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4   Wolf Biermann

 

Aktenkundig

  Biermann - Akteneinsicht

 

 

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Es geht kein Schwein was an, daß der wunderbare Brechtschauspieler Martin Flörchinger an die zehn Jahre in Ostberlin mein Nachbar gewesen ist. Wir bewohnten eine zweigeteilte Wohnung in der Chausseestraße 131 und waren ein Herz und ein Frühstücksei. 1975 ging er in Rente, leider! Denn Flörchinger verließ damals nicht nur das Berliner Ensemble, sondern gleich die ganze DDR. Der Schauspieler ging zurück nach Bayern, um dort im Land seiner Jugend die Rente zu genießen. Seine Wohnungshälfte war frei geworden und brauchte einen neuen Mieter.

Eines schönen Tages rückte denn auch ein ungewisser Klaus-Peter Gerhardt an. Der Mann war schwer bewaffnet mit einem Einweisungsschein vom Wohnungsamt. Er stellte sich als mein neuer Nachbar vor und zog, nachdem seine Wohnung renoviert worden war, mit einer hübschen Frau ein.

Eineinhalb Jahre lang, bis zu meiner Ausbürgerung 1976, lebte ich mit diesem Ehepaar Tür an Tür und Wand an Wand. Mein alter Freund Robert Havemann knallte den neuen Mitbewohner bei irgendeiner Gelegenheit unverblümt an, er sagte ihm auf den Kopf zu, was wir alle dachten, aber ja nicht sicher wissen konnten. Und weil ich vor haltlosen Verdächtigungen noch viel mehr Angst hatte als vor der Stasi, beschimpfte ich damals meinen lieben argwöhnischen Freund Robert und erinnerte ihn an unsere Grundregel. Wir wollten uns durch nichts und niemanden in eine allgemeine Stasi-Paranoia treiben lassen.

Nun, nach so langer Zeit, schrieb dieser Nachbar mir einen Brief nach Hamburg, man muß schon sagen: eine Art Bittbrief. Ich schrieb ihm denn auch prompt zurück. Unsere beiden Briefe wären wahrscheinlich längst im Postordner abgeheftet und vergessen, hätte ich nicht zufällig einen knappen Monat später Gelegenheit gehabt, in der Gauckbehörde meinen Aktenberg (ZOV «Lyriker») zu besteigen.

Aktenkundig — ein hübscher Titel. Aber wem erst anhand der Akten ein Licht aufgeht, der muß ja ein Armleuchter sein. Gewiß sind die Akten wahre Wundertüten, man wundert sich im Guten wie im Bösen, sie liefern Überraschungen in allen Variationen. Aber im großen und ganzen wußte das Kaninchen ja, in welchem Bestiarium es hoppelt.

In dem Aktenordner Nr. 19 fand ich Mitte Januar eine ganze Serie von Spitzelberichten eines inoffiziellen Mitarbeiters der Staatssicherheit mit dem Decknamen «Lorenz». Es handelte sich, wie der Leser schon dunkel ahnt, um meinen Nachbarn, Herrn Gerhardt.

Und das zeigen die Akten auch: ich war nicht sein erstes Opfer. Er war damals von seinem Führungsoffizier, dem berüchtigten Oberst Reuter, systematisch mit einer ausgeklügelten Legende in die Wohnung Chausseestraße 131 gesetzt worden. Und weil Flörchingers Wohnung im Grunde für einen hochangesetzten Spitzel und Chefredakteur und Verlagsleiter der Ost-CDU nicht gut genug war, ist er offenbar nach getaner Arbeit auch mit einer Bleibe im schönen Berlin-Karow belohnt worden, die seinem Verdienst und seinen Verdiensten besser entsprach. Dort sitzt er nun, umgeben von Weltliteratur, arbeitslos nach einem arbeitsreichen Leben, und schreibt einen Hilferuf an sein Opfer von damals.

