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Sätze für Zeitgenossen  

  Abstinenz  

 

 

37

In den Augen der Abstinenzler und Vegetarier besteht das einzige vernünftige Ziel darin, Schmerz zu vermeiden und so lange wie möglich am Leben zu bleiben. Wenn man es unterläßt, Alkohol zu trinken, oder Fleisch oder was auch immer zu essen, darf man damit rechnen, fünf Jahre länger zu leben, während, wenn man sich überfrißt oder übertrinkt, man dafür mit akuten physischen Schmerzen am folgenden Tag bezahlen muß. 

Zweifellos folgt doch hieraus, daß alle Ausschweifungen, selbst ein einmal im Jahr stattfindender Ausbruch wie Weihnachten, selbstverständlich vermieden werden sollten?

Eigentlich folgt das überhaupt nicht daraus. Man mag in voller Kenntnis dessen, was man tut, beschließen, daß ein gelegentliches Vergnügen den Schaden wert ist, den es der Leber zufügt. Denn Gesundheit ist nicht alles, worauf es ankommt: Freundschaft, Gastlichkeit und die gehobene Stimmung und die veränderte Auffassung, die man durch das Essen und Trinken in guter Gesellschaft erhält, sind auch wertvoll.

Ich bezweifle, ob, alles in allem genommen, sogar totale Trunkenheit wirklich schadet, sofern sie selten ist — sagen wir zweimal im Jahr. Das ganze Erlebnis, mitsamt der anschließenden Reue, bewirkt eine Art Bruch in der eigenen geistigen Routine, vergleichbar mit einem Wochenende in einem fremden Land, was wahrscheinlich förderlich ist.

Zu allen Zeiten haben die Menschen dies wahrgenommen. Es herrscht allgemeine Übereinstimmung, bis zurück zu den Tagen vor dem Alphabet, daß gewohnheitsmäßige Sauferei zwar schlecht, Geselligkeit jedoch gut ist, auch wenn man es manchmal am nächsten Morgen bereut. Wieviele Bücher gibt es doch über das Essen und Trinken, und wie wenig Lohnenswertes ist auf der Gegenseite gesagt worden! Aus dem Stegreif fällt mir kein einziges Gedicht zum Lob des Wassers, d.h. des Wassers als Getränk, ein. Es ist schwierig, sich vorzustellen, was man darüber sagen könnte. Es stillt den Durst: das ist das Ende vom Lied. Was hingegen Gedichte zum Lob des Weines betrifft, so würden sogar die überlieferten ein ganzes Bücherregal füllen.

Auch die Literatur über Essen ist umfangreich, jedoch hauptsächlich in Prosa. Aber bei allen Schriftstellern, die Gefallen daran fanden, Essen zu beschreiben, von Rabelais bis Dickens und von Petronius bis zu Frau Beeton, kann ich mich an keinen einzigen Passus erinnern, der diätetische Erwägungen an erste Stelle setzt. Immer wird Essen als Selbstzweck empfunden. 

Niemand hat denkwürdige Prosa über Vitamine oder die Gefahren eines Protein­überschusses oder darüber geschrieben, wie wichtig es ist, alles zweiunddreißig Mal zu kauen. 

38-39

1946, L 258-9


 

Antisemitismus

1945

 

Ich habe keine unumstößliche Theorie über die Anfänge des Antisemitismus. Die zwei üblichen Erklärungen, nämlich einerseits daß er auf wirtschaftliche Ursachen zurückzuführen ist, oder andererseits daß er ein Vermächtnis vom Mittelalter ist, erscheinen unbefriedigend, obwohl ich gestehe, daß sich mit ihrer Verbindung die Tatsachen decken ließen. Alles, was ich mit fester Überzeugung sagen würde, ist, daß der Antisemitismus zum größeren Problem des Nationalismus gehört, das noch nicht ernsthaft untersucht worden ist, und daß der Jude offensichtlich als Sündenbock herhalten muß, obwohl wir noch nicht wissen, wofür.

