölkern den Wohnraum. Viele Menschen, vor allem Kinder, werden krank. Kleinste Verletzungen führen zu tödlichen Infektionen. Und es gibt weder Ärzte noch Medikamente.

Unter solchen Bedingungen verändern sich auch die Formen menschlichen Zusammenlebens. Alkohol, Drogen, Prostitution, Gewalt und organisierte Kriminalität gehören zum Alltag. Familien brechen auseinander. Massen von Kindern sind auf sich allein gestellt und haben niemanden mehr, der sich um sie kümmert. 

Es gibt zwar auch in den schlimmsten Slums intakte Familien, Solidarität unter Freunden und Nachbarn, junge Menschen, die auf legale Art und Weise und ohne gesundheitliche Beein­trächtigung ihr Leben fristen können. Aber solche Kerne gesunder und stabiler Beziehungen sind im sozialen Gefüge von Slums nicht die Regel, sondern die glückliche Ausnahme.

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Wer hat nicht schon Bilder gesehen von Menschen in Afrika, vorab Kindern, die zu Skeletten abgemagert sind und aus großen Augen in eine Welt schauen, die sie nicht verstehen — und die sie bald verlassen werden. Oder von Straßenkindern in Süd­amerika, die kein Zuhause mehr haben und gejagt werden wie streunende Hunde. Aber für uns sind dies lediglich Bilder — Moment­aufnahmen aus einer anderen Welt, die wieder aus unserem Bewußtsein verschwinden, wie sie aufgetaucht sind. Wir sind nicht betroffen von dem Elend, welches sich dahinter verbirgt, und haben keine Vorstellung davon, wie viele Menschen es sind, von denen diese Bilder berichten. Zahlen sind abstrakt; Bilder zeigen immer nur Einzelfälle; den Urlaub verbringen wir nicht in Bangladesch; und in die Favelas von Rio de Janeiro wagt sich nicht einmal die Polizei.

Die Regionen extremster Verelendung finden sich zwar zur Zeit in Afrika, Südamerika und Asien. Doch ähnliche Phänomene gibt es bereits in näher gelegenen Regionen: in Rußland, Rumänien oder Tschechien — in ersten Ansätzen sogar in Berlin, Rom oder Paris.

 

   Zum Sterben geboren   

Einer der engsten Begleiter bitterer Armut ist der Tod. Er hat viele Gesichter. Weltweit sterben mehr als 8 Millionen Babies vor ihrem ersten Geburtstag aufgrund von Infektionen oder unzureichender Fürsorge bei der Geburt oder in den ersten Lebens­wochen — 98 % davon in Entwicklungs­ländern. 7 Millionen Erwachsene erliegen an sich harmlosen oder zumindest leicht vermeidbaren Krankheiten, 500.000 Frauen sterben allein an Komplikationen während der Schwangerschaft. 15 Millionen Kinder sterben jedes Jahr, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben — die meisten an Hunger und Unterernährung. 8 Millionen Kinder gehen an den Folgen von kontaminiertem Wasser oder verschmutzter Luft zugrunde. Und rund 50 Millionen Kinder bleiben wegen mangelnder oder schlechter Ernährung lebenslang geistig oder körperlich behindert.

Soweit einige nackte Zahlen der Weltbank und der Weltgesund­heits­organisation (WHO).

Massenhaft gestorben wird nicht zuletzt auch in den Elendsvierteln der Multimillionen­städte. Hier sind es vor allem Infektionen, Immun­krankheiten und Gewalt­verbrechen, welche die Menschen dahinraffen

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Ob in Rio, in Sao Paulo, in Bangkok oder Bombay — in den Slums ist schon heute niemand mehr wirklich ge­sund. Die meisten Menschen sind immer an irgendetwas erkrankt. In Indiens Hauptstadt leiden 4 der 10 Mill­ion­en Einwohner an Atemwegserkrankungen. In Manila stirbt die Hälfte aller Kinder an Lungen­ent­zünd­ung. In Mexico-City herrscht an 345 Tagen pro Jahr Smog-Alarm. Von den unzähligen Straßenkindern erreicht nur eine Minderheit die Volljährigkeit. Sie sterben vorher an irgendwelchen Krankheiten oder werden ermordet.

