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5. Rauchschleier

 

 

    Und erlöse uns von dem Übel...   

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Jeder Versuch, Klarheit zu schaffen und für die weltweiten Probleme des menschlichen Zusammen­wirkens Lösungen zu suchen — um die uns drohenden Gefahren zu identifizieren und festzulegen, wie man ihnen entfliehen kann —, wird immer wieder durch Rauchschleier erschwert oder sogar verhindert.

Wie Morgennebel stammen viele dieser Schleier noch aus der Nacht, aus jenen Zeiten, da jedes Ereignis übernatürlichen oder magischen Kräften zugeschrieben wurde. Auch heute noch haben sie schicksalhafte Folgen; denn sie hindern uns daran, klar zu sehen.

Ihre Funktion ist, uns vor der Inangriffnahme unangenehmer Aufgaben zu bewahren, zu der uns klares, modernes Denken zwingen würde. Wir verkriechen uns hinter dem Rauchschleier und versäumen, verantwortlich zu handeln.

 

Weitere solcher Rauchschwaden steigen aus den Schornsteinen der politischen und wirtschaftlichen Propaganda auf, bestimmt, politische und ökonomische Maßnahmen vor uns zu verbergen, die, bei Tageslicht betrachtet, alles andere als attraktiv sein würden. Wir können ohne Übertreibung feststellen, daß die derzeitige Atmosphäre in der Tat verseucht ist, aber daß ein Großteil dieser Verseuchung intellektuell und nicht chemisch ist. 

Wo immer moralische, politische und soziale Ansichten die Wirklichkeit vor uns verheimlichen, sind wir berechtigt anzunehmen, daß die Zukunft der Menschheit auf dem Spiele steht. 

Vielleicht der gefährlichste Rauchschleier ist jene defätistische oder Vogel-Strauß-Haltung, sich der Verantwortung zu entziehen, indem man sich von vorn­herein dafür entscheidet, daß die einzige Lösung darin besteht, daß es keine Lösung gibt. 

Dieser Auffassung zufolge ist es der Welt, und speziell dem Menschen, inhärent, böse zu sein — eine Prämisse, aus der folgt, daß es keinen Wert habe, irgend­einen Versuch zur Verbesserung der Welt zu unternehmen. 

Menschen, die sich dieser Philosophie verschrieben haben, schlagen also etwa das Folgende vor: 

Die Welt zu verlassen, in ein Kloster, ein Laboratorium oder ein Büro zu gehen und sich auf die tägliche Arbeit zu konzentrieren. Erfreuen wir uns doch am Glück unseres häuslichen Lebens, und kümmern wir uns nicht darum, was in der Welt so geschieht. Krieg ist zwar ein fürchterliches Ding, aber es gibt nichts, was ihn verhindern könnte. Er ist wie eine Natur­katastrophe. Ein Blitz schlägt in unserem Haus ein, und es beginnt zu brennen, eine Flutwelle überschwemmt unser Dorf; genauso drückt eines Tages jemand auf den Auslöser für die Wasserstoffbombe. Das alles sind Katastrophen, gegen die es keinen Schutz gibt.

So manche Ansicht der »Ausweichenden« ist Symptom sozialer Unverantwortlichkeit. Andere solche Anschauungen sind Über­bleibsel aus einer Zeit, da der Mensch tatsächlich noch hilfloser Spielball aller möglichen Arten von Naturkatastrophen war. Doch heute sind wir imstande, unser Haus gegen Blitzschlag zu schützen, mit dem Blitzableiter.

Heute sind wir imstande, uns gegen Dürre zu schützen, durch Bewässerung, und heute sind wir imstande, uns vor Überschwemm­ungen zu schützen, durch Deiche und Dämme. Die vom Menschen gemachte Katastrophe Krieg wird durch die Entscheidungen gewisser politischer Führer ausgelöst, und es ist alles andere als unmöglich, Mittel zu finden, uns auch dagegen zu schützen.

Doch wenn der Morgennebel verflogen ist, wird das klare Tageslicht so manchen in Not bringen, weil es dann für ihn weit schwieriger sein wird, seine moralische Indifferenz und Passivität zu rechtfertigen.

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Es gibt noch eine spezielle Art Anschauung, der zufolge nur ein Teil der Welt, wenn auch zugegebener­maßen der größere Teil, böse ist. Das Land, in dem wir zu Hause sind, und die Gruppe, zu der wir gehören, verkörpern das Gute und die Vernunft in einer Welt, die im übrigen böse und töricht ist. Deshalb ist es eine Notwendigkeit, unsere Führer zu unterstützen, unsere ideologischen Haltungen und militärischen Vorbereitungen zu verstärken und die teuflischen Pläne unserer Feinde zu entlarven. 