Um irgendein Thema wissenschaftlich zu untersuchen, braucht man eine unvoreingenommene Einstellung, was offensichtlich schwieriger ist, wenn die eigenen Interessen oder Empfindungen beteiligt sind. Eine Menge Leute, die durchaus imstande sind, in bezug etwa auf Seeigel oder die Quadratwurzel von 2, objektiv zu sein, werden schizophren, wenn sie an die Quellen ihres eigenen Einkommens denken müssen. 

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Was beinahe alles ungültig macht, was über den Antisemitismus geschrieben wird, ist die Annahme im Geiste des Schriftstellers, daß er selbst immun dagegen sei. »Da ich weiß, daß der Antisemitismus irrational ist«, schließt er, »ergibt sich daraus, daß ich ihn nicht teile.« Er unterläßt es also, seine Untersuchung an dem einen Ort zu beginnen, wo er zuverlässige Anhaltspunkte in die Hand bekommen könnte — in seinem eigenen Kopf.

Der modernen Zivilisation fehlt etwas, irgendein psychologisches Vitamin, und folglich unterliegen wir alle mehr oder weniger diesem Irrsinn, zu glauben, daß ganze Rassen oder Nationen auf mysteriöse Weise gut oder auf mysteriöse Weise schlecht sind. Ich möchte den modernen Intellektuellen sehen, der genau und ehrlich seine Seele erforscht, ohne auf nationalistische Treue- und Haßgefühle zu stoßen. 

Es ist die Tatsache, daß er die emotionale Zugkraft solcher Dinge spüren und sie dennoch nüchtern als das sehen kann, was sie sind, die ihm den Status eines Intellektuellen verleiht. Man wird daher einsehen, daß der Ausgangspunkt für jede Erforschung des Antisemitismus nicht sein sollte: »Warum spricht dieser offensichtlich irrationale Glaube andere Leute an?«, sondern »Warum spricht der Antisemitismus mich an? Was ist es an ihm, das ich als wahr empfinde?«

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Wenn man diese Frage stellt, entdeckt man zumindest seine eigenen Rationalisierungen, und es kann dann möglich sein, heraus­zufinden, was unter ihnen liegt. Der Antisemitismus sollte erforscht werden — und ich meine damit nicht von Antisemiten, sondern auf jeden Fall von Leuten, die wissen, daß sie nicht immun gegen ein solches Gefühl sind. Sobald Hitler verschwunden ist, wird eine wirkliche Erforschung dieses Themas möglich sein, und es wäre wahrscheinlich am besten, nicht damit zu beginnen, den Antisemitismus zu entlarven, sondern alle Rechtfertigungen, die man für ihn finden kann, in seiner eigenen Seele oder in einer anderen zusammenstellen. Auf diese Weise könnte man vielleicht einige Anhaltspunkte gewinnen, die zu seinen psychologischen Wurzeln führen würden. Aber daß der Antisemitismus endgültig geheilt werden wird, ohne daß die größere Erkrankung des Nationalismus geheilt würde, glaube ich nicht.

1945 (L 230-32)

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Aristokratie

 

Adlige werden immer angebetet oder aber gehaßt. Wenn sie einen akzeptieren, so ist es reizende Schlichtheit, wenn sie einen übersehen, so ist es widerlicher Snobismus; dazwischen liegt nichts.

1935 (TB 224)

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Armut

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Die Geschichte von der moralischen Überlegenheit der Armen ist eine der verhängnisvollsten Formen des Eskapismus, die die herrschende Klasse entwickelt hat. Du magst zwar unterdrückt sein und beschwindelt werden, doch in den Augen Gottes bist du deinen Unterdrückern überlegen, und durch Filme und Zeitschriften kannst du ein Phantasie-Dasein genießen, in dem du über die Leute triumphierst, die dich im wirklichen Leben unten halten. 

