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2. Von der Vergangenheit bis in die Zukunft

 

 

 

Die Geschichte des Menschen  

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Ohne Zweifel ist der Mensch heute der Beherrscher der Erde. Die einzig wirkliche Gefahr für den Menschen ist er selbst. Wie kam es zu dieser Herrschaft? Wie ist seine gegenwärtige Situation? Welche Zukunft erwartet ihn? Das sind entscheidende Fragen. Die erste kann man einigermaßen verläßlich beantworten. Die Antwort auf die zweite Frage liegt im vom Menschen selbst erzeugten »Smog« verborgen. Die dritte Frage läßt sich unmöglich beantworten, aber ebenso unmöglich ist, darüber nicht einmal Spekulationen anzustellen.

Wir haben lange Zeit gebraucht, uns zu den Beherrschern der Erde zu machen. Insgesamt gesehen, haben wir eine unermeßliche Menge Wissen erworben. In gewisser Weise können wir sagen, daß jede Zelle unseres Körpers an der gesamten biologischen Evolution teilgenommen hat; denn jede Zelle ist sozusagen Milliarden Jahre alt, weil bei der Teilung einer Zelle dieselben Lebensprozesse in beiden Teilen weiterlaufen. Das Leben der Zellen erfährt so eine ununter­brochene Fortführung von einer Generation zur nächsten. Alle Zellen des menschlichen Organismus sind als Ergebnis aufeinanderfolgender Teilungen der Eizelle entstanden, die neun Monate vor der Geburt befruchtet worden war. Jede Zelle des Körpers führt ein Dasein, das die direkte Fortsetzung des Lebens des befruchteten Eis darstellt. Wir können also zu Recht behaupten, daß jede Zelle mit der Eizelle identisch ist (selbst wenn sie während des Lebens ihre Form verändert hat).

Wenn wir das Leben der Zellen von Generation zu Generation zurückverfolgen, entdecken wir die gleiche Kontinuität der Lebensprozesse — Lebensprozesse, die eine direkte Brücke schlagen zwischen einigen Ursprungszellen in grauer Vorzeit und jenen Zellen, aus denen heute unser Organismus besteht. In diesem Sinne hat jede heute lebende Zelle die gesamte biologische Evolution erfahren.

Unsere ältesten Vorfahren sind mit denen der Amöbe Scheherazade identisch. Aber der Werdegang unserer Zellen ist sehr viel komplexer verlaufen. Unsere genetische Linie durchläuft die der Einzeller, die sich mit einigen Gleichen zu einem vielzelligen Lebewesen zusammen­schlossen. Während der nachfolgenden, das Meer bewohnenden Generationen entwickelten sich unsere Vorfahren zu immer komplizierteren Lebewesen, und schließlich trat ein ungewöhnliches Ereignis ein: Der erste Fisch mit Lungen kroch an Land.

An jenem Ereignis hatten wir insoweit teil, als die Zellen aus denen wir bestehen. Nachkommen einer Eizelle aus jenem Lungenfisch sind. Wenn wir unserer genetischen Linie weiter nachspüren, stellen wir fest, daß sich der Lungenfisch in seinem Bemühen, die Probleme eines Lebens auf dem Lande zu lösen, ganz allmählich verwandelte. Er lernte die Trockenheit ertragen und sich in ihr bewegen. Die Kontinente, einstmals unfruchtbare Wüsten, begannen sich zu jener Zeit gerade mit Vegetation zu bekleiden, so daß die evoluierenden Landtierarten das Leben an Land erträglich zu finden begannen.

Viele unserer entfernten Verwandten hielten es indes für unnötig und gefährlich, das primäre Lebenselement Wasser zu verlassen. Sie mutierten zu neuen Fischarten, die heute noch in verschiedenen Formen und Größen die Gewässer der Erde bevölkern. Und war es nicht auch töricht von unseren Vorfahren, sich auf dem trockenen Land anzusiedeln?

