Utz Rachowski

Erinnerungen an eine Jugend

Essays / Akten / Tagebuch 

 

 

1995 by Chemnitzer Verlag 
Herstellung: Westermann Druck Zwickau 
ISBN 3-928678-19-1

Utz Rachowski :  Erinnerungen an eine Jugend   (1995)   Essays, Akten, Tagebuch     - 

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1995

 

130 Seiten

 

 

Rachowskis Kindheitsmuster sind die deutschen Geistesadels, heiße er nun Schiller, Büchner, Heine oder Jürgen Fuchs und Hans-Joachim Schädlich, beide ebenfalls Reichenbacher... 
(Sophia Willens in "WAZ")

Nunmehr darf man Rachowski als einen Vorreiter seiner Generation bezeichnen, der geliefert hat, worauf man von anderen im ganzen noch wartet: Spiegelbilder einer Kindheit und Jugend in der DDR der sechziger Jahre. (Siegfried Stadler in "FAZ")

Utz Rachowski, geb. 1954, lebt als Autor in Berlin-Kreuzberg und Reichenbach/Vogtland • Andreas-Gryphius-Förderpreis 1987 • Eduard Mörike-Förderpreis 1991 • Bücher: Erzählungen, so traurig wie Sie (1983) • Der letzte Tag der Kindheit (1986) • Sieben Jahre. Gedichte (1991) • Die Stimmen des Sommers (1992) • Namenlose (1993) • Mein Museum. Gedichte (1995)

 

Widmung

Für Lilo und Jürgen, als Dank für ihre jahrzehntelange Freundschaft, ohne die ich nicht wäre, der ich bin, ohne die dieses Buch nicht wäre, weil ich ein anderes Leben gelebt hätte.

"Schließlich kann keine Literatur mit ihrem Zynismus das wirkliche Leben übertrumpfen; mit einem Schnapsglas können sie denjenigen, der schon ein ganzes Faß ausgetrunken hat, nicht berauscht machen."    Anton Tschechow

 

Inhalt

 

Das Gefängnis  
Drei Verbrecher  Wilhelm Teil / Der junge Prinz / My Huckleberry Friend 1  (8) 
Strafvollzug   Die Zelle 231 und ihre Bewohner  (19)
Die Akten des Menschengesangs  oder Wie ein Staatsfeind entsteht   (20)

 

Die Fremde
My Huckleberry Friend 2  (50)
Aus dem Tagebuch meines Exils   (64)
Der falsche Brief   (76)
Die neue Liebe (ein Gedicht)   (82) 

 

Der Vater
Der Vater (ein Gedicht)   (86)
Vater ist tot   (87)
Die Bibel meines Vaters   (88)
Postskriptum   (120)

 

Das Gefängnis

 

Drei Verbrecher

 

Wilhelm Tell

 

Sepp stammte aus dem Erzgebirge, aus Aue. Er arbeitete als Heizer und begann Ende der siebziger Jahre Weihnachtspyramiden zu schnitzen. Als Heizer hatte er, wenn die Öfen versorgt waren, viel freie Zeit. Weihnachtspyramiden waren knapp im Erzgebirge, in der Region ihres Ursprungs, seit der Staat sie über das größte Versandhaus Europas in Fürth in den Westen verkaufen ließ.

Sepps Pyramiden fanden große Nachfrage in Aue und Umgebung. Zuerst schnitzte er nur ein- und zweistöckige Ausführungen, ein Jahr darauf schon drei-, vier- und fünfstöckige. Sepp gab seine Arbeit als Heizer auf und nahm sich vor, das ganze Jahr über an seinen Pyramiden zu schnitzen. Sein Traum war, es einmal mit einer großen Version zu versuchen, die er am Ende selbst bemalen würde. Denn bisher hatte er lediglich mit farbloser Holzlasur gearbeitet. Ab jetzt sollten sich die Heilige Familie unten, darüber die Tiere, Reh, Schafe, Kuh, Hütehund, wieder darüber die Drei Könige mit Kamelen, darüber drei trompetende Engel in bunten Farben drehen.

In dieser Zeit bekam Sepp Besuch vom Abschnittsbevollmächtigten, einem Polizisten. Er forderte ihn auf, seine Arbeit als Heizer wieder aufzunehmen. Er sprach von Asozialität. „Aber ich arbeite doch. Und mehr als früher", sagte Sepp.

