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5 - Vorstufen der Seßhaftigkeit

 

 

  Die »landwirtschaftliche Revolution« — revidiert   

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Als man erstmals erkannte, daß die Steinzeit in zwei große Perioden zerfiel, schien eine klare Trennlinie zwischen den früheren rohen Werkzeugen und den späteren geschliffenen und polierten Geräten zu bestehen. Die einen wurden den mutmaßlich nomadischen Nahrungssammlern und Jägern zugeordnet, die anderen den Hirten und seßhaften Bauern, die innerhalb von rund fünftausend Jahren die Domestizierung von Pflanzen und Tieren zuwegebrachten.

Aber der Wandel in den Werkzeugen, Waffen und Gebrauchsgegenständen waren für den Archäologen wesentlich leichter zu erkennen als die viel bedeutungsvolleren Veränderungen in der Pflanzen- und Tierzucht; deshalb wurde bis vor kurzem die neolithische Phase hauptsächlich mit polierten Steinwerkzeugen und — fälschlich — mit Tontöpfen identifiziert.

Eine Zeitlang schien diese Darstellung plausibel; aber in den letzten dreißig Jahren wurde sie in fast allen Punkten revidiert. Werkzeuge und Utensilien bilden nur einen kleinen Teil der gesamten Ausstattung, die zum physischen Überleben notwendig ist, von der kulturellen Entwicklung gar nicht zu reden. Selbst eine rein technische Geschichte der in jener Periode erzielten materiellen Verbesserungen ließe sich nicht immanent erklären. Um zu wissen, wie, warum und wann eine Erfindung wichtig wurde, muß man mehr kennen als die Stoffe, die Prozesse und die vorangegangenen Erfindungen, die in sie eingingen. Man muß auch trachten, die Bedürfnisse, Wünsche, Hoffnungen, Gelegenheiten, die magischen oder religiösen Vorstellungen, mit denen sie von Anfang an verknüpft waren, zu verstehen.

Um die ungeheuren Veränderungen zu erklären, die letztlich durch die Seßhaftwerdung entstanden, werde ich die Begriffe paläolithisch, mesolithisch und neolithisch nur verwenden, um Zeitabschnitte zu bezeichnen, ohne sie unbedingt mit spezifischen kulturellen oder technischen Inhalten zu verknüpfen. 

Das Spätpaläolithikum reicht ungefähr von 30.000 bis 15.000 vor Christus, das Mesolithikum von 15.000 bis 8000 vor Christus und von da an bis etwa 3000 vor Christus das Neolithikum — sofern diese Daten nur auf Gebiete bezogen werden, wo bedeutsame Veränderungen vor sich gingen oder einen Höhepunkt erreichten. Die technischen Errungenschaften und die Lebensgewohnheiten, die jede dieser Phasen hervorbrachte, wirken bis heute nach.

Die Domestizierung von Pflanzen begann lang vor dem Ende der letzten Eiszeit. Denkt man bei diesem Prozeß an das Stadium, in dem bereits das Endergebnis sichtbar war, oder schreibt man die Veränderung dem Fortschritt in der Werkzeugherstellung zu, dann geht man an den wirklichen Problemen vorbei. Tönerne Sicheln aus Palästina beweisen, daß Getreide systematisch gespeichert wurde, ehe man es eigens anbaute, und steinerne Mörser wurden jahrtausendelang verwendet, um mineralische Farben zu zerreiben, bevor man sie zum Getreidemahlen benutzte. Und doch gibt es tiefgehende kulturelle Unterschiede zwischen den beiden Epochen, trotz aller Beweise, daß kulturelle Fäden sich kontinuierlich durch alle aufeinanderfolgenden Schichten ziehen, die der Archäologe bei seinen Ausgrabungen findet.

Infolge der schweren Lebensbedingungen während der Eiszeit nahm der paläolithische Mensch, abgesehen vom Spiel mit dem Feuer, seinen Lebensbereich als gegeben hin, beugte sich dessen Anforderungen und spezialisierte sich sogar auf eine bestimmte Form der Anpassung — die Jagd. Diese Art der Anpassung hatte, wie ich zu zeigen versuchte, in erster Linie mit seinem eigenen Körper und Geist zu tun. Der neolithische Pflanzenzüchter aber nahm viele konstruktive Veränderungen an der Umwelt vor, unterstützt von der Erwärmung des Klimas und dem Austrocknen der Sümpfe, die sich nach der großen Schmelze gebildet hatten. 

Mit Hilfe der Axt lichtete er die dichten Wälder, baute Dämme, Reservoirs und Bewässerungsgräben, errichtete Einfriedungen, terrassierte Hügel, gewann Ackerland, schlug Pfähle in die Erde und führte Wohnbauten aus Lehm oder Holz auf. Was weder der Bergmann noch der Jäger zustandegebracht hatten, das gelang dem Bauern, der mehr Menschen auf kleiner Fläche zu ernähren vermag: den Lebensbereich zunehmend zu vermenschlichen.

Die spätere Zivilisation wäre ohne diesen gewaltigen Beitrag der Jungsteinzeit undenkbar: Denn nur in den relativ großen Gemeinschaften, die in jener Epoche entstanden, konnte Arbeit in diesem neuen Maßstab geleistet werden. Während der paläolithische Künstler seine Bilder auf die rauhen, unebenen Höhlenwände gemalt hatte, spaltete man nun Holzbretter, schliff und polierte Steine oder verwendete Lehm und Gips, um glatte Oberflächen für Hauswände oder Gemälde zu erhalten.

Betrachten wir diese Arbeit in ihrer Gesamtheit, so müssen wir zugeben, daß es vor den Anfängen des städtischen Lebens in der mesolithischen und der neolithischen Kunst wenig gibt, das sich ästhetisch mit den frühen geschnitzten oder modellierten Höhlenfiguren und den Malereien von Altamira und Lascaux messen könnte. Aber im Neolithikum tritt ein neuer Wesenszug auf: der Fleiß, die Fähigkeit, sich mit eifriger Hingabe einer einzigen Aufgabe zu widmen, deren Vollendung manchmal Jahre und Generationen erforderte.

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Die gelegentliche technische Aktivität des paläolithischen Menschen reichte nicht mehr aus: nur in langwieriger, hartnäckiger, unermüdlicher Anstrengung konnten die typischen Errungenschaften der Jungsteinzeit, vom Züchten bis zum Bauen, verwirklicht werden. Die paläolithischen Männer empfanden, nach den meisten überlebenden Jägervölkern zu schließen, eine aristokratische Verachtung für Arbeit in jeglicher Form: Sie überließen die Plackerei ihrem Weibervolk. Als dann die neolithischen Völker sich der Arbeit zuwandten, übernahm — was kaum verwunderlich ist — die Frau in ihrer geduldigen, zielstrebigen Weise das Kommando.