Bestimmt hatten die Landbewohner einen schweren Start. Sie waren gezwungen, ihre Lebensweise zu ändern. Im Wasser hatten sie ihr Gewicht nicht gespürt, an Land mußten sie sich Beine wachsen lassen, die ihr Gewicht tragen konnten, und sie mußten lernen, sich der Schwerkraft anzupassen.

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Da Zellen nur in wäßrigem Milieu leben können, mußten die Landbewohner das Wasser in einem wasser­dichten Gefäß, der Haut, mit sich führen. Es dauerte lange Zeit, bis sie sich an die Luft gewöhnten, aber irgend­wann war dieser Zeitpunkt gekommen, und heute kann sich niemand von uns mehr ins Wasser, unsere ursprüngliche Heimat, zurückziehen, ohne Gefahr zu laufen, zu ertrinken. 

Das Leben auf dem Land entwickelte sich nach den Gesetzen der biologischen Evolution weiter. Die ersten Landlebewesen mutierten in die verschiedensten Richtungen. Einige entwickelten sich zu Dinosauriern; andere blieben klein und unbedeutend und lebten in ständiger Angst, von den Dinosauriern vernichtet und ausgerottet zu werden. Aber es waren die Dinosaurier, die ausstarben. Manche Verwandte unserer Vorfahren erwarben als Folge von Mutationen spezielle, auffällige Eigenschaften, z.B. große Körperkraft (sie wurden Raubtiere) oder besondere Schnelligkeit (sie wurden Antilopen, Hirsche usw.); andere siedelten sich in Bäumen an (z.B. Gibbon und Orang-Utan).

Die Veränderungen unserer eigenen Vorfahren bestanden darin, daß sich bei ihnen größere und leistungsfähigere Gehirne als bei anderen Tieren ausbildeten, was ihnen die Möglichkeit gab, die Erde zu beherrschen und eine neue Epoche in ihrem Werdegang einzuleiten. Während dieser langen Evolutions­geschichte veränderten sich unsere Vorfahren unzählige Male, und alles Wissen, das der Mensch zum Überleben brauchte, liegt heute in seinem genetischen Code gespeichert vor. Aber erst im jetzigen Entwicklungs­stadium sind wir in der Lage, unsere Evolution zu rekonstruieren.

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  Biologische und kulturelle Evolution  

 

Die biologische Evolution als Ganzes ist das Ergebnis eines sehr einfachen Prinzips. Eine Zelle teilt sich in zwei Teile, wovon jeder gewöhnlich dieselben Eigenschaften wie die Ausgangszelle hat. Dieser Vorgang wiederholte sich milliarden- und abermilliardenfach. Manchmal, aber selten, tritt eine Mutation auf, bei der eine Eigenschaft auf irgendeine Weise verändert wird. Die heute lebenden Zellen bilden Lebewesen, die ihre Existenz einem Zufall verdanken, einer langen Serie günstiger Mutationen, die ihnen das Überleben ermöglichten. (Unsere Darstellung ist simplifiziert. In Wirklichkeit sind die Vorgänge bei der zweige­schlechtlichen Fortpflanzung etwas komplizierter.) Alle anderen Zellen, die sich nicht in ähnlich günstiger Weise verändert haben — eine unglaublich große Zahl — sind bereits seit Tausenden, ja sogar Millionen von Jahren tot.

Ist eine Eizelle befruchtet worden, so beginnt sie sich zu teilen und ein komplexes Lebewesen zu bilden — ein faszinierender Prozeß, der von den Genen in den Zellen gesteuert wird. Die Gene sind eine Art Gedächtnis, das die Spezies im Laufe ihrer Evolution erworben hat. Im sogenannten genetischen Code sind die im Verlauf von Millionen Jahren gemachten Erfahrungen gespeichert. Dieser genetische Code verfügt über eine bemerkenswerte Stabilität, die die Fortpflanzung der Art sichert. Er ist zwar Veränderungen und »Verbesserungen« unterworfen, aber nur im Rahmen eines sehr langsamen Prozesses.

