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2.9.  Die Zusammenballung der Macht  

 

 

 

Ein Brief an die Geschichtslehrer 

599-635

Was die Beziehung zwischen menschlichem Fortschritt und technologischem Wandel seit dem Mittelalter betrifft, ist die beste Interpretation immer noch die von Henry Adams, der die Bedeutung dieses Wandels erkannte, lange bevor es eine adäquate Geschichtsschreibung über einen der beiden Bereiche gab. 

Vor mehr als fünfzig Jahren stellte er fest, daß vom 13. Jahrhundert an Erzeugung und Verbrauch von Energie stetig gewachsen sind und daß dies ein Hauptfaktor der Umgestaltung der westlichen Zivilisation gewesen ist. Schon 1905 erkannte Adams, daß dies kein reiner Gewinn war, denn die Beschleunigung des Tempos könnte die gesamte Sozialstruktur zerstören, deren Schwäche in fortgeschrittenen Staaten wie England und Frankreich bereits unverkennbar war. Soweit überhaupt jemand sich an diese große Aufgabe heranwagen konnte, schickte er sich an, seinen Zeitgenossen diese Lage vor Augen zu führen und sie auf eine entsprechende Änderung ihrer Denkgewohnheiten und Institutionen vorzubereiten. 

Wenngleich das Ausbleiben jeglicher Reaktion auf seine Warnungen die Erwartungen seiner potentiellen Nachfolger dämpfen sollte, so demonstriert doch gerade diese Tatsache einen Teil des in diesem Kapitel behandelten Themas: die Existenz von alten Gewohnheiten und Zwängen, verbunden mit archaischen Vorstellungen, die es den Opfern des Mythos der Maschine unmöglich machen, die notwendigen Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um die Automation der Automation zu bremsen und die Kräfte zu kontrollieren, die die Existenz der Menschheit bedrohen.

Respekt verdient Henry Adams auch dafür, daß er die radikalen Veränderungen, die das 20. Jahrhundert bringen sollte, voraussah, indem er aus der damaligen Anwendung der Elektrizität Rückschlüsse auf die Vergangenheit und aus den wahr­schein­lichen Konsequenzen des Radiums Schlußfolgerungen für die Zukunft zog. Erstaunlicherweise erkannte er fast als einziger die Bedeutung des Radiums; denn die Umwälzung unserer gesamten Vorstellung von der physikalischen Welt, die sich aus der Entdeckung der Radioaktivität ergab, wurde von den meisten Wissenschaftlern seiner Zeit lange übersehen.

Sehr bedeutende Physiker, nicht zuletzt Lord Rutherford selbst, der als experimenteller und als theoretischer Physiker denselben Rang einnimmt wie die Curies, verstanden weder die technischen Entwicklungs­möglich­keiten noch die sozialen Konsequenzen der Nutzung der Atomenergie.

Noch bevor die Historiker der Technik das Beweismaterial für die zunehmende Energienutzung vom dreizehnten Jahrhundert an zusammengetragen hatten, war Adams, indem er diesen Wandel skizzierte, stillschweigend von dem irreführenden Begriff der industriellen Revolution abgegangen; scharfsinnig erfaßte er die Knotenpunkte in der Kurve des Energiewachstums in Westeuropa. Sein lückenhaftes Wissen und seine fragwürdigen Mathematikkenntnisse wurden durch eine ungewöhnliche intuitive Einsicht mehr als wettgemacht. 

Und was noch wichtiger ist, er brachte die Energiewachstumsrate mit der fortschreitenden Verkürzung der Entwicklungsphasen in Beziehung. Folglich sah er sogar den gegenwärtigen raschen Wechsel von der Elektrizitäts­phase zur Atomenergiephase voraus. Mögen seine Daten auch geringfügiger Korrekturen bedürfen, sein grund­legendes Bild bleibt dennoch gültig. Hier, was die Energie allein betrifft, zeigte die Kurve einen echten Fortschritt, um so deutlicher, als sie in einem cartesianischen Schema mathematisch ausgedrückt werden konnte. Beim Eintreten in die nukleare Phase stieg die Kurve beängstigend steil über das Kurvenblatt hinaus.

Obwohl Henry Adams nach einer wissenschaftlichen Untermauerung seiner Interpretation suchte, vermochte er keine zu finden: so knüpfte er auf der Suche nach einem theoretischen Gerüst seine Beobachtungen unglücklicherweise an ein ganz irrelevantes physikalisches Prinzip: an Willard Gibbs Phasenregel, die ihm bestenfalls eine vage Metapher lieferte. Die Phasenregel vermochte die Aufmerk­samkeit auf die Tatsache zu lenken, daß jede Stufe des Energiewachstums eine nicht voraussag­bare Änderung des Aggregatszustandes herbeiführte, vergleichbar der Verwandlung von Eis in Wasser und von Wasser in Dampf. Seit Lloyd Morgans tiefschürfender Analyse in dem Werk Emergent Evolution möchte man nun jede nachfolgende Phase eine Neubildung nennen.

Die Analogie, so wie Henry Adams sie zog, war ungenau und irreführend, um so mehr, als sie der beschleunigten Energie­produktion anscheinend den Rang eines Naturgesetzes verlieh; indessen war sie ein wahrgenommenes Faktum in einer bestimmten Phase der Menschheitsgeschichte: das gemeinsame Produkt von Erfindungen wie der Wassermühle, der Windmühle, dem Schießpulver und dem Kohlenbergbau, von menschlicher Tätigkeit in Handel, Entdeckungen und Krieg, und von wissen­schaftlichen Interessen, politischen Ambitionen und finanziellen Unternehmungen, die alle direkt und indirekt der Erweiterung des Reichs der Maschine dienten. Kurz, ein Produkt des neuen Machtkomplexes.

  wikipedia  Henry_Adams (1838-1918)        600


Das Energiewachstum war daher nicht nur ein natürliches Phänomen, wie ein Blitzschlag. Aber Adams' unreflektierter Calvinismus bewog ihn, historische Veränderungen so zu behandeln, als wären sie vorherbestimmt, als hätten sie ihren Ursprung völlig außerhalb des Menschen und als lägen sie jenseits seiner Kontrolle wie Verdammnis und Erlösung in der calvinistischen Theologie. Diese theologischen Rückstände verstärkten die Voreingenommenheit der zeitgenössischen Wissenschaft, ihren dogmatischen Determinismus. Adams war geistig nicht mit einer Welt vertraut, in der menschliche Intentionen und Taten zählten, die, obgleich quantitativ unbedeutend, manchmal, wie J. Clerk Maxwell meinte, entscheidend sein mochten.

Aber wenn Henry Adams auch keine adäquate Erklärung für die Dynamik der sozialen Organisationen — der mönchischen, monarchischen und kapitalistischen — liefern konnte, die dieses enorme und sich stetig beschleunigende Energiewachstum vom zwölften bis zum zwanzigsten Jahrhundert gefördert hatten, so war er doch seinen Zeitgenossen weit voraus beim Aufspüren der drohenden Folgen. Schon 1904 nahm Adams das psychologische Unbehagen wahr, das den bis dahin erzielten Machtzuwachs bereits begleitete. In einem Schreiben an einen Freund sagte er:

»Reichtum, wie er bisher unvorstellbar war. Macht, wie sie noch nie ausgeübt wurde, Geschwindigkeit, wie sie bisher nur Meteore erreichten — haben die Welt nervös, zänkisch, unvernünftig und furchtsam gemacht.« 

In einem noch eindrucksvolleren Brief an seinen Historikerkollegen Henry Osborne Taylor, nur ein Jahr später geschrieben, machte Adams folgende noch überraschendere Vorhersage: 

»Der Glaube an Einheitlichkeit, der für das menschliche Denken im Mittelalter typisch war, ist nur sehr allmählich den Beweisen der Komplexität gewichen. Die Ratlosigkeit der Wissenschaft angesichts der Entdeckung des Radiums ist ein Beweis dafür. Doch auf Grund meiner Quotienten und Kurven ist es ziemlich sicher, daß es bei dem seit 1600 beschleunigten Fortschrittstempo keines weiteren Jahrhunderts oder halben Jahrhunderts bedarf, um das Denken zu revolutionieren. Das Recht wird in diesem Falle als Theorie oder als aprioristisches Prinzip verschwinden und dem Zwang weichen. Moral wird zu einer Polizeiangelegenheit werden. Sprengstoffe werden kosmische Gewalt erlangen. Zerfall wird über die Integration siegen.«

Wer meine Schriften seit 1940 verfolgt hat, wird diese prophetischen Worte, die später in Adams' gesammelten Briefen publiziert wurden, schon kennen. Ich entschuldige mich nicht dafür, daß ich sie mehr als einmal zitiert habe — obwohl es diesmal, wie ich glaube, zum letzten Mal geschehen ist.

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Was Adams in dieser Textstelle voraussah, waren die gesellschaftlichen Konsequenzen zunehmender physischer Macht ohne entsprechende Zunahme an geistiger Einsicht, moralischer Disziplin, sozialem Bewußtsein und verantwortungsbewußter politischer Führung: eine Notwendigkeit, die allzu verspätet von nur wenigen Atomwissenschaftlern erkannt wurde, zu dem Zeitpunkt, da »Bomben von kosmischer Gewalt« schon erfunden waren. Was diese voraussichtliche Umwälzung sozial gefährlich machte, war nicht die Vermehrung der Energie an sich, sondern die damit verbundene Befreiung von moralischen Hemmungen und lebenserhaltenden Tabus, Praktiken, die sich von den frühesten Entwicklungsstadien an als essentiell für das menschliche Überleben erwiesen hatten.

Der Beweis dafür, wie tief Adams' Verständnis ging, stellte sich noch vor der Erfindung der Atombombe ein, denn mit der Entstehung der monopolistischen politischen Macht in all ihren totalitären Formen waren Terror, Folter und Massenausrottung wieder als normale Herrschafts­instrumente eingeführt worden. Selbst die demokratischen Mächte ließen im Krieg gegen den Faschismus die moralischen Normen und Gesetze fallen, die von den »zivilisierten« Nationen bis dahin respektiert worden waren, und kopierten die verab­scheuungs­würdige faschistische Praxis der rücksichtslosen Ausrottung der Zivilbevölkerung. Dieser unheilvolle Zusammenbruch der Moral setzte den Präzedenzfall und lieferte damit die »Rechtfertigung« für die spätere Anwendung der Atombombe, die ein billigeres Mittel zum gleichen Zweck ist.

Totalitäre Entsittlichung ist also die Kehrseite des explosiven Energiewachstums: in diesem Geist haben die führenden Groß­mächte seit 1945 genügend Atombomben hergestellt, um alles Leben auf diesem Planeten auszulöschen. Macht in dem von Adams vorhergesagten Ausmaß hat den Wahnsinn zur Norm gemacht, indem sie infantilen Ambitionen und psychotischen Halluzinationen wissenschaftlichen und technologischen Rückhalt gab.

Ein Jahr nach Adams' Tod bestätigten sich seine kühnen Verallgemeinerungen; denn 1919 waren Rutherfords Arbeiten so weit fortgeschritten, daß die theoretische Möglichkeit der Atomspaltung in Reichweite war und sich somit die Endphase ankündigte, deren Beginn Adams für 1917 angesetzt hatte. Damals schrieb Rutherfords Chefassistent Frederick Soddy in der vierten Ausgabe seines zweibändigen Werkes über Radioaktivität:

»Das Problem, die Atomenergie umzuwandeln und freizusetzen, um die Arbeit dieser Welt zu verrichten, ist nicht mehr von Geheimnissen und Unwissenheit umgeben, sondern wird schrittweise auf eine Form reduziert, die exakte quantitative Berechnung erlaubt. Vielleicht wird es für immer ungelöst bleiben. Aber die Schnelligkeit, mit der wir auf dem einzigen erfolgversprechenden Weg vorankommen, macht es wahrscheinlich, daß wir den Erfolg eines Tages erreichen.

Wenn dieser Tag kommt, möge niemand sich über die Größe der sich daraus ergebenden Probleme täuschen oder glauben, man könnte eine Errungenschaft von solcher Tragweite ruhigen Gewissens jenen anvertrauen, die schon in der Vergangenheit den Segen der Wissenschaft in einen Fluch verwandelt haben.«

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Soddys starkes soziales Verantwortungsgefühl veranlaßte ihn, die physikalische Forschung aufzugeben und sich dem Problem zuzuwenden, die zur Verfügung stehenden Energien in angemessenen ökonomischen Begriffen auszudrücken; aber seine Ausbildung als Naturforscher oder vielmehr seine fehlenden Grundlagen auf anderen Gebieten führten ihn dazu, seine Gedanken auf die staatliche Kontrolle von Geld und Kredit und auf die Einkommens­verteilung zu konzentrieren; so verlor er sein weitgestecktes Ziel aus den Augen, indem er sich an die unzureichende Einzelfaktoren­analyse klammerte. Seine antizipatorische Einsicht bleibt nichtsdestoweniger sehr anerkennenswert.

Schon vor Soddy war Henry Adams von den Traditionen orthodoxer wissenschaftlicher Geschichtsschreibung abgewichen, indem er zwei radikale Schritte unternahm. Erstens kümmerte er sich nicht um die geheiligten Regeln der historischen Wissen­schaft, indem er seine Feststellungen über die beschleunigte Energieproduktion aus der Vergangenheit auf die Zukunft übertrug. Als Determinist nahm er an, daß die seit langem wirkenden Ideen und Kräfte sich entlang der von ihm entdeckten Kurve fortsetzen würden, obgleich diese bereits so steil anstieg, daß sie entweder ein abruptes Ende oder den Eintritt in eine neue Phase anzeigte, mit neuen Faktoren, die noch in keiner früheren historischen Entwicklung sichtbar gewesen waren.

