Emmanuel Todd

 

Weltmacht USA - Ein Nachruf

2002, 260 Seiten

wikipedia Autor
*1951 in Nordfrankreich

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DNB A person   

DNB A nummer (17)

 

detopia:

T.htm 

Ökobuch 

Amerikabuch

 

 

 

 

 

 

 

Traurige Moderne (2017)

Eine Geschichte der Menschheit
von der Steinzeit bis zum Homo americanus

 

Von Emmanuel Todd

2017 - 537 Seiten mit Bildern  -   DNB.Buch  -  Inhalt.pdf

 

 

aus wikipedia-2021-Todd:

In dem 2018 auf Deutsch erschienenen Buch „Traurige Moderne“ legt Todd dar, wie sich seit der Steinzeit unterschiedliche Familiensysteme verbreitet haben, die bis heute die Mentalitäten zutiefst prägen. Auch die Religion wirke nach der Säkularisierung – selbst wenn sie nicht mehr praktiziert werde – als unbewusstes Regelsystem fort; Todd spricht in diesem Zusammenhang von Zombie-Religionen („Zombie-Katholizismus“, „Zombie-Lutheranertum“).

Er beschreibt die Dynamik der amerikanischen Gesellschaft mit ihren „primitiven“ (weil der ursprünglichen menschlichen Familienstruktur ähnlichen) Kern- oder Kleinfamilien ohne komplexe Verwandtschaftsbeziehungen und vergleicht sie mit der Unbeweglichkeit von Kulturen mit hochkomplexen patriarchalischen kommunitären Großfamilien.

Wo Kinder erbrechtlich ungleich behandelt werden (und das beginnt mit der frühen Agrargesellschaft), entsteht eine Weltsicht, die hierarchisch und autoritär geprägt ist, jedoch zur ungeteilten Ansammlung von Eigentum und Wissen führen kann.

Wo hingegen Eigentum egalitär vererbt wird wie in Nordfrankreich oder ohne feste Regeln frei vererbt wird wie in den angelsächsischen Ländern, werden Menschen eher als gleich angesehen. Die „kommunitär“-exogamen Familien der Brüdergemeinschaften, die ihren Ursprung in den Nomadengesellschaften haben, führen ebenso wie die endogam-kommunitären Gesellschaften der altorientalischen Agrargesellschaften demgegenüber zu einer Abwertung der Rolle der Frauen.

Für Todd sind es also die Familienstrukturen, die letztlich dazu führten, dass die Idee der Menschenrechte in der „Anglosphäre“ und in Frankreich aufkam, während sich in den durch „Stammfamilien“ (Eltern leben hier mit dem ältesten Sohne zusammen, der alles oder einen überproportionalen Anteil erbt) geprägten Gesellschaften wie Deutschland, Japan und Korea autoritäre Ideen durchsetzten.

Diese Gesellschaften neigten zum Militarismus und erreichten durch die (Zwangs-)Rekrutierung der jüngeren nicht erbenden Söhne hohe Rekrutierungsquoten bezogen auf die Gesamtbevölkerung (in Preußen oder Schweden über 7 % im 18. Jahrhundert). Todd postuliert einen Konflikt zwischen der deutschen Stammfamiliengesellschaft und einer Zuwanderung aus endogam-kommunitären Familienstrukturen, wie sie in der arabischen Welt existieren.

Wo diese tief verankerten Unterschiede bei der Lösung der gegenwärtigen Krisen nicht berücksichtigt werden, so Todd, gerate die Demokratie in Gefahr. Todd prognostiziert die Auflehnung vieler EU-Länder gegen Deutschland, das der EU ökonomisch-politische universalistische Werte überstülpe, ohne selbst daran zu glauben oder sie in den Tiefenstrukturen der deutschen Gesellschaft glaubhaft realisiert zu haben.

In Deutschland sei „das Vergessen familiärer Werte“ (zu denen die Annahme angeborener Ungleichheit und der Autoritarismus gehören, die sich in der Primogenitur ausdrücken) nach der NS-Zeit „zur Therapie“ geworden.

Das heutige Paradox bestehe darin, dass die „extrovertierte“, auf Außenhandel angewiesene deutsche Ökonomie mit ihrer plötzlichen Öffnung gegenüber der Zuwanderung zu einem Rückzug des Landes auf sich selbst und zu einer erneuten inneren Verhärtung führen könne, die „aus Angst vor den Unterschieden die Sitten von der Polizei regeln lässt“.[25]

Auch zum Thema des wachsenden Populismus äußert sich Todd: Wie in den USA habe in Europa die Trennung der akademischen Schichten von der übrigen Bevölkerung „zu einer Verkümmerung des demokratischen Gefühls“ geführt, das früher in der „Homogenität der Massenalphabetisierung“ verankert war. Das demokratische Gefühl in Kontinentaleuropa sei aber stärker als in den USA familiär und religiös bedingt autoritär und von Ungleichheit überformt, was zu einem Aufstand gegen das europäische System führen könne.