In jeder Form von Kunst, die eine große Zahl von Leuten ansprechen soll, ist es beinahe noch nie dagewesen, daß ein Reicher einen Armen aussticht. Der Reiche ist gewöhnlich »böse«, und seine Machenschaften werden beständig vereitelt. »Guter armer Mann besiegt bösen reichen Mann« ist eine allgemein anerkannte Formel, während wir, wenn es umgekehrt wäre, das Gefühl hätten, daß etwas nicht stimmt. Dies ist ebenso auffallend in Filmen wie in billigen Zeitschriften, und vielleicht am auffallendsten in den alten Stummfilmen, die von Land zu Land reisten und ein sehr gemischtes Publikum ansprechen mußten. 

Die große Mehrheit der Leute, die einen Film sehen, sind arm, und also ist es lohnend, einen Armen zum Helden zu machen. Filmmagnaten, Pressekönige und dergleichen häufen ziemlich viel von ihrem Reichtum an, indem sie den Reichtum als sündhaft hinstellen.

Die Formel »guter armer Mann besiegt bösen reichen Mann« ist einfach eine subtilere Version von der »Seligkeit im Himmel«. Sie ist eine Sublimierung des Klassenkampfes. Solange man von sich selbst als einem »starken, tüchtigen Garagisten« träumen kann, der einein reichen Gauner einen Kinnhaken versetzt, braucht man sich um die wirklichen Fakten nicht zu kümmern. Das ist ein geschickterer Trick als die Reichtums-Phantasie.

1944 (L 269)

 

 

Autobiographie

 

Autobiographien sind nur glaubwürdig, wenn sie etwas Unschönes zugeben. Jemand, der über sein Leben nur Gutes zu sagen weiß, lügt in den meisten Fällen, weil jedes Leben von innen her gesehen nichts weiter als eine Kette von Niederlagen ist.

1944 (K 39)

45-46


Bücher

 

Bücher über gewöhnliche Menschen, die sich auf gewöhnliche Weise verhalten, sind äußerst selten, weil sie nur von jemand geschrieben werden können, der fähig ist, den gewöhnlichen Menschen sowohl von außen wie von innen zu sehen; aber das schließt das Eingeständnis ein, selber zu neun Zehnteln gewöhnlich zu sein, und genau das will kein Intellektueller je sein.

1936 (CE I, 231)

 

Offenbar ist ein Dichter mehr als ein Denker und Lehrer, obwohl er dies auch sein muß. Jedes Stück Geschriebenes hat seine propagandistische Seite, und doch braucht es in jedem Buch oder Stück oder Gedicht oder was immer, das überdauern will, einen Bodensatz von etwas, dem Moral oder Inhalt nichts anhaben können — einen Bodensatz von dem, was wir Kunst nennen. Innerhalb großer Grenzen können schlechte Gedanken und schlechte Moral gute Literatur sein. Wenn ein so großer Mann wie Tolstoi das Gegenteil nicht aufzeigen konnte, dann glaube ich kaum, daß es einem andern je gelingen wird.

1941 (L 321-2)

47


 

Das Erste, was wir von einem Schriftsteller verlangen, ist, daß er keine Lügen erzählen soll, daß er sagt, was er wirklich denkt, was er wirklich fühlt. Das Schlimmste, was wir von einem Kunstwerk sagen können, ist, daß es unaufrichtig ist. Und dies gilt sogar noch mehr für die Kritik als für die kreative Literatur, bei der ein gewisses Maß an Affektiertheit und Manierismus und sogar ein gewisses Maß an völligem Humbug keine Rolle spielt, solange der Schriftsteller von Grund auf ehrlich ist. Die moderne Literatur ist im wesentlichen eine individuelle Angelegenheit. Sie ist entweder der wahrhaftige Ausdruck dessen, was ein Mensch denkt und fühlt, oder sie ist gar nichts.