Adams' zweiter Schritt war jedoch weit bedeutsamer, denn er widersprach seinem deterministischen Glauben: Er schlug eine bewußte geistige Initiative vor, die zu einer Aktion gegen die von ihm beschriebene Gefahr führen sollte. In seinem Letter to Teachers of History aus dem Jahre 1910, der zumindest das Denken, wenn schon nicht die ganze Welt aufrütteln sollte, lenkte Adams die Aufmerksamkeit seiner Kollegen auf die in Gang befindlichen Veränderungen und meinte, sie sollten versuchen, die Kräfte, die da am Werk waren, zu begreifen, und sich gemeinsam bemühen, die notwendigen institutionellen Veränderungen zu erarbeiten, um jene Kräfte zum Wohl der Menschheit zu nutzen, da »Bomben von kosmischer Gewalt«, wenn sie nicht kontrolliert würden, die Zivilisation zu vernichten vermögen.

Die alptraumhafte Vorahnung solcher Möglichkeiten hatte es im westlichen Denken schon früher gegeben, angefangen von den Träumen Leonardo da Vincis bis zu den gleichermaßen unheilvollen Phantasien von Madame Blavatksy, die in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts veröffentlicht wurden; sogar Edmond de Gouncourt hatte, wie aus einem Brief Oscar Wildes hervorgeht, an die Möglichkeit gedacht, Wasserstoff aus der Luft zu gewinnen, um eine »grauenhafte Zerstörungsmaschine zu bauen«, ein Gedanke, der zweifellos von einem seiner wissenschaftlichen Freunde stammte (Oscar Wildes Briefe, 17. Dezember 1891).

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Als Henry Adams sich zu diesen Schlußfolgerungen vortastete, erhielt er von den Physikern keinerlei wirksame Hilfe; die meisten von ihnen steckten immer noch allzu tief in der scheinbar stabilen Welt der Abstraktionen, die sich aus den mechanistischen Auffassungen des siebzehnten Jahrhunderts herleiteten. So ist es kaum verwunderlich, daß auch seine engeren akademischen Kollegen, die Historiker und die Philosophen, sich von seinen grausigen Vorhersagen nicht aufrütteln ließen und fanden, seine Warnungen wären ungerechtfertigt angesichts der Realität, wie sie sie verstanden oder auf Grund ihrer beruflichen Qualifikation behandelten. Ihre Passivität unterschied sich tatsächlich kaum von der vieler angesehener Physiker, Millikan inbegriffen, die trotz ihrer neuen Erkenntnisse über die Struktur des Atoms überzeugt waren, daß eine künstliche Atomspaltung nicht möglich wäre. Selbst die tatsächlichen Erfinder der Atombombe zweifelten an ihrem Erfolg. Doch daß es Adams nicht gelang, die Aufmerk­samkeit der wissenschaftlichen Welt zu erregen, liegt nicht an mangelnder Folgerichtigkeit seiner historischen Argumentation. Die Perspektiven, die er enthüllte, waren einfach zu unerfreulich, als daß seine Zeitgenossen sie akzeptiert hätten.

Dieser Widerstand spricht noch mehr für Adams. Mit seiner Fähigkeit, zu generalisieren, hatte er alle verfügbaren technischen und wissenschaftlichen Daten zu einem neuen Bild von großer Signifikanz zusammengesetzt. Doch kein Spezialist auf irgendeinem Gebiet, auch wenn er Adams' Vorschläge gekannt hätte, war damals imstande, das gesamte Bild zu sehen oder zuzugeben, daß er, wenn dieses Bild richtig war, nicht länger an der dualistischen Ideologie des siebzehnten Jahrhunderts festhalten oder ohne Revision die rein quantitativen und objektiven Methoden, die sich als so erfolgreich erwiesen hatten, unverändert weiter­verwenden konnte. Daß dieser mechanistische Kosmos des siebzehnten Jahrhunderts unter dem Druck nuklearer Explosionen plötzlich zerfallen und das Chaos des zwanzigsten Jahrhunderts produzieren sollte, schien zu unwahrscheinlich, um erstgenommen zu werden.

Wenn aber Adams recht hatte, dann verlangte die historische Situation nach einer neuen Auffassung, nach neuen Methoden und nach bewußter Annahme neuer, ernster Pflichten — nach einem Wandel im Denken, dringlicher als jener, der nach Kopernikus in der Wissenschaft stattfand. Unglücklicherweise waren dies Forderungen, die Adams selbst nicht zu erfüllen vermochte, nicht einmal in dem von Bacon vorgezeichneten Ausmaß.

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Wenn Adams' wissenschaftliche Kollegen seinen Appell mit verwirrtem Schweigen aufnahmen — selbst der frei und offen denkende William James zeigte taube Ohren —, so deshalb, weil Henry Adams' Leitgedanke noch radikaler war, als er selbst erkannte. Indem er das Hauptgewicht auf die potentielle Zukunft legte, entfernte er sich von der Welt der linearen Zeit und Kausalität — die er auf Grund seiner Ausbildung mit der Realität gleichsetzte — hin zur organischen Ordnung von zeitlicher Dauer, Phylogenese und sozialer Erbmasse (Gedächtnis und Geschichte), in der Vergangenheit und Zukunft sich in der Gegenwart schneiden. In dieser organischen Welt überlagert der Zweck den Prozeß und verändert ihn teilweise; hier ist der Ablauf der Ereignisse nicht durch äußere Kräfte, die isoliert auf isolierte Objekte wirken, bestimmt, sondern durch Reaktionen in einem komplexeren Bereich, modifiziert durch die ererbte Natur des Organismus und durch die lebenslange Akkumulation von Erfahrungen in einer Umwelt, in der es von anderen Organismen wimmelt; hier schließlich absorbiert die organische Kontinuität neu Entstehendes und bestimmt, ob es sich mit dem beharrenden Wesen des Organismus und dessen tastendem, suchendem Vordringen in die Zukunft verträgt.

Adams selbst war leider dem deterministischen Atomismus der orthodoxen Wissenschaft, die sich mit Abstraktionen und isolierten Erscheinungen befaßt, zu sehr verhaftet, um zu sehen, daß das von ihm gestellte Problem nicht auf der Basis seiner eigenen ideologischen Prämissen beantwortbar war. Er umging diese Aufgabe, indem er sich in die offenen Arme der Jungfrau Maria flüchtete.

Obwohl Adams die ständige Beschleunigung der Energieproduktion einzig und allein den physikalischen Instrumenten zuschrieb, die diese Transformation bewirkten, war er doch tatsächlich auf einen neuen Faktor gestoßen, dessen ungeheure und gefährliche Bedeutung bis heute noch nicht voll erkannt worden ist. Es handelt sich um die Tatsache, daß der allmähliche Zerfall des gesamten Systems sozialer Verbote, religiöser Beschränkungen und gemeinschaftlicher Sitten, das in den frühen Gesellschaften vorgeherrscht hatte, die Kräfte des Menschen durch Freisetzung einer gigantischen Flut von außermenschlicher Energie verstärkt hat: ein Prozeß, dessen zunehmend automatische Expansion keine Grenzen kennt. Die Gesellschaft, beeindruckt von ihrem unbestreitbaren Erfolg in der Mechanisierung, hatte begonnen, ihrem eigenen automatischen System zu gehorchen, und jede Art von Tätigkeit war auf beschleunigte quantitative Expansion eingestellt: territoriale Expansion, Bevölkerungsexpansion, Expansion der mechanischen Mittel, Expansion der Produktionsraten, der Kapitalgewinne, der Einkommen, der Profite und des Konsums. Hinter all diesen Folgeerscheinungen stand die Expansion der wissenschaftlichen Erkenntnisse als Urheberin dieses gesamten Prozesses. Die Automation der Automation hatte begonnen.

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Für die meisten von Adams' Zeitgenossen waren diese eskalierenden Automatismen, dieses freiwillige Abgehen von den einschränkenden Sozialnormen früherer Gemeinschaften unwiderlegbare Fortschrittsbeweise. Nur Adams hatte den Mut, diese scheinbar so wohltätige Entwicklung bis an ihr drohendes negatives Ende zu verfolgen: eine Machtfülle, die nicht mehr kontrollierbar ist — außer durch eine grundlegende Neuorientierung der menschlichen Gewohnheiten, Bemühungen und Ziele.

Sollte diese Transformation nicht stattfinden, sah Adams ein schreckliches menschliches Debakel voraus. Obwohl Adams kein Heilmittel für die drohende Krankheit vorschlagen konnte, erwies sich seine Prognose doch als bemerkenswert richtig. Ein Menschenalter nach Adams' Tod sind wissenschaftliche Fortschritte und menschliche Rückschritte in einem Ausmaß zu verzeichnen, wie nur er es sich vorstellen konnte.

 

Die alte und die neue Megamaschine 

Henry Adams' Vorhersage war trotz ihrer bemerkenswerten Weitsicht dadurch beeinträchtigt, daß sie sich auf einen einzelnen Faktor beschränkte: auf Energie. Ehe die Ereignisse, die er vorhersah, eintreten konnten, mußten die Komponenten einer neuen Megamaschine entdeckt, erfunden, getestet, organisiert und schließlich zu einer einheitlichen Organisation zusammengefaßt werden. Wie bei der ursprünglichen Megamaschine des Pyramidenzeitalters konnte diese Zusammenfassung nur in der Schmelzglut des Krieges herbeigeführt werden. Adams hat den bevorstehenden radikalen Wandel zum Großteil ganz richtig vorausgesehen. Er konnte jedoch nicht vorhersehen, daß eine noch massivere Integration jener Kräfte stattfinden könnte, aus der ein noch gewaltigeres Machtsystem entstehen würde.

Doch bevor die Verschmelzung dieser Kräfte tatsächlich stattfand, waren so viele der nötigen Komponenten noch gar nicht oder in ungenügender Menge vorhanden und der Widerstand der alten Institutionen gegen einen radikalen Wandel so stark, daß Adams' Vorhersage verächtlich als die Geistesverirrung eines alternden Mannes abgetan werden konnte. Bis 1940 war es noch möglich, den beschleunigten Fortschritt der modernen Technologie im großen und ganzen als günstig für die menschliche Entwicklung zu betrachten; und so tief ist diese Überzeugung verwurzelt, so völlig hat der Mythos der Maschine vom modernen Denken Besitz ergriffen, daß diese archaischen Glaubenssätze heute noch weitgehend als wohlfundiert, wissenschaftlich beglaubigt und unzweifelhaft fortschrittlich — kurz, als praktisch unangreifbar angesehen werden.

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Natürlich wußte am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts jedermann, daß in jedem Bereich des täglichen Lebens tiefgehende Veränderungen im Gange waren. Diese Veränderungen wurden nicht nur von einem gigantischen Energiezuwachs verstärkt und gefördert, sondern auch von einem Verkehrs- und Kommunikationsnetz nie zuvor dagewesenen Ausmaßes. Das Wachstum des Kapitalismus, so ungleich er auch die Güter verteilte, erschien dennoch vielen Beobachtern als die notwendige Vorbereitung für ein gerechteres, sozialisiertes System. Die scheinbar zwangsläufige Erweiterung der politischen Demokratie, zumindest in den industriell fortgeschrittenen Ländern, durch verantwortliche Parteienregierungen würde, wie man glaubte, einen reibungslosen Übergang garantieren, durch eine Reihe von Maßnahmen, die für soziale Sicherheit und soziale Wohlfahrt sorgten. Obzwar die einzelnen Komponenten der Megamaschine bereits vorhanden waren — faktisch stellten die großen Industriekonzerne und Kartelle deren Modelle dar —, begann das System als Ganzes gerade erst Gestalt anzunehmen.

Die Vorstellung, mechanischer Fortschritt sei an sich bereits von befreiender Wirkung, war im allgemeinen das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch nicht angefochten worden — ausgenommen von Romantikern wie Delacroix, Ruskin und Morris oder von rückwärtsgewandten Denkern; tatsächlich hatten die technischen Neuerungen nicht wenig befreiende Folgen gehabt, die sie zum Teil rechtfertigten, selbst in Zeiten, da die Arbeiter in einem neuen Industriezweig nach dem anderen brutal geknechtet wurden.

Riesige Völkerwanderungen friedlicher, unbewaffneter Menschen fanden statt, freiwillig von Europa nach Amerika, unter autoritärem Druck, als Strafe und Verbannung, von Rußland nach Sibirien. Man konnte ohne amtliche Genehmigung oder Beschränkung überallhin reisen und in viele Länder auch auswandern. Bis 1914 brauchten Reisende die über das Militärdienstalter hinaus waren, nirgends einen Paß, außer in den beiden letzten großen Despotien, Rußland und Türkei

Zum ersten Mal in der Geschichte herrschte überall, wie der italienische Historiker Guglieimo Ferrero feststellte, die Freiheit der Meere; Freiheit und Sicherheit. Selbst der Imperialismus, so hart er unterworfene Völker behandelte, hatte mitgeholfen, die Grundlage von Recht und Ordnung und Sicherheit der Person zu schaffen, auf der alle wahre Freiheit beruht.

Mittlerweile hatte im neunzehnten Jahrhundert die Zahl der selbstverwalteten Vereine, Organisationen, Verbände, der Körper­schaften und Gemeinden stark zugenommen; und regionale Einheiten, die einst von einem Nationalstaat oder einem despotischen Imperium unterdrückt worden waren, begannen ihre kulturelle Individualität und ihre politische Unabhängigkeit wiederzugewinnen. Kein Wunder, daß kaum jemand argwöhnte, eine neue Megamaschine sei bereits im Entstehen begriffen und werde durch neue technische Fortschritte in jeder Richtung gefördert werden.

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Innerhalb der letzten fünfzig Jahre hat sich dieses Gesamtbild verändert — viel stärker, als jemand, der nach 1910 zur Welt kam, auf Grund persönlicher Eindrücke und Erinnerungen zu erkennen vermag. Und was anfänglich eine Reihe voneinander unabhängiger und oft einander widersprechender Tendenzen zu sein schien, erwies sich nicht etwa als ein ganz neues Phänomen, sondern vielmehr als eines, das erstmals in den Anfängen der Zivilisation hervorgetreten war, weitgehend als Resultat einer analogen Konstellation von Kräften, die unter ähnlichen ideologischen Voraussetzungen und psychologischen Zwängen wirkten und auf das Erreichen ähnlicher Ziele ausgerichtet waren: Beherrschung der Natur und Unterwerfung des Menschen.