Die Darstellung Europas als Geburtsort der liberalen Demokratie sei „glatter intellektueller Schwindel“. In Deutschland täusche man sich, wenn man Frankreich für eine liberale Demokratie halte.


Rezeption

Günther Nonnenmacher kritisiert in der FAZ Todds deterministische Diagnose, die zudem „an der Unterstellung (festhalte), deutsche Politik verfolge – die Parteien übergreifend – perfide Pläne. Es ist eine Diagnose, die im politischen Spektrum Frankreichs (und nicht nur dort) tatsächlich Beachtung findet. Immerhin fast die Hälfte der Franzosen haben bei der letzten Präsidentenwahl für die Rechtspopulistin Marine Le Pen, den linken Volkstribun Jean-Luc Mélenchon und andere Radikale gestimmt, die in ihren Wahlkämpfen ähnliche Thesen verbreitet haben“.[27] Diese Positionen werden jedoch von Nonnenmacher nicht konkret benannt.

Marko Martin fragt sich: „Todd, ein Thilo Sarrazin für die gebildeten Stände?“ und hält das Buch „für eines der traurigen Beispiele für ein verschwörungs­theoretisches, in elitärem Duktus vorgetragenes Eliten-Bashing, das kokett nach beiden Seiten schielt: Nach rechtsaußen ebenso wie nach linksaußen.“[28]

Für Claudia Mäder in der NZZ lässt „eine Geschichte, die mit Blick auf die autoritären Tendenzen im heutigen Europa mit den folgenden Worten endet, ... keine Fragen offen und dem handelnden Individuum herzlich wenig Platz“.[29]

Peter Burri schreibt in der Basler Zeitung: Todd „sieht die Gefahr, dass die Staatsmacht in Paris «abhebe» und sich gar zu einem «autoritären Regime» entwickeln könnte. [...] Wie immer man zu ihm steht, Todd ist jedenfalls eine interessante Stimme aus unserem Nachbarland, dessen Präsident in Brüssel und besonders in Deutschland als Retter der EU beschworen wird.“

 

„Die neoliberale Illusion – Über die Stagnation der entwickelten Gesellschaften“

1999 auf deutsch

In seinem Buch „Die neoliberale Illusion“[17] beschreibt Todd die möglichen Gefahren einer europäischen Gesellschaft, die sich zu einer Oligarchie oder Plutokratie der transnationalen Konzerne und der Vermögensoberschicht entwickeln könnten. Bei fortschreitendem, unbegrenztem Freihandel und neoliberaler Wirtschaftspolitik könnte sich ein verhärteter Kampf zwischen Finanzelite und verarmter Restbevölkerung in größerem Maße einstellen.

Emmanuel Todd vertritt in seinem Buch die These, dass „das Wirtschaftssystem […] keineswegs Motor der Geschichte oder deren primäre Ursache“ sei, sondern „es ist selbst nur eine Folge der Kräfte und Bewegungen, die auf tieferen Ebenen der gesellschaftlichen und geistigen Strukturen wirken“. Laut Emmanuel Todd müsse man jedoch auch die kulturellen, wirtschaftlichen und anthropologischen Ebenen miteinbeziehen und untersuchen, um die Krise der industrialisierten Welt genauer analysieren zu können.

Für Todd ist die Krise des Neoliberalismus „das Ergebnis eines langfristigen Wandels des Bildungsniveaus verschiedener Bevölkerungen“. Dies sieht er in den USA, die als „am höchsten entwickelte Gesellschaft, die bis vor kurzem eine führende Rolle in der Menschheitsentwicklung einnahm“; jedoch diese in den 70ern ihr „kulturelles Limit“ erreichte.

Die „intellektuelle Abnützung der mächtigsten Nation“ verbirgt sich nur hinter der „universalisierend-arroganten Fassade des Ultraliberalismus“ der USA. Seiner Meinung nach existieren zwei unterschiedliche anthropologische Systeme verschiedener Gesellschaften: zum einen das der individualistischen „Kernfamilie der angelsächsischen Welt“, zum anderen das der „integrativen Stammfamilie wie in Deutschland oder Japan“. Diese integrative Stammfamilie neige dazu, das Erbe (vor allem an Grund und Boden) zusammenzuhalten und die Produktion höher zu bewerten als den Konsum. Auffälligerweise gehören diese Ökonomien zu den besonders exportintensiven.

Todds Argumentation zielt darauf ab, die Ideologie und Illusion des Neoliberalismus zu widerlegen, die die Krise der industriellen Welt verschärfe und zu gefährlichen, auf Kreditbasis finanzierten Handelsungleichgewichten führe. Die globale Konkurrenz und der permanente ökonomische Krisenzustand habe die Nationen in starke und schwache aufgespaltet und Europa eine neue Hierarchie aufgezwungen.

 

 

 

 

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