Soweit ich sehe, geht es bei all dem um keine justitiablen Verbrechen. Der Mann hat auch keine spektakuläre Karriere gemacht wie der Waffenschieber Schalck, nicht wie der Gefangenengroßhändler Vogel, nicht wie der Menschenverschaukler Rechtsanwalt Schnur, er spreizt sich auch nicht im Parlament wie Diestel, er steht nicht im Rampenlicht wie Gysi und Böhme und de Maiziere.

Es ist lustig, aber wahr: Hätte dieser Mensch sich nicht so plump im richtigen falschen Moment bemerkbar gemacht, dann hätte ich ihn wohl kaum in den 40.000 Seiten meiner Stasi-Akten gefunden. Ich hätte seine IM-Berichte glatt überblättert. Er wäre unerkannt geblieben wie viele andere kleine Denunzianten und wäre heil davongekommen. Aber was rede ich! Er kommt ja heil davon, auch wenn ich ihn hier an den Pranger stelle.

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Heute ist Ostern. Hier unten am Elbestrand von Altona brennen die heidnischen Osterfeuer, die Kinder haben Tannenbäume und Treibholz gesammelt, sie haben mit wahrem Feuereifer alte Kisten und Bretter aufgestapelt und haben sogar eine Strohpuppe an einem Galgen ins Feuer gehängt. Die Kleinen kokein, die Halbwüchsigen werfen leere Bierflaschen und Cola-Dosen in die Glut, und die Alten glotzen tiefsinnig in die Flammen. Oben in der schönen alten Christianskirche predigt die junge Pastorin von Jesus Christus und feiert die Auferstehung des Gottessohnes.

Aber was schert mich die brennende Puppe, und was gehn mich Gottes uneheliche Kinder an. Ich denke heute an einen Menschensohn, der mir näher ist: mein armer Bruder Judas Ischarioth. Als der nämlich sah, was er angerichtet hatte, wandte er sich verzweifelt an die Hohenpriester, die ihn ja für 30 Silberlinge angeworben hatten. Der IM Judas (so steht es beim Evangelisten Matthäus geschrieben) sagte damals zu seinen Führungsoffizieren:

Ich habe übel getan, daß ich unschuldig Blut verraten habe. Sie sprachen: Was geht uns das an ? Da siehe du zu!

Und er warf die Silberlinge in den Tempel, hob sich davon, ging hin und erhängte sich selbst.

Ich will meinem zynischen Nachbarn von damals keine zynischen Vorschläge machen. Wenn aber so ein zeitgenössischer Judas im vereinigten Deutschland partout weiterleben will, sollte auch er, zumindest für sich selbst, eine Frage beantworten: Wie sind die Konditionen sine qua non für einen Neuanfang ?

Soll er die 30 Silberlinge für sich behalten, oder soll er das Nummerkonto in der Schweiz und die Villa am Müggelsee in Ostberlin an die Treuhand zurückgeben ? Soll er zu seinen Freunden gehn, die er jahrelang bespitzelt hat, und sich die Maske vom Gesicht reißen ? Soll er sich auf den Marktplatz der Medien stellen und vorbehaltlos seine Schuld eingestehn, so wie Judas Ischarioth es tat? Soll er sich durch-

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schwindeln und sich die Würmer von findigen Journalisten widerstrebend aus der Nase ziehen lassen ? Soll er, trotz erdrückender Beweise, frech alle Schuld leugnen, damit er unbehelligt weiter leben kann ?

Ich weiß es nicht. Ich merke nur, daß ich allmählich mürbe werde und müde und böse von all den dummdreisten Lügen, mit denen uns die Kreaturen des gestürzten Regimes langweilen und aufregen. Für sie ist nicht nur Christus umsonst gestorben, sondern auch Judas Ischarioth. Sie sind verlorener und elender als dieser arme Hund, der immerhin den Mut zur Wahrheit hatte.

Es geht bei all dem nicht um abstrakte Moralnormen, sondern um die praktische Gestaltung unseres Gemeinwesens. Daß ein Genie wie Schaick im Lande der CSU Unterschlupf fand, daß ein Christenmensch wie de Maiziere von seiner CDU geschützt wird und ein Ehrenmann wie Stolpe von der SPD, das verpestet die Luft der Demokratie und treibt also noch mehr Wähler in die braunen Sümpfe.