Die Umwandlung einer im wesentlichen auf Jagd beruhenden Ökonomie in eine Ackerbauwirtschaft brachte viel Gewinn, aber auch manchen Verlust. Und der Kontrast zwischen diesen beiden Kulturen liegt einem großen Teil der Menschheitsgeschichte zugrunde; in primitiveren Gemeinschaften ist er heute noch sichtbar. Ein zeitgenössischer Beobachter, der von meinen hier angestellten Überlegungen keine Ahnung hatte, vermerkte den Unterschied zwischen der »unkomplizierten Heiterkeit« der Batwa-Jäger und dem »mürrischen Gehaben des durchschnittlichen Bantu« bei der Arbeit. Und er fragt sich: »Ist es möglich, daß das harte, aber ungebundene Jägerleben eine Freiheit des Geistes mit sich bringt, die die seßhaften Ackerbauern verloren haben?«

Wenn man nur die erhalten gebliebenen Kunstwerke und Artefakte betrachtet, ist man genötigt, zu antworten: Höchstwahrscheinlich ja — aus Gründen, auf die wir bald zu sprechen kommen werden.

 

  Das Auge des Züchters   

 

Unter dem wachsamen Auge des neolithischen Züchters — und mehr noch der neolithischen Frau — wurde fast jeder Teil der Umwelt bildsam und für die menschliche Berührung empfänglich. In einem gewissen Sinne symbolisiert der erweiterte Gebrauch von Ton im Gegensatz zu Stein dieses neue Element in der Technik. Bestimmte Tiere, die nun für die Ernährung wichtiger waren, wurden unter der Obhut des Menschen zahm und gefügig; wilde Pflanzen, die einst nur wenig Nahrung geliefert hatten, entwickelten durch dauernde Selektion und sorgfältige Pflege größere Wurzeln, eßbare Bohnen, aromatische Samen, saftiges Fleisch oder bunte Blüten. Mit der Steinaxt war es möglich, Schneisen im Wald zu schlagen, wo man rund um abgebrannte Baumstümpfe und Baumwurzeln lange bekannte einjährige Kräuter anpflanzte. Bei solch offener, sorgsamer Kultivierung kreuzten sich die Pflanzen sehr rasch, während an den Waldrändern Sträucher mit eßbaren Beeren sich vermehrten, deren Samen von Rotkehlchen und Finken verbreitet wurden.

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Mit der Pflanzenzucht und der Bautätigkeit im Neolithikum begann der Mensch zum ersten Mal bewußt das Antlitz der Erde zu verändern. In der offenen Landschaft mehrten sich die Zeichen der ganzjährigen Beschäftigung des Menschen: Kleine Ansiedlungen und Dörfer tauchten in allen Teilen der Welt auf. Anstelle der wahllosen Fülle und Vielfalt der Natur findet man in der neolithischen Wirtschaft die Anfänge einer festumrissenen Ordnung; und mit diesem Ordnungssinn, dieser Arbeitsamkeit wurde vieles, das lange auf Ritual und mündliche Überlieferung beschränkt war, in physische Strukturen umgesetzt.

So unrichtig es ist, diese neue Periode nur mit polierten Werkzeugen zu kennzeichnen, so gleichermaßen irreführend ist es auch, den Prozeß der Domestizierung als einen plötzlichen Wandel, als landwirtschaftliche »Revolution« zu betrachten. Der Begriff der Revolution, wie er sich aus den Hoffnungen und Phantasien des achtzehnten Jahrhunderts herausgebildet hat, ist unzutreffend: denn Revolution impliziert eine entschiedene Ablehnung der Vergangenheit, einen Bruch mit deren Formen. Und in diesem Sinne hat es bis zu unserer Zeit keine landwirtschaftliche Revolution gegeben. Die Archäologen brauchten lange, um das zu erkennen, was Oakes Ames die »Überleitungsperiode« nannte: Nährpflanzen waren seit frühester Zeit bekannt; im Mesolithikum wurden sie — namentlich die von den Nahrungssammlern geschätzten tropischen Obst- und Nußbäume — durch bewußte Selektion verbessert, ehe der systematische Anbau einjähriger Pflanzen begann.

Die Bedeutung dieses langen Vorspiels wurde von Ames unterstrichen, dem Botaniker, der mit seinem Werk über Kulturpflanzen die Forschungen de Candolles weiterführte. »Die wichtigeren einjährigen Pflanzen«, sagte er, »sind in ihrem wilden Zustand unbekannt. Sie treten erst in Verbindung mit dem Menschen auf. Sie sind ebenso ein Teil seiner Geschichte wie die Verehrung der Götter, deren Wohlwollen er die Entstehung von Weizen und Gerste zuschrieb. Darum läßt ihr gleichzeitiges Erscheinen in der historischen Überlieferung darauf schließen, daß der Ackerbau älter ist, als die Archäologen und Anthropologen geglaubt haben.« Oder als sie heute noch glauben, möchte ich hinzufügen.

Obwohl man immer noch zu der Annahme neigt, der große Fortschritt in der Landwirtschaft habe zwischen 9000 und 7000 vor Christus stattgefunden, haben wir heute Gründe, zu glauben, daß es ein viel allmählicherer Prozeß war, der sich über eine viel längere Periode erstreckte und in vier, möglicherweise in fünf Etappen verlief. Zuerst die Kenntnis von Pflanzen und ihren Eigenschaften, die paläolithische Nahrungsucher erlangten und bewahrten: eine Kenntnis, die in den nördlichen Zonen vielleicht zum Teil verloren ging, in den tropischen und subtropischen Gebieten aber wohl kontinuierlich erhalten blieb.

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Diese frühe Pflanzen­nutzung reicht so weit zurück, daß der Schlafmohn, der erste Schmerzstiller, überhaupt nicht mehr wild vorkommt. Auch muß man annehmen, daß die Futter- und Brutgewohnheiten wilder Tiere schon in dieser frühen Periode bekannt waren, will man die erste Domestizierung von Tieren erklären.