Anschauungen wie diese werden oft von Führern propagiert, die es für sich von Vorteil halten, ihre Position dadurch zu stärken, daß sie Öl in das Feuer des nationalistischen, religiösen oder ideologischen Fanatismus schütten. Ebenso populär sind solche Gefühle im militärisch-industriellen Bereich mancher Länder, da sie Macht und Reputation dieser Institutionen vermehren. Mehr noch: Es ist leicht, gute Argumente für solche Ansichten zu produzieren.

In einem kapitalistischen Lande z.B. darf eine Liste all der Missetaten, die von Kommunisten verübt worden sind, auf die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit des Landes hoffen, und in einem kommunistischen Land ist es gleichermaßen eine Leichtigkeit, eine alles in allem der Wahrheit entsprechende Liste der fürchterlichen Schandtaten von Kapitalisten aufzustellen. Doch wenn jemand eine solche Rechnung als Beweis für die überragende Stellung seines eigenen Landes bzw. seiner eigenen Gruppe anbietet oder akzeptiert, bläst er gleichzeitig einen Schleier aus Rauch in die Luft, um die Mängel und die Schuld dieses Landes oder dieser Gruppe zu verbergen.

Eine dritte Einstellung ist die des naiven Vertrauens.

Natürlich ist es beklagenswert, daß in einigen entfernten Ländern Krieg herrscht, das aber ist für uns doch nicht ausschlaggebend. Die Politiker sind doch viel zu umsichtig und viel zu klug, als daß sie sich auf einen neuen Weltkrieg einließen. Sicher, es gibt große Vorräte an gefährlichen Waffen, aber natürlich sind sie unter ausreichender Kontrolle. Warum sollten wir auf die Weltuntergangs­propheten hören, wenn die Welt in Wirklichkeit gar nicht so schlecht ist. Meiner Familie und mir geht es besser als jemals zuvor, und wenn jedermann sich um seine eigene Sache kümmert und für den Fortschritt der Menschheit arbeitet, droht mit Gewißheit keine Gefahr. Überdies beschützt uns ja die Vorsehung. — Genau das war es, was auch die Amöbe Scheherazade kurz vor ihrem Tode sagte.

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    Aggression als biologisches Erbe    

 

Oft ist behauptet worden, der Krieg sei eine unausweichliche Konsequenz eines dem Menschen, wie vielen anderen Tierarten auch, innewohnenden aggressiven Triebes. Man könne den Krieg nicht abschaffen, weil diese Aggression im Menschen eine tiefe Wurzel habe.

Neuen Aufschluß über solche Ansichten haben vor nicht allzulanger Zeit Untersuchungen über die Aggressionen bei verschied­enen Tierarten gebracht, Untersuchungen, die mit einer Reihe verbreiteter und gefährlicher Mißverständnisse aufgeräumt haben. Man kam zu dem Schluß, daß es wichtig sei, zwischen Töten und Aggression eine Unterscheidung zu treffen. Jedes fleischfressende Tier — und die meisten Menschen essen Fleisch — muß töten, um zu leben. Ein solches Töten ist jedoch nicht unbedingt mit Aggression verknüpft. Ein Fuchs z.B., der seine Nahrung durch Töten eines Hasen gewinnt, ist nicht unbedingt aggressiver als der Hase, der seinen Nahrungsbedarf durch Fressen von Grünzeug deckt. Genauso muß ein Bauer, der seine Lieblingskuh an den Schlachthof verkauft, nicht aggressiv sein. Der Metzger, der die Kuh schlachtet, braucht nicht aggressiver als jeder andere Werktätige zu sein. Und die Leute, die sich am Sonntagnachmittag zum Spießbratenessen treffen, können so friedfertig sein wie eine Versammlung von Vegetariern.

 

    Kämpfen und Kriegführen    

 

Eine weitere wichtige Unterscheidung ist die zwischen Kämpfen und Kriegführen. Ein Kampf, ein Streit kann zwischen zwei Tieren oder zwei Menschen, manchmal zwischen mehreren von ihnen, ausbrechen. Aggression kann häufig Ursache des Kampfes sein oder von einer Partei oder mehreren Parteien während eines Kampfes gezeigt werden. Eine aggressive Haltung schüchtert den Gegner ein und verhilft dem Aggressor zu einem gewissen Vorteil. Aggression, mit anderen Worten, macht ihn psychisch und physisch für den Kampf geeigneter. 