Im ersten Teil dieses Buches brachte ich diese Kräfteverschmelzung mit der Geburt einer neuen Religion, der Religion der Himmelsgötter, in Verbindung. Und bei der Behandlung des wissenschaftlichen und technischen Wandels nach dem fünfzehnten Jahrhundert habe ich, wie der Leser bemerkt haben wird, diese Wiederkehr auf höherer Stufe ständig im Auge behalten. Setzt man die verstreuten und scheinbar unzusammenhängenden Komponenten beider Systeme zusammen, so wird die Ähnlichkeit zwischen den beiden Zeitaltern klar ersichtlich: um so mehr, als das, was einst unmögliche Wünsche, vergebliche Hoffnungen und leere Prahlereien der alten Götter und Könige waren, heute Wirklichkeit geworden ist und eine noch rücksichtslosere Expansion unwiderstehlicher Macht und ungehemmter Irrationalität ankündigt. Wir wollen diese Komponenten in der Reihenfolge ihres Auftretens zusammenfügen.

Zuerst kam die kosmische, religiöse Vorbereitung, die ich bereits als Wiedergeburt des Sonnengottes beschrieben habe, oder, um es einfacher auszudrücken, das heliozentrische System des Kopernikus. Die Exponenten dieser Religion, einst Natur­philosophen, später Wissenschaftler genannt, verhielten sich lange Zeit derart bescheiden und selbstaufopfernd und brachten eine solche Fülle nützlichen Wissens hervor, anwendbar in Bergbau, Hydraulik, Schiffahrt und Krieg — und später in der Medizin, in der Landwirtschaft und im öffentlichen Gesundheitswesen —, daß niemand argwöhnte, ihre Methoden könnten eines Tages zum Hauptinstrument eines enthumanisierten Regimes werden.

Zugleich mit der neuen Universalreligion des Sonnengottes kam — scheinbar unabhängig davon — die Zentralisierung der politischen Macht, zuerst in dem neuen Geschlecht von Tyrannen, Despoten und Königen, die sowohl die feudalen Verpflichtungen als auch die von den Städten gewährten Freiheiten beseitigten, um uneingeschränkt privaten Reichtum anhäufen zu können — durch Besteuerung, Enteignung sowie Unterwerfung und Ausplünderung kleinerer Völker.

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 Aus dieser persönlichen Souveränität des Königs von Gottes Gnaden, die offen als solche proklamiert wurde, erwuchs die unpersönliche Souveränität des Staates. Unter oligarchischer oder republikanischer Staatsform beanspruchte dieses kollektive Organ alle Vorrechte und Machtbefugnisse, die früher der König für seine Person beansprucht, ja sogar umfassendere, als je ein Monarch zu fordern gewagt hatte. Wie im alten Ägypten hätte dieser Super-Souverän seine Befehle nicht durchsetzen können ohne die erneute Ausbildung und Disziplinierung zweier alter Systeme: der Bürokratie und der Armee. Hoch der Automatismus, nieder mit der Autonomie!

Gewiß war in den dazwischenliegenden fünf Jahrtausenden keine dieser Institutionen völlig verschwunden: In mancher Hinsicht hatten sie von Zeit zu Zeit aus der technischen Verbesserung der Evidenzmittel, der Bewaffnung und der Taktik, der Methoden funktionaler hierarchischer Organisation Nutzen gezogen. Beide waren, durch alte Tradition sorgfältig gepflegt, im Heer und in der geistlichen Organisation der römischen Kirche erhalten geblieben, eine vergeistigte Megamaschine, die an die fünfzehn Jahrhunderte überdauert hatte.

Die neuen absoluten Herrscher, wie Peter der Große von Rußland, Friedrich Wilhelm von Preußen und Ludwig XIV. von Frankreich, verfügten über ein stehendes Heer, untergebracht in permanenten Kasernen, gelenkt von einer permanenten Bürokratie — sie alle konnten, noch lange vor der Erfindung der Telegraphie, eine mehr oder weniger wirksame Fernkontrolle über weitentfernte Feinde und verstreute Völker ausüben. Die moderne zentralisierte Organisationsform war unvergleichlich mächtiger als die der isolierten mittelalterlichen Gemeinschaften mit ihren undisziplinierten feudalen oder städtischen Armeen, die nur fallweise ausgebildet und zusammengerufen wurden, oder als ihre Stadtverwaltungen mit Amateurbeamten, die jeweils nur für ein Jahr eine begrenzte Macht ausübten.

Diese Wandlungen unterstreichen nur, daß es keinen Bestandteil der modernen Megamaschine gibt, sei es in der Wirklichkeit oder im Traum, der nicht bereits im ursprünglichen Modell existiert hätte. Ausgesprochen modern ist nur die wirksame Realisierung archaischer Träume, die bis dahin technisch unausführbar gewesen waren. Mit der Verschmelzung von politischem Absolutismus, militärischer Reglementierung und mechanischen Erfindungen kam es zur Wiederherstellung einer alten Institution, die lange Zeit in Schwebe gewesen war: Zwangsarbeit und allgemeine Zwangsaushebung für den Krieg. Erstere nahm die Form von Sklaverei und Lohnarbeit an, unter der Drohung von Hunger und Gefängnis: ein System, das, wie die Sklaverei in den Vereinigten Staaten, die frommen Versprechungen der herrschenden Freiheits­ideologie schamlos Lügen strafte.

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 Doch die allgemeine Zwangsaushebung, unter dem Banner der Demokratie eingeführt, ging sogar noch weiter: Sie entstand als ein Instrument »nationalen Überlebens« in der Hitze der Kämpfe der französischen Revolutionskriege und wurde von dem frechen selbstgekrönten Kaiser weitergeführt, der diese Revolution liquidierte. So wurde die bedeutendste militärische Neuerung, die die ägyptische Megamaschine möglich gemacht hatte, zum ersten Mal seit jener Zeit wiedereingeführt, als permanentes Hilfsmittel einer Großmacht. Selbst als das Römische Reich sich auf seinem Höhepunkt befand, war eine derart totale Organisierung großer Bevölkerungsteile zur Arbeit oder zum Krieg nicht möglich gewesen.

Die Bedeutung der allgemeinen Zwangsaushebung (höflich als allgemeine Wehrpflicht bezeichnet) als wesentliches Instrument der Massenkontrolle wurde von den modernen Politik- und Geschichtswissenschaftlern mit unglaublicher Leichtfertigkeit oder ebenso unvorstellbarer Blindheit übergangen. Obwohl es keinen Faktor gab, der stärker zur Destruktivität des Krieges und zur Vorbereitung der Bevölkerung auf die Rituale der Menschenmassaker beitrug, ist die wissenschaftliche Literatur über dieses Thema sehr spärlich. Das Wort conscription (Wehrpflicht) scheint im Index der Cambridge Modem History in den Bänden, die von der Französichen Revolution und von Napoleon handeln, nicht auf. Die einzige bemerkenswerte Ausnahme bildet ein Artikel von Colonel F. N. Maude in der elften Ausgabe der Encyclopaedia Britannica (1910); darin heißt es: »Es gibt wahrscheinlich kein Gesetz in den Gesetzbüchern irgendeiner Nation, das einen weiterreichenden Einfluß auf die Zukunft der Menschheit ausgeübt hat und ausüben wird als dieser kaum bekannte französische Erlaß aus dem Jahre 1798.« Diese Einsicht ist noch nicht ganz in unser politisches Bewußtsein eingedrungen.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Zwangsarbeit im Straßen- und Festungsbau und zwangsweiser Militärdienst zwar allgemein gebräuchlich, aber lokal begrenzt und sporadisch gewesen; nun wurden sie systematisch, regelmäßig und umfassend. Das Heer wurde faktisch zu einer Erziehungsinstitution mit dem Zweck, die Menschen auf gedankenlose, prompte, automatische Durchführung von Befehlen zu dressieren. Obwohl dieses System manchmal Unwillen und Widerstand hervorrief, besteht kein Zweifel, daß es auf Büro und Fabrik übergriff und maschinenartige Fügsamkeit in zuvor unvorstellbarem Ausmaß bewirkte - um so mehr, als der physische Drill durch entsprechende ideologische Doktrinen und Gefühlsreaktionen ergänzt wurde.

Die Auswirkungen dieses Systems sind mittlerweile sichtbar geworden. Sozialreformer wie Condorcet, Saint-Simon und Auguste Comte hatten aus der napoleonischen Ära gelernt, wie gut militärische Methoden sich auf soziales Verhalten anwenden lassen.

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Diese Propheten dachten an eine Revolution von solcher Endgültigkeit und Vollständigkeit, daß sie alle gesetzlichen und politischen Institutionen absolut machen würde. Das Ziel ist die neue Megamaschine, und eine solche Revolution ist gegenwärtig im Gange.

An dieser Stelle möchte ich klarstellen, wie der Staat als bloßes politisches Verwaltungsinstrument sich von der aktivierten Megamaschine unterscheidet. Dieser Unterschied kommt im Englischen in der sich wandelnden Bedeutung des Wortes power (Macht) zum Ausdruck. Das New English Dictionary führt an, daß 1297 power als »Besitz von Kontrolle oder Herrschaft über andere« definiert wurde; die Bedeutung verschiebt sich dann im Jahre 1486 auf die gesetzliche Befähigung oder Ermächtigung, zu handeln; im Jahre 1727 aber nimmt power eine technologische Funktion an, als »jede Form von Energie oder Kraft, die zur Anwendung auf Arbeit verfügbar ist«. Schließlich wurden mit der Errichtung der Megamaschine alle Arten von power für Arbeit — konstruktive wie destruktive — anwendbar, in einem kolossalen Ausmaß, das auf andere Weise unerreichbar wäre. Die Megamaschine ist also keine rein administrative Organisation: Sie ist eine Maschine im orthodoxen technischen Sinn, eine »Kombination widerstandsfähiger Körper«, zum Zweck standardisierter Bewegungen und repetitiver Verrichtungen organisiert. Aber wohlgemerkt: All diese Formen von power, einander wechselseitig verstärkend, wurden zur Grundlage des neuen Machtkomplexes.

Zum Unterschied von Maschinen, die Teilarbeitsgänge zu spezialisierten Zwecken ausführen, eignet sich die Megamaschine auf Grund ihres Wesens nur für kollektive, großangelegte Operationen, die selbst wieder Komponenten eines größeren Macht­systems sind. Durch die Ausdehnung dieser Operationsweise von den alten Aufgaben des Kanal-, Straßen- und Städtebaus auf die gesamte Industrie und von dort auf Erziehung und Konsum übt die Megamaschine eine weit wirksamere Kontrolle über große Bevölkerungsmassen aus als jede rein politische Institution. Nietzsche zeichnete einmal den Krieg als »Gesundheit des Staates«; aber viel mehr noch ist er Leib und Seele der Megamaschine. Der Umfang der Aktivitäten der Megamaschine ist daran zu ermessen, daß es nach Beendigung eines großen Krieges drei bis fünf Jahre dauert, bis die von der Megamaschine beherrschten Organisationen und Industrien, auch mit Unterstützung der zentralen Macht, ihre Fähigkeit, als quasi-unabhängige Einheiten zu fungieren, wiedererlangen.

Alle Eigenschaften der einzelnen Maschinen - hohe Energienutzung, Mechanisierung, Automatisierung, Massenausstoß - werden durch Einbeziehung in die Megamaschine gesteigert; ebenso verhält es sich jedoch mit den Nachteilen — ihrer Starrheit, ihrer Unfähigkeit, auf neue Situationen zu reagieren, ihrer Losgelöstheit von anderen. menschlichen Zwecken als denen, die im Plan der Maschine verkörpert sind. Der höchste aller dieser verkörperten Zwecke ist die Ausübung von Macht.

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Auch schon vor der Erfindung absoluter Waffen waren im Aufbau jeder militärischen Organisation Automatismus und Absolutismus fest miteinander verbunden. Daher ist Krieg die ideale Vorbedingung für die Errichtung der Megamaschine, und die Erhaltung der Kriegsgefahr ist der sicherste Weg, die ansonsten autonomen oder quasi-autonomen Komponenten als funktionale Arbeitseinheit zusammenzuhalten. Ist eine Megamaschine erst einmal geschaffen, bedeutet jede Kritik an ihrem Programm, jede Abweichung von ihren Prinzipien, jede Loslösung von ihrer Routine, jede Modifizierung ihrer Struktur durch Forderungen von unten eine Gefährdung des gesamten Systems.

 

Das neue Bündnis 

Ich habe bisher eine institutionelle Voraussetzung der Megamaschine unerwähnt gelassen, die einzige, die, soweit man die Anfänge der Megamaschine überhaupt analysieren kann, im antiken Modell nicht gegeben war: nämlich eine bestimmte ökonomische Dynamik, die auf rascher Kapitalakkumulation, wiederholten Umsätzen und hohen Profiten beruht und auf konstante Beschleunigung der Technologie hinwirkt. Kurz, die Geldwirtschaft.

Das Bündnis zwischen Geldmacht und politischer Macht war eines der Wesensmerkmale des monarchischen oder despotischen Absolutismus; und je abhängiger die Militärmaschine von den technischen Erfindungen und der Massenproduktion von Waffen wurde, desto höher waren die unmittelbaren Profite der Volkswirtschaft — obwohl auf längere Sicht diese vermeintlichen Gewinne für spätere Generationen durch die Kosten von Wiedergutmachung, Wiederaufbau und Entschädigung aufgehoben werden, vom menschlichen Elend ganz zu schweigen. Zwar wird die moralische Verantwortung für die Begünstigung von Kriegen den Waffenfabrikanten aufgelastet, tatsächlich aber haben alle Wirtschaftszweige teil an den Scheinprofiten des Krieges, sogar die Landwirtschaft; denn der Krieg mit seinem maßlosen Güterverbrauch und seiner maßlosen Vergeudung behebt vorübergehend das chronische Gebrechen einer expandierenden Technologie — die Überproduktion. Der Krieg ist, nach klassischen kapitalistischen Begriffen, notwendig, um den Profit zu sichern, indem er Mangel schafft.

