Giorgio Agamben

 

"Biopolitik"

 

Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. 1995.

Audio 2016 - Stasis, der Bürgerkrieg als politisches Paradigma - Homo sacer 

 

Wikipedia.Autor  *1942 in Rom, Jurist

DNB.Agamben

Google.Buch   Amazon.Autor 

wikipedia  Homo_sacer  1998 

detopia:

A.htm   Utopiebuch   Ökobuch

M.Heidegger   F.Nietzsche  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Homo sacer (lat. heiliger Mensch) ist ein Rechtsbegriff im römischen Strafrecht.

 


Das Geheimnis des Bösen

Der italienische Philosoph Agamben diagnostiziert einen todbringenden Leerlauf der Kirche, aber seine Kritik reicht weiter

"Wer sich von der heutigen Kirche einen Begriff machen will, muss erkennen, dass sie in allen Bereichen den entfesselten Tendenzen [der] profanen Welt folgt …"   (Giorgio Agamben)

28. März 2016 – Arno Kleinebeckel       heise.de/tp/artikel/47/47804/1.html   2016

 


 

Agamben ist inzwischen einer der meistdiskutierten Philosophen der Gegenwart. Dabei hat er erst seit Mitte der 1990er Jahre internationale Aufmerksamkeit erzielt.

Kennzeichnend für sein Selbstverständnis scheint zu sein, dass er sich nicht auf die Rolle als akademischer Philosoph oder Literaturwissenschaftler festlegen lässt. 

Vielmehr nimmt er – ähnlich wie seinerzeit Adorno – ebenso kritisch wie engagiert zu Themen der Zeit Stellung. Immer wieder provozierend ist dabei vor allem sein direkter Zugriff auf aktuelle rechtlich-politische Fragen, besonders im Zusammenhang mit bioethischen und biotechnologischen Aspekten ("Biopolitik").

(Aus Wikipedia 2011)  


homo sacer

Ein Mensch mit dem Rechtsstatus des Homo sacer galt einerseits als vogelfrei und durfte straffrei getötet werden. Andererseits galt er auch als heilig. Aufgrund seiner Heiligkeit durfte er nicht geopfert werden, da er einer bestimmten Gottheit gehörte. Diese Rechtsfigur kam nach einem Eidesbruch zum Zuge. Der Eidesbrecher gehörte dadurch der Gottheit, in deren Namen der Eid abgelegt wurde. Wenn er dann getötet wurde, wurde dies als Rache der Gottheit - die ja offensichtlich getäuscht wurde - gesehen.

Nach dem Zwölftafelgesetz (8,21) wird ein Patron, der seine Klienten täuscht, als sacer und damit als vogelfrei und friedlos gebannt. Die damit verbundene Form der willkürlichen Arretierung existierte in ganz Europa bis 1679, als in England die Habeas Corpus Akte eingesetzt wurde, nach der jeder Gefangene innerhalb einer Frist von drei Tagen in personam vor Gericht gestellt werden muss.

Rezeption 

In dem Versuch des italienischen Philosophen Giorgio Agamben, das Phänomen totalitärer Ideologien in der Moderne zu entschlüsseln und die Theorie der Biopolitik Michel Foucaults unter dem Aspekt des Ausnahmezustandes weiterzuentwickeln, verwendet er die Figur des Homo sacer als Grundlage für die Betrachtungen seiner rechtsphilosophischen Genealogie. Agamben bezieht sich hier auf das Lexikon von Sextus Pompeius Festus.

Enzo Traverso sieht im Anschluss an Hannah Arendt und mit Bezug auf Agamben in der Gestalt des Recht- und Staatenlosen als eines wiedererstandenen Homo sacer eine emblematische Figur der europäischen Krise, die 1914 ausgebrochen sei und sich zu einem Zweiten dreißigjährigen Krieg ausgeweitet habe.