Neben dem genetischen Gedächtnis besitzt jedes Individuum noch ein anderes — jene geistige Fähigkeit, die wir gemeinhin als »Gedächtnis« bezeichnen. Es dient der Registrierung und Speicherung unserer Erfahrungen, indem es sie auf komplizierte Weise in unserem Gehirn verschlüsselt. Wir erwerben und behalten so Kenntnisse darüber, wie man z.B. eine Gefahr meidet, wie man Nahrung findet, und weiteres Wissen, das im Überlebenskampf von entscheidender Bedeutung ist.

Dieses »synaptische« Gedächtnis bietet den Vorteil, daß es schnell abrufbar ist, so daß eine Erfahrung von heute morgen schon ausgenutzt werden kann, während das genetische Gedächtnis Millionen Jahre benötigt, um sich zu verändern und neue Informationen zu speichern. Das synaptische Gedächtnis stirbt jedoch gleichzeitig mit seinem Besitzer. Die Art »vererbt« also nur das genetische Gedächtnis von einer Generation zur anderen.

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Die Gattung Homo war für eine sehr wichtige Erfindung verantwortlich. Sie erfand die Ausbildung, den Unterricht, die Schule. Sie fand heraus, daß sie das synaptische Gedächtnis als ein spezielles Gedächtnis der Spezies vielfältig verwenden konnte. Von allen Tieren besaß sie allein die Qualifikation dazu: ein Gehirn mit ausreichender Kapazität und die Fähigkeit zu sprechen und somit große Wissensmengen von einem Individuum zum anderen zu transportieren. Auf diese Weise konnten die Erfahrungen einer Generation an die nächste weitergeleitet und von ihr benutzt werden. Einige Kenntnisse — z.B. das Saugen an der Mutterbrust, das Vertrautmachen mit Gegenständen, indem man sie in den Mund steckt, um herauszufinden, ob sie eßbar sind, das Fluchtergreifen bei Gefahr und die Paarung — sind im genetischen Gedächtnis gespeichert, das sich aus einigen der Erfahrungen von Millionen von Generationen zusammensetzt.

Anderes Wissen — wie man Feuer macht, wie man Geräte herstellt, wie man einen Acker pflügt und Tiere domestiziert, wie man Waffen zur Verteidigung oder zum Angriff benutzt, wie man Atombomben baut und in den Weltraum hinausfährt — sind Informationen, die die Menschheit in kurzer Zeit erworben hat und die ausschließlich Eigentum der Spezies Mensch sind, von Generation zu Generation von einem synaptischen Gedächtnis zum anderen weitergegeben. Dieses Erbe von Wissen kann von einer Generation zur anderen verändert und vermehrt werden. Der Mensch braucht nicht Tausende von Generationen lang zu warten, daß die Gene neue Informationen in sich aufnehmen. Das synaptische Gedächtnis reagiert schnell.

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Demnach ist es die Ausbildung, die Schule, die die behäbige biologische Evolution durch die sehr viel raschere kulturelle Evolution ergänzt hat. In den ersten »Schulen« fungierten die Eltern als Lehrer, und sie gaben das an Informationen an ihre Kinder weiter, was sie selbst wußten. Manchmal konnten die Kinder auch von anderen Personen als ihren Eltern lernen. Als sich die Gesellschaft jedoch zunehmend spezialisierte, gerieten die einzelnen Wissensgebiete in den Besitz von Spezialisten. Fachleute verschiedenster Art — Priester, Gurus, Lehrer und Gelehrte — sammelten in ihren speziellen Arbeitsbereichen theoretisches und philosophisches Wissen an. Der Umfang an Wissen nahm lawinenartig zu, und bald waren die Kenntnisse zu umfangreich, als daß sie im menschlichen Hirn gespeichert werden konnten: Das Gehirn wurde durch die Bibliothek ergänzt.