Abends in der Kneipe schrie Sepp, er werde sich eine Armbrust schnitzen, dazu Pfeile, deren Spitzen er mit Quecksilber vergiften werde, dann wäre die Polizei geliefert.

Am nächsten Morgen bekam Sepp wiederum Besuch. Sechs Männer der Staatssicherheit durchkämmten seine Wohnung, suchten nach Armbrust und Pfeilen, zwei Männer mittels Metalldetektor im Schrank und unterm Teppich nach Quecksilber.

Sepp bekam drei Jahre und sechs Monate wegen Terrors und asozialen Verhaltens. Sepp saß stundenlang bewegungslos in der Zelle an einem Tisch und hat mir, wenn ich ihn darum bat, immer von seinem Tabak gegeben.

*

 

Der junge Prinz

Hendryk war aus der Gegend um Halle. Er war der jüngste Gefangene in unserer Zelle, von uns achtzehn. Hendryk hatte ein noch sehr knabenhaftes Gesicht, war sehr schüchtern, jedoch zu allen von einer stabilen äußeren Freundlichkeit, er hielt dies durch, die lange Zeit, die er gezwungen war, mit uns auf einer Fläche von vierzig Quadratmetern zu leben.

Ein seltener Fall, denn wir alle unterlagen unseren Launen, mitunter in übler Weise schwankend. Hendryk aber ging auf freundliche Distanz, unnahbar wie ein junger Prinz. Er erzählte keinem etwas über die Gründe seiner Inhaftierung, aber irgendwie bekamen wir heraus, daß er zusammen mit einem Freund versucht hatte, den Grenzzaun in Höhe des Eichfelds mit einem Seitenschneider zu durchtrennen. Das galt als "gemeinschaftlich versuchte Republikflucht, mit Beschädigung der Grenzanlagen". Das galt als Verbrechen.

Hendryk gab kaum etwas über sein Leben vor dem Gefängnis preis. Er schien das Vertrauen zu anderen Menschen verloren zu haben. Ich fungierte in der Zelle manchmal als Vermittler, als Integrationsfigur, zwischen den einzelnen, rivalisierenden Häftlingsgruppen. Hendryk verweigerte auch mir jegliches Vertrauen. Er fand es verdächtig, wenn jemand seine Freundlichkeit erwiderte. Er bekam drei Jahre wegen Flucht im schweren Fall. Als Hendryk zu uns in die Zelle kam, war er gerade neunzehn geworden.

 

*

My Huckleberry Friend 1

 

Vielleicht ist es zu spät, die Stimme zu erheben. Der erhobenen Stimme kann beschieden sein, nicht gehört zu werden. Vielleicht ist es die falsche Stimme. Und zur falschen Zeit.

Richtig ist: 15.20 Uhr. Karl-Marx-Stadt. 26.3.1980. Der Schnellzug Eisenach-Dresden fährt auf Bahnsteig 2 ein. Es ist ein Donnerstag. An Donnerstagen führt dieser Zug am Ende einen Postwagen mit vergitterten Fenstern. Milchglasscheiben, hinter denen, wie zu vermuten ist, Briefe und Päckchen sortiert werden. 

Keiner der ankommenden und abfahrenden Reisenden bemerkt die zwanzig kurzhaarigen, auffällig gut rasierten Männer verschiedenen Alters, die am Ende des Bahnsteigs in Zweier-Reihen stehen — um sofort nach dem Halten des Zuges nacheinander im Postwagen zu verschwinden.

Dabei könnte dem zerstreuten als auch dem absichtsvollen Beobachter die offensichtliche Zähigkeit der Bewegungen dieser Männer, ein kleines Zögern, ihr zeitlupenhaftes Tempo ins Auge fallen, sollte der Beobachter sich entschlossen haben, mit wenigstens einem Auge sehen zu wollen: Die haben ja gar kein Gepäck; die sind ja aneinander gefesselt, immer zu zweit mit Handschellen; deren Zweierreihe ist kein Zufall gewesen. Und beim näheren Hinsehen, Brillenträger sind eingeschlossen, bemerkte man, daß ihre Bewacher weder rotnasige Feuerwehrleute noch respektable Transport-Polizisten sein können — an ihren Uniformen machen es nur die Schulterstücke deutlich — das sind Gefängniswärter. 