 

 


Ausnahmezustand: Homo sacer II.1

Taschenbuch: 128 Seiten Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 5 (29. März 2004) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3518123661 ISBN-13: 978-3518123669

Perlentaucher.de Buchnotiz zu : Die Zeit, 01.07.2004

Eine "äußerst dichte" Theorie hat der Italiener Girogio Agamben, gelernter Jurist, Philosoph und mit der Debatte um sein Werk "Homo sacer" endlich in deutsches Blickfeld gerückt. Die amerikakritische Studie, die sich mit den Dunkelzonen des Rechts innerhalb von Demokratien beschäftigt, hat Rezensent Thomas Assheuer dennoch nicht überzeugt. 

Zwar findet er es völlig legitim, dass sich Agamben weigert, "in den Chor derer einzustimmen", die in Terror- und Kriegszeiten die eigene Gesellschaft nicht mehr zu kritisieren wagen. Doch in der Art, wie der Autor kritisiere, werde er "Opfer seiner Vorentscheidungen", da er in Folterskandalen und Rechtsbrüchen das "innerste Un-Wesen" des Rechts sieht. 

Dabei, so findet der Rezensent, sind Skandale wie die von Abu Ghraib und Guantanamo "Amerikas Schande, nicht seine Norm." Die übermächtigen Zweifel Agambens, der "virtuos" die Begrifflichkeiten Carl Schmitts verwendet - allerdings mit einer völlig anderen Intention - und sich von "Heideggers Schicksalstremolo durchzucken" lässt, ließen keinen Platz für die grandiose Leistung, die Realisierung individueller Freiheit, die das Recht erbringt. Agambens Sinn für die Dialektik von Recht und Leben sei "bewundernswert" - die analytische Leistung dieses Buchs dagegen fragwürdig.

Kurzbeschreibung

Nach Homo sacer und Was von Auschwitz bleibt - Teil 1 und Teil 3 von Giorgio Agambens vieldiskutiertem Homo-sacer-Projekt - folgt nun mit Ausnahmezustand der in sich geschlossene erste Band des zweiten Teiles. 

Der Ausnahmezustand, d. h. jene Suspendierung des Rechtssystems, die wir als Provisorium zur Aufrechterhaltung der Ordnung in Krisensituationen zu betrachten gewohnt sind, wird vor unseren Augen zu einem gängigen Muster staatlicher Praxis, das in steigendem Maße die Politik bestimmt. Agambens neuestes Buch ist der erste Versuch einer bündigen Geschichte und zugleich Fundamentalanalyse des Ausnahmezustandes: Wo liegen seine historischen Wurzeln, und welche Rolle spielt er - in seiner Entwicklung von Hitler bis Guantanamo - in der Gegenwart? Wo der Ausnahmezustand zur Regel zu werden droht, sind die Institutionen des demokratischen Rechtsstaats und das verfassungsgemäße Gleichgewicht der Gewalten gefährdet, und die Grenze zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmt. In Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Annäherungen an das Phänomen des Ausnahmezustands - zu nennen sind in erster Linie Walter Benjamin, Carl Schmitt und Jacques Derrida - vermißt Agamben das von den meisten Theoretikern gemiedene Niemandsland zwischen Politik und Recht, zwischen der Rechtsordnung und dem Leben und wirft ein neues Licht auf jene verborgene Beziehung, die das Recht an die Gewalt bindet.

Insofern der Ausnahmezustand zur Regel zu werden droht, sind die Institutionen des demokratischen Rechtsstaats und das verfassungsgemäße Gleichgewicht der Gewalten gefährdet, und die Grenze zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmt. In Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Annäherungen an das Phänomen des Ausnahmezustands - zu nennen sind in erster Linie Walter Benjamin und Carl Schmitt, aber auch Autoren wie Theodor Mommsen, Adolphe Nissen und Jacques Derrida - vermißt Agamben das von den meisten Theoretikern gemiedene Niemandsland zwischen Politik und Recht, zwischen der Rechtsordnung und dem Leben und wirft ein neues Licht auf jene verborgene Beziehung, die das Recht an die Gewalt bindet.