Diese ökonomische Dynamik, die sich aus der Güterzerstörung im Krieg — und aus der Schaffung eines Militärpotentials für diesen Zweck — ergibt, hängt ihrerseits von riesigen Staatsausgaben ab; und der Bedarf sowohl an Kapital als auch an laufenden Einnahmen zur Deckung der Militärausgaben rechtfertigt eine, vom Standpunkt der orthodoxen freien Wirtschaft, hassenswerte Einrichtung: die Einkommensteuer.

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Es ist eine Maßnahme, die selbst absolute Monarchen nur mit schweren Bedenken einführten. Ludwig XIV. wagte es nicht, ohne vorher von den Pariser Theologen die Versicherung einzuholen, daß er das Recht dazu habe, da ihm als Herrscher von Gottes Gnaden alles Land und Eigentum im Reiche gehörte und nach seinem Belieben verteilt werden konnte. Nur während der napoleonischen Kriege wurde in einer relativ freien konstitutionellen Monarchie wie England die Einkommensteuer eingeführt; schon vorher war die allgemeine Wehrpflicht in der ungerechten, willkürlichen Form der Zwangsanwerbung für die Kriegsflotte verhängt worden; und ohne die Verfassungsänderung, mit der 1913 die Einkommensteuer in den Vereinigten Staaten legalisiert wurde, wären die gewaltigen Summen, die nötig waren, um nach 1940 die neue Megamaschine zu schaffen, nicht aufzubringen gewesen.

Nun sollte es bereits klar sein, daß die verschwenderische Freigiebigkeit, die durch die staatliche Besteuerung möglich wurde, zu einem Ersatz für das Profitmotiv als Triebkraft der modernen Wirtschaft geworden ist. Weder Gewinn- und Verlust-, noch Kosten-Nutzen-Rechnung reguliert die Tätigkeit der Megamaschine. Denn die Kosten werden wie durch ein Wunder in Nutzen verwandelt, und die voraussichtlichen Verluste durch Veralten von Kriegsmaterial oder direkte Zerstörung sind Quellen neuerlicher Unternehmergewinne.

Durch Führung und Planung von Kriegen erweiterte die Megamaschine ihren Wirkungsbereich, dehnte ihre Macht aus und beseitigte nebenbei die einzige Form von Rückkopplung, die das kapitalistische System entwickelt hatte, um seine Operationen zu regulieren und zu rationalisieren: nämlich genaue Gewinn- und Verlustrechnung, mit dem Bankrott als Strafe für Fehl­kalkulation. Nicht größere Änderungen im kapitalistischen System, das in den dreißiger Jahren von allgemeiner Lähmung befallen war, sondern Wiederaufrüstung und Krieg bewirkten ein Wiederaufleben der Wirtschaft; und nur der Krieg rettete das System vorläufig vor Selbstzerstörung durch seine grundlegende Schwäche: die Unfähigkeit, die Güter gerecht zu verteilen.

Die Geldwirtschaft bewirkt also nicht nur in jeder Hinsicht eine Übersteigerung der bereits expandierenden Machttechnik, sie erfordert auch die fortgesetzte Ausbreitung der Megamaschine in allen Bereichen, um den Überschuß zu sichern, der für Kriege, planmäßige Ausrottung und Massenkontrolle notwendig ist. Dazu kommt: Da der Staat die Sozialversicherung und die technischen Dienstleistungen auf das gesamte Land ausdehnt, hat ein wachsender Teil der Bevölkerung — obwohl die Einkommensteuer gewöhnlich die Reichen begünstigt — ein Interesse an dieser zentralen Lenkung von Produktion, Verteilung und kollektiver Zerstörung.

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In dieser Kombination von technischer, finanzieller, politischer und militärischer Dynamik war kein einzelner Faktor wichtiger als die anderen: alle waren erforderlich, damit die Megamaschine in effizienter, moderner Gestalt wiedererstehen konnte — wobei die meisten ihrer historischen Mängel behoben und ihre traditionellen Begrenzungen beseitigt wurden.

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Hauptkomponenten der neuen Megamaschine bereits vorhanden, wenngleich einige davon noch nicht ganz ausgereift waren.

Es fehlten bloß zwei Dinge: eine symbolische Figur der absoluten Macht, verkörpert in einem lebenden Herrscher, einer korporativen Gruppe oder einer Supermaschine; und eine Krise, die schwer und hart genug war, um die Verschmelzung aller nötigen Komponenten zustandezubringen. Die Krise kam und die Verschmelzung fand statt; aber ehe dies geschah, waren ältere, rohere Modelle der Megamaschine, mit neuer mechanischer Ausstattung, entstanden und ebneten den Weg zur schließlichen Explosion der absoluten Macht.

 

Totalitarismus des Übergangs 

 

Die Wiedererfindung und Erweiterung der Megamaschine war in keiner Weise ein unvermeidliches Resultat historischer Kräfte; tatsächlich meinten bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts viele bedeutende Denker, daß die großen Veränderungen in der westlichen Zivilisation, auch in der Technologie, der Freiheit zugutekämen. Selbst ein so objektiver Denker wie Ernest Renan konnte, ähnlich wie vor ihm Auguste Comte, in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bemerken, der kriegerische Nationalismus sei im Schwinden und die Stimmung gegen den Krieg so weit verbreitet, daß die Armeen nur noch durch die allgemeine Wehrpflicht aufrechterhalten werden könnten.

Im frühen neunzehnten Jahrhundert schienen im Zusammenhang mit der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Abschaffung der Sklaverei starke Gegenkräfte aufzukommen, die zur universellen Herrschaft von Recht, Selbstverwaltung und Kooperation im Weltmaßstab führen würden. Selbst in militarisierten Ländern wie Deutschland konnte, wie noch die Zabern-Affäre von 1912 zeigte, die Regierung im Reichstag für das brutale Verhalten eines einzelnen preußischen Offiziers getadelt werden, der einen lahmen Schuhflicker in den Rinnstein gestoßen und geschlagen hatte. Politische Unterdrückung, brutale ökonomische Ausbeutung, vermeidbare Krankheiten und Hungersnot — all dies schien im Schwinden begriffen.

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Zugegebenermaßen wurden diese schönen Erwartungen zeitweise durch häßliche Ausbrüche kollektiver Barbarei getrübt, wie die armenischen und die mazedonischen Massaker, der britische Opiumkrieg in China und der Burenkrieg in Südafrika mit seinen Konzentrations­lagern, ganz zu schweigen vom infamen Verhalten der westlichen Armeen, die den Boxeraufstand in China niederschlugen. Doch bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges schienen Vernunft und Mitgefühl zusammen mit demokratischem Verständnis und Zusammenwirken die Oberhand zu gewinnen. Aber die Hoffnung auf eine solche konstruktive Entwicklung wurde durch den Ersten Weltkrieg erschüttert, und der Glaube, technischer Fortschritt sei gleichbedeutend mit menschlichem, wurde untergraben, ja zertrümmert durch die Erkenntnis, daß all jene Möglichkeiten des Bösen durch die von der Technik freigesetzten Energien vermehrt wurden.

 

Das erste Anzeichen, daß tatsächlich eine neue Megamaschine im Entstehen begriffen war, kam erst nach dem Ersten Weltkrieg, mit dem Aufkommen totalitärer Staaten, angefangen von Sowjetrußland und Italien. Dies bedeutete eine Umkehr des Trends zu repräsentativer Regierung und Demokratie, der selbst im Rußland des vorigen Jahrhunderts vorgeherrscht hatte. Die neue Form der faschistischen oder kommunistischen Diktatur war die einer Einparteien-Organisation, die auf einer selbsternannten revolutionären Junta beruhte und von einer leiblichen Inkarnation des einstmaligen Königs von Gottes Gnaden angeführt wurde, die nicht mehr von Gott gesalbt, sondern, wie Napoleon, selbstgekrönt war: ein rücksichtsloser Diktator (Lenin), ein dämonischer Führer (Hitler), ein blutiger Tyrann (Stalin), die ihre uneingeschränkte, gesetzwidrig usurpierte Macht als rechtmäßig proklamierten. Diese Doktrin war so alt wie Thrasymachos' Erklärung in Platos Staat, während das Beispiel selbst natürlich noch Tausende Jahre älter war.

Aber die neue Megamaschine entstand nicht über Nacht; und es war bloß eine optimistische liberale Illusion des neunzehnten Jahrhunderts, im damaligen Leben das zu ignorieren, was auch in der Geschichtsauffassung ignoriert oder verniedlicht wurde: die fortgesetzte Existenz der Sklaverei von den Anfängen der »Zivilisation« bis zur zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die ebenso wie Krieg, Eroberung und Ausbeutung des Menschen als normales Vorrecht souveräner Staaten angesehen wurde. Obwohl Herbert Spencer in seinem einseitig optimistischen Bild von der sozialen Evolution gewaltig irrte, wenn er Industrialismus mit Frieden gleichsetzte, verdient er rückblickend Würdigung dafür, daß er der erste war, der aus dem Wiederaufleben des Imperialismus im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts auf einen entscheidenden Rückfall in die Barbarei schloß: The Coming Slavery. Indem er diese Sklaverei mit dem Wohlfahrtsstaat in Zusammenhang brachte, nahm Spencer sowohl Hilaire Belloc als auch Friedrich Hayek vorweg. Der Schock kam später, bei der Entdeckung, daß die neue Barbarei — durch die neue Technologie verstärkt, ja fast verursacht wurde.

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Die Wiederherstellung der alten unsichtbaren Maschine ging in drei Hauptstadien mit beträchtlichen Intervallen vonstatten. Das erste Stadium war durch die Französische Revolution von 1789 gekennzeichnet. Die Revolution stürzte zwar den König, stattete aber dessen abstraktes Gegenstück, den Staat, gemäß Rousseaus pseudodemokratischer Theorie vom allgemeinen Volkswillen mit weit größeren, absoluten Machtbefugnissen aus, wie der allgemeinen Wehrpflicht — Befugnisse, die die Könige mit Neid erfüllt hätten. Sir Henry Maine, einer der scharfsinnigsten politischen Beobachter des viktorianischen Zeitalters, durchschaute dies genau: Er betonte, daß »der despotische Souverän des Contrat Social, die allmächtige Gemeinschaft, eine umgekehrte Kopie des Königs von Frankreich ist, ausgestattet mit einer Autorität, die seine Höflinge für ihn beanspruchten«.

Das zweite Stadium begann 1914, mit dem Ersten Weltkrieg, obwohl viele der vorbereitenden Schritte bereits von Napoleon I. unternommen und von der preußischen Militärautokratie unter Bismarck nach dem französisch-preußischen Krieg 1870 weitergeführt worden waren. Dies beinhaltete die Anwerbung von Gelehrten und Wissenschaftlern als Werkzeuge des Staates, die Beschwichtigung der arbeitenden Klassen durch allgemeines Wahlrecht, soziale Wohlfahrtsgesetzgebung, allgemeine Schulpflicht, Sicherung des Arbeitsplatzes und Alterspension - Maßnahmen, die Napoleon, trotz seiner hohen Achtung für Recht, Wissenschaft und einheitliche Erziehung nie so weit getrieben hatte. Wäre Napoleon bei der Unterwerfung Europas erfolgreich gewesen und hätte er Zeit gehabt, sein militärisch-bürokratisches Regime zu konsolidieren, so hätte die Megamaschine wenigstens halbwegs in ihrer modernen Form um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entstehen können; tatsächlich beschworen sogar die ramponierten ideologischen Überreste des Bonapartismus im Geiste des jungen Ernest Renan eine Zukunft herauf, die jener, mit der wir heute konfrontiert sind, gar nicht unähnlich ist: die Diktatur einer wissenschaftlichen Elite.

Bevor noch der Erste Weltkrieg vorüber war, waren die Hauptelemente der neuen Megamaschine fertig. Selbst Nationen, die bereits ein großes Ausmaß an politischer Freiheit erreicht hatten, wie England und die Vereinigten Staaten, führten die allgemeine Wehrpflicht ein; und um dem außerordentlichen Bedarf an Kriegsmaterial Rechnung zu tragen, verordnete England auch noch die allgemeine Arbeitspflicht in der Industrie, wenngleich unter etwas anderen Bedingungen als denen, die Bellamy angestrebt hatte.

Und des weiteren, um Krieg zu führen, ohne Bankrott zu erleiden — ein Ergebnis, das, wie orthodoxe Marktökonomen einst geglaubt hatten, lange Kriege unmöglich machen würde — erhöhte die britische

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Regierung die Einkommensteuer mehr, als sie es je zuvor gewagt hatte; währenddessen wurde die Tätigkeit der Wissenschaftler in allen Ländern dahin gelenkt, destruktivere Waffen, wie TNT-Bomben und Giftgase, zu ersinnen, um den Sieg zu beschleunigen.

So beschleunigte die kollektive Macht in einem nie zuvor erreichten Ausmaß das Tempo des technischen Fortschritts in jedem Bereich; und die Informationskontrolle durch die Regierung, wobei die Bevölkerung mit offiziell ausgewählter und positiv gefärbter Information versorgt wurde, um »die Moral aufrechtzuerhalten« (das heißt, um die Enttäuschung und die Opposition zum Schweigen zu bringen), gab den modernen demokratischen Regierungen den ersten Vorgeschmack von Gedankenkontrolle in einer positiven, wirksameren Form, als antiquierte Organisationen wie die russische Autokratie sie angewandt hatten. Dies lieferte der Megamaschine eine wertvolle Ergänzung zum physischen Zwang und zur militärischen Disziplin.