Ich lege dem Leser drei Texte vor. Jeder einzelne wäre nichts Besonderes. Aber wenn nun ihr gespenstisches Zusammenspiel zur Erscheinung kommt, verschlägt es mir doch die Sprache. Das ist kein Unglück, denn die Dokumente sprechen für sich.

 

* * *

 

Klaus-Peter Gerhardt 
1123 Berlin-Karow

Berlin, am 23. November 1991

Lieber Wolf Biermann,

sicher haben Sie in diesen bewegten Tagen, da der Stasi-Sumpf nun auch die Literaturszene der ehem. DDR endgültig eingeholt hat, anderes zu tun, als sich mit den persönlichen Sorgen Ihres einstigen Wohnungsnachbarn zu beschäftigen. Ich bitte Sie jedoch sehr herzlich darum, diesen Brief zu lesen und darauf zu reagieren.

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Nachdem der Union Verlag Berlin, den ich seit 1982 geleitet habe, durch neue Eigentümer mit einem neuen und vornehmlich nichtbelletristischen Programm weitergeführt wird, habe ich mich um eine andere Tätigkeit bemüht, die an meine frühere Zeitungsarbeit bei der NEUEN ZEIT anknüpft, und mich um eine Mitarbeit bei der F. A. Z. beworben. Nach ersten und durchaus hoffnungsvollen Arbeitskontakten ist mir nun mitgeteilt worden, daß meine weitere Mitarbeit fraglich sei, daß es aus Berlin Anschuldigungen gibt, ich sei im Zusammenhang mit meiner Wohnungsnähe zu Wolf Biermann auf diesen angesetzt gewesen und habe für die Stasi gearbeitet.

Noch gut erinnern sich meine Frau und ich an unser erstes nachbarliches Gespräch in Ihrer damals berühmten Küche, in dem Sie uns zwar Ihren Unmut mitteilten, daß wir und nicht Sie Wohnungsnachfolger von Martin Flörchinger werden, daß Sie sich aber damit abfinden, denn Sie hätten sich sehr genau erkundigt. Ihre neuen Nachbarn würden nicht für die Stasi arbeiten — und das sei ja beruhigend, schon wegen der «körperlichen Hygiene».

Und auf dieser für uns sehr angenehmen Verständigungsbasis haben wir dann, wenn auch nur ein Jahr, Tür an Tür gewohnt, die vielfältigen Belästigungen der Rothosen und Schielaugen tapfer gemeinsam getragen und uns, wenn nötig, gemeinsam Mut gemacht. Das ging bis zu Ihrer Abreise zum berüchtigten Konzert, zu der meine Frau Ihnen noch zugeraten hat, denn die DDR müsse sich doch einen Biermann leisten können. Die schlimmen Folgen Ihrer Ausbürgerung besonders auch für Ihre Frau und Benjamin haben wir versucht mitzutragen u. a. durch Telefongespräche, wenn nicht gerade unser Anschluß wie schon häufig vordem abgeklemmt war.

Sie, Tine und besonders Emma erinnern sich sicher noch der Zusammenkünfte mit uns und der kleinen Hilfeleistungen in schlimmen und angstvollen Zeiten. Ihre gerade noch vor der Ausbürgerung erschienene LP «Es gibt ein Leben vor dem Tod» haben Sie uns mit den vielsagenden Worten «...und unserem gesunden Nachbarn auch» im Juni 1976 gewidmet. Sie war uns in immer kränker werdenden Zeiten so etwas wie ein heimlicher Trost.