Diese begann, wie es scheint, mit dem Hund, doch wenn Eduard Hahn recht hat, erstreckte sie sich auch auf das Schwein und die Ente. Die dritte Etappe wäre dann die mesolithische Pflanzenzucht, die die Pflege und schließlich den Anbau verschiedener stärkehaltiger Wurzeln, wie der Yam- oder Taro-Pflanzen, umfassen würde. Endlich kam der zweifache Prozeß gleichzeitiger Domestizierung von Pflanzen und Tieren, der die neolithische Phase einleitete und in einem Großteil der Alten Welt, wenn auch leider nicht in der Neuen, die bodenregenerierende Praxis der gemischten Bewirtschaftung hervorbrachte. Die Domestizierung des Rindes, des Schafes und der Ziege ging Hand in Hand mit dem Anbau von Bohnen, Kürbissen, Kohl und Zwiebeln und mit der wahrscheinlich schon viel früher begonnenen selektiven Kultivierung früchtetragender Bäume: Apfel, Olive, Orange, Feige und Dattel. Als man begann, Oliven und Weintrauben auszupressen und aus Korn Bier zu brauen, wurden Behälter aus gebranntem Ton unentbehrlich.

Nun, am Vorabend der Zivilisation, kam die letzte Etappe in diesem komplexen, langwierigen Prozeß, mit der Domestizierung der Getreidearten (Einkorn, Gerste, Weizen) und den Anfängen des Ackerbaus im großen Maßstab. Das führte in den fruchtbaren Ländern Mesopotamien und Ägypten zu einer gewaltigen Zunahme der Nahrungsversorgung, denn dank der Trockenheit der Samenkörner kann Getreide bei Normaltemperatur viel länger lagern als die meisten anderen Nahrungsmittel, außer Nüssen, und sein hoher Protein- und Mineralgehalt verleiht ihm außerordentlichen Nährwert. Gespeichertes Korn war potentielle Energie und auch die älteste Form von Kapital — vor der Einführung von Metallgeld diente Korn als Wertmaß im Handel.

Doch diese letzte Stufe als die landwirtschaftliche Revolution zu bezeichnen, hieße alle früheren Stufen, die sie ermöglichten, übersehen; denn viele Kulturpflanzen dienten schon im wilden Zustand der Gewinnung von Werkzeugen, Gebrauchsgegenständen, Schnüren, Farbstoffen und Heilmitteln. Selbst nach dieser Phase wirkte der Impetus der Domestizierung noch ein paar tausend Jahre fort — in der Zähmung des Lamas, des Esels, des Kamels, des Elefanten und vor allem des Pferdes zu Zug- und Tragtieren.

Die wichtigsten Leistungen der landwirtschaftlichen Transformation fallen tatsächlich in die neolithische Phase. Bald nachdem sie ihren Höhepunkt erreicht hatte, war ihr ursprünglicher Impuls zur Domestizierung erschöpft. Einige der ältesten Kulturpflanzen, wie das Amarantkorn, wurden aufgegeben, und neue Arten kamen kaum hinzu;

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doch sowohl in der freien Natur als auch in der Landwirtschaft entstanden fortgesetzt neue Spielarten existierender Spezies, wofür das älteste aller Haustiere, der Hund, ein augenfälliges Beispiel ist. In manchen Teilen der Welt wurde die neolithische Technologie von der eingeborenen Bevölkerung, die oft schon auf halbem Weg stehen blieb, nur zum Teil entwickelt.

Aber auch dort, wo der Wandel im vollen Ausmaß stattgefunden hat, gab es noch Nahrungssammler in Fülle, und der Jäger erfüllte nach wie vor eine notwendige Funktion, denn nirgends kann Getreide mit Erfolg angebaut oder Vieh in Sicherheit gehalten werden, wenn nicht Fallensteller und Jäger die Raubtiere und die schädlichen Getreidefresser, wie Rotwild und Affen, von ihnen fernhalten. Sogar in dem seit langem besiedelten Gebiet von Dutchess County, wo ich wohne, zerstören die rasch sich vermehrenden Waschbären, die nicht mehr ihres Felles wegen gejagt werden, ganze Maisfelder.

Der paläolithische Jäger hielt sich nicht nur, er spielte dank seinen spezifischen Eigenschaften als Waffen­träger und Führer von Menschen eine wichtige Rolle im Übergang zur hochorganisierten städtischen Zivilisation, die durch die neolithische Land­wirtschaft ermöglicht wurde. Wie in der Fabel von den Blumen und dem Unkraut hängt das, was man findet, davon ab, wonach man sucht. Sucht man nur Beweise für Änderungen in einer Kultur, dann kann es geschehen, daß man ebenso signifikante Beweise der Kontinuität unbeachtet läßt. Denn die Kultur ist wie ein Abfallhaufen, in dem viele Elemente zeitweilig verschwinden oder unkenntlich werden, aber nur wenige jemals völlig verlorengehen.

In The Culture of Cities habe ich hervorgehoben, daß man jede Kultur in vier Hauptkomponenten zerlegen kann, die ich als die dominante, die rezessive, die mutante und die überlebende Komponente bezeichnete. Heute würde ich, um diese unpassende genetische Metapher loszuwerden, von dominanten, beharrenden, neu auftauchenden (oder mutanten) und Überrestkomponenten sprechen. Die dominanten verleihen jeder historischen Phase ihren Stil oder ihre Farbe; doch ohne den Nährboden des aktiv Beharrenden und die breite Schichte von Überresten, deren Existenz so unbemerkt bleibt wie die Grundmauern eines Hauses, bis es sich senkt oder zusammenfällt, könnte keine neue Erfindung in der Kultur dominierend werden. Hält man sich das vor Augen, dann ist es legitim, eine Kulturphase mit ihrem hervorstechendsten neuen Charakterzug zu kennzeichnen; in der Gesamtheit einer Kultur jedoch nehmen das Beharrende und die Überreste, wie versteckt sie auch sein mögen, notwendigerweise einen viel größeren Raum ein und spielen eine wichtigere Rolle.

All das wird klarer, wenn wir dieser großen Umwandlung im Detail nachspüren. Doch wie sehr wir auch gezwungen sein mögen, die Vorstellung von einem plötzlichen Wechsel zu revidieren, so besteht kein Zweifel, daß die Entwicklung neuer Methoden der Produktion, des Speicherns und der Verwendung von Nahrungsmitteln das Verhältnis des Menschen zur gesamten Umwelt veränderte und ihm reiche Nahrungs- und Energiequellen zur Verfügung stellte, die er nie zuvor hatte erschließen können.

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Damit hörte der Lebenserwerb auf, ein Abenteuer zu sein, und wurde zur festen Routine. Der Jäger mußte entweder seine Lebensgewohnheiten ändern oder in den Dschungel, in die Steppe oder in die arktische Tundra zurückweichen, da das Vordringen der bebauten Felder und der Siedlungen sowie die unvermeidliche Verminderung der Jagdgründe und des Wildbestands ihm das Leben sauer machten.