Und dies ist erst der Anfang. Das World Resources Institute (WRI) in Washington geht von einer galopp­ierenden Verstädterung aus. Im Jahre 2015 wird es weltweit 543 Städte mit mehr als einer Million Einwohner geben — davon 33 Megametropolen mit über 8 Millionen Einwohnern. Wasserzufuhr, Kanalisation und Abfall­entsorgung können heute schon nicht mehr gewährleistet werden — von Sicherheit, Bildung oder medizinischer Versorgung gar nicht zu reden.

   Armut ist weiblich   

Frauen stellen die Hälfte der Menschheit, leisten zwei Drittel aller Arbeitsstunden und erhalten ein Zehntel des Welteinkommens. Damit ist eigentlich alles Wesentliche gesagt. Aber man kann es ergänzen: Von den Kindern auf dieser Welt, die nie eine Schule besuchen können, sind 80 % Mädchen. In den meisten Ländern sind Mädchen von vornherein weniger "wert" als Knaben. Und mancherorts lassen Eltern sie gleich nach der Geburt sterben oder stecken sie in Heime, in denen sie wie Tiere gehalten werden und auf Nimmer­wieder­sehen in der Versenkung verschwinden.

Die Liste der Scheußlichkeiten, denen Mädchen und Frauen weltweit ausgesetzt sind — und zwar ausschließ­lich nur, weil sie weiblichen Geschlechts sind —, ließe sich hier beliebig verlängern. Dabei sind die Frauen vielfach die eigentlichen Ernährerinnen der Familien. Sie sind zuständig für die Feldarbeit. Sie beschaffen Wasser und Brennholz. Und sie — wenn überhaupt jemand — kümmern sich um die Gesundheit und die Bildung ihrer Kinder.

Die Rolle der Frauen wird in traditionell patriarchalischen Gesellschaften entweder gar nicht zur Kenntnis genom­men oder aber systematisch abgewertet. Auch bei uns — in den scheinbar aufgeklärten westlichen Indus­trie­nationen — wirkt die patriarchalische Vergangenheit nach. Es gehört bezeichnender­weise zu den aller­jüngsten Erkenntnissen der Wissenschaft, daß die Frauen bei der Entwicklung des Menschen, insbesondere bei der Entwicklung der Kulturfähigkeit die entscheidende Rolle gespielt haben.

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Und wir haben Jahrzehnte der Entwicklungs­hilfe gebraucht, um herauszufinden, daß die Frauen auch heute noch bei der Entwicklung eines Landes oder einer Region die Schlüsselrolle spielen.

Verschiedene Institutionen haben sich inzwischen darauf eingestellt und richten immer mehr Projekte gezielt auf die Frauen aus. Die Weltbank investiert jährlich 900 Millionen Dollar in Bildungsprojekte für Frauen und Mädchen. Sie gibt Kleinkredite an Frauen, die eine selbständige Erwerbstätigkeit aufbauen wollen. Sie unter­stützt in Bosnien Frauen, die im Krieg ihre Männer verloren haben. Aber dies sind lediglich Einzel­projekte und damit Tropfen auf einen heißen Stein.

Die richtigen Prioritäten beginnen sich in der Entwick­lungshilfe erst langsam auf breiterer Front durchzusetzen. Und nun versiegen die Finanzquellen.

     Bilanz der Entwicklungshilfe   

Seit Jahrzehnten werden von staatlichen und privaten Institutionen Anstrengungen unternommen, die armen Länder mit Geldern, Dienstleistungen und Produkten aus den reichen Ländern zu unterstützen. Es gibt viele Einzel­beispiele erfreulicher lokaler oder regionaler Erfolge. Insgesamt muß man aber bis heute von enttäusch­enden Ergebnissen sprechen. Etwas vereinfacht kann man die ernüchternde Geschichte der Entwicklungs­hilfe in drei Phasen unterteilen.