Merkwürdigerweise kam der erste Versuch zur Modernisierung der repressiven Megamaschine durch die bolschewistische Revolution in Rußland zustande. Obwohl Lenin und seine Mitarbeiter auf Grund ihrer marxistischen Positionen für westliche Wissenschaft und Industrialisierung waren, erbten sie mit der zaristischen Bürokratie das perfekteste übriggebliebene Exemplar der alten Megamaschine, unberührt von ökonomischem Wettbewerb und industrieller Effizienz. War dieses System nun auch in völliger Zersetzung und Auflösung begriffen, so hatte es den Massen doch Gewohnheiten und Reaktionsweisen aufgeprägt, die in einem bestimmten Ausmaß die spätere zentralisierte bürokratische Organisation begünstigten. Ein großer Teil der Bevölkerung war bereits auf servilen Gehorsam und auf die Anbetung eines einzelnen, vermeintlich allmächtigen Herrschers eingestellt.

Während die demokratischen Ziele der sozialen Revolution sehr bald brutal unterdrückt, wenn nicht vergessen wurden, hielt sich die Diktatur am Leben, indem sie den bürokratischen Apparat und die psychologischen Bedingtheiten der veralteten Megamaschine benützte. Der Staat übernahm die unverschämteste Grundprämisse des Herrschers von Gottes Gnaden: »Der König kann nicht irren«, und es gelang ihm sogar, diesen Satz in eine noch absurdere, positive Form zu bringen: »Die Partei hat immer recht.« Wer gegen die Parteilinie ist, so wild diese auch im Zickzack-Kurs verläuft und sich selbst widerspricht, so skrupellos die neuen Herrscher, die Aparatschiki, auch daran arbeiten, ihre eigene privilegierte Position zu erhalten, muß als Häretiker, Strolch und Konterrevolutionär verdammt werden.

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Sobald diese neue Autokratie im Besitze der Macht war, wurden andere Institutionen — örtliche Sowjets, Agrarkommunen, Gewerkschaften, non-konformistische nationale oder religiöse Gruppen, wie orthodoxe Christen und Juden, ja sogar Zigeuner — schikaniert, unterdrückt oder vernichtet. Die Megamaschine ist ein Elefant, der auch die kleinste Maus fürchtet.

Dieses Zwangssystem, das schon unter Lenin und Trotzki brutal genug war, wurde absolut unter Josef Stalin, dessen paranoide Ängste, Verdächtigungen und mörderische Bosheit ein Zeichen dafür waren, daß der neuen Megamaschine noch ein entscheidender Wesenszug fehlte, den die alte besaß: eine furcht­einflößende Religion und ein Ritual der Gottesanbetung, die durch Massensuggestion eine noch vollständigere Unterwerfung und einen noch unterwürfigeren Gehorsam herbeizuführen vermögen als Terror allein. Wie später bei Hitler, war das Resultat von Stalins methodischem Wahnsinn die massenweise systematische Hinmetzelung nicht nur von Bauern, sondern auch von Intellektuellen, von ausgebildeten Technikern und schöpferischen Denkern, von denen die Existenz eines so komplexen Gebildes wie die Megamaschine, auch in ihrem Primitiv­zustand, abhängig ist.

Eine Zeitlang war Stalin wirklich nahe daran, sich durch nackten Terror zu einem Gottkönig nach dem Vorbild Iwans des Schrecklichen und Peters des Großen zu machen. Er durfte, wie Russen berichteten, nur in der Form angeredet werden, die früher allein dem Zaren vorbehalten war. Stalins feierliche Erklärungen zu jedem Thema, vom Mechanismus der genetischen Vererbung bis zum Ursprung der Sprache, wurden einfältig als die Stimme der Allwissenheit bejubelt. So wurden sie zu den höchsten Leitsätzen für Gelehrte und Wissenschaftler, die ihr Leben lang geforscht hatten, ohne jemals zu so endgültigen und unwiderlegbaren Wahrheiten zu gelangen. Diese Tendenz steigerte sich später in den Verkündungen Mao Tse-tungs bis zur groben Karikatur — falls dies überhaupt noch möglich ist.

In ihrer extremen stalinistischen Form wies die russische Megamaschine noch vor Hitler den unheilvollsten Fehler der alten Megamaschine auf: Vertrauen auf physischen Zwang und Terror, auf systematische Versklavung der gesamten arbeitenden Bevölkerung, einschließlich der Mitglieder der diktatorischen Partei, Unterdrückung des freien persönlichen Verkehrs, des freien Reisens, des freien Zugangs zum existierenden Wissensschatz, der Vereinigungsfreiheit und schließlich die Darbringung von Menschenopfern, um den Zorn ihres schrecklichen, blutrünstigen Gottes, Stalins, zu beschwichtigen und dessen Leben zu erhalten. Das Resultat dieses Systems war die Verwandlung des ganzen Landes in ein Gefängnis, teils Konzentrationslager, teils Ausrottungslaboratorium, und die einzige Hoffnung auf Flucht war der Tod. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Französischen Revolution hatten sich durch eine weitere Revolution im gleichen Sinn in Entfremdung, Ungleichheit und Versklavung verwandelt.

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Unglücklicherweise hatte die lange Gewöhnung an die zaristische Megamaschine die Russen zu einer fügsamen Konformität erzogen, die kaum von bereitwilliger Kooperation zu unterscheiden war. Hie und da entdeckte eine Minderheit kleine Winkel und Verstecke, wo im Stillen ein Quentchen unbehinderten Lebens aufrechterhalten werden konnte. Aber wehe den stolzeren Seelen, die offenen Widerstand wagten!

Der Schriftsteller Isaak Babel, der das Vorrecht forderte, schlecht zu schreiben — das heißt, nicht im Einklang mit der Parteilinie —, und der erklärte, auch Schweigen könne eine wirksame Aussage sein, wurde bald aus dem Weg geschafft und hingerichtet. Selbst Schweigen konnte eine Provokation sein. Da diese Revolution, ebenso wie ihre blutige Vorgängerin, in methodischen Saturnalien der Gewalttätigkeit ihre eigenen Kinder fraß, dauerte es lange, bis die Megamaschine eine genügend zahlreiche neue Elite produzieren konnte, deren Ansichten und Lebensart ihren Erfordernissen entsprachen: Techniker, Bürokraten, Wissenschaftler. Zum Glück für sie versahen die unentbehrlichen Wissenschaftler, dank dem methodischen Verzicht der orthodoxen Wissenschaft auf Stellungnahme zu moralischen und sozialen Fragen, das System weiterhin mit soviel neuem Wissen, als erforderlich war, um die Operationen der Megamaschine zu beschleunigen und über die Atomenergie den Übergang von der archaischen zur modernen Form zu vollziehen.

Als Stalin starb, hatte er die widerwärtigsten Wesenszüge der alten Megamaschine allesamt rehabilitiert und verstärkt, während seine wissenschaftlichen und technischen Mitarbeiter, teils freiwillig, teils unter Zwang, bereits begonnen hatten, die Haupt­komponenten der modernisierten Megamaschine aufzubauen. Weil früher entstanden, dominiert im Sowjetsystem heute noch die archaische Form, wenn auch mächtig verstärkt durch die neuen Faktoren. Die Tatsache, daß Stalin, wie vor ihm schon Lenin, nach seinem Tode dem alten ägyptischen Prozeß der Mumifizierung unterzogen und zur öffentlichen Anbetung zur Schau gestellt wurde, macht die Parallele fast zu deutlich, um nicht ausgedacht zu erscheinen — als wäre sie von mir erfunden, um eines der Hauptthemen dieses Buches zu akzentuieren. Aber es war tatsächlich so.

 

Der Beitrag der Nazis 

Wie sich herausstellte, sollte Adolf Hitler, noch weit wirksamer als Josef Stalin, zum Hauptträger der Modernisierung der Megamaschine werden. Nicht etwa deshalb, weil er weniger psychotisch war, denn Wahnvorstellungen von Größe und Phantasien von absoluter Macht sind eine wesentliche Antriebskraft für diesen spezifischen Mechanismus.

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Hitlers Modell, in einem wissenschaftlich fortgeschrittenen Land aufgerichtet, war ein abscheulicher Zwitter: teils archaisch, nach assyrischem Vorbild, teils verbessert, nach dem mechanisierten, aber noch schwerfälligen Modell des siebzehnten Jahrhunderts (Ludwig XIV. - Napoleon), teils modern in der Nutzung wissenschaftlicher Aspekte, einschließlich der neuesten psychologischen Werbetechniken, um die gesamte Bevölkerung zu konditionieren; aber es kamen auch psychotische Komponenten hinzu, die von Hitlers eigenen autistischen Phantasien stammten. 

Albert Speer, der Architekt, der unter Hitler schließlich an die Spitze der Kriegsproduktion gestellt wurde, wies auf die einzigartigen Vorzüge der Nazi-Megamaschine in einer Rede hin, die er beim Nürnberger Prozeß hielt. »Hitlers Diktatur«, bemerkte Speer

»unterschied sich in einem grundlegenden Punkt von all ihren historischen Vorgängern. Durch technische Mittel wie Radio und Lautsprecher wurden achtzig Millionen Menschen ihres unabhängigen Denkens beraubt. Frühere Diktatoren brauchten hoch­qualifizierte Mitarbeiter, selbst auf der untersten Stufe — Männer, die denken und unabhängig handeln konnten. Das totalitäre System im Zeitalter moderner technischer Entwicklung kann auf solche Männer verzichten ... Es ist möglich, die unteren Führungs­positionen zu automatisieren. Als Folge davon entstand ein neuer Typus kritikloser Befehlsempfänger.« 

Nur in einer Hinsicht kann man einen Einwand gegen Speers Analyse erheben: Das kritiklose Hinnehmen begann an der Spitze, wie er selbst demonstrierte.

Nun betrachteten die Führer des Dritten Reiches der Nazi den Krieg als den natürlichen Zustand der menschlichen Gesellschaft und Ausrottung als einen erstrebenswerten Weg, um die Vorherrschaft ihrer nationalen Organisation und ihrer Ideologie über andere Systeme herzustellen. Die Versklavung oder Ausrottung schwächerer Gruppen oder Nationen wurde deshalb zur erklärten Pflicht derer, die die Doktrin der arischen Überlegenheit akzeptierten. Nur in einer Atmosphäre permanenten Krieges konnten totalitäre Führer über den absoluten Gehorsam und die blinde Treue verfügen, die für das glatte Funktionieren einer solchen Megamaschine nötig sind.

Im Einklang mit diesem Wahnsinn wurden systematische Gewalt, Brutalität, Folter und sexuelle Perversität als normale, ja wünschenswerte Begleiterscheinungen der Neuen Ordnung behandelt. Und obwohl alle diese Wesenszüge von Anfang an offensichtlich vorhanden waren, begrüßten ansonsten anständige Leute in anderen Ländern dieses Regime ganz offen als Welle der Zukunft, obwohl man im Nazismus, wenn man seine Doktrinen und seine Taten betrachtet, nur die stinkenden Abwässer der Vergangenheit finden kann.

Das Verlangen, möglichst schnell die Vorherrschaft seiner Megamaschine für alle Zeiten zu sichern, trieb Hitler dazu, durch Krieg das Ziel anzustreben, das er wahrscheinlich mit etwas mehr Geduld durch Terror

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und Korruption eher hätte erreichen können, notfalls auch ohne das Einvernehmen mit Stalin, das jedoch durch den deutsch-sowjetischen Pakt von 1939 gesichert schien. Tatsächlich war es Hitler viel besser als Stalin gelungen, sich die Kooperation der intellektuellen Schichten zu sichern. Ohne nennenswerten Widerstand hatte er die virulentesten Formen von Rassismus, Existenzphilosophie, Blut- und Bodenideologie wiederhergestellt, wobei er sehr schlau an ehrbare Gefühle und echte emotionale Bedürfnisse anknüpfte, die im mechanischen Weltbild unberücksichtigt geblieben und von den eher rationalen utopischen Vorstellungen des vorangegangenen Jahrhunderts mehr oder weniger herabgesetzt worden waren. Mit der Unterwerfung Österreichs, der Versklavung der Tschechoslowakei, der Zerstörung Polens und der Eroberung Frankreichs bewies Hitler, daß er die alten Untaten und Mißbräuche der Megamaschine weit besser erfaßt hatte als deren positiven Möglichkeiten.

1939 war Hitler, gleich Stalin, in der Beherrschung des Volkes der Rolle des Gottkönigs so nahe gekommen, wie es in unserem Zeitalter nur möglich ist. Er hatte dabei nicht nur den Segen des alten deutschen Adels, der Großgrundbesitzer und des Offizierskorps und dazu auch der Industriemagnaten von Essen, Hamburg und Berlin; er besaß überdies die loyale Unterstützung eines beträchtlichen Teils — wahrscheinlich des Großteils — des kirchlichen und des wissenschaftlichen Establishments, gar nicht zu reden von so obskurantistischen Wahrsagern wie dem Existenzphilosophen Martin Heidegger.

Um die absolute Konformität zu sichern, wurden Schriftsteller, Musiker, Künstler, Psychologen in Zwangsorganisationen eingegliedert und in die gleiche geistige Uniform gepreßt. Ähnlich entsprach die nazistische Lösung des Arbeitslosenproblems dem klassischen pharaonischen Vorbild: die uniformierte Arbeitsarmee. Zugleich verschaffte man dem militärischen Geist brutalen Drills und blinden Gehorsams Eingang in die Schulen und Universitäten, aus denen er, wie sich bereits im Ersten Weltkrieg erwiesen hatte, seit Fichtes Zeiten niemals völlig verschwunden war. Mit einem Wort, die Deutschen vergrößerten nicht nur die Dimensionen der alten Megamaschine, sondern verbesserten auch die Techniken der Massenkontrolle durch Neuerungen, die nun von späteren Megamaschinen mit Hilfe von Spionage­vorrichtungen, Meinungsumfragen und computerisierten Dossiers über das Privatleben vervollkommnet werden. Im Hintergrund drohen immer noch die Folterkammern und Krematorien — wenn nicht die Einäscherung der ganzen Erde — als logischer Abschluß.

