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Vorwort des Autors

zu dieser Ausgabe für die USA

 

5-7

Viel von dem gegenwärtigen Interesse an <Futurum Zwei> kann, meiner Meinung nach, auf zwei Gründe zurückgeführt werden. Erstens besteht eine offen­sichtliche Verbindung zu dem, was heute in der Jugend vor sich geht. <Futurum Zwei> ist kein Handbuch für Hippies, es hat keine Revolution entfacht — aber es hat Prinzipien verfochten, die heute in der Luft liegen. Fünf dieser Prinzipien, die von <Futurum Zwei> und Thoreau's <Walden> gleichermaßen proklamiert wurden, sind: 

  1. Es gibt keine Lebensweise, der man nicht entrinnen könnte. Untersuchen Sie Ihre eigene genau. 

  2. Wenn sie Ihnen nicht gefällt, dann ändern Sie sie.

  3. Versuchen Sie aber nicht, diese Änderung durch politische Tätigkeit zu bewirken, denn selbst, wenn es Ihnen gelingt, mehr Macht zu erlangen, werden Sie sicher nicht klüger damit umgehen können als Ihre Vorgänger.

  4. Legen Sie nur Wert darauf, Ihre Probleme auf Ihre eigene Art zu lösen.

  5. Vereinfachen Sie Ihre Bedürfnisse. Lernen Sie, wie man mit weniger Eigentum glücklich sein kann.

Thoreau's <Walden> war ein Futurum für einen Menschen. Die Probleme der Gesellschaft jedoch verlangen mehr als Individualismus; weitere Prinzipien müssen hinzukommen:

  1. Arbeiten Sie an einer Lebensform, die es den Menschen ermöglicht, ohne Streit miteinander zu leben, in einer Atmosphäre, die durch Vertrauen und nicht durch Verdacht, durch Liebe eher als durch Eifersucht, durch ein Miteinander und nicht durch ein Gegeneinander bestimmt wird.

  2. Festigen Sie diese Welt mit Hilfe sanfter, aber eindringlicher ethischer Sanktionen, nicht durch politische oder militärische Gewalt.

  3. Übertragen Sie diese neue Lebensform durch vorbildliche Kinderfürsorge und durchgreifende erzieherische Technologie wirksam auf andere Menschen.

  4. Reduzieren Sie Arbeit aus Zwang auf ein Minimum, indem Sie Bedingungen schaffen, unter denen es Menschen Freude macht zu arbeiten. 

  5. Es gibt keine Formen, die unwandelbar sind. Veränderungen können wiederum verändert werden. Akzeptieren Sie keine ewige Wahrheit, experimentieren Sie. 

Aus diesen Prinzipien ergeben sich wiederum neue Probleme, und deshalb ist vielleicht eine andere gegenwärtige Bewegung — das Anwachsen einer Verhaltens­technologie — Erklärung für das erneute Interesse an <Futurum Zwei>.

Zu der Zeit, als ich das Buch schrieb, hatten einige dramatische Fortschritte in experimentellen Methoden die Möglichkeit geschaffen, komplexe Verhaltensweisen mit beachtlicher Genauigkeit vorauszusagen und zu kontrollieren. Das aber betraf nur Verhaltensweisen von Ratten und Tauben. Ich vermutete zwar, daß die gleichen Methoden sich auch auf Menschen anwenden ließen, war mir dessen aber nicht sicher. Ich hatte ja noch keinerlei praktische Anwendung dieser Methoden auf den Menschen miterlebt. 

Die Verhaltenstechnik von 'Futurum Zwei' war noch ein Traum, aber der Traum sollte sich verwirklichen. Man hat inzwischen eine Technologie der Verhaltens­steuerung entwickelt, besonders für die Gebiete »Erziehung« und »Psychotherapie«, und das hat direkten Bezug auf 'Futurum Zwei'. Ein Heim für psychisch kranke oder zurückgebliebene Menschen ist eine Art Gemeinschaft und kann so angelegt sein, daß sie als solche funktioniert. Schulen für straffällig gewordene Jugendliche oder ganz normale Schulklassen sind nichts anderes. Die jeweiligen Mitglieder sind vielleicht nicht repräsentativ für die allgemeine Bevölkerung, aber die Gesellschaft als Ganzes stellt Probleme gleicher Art, deren Lösung sich tatsächlich in der Anwendung einer experimentellen Analyse finden läßt.

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Das Buch wäre natürlich anders geworden, würde ich es heute schreiben. Die Erziehungsmethoden würden ganz anders sein. Es gäbe programmiertes Lehrmaterial, das die Lernbereitschaft der Studenten kontinuierlich anregt. Der Anreiz für produktive Arbeit wäre sehr viel ausführlicher behandelt worden.

Ich hatte den marxistischen Grundsatz kritiklos übernommen, demzufolge ein Bürger selbstverständlich für das Allgemeinwohl arbeitet. Aber es bedarf ausgearbeiteter Methoden, die den Arbeitseifer ständig anregen, um von dem einzelnen zu erhalten, was seinen Fähigkeiten entspricht. 

Ich würde abweichende Verhaltensweisen stärker berücksichtigen und auch die Möglichkeit einbeziehen, daß einige Mitglieder der Gemeinschaft ein »Problem« sein können und besonderer Behandlung bedürfen.

Als ich das Buch abgeschlossen hatte, war ich überzeugt, daß eine Gemeinschaft wie <Futurum Zwei> von Bestand sein könnte. Was seither geschehen ist, hat diese Überzeugung erheblich bekräftigt. Warum gibt es kein wirkliches <Futurum Zwei>? 

Mehrere kleinere Gruppen von Menschen leben in Gemeinschaften, die dem Modell von <Futurum Zwei> ähnlich sind. Aber soweit ich weiß, ist bislang nichts von vergleich­barer Größe verwirklicht worden. Allerdings ist die Möglichkeit von mehreren Stellen ernsthaft erwogen worden, und es gibt einige vielver­sprechende Ansätze. 

Ein so großer Sprung in der Entwicklung der Menschheit setzt ein tiefgreifendes Ungenügen an unserer gegenwärtigen Kultur voraus, und diese Voraussetzung ist eindeutig erfüllt. Aber das Ungenügen muß überwunden werden, und dafür ist Vertrauen in gewisse technische Fähigkeiten, die noch nicht weit genug verbreitet sind, notwendig.

Dieses Vertrauen sollte sich zur rechten Zeit einstellen. 

Experimentelle Gemeinschaften, die ihrer Struktur nach <Futurum Zwei> nahekommen, könnten das aufregendste Wagnis im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts sein. Bis dahin ist der Traum noch immer wert, geträumt zu werden.

7

November 1969
B. F. Skinner

 

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