Phase 1 war die lange Zeit, in der man versucht hat, den Entwicklungsländern mit westlicher Hochtechno­logie unter die Arme zu greifen. Man hat den Menschen Maschinen und Anlagen hingestellt, die sie mit den vor Ort vorhandenen Mitteln und Kenntnissen weder betreiben noch warten konnten. Mit dem Tag, an dem die westlichen Techniker abzogen, begannen sie zu verrotten. Unvorstellbare Summen sind in dieser Zeit buchstäblich in den Sand gesetzt worden.

Phase 2 waren die letzten 10 bis 15 Jahre, in denen man begonnen hat, Entwicklungshilfe als "Hilfe zur Selbsthilfe" zu verstehen. Das Ziel: dezentrale Selbstversorgung der Menschen. Entwicklungsprojekte wurden gemeinsam mit den betroffenen Menschen verwirklicht, Technologien auf die lokalen und regionalen Gegeben­heiten abgestimmt. Es wurde auf kulturelle Voraussetzungen Rücksicht genommen. Man lieferte nicht einfach Technik, sondern entwickelte vor Ort maßgeschneiderte und praktikable Lösungen.

Auch in dieser Phase wuchsen die Bäume leider nicht in den Himmel. Die Helfer mußten erst lernen, fremde Kulturen zu verstehen — und lernen, Menschen selbständig statt abhängig zu machen. Nationale Ministerial­bürokraten hatten oft andere Vorstellungen davon, was für ihr Land gut sei, als die westlichen Helfer. Nicht selten hatte man es mit Behörden­vertretern zu tun, die nur ein Ziel kannten: sich selbst Geld in die Tasche zu wirtschaften. Und wenn sich irgendwo erste konkrete Erfolge abzeichneten, brach womöglich ein Bürgerkrieg aus und machte die Aufbauarbeit von Jahren wieder zunichte. Aber immerhin: Man hat gelernt, welche Voraussetzungen gegeben sein oder geschaffen werden müssen, damit westliche Unter­stützung überhaupt einen Sinn macht. Darauf könnte man aufbauen.

Aber nun hat Phase 3 begonnen: Die sogenannten reichen Industrieländer geraten allesamt selbst in die finanzielle Bredouille. Allenthalben tun sich gewaltige Löcher in den Staats­haushalten auf. Es beginnt eine Zeit härtester politischer Verteilungskämpfe. Eine neue Verarmung breiter Bevölkerungs­schichten steht ins Haus. Der Sozialstaat scheint ernsthaft gefährdet. Und so ist es nun mal: Budgets, hinter denen keine machtvollen politischen Lobbies stehen, werden in dieser Situation brutal zusammen­gestrichen.

Dies ist die Bilanz der Entwicklungshilfe: 

Bei Lichte betrachtet, stehen wir vor einem Scherbenhaufen. Raten Sie mal, um wieviel Prozent sich der Abstand zwischen den reichsten 20% und den ärmsten 20% der Länder dieser Erde seit 1960 verringert hat. Nun, er hat sich nicht verringert. Er hat sich schlicht verdoppelt. Und dies waren die Zeiten des Booms. Die Aufwendungen der Industrie­nationen für die Dritte Welt waren nie großartig. Aber jetzt schmelzen sie dahin wie Butter an der Sonne.

Inzwischen mehren sich weltweit Zeichen für eine Verlangsamung des Bevölkerungswachstums. Die Geburten­rate nimmt zwar weiter zu. Aber Hunger, Aids, Epidemien und Kriege dezimieren ganze Populationen. Der Sensemann hat sich des Problems angenommen.

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Christoph Lauterburg 1998