 

    Vom Ackerbau zur Kybernetik   

 

Die kulturelle Evolution hat ihre erste Phase bereits durchschritten und ihr zweites Stadium erreicht. Auf der ersten Entwicklungs­stufe lebten wir mit der Natur in Symbiose. Wir benutzten sie, unterwarfen uns die Tiere und beuteten den Boden aus. Gleichzeitig waren wir aber von ihr völlig abhängig. Mehr noch: Wir waren ein Teil von ihr. In den letzten einhundert Jahren sind wir aber in eine neue Phase eingetreten: in das technologische, das kybernetische Zeitalter. Das bedeutet, daß wir im Laufe des vergangenen Jahrhunderts unsere Beziehungen zur Natur abgebrochen und ein neues Milieu geschaffen haben, das mehr und mehr ein Produkt von uns ist.

Wenn wir aus dem Fenster schauen, sehen wir Häuser, Straßen und Autos — alles vom Menschen geschaffene Dinge. Längst ist der Ackerbau nicht mehr die Basis unserer Ökonomie. Ein fortschrittliches Land muß am Ende Industrie fördern, wenn es in dieser modernen Welt nicht riskieren will, wirtschaftlich zu verarmen.

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Ackerbau und Viehzucht können nur einen winzigen Teil der Konsumentenwünsche befriedigen. Nur sehr wenige Produkte eines Supermarktes kommen direkt vom Bauernhof, die meisten sind über die Fließbänder von Fabriken gelaufen. Landwirtschaftliche Produkte werden in der Nahrungsmittelindustrie von heute nur noch als Rohstoffe verwendet. Man hat sogar schon Versuche angestellt, unsere Nahrung auf chemischem Wege herzustellen.

Wenn uns kalt ist, gehen wir nicht in den Wald, um Bäume zu fällen, sondern verstellen den Thermostaten, der die Ölheizung reguliert. Überhaupt ist das Haus zu einer Wohnmaschine geworden, die oft schon nicht mehr bewohnbar ist, wenn einmal die Elektrizität ausfällt. Die Geschwindigkeit, mit der wir uns fortbewegen können, übersteigt die auch des schnellsten Pferdes um ein Vielfaches. Wenn wir mit jemandem sprechen möchten, brauchen wir nicht im selben Raum mit ihm zu sein; er kann auf der anderen Seite des Erdballs am Telefon stehen.

Von ebenso großer Bedeutung sind die Wandlungen in unserer Vorstellung vom Universum. Wir wissen, daß wir nicht auf einer flachen Scheibe leben, die von einer durchsichtigen Himmels­kugel umgeben ist, sondern auf einem winzig kleinen Planeten in einem gigantischen Weltraum, dessen Ausmaße in Milliarden von Lichtjahren angegeben werden. Und wir wissen auch, daß unsere Art nicht von einem mächtigen Gott vor wenigen tausend Jahren erschaffen wurde, sondern das Ergebnis einer biolog­ischen Evolution ist, die vor Milliarden von Jahren begann. Früher glaubten wir, daß es die bei der Erschaffung mitgegebene Seele sei, die uns ganz deutlich von den Tieren unterscheidet. Erst jetzt, da wir die Symbiose mit der biologischen Umwelt zerstören, haben wir zu verstehen begonnen, daß wir wie die Tiere ein Teil dieser Umwelt sind.

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Der drastische Wechsel vom Ackerbau zur Kybernetik läßt sich vielleicht mit der Veränderung vergleichen, die die ersten Landlebewesen erfuhren, als sie das Wasser verließen und auf dem Land zu leben begannen. Selbst jener Wechsel brachte enorme Schwierigkeiten mit sich, bis sich diese ersten Organismen adaptiert hatten. Viele ihrer für ein Leben im Wasser wertvollen Eigenschaften wurden an Land plötzlich nutzlos oder sogar schädlich; folglich mußten sich, um das Leben zu erhalten, als das Ergebnis selektiver Mutation, völlig neue Eigenschaften entwickeln. Gegenwärtig steht die Spezies Mensch mitten in einer Umweltkrise, die dieser früheren in vieler Hinsicht ähnlich ist.