In den turbulenten Schlachten früherer Tage war der persönliche kämpferische Einsatz oftmals von entscheidender Bedeutung; er ist es auch zuweilen heute noch: im Guerillakrieg. Die Mechanisierung der Kriegführung hat die Wichtigkeit eines solchen Einsatzes jedoch vermindert oder zumindest ein Gutteil davon durch das Gefecht zwischen aus weiter Ferne gelenkten mechanischen Waffen ersetzt. Die diese Waffen bedienenden Soldaten werden von einer Aktivität in Anspruch genommen, die der des Bedienens von Maschinen in einer Fabrik nicht unähnlich ist.

Um einen Soldaten zur Tapferkeit im Kampf Mann gegen Mann aufzustacheln, war es unerläßlich, in ihm einen scharfen Antagonismus zum Feinde zu erzeugen. Ein Soldat jedoch, der eine Mittelstreckenrakete lenkt, muß ein cleverer Ingenieur sein, der dann am effektivsten seine Arbeit verrichtet, wenn er ruhig ist und nicht aggressiv. Daher ist im modernen Kampf die Aggression nicht wie früher eine Notwendigkeit. Das individuelle Gefecht ist zwar wichtig und oft auch entscheidender Faktor in einem Krieg, doch ist die Kriegführung im allgemeinen hauptsächlich ein Handeln ganz anderer Art. Sie ist ausgedehnte soziale Zusammenarbeit, die die Organisierung einer großen, in effizienter Weise zur Zusammenarbeit fähigen Gruppe Menschen erfordert.

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Der Soldat von heute ist nur für einen geringen Zeitraum des Krieges wirklich im Gefecht; er muß die meiste Zeit nicht einmal auf Kampf vorbereitet sein. Für die kurze Zeitspanne, während der er mit dem Feind wirklich konfrontiert ist, kann Aggressivität für ihn von Vorteil sein, doch für die viel längere Zeit, die er bei seiner Kompanie, seinen Kameraden und Offizieren verbringt, sollte er sowenig Aggressionen wie möglich an den Tag legen.

 

  Der Mensch — ein Raubtier?  

Es ist auch behauptet worden, daß Krieg eine unvermeidbare Konsequenz der Raubtiernatur des Menschen sei. Nicht umsonst werde ein militärischer Befehlshaber oft Löwe genannt. Doch ein solcher Vergleich ist hirnverbrannt. In einem Krieg ist unerläßlich, daß die Soldaten darauf trainiert sind, einem Befehl zu gehorchen und einem speziellen Schema gemäß zu handeln. Typische Raubtiere, wie Katzen, Löwen und Tiger, sind sehr schwierig zu zähmen und systematisch zu trainieren; es wäre unmöglich, sie in einer Armee zu organisieren. Ein Raubtier wäre noch viel weniger fähig, eine Armee zu führen. Ein Befehlshaber, der wie ein Löwe handelte, würde als Feldherr, da diese Aufgabe Intelligenz, Weitsicht und Ruhe unter schwierigen Bedingungen erfordert, völlig inkompetent sein. Aber immerhin ist es Tatsache, daß man Menschen wie Hunde, Pferde, Affen oder Delphine domestizieren und abrichten kann. Das ist es, was möglich macht, daß moderne Staaten Kriege anzetteln und führen.

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    Krieg als soziale Unternehmung    

Krieg ist eine organisierte soziale Unternehmung. In Wirklichkeit besteht nur sehr wenig Unterschied, eine Gruppe von Menschen zu zwingen, Pyramiden, die Chinesische Mauer, römische Aquädukte oder den Panama-Kanal zu bauen, und sie dazu zu bringen, in Schützengräben zu leben. All diese Aktivitäten waren mühselig, und ein Großteil der darin verstrickten Menschen blieb auf der Strecke. Nur drastische Maßnahmen konnten Leute dazu bewegen, mitzumachen. Das Leben in Laufgräben und der Bau der Chinesischen Mauer können wir als militärische Unternehmungen klassifizieren, während die anderen genannten Aktivitäten ziviler Natur waren. Obgleich Aggression ein wichtiger Grund gewesen sein mag, warum Wikinger, Piraten und Söldner auf Kriegsreise gingen — die Lust am Abenteuer und die Chance, schnell reich zu werden, waren weit ausschlag­gebender.