Und du, Passant, du mit dem Bart, an diesem Donnerstag um 15.20 Uhr, du, dessen Bewegungen „nichts wie ins Wochenende" hießen, hast einen gesehen, der auf der letzten Stufe des Postwagens stehenblieb, sich umdrehte, seinen rechten Arm hob und die Faust ballte, du hast die blaue Uniform „Sie spinnen wohl!" rufen gehört und sahst, wie der Arm in den Wagen gerissen wurde. Du mit dem Bart hast mich gesehen und bist nicht stehengeblieben. Du konntest dir nicht zusammenreimen, daß auch ich einen Bart trug, bevor sie mich auf diesen Weg geschickt hatten. Denn für dich war Wochenende.

*

11


„Grotewohl-Express" ist sein alter Spitzname. Der Zug fährt jeden Donnerstag, falls nicht ein Feiertag ist. Er fährt zur richtigen Zeit, in der es falsch ist, seine Stimme zu erheben. Der Gang des Waggons ist sehr schmal, vielleicht einen Meter breit. Zu beiden Seiten gehen Abteile ab, „Abteil", ein irreführendes Wort für eine winzige Kabine für fünf Mann. Der fünfte bin ich, der höflich sein wollte und jetzt auf dem Fußboden sitzt. Bitte nach dir.

Das undurchsichtige Fenster ist hochgedreht, draußen ist es warm, bei äußerster Anstrengung sieht man durch den Spalt die vorbeifliegenden Schottersteine des Schienestrangs. Freiberg/Sachsen. Bald schlafen die Beine ein. Dresden/Hauptbahnhof. Hier wird der Waggon abgehängt. Die Schiebetür der Kabine fliegt auf. Zwei Leute aus dem Abteil werden geholt. Einen anderen schiebt man herein. Die geholt werden, gehen nach Bautzen: jeder fünf Jahre. Der Neue in unserem Abteil nur zwei, er kommt mit uns nach Cottbus. Im Abteil gibt es jetzt mehr Platz. Die Tür bleibt noch für einige Minuten offen. Ein Uniformierter mit einem Teekübel verteilt Tassen aus Plastik. Er schiebt auch die gegenüberliegende Tür auf und reicht Tassen ins Abteil. Ich schaue sofort hinüber, über den Gang weg, und sehe neben einem älteren, weißhaarigen Mann einen jungen mit schwarzer Haut und kurzem Kräuselhaar. 

12


„Jetzt verhaften die schon die Neger", sage ich und grinse hinüber ins Abteil. Zwei aus meiner Kabine lachen. Ich schaue nicht mehr hinüber. Plötzlich höre ich eine Stimme, tief und anfangs noch leise: „Du, wir gehörn doch nicht zu denen, die sich uns an uns für dumm verkaufen lassen! Es sind ja nicht des Volkes Tränen, in denen seine Herrn ersaufen!" - Dis ist Biermann. Nein, Biermann ist im Westen. Unfreiwillig, aber nicht hier. Das ist sein Lied, aber der singt jetzt nicht. Nicht hier in diesem Waggon. Das ist Armstrong oder Paul Robson. Old man river. Moon river. My Huckleberry friend. Das ist die alte Stimme der Baumwollplantagen und Sklavenaufstände. Wie kommt die in den Gefangenentransport zwischen Dresden und Cottbus? Ein Uniformierter brüllt etwas und schiebt die Tür zu.

Das war so, so war es — vielleicht unvorstellbar für alle Sicheren, die in der richtigen Zeit leben und mutig ihre Stimme darüber erheben.

Dann bewegt sich der Waggon, wir meinen zu fliegen. Dann fliegen wir durcheinander: Der Waggon ist an den nächsten Zug angekoppelt. Er ist dabei nicht, wie vor zwei Wochen, entgleist.

*

Ich bin jetzt gerade in die Küche hinunter gegangen, habe ein halbes Glas Mineralwasser getrunken und eine Zigarette geraucht. Das Datum des „Göttinger Stadtanzeiger" wies den 21. August 1984 aus. Vor 16 Jahren überfielen 500.000 Soldaten des Warschauer Pakts die Tschechoslowakei.