Wenn man es richtig betrachtet, dann stellt man fest, daß Jägergruppen in allen drei Überlebensformen erfolgreich waren. Am besten fuhr der Jäger aber, wenn er eine Symbiose mit den neuen Bauern und Erbauern einging und die neue Wirtschaft und Technik verwirklichen half - eine Technik, die auf Waffen beruhte und in der er, dank seiner Phantasie und seiner Kühnheit, als aristokratische Minorität Kontrolle über eine große Bevölkerung gewinnen konnte.

 

  Vom Sammeln zum Pflanzen  

 

Eine Fülle von Material beweist, daß die mesolithische Domestizierung, verbunden mit der ganzjährigen Niederlassung an einem festen Wohnort — in weit auseinanderliegenden Gebieten und zu verschiedenen Zeiten — einen notwendigen Übergang von der paläolithischen zur neolitischen Periode kennzeichnet. In der späteren Kulturentwicklung blieben die nördlichen Teile Europas stets um zwei- bis dreitausend Jahre hinter den Gebieten des Nahen Ostens zurück, wo die entscheidenden Neuerungen in der Domestizierung von Vieh und Getreide stattfanden; so ist es durchaus verständlich, daß man in der zweifelsfrei nachgewiesenen mesolithischen Kultur Dänemarks überzeugende Hinweise auf eine Entwicklung findet, die anderswo schon viel früher stattgefunden hat.

Da die Kultivierung und Veredlung von Pflanzen eine lange Reihe von Experimenten erfordert haben muß, ist anzunehmen, daß es Sicherheitsreserven gegen den Hunger gab, und nur große Schwärme von Fischen, beispielsweise Lachse, die in Reusen gefangen werden konnten - etwa im Nordwestpazifik - oder ein reichlicher Vorrat an Schellfisch vermochten die ersten Voraussetzungen für die permanente Niederlassung an einem Ort zu bieten. In tropischen oder subtropischen Gebieten gab es zusätzliche Nahrung von Kokos- und Dattelpalmen, Bananen- und Brotfruchtbäumen. Die Kultivierung solcher Bäume, die manchmal erst nach dreißig oder mehr Jahren Früchte tragen, dauerte weit länger als die Züchtung einjähriger Pflanzen.

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Dies würde dafür sprechen, meint Oakes Ames, daß die Hegung und Pflegung von Bäumen viel früher begonnen hat. Anders ausgedrückt: Der Gartenbau, bei dem es auf schöne Einzelexemplare ankommt, ist dem Ackerbau, der größere Erträge verspricht, vorausgegangen und hat diesen zum Großteil überhaupt erst möglich gemacht. Die wichtigsten tropischen Nahrungs­mittel, Taro, Maniok, Kokosnuß, Brotfrucht, ganz zu schweigen von Banane, Mango und Durian, haben ihre weiteste Verbreitung im pazifischen Raum und in der Südsee, während die Yam-Wurzel, das meistverbreitete aller Wurzelgemüse, sogar bis Südamerika gelangte.

Obgleich diese Beweise fragmentarisch und lückenhaft sind, lassen sie doch eine ziemlich sichere Schlußfolgerung zu: Im Mesolithikum finden wir die Anfänge einer dauerhaften Niederlassung durch alle Jahreszeiten hindurch — die Voraussetzung für die systematische Beobachtung der Eigenschaften von Pflanzen, die sich geschlechtlich vermehren und nur durch Säen oder Stecken kultiviert werden können. Die daraus resultierende Erhöhung der Sicherheit muß dem hungrigen Jäger sehr attraktiv erschienen sein. Aber die Partnerschaft zwischen Jäger und Bauer war für beide von Nutzen, denn im Fall einer Mißernte konnten Jagd und Fischfang der Gemeinschaft über das Schlimmste hinweghelfen. In der Depression der dreißiger Jahre waren in den USA viele Familien in notleidenden ländlichen Bergbaugemeinden imstande, sich durch Jagen und Fischen am Leben zu erhalten.

Diese neue Sicherheit, die sich aus der geregelten Nahrungsversorgung ergab, machte das Leben gleichmäßiger, aber auch zahmer. Die kleinen mesolithischen Gemeinden wurden so ortsansässig wie die Wurzelknollen und Weichtiere, von denen sie sich nährten. Das war in der Tat eine günstige Voraussetzung für weitere Domestizierungsversuche.

Die Kenntnisse, die notwendig waren, um solche Versuche zu stimulieren, verbreiteten sich wahrscheinlich entlang den gleichen Wegen wie die beliebtesten Steinarten. Diese Steine wurden über weite Strecken transportiert und zeugen von sorgfältiger Materialsuche und Qualitätserprobung. 

Evans schreibt in seinem Werk Man's Pole in Changing the Face of the Earth: »Bestimmte Kupfersteinäxte, die man an verschiedenen Stellen der britischen Inseln fand, stammen aus einem Kaolinvorkommen auf Tievebulliagh ..., so klein, daß es in der Geologischen Übersicht von Irland übersehen wurde.«

Mit den ersten Schritten zur Domestizierung von Pflanzen gab es, wie Hahn annimmt, auch entsprechende Fortschritte in der Zähmung von Tieren: die Domestizierung von Hund und Schwein. Darin, daß der Hund das erste Haustier war, sind sich alle Biologen und Ethnologen einig; und es scheint auch klar, daß dies nicht auf seine Nützlichkeit bei der Jagd zurückzuführen ist.

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Die Vorfahren des Hundes, der Schakal und der Wolf, fühlten sich von den menschlichen Ansiedlungen eher durch den gleichen Appetit angezogen, der die Hunde meines Nachbarn auf dem Land, so wohlgenährt sie auch sind, veranlaßt, meinen Abfallhaufen zu durchstöbern: durch den Appetit auf Knochen und Fleischabfälle.

Mit der Zeit identifizierte sich der Hund mit der menschlichen Gemeinschaft, er wurde ein Wächter, der, wie ein anderes frühes Haustier, die Gans, vor Eindringlingen warnte. Erst später wurde er ein Beschützer der Kinder und ein Verbündeter beim Jagen und Viehhüten. Doch seine allererste Funktion war wahrscheinlich die eines Abfallvertilgers; in dieser Eigenschaft dienten er und das Schwein dem Menschen während der gesamten Entwicklung enger Gemeinschaften bis ins neunzehnte Jahrhundert, selbst in so großen Städten wie New York und Manchester. Bemerkenswerterweise blieben in Mesopotamien das Schwein und der Fisch bis in die geschichtliche Zeit hinein heilige Tiere — beide gehörten zur ursprünglichen mesolithischen Konstellation.