Und nun soll dies alles mit dem widerlichen Krakensumpf überschüttet werden. Offenbar genügt schon die gemeinsame Adresse und die Tatsache, daß Ihre und später auch unsere Wohnungsnach-

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folger in Ausübung des «Objektschutzes» der Ständigen Vertretung gegenüber eindeutig im Solde der Firma waren. Meine Frau und ich konnten uns schon gegenüber Robert Havemann nicht mit derartigen, vielleicht sogar von der Stasi selbst inszenierten Unterstellungen abfinden. Sie haben damals am Telefon sehr eindeutig und entschieden reagiert. Nun die zweite und existenzbedrohende Anschuldigung. Natürlich werde ich gemäß der Gesetzeslage nach dem 1.1.1992 bei der Gauck-Behörde eine Untersuchung beantragen. Es würde mir und auch meiner zwangsläufig mitbetroffenen Frau aber sehr helfen, wenn Sie Ihre mehrfach geäußerte gute Meinung wiederholen würden, ob an die Redaktion der F.A. Z. (Bereich Theater, Herrn Dr. Gerhard Stadelmaier, Hellerhofstraße 2-4, 6000 Frankfurt am Main i) oder an mich, das bleibt ganz Ihnen überlassen. Bitte lassen Sie sich in einer so entscheidenden Situation nicht umsonst gebeten haben.

In der Hoffnung, daß wir nach der Trockenlegung des Sumpfes wieder unbeschwerter an die gemeinsame Zeit in der Chausseestraße denken können, verbleiben meine Frau und ich

mit sehr herzlichen Grüßen! 
Ihr Klaus-Peter Gerhardt

 

* * *

 

Lieber Klaus-Peter Gerhardt

tja, die Vergangenheiten vermasseln uns die Zukunft.

Lieber Nachbar, Sie sollen wissen, daß ich niemals mit irgend jemandem über Sie gesprochen habe, geschweige denn den Verdacht geäußert, daß Sie Spitzel der Staatssicherheit sind oder waren oder gewesen sein könnten. Es hat mich, wie Sie sich wohl denken können, auch kein Mensch danach gefragt. Schon gar nicht kann ich wissen, wer in Berlin gegen Sie diesen Verdacht geäußert und offenbar an die F. A. Z. weitergegeben hat.

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Alles, was Sie über unsere gutnachbarlichen Beziehungen in diesem einen Jahr in der Chausseestraße 131 schreiben, ist wahr. Mein Verhalten Ihnen gegenüber war offenherzig, es war nicht vom Verdacht vergiftet. Sie könnten mir als Spitzel in die Wohnung hineingesetzt worden sein.

Allerdings kann es Sie nicht wundern, daß solch ein Verdacht naheliegt. Immerhin waren Sie Chef in einer blockparteigebundenen Zeitung — und zwar nicht in der kuddelmuddeligen Gründerzeit der DDR, sondern im historischen Zenit des Regimes, als die Herrschenden eigentlich alle Medien unter Kontrolle hatten.

Außerdem müssen Sie bedenken, daß ich jahrelang von der Staatssicherheit scharf bewacht wurde. Nicht nur Post und Telefon, nicht nur die auffällig unauffälligen jungen Männer auf der Straße. Meine gesamte Wohnung war von unten her, wo ja die Büroräume des großen Kraftfahrzeug-Ersatzteile-Ladens lagen, mit Abhörwanzen durchdrungen. Die netten Arbeiter, die übern Hinterhof die Autoteile schleppten, haben es mir gelegentlich gesteckt, wenn nachts wieder mal unter meinen drei Zimmern von den Technikern der Stasi ein hochgeheimer Arbeitseinsatz lief. Diese kleinen Transportarbeiter waren eben helle und mir in all den Jahren freundlich, die merkten mehr, als sie sollten. Es liegt also nahe, daß die Stasi die günstige Gelegenheit nutzte, als mein Freund Flörchinger seine Wohnung neben mir aufgab.

Über einen Punkt in Ihrem Brief wundere ich mich. Ich hatte, logischerweise, keine einzige Stelle, bei der ich mich hätte erkundigen können, ob meine neuen Nachbarn für die Stasi arbeiten oder nicht. Also kann ich Ihnen keinen Persilschein ausstellen. Ich kann nur sagen: ich hatte den Eindruck, daß Klaus-Peter Gerhardt und seine Frau keine Spitzel sind.