Aber jedes totalitäre System trägt seine eigene Nemesis in sich, eben weil es in sich geschlossen und versiegelt ist, unfähig zu Selbstkritik und Selbstkorrektur. Mit poetischer Gerechtigkeit waren die ersten Opfer des Systems seine eigenen Führer, deren Macht durch die von ihnen selbst

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erzeugten Phobien, Halluzinationen und vorfabrizierten Lügen, an die sie selber zu glauben begonnen hatten, untergraben wurde. Man denke an den verblendeten Starrsinn, mit dem Stalin authentische Informationen über Hitlers bevorstehenden Angriff auf Rußland zurückwies: eine katastrophale Fehleinschätzung, die unsägliche Leiden und militärische Demütigung verursachte — um ein Haar hätte Rußland den Krieg verloren. Gegen Kriegsende fiel die Megamaschine der Nazis gleichfalls den ideologischen Perversitäten und emotionalen Verirrungen ihrer Führer zum Opfer: Sie verschwendeten auf die Okkupation und die unersättliche Ausbeutung der unterworfenen Länder militärische Kräfte, die an die Front gehört hätten. Desgleichen schwächten sie ihr eigenes militärisches und wirtschaftliches Potential durch die Ausrottung von Millionen russischer und polnischer Zivilisten, nur um ihren Haß und ihre Verachtung zu befriedigen, und das Regime beraubte sich selbst, durch Aushungerung, Folterung und Ermordung der etwa sechs Millionen Juden, von denen viele, bevor ihr unfaßbares Schicksal sie ereilte, patriotische Deutsche geblieben waren, deren Arbeitskraft man wirksam hätte einsetzen können.

Angesichts dieser schreienden Fehleinschätzungen und militärischen Fehlschläge hätte man meinen können, daß sowohl die russische als auch die nazistische Megamaschine untergegangen wären, da sie noch stärker diskreditiert waren als die unsichtbare Maschine des Pyramidenzeitalters. Doch leider errangen die Nazis trotz ihrer Fehler anfangs eine Reihe erstaunlicher militärischer Erfolge, und diese Leistungen bewirkten ein ähnliches Wiederaufleben der Megamaschine in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Die merkwürdige Dialektik der Geschichte führte dazu, daß die Vergrößerung und Modernisierung der deutschen Megamaschine durch Hitler die Bedingungen dafür entstehen ließ, Gegeninstrumente zu schaffen, die sie bezwingen und vorüber­gehend zerstören sollten.

Die Megamaschine wurde also durch die kolossalen Fehler ihrer herrschenden Elite keineswegs völlig diskreditiert, sondern es geschah tatsächlich das Gegenteil: Sie wurde von den westlichen Alliierten nach modernen wissenschaftlichen Prinzipien wiederaufgebaut, ihre unvollkommenen menschlichen Teile wurden durch mechanische, elektronische und chemische Substitute ersetzt und schließlich mit einer Kraftquelle verbunden, die alle früheren Energieformen so veraltet erscheinen ließ wie bronzezeitliche Wurfgeschoße. Kurz, im Sterben übertrugen die Nazis die Keime ihrer Krankheit auf ihre amerikanischen Gegenspieler; nicht bloß die Methoden der zwangsweisen Organisation und der physischen Zerstörung, sondern auch die moralische Zersetzung, die es ermöglichte, diese Methoden anzuwenden, ohne Widerstand zu entfachen.

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Mehr noch als Stalin war Hitler ein Meister der Demoralisierung, denn er verstand es, in anderen Menschen die destruktivsten Kräfte des Unbewußten zu entfesseln. Innerhalb von zwölf Jahren machte er alle Arten menschlicher Verkommenheit ehrbar. Er benutzte sogar Ärzte, die den hippokratischen Eid geleistet hatten, um abscheuliche pseudowissenschaftliche Foltern an Menschen vornehmen zu lassen, wie sie nur Psychotiker, und auch diese bloß in der Phantasie, sich ausdenken konnten. Auf der Weltbühne verwandelte Hitler das ursprüngliche Theater des Absurden in ein Theater der Grausamkeit; und die Avantgarde-Theater, die heute diese psychotischen Manifestationen verherrlichen, sind nichts anderes als Beweise für Hitlers überwältigenden Erfolg.

Während ihrer relativ kurzen Herrschaft gelang es Hitler und seinen Handlangern, menschliche Werte zu verderben und gesunde Hemmungen niederzureißen, welche die Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden aufgebaut hatten, um sich vor ihren eigenen destruktiven Phantasien zu schützen. Keine der Perversitäten, die Huxley in seiner Schönen Neuen Welt vorweggenommen hatte, war im Dritten Reich unzulässig. Der erste militärische Triumph der Nazis im Zweiten Weltkrieg, die totale Zerstörung der Altstadt von Warschau, gefolgt von der Zerstörung der Altstadt von Rotterdam im Jahre 1940, beruhte auf einer Technik, die ursprünglich von den ersten Megamaschinen entwickelt worden war.

Die Deutschen hatten den wesentlichen Sinn der Urmodelle erfaßt, gemäß der überlieferten Prahlerei Aschurnasirpals: 

"Ich schlug ihnen die Köpfe ab, ich verbrannte sie mit Feuer, errichtete einen Haufen von lebenden Menschen und von Köpfen vor den Toren ihrer Stadt; ich ließ Menschen pfählen, zerstörte die Stadt und verwüstete sie, verwandelte sie in Erdhügel und Ruinenhaufen, die jungen Männer und Jungfrauen verbrannte ich im Feuer." 

Es blieb unserem fortschrittlichen Zeitalter vorbehalten, solche psychotischen Akte zu sanktionieren und solche Verbrechen zur Norm zu machen.

Schon vor den Nazis war dieses Gift bereits im progressiven technischmilitärischen Denken am Werk. Die Politik der Massen­ausrottung von Zivilpersonen aus der Luft wurde zuerst von dem amerikanischen General William Mitchell befürwortet, später von dem italienischen General Douhet, als billiger, rascher Ersatz für den langsamen Sieg im Kampf von Armee gegen Armee. Mussolinis Triumphe über hilflose abessinische Dorfbewohner empfahlen dieses Prinzip für den allgemeinen Gebrauch; und die Deutschen ließen ihren ersten, billig erkauften Zerstörungen in Warschau und Rotterdam noch weit massivere Angriffe auf britische Städte folgen, angefangen von London im September 1940.

Als militärische Strategie hat diese demoralisierte Methode sich wiederholt als kostspielig und wertlos erwiesen. Auch wenn sie gegen ganze Städte, nicht nur gegen militärische Ziele, angewandt wurde, fielen, wie offizielle Untersuchungen ergaben, nur zwanzig Prozent der von der amerikanischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg abgeworfenen Bomben auf die Zielgebiete.

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 Von London und Coventry bis Hamburg, Dresden, Tokio und Hanoi standen die geringfügigen militärischen Ergebnisse in einem ungeheuren Mißverhältnis zum erforderlichen industriellen Aufwand. Unglücklicherweise rächte sich Churchill, teilweise wegen der aussichtslosen Position Großbritanniens im Jahre 1940 und unter dem unheilvollen Einfluß von Professor F. A. Lindemann, an den Nazis, indem er jene totalitäre Methode übernahm; und im Jahre 1942 tat die amerikanische Luftwaffe das gleiche. Dies war eine bedingungslose moralische Kapitulation vor Hitler.

Und wieder mit poetischer Gerechtigkeit verzögerte dieses Vertrauen auf Vernichtungsbombardements — einst billigend als »Flächen-« oder »Auslöschungs­bombardements« bezeichnet — den Sieg der demokratischen Mächte, denn dieser wurde in Wirklichkeit mit orthodoxen militärischen Methoden errungen, unterstützt von der taktischen Luftwaffe, die Brücken, Bahnlinien und andere Flugzeuge zerstörte. Aber es ergab sich eine noch weit verhängnisvollere Konsequenz, gerade aus den Erfolgen, die die verbündeten Achsenmächte in Europa und Asien bis zur Niederlage von Stalingrad erzielten: Die drohende Gefahr eines Sieges der Nazis auf Grund ihrer technischen Überlegenheit im Bau von Raketengeschossen und die Gefahr ihrer absoluten Überlegenheit durch mögliche Verwendung von Atomenergie brachte in den Vereinigten Staaten die schon lang erwartete Entstehung einer Megamaschine vom fortgeschrittenen Typus des zwanzigsten Jahrhunderts hervor.

Unter dem Druck des Krieges wurde schließlich die fehlende Komponente der Megamaschine, jene Energieform, deren Kommen Henry Adams angekündigt hatte, erschlossen und benützt: »Bomben von kosmischer Gewalt«. Die Organisation, die dies ermöglicht hatte, erweiterte alle Dimensionen der Megamaschine und erhöhte in unabschätzbarem Maß ihre Kapazität totaler Zerstörung.

Diese gewaltige Transformation ging im Geheimen vor sich, gespeist von geheimen Fonds, die geheime Gruppen von Wissen­schaftlern unterstützten, von denen keiner die Arbeitsergebnisse des anderen kannte; geheimes Wissen wurde für einen Zweck verwendet, der geheim blieb — wie nahe die Vermutungen auch dem Sachverhalt kommen mochten —, bis die erste Atombombe gezündet worden war. Die Bedingungen, unter denen die Waffe hergestellt wurde, vereinigten die einzelnen Komponenten der Megamaschine zu einem Ganzen. So wie seinerzeit die erste Megamaschine, sprengte auch das neue Modell die bis dahin festen wissenschaftlichen, technischen, sozialen und moralischen Grenzen, und ebenso wie die alte Megamaschine verlieh die neue allen denen uneingeschränkte Macht, die, wie die Geschichte beweist, nie auch nur die geringste Fähigkeit gezeigt hatten, selbst ein bescheideneres Maß an Macht weise und human zu gebrauchen.

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Daraus ergab sich ein Kernproblem, das alle anderen in den Schatten stellte: Wie kann man die Menschheit davor schützen, daß sie von ihren demoralisierten, jedoch angeblich geistig gesunden Führern ausgerottet wird?

Dieses Problem harrt noch seiner Lösung; mittlerweile ist ein weiteres fast ebenso dringlich geworden: Wie kann man die gesamte Menschheit davor bewahren, daß sie völlig unter die Kontrolle des neuen totalitären Mechanismus gerät, ohne .daß zugleich jene wissenschaftlichen Erkenntnisse und technischen Errungenschaften verlorengehen, denen er seine Entstehung verdankt? Emerson sagte 1832 sehr richtig, als hätte er die Schrecken und Leiden unserer heutigen Zeit vorausgesehen:

"Vertraue Kindern keine Schneidewerkzeuge an, vertraue, um Gottes willen, dem Menschen nicht mehr Macht an, als er besitzt, ehe er gelernt hat, diese geringere Macht besser anzuwenden. Welche Hölle würden wir aus der Welt machen, könnten wir tun, was wir wollen! Steckt Schutzkappen auf die Florettspitzen, bis die jungen Fechter gelernt haben, einander nicht die Augen auszustechen."

 

Implosionen und Explosionen 

Mehr als drei Jahrzehnte Vorbereitung waren notwendig gewesen, um die Implosion von Ideen und Kräften zu bewirken, die schließlich den Atomreaktor und die Atombombe hervorbrachte. Aber selbst dann hätte ein Unternehmen von dieser Ungeheuer­lichkeit nicht mit genügender Überzeugungskraft zur Sprache gebracht werden können, um die Trägheit des business as usual zu überwinden, wäre nicht die militärische Herausforderung durch die alte Megamaschine gewesen, bei gleichzeitig deutlich erkennbarer Möglichkeit, daß deutsche Wissenschaftler Hitler bald eine absolute Waffe in die Hand geben würden, mit deren Hilfe er alle anderen Nationen zur Unterwerfung zwingen konnte.

Eine derartige Gefahr der Welteroberung durch die totalitäre Achse Deutschland-Italien-Japan (und bis zum Juni 1941 auch Sowjetrußland) bewirkte eine ähnliche Machtkonzentration in den Demokratien, bevor noch die Vereinigten Staaten in den Krieg hineingezogen wurden. Zu diesem Zeitpunkt war klar geworden — obwohl die Erinnerung daran leider verblaßt ist —, daß kein Kompromiß mit der siegestrunkenen Achse und noch weniger ein passiver oder gewaltloser Widerstand, wie er von den Indern gegen die Briten geleistet wurde, jene von ihrem Programm der Versklavung und Ausrottung hätte abbringen können.

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Sollte es noch eines Beweises bedürfen, das Schicksal der Juden und anderer nationaler Gruppen unter der Naziherrschaft — insgesamt rund zwanzig Millionen Ermordete — liefert ihn. Die emsigen Versuche eines A.J.P. Taylor und seiner Nachfolger, diese Situation zu verschleiern, indem sie Hitler als vernünftigen Staatsmann hinstellten, der begrenzte nationale Ziele verfolgte, sind eine schändliche Verhöhnung der Geschichtswissenschaft.

Als 1939 der Weltkrieg ausbrach, wurden die Komponenten der Megamaschine nicht nur erweitert, sondern auch zu engster Koordination und Zusammenarbeit gebracht, sodaß sie in jedem Land zunehmend als eine Gesamteinheit funktionierten. Jeder Bereich des Alltags wurde direkt oder indirekt der Kontrolle der Regierung unterstellt — Lebensmittel- und Brennstoff­rationierung, Kleiderproduktion, Bautätigkeit — sie alle gehorchten Regeln, die zentral festgelegt wurden: Das System der allgemeinen Dienstpflicht wurde faktisch nicht nur auf die Streitkräfte, sondern auf das ganze Land angewandt.

Obwohl die Industrie anfangs nur zögernd in diesen neuen Wirkungsbereich eintrat, hatte das Wachstum der Kartelle, Trusts und Monopole, das im vorigen Jahrhundert vor sich gegangen war, diese Organisationen für aktive Zusammenarbeit unter Regierungs­kontrolle ausgerüstet — natürlich lockte sie der gigantische finanzielle Anreiz, den eine solche Integration bot, nämlich Deckung der Kosten plus einem großen garantierten Profit. Dies sicherte sowohl maximale Produktion als auch maximalen finanziellen Gewinn. Im weiteren Verlauf des Krieges verschmolz dieser megatechnische Komplex, trotz Konkurrenz­neid und lokalen Antagonismen, zu einem einheitlichen Ganzen.