Die wichtigsten Aspekte dieses langwierigen Domestizierungsprozesses lassen sich ohne Bezugnahme auf neue Werkzeuge, mit Ausnahme der Axt, beschreiben; aber die Axt, bereits lange in Verwendung, wurde sicherlich in ihrer Form verbessert und — wenn auch lose — an einen Stiel befestigt, außerdem wurde in der Herstellung anderer Schneidegeräte eine neue Technik eingeführt, indem man kleine, scharfe Steine, Mikrolithen, in Ton oder Holz einsetzte und als Schneidekante mit Sägezähnen benutzte.

Tatsächlich war der Mangel an adäquaten Werkzeugen ein Grund, warum die Technik der Bodenbearbeitung für den Anbau sich noch langsamer entwickelte als die Veredelung der 'Pflanzen. Obwohl die neolithische Kultur oft als eine Hackenkultur bezeichnet wird, war die Hacke doch eine relativ späte Errungenschaft. Bis zur Eisenzeit konnte es keine billige und gute Hacke geben. Das Hauptinstrument für die Bodenbearbeitung war bis in die ägyptische und sumerische Zeit hinein der Grabstock, an dessen Ende manchmal ein Stein zur Beschwerung angebracht war. Auch der Pflug war zuerst eigentlich nur ein Grabstock, der gezogen wurde, nicht der schollenwendende Pflug, der erst in der Eisenzeit in den Bereich der Möglichkeit rückte. Der ziemlich späte sumerische Streit zwischen Pflug und Spitzhacke über ihre jeweiligen Vorzüge beweist, daß der Pflug nicht sogleich die Herrschaft angetreten hat.

Der enorme Zuwachs an Feldfruchterträgen, der im Nahen Osten verzeichnet wurde, beruhte auf der Nutzbarmachung von humusreichem Boden, der früher Sumpf gewesen war, auf Düngung, Bewässerung und vor allem auf Samenselektion; Verbesserung der Werkzeuge spielte dabei eine geringe oder gar keine Rolle. Was den vom Ochsen gezogenen Pflug betrifft, so bestand sein großer Vorteil darin, daß er eine extensive Kultivierung bei geringerer körperlicher Anstrengung ermöglichte. Diese Form von Arbeitsersparnis führte zur Erweiterung der Anbauflächen, brachte aber an sich keine Steigerung der Erträge je Flächeneinheit.

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Das botanische Wissen, zu dem man durch lange betriebenen Pflanzenanbau gelangte, beruhte auf keinem bestimmten System symbolischer Abstraktionen; der moderne Forscher würde es also kaum als wissenschaftlich bezeichnen. Aber hätte es denn so erfolgreich sein können, wäre es nicht tatsächlich Resultat einer durch Sprache vermittelten Einsicht in kausale Zusammenhänge und relevante Wechselbeziehungen gewesen? Erwiesen sich auch manche magische Vorschriften, die Tausende Jahre in Sprichwörtern und Volksweisheiten überlebten, als irrig, so gibt es doch eine Menge von Beobachtungen, die eine bemerkens­werte Fähigkeit logischen Denkens enthüllen. Die notwendige Reihenfolge der Arbeiten durch Volkssprüche dem Gedächtnis einzuprägen, war eine der bedeutenden Leistungen der archaischen Kultur. Einige dieser traditionellen Beobachtungen sind in Hesiods Arbeiten und Tage schriftlich festgehalten.

Jene, die sich immer noch über die Irrtümer der vorwissenschaftlichen Überlieferung lustig machen, übersehen, daß sie mit einem großen Zuwachs an Wissen verbunden waren, und dieses Wissen war oft wichtiger als die verwendeten Werkzeuge. Lange ehe die Technik der Bronzezeit aus den früheren Verbesserungen im Garten- und Ackerbau Nutzen zog, hatte der archaische Mensch so vorzügliche Vorarbeit geleistet, daß, bis auf wenige Ausnahmen, wie Gartenerdbeeren und Brombeeren, alle unsere heutigen Nutzpflanzen und alle Haustiere Produkte des Neolithikums sind. Der zivilisierte Mensch hat die frühen Züchtungen verfeinert, ihre Ergiebigkeit vergrößert. Form, Geschmack und Konsistenz verbessert. Pflanzen zwischen entfernten Kulturgebieten ausgetauscht und zahllose Varianten hervorgebracht, aber er hat keine einzige neue Spezies von Bedeutung hinzugefügt.

Abgesehen von der Länge der Zeit, die notwendig war, um diese ersten Schritte zu tun, ist die Größe der Leistung durchaus mit den wissenschaftlichen Fortschritten vergleichbar, die letztlich zur Atomspaltung und zur Eroberung des Weltraums geführt haben.

Lange bevor eine metallverwendende Zivilisation sich herausbildete, hatte der Frühmensch aus Tausenden Pflanzen-, Tier- und Insektenarten, die er unter Hunderttausenden ausgewählt hatte, durch Probieren die nützlichsten herausgefunden. Alle Nahrungsquellen des Menschen und die meisten Materialien für Kleidung, Wohnung und Transport waren vor der Einführung der Metallurgie bekannt und in Verwendung. Obwohl bitterer Geschmack abstoßend ist, entdeckte der Frühmensch auf dem Versuchsweg Methoden, um potentiell nützlichen Nahrungsmitteln giftige Alkaloide oder Säuren zu entziehen, und obwohl stärkehaltige, hartschalige Körner im Rohzustand ungenießbar sind, haben unsere neolithischen Vorfahren gelernt, sie zu zermahlen und einen Teig herzustellen, um daraus auf einem flachen Stein Brot zu backen.

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Die Verwendung des Pferdes als Zug- oder Reittier kam spät, sicherlich erst nachdem der Esel gezähmt worden war. Und wir wissen, daß die Ägypter in geschichtlicher Zeit versucht haben, einige der wilderen Katzenarten als Haus- und Kriegstiere zu domestizieren, aber ohne Erfolg; in der Panik des Kampfes wendeten sich die immer noch wilden Raubtiere allzu oft gegen ihre Herren. Der Saft des Kautschuk­baumes, dieser für den Motortransport so wichtige Grundstoff, wurde von den Eingeborenen im Amazonas-Urwald wahrscheinlich erst relativ spät zur Herstellung von Bällen und Regenmänteln verwendet, desgleichen der Sud von Kaffeebohnen als Stimulans. Wer weiß? Wichtig ist aber, daran zu denken, daß alle diese Innovationen, ob früh oder spät, sich unmittelbar aus dem neolithischen Gartenbau ableiten. Und ohne das .endlose Suchen und Prüfen, das die urzeitliche Sammelwirtschaft kennzeichnete, hätte die letzte Stufe — Selektion und Kultivierung — niemals erreicht werden können.