13


Ich habe nach dem Aufstehen angefangen, diesen Text zu schreiben, in diesem Bauernhaus, bei Freunden, zwischen Northeim und Göttingen, weil mich die Erinnerung an eine alte Stimme gegen die Unterdrückung angefallen hat, eine andere ist hinzugekommen. An manchen Tagen, denke ich, braucht man nur in die Küche zu gehen und einen Schluck Mineralwasser zu trinken, um unterscheiden zu können, was zu tun ist, lebt man zwischen richtiger und falscher Zeit.

Es ist Mittag, im Dorf findet ein Begräbnis statt. Leute in schwarzen Kleidern und Anzügen kommen am Plan vorbei. Ein Mann und eine Frau, die Frau in langem, hellem Kleid, steigen in einen beigen Mercedes 300 SL. Der Mann pfeift. Es ist mir gleich, wer gestorben ist und wohin die anderen fahren. Ich nehme nicht teil. Ich warte auf eine alte Stimme und den, der sie singt: die Lieder der Freiheit. Ich warte auf Detlef Amica Rudolf, meinen Freund, den Neger, den Farbigen aus Sachsen und Thüringen. „... we 're all after the same rainbow and wait'n round the band my Huckleberry friend and me..."

Amica, der eigentlich Hamica heißt und dessen erster Buchstabe von Behörden in Jena gestrichen wurde, weil dieses „H" u.a. vielleicht Afrika bezeichnet und es nicht üblich ist, in Thüringen einen solchen Namen zu tragen. Amica bereits, wäre mehr als genug.

Da war er gerade vierzehn und nahm seinen blauen Personalausweis aus den Händen eines freundlichen Polizisten entgegen. Geboren am 17. September 1961. Das wenigstens stimmte.

14


Sein Vater, ein Afrikaner aus Sierra Leone, mehrjähriger Student in Leipzig und Jena; die Mutter lernte ihn bei einer Solidaritätsveranstaltung Leipziger Kulturschaffender mit ausländischen Studenten kennen. Zuerst Amica, drei Jahre später seine Schwester, deren Name mir unbekannt ist.

Der Vater verließ die DDR, wurde Wirtschaftsminister von Sierra Leone und schickte Dollars nach Jena. Amica sollte Olympiasieger, Offizier der Nationalen Volksarmee oder Schauspieler werden. Ich sah ein Zeitungsfoto, der Negerjunge mit einer Trommel, dem Schalmeienzug der Jenenser Schule voraus. Die Lokalpresse hatte ihre Attraktion, die Mutter ihren Stolz. Wenn Bruder und Schwester sie quälten, hockte sie sich unter den Tisch, auf dem das Bügelbrett lag, und bellte wie ein Hund, bis ihr die Schwester eine Schale mit Wasser hinstellte, die sie austrank, weil sie entschlossen war, wahnsinnig zu werden an ihren Kindern. Sie schrieb Gedichte, die kitschig waren und von denen man traurig wurde. Ich las sie in Westberlin. Jetzt fällt mir ihr Name ein, sie heißt Gerlinde. Aus der Kulturschaffenden und Frau des Wirtschaftsministers wurde die Nachtpförtnerin eines Jenaer Interhotels. Amica wurde nicht Olympiasieger im Ringen, sondern Häftling. „Unser Land kann nicht mit farbigen Sportlern auf internationaler Bühne erscheinen / ein farbiger Offizier in der Uniform unserer Nationalen Volksarmee ist undenkbar." Einem schwarzen Schauspieler ist lediglich eine Rolle beschieden. Die des Verlassenen: Othello.

15


Amica hatte seine Schuldigkeit getan, die Beziehungen zwischen der Republik und Sierra Leone verschlechterten sich, Amica schlüpfte in die einzige Rolle, die für ihn noch offen war und für ihn würdig: staatsfeindlicher Hetzer, Staatsverbrecher.

Er muß sich auf keinerlei Siegerpodest stellen und braucht nicht erzürnt zu sein über ewig sich gleichende Manöver in ewig gleicher Uniform, Amica wählt die anständigere Rolle mit dem größeren Gewicht eigener Einfälle. Der Neger darf Neger sein nur als Verbrecher, der er nicht ist. Ausgewiesen darüber hinaus durch einen blauen Personalausweis der DDR mit fehlendem „H" und dem Paragraphen 106 für staatsfeindliche Hetze. Der Mohr ist sich keiner Schuld bewußt. Er tötet, was er liebt. Die Spielregeln dazu entwirft Jago.