Aber es bedurfte zweier weiterer Komponenten, um den Übergang zur neuen Megamaschine zu erwirken. Die eine existierte bereits: ein absoluter Herrscher. Bekanntlich verfügt der Präsident der Vereinigten Staaten über außerordentliche Vollmachten, welche die amerikanische Verfassung direkt vom römischen Vorbild übernommen hat. Im Krieg hat der Präsident die unein­geschränkte Macht, jede Maßnahme zu ergreifen, die zum Schutz der Nation nötig erscheint; kein absoluter Monarch hatte je größere Macht. Schon die bloße Gefahr, daß Hitler eine Superwaffe besitzen könnte, ermöglichte es Präsident Roosevelt, mit Zustimmung des Kongresses, der die Budgetmittel bewilligte, die geistige und physische Arbeitskraft zu mobilisieren, die zur Erfindung des Atomreaktors und der Atombombe führten. Zu diesem Zweck wurden alle klassischen Komponenten der alten Megamaschine zu einem Modell umgestaltet, das vollen Nutzen aus megatechnischer Organisation und wissenschaftlicher Forschung zog. Eine weniger starke Konzentration des Machtkomplexes hätte die entscheidende Umformung des militärisch-industriell-wissenschaftlichen Establishments nie hervorbringen können. Aus dieser Verbindung ging zwischen 1940 und 1961 die modernisierte Megamaschine hervor, die über absolute Zerstörungswaffen gebietet.

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Anstelle eines einzelnen Archimedes, der auf geniale Weise eine römische Flotte zerstörte, wurden zehntausend Archimedesse mobilisiert, um die Kriegsmaschinen zu vervielfachen und denen des Gegners zu begegnen; und anstelle eines einzigen findigen Handarbeiters, wie jener amerikanische Soldat, der eine einfache Methode erfand, um die verflochtenen Hecken der Normandie zu durchhauen, die den Aufmarsch der amerikanischen Panzer behinderten, gab es nun Tausende Exponenten der neuen Technologie, die an Radarschirm und Sonargerät arbeiteten, an Düsenflugzeugen und Raketen - und vor allem an der Atombombe. Nur unter dem starken Druck des Krieges konnte eine derartige Verbindung, ja fast Verschmelzung von Kräften stattfinden.

Die Erfindung der Atombombe war in der Tat entscheidend für die Errichtung der neuen Megamaschine, obwohl damals kaum jemand an dieses größere Ziel dachte. Denn der Erfolg dieses Projekts räumte den Wissenschaftlern einen zentralen Platz in dem neuen Machtkomplex ein und führte schließlich zur Erfindung vieler anderer Instrumente, die das anfangs nur zu Kriegzwecken geschaffene Kontrollsystem abrundeten und allgemein machten.

Über Nacht erhielten die zivilen und die militärischen Führer der Vereinigten Staaten eine Machtvollkommenheit wie sie bis dahin nur von den Göttern der Bronzezeit beansprucht worden war, mit Befugnissen, über die faktisch kein menschlicher Herrscher je verfügt hatte. Seither steht der unersetzliche Wissenschaftler-Techniker auf der obersten Stufe der neuen Machthierarchie; und jeder Teil der Megamaschine entspricht dem spezifisch begrenzten, bewußt von den anderen menschlichen Werten und Zwecken gereinigten Wissen, zu dessen Entwicklung die subtilen mathematischen Analysen und exakten Methoden geschaffen wurden.

Angesichts der katastrophalen Veränderungen, die nun erfolgten, ist es bemerkenswert, daß die Initiative, die zur Freisetzung der Kernenergie, diesem zentralen Ereignis im Wiederaufleben der Megamaschine in ihrer modernen Form, führte, nicht von der Regierung, sondern von einer kleinen Gruppe von Physikern gekommen war. Nicht weniger bemerkenswert ist die Tatsache, daß diese Befürworter der Atomkraft ungewöhnlich humane und moralisch sensible Menschen waren, was insbesondere für Albert Einstein, Enrico Fermi, Leo Szillard und Harold Urey gilt. Sie sind die letzten, die man beschuldigen könnte, sie hätten eine neue Priesterschaft aufrichten wollen, die autokratische Autorität und teuflische Macht besitzt.

Jene unerfreulichen Eigenschaften, die bei den späteren Kollaboranten und Nachfolgern nur zu offen sichtbar geworden sind, waren die Folge des neuen Instrument­ariums, über das die Megamaschine verfügte,

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und das Resultat der entmenschlichten Auffassungen, die sehr rasch in ihr gesamtes Arbeitsprogramm einverleibt wurden. Was die Initiatoren der Atombombe betrifft, so war es ihre Naivität, die sie, wenigstens in den Anfangsstadien, die schrecklichen letzten Konsequenzen ihrer Bestrebungen übersehen ließ.

Natürlich zogen die Wissenschaftler, die erkannten, welche unmittelbare Gefahr die Atomspaltung in der Hand eines totalitären Diktators bedeutete, falsche politische und militärische Schlußfolgerungen, gegen deren übereilte Anwendung ihre wissenschaftliche Ausbildung keine ausreichende Sicherung bot. Aus Furcht, die Nazis könnten einen überwältigenden Vorteil gewinnen, indem sie als erste eine Atombombe herstellten, unterbreiteten Einstein und seine Mitarbeiter dem Präsidenten den Vorschlag, eine solche Waffe in den Vereinigten Staaten zu entwickeln, ohne daß sie noch andere mögliche Alternativen sorgfältig überprüft hätten. 

Ihre Ängste waren wohlbegründet, ihre Wachsamkeit bewundernswert. Ihre Initiative jedoch kam leider um ein halbes Jahrhundert zu spät. Hätte die vorangegangene Wissenschaftlergeneration in ihrer Gesamtheit die Warnungen von Henry Adams und Frederick Soddy beachtet, dann wären sie vielleicht dem entscheidenden Problem rechtzeitig gegenübergetreten: wie die menschliche Intelligenz zu mobilisieren sei, um zu verhindern, daß eine solche potentiell katastrophale Energie vorschnell entfesselt würde. Leider waren die Wissenschaftler auf Grund ihrer Ausbildung an die Vorstellung gewöhnt, die fortwährende Mehrung wissenschaftlicher Erkenntnisse und deren raschestmögliche Umsetzung in die Praxis, ohne Rücksicht auf die sozialen Konsequenzen, als einen kategorischen Imperativ zu betrachten.

Während ein mitbetroffener Zeitgenosse die von Präsident Franklin D. Roosevelt gebilligte Initiative Einsteins verstehen kann — höchstwahrscheinlich hätten die heutigen Kritiker unter gleichen Umständen denselben tragischen Fehler begangen —, ist es heute offenkundig, daß dieser Vorschlag in einem allzu begrenzten historischen Rahmen gemacht wurde: Es war eine kurzfristige Entscheidung, dazu bestimmt, ein unmittelbar erwünschtes Resultat zu erzielen, obwohl die Konsequenzen die ganze Zukunft der Menschheit katastrophal unterminieren mochten. Daß die Wissenschaftler die Herstellung einer Waffe von kosmischer Gewalt vorschlugen, ohne gleichzeitig, als Bedingung für ihre Unterstützung, entsprechende moralische und politische Sicherheits­maßnahmen zu verlangen, zeigt, wie wenig selbst diese von moralischen Grundsätzen geleiteten Menschen gewöhnt waren, die praktischen Konsequenzen ihrer beruflichen Tätigkeit zu erwägen.

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Heute aber sind die Tatsachen klar:  

Die Vorbereitung für diesen Mißbrauch der Macht ging der Explosion der ersten Atombombe voraus. Lange bevor die erste Atombombe erprobt wurde, hatte die amerikanische Luftwaffe sich die bis dahin unausdenkbare Praxis der großangelegten, wahllosen Bombardierung dicht bevölkerter Gebiete zu eigen gemacht; diese kam — mit dem Unterschied der räumlichen Entfernung von den Opfern — den Praktiken gleich, die Hitlers Untermenschen in Konzentrationslagern wie Buchenwald und Auschwitz anwendeten. Die amerikanische Luftwaffe hat mit Napalmbomben in einer einzigen Nacht in Tokio 180.000 Zivilisten bei lebendigem Leibe verbrannt. So hatte der Abstieg zur totalen Demoralisierung und Ausrottung begonnen, lange bevor die angeblich absolute Waffe, die Atombombe, erfunden war.

Nachdem der Plan, eine Atombombe herzustellen, einmal sanktioniert war, wurden die Wissenschaftler, die sich mit diesem Projekt beschäftigten, von ihren eigenen irrigen ideologischen Prämissen gezwungen, auch deren militärische Anwendung zu billigen. Ihr ursprünglicher Fehler konnte nicht so leicht wiedergut­gemacht werden, wie sehr ihr Gewissen sie auch plagen mochte oder wie rührig die Bemühungen der Sensibleren und Intelligenteren unter ihnen, der Menschheit ihre Notlage bewußt zu machen, auch sein mochten. Es war nämlich etwas weit Schlimmeres geschehen als die Erfindung einer tödlichen Waffe: Die Herstellung der Bombe hatte die Zusammenfügung der neuen Megamaschine beschleunigt; denn um die Megamaschine in Gang zu halten, nachdem der unmittelbare Notstand des Krieges einmal vorbei war, wurde ein permanenter Kriegszustand die Voraussetzung für ihren Fortbestand und ihre weitere Expansion.

Obwohl in den zwanzig Jahren nach dem Abwurf der ersten Atombombe nur zwei moderne militärische Megamaschinen entstanden — die der Vereinigten Staaten und Sowjetrußlands —, tragen sie beide die Möglichkeit in sich, durch ihre dynamische Expansion, ihre unsinnige Rivalität, ihre psychotische Zwanghaftigkeit jede andere Nation in ihren Machtbereich zu ziehen. Letztlich müssen diese beiden Systeme entweder einander zerstören oder im Weltmaßstab mit anderen ähnlichen Megamaschinen verschmelzen. In bezug auf die menschliche Weiterentwicklung scheint die zweite Möglichkeit leider kaum mehr zu versprechen als die erste. Die einzige rationale Alternative ist die Demontage der militärischen Megamaschinen.

Man muß einräumen, daß alle diese Resultate auch hätten eintreten können, solange Wissenschaft und Megatechnik auf den konvergierenden Wegen weiterschritten, die sie im neunzehnten Jahrhundert eingeschlagen hatten, auch ohne den Stimulus des Krieges und die systematische Entwicklung der Atombombe. Es hätte jedoch aller Wahrscheinlichkeit noch länger als ein Jahrhundert gedauert, um zu demselben Punkt zu gelangen, der in weniger als einem Jahrzehnt erreicht wurde. Das Medium des Krieges erwies sich als ideale Nährlösung, in der sich jede Art von todbringendem Organismus vermehren kann.

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Und wiederum, wie bei der Entstehung der »Zivilisation«, entfesselte dieselbe Reihe von Faktoren, durch die Expansion von Energie und menschlichen Fähigkeiten, destruktive Kräfte, die die konstruktiven aufwogen und ein Ausmaß an kollektiver Irrationalität begünstigten, das den großartigen positiven Gewinnen an rationaler Intelligenz entgegenwirkte. Und noch einmal muß ich, wie im Vorwort zu diesem Buch, fragen: Ist die Verbindung von uneingeschränkter Macht und Produktivität mit gleichermaßen unbegrenzter Gewalt und Zerstörung ein Zufall?

Die Parallele zwischen den Errungenschaften des Pyramidenzeitalters und denen des Atomzeitalters drängt sich auf, wie abgeneigt man auch zunächst sein mag, dies zuzugeben. Wieder einmal hatte ein Gottkönig, der alle Gewalten und Vorrechte der ganzen Gemeinschaft verkörperte und von der allgemein anerkannten Priesterschaft einer Universalreligion — der positiven Wissenschaft — unterstützt wurde, begonnen, die Megamaschine in einer technologisch adäquateren und eindrucksvolleren Form aufzubauen. Vergißt man die Rolle, die der König (der amerikanische Präsident in Kriegszeiten), die Priesterschaft (geheime Enklave von Wissenschaftlern), die gewaltige Ausdehnung der Bürokratie, der Streitkräfte und des industriellen Establishments tatsächlich gespielt haben, so gelangt man zu keiner realistischen Auffassung von dem, was wirklich geschehen ist. Nur im Licht des Pyramidenzeitalters werden all die scheinbar isolierten und zufälligen Ereignisse als eine geordnete Konstellation sichtbar. Die Errichtung der modernisierten totalitären Megamaschine, verstärkt durch die Erfindung mechanischer und elektronischer Mittel, die nicht voll genutzt werden konnten, ehe jene Maschine vorhanden war, erweist sich als Hitlers unheilvollster, wenn auch völlig unbeabsichtigter Beitrag zur Versklavung der Menschheit.

So kam eine der höchsten Leistungen des modernen Menschen in der Erforschung der elementaren Bausteine der physikalischen Welt, gipfelnd in der Erschließung der Kräfte, über die der Sonnengott gebietet, unter dem Druck eines völkermordenden Krieges und der Drohung totaler Vernichtung zustande: eine Bedingung, die alle lebenserhaltenden und lebensfördernden Bemühungen lahmte. Das Andauern dieses Zustands, zusammen mit der Vertiefung und Erweiterung der Krise im darauffolgend den Kalten Krieg, hat die schrecklichen Möglichkeiten, die Henry Adams voraussagte, noch erheblich verstärkt.

 

Vergleich der Megamaschinen 

Wir sind heute in der Lage, die antike und die moderne Form der Megamaschine miteinander zu vergleichen; zuvor aber möchte ich klarstellen, daß die antike Maschine als solche nicht erkannt wurde — ja gänzlich unentdeckt blieb —, bis die neue Megamaschine Gestalt angenommen hatte.