Zudem ist es klar, daß Sie trotz aller Bedenklichkeiten ein grundehrlicher Mensch sein können. Es gab immer auch erfreuliche Ausnahmen, die die Regel bestätigten. Auch deshalb, weil ich nicht in eine Stasi-Paranoia geraten durfte, machte ich mich mit haltlosen Verdächtigungen nicht verrückt.

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Ich erinnere mich sehr wohl daran, daß Sie in den bedrohlichen Wochen nach meiner Ausbürgerung sich meinen «Hinterbliebenen» gegenüber normal verhielten. Auch Eva-Maria Hagen, mit der ich grade sprach, erinnert sich daran, daß Sie und Ihre Frau freundschaftlich blieben, als Hetze und Hysterie hochkochten. Als unser Telefon von der Firma gestört war, konnte ich gelegentlich mit Günter Wallraffs Telefon von Köln aus bei Ihnen anrufen und so meine Frau Tine oder Robert Havemanns Tochter Sibylle sprechen. Das war eine große Hilfe in all den Nöten und Ängsten dieser Tage.

Auch in den finstersten Zeiten lief ich nicht durch den DDR-Wald und vermutete hinter jedem Strauch einen Strauchdieb und schon gar nicht hinter jedem Baum einen Mörder. Sie wissen es ja, ich pfiff sogar lustige Lieder, halb aus Angst, halb aus Lebenslust.

Dennoch blieb es in diesen Jahren nicht aus, daß wir manchen Spitzel für einen Freund und vielleicht sogar mal einen Freund für einen Spitzel hielten. Kommt hinzu, daß die Staatssicherheit das Gift des Mißtrauens spritzte. Über den Fall Siegfried Reiprich schrieb Jürgen Fuchs jetzt im Spiegel. Gegen Fuchsens Freund Reiprich war in Jena systematisch von der Stasi der Spitzelverdacht verbreitet worden. Nun hat sich anhand der Dokumente alles aufgeklärt.

Ich finde es gut, daß Sie sich so bald wie möglich an die Gauck-Behörde wenden wollen. Vielleicht sind Ihre Akten ja noch auffindbar.

Zum Schluß eine Nebenbemerkung. Falls Sie doch beim MfS angestellt waren, wie und wann und warum auch immer - dann wären Sie für mich noch lange nicht gestorben. Ich lebte lange genug in der DDR und weiß sehr wohl, wie leicht und sogar mit welchen grundanständigen Motiven ein Mensch in diese Firma geraten konnte. Was uns im Streit dieser Tage empört, ist die dummfreche Verlogenheit solcher Spitzel wie Ibrahim Böhme, der sogar angesichts der gefundenen Spitzelberichte von seiner Hand alles leugnet oder ins ich-weiß-nicht-was-soll-es-bedeuten romanhaft Romantische zieht. 

Wie aber kann man Menschen verzeihn und ihnen beim Neuanfang helfen, solange sie munter weiterlügen.

Sie verstehen: Falls Sie, lieber Klaus-Peter, doch so was wie ein «Informeller Mitarbeiter» oder ein OibE waren, würde ich mich trotz alledem für Sie bei der F. A, Z. oder sonstwo verwenden, wenn ich den" Eindruck hätte, daß Sie sich wirklich ins Offne gerettet haben. Ich glaube, an solch einem guten Bruch zerbricht keiner so leicht. Im Gegenteil, es wachsen einem neue Kräfte zu.

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Sobald wir einander endlich wieder im Lichte der Wahrhaftigkeit gegenüberstehen, hat keiner das Recht, den anderen aus der Menschheit auszuschließen.

Grüßen Sie herzlich Ihre Frau. Sagen Sie ihr, daß aus meinen Berlin-Plänen nichts wurde. Ich hätte gern nach dem Zusammenbruch der DDR wenigstens wieder in meiner alten Wohnung gewohnt. Aber auch eine andere Wohnung in Ostberlin fand sich für meine große Familie nicht. Und als man uns, wir waren nach langem Suchen schon allzu bescheiden geworden, eine schäbige, dunkle und zudem asbestverseuchte 4-Zimmer-Wohnung im Prenzlauer Berg angeboten hatte, ging eine infame Kampagne in Berliner Zeitungen los, die es mir unmöglich macht, in dieser Stadt wieder zu leben.

