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VII. Ausblick und Resümee

1. Selbstverständnis der UaZ und Bewertung des Militärdienstes 
als Lebensabschnitt im Spiegel der Zeitzeugenbefragung

 

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a) Mentalität und Selbstverständnis der UaZ

Nachdem die Unteroffiziere auf Zeit in den vorangegangenen Kapiteln vor allem hinsichtlich ihres formalen und informalen Status sowie ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung in den Streitkräften betrachtet worden sind, gilt es an dieser Stelle, ihre Mentalitätsstrukturen zusammenfassend zu charakterisieren und deren Weiterwirken nach der Entlassung aus dem aktiven Wehrdienst zu untersuchen. Aufgrund der heterogenen Zusammensetzung dieser Gruppe ist dabei mit einem relativ breiten Spektrum an Motiven, Wahrnehmungen und Prägungen zu rechnen, die ein eindeutiges Urteil erschweren.

Das scheint ein allgemeines Problem bei der Charakterisierung von Mentalitäten als komplexen Einstellungs- und Verhaltensmustern zu sein. So bieten Maria Elisabeth Müller und Heinz Niemann jeweils nur einen sehr diffus gehaltenen Katalog dessen an, was in ihren Augen ostdeutsche oder DDR-Mentalität kennzeichnet. Als Gemeinsamkeiten stechen vor allem das Treue-Schutz-Verhältnis zur staatlichen Obrigkeit und eine für die Industriegesellschaft typische positive Einstellung zu Arbeit und Leistung hervor, während Müller darüber hinaus auf bürgerliche Kulturmuster und Geschmackspräferenzen verweist.

Niemann nennt demgegenüber noch eine ganze Palette von Elementen, die seines Erachtens ostdeutsche Mentalität konstituieren, wie etwa die »Vergemeinschaftung« als Arbeits- und Lebensform, die preußisch-protestantische Tradition, die Prägungen der Kriegs- und Nachkriegs er fahrung, den damit verbundenen Stolz auf die Aufbauleistungen und schließlich auch den Glauben an die Zukunft des »Sozialismus« und seinen antifaschistischen Charakter sowie die darin gegebenen Möglichkeiten sozialer Sicherheit, sozialer Gerechtigkeit und eines wachsenden Wohlstandes. Besonders bezeichnend ist für Niemann einerseits die Abgrenzung gegen die Anmaßungen des eigenen Staates, wie sie Maria Elisabeth Müller mit dem Begriff des »Als-ob-Verhaltens« umschreibt, und andererseits die gegen die »wohlwollend-herablassende Arroganz der westdeutschen Teilgesellschaft«.1)

1)  Müllet, Zwischen Ritual, S. 65 und 70; Niemann, Hintemi Zaun, S. 65.


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Die politische Einstellung der UaZ zur DDR und zum »realexistierenden Sozialismus« entsprach in weitgehendem Maße dieser Gemengementalität und war dementsprechend zwiespältig. Im allgemeinen kann dabei von einer Haltung ausgegangen werden, die gegenüber dem politischen System von einer grundsätzlichen Loyalität, bei Vorbehalten in Teilbereichen, bis hin zu einer kritischen Distanz reichte. Entschiedene und vorbehaltlose Befürwortung der SED-Politik bildete bei den Zeitsoldaten der NVA jedoch ebenso eine Ausnahme wie deren dezidierte Ablehnung oder gar oppositionelles Verhalten. Eine kritische Sicht auf die Verhältnisse in der DDR wurde aber durch das praktizierte »Erleben der Vorzüge des Sozialismus in den Streitkräften«2 eher noch gefördert, was sich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre gemeinsam mit der aus der wahrgenommenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stagnation resultierenden Resignation in rückläufigen Umfrageergebnissen hinsichtlich der offiziell gewünschten politischen Überzeugungen niederschlug.

Die implizite Koppelung beruflicher und bildungsmäßiger Entwicklungsmöglichkeiten an politisches Wohlverhalten und die Bereitschaft zum »freiwilligen« Wehrdienst auf Zeit war dabei ein typisches Beispiel für das Treue-Schutz-Verhältnis zwischen dem jungen Bürger und dem paternalistischen Staat. Lag diese Argumentation zum Teil den Werbegesprächen mit männlichen Jugendlichen zugrunde, so taucht sie bei einigen der befragten Zeitzeugen auch heute noch auf. Neben der Überzeugung, dem Staat etwas für die gewährten Bildungsmöglichkeiten zurückgeben zu müssen, wirkte sich die Wahrnehmung des Ost-West-Konfliktes dahingehend aus, daß der Wehrdienst im allgemeinen auch als notwendiger Beitrag zum Schutz der Heimat angesehen wurde.

Damit verbunden war freilich auch das »Als-ob-Verhalten« als Strategie zur Abwehr staatlicher Anmaßungen und zur Durchsetzung individueller Interessen. Die Verpflichtung als Unteroffizier auf Zeit erfolgte dementsprechend nicht, wie in Werbeprospekten oder offiziellen Verlautbarungen behauptet, primär aus politischer Überzeugung »für den Schutz von Frieden und Sozialismus«, sondern vor allem zur Wahrung von Berufs- und Bildungschancen3.

Bei den wenigsten dominierte daher die Begeisterung für den Militärdienst oder gar die uneingeschränkte Überzeugung von der Richtigkeit der SED-Politik. Der Masse der UaZ ist aber dennoch ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft und Pflichtbewußtsein zu attestieren. Die dabei erbrachten Leistungen, mit denen sie maßgeblich zum Funktionieren der NVA als Militärorganisation beitrugen, sahen sie jedoch von ihren Vorgesetzten nicht selten als nur unzurei-

Vgl. Handbuch Militätisches Grundwissen 1988, S. 50.

Bei der schriftlichen Befragung ehemaliger UaZ gaben zwei Drittel der Befragten als Motiv ihrer Verpflichtung bessere Berufschancen bzw. einen bestimmten Studienplatz an, während nur ein Drittel den Schutz von Frieden und Sozialismus nannte. Lediglich die SED-Mitglieder unter den Befragten gaben zu zwei Drittel den letztgenannten Grund an. Vgl. Auswertung der schriftlichen Befragungen, S. 12.