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Wie wir sehen werden, sind die Unterschiede ebenso bedeutsam wie die Ähnlichkeiten; ich glaube jedoch, daß die grundlegenden Ähnlichkeiten ein neues Licht auf den weiten Bereich der dazwischenliegenden Geschichte werfen, und mehr noch auf das Zeitalter, das eben begonnen hat.

Die beiden Megamaschinen ähneln einander, was die technologischen Eigenschaften betrifft: Sie sind beide Massen­organisationen, geeignet zur Durchführung von Aufgaben, die das Vermögen kleiner Arbeitskollektive und loser Stammes- oder territorialer Gruppen weit übersteigen. Doch die alte Megamaschine unterlag stets menschlichen Begrenzungen, da sie hauptsächlich aus Menschen zusammengesetzt war; denn ein Sklave kann selbst unter dem strengsten Antreiber nicht viel mehr als ein Zehntel einer Pferdestärke leisten und ist auch außerstande, pausenlos zu arbeiten, ohne seine Arbeitsleistung zu verringern.

Der große Unterschied zwischen den beiden Typen besteht darin, daß in der modernen Maschine die Zahl der menschlichen Komponenten nach und nach abgenommen und die der verläßlicheren mechanischen und elektronischen Komponenten zugenommen hat; nicht nur wurde die Arbeitskraft, die für riesige Operationen benötigt wird, reduziert, sondern auch Fernlenkung ermöglicht. Wenngleich an den wichtigen Knotenpunkten des Systems auch immer noch menschliche Servo­mechanismen notwendig sind, ist die moderne Maschine an keine zeitlichen und räumlichen Grenzen gebunden: Sie kann als einheitliches, größtenteils unsichtbares Ganzes über ein weites Gebiet wirksam sein, da ihre Teile durch Telekommunikation miteinander verbunden sind. Das neue Modell verfügt so über ganze Regimenter spezialisierter mechanischer Einheiten mit übermenschlichen Kräften und übermenschlicher mechanischer Verläßlichkeit und nicht zuletzt mit blitzartiger Geschwindigkeit. Obwohl die alte Megamaschine ohne die Erfindung der Schrift kaum vorstellbar gewesen wäre, sind frühere totalitäre Regime wiederholt auf Grund der langsamen Kommunikation zusammengebrochen; tatsächlich war eines der Hauptanliegen der antiken Megamaschinen die Verbesserung der Straßen- und Wasserverbindungen, mit Stafetten von Läufern und Reitern oder mit Galeeren, die von Sklaven in maschinenartigem Gleichtakt gerudert wurden.

Mit der Erfindung des Telegraphen, gefolgt von Telephon und Radio, fielen die Begrenzungen der Fernkontrolle. Theoretisch kann heute jeder Punkt der Erde mit jedem anderen Punkt in unmittelbarer Sprechverbindung stehen, und die Bildverbindung überallhin hinkt nur geringfügig nach.

Fast ebensogroß ist die Beschleunigung des Personenverkehrs: Die geflügelten Boten, die einst Botschaften vom Himmel zur Erde brachten, stehen heute in jedem Flughafen zur Verfügung; und über kurz oder lang wird eine Reisegeschwindigkeit von Mach II unsere modernen Engel befähigen, jeden Punkt unseres Planeten in weniger als einem halben Tag zu erreichen.

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Kraft, Geschwindigkeit und Kontrolle waren zu allen Zeiten die Hauptkennzeichen absoluter Monarchen; die Aufhebung natürlicher Beschränkungen auf diesen Gebieten ist das gemeinsame Motiv, das die alte und die moderne Mega­maschine miteinander verbindet.

Für die große Masse der Menschen hatte die alte Megamaschine nur minimale Belohnung, aber maximale Strafen bereit; diese Praktiken waren so durchgängig, daß selbst die höchsten Beamten des Staates häufig ähnlichen Demütigungen und Zwängen unterworfen waren. So mußte die ganze Gemeinschaft periodisch Strafarbeit verrichten, unter Androhung noch härterer Strafen, wenn die Arbeiter die gesetzten Quoten nicht erfüllten. Dokumente, die von diesen Praktiken zeugen, sind in jedem Land, das von der Megamaschine ausgebeutet wurde, reichlich vorhanden. Hier sei zu den bereits angeführten noch eine Passage aus Hobbes' The Laws of Manu hinzugefügt, zitiert von Karl Wittfogel: »Verhängte der König nicht unermüdlich Strafen über die Strafwürdigen, würden die Stärkeren die Schwächeren rösten wie Fische auf Spießen ... Strafe allein regiert alle Geschöpfe, Strafe allein beschützt sie.«

Aus solchen Beweisen kann man mit Recht den Schluß ziehen, daß die Megamaschine ursprünglich die Schöpfung derselben waffentragenden Minderheit war, die die organisierte Kriegführung erfunden hatte und den passiven, friedlichen neolithischen Bauern unbedingten Gehorsam und regelmäßige Tribute abpreßte; den Bauern, die während der ganzen späteren Geschichte tatsächlich die Mehrheit der menschlichen Bevölkerung bildeten. Obwohl die moderne Megamaschine ebenfalls ein Produkt des Krieges ist, hat sie, wie wir heute sehen, den offenen Zwang zum Teil durch subtilere Methoden ersetzt, in denen Belohnungen oder scheinbare Belohnungen an die Stelle von Strafen treten.

Anderseits brachte das System seine eigenen spezifischen Nachteile mit sich: 

Es vergeudete nicht nur Menschenkraft infolge seines außerordentlichen Bedarfs an Sklaventreibern und Aufsehern, einen für jede Arbeitsgruppe von zehn Männern; es erzeugte außerdem Reibungen, mürrischen Groll und Arbeitsunwillen; und es dämpfte die Energien überragender Denker, die sich mit freier Erfindung und spontaner Kreativität hätten befassen können. Man kann nur mutmaßen, wie viele potentielle Imhoteps oder Josefs — wie heute in Sowjetrußland und China — durch Terror an ihrer Entfaltung gehindert wurden. Schlimmer noch war, daß diese repressive Routine, diese grausamen Strafen weit über den Bereich der Arbeit hinausgingen und viele andere menschliche Beziehungen zerstörten. Historische Dokumente zeigen, daß Verschwörungen, Aufstände, Giftmorde und Sklavenrevolten die Arbeitsleistung der alten Megamaschine herabsetzten. Offensichtlich gab es, auch in bezug auf die nicht-mechanischen Einheiten der Megamaschine, Raum für viele Verbesserungen. Wir werden einige dieser Verbesserungen im nächsten Kapitel untersuchen.

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Menschenopfer und mechanische Erlösung

 

Die Ideologie, die der alten wie der neuen Megamaschine zugrundeliegt und die beiden verbindet, ignoriert die Bedürfnisse und Zwecke des Lebens, um den Machtkomplex zu stärken und seine Herrschaft auszudehnen. Beide Megamaschinen sind auf den Tod orientiert; und je mehr sie sich einheitlicher weltweiter Kontrolle nähern, desto unausweichlicher erscheint ein solcher Ausgang. In der offenen Form des Krieges ist diese stets vorhandene historische Triebkraft jedermann vertraut, denn militärische Gewalt — im Unterschied zu den sporadischen, begrenzteren Formen tierischer Aggression — ist das historische Produkt einer spezifischen Form sozialer Organisation, die in bestimmten Ameisengesellschaften vor etwa sechzig Millionen Jahren entwickelt und mit all ihren negativen institutionellen Folgen in den ägyptischen und den mesopotamischen Gemeinschaften des Pyramidenzeitalters wiederhergestellt wurde.

Alle diese Wesenszüge der Antike wurden im neunzehnten Jahrhundert erneuert — vor allem die kollektive Hingabe an den Tod. Allein in den letzten fünfzig Jahren fanden etwa fünfzig bis hundert Millionen Menschen — eine genaue Schätzung ist nicht möglich — den frühzeitigen Tod durch Gewalt und Hunger, auf dem Schlachtfeld, in Konzentrationslagern, in zerbombten Städten und in Agrargebieten, die in Massenvernichtungslager verwandelt wurden. Dazu kommt, daß wir zu wiederholten Malen von offiziellen Stellen der Vereinigten Staaten — sogar noch mit Stolz — informiert wurden, im ersten nuklearen Schlagabtausch zwischen Mächten, die so gut gerüstet sind wie die Vereinigten Staaten und Sowjetrußland, würde etwa ein Viertel oder die Hälfte der Bewohner jedes dieser Länder am ersten Tage getötet werden.

Mit schlauem Bedacht vermeiden diese offiziellen Prognosen die Schätzung der weiteren Verluste durch die anderen von ihnen perfektionierten Mittel des Völkermordes am zweiten Tag, in der zweiten Woche, im zweiten Jahr, ja im nächsten Jahrhundert; denn dazu müßte man unberechenbare Faktoren astronomischen Ausmaßes berücksichtigen, deren unvorhersehbare Folgen nie wieder gutzumachen wären (Wissenschaftler von so bedauernswerter Arroganz, daß sie sich die Fähigkeit zutrauen, diese unberechenbaren Faktoren vorauszusehen, zählen zu den engsten Ratgebern der amerikanischen Regierung).

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Wie alle modernen technischen Unternehmungen wurde auch der Massenmord sowohl im Umfang erweitert als auch beschleunigt. Aber bis jetzt sind Atomversuche und Raketenforschung — die beide direkt mit der Kriegsplanung zusammenhängen — die auffälligsten Manifestationen dieser tödlichen Mittel, neben den Kommunikationssystemen, auf die sie sich stützen. Die Tatsache, daß mit diesen Ausrottungsmethoden, wie erfolgreich das overkill auch sein mag, keinerlei gegenwärtigen oder zukünftigen menschlichen Zwecken gedient ist, zeigt nur, auf welch tiefer Unterschicht von psychotischer Irrationalität die Phantasien über absolute Waffen, absolute Macht und absolute Kontrolle lagern. Freud zieht eine Parallele zwischen den magischen Ritualen vieler sogenannter primitiver Völker und dem Verhalten von Neurotikern in unserer Zeit. Aber in diesen steckengebliebenen Kulturen gibt es keine Bräuche, sei es Kopfjägerei, Kannibalismus oder Vudu-Mord, die an abergläubischer Grausamkeit und geistiger Verderbtheit den gegenwärtigen Plänen hochqualifizierter Wissenschaftler, Techniker und Militärs, kollektiven Mord in dem durch die technologischen Mittel ermöglichten Maßstab zu verüben, vergleichbar sind.

Einer der vielen konkreten Beweise für diesen offiziell sanktionierten Wahnsinn kommt gerade in dem Augenblick, da ich dies schreibe, ans Licht. Um sich der tödlichen Giftgase zu entledigen, mit denen die US-Luftwaffe experimentiert hat, bohrte man ein Loch von rund 450 Meter Tiefe, in dem die Kanister mit diesem entsetzlichen Gift vergraben werden sollten. Doch abgesehen von dem Risiko, das allein schon mit dem Transport des Giftgases vom Lagerungsort zum Bohrloch verbunden ist, wurde dieses Gebiet — nahe der Stadt Denver, die früher einmal als Kurort geschätzt wurde — unlängst von einer Reihe von Erdstößen erschüttert, die möglicherweise die unmittelbare Folge der Bohrung waren. So müssen die Erfinder dieser neuen Form von Völkermord wählen, ob sie ein Erdbeben riskieren sollen, durch das jenes Gas freigesetzt werden könnte, dessen sie sich so leichtfertig entledigten — oder das Loch zuschütten und dann im Falle eines schweren Erdbebens die Verantwortung dafür übernehmen, daß die Zuschüttung die gleiche Folge hat.

In unserer gegenwärtigen auf den Tod orientierten Kultur sollen diese entmenschlichten Pläne und Verbrechen offiziell als wissen­schaftlicher Fortschritt oder militärische Notwendigkeit bemäntelt, oder, wenn aufgedeckt, restlos entschuldigt werden. Die Bereitschaft moderner Staaten — Schwedens nicht minder als Amerikas —, diese Strategie gutzuheißen, die für ihre eigenen Staatsbürger potentiell ebenso verhängnisvoll ist wie für irgendeinen mutmaßlichen Feind, ist ein sicherer Hinweis sowohl auf unseren moralischen Niedergang als auch auf unseren gestörten oder paralysierten Verstand. Kein Wunder, daß manche der Besten unserer jungen Generation ihren fügsamen älteren Zeitgenossen mit unaussprechlichem Abscheu und berechtigtem Zorn gegenüberstehen.

Verglichen mit dieser Todesdurchtränktheit unserer Kultur war der Todeskult der Ägypter, der sich im Pyramidenzeitalter entwickelte, mit seinen prahlerischen Pyramiden, seinen magischen Ritualen und seiner vollendeten Mumifizierungstechnik, ein relativ harmloser Ausdruck von Irrationalität. Die Zerstörungen, die die frühen Kriegsmaschinen anrichteten, waren, da diese nur über Menschenkraft, Handwaffen und Handwerkzeuge verfügten, tatsächlich so begrenzt, daß sie selbst im schlimmsten Fall wiedergutgemacht werden konnten. Die gegenwärtige Aufhebung aller Schranken, die nur durch die Fortschritte von Wissenschaft und Technik ermöglicht wurde, enthüllt das wahre Wesen dieser Kultur und das Ziel, dem sie zustrebt.

Ja: die Priester und Krieger der Megamaschine vermögen die Menschheit auszurotten; und wenn von Neumann recht hat, werden sie es auch tun. Kein bloßer tierischer Aggressionstrieb ist Ursache dieser wachsenden Verirrung. Aber mehr als animalischer Selbsterhaltungsinstinkt — eine immense Zunahme an emotionaler Wachheit, moralischem Bewußtsein und praktischer Kühnheit im Weltmaßstab — wird nötig sein, wenn die Menschheit sich noch retten soll.

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