 


 

Ein Weg zur Gerechtigkeit durch Deaktivierung des Rechts?
Agambens provokante Thesen zum Ausnahmezustand     2006 Von H. Gebauer (Berlin) 

Vorausgesetzt, es existierte im Denken eine Schwierigskeitsskala, die von der 1 hoch bis zur 10 reichen würde, dann hätte sich dieser Band eine glatte 11 verdient. Agamben musste sich dann auch von einem französischen Kritiker anhören, dass der Band permanent auf der Stelle trete, ohne je zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen. So als wäre dies nicht das größte Kompliment für einen philosophischen Text. In diesem Sinne sollte man sich nicht von der Schwierigkeit dieses Buches erschrecken lassen. Manche Lektüre dauern eben länger als andere. Und einfache Antworten haben in der Philosophie sowieso noch nie zu etwas geführt. In dem für Agamben so typischen Stils des subtilsten Auf-der-Stelle-Tretens wird hier in 6 Abschnitten, die Problematik der traditionellen Definition des Ausnahmezustands ausgeschritten. 

Der Ausnahmezustand steht für Agamben für ein Spannungsfeld unserer Kultur, in der zwei entgegengesetzte Kräfte wirken: eine, die einrichtet und setzt, und eine, die deaktiviert und ent-setzt. Der Ausnahmezustand ist der Punkt ihrer höchsten Spannung und zugleich das, was sie, indem sie mit der Regel zusammenfallen, ununterscheidbar zu werden droht. Leben im Ausnahmezustand, heißt deshalb für Agamben, die Erfahrung beider Möglichkeiten zu machen (p. 103) und dennoch im Versuch nie abzulassen, das Funktionieren der Maschine zu unterbrechen, die den Okzident derzeit in den weltweiten Bürgerkrieg führt (ebd.) Eingestiegen wird in die Problematik des Ausnahmezustands - wie es sich gehört - mit Carl Schmitts klassischer Definition aus der Politische Theologie von 1922: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Agamben beschließt diesen Abschnitt mit den Worten: Es sieht ganz danach aus, als enthielte das Recht einen wesensmäßigen Bruch, der zwischen Norm und Anwendung verläuft und der im Extremfall nur per Ausnahmezustand gekittet werden kann, also durch Schaffung einer Zone, in der die Anwendung des Rechts suspendiert wird, aber das Gesetz als solches in Kraft bleibt (p. 40). 

In den weiteren Abschnitten geht es nun darum, diese Zone hier genauer zu erfassen, ohne die onto-theologische Strategie (p 72) zu verfolgen, die darauf aus ist, das reine Sein im Logos einzufrieden, um die Beziehung zwischen anomischer Gewalt und Recht im Ausnahmezustand zu gewährleisten (p. 72). Agamben diskutiert in den folgenden Abschnitten viele klassische Texte angefangen etwa von Walter Benjamins Text Zur Kritik der Gewalt, den Derrida schon in seinem Text Force de loi, auf so unnachahmliche Weise traktiert hatte, über Überlegungen zum Zusammenhang von Fest, Trauer und Anomie ausgehend von einem wichtigen Text von H.S. Versnel, über Franz Kafka, dessen Figuren für Agamben soviel mit der gespenstischen Form des Ausnahmezustands zu tun haben (p.77). 

Er wirft in dem Abschnitt Gigantomachie rund um eine Leere die folgende (und für das Buch entscheidende) hochbrisante Frage auf: Was passiert mit dem Gesetz nach seiner messianischen Erfüllung? Und antwortet. Es handelt sich natürlich nicht um einer Übergangsphase, die nie zu ihrem Ende gelangt, und ebensowenig um den Prozess einer unendlichen Dekonstruktion, der das Recht in einer gespenstischen Welt aufrechterhält und zugleich nicht mehr mit ihm zu Rande zu kommen vermag. Entscheidend ist hier, dass das nicht mehr praktizierte, sondern studierte Recht nicht Gerechtigkeit ist, sondern nur die Pforte, die zu ihr hinführt. Einen Weg zu Gerechtigkeit zu bahnen heißt nicht Auslöschung, sondern Deaktivierung und Untätigkeit des Rechts also einen anderen Gebrauch vom Recht zu machen. (...) Eines Tages wird die Menschheit mit dem Recht speln wie Kinder mit ausgedienten Gegenständen, nicht um sie wieder ihrem angestammten Gebrauch zuzuführen, sondern um sie endgültig von ihm zu befreien. Die Befreiung ist die Aufgabe des Studium oder des Spiels. (p. 76-77). 