Aber das ist kein wirkliches Unglück. Wir leben sehr gut und oft sogar glücklich im schönen Hamburg.

Altona, 3.12.'91 
Wolf Biermann

nb. Eine Kopie dieses Briefes, das wird Ihnen recht sein, schicke ich an die F. A. Z., Herrn Dr. Stadelmaier

***

 

Quelle des Gen. Reuter

Am 2. September kam es nach seinem Urlaub zu einer ersten Begegnung mit meinem künftigen Wohnungsnachbarn W. B. Ich stellte mich und meine Frau vor und sagte ihm, daß ich eine Einweisung für die Wohnung (...) habe und nach den wichtigsten Renovierungsarbeiten am 20. Oktober einzuziehen gedenke.

W. B. war über den Umstand und auch über Einzelheiten aus der Biographie der neuen Mieter bestens informiert (Quelle u. a. [...]). Er sagte mir auch, er habe sich genau erkundigt, wer ihm da ins Haus komme. Er wisse, daß ich «noch nicht bei der Staatssicherheit sei»,

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was ihm nur recht ist. Nicht, daß er was gegen die Leute hätte. Aber es gehöre zur «persönlichen Hygiene», diese Leute «nicht zu nahe am Körper zu haben».

Er sagte weiter, daß er sich freue, daß ich diese Wohnung bekommen habe. Er wisse, wie gesagt, um wen es sich handelt und sei an einer guten Nachbarschaft interessiert.

Alle uns betreffenden Fragen, Elektrozähler auf seinem Gang, Restbestände der Einrichtung von (...) noch in unserer Wohnung, für deren Abtransport W. B. zu sorgen hat, etc. konnten schnell und unkompliziert mit ihm geregelt werden.

Ich machte W. B. darauf aufmerksam, daß es für mich sehr erfreulich sei, daß er uns als Wohnungsnachfolger (...) anerkenne, da ich wüßte, daß auch er sich um die Vergabe dieser Wohnung beworben habe und es ja im Bereich des Möglichen gelegen hätte, daß er nun, da wir die Wohnung bekommen haben, uns als lästige Eindringlinge betrachtet. Er erwiderte darauf, daß das nun keine Rolle mehr spiele. Wir hätten die Wohnung nun mal bekommen und es zeuge nur von der «undemokratischen Entscheidungsweise», daß eine Intervention von Gerald Götting dafür ausschlaggebend gewesen wäre.

Folgerungen:

1. W. B. scheint von der offiziellen Version der Wohnungsvergabe weitgehend überzeugt zu sein. Er benutzte den Namen Götting noch in einem anderen Sachzusammenhang, als er sich danach erkundigte, ob meine Frau als Schauspielerin schon feste Berufsaussichten in Berlin habe. Als sie ihm diese Frage verneinte, meinte er lakonisch, daß ihr in diesem Fall ja wohl kaum Götting helfen könne.

2. Es hat sich seit dem 2. Sept. ein sachliches und vernünftig distanziertes Verhältnis zu W. B. hergestellt. Wenn wir mit Handwerkern da sind, erkundigt er sich nach dem Fortgang der Ereignisse, ohne sich irgendwie einzumischen. Er bietet seine Hilfe an, die wir aber noch nicht in Anspruch genommen haben. Mir scheint diese Entwicklung günstig zu sein. Eine vorsichtige Intensivie-" rung der Beziehungen scheint möglich, zumal mich im Laufe der Zeit auch Leute besuchen werden wie (...) und die Schauspielerin (...), die W. B. lange und gut kennen.

 

3. Die entstehenden nachbarschaftlichen Kontakte sollten gut abgestimmt und sehr vorsichtig vorgenommen werden.

4. Es ist gesichert, daß die offizielle Version unserer Wohnungsvergabe unter die Leute gekommen ist.

18.IX.75 
Lorenz

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