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chend honoriert an. Das verdeutlicht vor allem die verbreitete Auffassung, von den Vorgesetzten wie »bessere Soldaten« behandelt Zu werden.

Aufgrund der mangelnden Anerkennung ihrer Vorgesetztenrolle und der damit korrespondierenden Durchsetzungsprobleme bei den Wehrpflichtigen gerieten sie in eine prekäre Zwischenposition. Die meisten UaZ konnten sich dann erst nach einem oder mehreren Diensthalbjahren Truppendienst behaupten. Ein nicht geringer Teü der UaZ erlangte sogar bis zum Ende der Dienstzeit bei Vorgesetzten wie Unterstellten eine geachtete Position.

Dennoch hielt sich rückblickend ihre Zufriedenheit mit dem Leben in den Streitkräften sehr in Grenzen, wie die Ergebnisse der schriftlichen Befragung in Tabelle 20 verdeutlichen.

Tab. 20: Berufszufriedenheit der Armeeangehörigen

Durchschnittsnoten

SiGWD

UaZ

BS

Verdienst

5

2,27

1,76

Ausbildung

3,75

3,27

2,40

Möglichkeit zur selbständigen Tätigkeit

4,25

3,42

2,29

Betriebsklima

3,75

3,23

2,38

Anerkennung durch Vorgesetzte

3,75

3,04

2,56

Anerkennung durch Unterstellte

4

2,99

2,18

Unterbringung

4,25

4,15

2,67

Verpflegung

4

4,08

2,36

Auswertung der schriftlichen Befragungen, S. 45 f. Die Zelteeugen sollten einer Reihe von Gründen, die zu ihrer Zufriedenheit oder Unzufriedenheit beigetragen haben könnten, jeweils einen Wert auf der Skala von 1 (gut/trifft voll zu) bis 5 (schlecht/trifft überhaupt nicht zu) zuordnen.

Der Vergleich zwischen Wehrpflichtigen, UaZ und Berufssoldaten verdeutlicht wieder einmal die je nach Dienstverhältnis sehr unterschledllche Bewertung des militärischen Alltags. Während die befragten Berufssoldaten insgesamt zu einem mäßig positiven Ergebnis gelangen, ist das der Wehrpflichtigen mäßig bis eindeutig negativ. Die Zeltsoldaten hegen mit einer insgesamt leicht negativen Bewertung zwischen den beiden erstgenannten Gruppen. Bis auf den mäßig gut bewerteten Verdienst bewegen sich die Urteile hinsichtlich der anderen Faktoren im unentschiedenen oder mäßig negativen Bereich. Bezeichnend ist dabei, daß die kasernierte Unterbringung und die Truppenverpflegung von ihnen fast genauso bewertet werden wie von den Wehrpflichtigen. Demgegenüber deuten die Werte beim zweiten bis sechsten Faktor auf die den Wehrpflichtigen gegenüber leicht herausgehobene Stellung der UaZ hin, die ihnen auch eine etwas größere Zufriedenheit mit ihrer Tätigkeit in den Streitkräften ermöglichte.

Wie Diagramm 11 zeigt, variierten die Bewertungen je nach Schulbildung und Parteizugehörigkeit zum Teü erheblich. Hervorstechend ist dabei, daß die befragten Abiturienten grundsätzlich kritischer werten als SED-Mitglieder und Absolventen der 10. Klasse, was auch wesentlich mit ihrer Einstellung zum Wehrdienst zusammenhängen dürfte.


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Ein derartig eindeutiger Trend läßt sich differenziert nach Teilstreitkräften nicht ausmachen. Hier ist lediglich hervorzuheben, daß die ehemaligen UaZ der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung in allen Aspekten, die die zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen, zu deutlich günstigeren Urteilen gelangen als die der Landstreitkräfte oder Grenztruppen.

 

b) Die Folgen des Wehrdienstes für die Persönlichkeitsentwicklung  

Ähnlich differenziert wie der Grad der Zufriedenheit mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Streitkräften waren auch die Wirkungen des Militärdienstes auf die Persönlichkeitsentwicklung. So divergierend die Wahrnehmungen der Zeitzeugen in dieser Hinsicht jedoch auch sein mögen, so bleibt doch festzuhalten, daß die Erfahrungen in der NVA nicht selten ganz andere erzieherische Wirkungen zeitigten als offiziell intendiert waren, wobei die Diskrepanz in den achtziger Jahren eher zu- als abnahm.

Offiziell sollte der Wehrdienst, wie eine Stellungnahme des Politbüros aus dem Jahr 1985 verdeutlicht, »eine wichtige Etappe für die kommunistische Erziehung der jungen Generation«4 darstellen. Ganz in diesem Sinne hatte der

 

4 SAPMO-BArch, DY 30/JIV2/2/2116, Politbüroprotokoll Nr. 23 vom 11.6.1985. Stellungnahme zum Bericht der PHV übet die politisch-ideologische Arbeit zur Verwirklichung des vom X. Parteitag der SED übertragenen Klassenauftrages, Bl. 128.


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langjährige Verteicügungsrninister Heinz Hoffmann bereits 1962 den Dienst in der NVA als eine »Schule der politisch-militärischen Ausbildung und Erziehung« charakterisiert, deren Wirkungen gleichsam als »Schule des Sozialismus« in die Gesellschaft hineinreichen sollten5.