1941 (L 292-3)

48


 

Fleiß

 

49

Es ist jetzt (1949) 16 Jahre her, seit mein erstes Buch veröffentlicht wurde, & ungefähr 21, seit ich anfing, Artikel in Zeitschriften zu veröffentlichen. Während dieser ganzen Zeit hat es buchstäblich keinen Tag gegeben, an dem ich nicht gefühlt hätte, daß ich herumtrödelte, ich mit der laufenden Arbeit im Rückstand war & daß mein gesamter Arbeitsertrag jämmerlich klein war. Selbst zu jenen Zeiten, da ich 10 Stunden pro Tag an einem Buch arbeitete oder 4 bis 5 Artikel in der Woche herausbrachte, bin ich nie fähig gewesen, von diesem neurotischen Gefühl loszukommen, daß ich meine Zeit vergeudete. 

Ich kann niemals das Gefühl, etwas geleistet zu haben, aus der Arbeit, die momentan im Werden begriffen ist, herausholen, weil sie immer langsamer vorangeht, als ich es will, & ich habe sowieso das Gefühl, daß ein Buch oder sogar ein Artikel erst dann existieren, wenn sie abgeschlossen sind. Aber sobald ein Buch abgeschlossen ist, beginne ich, sogar schon vom nächsten Tag an, mir Gedanken zu machen, weil das nächste noch nicht angefangen ist, & werde von der Angst verfolgt, daß es nie ein nächstes geben wird — daß meine Triebkraft für immer & ewig erschöpft ist

Wenn ich zurückblicke & die eigentliche Menge, die ich geschrieben habe, zusammenzähle, sehe ich, daß mein Arbeitsertrag beachtlich gewesen ist: aber dies beruhigt mich nicht, weil es mir lediglich das Gefühl gibt, daß ich früher einmal Fleiß & eine Produktivität hatte, die ich jetzt verloren habe.

1949 (L 36)

50


Freiheit

 

Wo kein Platz mehr für spontane Ideen ist, wird literarisches Schaffen zur Unmöglichkeit, ja die Sprache selbst verdorrt. Einmal, in Zukunft, wenn der menschliche Geist zu etwas völlig anderem geworden ist, als wir bisher darunter verstanden haben, wird man vielleicht lernen, literarisches Schaffen und geistige Wahrheit voneinander zu trennen. Heute wissen wir nur, daß die Phantasie sich wie bestimmte Tierarten in der Gefangenschaft nicht fortpflanzt.

1946 (R 96)

 

Die Idee der intellektuellen Freiheit ist in unserm Zeitalter einem Angriff aus zwei Richtungen ausgesetzt. Auf der einen Seite sind es die theoretischen Feinde, die Vertreter des Totalitarismus; auf der ändern ihre unmittelbaren, praktischen, die Monopole und die Bürokratie. Jeder Schriftsteller oder Journalist, der sich seine geistige Integrität bewahren möchte, wird daran mehr durch den allgemeinen Trend der Gesellschaft als durch tatsächliche Verfolgung gehindert. 

51


Was sich ihm in den Weg stellt, ist die Konzentration der Presse in den Händen einiger weniger reicher Männer, die Monopolherrschaft bei Radio und Film, die geringe Neigung des Publikums, Geld für Bücher auszugeben, was fast jeden Schriftsteller zwingt, sich seinen Unterhalt durch unschöpferische Kleinarbeit zu verdienen; es ist die Bevormundung durch Behörden wie das Informationsministerium und den British Council, die dem Schriftsteller helfen, am Leben zu bleiben, gleichzeitig aber seine Zeit vergeuden und ihm ihre Ansichten aufzwingen; und schließlich die seit zehn Jahren andauernde Kriegsatmosphäre, deren zermürbender Einwirkung sich keiner hat entziehen können. Alles in unserer Zeit hat sich verschworen, aus dem Schriftsteller wie dem Künstler so etwas wie einen subalternen Beamten zu machen, der Themen behandelt, die von oben bestellt werden, wobei er nie das ausdrücken kann, was er für wahr hält.