Es ist jedoch der zeitliche Maßstab, durch den sich die Ackerbau-Kybernetik-Krise von der Wasser-Land-Krise unterscheidet. Die Anpassung an das Leben auf dem Land dauerte Millionen Jahre; der Übergang zur kybernetischen Umwelt läßt sich in Jahrzehnten, höchstens in einigen Jahrhunderten messen. Das bedeutet, daß der Wechsel vom Wasser zum Land Tausende oder Hunderttausende von Generationen erforderte, der Wechsel von der Symbiose mit der Natur zur Symbiose mit unserer eigenen Technologie vielleicht nur ein paar Generationen in Anspruch nehmen wird. Viele heute lebende Menschen, noch in einer ländlichen Umwelt geboren, wurden plötzlich in der Mitte ihres Lebens in eine kybernetische Welt hineingestürzt. Wir sind vom behäbigen Trott des genetischen Gedächtnisses zur Düsenschnelligkeit des synaptischen Gedächtnisses übergewechselt.

Es bestehen noch andere, weit signifikantere Unterschiede. Als die ersten Lungenfische vom Wasser aufs Land zu kriechen begannen, führten sie lange Zeit eine Doppelexistenz; sie konnten an Land leben, wenn das für sie angenehmer war, sie konnten aber jederzeit ins Wasser zurückkehren.

Sie hatten die Option, sich in ein vertrautes und sicheres Milieu zurückziehen zu können, falls das Landexperiment keinen Erfolg bescherte; sie waren ja immer noch so ausgestattet, wie zuvor im Wasser zu leben. Erst als ihr Überleben an Land gesichert war, verloren sie die Fähigkeit, ins Wasser zurückzukehren.

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Im Unterschied dazu brechen wir bei unserem derzeitigen Übergang die Brücken hinter uns ab. Selbst wenn wir uns dazu entschieden — wir könnten gar nicht mehr zu einem vortechnischen Dasein zurückkehren. Die Rousseau zugesprochene Aufforderung »Zurück zur Natur« ist überholt, weil wir den Zeitpunkt für eine Rückkehr längst überschritten haben. Kaum noch ein Platz auf der Erde, wo es keine Lärm und Abgase erzeugenden Autos und Flugzeuge gibt, wo Wasser und Luft nicht verschmutzt und wo nicht alle natürlichen Ressourcen exploitiert werden.

Von entscheidendster Bedeutung ist dabei, daß kein Ort mehr existiert, wo wir vor Atombomben und Raketen sicher sind. Wenn unsere Symbiose mit der Technologie sich erfolgreich entwickelt, wird unser Leben so reich an Möglichkeiten sein, wie wir es uns kaum jemals erträumten. Mißglückt die kulturelle Transformation aber, wird unsere Art an den Folgen von Atomexplosionen oder allgemeiner Vergiftung zugrunde gehen. Wenn dem ersten Lungenfisch die Sonnenstrahlen zu heiß waren oder der Wind zu kalt, hatte er die Wahl, ins Wasser zurückzukriechen und sich vor diesen Unbilden in Sicherheit zu bringen. Wo aber finden wir Schutz vor etwas, das mehr Energie ausstrahlt als tausend Sonnen, oder vor dem todbringenden, mit radioaktivem Strontium verseuchten Wind?

Als die biologische Evolution mit dem schnelleren Strom der kulturellen Evolution verschmolz, ließen wir uns auf ein Abenteuer ein, das entweder erfolgreich oder mit einer Katastrophe enden wird; das Ergebnis hängt ausschließlich von uns selbst ab. Wir haben die Wahl. Wir können unsere kulturelle Evolution in geordnete Bahnen lenken oder zulassen, daß sie außer Kontrolle gerät.

Darüber hinaus müssen wir uns immer vor Augen halten, daß auch unserem Ökosystem inhärent ist, ähnlich wie dem des Sees, sich selbst zu vernichten. Wir müssen wählen — zwischen den Möglichkeiten, unser Schicksal zu lenken oder uns dem »Unvermeidbaren« zu unterwerfen.