In der Praxis dominierte jedoch nicht die Vermittlung eines genuin »sozialistischen« Bewußtseins. Statt dessen wirkten die Streitkräfte, wie Heribert Seu-bert hervorhebt, als »umfassendes gesellschaftliches Integrationsinstrument« vor allem disziplinierend, wobei »Formen militärischer Disziplinierung zum Modell gesellschaftlicher Disziplinierung« erhoben wurden. In Verbindung mit paramilitärischen und schulischen Einrichtungen trugen sie damit, ähnlich wie es bereits in der preußisch-deutschen Geschichte vom 18. bis ins 20. Jahrhundert der Fall war, militärspezifische Denk- und Verhaltensweisen auch in zivile Gesellschaftsbereiche hinein und bewirkten so eine sich bis Ende der siebziger Jahre sukzessive steigernde Militarisierung der DDR-Gesellschaft. Aus gesellschafts-geschichtlicher Sicht muß daher Ute Freverts Annahme als durchaus fragwürdig erscheinen, daß die »Beziehungen zwischen Militär und Zivil in der DDR, deren Streitkräfte durch vielfältige Vermittlungsinstanzen und Transferorganisationen in die Gesellschaft hineinwirkten,« zwar enger waren als im Westen, aber dennoch keinen »nennenswerten kulturellen oder politischen Einfluß« entfaltet hätten6.

Über die Disziplinierung hinaus gelang es jedoch nur in sehr eingeschränktem Maße, das »Erlebnis Wehrdienst« so zu gestalten, »daß es über die Angehörigen der Nationalen Volksarmee und der Grenztruppen der DDR sowie über die gedienten Reservisten fördernd auf das sozialistische Wehrbewußtsein der Bürger der DDR und ihre klassenmäßige Haltung zum Dienst in den Streitkräften unseres Landes ausstrahlt7.«

Statt dessen zeigten sich die negativen Seiten der SED-Jugendpolitik während der Honecker-Ära in den Streitkräften besonders deutlich. »Mit Zwang, Formalismus und Bürokratie wurde persönlicher Handlungswillen zerstört, wurde jedem Rest von Freiräumen mit Argwohn begegnet, wurden Scheinaktivitäten erzeugt8.« Somit bot das »Erlebnis Wehrdienst« nicht zuletzt Gelegenheit zur unmittelbaren Anschauung der Kluft zwischen proklamierten Zielen und hochtönenden Idealen einerseits sowie der gesellschaftlichen Praxis andererseits.

Der Wehrdienst, der gerade für die zumeist 18- bis 21jährigen UaZ nach der Schul- bzw. Berufsausbildung die erste nähere Konfrontation mit der gesell-

 

5 Vgl. Seubett, Entmüitarisietung, S. 60 f.; Wenzke, Die Wehrpflicht, S. 125.

6 Seubett, Zum Legitimitätsvetfall, S. 118 und 152. Vgl. Diedrich/Ehleft/Wenzke, Die bewaffneten Ofgane, S. 40; Ftevett, Gesellschaft, S. 13.

7 BA-MA, AZN VA-P-2646, PHV Sekretanatsvotlage Nt. 18/87 Hauptinhalte, Hauptaufgaben und -maßnahmen def politischen Arbeit im AJ 1987/88 vom StCPHV für ofgani-sationspolitische Arbeit GM Volland vom 16.6.1987, Bl. 127.

8 Jugend und Jugendforschung, S. 31.


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schaftlichen Praxis in der DDR mit sich brachte, wirkte daher auf nicht wenige desillusionierend. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Stagnation und politischen Verkrustung nahm diese Tendenz ab Mitte der achtziger Jahre deutlich zu, was sich auch in den Erinnerungen der Zeitzeugen niederschlägt.

Das damalige SED-Mitglied Karl-Heinz Dröscher berichtet dementsprechend als »erste und entscheidende Erfahrung« seines Wehrdienstes zwischen 1987 und 1990, daß ihm angesichts der »Praxis der Armee« der Gedanke kam: »Wenn dieser Staat, solche Institution fördert und aufrechterhält, dann kann der relativ wenig mit Sozialismus zu tun haben9.«

Blieben die Zweifel hier noch abstrakt und ohne persönliche Konsequenzen, so gelangte der 1988 aus dem aktiven Wehrdienst entlassene Eduard Meyer durch das »Erlebnis Wehrdienst« im Verein mit den Berichten älterer Wehrpflichtiger und Reservisten aus ihrer Berufspraxis zu einer grundsätzlichen Revision seiner Sicht auf die DDR und seiner eigenen beruflichen Pläne.

»Aber, dieses eingefahrene, feste Gedankenschema, wie so dieses Land funktioniert, [...] det war eigentlich so 'ne Grundfeste, die begann zu wackeln zu dem Zeitpunkt.« Entscheidend war dafür der eklatante Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit, was ihn zu der Schlußfolgerung brachte: »Ick wollte in dem Staat kein Hochschulstudium machen. [...] Wenn ick mich in dem Staat engagiere als Ingenieur, als intellektuelle Kapazität, bin ick zwangsläufig druff angewiesen, im Gleichschritt mitzumarschieren und det war mir einfach zuwider.« Gleichzeitig reifte angesichts der berichteten Mißstände in der Volkswirtschaft bei ihm die Überzeugung,

»daß mal irgendwann det ganze System kippt. Also, dieses drohende Inferno wurde in irgendeiner Form immer artikuliert. Diese Permanenz des Seins mit immer neuem Fünfjahrplan, irgendwann mußte det, ... Det war offensichtlich zum Scheitern verurteilt. Die Widersprüche wurden immer größer. Ja10?« Im Vergleich zu der während des Wehrdienstes in relativ hohem Maße erreichten Disziplinierung der männlichen Jugendlichen blieben die Ergebnisse bei der Herausbildung des »sozialistischen« Bewußtseins weit hinter den Vorstellungen der politischen und militärischen Führung zurück. Dafür erwiesen sich die Rahmenbedingungen innerhalb der Streitkräfte letztlich sogar als kontraproduktiv; ein Umstand, der vor allem in den achtziger Jahren immer deutlicher wurde und sich in einer überwiegend kritischen Haltung gegenüber der NVA und der Institution Militär im allgemeinen niederschlug11.

9 Interview mit Karl-Heinz Dröscher*, S. 31.

10 Interview mit Eduard Meyer*, S. 35 - 37.

11 Daß es sich dabei um kein in den achtziger Jahren erstmals aufgetretenes Phänomen handelt, beweist die Eingabe der Frau eines Reservisten, die auf die Eingliederungsschwierigkeiten »junger Menschen nach der Armeezeit« hinweist und diese darauf zurückfuhrt, daß »die jungen Menschen in eine Kontrastellung gegenüber unserem Staat und unserer Gesellschaft geraten sind.« SAPMO-BArch, DY30/IVB2/12/308, Eingabe von J.L. an die ZK-Abteilung »S« vom 1.10.1973, Bl. 213.