Ein moderner Krieg bricht nicht aus, weil Soldaten darauf aus sind, hinauszuziehen und zu kämpfen, wenngleich sich ohne Zweifel so mancher Offizier danach sehnt, sein Handwerk endlich zu praktizieren und schnell befördert zu werden. In einem Krieg ist es heute nicht einmal für die obersten Befehlshaber eine Vorbedingung, aggressiv zu sein. In Wirklichkeit kommt es oft vor, daß die Gefühle gegenüber ihren Feinden einen Anflug von Kameradschaft haben. In früheren Zeiten waren die verfeindeten führenden Offiziere sogar imstande, sich fröhlich zu einem abendlichen Bankett zusammenzusetzen und dann am nächsten Tag ihre Soldaten zur gegenseitigen Tötung anzuführen. 

Heute ist Kriegführung nicht so »zivilisiert«. Doch selbst in unseren Tagen wird ein gefangen­genommener General von seinen siegreichen Gegnern oft mit ausgesprochenem Wohlwollen behandelt. Man hockt ruhig beieinander, diskutiert die Folge von Schritten, die den entscheidenden Ausgang des von ihnen gerade beendeten Schachspiels herbeiführten. Falls sie überhaupt irgendwelche aggressiven Impulse haben, dann entledigen sie sich ihrer eher, indem sie ihre eigenen Ordonnanzen kräftig abkanzeln, als daß sie ihren feindseligen Gefühlen gegenüber einem namenlosen und gesichtslosen Feind Luft machen.

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Auch die Waffen konstruierenden Ingenieure brauchen nicht unbedingt aggressiv zu sein. Die Männer, die die Atombombe zur Realität machten, waren nicht aggressiver als andere, ja, sie waren einfach Wissenschaftler, die eine wissenschaftliche Aufgabe vollenden wollten. Ein Chemie-Ingenieur kann heute Napalm und morgen ein Düngemittel entwickeln. Wo ist da für ihn der Unterschied? Die Geschäftsleute, die mit dem Krieg spekulieren, von ihm profitieren und zum Teil sogar seine Auslöser sind, brauchen nicht aggressiver zu sein als andere Geschäftsleute. Geschäft ist Geschäft.

In jedem Land gibt es immer wieder Streitigkeiten zwischen einzelnen und Gruppen, die psychische und physische Gewalt­anwendung mit sich bringen; solche Streitereien reichen von Prügeleien zwischen Schuljungen zu Schlachten zwischen ökonomischen und politischen Parteien. Solche Arten von Aktivitäten haben nur wenig mit Kriegführung gemein. Obgleich so bei einer großen Anzahl Menschen beträchtliche Aggressionen freiwerden können, ist der Schaden, der durch solche Zusammenstöße verursacht wird, im Vergleich zu den vom Kriege erzeugten Zerstörungen zu vernachlässigen. Wenn es tatsächlich biologisch notwendig ist, dem Menschen ein Ventil für seine Aggressionen zu geben, so könnte das auf sehr viele andere Weisen ohne Krieg arrangiert werden.

Es gibt also überhaupt kein Indiz dafür, daß menschliche Aggression zwangsläufig zum Kriege führt. Die Geschichte kennt viele Länder, die über mehrere Generationen nicht an einem Krieg teilgenommen haben. Für die Menschen in solchen Ländern ist es möglich, während Friedenszeiten geboren zu werden, ihr ganzes Leben in einem friedlichen Land zu verbringen und zu Friedenszeiten zu sterben.

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Unter den Ländern, die lange Perioden des Friedens erlebten, hält Japan wohl den Rekord. Es erfreute sich zweier Zeitabschnitte ohne jeden bewaffneten Konflikt mit einem anderen Land. Der erste dauerte rund 300 Jahre und erstreckte sich von der Zurückschlagung des zweiten Angriffs des Kublai Khan auf Japan im Jahre 1281 bis zum Beginn des erfolglosen Eroberungs­feldzuges gegen Korea im späten 16. Jahrhundert. Freilich verlief diese Periode keineswegs friedlich; zerstörerische innere Konflikte waren sehr wohl vorhanden.

Die zweite und definitiv friedlichere Ära begann 1603 mit der Gründung des Tokugawa-Shogunats und währte bis 1853, als ein amerikanisches Marine­geschwader das Land angriff. Doch da die Japaner nicht in der Lage waren, sich gegen die amerika­nischen »schwarzen Schiffe« zu wehren, und da Amerika mehr den friedlichen Handel denn die militärische Ausein­andersetzung mit Japan suchte, entwickelte sich dieser Angriff zu keinem richtigen Krieg. Erst 1894, als Japan China überfiel, war die Friedenszeit, die im frühen siebzehnten Jahrhundert begonnen hatte, am Ende angelangte. Die Länge dieser Ära des Friedens in der japanischen Geschichte (291 Jahre) ist wahrscheinlich von keinem anderen Nationalstaat auch nur annähernd erreicht worden.