Abschließend kann man sagen, dass das Buch vor allem für souveräne Leser geeignet ist, die sich nicht durch provokante Thesen - wie die über die Deaktivierung des Rechts - schockieren lassen. Und Leser, die die Geduld aufbringen, sich lange mit einem kleinen aber mächtigen Buch zu beschäftigen.


 

homo sacer  II.2

»Seine Ausführungen konzentieren sich dabei von Anfang an auf den Begriff der Ökonomie im aristotelischen Sinne, also der Entgegensetzung von Staatsmann und König. In aller Ausführlichkeit ergründet Agamben Wesen und Vorstellung dieses göttlichen Konzepts. ... Diese Auseinandersetzung ist hoch spannend...«

(Thoman Hummitzsch Zeitschrift für Kultur und Weltanschauung )

»Kühn gesehene Parallelen zwischen theologischer Tradition und politischer Macht. Anspruchsvolle, geniales, ungemein gelehrtes Buch«

(Ulrich Greiner Die Zeit )

»Es ist gut möglich, dass Agamben mit seinem langen und verschlungenen Anlauf hier etwas gefunden hat, von dem aus eine Kritik der Moderne radikaler und grundsätzlicher zu leisten ist, als wir das bisher gewohnt sind. «

(Christoph Fleischmann Kommune ) Kurzbeschreibung Die genealogische Erforschung der Macht, die Giorgio Agamben 1995 mit Homo sacer begonnen hat, nimmt mit diesem Buch eine entscheidende Wendung: Warum hat in der westlichen Welt die Macht die Form der Ökonomie angenommen? Und: Weshalb bedarf sie der Herrlichkeit, also jenes liturgisch-zeremoniellen Aufwands, der seit jeher um sie betrieben wird? Um den Monotheismus mit den »drei Personen« zu vereinbaren, entwarfen die Kirchenväter die Trinitätslehre als »Ökonomie« des göttlichen Lebens: als eine Frage der Führung und Verwaltung sowohl des himmlischen als auch des irdischen »Hauses« (griech.: oikía). Agamben zeigt, daß grundlegende Kategorien der modernen Politik – von der Gewaltenteilung bis zur militärischen Doktrin des Kollateralschadens, vom Liberalismus der »unsichtbaren Hand« bis zum Ordnungs- und Sicherheitsdenken – auf dieses theologisch-ökonomische Paradigma zurückgeführt werden können. Die zeremoniellen Aspekte der Macht sind nicht bloß Überreste vergangener Zeiten, sondern bilden – noch immer – ihr Fundament: eine bislang übersehene Genealogie, die die Funktion des Konsenses und der Medien in den modernen Demokratien in einem neuen Licht erscheinen läßt.

 

 


 

 

Nacktheiten

Das neue Buch von Giorgio Agamben umkreist in kurzen, literarisch-philosophischen Denkbildern den Körper in seiner Entblößung, in seiner Nacktheit: von der Bulimie zu den glorreichen Körpern der Heiligen, die weder essen noch lieben, von den verborgenen theologischen Implikationen der Nacktheit zu den neuen Formen unpersönlicher Identität, welche die biometrischen Dispositive der Menschheit auferlegen. Zielpunkt aller Überlegungen ist die Untätigkeit, nicht als Muße oder Trägheit, sondern als Paradigma menschlicher Handlung und einer neuen Politik.

 

 

"Die Mode ist der profane Erbe der Theologie des Kleides, die marktgängige Sekularisierung des paradiesischen Zustandes vor dem Fall." (Agamben) 

Von Helga König www.rezensionen.co  (TOP 10 REZENSENT) 2010 

Dies ist das erste Buch des Denkers Giorgio Agamben, das ich bisher gelesen habe. Es enthält neun Essays, die Anleihen in der Bibel nehmen, um Gedankenbilder, die bis in die heutige Zeit hineinreichen, sehr wortreich aufzudröseln. Zunächst hatte ich einige Schwierigkeiten, mich in die barocken Satzgebilde einzufinden, die mich an Satzgebilde von Sloterdijk erinnern und meiner Neigung für Schlichtheit im sprachlichen Ausdruck, wie der Philosoph André Comte-Sponville sie beherrscht, leider zuwider laufen.