In der Zeit Shakespeares und der Könige ist es leicht, Verbrecher zu werden: Amica spielt ein paar vom Radio mitgeschnittene Biermannlieder auf einem Klassenfest vor und singt zwei selbstgedichtete Chansons dazu. Er fliegt aus der 11. Klasse und von der Schule. Vom „Rat der Stadt" wird ihm eine Arbeit in einer Kartonagenfabrik angewiesen, einmal, von 7-9 Uhr, faltet er Kartons und verläßt in der Frühstückspause für immer den Betrieb. Lieber schläft er morgens länger, am Nachmittag sitzt er im Cafe „Orchidee" und schreibt Gedichte, die er schon am Abend öffentlich vorsingt. Zwei Nächte verbringt er noch als Pförtner in irgendeinem Werk, ein paar Flaschen Rotwein tun diesem Job und dem gesunden Nachtschlaf Amicas keinen Abbruch.

16


Täglich schreibt er, um am Abend spontan zu vertonen. Direkt nach solch einem Auftritt im Jugendclubhaus, niemand hatte ihn auf die Bühne gebeten, wird er verhaftet. Es ist Januar 1979. Er sitzt 11 Monate in Untersuchungshaft, im September feiert er seinen 18. Geburtstag. Im Oktober wird die Republik 30. Er fällt nicht unter die soeben erlassene Amnestie und bekommt 3 Jahre wegen staatsfeindlicher Hetze. Seine Mutter setzt alle Hebel in Bewegung, verweist auf den Vater Amicas in Afrika und das Verhältnis der Republik zu den jungen Nationalstaaten.

Das Wunder geschieht, Amica fällt nachträglich unter Amnestie, wird auf Bewährung freigelassen. Es ist Dezember.

Jetzt wird der Mohr jeder Beleidigung antworten und allen Ansprüchen gerecht werden: Er taucht kurz zu Hause auf, seine Mutter ist zur Arbeit gegangen, er zieht seinen Ledermantel an und steckt eine Stange Zigaretten ein. Amica saß 11 Monate im Gefängnis, elf lange Tage wird er nun zwischen Jena und Gera präsent sein. Er schreibt, singt, säuft, schläft mit unzähligen Mädchen, klaut kistenweise Rotwein, einmal fällt auch ein Schmuckstück aus Gold in seine Hände er versetzt es. Wenn er verfolgt wird, entkommt er über die Dächer der Stadt. An einem der letzten Tage verkauft er seinen Ledermantel im Cafe „Orchidee" für achthundert Mark und fährt nach Gera. Im Schnellbus lädt er einen Freund ein, mit nach München zu kommen, zum Knödelessen. Er ruft es durch den Bus, keiner der Fahrgäste hat Lust dazu.

Etwa 24 Stunden später, er sitzt mit einer Traube von Freunden im Theater-Cafe von Gera, wird er vom Tisch weg verhaftet: versuchte Republikflucht.

Die Protokolle zur Anklage unterzeichnen zwei Mädchen, die er kurz vorher kennengelernt hatte. Die zur Bewährung ausgesetzte Strafe wird angerechnet und aufgeschlagen.

Nicht zur Anklage gelangt ein Besuch bei dem in der Nähe von Jena lebenden Schriftsteller Harry Thürk, dessen Anti-Solschenizyn-Roman „Der Gaukler" sich in allen Volksbuchhandlungen stapelt; Amica hatte ihn in diesen Tagen besucht und danach die Fensterscheiben seines Landhauses mit Steinen eingeworfen.

Eine Woche nach Ostern, am 26.4.80 sitzt er mit mir im gleichen Zug. „Black and white unite." Wir fahren Richtung Cottbus. Ins Zuchthaus.
    „Jetzt verhaften die schon die Neger."
    „Es sind ja nicht des Volkes Tränen, in denen seine Herrn ersaufen."

17-18

(geschrieben am 21. August 1984 zu Nörten-Hardenberg) 

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