Utz Rachowski

Namenlose

Mit sieben Fotografien von Bernd Markowsky
und einer Nachrede von Wolf Biermann

1993 by Basisdruck Verlag
Gestaltung: Bernd Markowsky
ISBN  3-86163-058-3 

 

1993 

190 Seiten

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Inhalt

 

Eine Nachrede
Wolf Biermann:
Eine kleine Rede über Utz Rachowski
am 13.11.91 in Fellbach (185)

 

Wartesäle des Schweigens 

Naschmarkt (7)  Der letzte Tag der Kindheit (9)  Der Menzer (22)  Meine Boheme (33) Der Geruch der Träume (38)

Abteile

Sebastian (49)  Geräusche (50)   Väter und Söhne (51)  Imagination (56)  Szenen aus Thüringen (59)  Flugdrachen (63) Die Einladung (73)  Der Tag, als die Frauen kamen (75)

Schienenschläge (85)

*** (87)  Einmal sieh hinaus (89) Kalt und heiß (91)  Das Schwarz deiner Haare (94)  Soldat Tehemesian kehrt heim (95)   Eine Lebende in Warschau (98)  Der dritte Satz für ein Deutschlandbuch (104)

Aufbruch hinter die Spiegel

Viertel der halben Brote (109)  Die Gerechtigkeit (110)  Aufbruch hinter die Spiegel (112)  Hälfte des Lebens (115)  Bevor Schnee fällt (116)  Der Gast (117) 

Endlose Fahrt

Erster Abend letzter Morgen (123)  Kommilitonen (127)  Die Namenlosen (132)  Das Eichsfeld (140)  Wer ich bin, woher ich komme und wie ich Friseur wurde (156)  Die alte Stadt (168)

 

 

Wartesäle des Schweigens

 

 

Naschmarkt 

7

Die Schläge im Rücken. Marie. Hinter den Schlägen das Rathaus. Hinter dem Rathaus die Ratsherren. Über den Herren das Läuten. Über dem Läuten Gott. Dahinter die Leere. Die Arme gebunden. Kein Laut mehr.

Paulinerkirche Auerbachs Keller Naschmarkt Alte Börse. Vorbei. Marie hat schwarzes Haar. An fröhlichen Tagen Zöpfe. Vorbei. Das war alles. Mein letztes Geschenk. Ein Abend im Juni. Ich legte ihr das Band aus Feuer um den Hals. Das war alles.

Über dem Herz das Messer. Über dem Läuten Gott. Dahinter die Leere. Paulinerkirche Auerbachs Keller Naschmarkt Alte Börse. Kein Laut mehr. Hinter der Leere das Gebrüll. Hinter dem Gebrüll die Menge. Die Herren dahinter.

Auf dem Karren: Ich. Zwei Augen, zwei Schläfen, zwei Ohren, zwei Arme, zwei Beine. Ich sehe, ich höre, ich stehe. Der Karren hat zwei Räder. Die Räder fahren in die gleiche Richtung. Ich habe nur einen Kopf, einen Mund. Das ist zu wenig.

Hinter dem Schweigen das Gebrüll. Hinter dem Gebrüll die Menge. Der Karren dazwischen. Auf dem Karren: Ich. Ihr seht mich hören, ihr seht mich fahren, ihr seht mich euch sehen. Ihr glaubt, daß ich schreie. Deshalb schreit ihr.

Ihr seht nicht, daß ich dich sehe. An fröhlichen Tagen Zöpfe. Vorbei. Du denkst an nichts, du siehst nichts. Du hast dir nie etwas dabei gedacht. Marie. Was für ein Tag ist heute. Wie kommt man zu solch einem Tag. Was hast du dir dabei gedacht.

Warum steige ich jetzt von diesem Karren. Wie geht man die kleine Treppe hinauf, mit Armen, die auf den Rücken gebunden sind. Marie, das frage ich dich. Wie kommt dieser Stein auf den Marktplatz mit den Rinnen für das abfließende Blut. Woher kommen diese Menschen und wozu. Du und ich. Darüber das Läuten. Andere Glocken. Ein anderer Wagen. Und unsere Tochter. Vorbei. Woher kommen diese Menschen. Warum drückt ein Kerl meinen Kopf auf den Stein. Weshalb trägt er die Maske aus Tuch. Warum ist das Tuch schwarz. Dein Haar ist schwarz, Marie. Um deinen Hals ein Feuer. Du sagst nichts, du kannst nichts mehr sagen. Sag mir, welcher Tag heute ist und deinen wirklichen Namen. Dein Name ist: Vorbei.

Marie, so heißen wir nun. Das war alles. Vorbei. Über dem Läuten du und ich, dahinter die Leere. Paulinerkirche Auerbachs Keller Naschmarkt Alte Börse. Dieser Stein mit den Rinnen. Das ist alles.

Über dem Herz das Messer. Unsere Namen, Marie: Vorbei. Du und ich, so heißen wir, so sind wir verbunden. Das Schwert ist über mir. Darüber die Leere. Mein Name ist Johann Christian Woyzeck. Es ist Mittwoch, der siebenundzwanzigste August 1824. Wie kommt man zu solch einem Tag. Marie. Vorbei ist kein Name. Du und ich, dahinter die Leere. Paulinerkirche Auerbachs Keller Naschmarkt Alte Börse. Das Schwert ist über mir. Wie ist dein wirklicher Name, Marie. In drei Sekunden bin ich tot.

8

1984

 

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