Agamben reflektiert zunächst den Begriff Prophet im Sinne von Vermittler, der bis zum heutigen Tage aus der abendländischen Kultur nicht verschwunden ist, wobei heute allerdings niemand mehr die Position des Propheten vorbehaltlos für sich reklamieren kann (vgl. S.8 ff).

Höchst interessant finde ich seine Überlegungen zur Zeitgenossenschaft. Agamben hat mir mit seinem Essay "Zeitgenossenschaft" klar gemacht, dass ich den Begriff bislang nicht richtig angewandt habe. Er definiert: "Der Gegenwart zeitgenössisch, ihr wahrhaft zugehörig ist derjenige, der weder vollkommen in ihr aufgeht noch sich ihren Erfordernissen anzupassen sucht." Das bedeutet, dass der Zeitgenosse stets unzeitgemäß ist, gleichwohl diese Abweichung es ihm erlaubt, seine Zeit wahrzunehmen und zu erfassen.

Zeitgenossenschaft sei, so der Philosoph, ein spezielles Verhältnis zur Gegenwart. Dieses Verhältnis macht es erforderlich, dass man seinen Blick auf seine Zeit richtet, um nicht deren Glanz, sondern vielmehr deren Finsternis wahrzunehmen (vgl. S. 26). Zeitgenosse ist demnach derjenige, der die Zeit, in der er lebt, kritisch betrachtet. Agamben erläutert, dass unsere Zeit, die Gegenwart, die fernste Zeit sei und für uns letztlich absolut unerreichbar ist. Wir vermögen uns ihr gedanklich nur bedingt zu nähern und nur dann zeitgenössisch zu sein, wenn wir die Dunkelheit der Gegenwart erkennen und ihr unerreichbares Licht als Tatsache begreifen. Soweit ich Agambern verstanden habe, ist ein Zeitgenosse letztlich derjenige der mit dem Zeitbegriff spielt, ihn zerlegt und transformiert und indem er ihn überwindet, es schließlich schafft, Zeitgenosse des Jetzt, das Vergangenheit und Zukunft impliziert, zu sein.

Es ist unmöglich im Rahmen der Rezension alle Essays zu beleuchten. Der Essay "Nackheit" allerdings ist wohl der wichtigste im Buch und entstand aufgrund einer Performance von Vanessa Beecroft am 8.4.2005.

Die Künstlerin hatte Hunderte nackte, hauptsächlich strumpfhosentragende Frauen in militärischer Geschlossenheit bekleideten Betrachtern gegenübergestellt.

Agamben nimmt das Event zum Anlass, den Begriff Nacktheit zu überdenken und hält fest, dass in unserer Kultur besagte Nacktheit eine unauslöschlich theologische Signatur trägt (vgl. S. 97). Der Autor konstatiert, dass es vor dem Sündenfall wohl eine Unbekleidetheit gab, jedoch das Unbekleidetsein noch keine Nackheit war. Obschon Nacktheit Unbekleidetheit vorraussetzt, ist sie mit dieser keineswegs identisch. Adam und Eva konnten vor dem Sündenfall ihre Nacktheit nicht sehen, so Agamben. Der Grund hierfür scheint die Gegebenheit gewesen zu sein, dass sie in eine Art Gnadenkleid der Anmut gehüllt waren. Bei nicht obszönem Unbekleidetsein, wie Beecrofts Modellen, sind die Frauen im Grunde nicht nackt, sondern tragen wie Adam und Eva das Gnadenkleid der Anmut.

Agambens Reflektionen im Hinblick auf Nacktheit münden in Überlegungen, wie der Mensch fernab von Sündenfall und Gnadenkleid und damit verbundener Scham, mit seinem nackten Körper umgeht. Vielleicht wird er durch die Befreiung von der theologischen Signatur tatsächlich erst wirklich frei.

Sehr bemerkenswerter Lesestoff, der zum Nachdenken anregt.

 

 

 

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