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Das zeigt nicht zuletzt die in Diagramm 12 dargestellte Antwortverteilung auf die Frage, ob sie sich »unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen erneut zum Dienst auf Zeit verpflichten« wurden. Differenziert nach Bildungsgrad und Parteizugehörigkeit werden dabei erhebliche Unterschiede deutlich, die mit den unterschiedlichen Verpflichtungsmotiven korrespondieren.

Während von den Abiturienten, für die der Dienst als UaZ zu DDR-Zeiten in erster Linie Voraussetzung für den gewünschten Studienplatz war, heute etwa zwei Drittel den Wehrdienst verweigern würden, beträgt dieser Anteü bei den Absolventen der 10. Klasse nur vier Zehntel. Demgegenüber ist die theoretische Bereitschaft, sich unter den Bedingungen der Bundesrepublik als Zeltsoldat zu verpflichten, bei dieser Gruppe mit einem Fünftel beinahe doppelt so hoch wie im Durchschnitt. Bei den ehemaligen SED-Mitgliedern, deren Längerverpflich-tung in höherem Maße aus politischen Gründen resultierte, ist diese Bereitschaft hingegen praktisch gar nicht vorhanden.


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Insgesamt ergibt sich somit ein sehr kritisches Verhältnis zum Wehrdienst im allgemeinen und zu einer Längerverpflichtung im besonderen.

Während die geäußerte Absicht, den Wehrdienst im Falle einer Einberufung zu verweigern, in der Bundesrepublik praktisch keine beruflichen Nachteile mit sich bringt, hat ein kleiner Teil der UaZ bereits zu DDR-Zeiten praktische Konsequenzen aus den Erfahrungen des Wehrdienstes gezogen, indem er trotz zum Teil massiven Druckes eine Verpflichtung als Reserveoffizieranwärter (ROA) verweigerte.

Nach einem Auskunftsbericht der militärischen Abteilung des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen vom 8. November 1978 sollen unter den Reservisten, die eine ROA-Verpflichtung ablehnten, zum großen Teil ehemalige UaZ gewesen sein12.

Wie die Vertreter dieser Minderheit unter Druck gesetzt wurden, macht die Eingabe von H.F. von der Pädagogischen Hochschule Köthen aus dem Jahre 1976 deutlich. Nachdem der als Parteigruppenorganisator tätige F. sich im Februar nicht bereit gefunden hatte, ROA zu werden, wurden mit ihm bis zum Juni »laufend Aussprachen« geführt, um ihn doch noch umzustimmen. Als dies alles nichts fruchtete, wurde ihm schließlich unterstellt, mit seiner Weigerung gegen das Statut der SED zu verstoßen, woraufhin er anbot, wenn dies der Fall sei, seine Parteimitgliedschaft aufzugeben13.

Ähnliches berichtet auch Erich Ortmaier, der sich als einziger seines Matri-kels beharrlich weigerte, ROA zu werden, obschon er von den Vertretern der Hochschule ebenso wie von Mitstudenten »fortwährend beackert« wurde, diese Haltung aufzugeben14.

Doch welche Prägungen hinterließ das »Erlebnis Wehrdienst« bei den Betroffenen? Während in den Werbeprospekten die positiven sozialisatorischen Wirkungen des Militärdienstes als »Schule der sozialistischen Erziehung« wie das Gewinnen von Lebenserfahrung, Führungsfahigkeiten, Mut, Ausdauer, Entschlossenheit und die Fähigkeit zum selbständigen Handeln sowie die Vorteile durch die Förderungsmaßnahmen nach der Entlassung hervorgehoben wurden15, zeichnen die befragten UaZ ein deutlich ambivalenteres Bild der in der NVA entwickelten Prägungen.

Einigkeit besteht vor allem darin, daß der Wehrdienst die Menschenkenntnis verbessert habe, während nur einzelne der Zeitzeugen die Ansicht vertreten, selbstbewußter, durchsetzungsfähiger, härter oder ausdauernder geworden zu

 

12 BA-MA, AZN VA-01 -28533, Auskunftsbericht der militätischen Abteilung des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesens vom 8.11.1978, Bl. 35.

13 SAPMO-BArch, DY30/IVB2/12/293, Eingabe von H.F. an ZK-Abteilung »S« vom 15.6.1976. Die mit der Untersuchung beauftragte SED-Bezirksleitung Halle vertrat die Ansicht, daß dieses Vorgehen gerechtfertigt sei und fortgesetzt werden müsse.

14 Interview mit Erich Ortmaier*, S. 75 - 77.

15 Vgl. NVA in Wort und Bild: Soldaten auf Zeit, Berlin 1964. Wehrdienst auf Zeit, Berlin 1986, S. 7.


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sein. Handelte es sich hier noch um positiv bewertete Prägungen, so gehört zu den offiziell nicht intendierten, daß die nach Schul- und Berufsausbildung in den Streitkräften erfolgende erste Konfrontation mit der gesellschaftlichen Praxis der DDR am »Sozialismus in den Farben der DDR« deutliche Zweifel aufkommen ließ, begegneten doch die jungen Zeitsoldaten im Truppendienst den verschiedensten Formen von Machtmißbrauch und Ungerechtigkeit16.

Bewirkte der Wehrdienst als UaZ einerseits einen deutlichen Reifungsprozeß, da die in der Phase der späten Adoleszenz in die Streitkräfte kommenden Jugendlichen zum Teil mit erheblicher Verantwortung für Menschen und Material betraut wurden, so waren die vermittelten Fähigkeiten nur teilweise mit den Anforderungen und Vorstellungen der zivilen Umwelt kompatibel.