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   Die Ereignisse von heute und morgen  

 

In unserem technologischen Zeitalter werden wir mit so vielen Forderungen bombardiert, daß es wirklich schwierig ist, zwischen dem Wesentlichen und dem Unwichtigen zu unterscheiden. Die Unterscheidung hängt tatsächlich immer von dem Beobachter ab. Mir persönlich erscheinen ganz bestimmte Ereignisse als wichtig; für den Leser mögen sie es vielleicht nicht sein; und was für uns beide vielleicht von Interesse ist, mag für eine dritte Person in einem anderen Land oder in einer weit von uns entfernten Kultur wiederum als völlig irrelevant gelten. 

Nehmen wir einmal an, wir lesen eine Zeitung und versuchen aus den Schlagzeilen zu entnehmen, was sich vor kurzem ereignet hat. In den meisten Zeitungen stehen die neuesten Fußballergebnisse neben einem Bericht über neueste Erfolge im Weltraum. Daneben finden wir Nachrichten über Raub, Entführung, Mord, Studentenproteste, Rassenkonflikte, Massensterben durch Hunger in den Entwicklungsländern und die Teilung der Welt in zwei im Widerspruch befindliche Lager (wobei jedes sich bewaffnet, um sich vor dem anderen zu schützen).

Viele Nachrichten von heute sind morgen schon vergessen, fast alle aber innerhalb eines Jahres. Das heißt aber nicht, daß sie bedeutungslos sind.

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Ein Historiker sieht den Geschichtsverlauf mit ganz anderen Augen als ein Nichthistoriker und zieht auch ganz andere Schluß­folgerungen. Aber selbst Historiker unterscheiden sich. Der eine wird behaupten, daß Kriege von den Generälen gewonnen werden; der andere wird hartnäckig den Standpunkt vertreten, daß den Männern in vorderster Linie die Ehre gebühre. Beide sich widersprechenden Anschauungen sind aber gleichermaßen das Ergebnis der Rekonstruktion historischer Ereignisse. Sie beide veranschaulichen wichtige Aspekte dessen, was wirklich »geschah«, aber keine von ihnen enthält mehr als ein Körnchen Wahrheit.

Der Geschichtsablauf beruht, wie wir wissen, auf einer Serie von Zufällen und Vorfällen, die wir oft als »wichtige Ereignisse« bezeichnen: »Wichtige Ereignisse« jedoch werden durch Anhäufungen von »weniger bedeutsamen Ereignissen« aufgewogen. Jedes Neugeborene vergrößert die Population, jede neue Fabrik weitet den Industrialisierungs­prozeß aus, jede neue Entdeckung vermehrt das allgemeine Wissen des Menschen. Wenn wir also ihren kumulativen Effekt betrachten, stellen wir fest, daß die überwältigende Zahl dieser »unbedeutenderen Ereignisse« eine so starke Strömung im historischen Verlauf erzeugen, daß kein noch so großer politischer Führer lange gegen sie anschwimmen kann.

Ein historisches Ereignis ist viel zu kompliziert und zu vielschichtig, als daß es vollständig und wirklichkeits­getreu dargestellt werden könnte. Die Historiker greifen — oftmals ganz subjektiv — bestimmte Aspekte eines Vorfalls auf und sagen: »Soweit das Geschehen, und das übrige können wir vergessen.« Auf diese Weise wird Geschichte zur Rekonstruktion: zu einem »Abklatsch« von Ereignissen, den der Historiker durch Auswahl und Argumentation geschaffen hat.

Wenn es schwierig oder unmöglich ist, vergangene Ereignisse präzise zu rekonstruieren, dann ist es sicherlich noch unmöglicher, zukünftige Ereignisse vorherzusagen, was in bestimmtem Maße weitaus vordringlicher wäre.

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Jede unserer Handlungen bewirkt Folgen in der Zukunft und für die Zukunft; deshalb handeln die meisten von uns sehr bewußt mit Blick auf das Kommende. Wir sind jenem Esel vergleichbar, der läuft, weil er die Mohrrübe vor sich sieht. Pascal hatte wahrscheinlich recht mit seiner Behauptung, daß der Mensch mehr in der Zukunft als in der Gegenwart lebe. Aus diesem Grunde können wir gar nicht umhin, uns über das Morgen Gedanken zu machen, und vielleicht strömen die Menschen deshalb in Scharen zu Astrologen und Leuten, die aus der Hand oder aus der Kristallkugel lesen können.