1946 (R 78)

 

 

Ich bin Schriftsteller. Jeder Schriftsteller hat den Impuls, »sich aus der Politik herauszuhalten«. Was er will, ist, in Ruhe gelassen zu werden, damit er ungestört fortfahren kann, Bücher zu schreiben. Aber leider wird es immer offensichtlicher, daß dieses Ideal nicht durchführbarer ist als das des kleinen Ladenbesitzers, der angesichts der Bedrohung durch Warenhäuser seine Selbständigkeit zu bewahren hofft.

52


Erstens einmal geht die Ära der freien Meinungsäußerung zu Ende. Die Pressefreiheit in Großbritannien war schon immer so etwas wie ein Schwindel, weil letzten Endes das Geld die öffentliche Meinung beherrscht; und doch, solange das gesetzliche Recht existiert, zu sagen, was man will, gibt es immer ein Hintertürchen für einen unorthodoxen Schriftsteller. Seit einigen Jahren habe ich die kapitalistische Klasse dazu bringen können, mir mehrere Pfund pro Woche dafür zu bezahlen, daß ich Bücher gegen den Kapitalismus schreibe. Aber ich gebe mich nicht der Illusion hin, daß diese Sachlage ewig dauern wird. Wir haben gesehen, was mit der Pressefreiheit in Italien und Deutschland passiert ist, und das gleiche wird auch hier passieren. Die Zeit wird kommen — nicht nächstes Jahr, vielleicht erst in zehn oder zwanzig Jahren, aber sie wird kommen —, da jeder Schriftsteller die Wahl haben wird, entweder gänzlich zum Schweigen gebracht zu werden oder die Droge zu produzieren, die eine privilegierte Minderheit fordert. Ich muß dagegen kämpfen.

1938 (L 31)

53


Gewalt

 

 

Leute, die durch Geld und Kanonen vor der Wirklichkeit geschützt sind, hassen die Gewalt zu Recht und wollen nicht einsehen, daß sie Bestandteil der modernen Gesellschaft ist und daß ihre eigenen zarten Gefühle und edlen Ansichten nur das Ergebnis sind von Ungerechtigkeit, gestützt durch Macht. Sie wollen gar nicht wissen, woher ihre Einkünfte stammen. 

Zugrunde liegt der unbequeme Umstand, der so schwer wahrzuhaben ist, daß die Rettung des Einzelnen nicht möglich ist, daß wir gewöhnlich nicht zwischen Gut und Böse zu wählen haben, sondern zwischen zwei Übeln. Man kann die Welt von den Nazis beherrschen lassen, das ist ein Übel; oder man kann sie durch Krieg überwältigen, und das ist auch ein Übel. Eine andere Wahl steht uns nicht offen, und was immer wir entscheiden, wir werden nicht mit sauberen Händen davonkommen.

1941 (CE II, 170)

54


Der Unterschied, auf den es wirklich ankommt, ist nicht der zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit, sondern zwischen der Neigung zur Machtausübung und der Abneigung dagegen. Es gibt Leute, die sowohl von der Verwerf­lichkeit von Armeen wie von Polizei überzeugt und dabei viel intoleranter und inquisitorischer in ihren Anschauungen sind als Normalmenschen, die glauben, daß es unter bestimmten Umständen notwendig ist, Gewalt anzuwenden. Sie werden nie zu jemandem sagen: »Tu dies und das oder du kommst ins Gefängnis«, aber sie werden sich, wenn sie können, seines Gehirns bemächtigen und ihm bis in die letzten Einzelheiten vorschreiben, wie er zu denken hat. Glaubenslehren wie Pazifismus und Anarchismus, die oberflächlich betrachtet den Verzicht auf Gewalt einzuschließen scheinen, begünstigen das Gegenteil. Tritt man nämlich einer Bewegung bei, die frei vom gewöhnlichen Schmutz der Politik zu sein scheint einem Glauben also, von dem man für sich selbst keinerlei materielle Vorteile erwarten kann , so ist das sicherlich ein Beweis dafür, daß man recht hat. Und je fester man davon überzeugt ist, im Recht zu sein, desto natürlicher ist der Wunsch, jeden anderen mit allen Mitteln dahin zu bringen, ebenso zu denken.