Neben Verhaltensweisen und sprachlichen Wendungen, die dort auf Unverständnis oder Ablehnung stießen, manifestierte sich dies vor allem in der geistigen Entwicklung der UaZ während des Wehrdienstes. Hier sprechen vor allem Abiturienten bzw. nachmalige Studenten vom alltäglichen »Stumpfsinn«, der einen »kompletten geistigen Stillstand« oder gar »Niveauverlust« bewirkt und die Anfangsphase des Studiums deutlich erschwert habe, als es nun wieder darum ging, sich systematisch und zielstrebig Wissen anzueignen17. Erschwerend kam hinzu, daß die künftigen Studenten bis zum Herbst 1988 in der Regel Ende Oktober entlassen wurden, ihr Studium jedoch bereits im September begann, was ihre anfänglichen Studienprobleme noch vergrößerte18.

Ist dies ein Beispiel für die zum Teil erheblichen Übergangsprobleme, so macht ein anderes Phänomen deutlich, um welch heftige persönliche Krisensituation es sich beim Wehrdienst gehandelt hatte. Während bei der Masse der ehemaligen Wehrpflichtigen und Zeitsoldaten der NVA zu beobachten ist, daß, sobald das Gespräch auf den Wehrdienst kommt, entweder schnell das Thema gewechselt wird oder die Anekdoten kein Ende zu nehmen scheinen, äußerten drei, das sind beinahe ein Sechstel der interviewten UaZ, daß sie noch Jahre nach ihrer Entlassung mit Elementen des militärischen Alltags wie dem morgendlichen Wecken, den Pfiffen der Trillerpfeife oder dem »Klufttragen«19 im Traum konfrontiert wurden. Das hohe Maß weiterwirkender psychischer An-

6 Vgl. Auswertung der schriftlichen Befragungen, S. 47; Interview mit Bruno Hutegger*, S. 42 f. Richard Böttcher und Berthold Hickmann verweisen dabei auf die Erfahrung, mit physischen bzw. psychischen »Extremsituationen« umzugehen. Interview mit Richard Böttcher*, S. 14; Interview mit Berthold Hickmann*, S. 32 f.; Gehler, EK, S. 18.

7 Interview mit Ludger Mehrbold*, S. 35 f.; Interview mit Dan Bolsinger*, S. 38 f.; Interview mit Eduard Meyer*, S. 45.

8 Diesbezüglich war es in den achtziger Jahren verschiedentlich zu Eingaben gekommen, die schließlich eine Änderung der Einberufungs- und Entiassungstermine für die UaZ bewirkten, welche jedoch die bisherige Auffüllungspraxis nachhaltig in Frage stellte. Vgl. BA-MA, VA-01-8530, Verw. Schulen und Weiterbildung. Aktennotiz zur Eingabe des Uffz. T.R. vom 14.5.1986.

9 Interview mit Eduard Meyer*, S. 74.


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Spannung verdeutlicht die Aussage von Paul Pollakowsky, daß er »noch über Jahre nachts mit den Zähnen geknirscht habe und so Halbsätze aus 'm militärischen Alltag im Schlaf [gesprochen habe]20.« Karl-Heinz Dröscher gab sogar an, auch acht Jahre nach seiner tätsächlichen Entlassung immer wieder geträumt zu haben, weiter im Artillerieregiment 5 dienen zu müssen, weil seine Entlassung immer wieder verschoben werde21.

Die Entlassung selbst, die im letzten Diensthalbjahr bevorzugter Gegenstand der Gespräche und Gedanken war, wurde durchaus zwiespältig erlebt. Auf der einen Seite war sie lange herbeigesehnt worden, andererseits markierte sie den Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt, der angesichts nicht selten noch unklarer beruflicher Perspektiven und teilweise vorhandener Orientierungsprobleme in der zivilen Umwelt zunächst auch als krisenhaft wahrgenommen werden konnte22. Dazu kam, daß die zum Teil sehr engen Beziehungen zu den Mitinsassen am Entlassungstag überwiegend für immer beendet wurden, während danach selbst sporadische Kontakte nur in Einzelfällen aufrechterhalten wurden23.

Um den Übergang vom Wehrdienst in das Zivilleben möglichst reibungslos zu gestalten und überdies Anreize für eine Längerverpflichtung zu bieten, war die Förderung der Wehrpflichtigen, Zeit- und Berufsoldaten nach dem Wehrdienst seit 1962 in speziellen Verordnungen geregelt worden. Für die Zeitsoldaten bedeutete dies bereits 1962 die bevorzugte Zuweisung von Arbeitsplätzen und die Zulassung zum Studium, wobei sie hinsichtlich des Stipendiums zunächst mit Aktivisten gleichgestellt werden sollten24.

Später wurde das Grundstipendium bei dreijähriger Dienstzeit um 80, 1975 dann um 100 Mark aufgestockt, so daß sich das Stipendium auf insgesamt 300 Mark belief. Für UaZ mit vierjähriger Dienstzeit kamen ab 1982 weitere 100 M hinzu, während die bevorzugte Zuweisung »geeigneten und ausreichenden Wohnraumes« bereits 1966 fixiert worden war25.

 

2Ü Interview mit Paul Pollakowsky*, S. 52.

21 Interview mit Karl-Heinz Dröscher*, S. 90.

22 Vgl. Interview mit Harald Conradi*, S. 71.

23 Aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang die Schilderung im Interview mit Paul Pollakowsky*, S. 51. »Und ick hatte so das Gefühl, daß wir 'n ziemlich enges Verhältnis, also sowohl die Unteroffiziere als auch die Soldaten hatten. Und tja, wir saßen dann irgendwie in Lehnitz inner S-Bahn und dann war 's plötzlich vorbei. Und da hatten wir uns ooch plötzlich nichts mehr zu sagen. Det war ... Da stieg jeder dann aus der S-Bahn aus. Also, man hat irgendwie lange Zeit sehr eng miteinander zu tun gehabt und ick hab irgendwie zu keinem von denen noch irgendwelchen Kontakt.« In Einzelfällen gab und gibt es aber auch regelmäßige »Resitreffen«. Vgl. Interview mit Carsten Reimann*, S. 26.