 

Es ist interessant, darüber nachzudenken, bis zu welchem Grad wir auf der Grundlage der Kenntnisse über die derzeitige Situation die Zukunft vorhersagen können. Manche Ereignisse lassen sich mit einiger Gewißheit vorherbestimmen; bei anderen hingegen ist das völlig unmöglich. Wenn z.B. eine Expedition in ein entferntes Gebiet aufbricht, um bei einer Sonnenfinsternis astronomische Beobachtungen vorzunehmen, dann können die Expeditionsteilnehmer sicher sein, daß die Sonnenfinsternis zu genau der vorherberechneten Zeit eintritt: Astronomische Phänomene unterliegen eben Gesetzen, die der Mensch zum größten Teil beherrscht. Und doch können jene Astronomen nicht mit Sicherheit sagen, daß sie die Sonnenfinsternis auch wirklich zu beobachten in der Lage sein werden. Vielleicht wird im entscheidenden Augenblick der Himmel sich bewölken. Wer kann schon mit absoluter Gewißheit das Wetter voraussagen? Oder das Flugzeug der Expedition erleidet einen Maschinenschaden. Oder ein Expeditionsteilnehmer erkrankt, und die Gruppe muß nach Hause zurückkehren. Es scheint eine unbestimmbare Zahl von potentiellen Hindernissen zu geben, die sich nicht vorhersagen lassen.

Mit dem Problem, die Zukunft wissenschaftlich vorherzusagen, hat man sich erst jüngster Zeit auseinander­gesetzt. Heute versucht das eine neue Wissenschaft, die »Futurologie«, der man von Anfang an mit beträchtlichem Zweifel begegnete (jede andere Reaktion wäre überraschend gewesen), und viele ihrer Ergebnisse erscheinen in der Tat als recht naiv. Aber eine solche Wissenschaft ist notwendig. Allzuoft beruhen unsere heutigen Vorhersagen auf der Annahme, daß dieselben Kräfte, die heute die Ereignisse bestimmen, das auch in der Zukunft immer tun werden. 

Und häufig nehmen wir als selbstverständlich an, daß der Fortschritt seinen Höhepunkt erreicht hat und deshalb zu einem Stillstand gelangt; wir nehmen an, daß keine neuen Entdeckungen gemacht, daß keine neuen Verfahren erfunden werden, daß keine neuen bedeutenden Ideen mehr entwickelt werden.

Natürlich befindet sich die Futurologie noch in einem Stadium der Mutmaßung und der allgemeinen Diskussion über ihre Methodik. Der Mensch hat einen langen Weg vor sich, bis er in systematischer Weise Nutzen und Unheil der Zukunft voraussagen kann — falls solche Vorhersagen überhaupt möglich sind. Trotzdem dürfen wir in unserer Diskussion über die heutige Situation der Menschheit nicht den Versuch unterlassen, zukünftige Möglichkeiten abzuwägen, einfach weil sich der Mensch bei seinen Handlungen heute größtenteils davon leiten läßt, was er für morgen erwartet.

Obwohl die Unkenntnis über die Zukunft uns nur das Vermuten erlaubt, hat es den Anschein, daß der Mensch nicht mehr ziellos auf dem gewaltig großen Kontinent der Geschichte umherstreift, sondern doch noch jenen schmalen Isthmus der Zeit gefunden hat, der die Vergangenheit mit dem im Nebel liegenden Land der Zukunft verbindet: Vielleicht erreichen wir niemals die Küste dieses Landes, vielleicht aber lichten sich von Zeit zu Zeit die Wolken gerade so weit, daß wir flüchtig seine Umrisse erkennen können.

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 Hannes und Kerstin Alfvén  M-70  Die Menschheit der siebziger Jahre