Der Umfang dieser ursprünglichen Entdeckungen ist fast so erstaunlich wie die Vielfalt, die durch geschlechtliche Selektion und Kreuzung erreicht wurde. Edgar Anderson zeigt in seinem Werk Plants, Men and Life, daß es fünf natürliche Quellen von Koffein gibt: »Tee, Kaffee, die Colapflanze, Kakao, Jerba Mate und dessen Abkömmlinge. Der Frühmensch kannte sie alle und wußte, daß sie Müdigkeit verscheuchen. Die biochemische Forschung hat keine einzige neue Quelle hinzugefügt.«

So waren es auch nicht fleißige Chemiker in modernen pharmazeutischen Laboratorien, sondern primitive amerikanische Indianer, die zuerst entdeckten, daß die Schlangenwurzel (Reserpin) eine nützliche Pflanze ist, die Menschen in manischem Zustand zu beruhigen vermag. Dies war eine viel unwahrscheinlichere Entdeckung als die des Penicillins; nur ein experimentierender Geist und scharfer Beobachter konnte diesen Zusammenhang herausfinden; auch dann noch bleibt es erstaunlich, ja mysteriös, so wie der Volksglaube, daß das natürliche Heilmittel im Bereich der entsprechenden Krankheit zu finden ist, was im Fall der Chinarinde zutrifft.

Das Wissen, das die Domestizierung erforderte, war also nicht bloß die Kenntnis nahrhafter Pflanzen, sondern mehr noch die der Bodenbeschaffenheit, des Wechsels der Jahreszeiten, der Klimaschwankungen, der Pflanzennährstoffe und der Wasservorräte: eine außerordentlich komplexe Gruppe von Variablen, unterschiedlich für verschiedene Pflanzen, auch wenn sie im gleichen Lebensraum wachsen. Viele dieser Beobachtungen waren älteren Datums als die Methoden des Neolithikums; so waren getreidesammelnde Australier, die noch unter paläolithischen Bedingungen lebten, achtsam genug, auf ihren Wanderungen zu bemerken, daß Getreide besser wächst, wenn es gut bewässert wird, und sie pflegten den Lauf eines Baches umzuleiten, um die Fläche mit wildem Korn, von der sie sich nährten, zu bewässern.

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Es sind also, wie ich betonen muß, nicht in erster Linie Änderungen in der Herstellung von Werkzeugen und Gebrauchs­gegenständen, die die neolithische Phase kennzeichnen; denn die entscheidenden technischen Fortschritte — durch Bohren und Schleifen und durch die Umwandlung hin- und hergehender Bewegung in rotierende beim Bogen- und beim Feuerbohrer — waren im wesentlichen spätpaläolithische Errungenschaften. Sogar aus Ton wurden paläolithische Tierskulpturen und Figurinen modelliert, lange bevor die mesopotamischen Häuser und Töpfe entstanden (wieder kam die Kunst vor der Nützlichkeit). Um die Technik der Domestizierung zu verstehen, müssen wir jedoch einen religiösen Wandel in Betracht ziehen, der zunehmend Leben, Wachstum und Sexualität in all ihren Erscheinungen in den Mittelpunkt stellte.

Diese neue kulturelle Struktur breitete sich von etwa 6000 oder 7000 vor Christus an über die ganze Erde aus. Die einzelnen Erfindungen, die diesen sozialen Wandel begleiteten, wurden nicht regelmäßig weitergegeben, so daß viele Produkte im örtlichen Maßstab erfunden oder domestiziert werden mußten; aber die Struktur in ihrer Gesamtheit bildet die Grundlage, auf der alle höheren Zivilisationen bis in unsere Zeit aufgebaut haben. 

 

  Die tägliche Mühsal  

 

Dieser Interpretation nach hatte die Verbesserung der Werkzeuge, mit Ausnahme der Axt und der späteren Spitzhacke oder Queraxt, an sich wenig mit den neolithischen Fortschritten in der Domestizierung zu tun. Aber es gibt einen Aspekt der neolithischen Werkzeugherstellung, der ein bezeichnendes Licht auf alle anderen Aspekte der Kultur wirft: nämlich der Umstand, daß, abgesehen von der frühen Entwicklung des ursprünglichen mikrolithischen »Sägezahns«, die Hauptmethoden der Herstellung neolithischer Werkzeuge Schleifen, Bohren und Polieren waren.

Die Praxis des Schleifens begann schon in paläolithischen Zeiten, wie Sollas vor einem halben Jahrhundert sehr richtig darlegte, aber das Formen von Werkzeugen durch Schleifen ist im wesentlichen eine neolithische Verbesserung. Es stellt als solches ein spezifisches Merkmal der gesamten Kulturepoche dar; geduldige Hingabe an eine einzelne Aufgabe, die, auf eine einzige monotone Reihe von Bewegungen reduziert, langsam, fast unmerklich, zur Vollendung fortschreitet, war nichts für Nahrungs­sammler und Jäger. Dieses neue Merkmal kam zuerst bei den geschickten Feuersteinspitzern zum Vorschein, die die feinen Speerspitzen und Grabstichel des Solutréen und des Magdalénien erzeugten.

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Aber das Schleifen selbst weicher Steine ist ein langwieriger, mühsamer Vorgang; Granit oder Diorit, beide überaus hart, erfordern eine Anstrengung und eine Geduld, die keine menschliche Gruppe zuvor aufgebracht hatte. Das englische Wort für langweilig - boring - leitet sich von bohren ab. Hier wurde die rituelle Wiederholung fast über jedes erträgliche Maß hinaus gesteigert.

Nur Gruppen, die bereit waren, lange Zeit am gleichen Platz zu bleiben, sich der gleichen Aufgabe zu widmen, Tag für Tag die gleichen Bewegungen zu wiederholen, konnten die Früchte der neolithischen Kultur ernten. Die Rastlosen, die Ungeduldigen und Abenteuerlustigen müssen die tägliche Routine des neolithischen Dorfs als unerträglich empfunden haben, verglichen mit der Erregung des Jagens oder des Fischens mit Netz und Leine. Diese Leute kehrten zur Jagd zurück oder wurden nomadische Hirten.