24 BArch, DC20/I/3-353 MR 45/1/62, Verordnung über die Förderung der aus dem aktiven Wehrdienst endassenen Angehörigen der NVA — Förderungsverordnung — vom 18.1.1962.

25 Verordnung über die Förderung der aus dem aktiven Wehrdienst endassenen Angehörigen der NVA-Förderungsverordnung-vom 24.11.1966 (Gesetzblatt II, S. 957). SAPMO-


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Frühzeitig war auch die Arbeit mit ehemaligen UaZ in den Betrieben beachtet worden, wonach sie über die bevorzugte Studienzulassung hinaus im Rahmen von Qualifizierungs- und Förderverträgen unterstützt werden sollten. Außerdem wurden mit der Förderungsverordnung von 1975 alle während der Dienstzeit erworbenen Berufsabschlüsse, Qualifikations- und Befähigungsnachweise, Zeugnisse und Berechtigungen vergleichbaren Dokumenten ziviler Lehr-und Studieneinrichtungen formal gleichgestellt26. So konnte beispielsweise Rainer Immler sich an der Unteroffizierschule zum Facharbeiter für Nachrichtentechnik qualifizieren, während Berthold Hickmann die dem Facharbeiter für Sprengtechnik gleichwertige »Sprengberechtigung Pionier« erwarb, die den Grundstein für seine heutige Arbeit als Sprengmeister bildet.

Obschon der überwiegende Teil nicht in dieser Form von seinem Militärdienst profitieren konnte, stellte er für die Masse der UaZ eine Statuspassage auf dem Weg zum beruflichen und sozialen Aufstieg dar, ermöglichte er ihnen doch eine bevorzugte berufliche Qualifizierung bzw. die Zulassung zum angestrebten Studienplatz.

Aufgrund der kurzen Dienstzeit der UaZ und der andersartigen beruflichen Entwicklung der Berufsunteroffiziere nach Ende ihrer Dienstzeit wäre es jedoch übertrieben, Unteroffizier in der DDR als einen »Aufstiegsberuf« zu charakterisieren, wie er es in Verbindung mit dem Militäranwärtersystem vor dem Hintergrund einer verhältnismäßig geringen sozialen Mobilität in Deutschland noch bis zum Zweiten Weltkrieg war27. Das schlägt sich auch in der Bewertung der Rolle ihres Wehrdienstes im Lebenslauf durch die ehemaligen UaZ nieder.

c) Die Kolk des Wehrdienstes in der Biographie

Über die Stellung des Militärdienstes im Leben liegen aus der Biographieforschung bislang weder im allgemeinen noch hinsichtlich der NVA systematische Untersuchungen vor. Auch die Erkenntnisse zu einzelnen Teilaspekten wie den sozialisatorischen Wirkungen des Militärdienstes oder seinem Einfluß auf die spätere berufliche Entwicklung sind überaus lückenhafter Natur. Unter diesen Umständen kann für die Gruppe der UaZ an dieser Stelle auch keine umfassen-

BArch, DY30/JIV2/2/1548,Politbüroprotokoll Nr. 7 vom 18.2.1975; DY30/JIV2/2/1914, Politbüroprotokoll Nr. 25/81 vom 20.10.1981, Bl. 182 f. Vgl. Gießmann, Das unliebsame Erbe, S. 33.

Bald, Vom Kaiserheer, S. 59. Als Militäranwärter konnte der Unteroffizier nach seiner Dienstzeit ziviler Beamter werden, was in der Wehrmacht durch die Möglichkeiten, »Wehrmachtsiedler« bzw. »Wehrbauer« zu werden oder in den technischen bzw. den Heeresverwaltungsdienst zu treten, ergänzt wurde. Vgl. Unteroffizier, S. 42. In der Bundeswehr gibt es für längerdienende SaZ »Eingliederungs- und Zulassungsscheine« für den öffentlichen Dienst sowie umfangreiche Weiterbildungsmöglichkeiten, die jedoch die Arbeitslosigkeit nach dem Militärdienst keineswegs immer abwenden können. Vgl. Ahnert, Berufsförderung, S. 200.


376

 

1,75

.,15

3

>,19

4

.,24

3,75

»,12

5

de und endgültige Analyse geleistet werden. Aufgrund der geringen Zahl der befragten Zeitzeugen lassen sich die in Tabelle 21 wiedergegebenen Ergebnisse auch nicht auf die Gruppe der UaZ insgesamt übertragen. Vielmehr können daraus lediglich Grundtendenzen in der Bewertung abgeleitet werden.

Tab. 21: Bewertung des Wehrdienstes

Durchschnittsnoten UaZ SiGWD

1. Der Wehrdienst in der NVA/GT war insgesamt eine verlorene Zeit, 2,88 1,75 in def ich vieles versäumt habe.

2. Def Wehrdienst hat zu meinef positiven charakteflichen Entwicklung 2,92 3 beigetragen.

3. Def Wehrdienst hat meine Menschenkenntnis bedeutend verbessert.

4. In def NVA/GT habe ich gelefnt mich durchzusetzen.

5. Def Wehrdienst hat sehr zur Ausprägung meinef FührungsFähigkeiten beigetragen.

6. In def NVA/GT habe ich erlebt, was Kameradschaft ist.

7. In der NVA/GT habe ich erlebt, was Teamarbeit ist und zu welch hohen Leistungen man dabei fähig ist.

8. Bei der NVA/GT habe ich gelernt, nichts zu tun und dennoch 2,92 3,25 äußerst beschäftigt zu wirken.

9. Der Dienst hat mich in meiner geistigen Entwicklung zurückgewor- 3,19 2,25 fen, da man in der NVA/GT erfahren hat, was Stumpfsinn bedeutet.

10. Die Zeit in der NVA/GT ist ein Teil meiner Biographie, den ich 2,88 4,25

nicht missen möchte.

Auswertung der schriftlichen Befragungen, S. 47. »Wie würden Sie rückblickend die Rolle Ihres Wehrdienstes in Threm Lebenslauf bewerten?« Die Befragten sollten dazu auf einer Skala von 1 (trifft voll zu) bis 5 (trifft überhaupt nicht zu) wählen, in welchem Maße die genannten Charakterisierungen ihres Rrachtens zutreffen.