Doch es ist klar, daß wir dafür keine Erklärung finden, indem wir argumentieren, daß die Japaner ungewöhnlich immun gegenüber Aggressionen seien. Die kriegerischen Samurai waren nicht immun dagegen, und es wäre töricht, die Japaner im Besitze einer »menschlichen Natur« zu sehen, die von der anderer Nationalitäten radikal verschieden ist. Die moderne Geschichte legt sogar die gegenteilige Ansicht nahe: Nach der Meiji-Restauration am Ende des 19. Jahr­hunderts wuchs Japan rasch zu einer mächtigen Industriegesellschaft heran; das zwanzigste Jahrhundert wurde Zeuge der Feldzüge gegen die Mandschurei, gegen Korea und gegen China, und das Jahr 1941 hat sich so tief in das moderne Bewußtsein eingegraben, daß es keiner Erläuterungen bedarf. 

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Mit anderen Worten:

Japan hat in neuerer Zeit den zweifelhaften Rang erworben, mit der Aggressivität Frankreichs, Deutschlands und Englands im Laufe des 19. und 20. Jahr­hunderts verglichen werden zu können. Was hier Gewicht hat, ist die Tatsache, daß Völker, die sich im zwanzigsten Jahrhundert als aggressiv erwiesen haben, in früheren Zeiten imstande waren, über lange Perioden hinweg Frieden zu halten. Sicherlich ist hier wohl etwas mehr als »Instinkt« beteiligt.

Schweden stand immer in dem Ruf, besonders zu Zeiten der Wikinger und während des Dreißigjährigen Krieges, ein Land der Krieger zu sein. Tatsächlich ist seine Geschichte vielleicht ein ausgezeichnetes Beispiel dafür, wie aggressive Tendenzen über Generationen hinweg anhalten. Doch seit dem frühen 19. Jahr­hundert hat Schweden nicht mehr an Kriegen teilgenommen und genießt seitdem Frieden. Das genetische Erbe der Schweden kann man für die gegenwärtige Friedfertigkeit ihres Landes wohl nicht als Erklärung heranziehen.

 

    Krieg und das internationale Gefüge    

 

Alle hier wiedergegebenen Ansichten über die Ursache des Krieges und seine Unvermeidlichkeit sind äußerst gefährlich und leisten Kriegen sogar Vorschub. Durch die falsche Behauptung, daß Krieg eine Notwendigkeit sei, wird die Förderung des Friedens noch weiter erschwert. Warum soll man sich für den Frieden einsetzen, wenn eine »natürliche« Notwendigkeit die Unvermeidlichkeit von Kriegen diktiert? Warum also nicht passiv bleiben, warum gegen die Order des »Schicksals« aufbegehren? Warum sich nicht einfach hinkauern, bis der große Knall kommt?

Bevor wir solche Vogel-Strauß-Haltungen nicht ausgeräumt haben, werden wir die wirkliche Ursache des Krieges nicht auf intelligente Weise analysieren können. 

Viele der Kriege, unter denen die Menschheit zu leiden hatte, sind in allen Einzelheiten unter die Lupe genommen worden, von Historikern, die die Ursachen aufzudecken suchten. Auch die Frage der Ursprünge des Krieges ist untersucht worden, insbesondere von den Friedens­forschungs­instituten, die im Verlaufe des vergangenen Jahrzehnts gegründet worden sind. Doch auch ohne detaillierte Wiedergabe der Ergebnisse dieser Institute kann man die fast banale Aussage treffen, daß am Kriege wie auch am Elend und am Hunger in unserer modernen Welt die veralteten politischen Strukturen unseres Planeten schuld sind.

Selbst wenn wir ein Problem durch eine generelle Diagnose lokalisiert haben, haben wir es weder gelöst noch auch nur einen ernsthaften Versuch unter­nommen, es zu lösen. Wir brauchen keine komplizierte Analyse des politischen Lebens, um zu begreifen, daß das internationale System nicht den Ansprüchen genügt. Gewiß liegt ein Großstück harter Arbeit vor uns, wenn wir bestimmen sollen, wie wir es verbessern können. Doch das Problem der internationalen Zusammenarbeit ist wohl alle darauf verwandten Anstrengungen wert. Es ist das ernsteste aller Probleme, denen wir uns gegenübersehen, weil es in die älteste und zwingendste der politischen Fragen mündet: Wie können wir die Kooperation zwischen den Bewohnern dieses Planeten erreichen, um ein Minimum an Gewalt und Elend und ein Maximum an Wohlstand und Glück zu gewinnen?

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 Hannes und Kerstin Alfvén  M-70  Die Menschheit der siebziger Jahre