Man treibt die Schlußfolgerung nicht zu weit, wenn man mit einem Wort behauptet, daß der neolithische Werkzeughersteller die »tägliche Arbeit« erfunden hat, in dem Sinne, wie sie in allen späteren Kulturepochen praktiziert wurde. Unter Arbeit versteht man fleißige Hingabe an eine einzelne Aufgabe, deren Endprodukt sozial nützlich ist, die aber dem Arbeitenden unmittelbar wenig bringt oder gar, wenn sie zu sehr verlängert wird, für ihn zur Strafe werden kann. Solche Arbeit konnte nur gerechtfertigt sein, wenn sie der Gemeinschaft letztlich mehr Nutzen brachte als eine sprunghaftere, launischere, »dilettantischere« Einstellung zur Sache.

»The daily grind« — wörtlich »das tägliche Mahlen«, wie man im Englischen für »tägliche Mühsal« sagt, wäre in der frühen neolithischen Gemeinschaft keine bloße Metapher gewesen. Nicht nur das Korn erforderte die tägliche Mühe des Mahlens. Die ersten paläolithischen Steinutensilien, der Mörser und die Steinlampe, brachten einen entscheidenden Beitrag zur gesamten späteren Technologie: die Kreisbewegung. Und mit der Übertragung dieser Bewegung von der Hand auf das Rad kam die nächste wichtige Maschine nach Pfeil und Bogen — die Töpferscheibe.

Beim Schleifen zählt beständige Aufmerksamkeit mehr als die feine sensorisch-motorische Koordinierung, die für das Feuer­steinspitzen nötig ist. Jene, die bereit waren, sich dieser Disziplin zu unterwerfen, brachten wahrscheinlich auch die Geduld auf. Pflanzen in allen Wachstumsstadien und in jeder Jahreszeit zu beobachten und durch Wiederholung des gleichen Prozesses Jahr für Jahr das gleiche vorhersehbare Resultat zu erzielen. Diese repetitiven Gewohnheiten erwiesen sich als äußerst produktiv. Doch zweifellos stumpften sie die Menschen etwas ab und förderten eher die gefügigeren Typen, während die bessere Nahrungs­versorgung zugleich deren Vermehrung sicherte.

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Das Schleifen hatte den Vorteil, den Hersteller von der Beschränkung auf einige wenige Steinarten, die sich — wie etwa Feuerstein — leicht abschlagen lassen, zu befreien: Werkzeuge konnten nun aus anderen harten Steinen, beispielsweise Granit, hergestellt, Utensilien — Töpfe oder Vasen — aus weichem Sand oder Kalkstein geschliffen werden, solange das Tonbrennen noch nicht erfunden war. Doch den großen Anstoß zum Schleifen gab die Domestizierung des Getreides, denn um es genießbar zu machen, mußte man es mahlen, dann einen Teig anfertigen und diesen auf einem Stein backen. Der mechanische Prozeß und das funktionelle Bedürfnis sowie das botanische Geschick in Selektion und Kultivierung von Pflanzen entwickelten sich gemeinsam.

Mit dem Anbau von Getreide wurde in jenen Teilen des Erdballs, die nicht von tropischem Überfluß und gleichmäßigem Klima begünstigt waren, eine neue Siedlungsweise möglich. Körnertragende Gräser sind ebenso verbreitet wie gewöhnliches Gras, und wenngleich der systematische Getreideanbau von den großen subtropischen Flußtälern seinen Ausgang nahm, erbrachten doch Gerste, Weizen und Roggen später auch in kälteren Zonen große Erträge haltbarer Nahrung. Damit begann der Vormarsch des Ackerbaus polwärts sowohl in der nördlichen als auch in der südlichen Hemisphäre.

Der Getreideanbau war von einer ebenso radikalen Neuerung in der Zubereitung von Nahrung begleitet: der Erfindung des Brotes. In einer unendlichen Vielzahl von Formen, vom ungesäuerten Brot aus Weizen oder Gerste im Nahen Osten bis zu den Maistortillas der Mexikaner und dem hefegesäuerten Brot späterer Kulturepochen, war das Brot bis heute der Mittelpunkt aller Ernährung. Keine andere Nahrung ist so bekömmlich, so transportabel oder von solcher Universalität. »Unser täglich Brot gib uns heute« wurde zu einem universalen Gebet, und dieses Nahrungsmittel wurde so verehrt wie das Fleisch eines Gottes, und es gilt daher in einigen Kulturkreisen immer noch als Sakrileg, Brot mit dem Messer zu schneiden.

Das tägliche Brot brachte eine Sicherheit in der Nahrungsversorgung, wie sie nie zuvor möglich gewesen war. Trotz Ertrags­schwankungen infolge von Überschwemmungen oder Dürre sicherte der Getreideanbau dem Menschen die tägliche Nahrung, sofern er ständig und fortlaufend arbeitete, während er des Wildes und des Jagdglücks nie sicher sein konnte. Mit Brot und Öl, Brot und Butter oder Brot und Speck hatte die neolithische Kultur die Basis einer ausgewogenen, kalorienreichen Ernährung, die nur frischer Gartenprodukte bedurfte, um völlig adäquat zu sein.

Diese Sicherheit machte es dem Menschen möglich, mit Vertrauen vorauszusehen und vorauszuplanen. Außer in tropischen Gebieten, wo das Problem der Bodenregenerierung nicht gemeistert wurde, konnten Gruppen nun an einem Ort Wurzeln schlagen, von ständig bebauten Feldern umgeben, allmählich die Landschaft umgestaltend, indem sie Gräben und Bewässerungs­kanäle bauten, Terrassen anlegten, Bäume pflanzten, für die spätere Generationen ihnen dankbar waren.

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Die Kapitalakkumulation beginnt hier, mit dem Ende des Von-der-Hand-in-den-Mund-Lebens. Dank dem Getreideanbau wurde die Zukunft vorhersehbar wie nie zuvor; und der Landwirt versuchte nicht nur, die überlieferte Vergangenheit zu bewahren, sondern auch seine gegenwärtigen Möglichkeiten zu erweitern; war das tägliche Brot einmal gesichert, so folgten rasch jene weiteren Wanderungen und Verpflanzungen von Menschen, die die ländliche Kleinstadt und die Großstadt möglich machten. 