Allgemein fällt bei diesen Ergebnissen auf, daß die Wehrpflichtigen zu eindeutig negativen Urteilen tendieren, während die Bewertungen der UaZ fast durchgängig um die Note »drei« kreisen, was auf die Zwiespältigkeit ihrer Wahrnehmung hindeutet. Eine Ausnahme bildet dabei lediglich Item 3, wo Wehrpflichtige wie Zeitsoldaten relativ dezidiert die Meinung vertreten, der Wehrdienst haben ihre Menschenkenntnis bedeutend verbessert.

Die Differenzierung nach Schulbildung und Parteizugehörigkeit verdeutlicht die zum Teil diametral entgegengesetzte Bewertung des Wehrdienstes. Dies machen vor allem die Items 2, 4, 5, 7, 8 und 9 deutlich, wo die Absolventen der 10. Klassen zum Teil mehr als eine Note positiver urteilten als die Abiturienten, während die ehemaligen SED-Mitglieder eine nicht eindeutige Zwischenposition einnehmen.

Vergleicht man die Bewertungen, wie sie von den UaZ der verschiedenen Teilstreitkräfte — außer Volksmarine — abgegeben wurden, so spiegeln sich darin


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Technisierungsgrad und zwischenmenschliche Beziehungen in den einzelnen Teilstreitkräften. So gelangen die ehemaligen UaZ aus den vergleichsweise stark technisierten Luftstreitkräften/Luftverteidigung hinsichtlich »Kameradschaft« und »Teamarbeit« zu den besten Ergebnissen und wollen auch eher als die anderen UaZ den Wehrdienst als Teil ihrer Biographie »nicht missen«. Demgegenüber verweisen die im Vergleich zur ersten Gruppe stärker in Führungsfunktionen eingesetzten UaZ der Landstreitkräfte am stärksten auf ein Anwachsen ihrer Führungsfähigkeiten, während die »Teamarbeit« etwas und die »Kameradschaft« als deutlich schwächer bewertet werden. Insgesamt ergibt sich für die achtziger Jahre ein Bild, das die Widersprüchlichkeit des »Erlebnis' Wehrdienst« für die UaZ in ihrer Gesamtheit erkennen läßt, weshalb apodiktische Urteile über dessen retrospektive Bewertung hier fehl am Platze sind. Dies machen auch die Aussagen der einzelnen Zeitzeugen deutlich.

Das Spektrum reicht dabei von der ungebrochen positiven Wertung Rainer Immlers — »Det war 'ne schöne Zeit.« — über eine differenziert kritische Sicht bis hin zu einer von Ludger Mehrbold vertretenen, im wesentlichen negativen Bewertung. Bei letzterer wird der Wehrdienst jedoch nicht als Erfahrung verleugnet, sondern als Teil des eigenen Lebens akzeptiert, obschon Mehrbold betont: »Aber ich denke, man muß diese Erfahrung in seinem Leben nicht gemacht haben28.«

Die Sichtweise der mittleren Gruppe ist dabei in sich stark differenziert und durch widersprüchliche Bewertungen bei den einzelnen Zeitzeugen gekennzeichnet. So meint Bernhard Michaelis, seinen Dienst als UaZ trotz nicht seltenen »Tagedrückens« »um nichts in der Welt missen« zu wollen und »sehr stolz« darauf zu sein, weil die Truppe, in der er gedient hatte — Aufklärungskompanie des Panzerregiments 8 — »was dargestellt« habe. Die als grundsätzlich positiv geschilderte Erfahrung des Dienstes in der NVA ist dabei für ihn synonym mit seiner Identität als DDR-Bürger29.

Weniger euphorisch betrachtet Eduard Meyer seinen Militärdienst als »erste Bewährungsprobe«, die ihm interessante, aber nicht unbedingt angenehme Lebenserfahrungen ermöglichte. Er hält es jedoch für wichtig, dem Menschen »die Auseinandersetzung mit dem Thema Befehl« und dem »Element Zwang« zu ermöglichen weil dies eigentlich erst zeige, »wat Freiheit is3ü.«

Deutlich kritischer bezeichnet Bruno Hutegger die Zeit seines Militärdienstes als »drei schwarze Jahre«, die er »schwer bereue«, während denen er aber auch »viele Sachen erlebt« habe, die seinem Charakter »irgendwie positive Ein-

 

28 Interview mit Rainer Immler*, S. 39; Interview mit Ludger Mehrbold*, S. 36.

29 Interview mit Bernhard Michaelis*, S. 42 und 45. Daß die Messung der DDR an den Erfahrungen in den Streitkräften auch anders aussehen konnte, belegt Karsten Trautwein, für den NVA und DDR ebenfalls synonym waren, was bei ihm jedoch dazu führte, daß der DDR-Sozialismus in seiner Wahrnehmung viel an Wert verloren hat. Interview mit Karsten Trautwein*, S. 40 f.

30 Interview mit Eduard Meyer*, S. 74-76.


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flüsse gegeben« hätten. Als Beispiele fuhrt er dabei den Umgang mit Menschen, Durchsetzungsfähigkeit, die Erkenntnis seiner Leistungsfähigkeit und Leistungsgrenzen sowie ein besseres Zurechtkommen mit den Herausforderungen des Alltags an31.

Während die retrospektive Bewertung des Wehrdienstes insgesamt sehr zwiespältig ausfällt, dominiert bei der Sicht auf die »Wende« und die Verhältnisse im vereinten Deutschland trotz punktueller Kritik ein insgesamt positives Urteil.

Seit Ende 1989 wirkten sich die politischen Ereignisse in der DDR für die UaZ unmittelbar positiv aus, mußte nun doch das strenge Reglement in den Kasernen der NVA gelockert werden, während der Grundwehrdienst auf ein und die Mindestdienstzeit für UaZ auf zwei Jahre verkürzt wurde. Dies ermöglichte einer Reihe von Zeitsoldaten ein vorzeitiges Verlassen des wenig geliebten Militärdienstes und die vorzeitige Aufnahme des angestrebten Studiums.