1947 (R 187)

55


Glauben

 

Theoretisch ist es immer noch möglich, ein orthodoxer Gläubiger zu sein, ohne darob intellektuell verkrüppelt zu werden; aber leicht ist es nicht, und in der Praxis weisen die Bücher von Orthodoxen dieselbe Verkrampfung und dieselben Scheuklappen auf wie die von orthodoxen Stalinisten und andern, die geistig nicht frei sind.

1942 (CE II, 241)

 

Dann war da auch immer wieder das dummschlaue religiöse Buch, das dem Ungläubigen nicht mehr mit Höllenqualen droht, sondern ihn als unlogischen Tölpel hinstellt, der keinen klaren Gedanken fassen kann und keine Ahnung hat, daß alles, was er vorbringt, schon früher gesagt und widerlegt worden ist. Die Taktik ist immer dieselbe. Jede Ketzerei ist schon früher einmal ausgesprochen worden (mit der Unterstellung, daß sie auch widerlegt worden sei); die Theologie kann nur von Theologen begriffen werden (mit der Unterstellung, daß man das Denken besser den Priestern überläßt). Auf diese Weise kann man großen Spaß


dran haben, »ungenaues Denken« richtigzustellen und darauf hinzuweisen, daß irgendein modernes Argument nur wiederholt, was Pelagius schon 400 v. Chr. (oder wann immer) gesagt hat, oder daß das Wort Transsubstantiation in ganz falschem Sinn gebraucht worden ist ... Ein Grund für den großen Rückhalt dieser Schreiber in der Presse ist, daß ihre politischen Verankerungen unweigerlich reaktionär sind.

1944 (CE III, 264-5)

 

 

Der Unterschied zwischen einem Katholiken, der einfach glaubt, und einem Konvertiten, der immerzu seine Bekehrung rechtfertigen muß, ist wie der Unterschied zwischen Buddha und einem Schaubudenfakir.

 

56-57


Grundeigentum

 

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Wenn es Diebstahl ist, das Land Englands dem Volke Englands zurückzugeben, dann ist es mir ganz recht, dies als Diebstahl zu bezeichnen. 

Vor lauter Eifer, das Privateigentum zu verteidigen, vergißt man, darüber nachzudenken, wie die sogenannten Eigentümer des Landes es in die Hand bekamen. Sie rissen es einfach mit Gewalt an sich und stellten nachher einen Anwalt an, der sie mit der Eigentums­urkunde ausstattete.

Bis auf die wenigen übrigbleibenden Allmenden, die Hauptstraßen, die Ländereien des National Trust, eine bestimmte Anzahl Parks und die Meeresküste unterhalb der höchsten Flutwasserstandsmarke ist jeder Quadratzentimeter Englands das »Eigentum« einiger tausend Familien. Diese Leute sind ungefähr so nützlich wie Bandwürmer. 

Es ist durchaus wünschenswert, daß die Leute ihr eigenes Wohnhaus besitzen, und es ist wahrscheinlich auch wünschenswert, daß ein Bauer so viel Land besitzt, wie er bebauen kann. 

Aber in einer Stadtgegend hat der Grundeigentümer keine Funktion und keine Daseinsberechtigung. Er ist lediglich jemand, der eine Möglichkeit entdeckt hat, wie er das Volk melken kann, ohne Gegenleistung. Er verursacht höhere Mieten, er erschwert die Städteplanung und er schließt die Kinder von den Grünflächen aus: das ist buchstäblich alles, was er macht, außer, daß er sein Einkommen bezieht. 

Das Entfernen der Geländer von den öffentlichen Plätzen war ein erster Schritt gegen ihn, ein sehr kleiner Schritt. Wenn das Diebstahl ist, dann kann ich nur sagen: um so besser für den Diebstahl.

1944, L 54—5

59

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