Rainer Maria Rilke

 wikipedia  Rainer_Maria_Rilke 

*1875 in Prag bis 1926 (51, Leukämie)

 

Audio 2020 BR2 Radiowissen - Leben und Werk - 20 min

 

R.htm    Sterbejahr    Umweltbuch

Franz Kafka     Franz Werfel  

 wikipedia  Mutter Sophie Phia Rilke

 

https://johannesklinkmueller.wordpress.com/2016/05/07/ich-sehne-oft-nach-einer-mutter-mich-gedanken-zu-unseren-muttertagen/

 

http://www.rilke.de/gedichte/ach_wehe.htm

Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.
Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,
und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich
                                            groß der Tag bewegt,
sogar allein.
Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.

Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.
Sie sieht es nicht, daß einer baut.
Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.
Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Die Vögel fliegen leichter um mich her.
Die fremden Hunde wissen: das ist der.
Nur einzig meine Mutter kennt es nicht,
mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.
Sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.
Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag
und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.

Aus: Die Gedichte 1910 bis 1922 (München, 14.10.1915)

 

 

 

 



 

https://johannesklinkmueller.wordpress.com/2017/05/12/muttertage-sind-nicht-immer-fleurop-tage-annette-von-droste-huelshoffs-die-junge-mutter/

 

https://johannesklinkmueller.wordpress.com/2014/05/11/die-mutter-liegt-mir-stets-im-sinn-mutterland-gedanken/

 

https://johannesklinkmueller.wordpress.com/2019/05/11/koennt-ich-an-ihrem-halse-schluchzen-klagen-mutterwunden-deutscher-dichter-nikolaus-lenau-heinrich-heine-friedrich-hebbel-karl-may-ein-muttertagspost/



https://www.zeit.de/2010/03/L-B-Rilke-Briefe/seite-2

 

Das Prinzip der Kommunikation mit der Mutter ist Schonung. Er verschont sie von den Unwägbarkeiten der Nähe und Entfernung von anderen Personen. Er schont sie vor allen Dingen bei den Untiefen und Exaltiertheiten der Kunst und ihrer Ausübung, den Schreibkrisen. Die Kunst, auch die Zweifel an ihr, ist allein seine, nur über Verhandlungen zum Erscheinen von Büchern, zu Übersetzungen, zu Zeitschriftenbeiträgen werden der Mutter Mitteilungen gemacht. Der glühende Kern, das, was den Dichter ausmacht und nicht "den treuen Sohn" mit dem Taufnamen René, den er in den Briefen an die Mutter beibehält, spart er aus. Und um dies zu können und auf dem lebenslangen Prinzip "Ich spreche, aber auch eigentlich nicht" zu bestehen, muss äußerste Höflichkeit, Balance, die Maske der Zugewandtheit bewahrt werden.

In den Briefen an die Mutter waltet ein verbindlicher Konversationston. Ihn einzuhalten ist ein gewaltiger Aufwand. Die Mutter schafft es, dass der Sohn sich stets schuldig fühlt. Oder beschuldigt der Sohn die Mutter, ihm Schuldgefühle einzuimpfen?

"…man muß sich auch ein bißchen auf das Verbundensein verlassen dürfen, das nicht durch Briefe belegt und unterhalten ist. Die Ansprüche, die man an mich stellt, brieflich besonders, sind enorm. Wie sollte ich mich da nicht ein wenig darauf verlassen, daß die Nächsten die Nachsichtigsten sind?", klagt noch der 49-Jährige.

 

Phia Rilke hat ihren berühmten Sohn um fast fünf Jahre überlebt, sie starb in Weimar, umsorgt von ihrer Enkelin Ruth. Nein, es entsteht in diesen Briefen nicht "das Bild eines warmherzig liebenden Sohnes, der sich aufrichtig um ihr Wohlergehen sorgt", wie die Herausgeberin schreibt. Man müsste wie eine Blinde lesen oder wie eine Blindwütige, die Aufmerksamkeit des Sohnes begehrend, und genau dies tat die exaltiert fromme Mutter; die Konflikte treten offen zutage.

Zeugin des Konflikts mit der Mutter, möglicherweise auch Veranlasserin, ist Hertha Koenig, eine Schriftstellerin, Gutsbesitzerin im Westfälischen, Kunstsammlerin, Enkelin des Petersburger Zuckerkönigs. Von den Briefen an sie aus den Jahren 1914 bis 1921 sind 54 erhalten, die ihren sind verloren gegangen. Es sind Briefe der Not und Verwirrung, auch der Verdüsterung. Rilke macht sich offen, schutzlos gegenüber der Briefpartnerin. Er musste bei Kriegsbeginn als österreichischer Staatsbürger sein Pariser Domizil aufgeben, unter Hinterlassung des größten Teils seines Eigentums.

Hertha Koenig lädt ihn häufig auf ihr Gut Böckel in Westfalen ein, stellt im Kriegsjahr 1915 Rilke ihre Stadtwohnung an der Münchner Widenmayerstraße mit Blick auf das Isarufer zur Verfügung. In ihrer Wohnung residiert er glücklich unter dem Picasso-Gemälde La famille des saltimbanques und rät in einem Brief, der seine erlesene Kunstkennerschaft unter Beweis stellt, ein weiteres Bild von Picasso zu kaufen, auch einen Chagall. Andere zeichnen Kriegsanleihen, verlieren damit ihr Vermögen. Die eindeutige Kriegsgegnerschaft, die Furcht, noch einmal zum Militärdienst eingezogen zu werden, Kunst und die grenzenlose Dankbarkeit Rilkes der Gönnerin gegenüber sind die Grundmelodie dieses Briefkonvoluts aus dem Nachlass Hertha Koenigs im Marbacher Literaturarchiv, das Theo Neteler klug und abgewogen kommentiert hat. Briefe aus der "unruhigen Finsternis meiner verhängten Natur".

Was Rilke an der Briefpartnerin außer ihren Gedichten und ihrer Kunstkennerschaft schätzt, ist ihre souveräne Gelassenheit: Hertha Koenig ist für ihn "die Frau, die an ihrem Besitz zur Freiheit gekommen ist: denn so denk ich mir Ihren Weg und sehe ihn ansteigen zu freien Stellen von weitester Aussicht und Unabhängigkeit", schreibt er an sie am 25. Juli 1918. Dennoch stellte Rilke gleichzeitig ihre Langmut auf eine harte Probe, wenn er ihr hier ein Schreibtischsesselchen abschmeichelt, dort ein Paar Maßschuhe für seine "empfindlichen Füße" unter Hinterlassung der alten wegen der Schuhgröße. Auch ein Aufenthalt für seine von ihm getrennt lebende Frau Clara und die Tochter in der Widenmayerstraßen-Wohnung müssen noch organisiert werden.

In die Zeit, während er in München bei Hertha Koenig wohnt, fällt ein Besuch von Rilkes Mutter in München. Er hat sie gewarnt, dass die schlechte Versorgungslage ihrem Geschmack nicht förderlich sei, und er hat wenig Talent, solche Beschwernisse auszuhalten. So muss es zu einem Eklat gekommen sein. Am 11. Oktober 1915 verlässt Rilke die elegante Wohnung in der Widenmayerstraße, am 14. Oktober schreibt er ein Gedicht, das in seiner glasklaren Härte erschüttert. Die erste Strophe geht so: "Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein. / Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt, / und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich groß der Tag bewegt, sogar allein. / Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein." Im Kommentar der Briefe an die Mutter findet sich keine Spur dieser Koinzidenz.

 

 

 

 

 

 

 

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