Für die zu diesem Zeitpunkt bereits ehemaligen UaZ machte die »Wende« zum großen Teil neben der politischen auch eine berufliche Neuorientierung erforderlich32, deren Verlauf sich auch maßgeblich auf die Bewertung der Verhältnisse im vereinten Deutschland niederschlug. Während vor allem die kurz vor bzw. kurz nach der »Wende« entlassenen UaZ die Möglichkeit hatten, sich relativ problemlos auf die aus der Vereinigung resultierenden neuen Gegebenheiten einzustellen, kam es bei jenen zu mitunter erheblichen Brüchen in den Erwerbsbiographien.

Soweit kein Studium aufgenommen wurde, machte ein nicht geringer Teil dieser Gruppe die Erfahrung von Arbeitslosigkeit und oft nur kurzfristigen, wenig gesicherten Beschäftigungsverhältnissen33. Demgegenüber hatten die UaZ, die beispielsweise ihr Studium erst nach 1990 abschlössen oder gar zu diesem Zeitpunkt erst begannen, eher die Möglichkeit, sich mit ihrer Ausbildung westlichen Standards und der Arbeitsmarktlage anzupassen. Trotz hoher Qualifikation bleibt aber auch hier die Ungewißheit hinsichtlich der beruflichen Perspektiven und der künftigen Sicherung des Lebensunterhalts bestehen.

 

31)  Interview mit Bruno Hutegger*, S. 93.

32)  Vgl. Interview mit Paul Pollakowsky*, S. 56; Interview mit Erich Ortmaier*, S. 77. Ort-maier spricht von der »blöden Wende«, da durch die folgende Abwicklung des Studiengangs Kernkraftwerkstechnik an der TH Zittau seine »Lebensplanung auch wieder völlig über den Haufen geworfen« wurde, woran sich ein langwieriges Nebeneinander von Jobs, Berufsausbildung und Studium anschloß.

33)  Neben dem ehemaligen Volkspolizisten Rainer Immler, der nach 1990 mehrfach arbeitslos war, ist vor allem die Entwicklung von Harald Conradi bezeichnend. Bis Ende 1989 als hauptamtlicher FDJ-Sekretär tätig, wurde er Anfang 1990 arbeitslos, um danach als stellvertretender Küchenleiter und nacheinander als Vertreter für Kochtöpfe, Versicherungen und Lexika zu arbeiten, was immer wieder von Arbeitslosigkeit, Umschulungen, finanziellen Engpässen, einer Scheidung und schließlich einer Psychotherapie unterbrochen wurde. Heute ist er Besitzer eines Schreibbüros. Interview mit Rainer Immler*, S. 39; Interview mit Harald Conradi*, S. 71 f.


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Das schlägt sich letztlich auch in der Bewertung der Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik nieder, die aufgrund ihrer Freizügigkeit, der Konsummöglichkeiten und nicht zuletzt ihres demokratischen Charakters gegenüber den Verhältnissen in der DDR präferiert wird. Gleichzeitig vermissen jedoch einige der befragten Zeitzeugen die zu DDR-Zeiten in hohem Maße vorhandene soziale Sicherung34. Andere kritisieren verkrustete Strukturen in Staat und Gesellschaft oder halten die Bundesrepublik gar für reformunfähig35. Dennoch kann nicht deutlich genug hervorgehoben werden, daß keiner der befragten UaZ die DDR in ihrer bekannten Form wiederhaben will. Vielmehr sahen sie sich zum Zeitpunkt der Interviews 1998/99 überwiegend in die Gesellschaft der Bundesrepublik integriert und haben sich, wie Bruno Hutegger hervorhebt, insbesondere an das westliche Konsumverhalten angepaßt. Das bedeutet freilich nicht, daß die Identität als ehemaliger DDR-Bürger darüber vollständig verloren gegangen wäre. Statt dessen hebt Hutegger hervor »auch noch irgendwie DDR-Bürger« zu sein, was sich bei ihm folgendermaßen manifestiert:

»Zum Beispiel gibt es so Situationen, wo ich mich selbst ertappe, wenn ich zum Beispiel die Nationalhymne der BRD irgendwie höre, daß das nicht meine Nationalhymne ist. Ich höre also diese Hymne bei Sportveranstaltungen, [...] und ich merke, es ist nicht meine Hymne. Das ist ganz prägnant. Ich habe keine Beziehung zu dieser Melodie und irgendwie es ist nicht meine Welt. Es ist nicht mein Leben. Und wenn ich dann unsere, meine DDR-Nationalhymne, die ich also persönlich auch für wesentlich schöner und besser halte, höre, dann ist da irgendwie so 'ne Gänsehaut und so 'n Gefühl der, weiß ich nicht, der Nostalgie oder so. Das ist das, womit ich mich identifizieren kann, obwohl ich das ganz klar nicht als (Nachhinken) des alten Systems oder so irgendwie betrachte, sondern es ist so, das ist in einem drinne sozusagen. Das ist so 'ne Sache, die kann man halt nicht steuern. Wenn du diese Hymnen hörst und du identifizierst dich mit der Sache und das gelingt dir halt bei dieser neuen Hymne nicht, dann ist das halt 'n Indiz, daß du doch irgendwie nicht hundert Prozent derjenige bist, der du sein solltest.«36)

 

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34)  Interview mit Dieter Förster*, S. 38. Bernhard Michaelis spricht sogar von seiner »Angst vor sozialem Abstieg«. Interview mit Bernhard Michaelis*, S. 45.
35)  Mit diesem von den etablierten Parteien maßgeblich verursachten Reformstau hing auch die Unklarheit Stefan Ulilemanns zusammen, welcher Partei er bei Wahlen seine Stimme geben solle. Interview mit Karsten Trautwein*, S. 43; Interview mit Harald Conradi*, S. 10; Interview mit Stefan Uhlemann*, S. 28.
36)  Interview mit Bruno Hutegger*, S. 95 f.

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