 

  Die Ritualisierung der Arbeit  

 

Mit dem Getreideanbau übernahm die tägliche Mühsal eine Funktion, die vorher das Ritual erfüllt hatte; ja man käme der Wahrheit vielleicht näher, wenn man sagte, daß die rituelle Regelmäßigkeit und Wiederholung, mit deren Hilfe der Frühmensch die bösartigen und oft gefährlichen Emanationen seines Unbewußten bis zu einem gewissen Grad kontrollieren gelernt hatte, nun in die Arbeitssphäre transferiert und unmittelbarer in den Dienst des Lebens gestellt, auf die täglichen Verrichtungen im Garten und auf dem Feld angewandt wurde.

Das bringt mich zu einer Erscheinung, die die Technologen in ihrer Konzentration auf Maschinen und die dynamischen Komponenten der Technik zu wenig beachtet haben. Die radikalen Erfindungen der Jungsteinzeit lagen auf dem Gebiet der Gefäße und Behälter: Hier wurde der mühselige Prozeß des Schleifens zum Teil ersetzt durch die Verwendung des ersten plastischen Materials - des Tons. Ton ist nicht nur leichter zu formen als Stein, er wiegt auch weniger und läßt sich daher leichter transportieren. Und ist gebrannter Ton auch zerbrechlicher als Stein, so ist er dafür leichter zu ersetzen. Die Herstellung wasser­dichter, nicht ausrinnender, schädlingssicherer Tongefäße zum Speichern von Getreide, Öl, Wein und Bier war entscheidend für die ganze neolithische Wirtschaft.

Viele Gelehrte, die unschwer erkennen, daß Werkzeuge mechanische Nachbildungen der Muskeln und Glieder des männlichen Körpers sind — der Hammer ist eine Faust, der Speer ein verlängerter Arm, die Zange menschliche Finger —, scheinen sich schamhaft gegen die Einsicht zu sperren, daß auch der weibliche Körper extrapoliert werden kann. Sie wollen nicht sehen, daß der Mutterleib ein schützender Behälter und die Brust ein Milchkrug ist; deshalb erkennen sie nicht die volle Bedeutung des Umstands, daß eine Vielfalt von Gefäßen genau zu dem Zeitpunkt in Erscheinung trat, da die Frau erwiesenermaßen in der Nahrungs­versorgung und in der Gemeinschaftsführung eine wichtigere Rolle zu spielen begann als in den früheren Sammler- und Jägerwirtschaften.

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Das Werkzeug und das Utensil üben, wie die Geschlechter selbst, komplementäre Funktionen aus. Das eine bewegt, handelt, greift an; das andere verharrt auf seinem Platz, um zu halten, zu schützen und zu bewahren.

Im allgemeinen sind die mobilen, dynamischen Prozesse männlichen Ursprungs. Sie überwinden den Widerstand der Materie, drücken, ziehen, reißen, durchdringen, schlagen ab, erweichen, bewegen, transportieren, zerstören; die statischen Prozesse hingegen sind weiblich und widerspiegeln den Anabolismus der weiblichen Physiologie; sie wirken von innen her, wie chemische Prozesse, verharren meistens an Ort und Stelle, während qualitative Veränderungen vor sich gehen: Aus rohem Fleisch wird gekochtes, Gerste verwandelt sich in Bier, der Samen wird zur Pflanze. Es ist eine moderne Unsitte, das Statische geringer zu werten als das Dynamische; doch Gelehrte, die darüber lächeln, daß die Alten im Kreis eine vollkommenere Form sahen als in der Ellipse, machen eine ebenso naive Unterscheidung zugunsten des Dynamischen gegenüber dem Statischen, obwohl beide gleichermaßen Aspekte der Natur sind.

Historisch sind Kochen, Melken, Gerben, Brauen und Gartenbau weibliche Beschäftigungen; sie alle hängen mit den Lebens­prozessen der Befruchtung, des Wachstums und des Zerfalls oder von den das Leben aufhaltenden Prozessen der Sterilisation und der Konservierung zusammen. Alle diese Funktionen erweitern notwendigerweise die Rolle der Gefäße und Behälter; sie sind in der Tat unvorstellbar ohne Körbe, Töpfe, Kasten, Fässer und Scheunen; und die eigentliche Domestizierung, in der Sexualität und verantwortungs­bewußte Elternschaft eine so große Rolle spielen, beginnt erst mit dem permanenten Wohnhaus, dem Viehpferch und der Dorfsiedlung. Wie andere Komponenten der neolithischen Kultur war dieser Wandel keine jähe Umwälzung, sondern lange in Vorbereitung gewesen. Das Dorf, darf ich den Leser erinnern, war eine palöolithische Mutante vor mindestens zwanzigtausend Jahren, möglicherweise früher, obgleich es sich erst durchsetzte, nachdem die Gletscher zurückgewichen waren.

Als Haushälterin, Wirtschafterin, Feuerhüterin, Töpferin, Gärtnerin war die Frau für die große Menge von Utensilien und Gerätschaften verantwortlich, die die neolithische Technik kennzeichnen — Erfindungen, die für die Entwicklung einer höheren Kultur genauso wichtig waren wie irgendeine der späteren Maschinen. Und sie hinterließ ihren persönlichen Stempel auf allen Teilen der Umwelt: Glaubten die Griechen, daß die erste patera nach der Brust der Helena geformt wurde, so pflegten die Zuni-Frauen, gleichsam als Bestätigung der Fabel, ihre Krüge genau in der Form der weiblichen Brust herzustellen. Selbst wenn man stattdessen den runden Flaschenkürbis als das ursprüngliche Modell ansieht, so gehörte doch auch diese Frucht zum Wirkungsbereich der Frau.

Schutz, Speicherung, Einzäunung, Anhäufung, Kontinuität — diese Beiträge der neolithischen Kultur stammen weitgehend von der Frau und ihren Aufgaben. In unserer gegenwärtigen Vorliebe für Geschwindigkeit, Bewegung und räumliche Ausdehnung neigen wir dazu, all diese stabilisierenden Prozesse abzuwerten; selbst unsere Gefäße und Behälter, von der Trinkschale bis zum Tonband, gelten uns als ebenso vergänglich wie das Material, das sie enthalten, oder die Funktion, der sie dienen. Aber ohne die ursprüngliche Betonung der Kontinuität, zuerst im Stein, dann in der neolithischen Seßhaftigkeit verkörpert, hätten die höheren Kulturfunktionen sich nicht entwickeln können. Da die Arbeit in unserer Gesellschaft infolge der Automation zu verschwinden beginnt und der Begriff der täglichen Mühsal für den einzelnen bedeutungslos wird, werden wir vielleicht zum ersten Mal begreifen, welche Rolle die neolithische Kultur in der Humanisierung des Menschen gespielt hat.

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