Moskau, 1964:

Richterin: 
Was sind Sie von Beruf? 

Brodsky: 
Dichter. Dichter und Übersetzer. 

Richterin: 
Wer hat denn anerkannt, dass Sie Dichter sind? 
Wer hat Sie zum Dichter ernannt? 

Brodsky: 
Niemand. (Setzt unaufgefordert hinzu:) 
Wer hat mich denn zum Menschen ernannt? 

Joseph Brodsky

 

Nobelpreisträger 
für Literatur 1987

 

 

wikipedia.Autor  *1940 in Leningrad bis 1996 (55, Herzinfarkt)

Bing.Autor

detopia:  Kommbuch 

B.htm    Sterbejahr 

Applebaum über Brodsky  
ab S.555, Kapitel Dissidenten

Herling über Brodsky    Bukowski

 

 

Das Protokoll der Gerichtsverhandlung gegen den Leningrader Dichter Joseph Brodsky von 1964 liest sich noch heute, fast vierzig Jahre später, wie ein packendes Drama; es treten auf in den Hauptrollen erstens der sozialistische Staat in Gestalt einer autoritären Richterin, die Dichten nicht als Beruf akzeptiert (jedenfalls nicht, wenn es außerhalb staatlicher Institutionen stattfindet), und zweitens der unabhängige Dichter, dem man die Müdigkeit des Angeklagten anzuhören scheint; er weiß, dass sich das Gespräch im Kreis drehen wird.

Drittens aber gehört, fast unsichtbar, zu diesem Schauspiel Frida Vigdorova; nur weil sie von den Zuschauersitzen aus jeden Satz protokollierte, wissen wir überhaupt, wie der Dichter sein Dichten vor Gericht verteidigte.

Die Prozessmitschrift wurde damals in tausenden von Exemplaren verbreitet. Sie wurde eines der bekanntesten Beispiele des frühen "Samizdat" - ein Ausdruck, der für im "Selbstverlag" erschienene Texte, schließlich aber für die Gegenöffentlichkeit in Osteuropa schlechthin stand.

Eine Abschrift des Protokolls ist nun in Berlin zu sehen: Die Ausstellung "Samizdat. Alternative Kultur in Zentral- und Osteuropa - die 60er bis 80er Jahre", die am Sonntag in der Akademie der Künste eröffnet wurde, zeigt etwa 800 Dokumente aus der Sowjetunion, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und der DDR. Die Exponate stammen vor allem aus den riesigen Beständen der Bremer Forschungsstelle Osteuropa; deren mehr als 100.000 Stücke umfassende Sammlung ist ihrerseits aus der Sammlung von Lew Kopelew entstanden. 

Es geht bei der Ausstellung darum, das machte Wolfgang Eichwede als Leiter der Bremer Forschungsstelle deutlich, die Samizdatkultur als Einheit jenseits nationaler Grenzen zu begreifen - bei allen Unterschieden von Land zu Land, etwa zwischen der DDR, wo Texte der Alternativkultur erst in den achtziger Jahren verbreitet waren, und Polen, wo die Untergrund­öffentlichkeit in jenem Jahrzehnt bereits den Untergrund verließ und nicht nur die Intellektuellen, sondern auch die Arbeiterschaft einschloss.

Dass die Untergrundkulturen des Ostblocks miteinander verbunden waren, zeigen die ausgestellten Übersetzungen: Bahros "Alternative" auf Tschechisch zum Beispiel, oder Amalriks "Wird die Sowjetunion das Jahr 1984 überleben?" auf Polnisch. 

Naturgemäß sind in der Akademie vor allem, wenn auch nicht nur, Texte zu sehen: Manifeste, Kassiber, Almanache, etc.; doch ist diese Textlastigkeit kein Nachteil, weil die Materialität des Samizdat fasziniert. Samizdat, das hieß: unansehnliche Texte auf dünnem Papier in kaum lesbarer Schreibmaschinenschrift, privat mit vielen Durchschlägen abgetippt - zum Beispiel auf der DDR-Schreibmaschine Typ Erika, deren gute Dienste der sowjetische Liedermacher Alexander Galitsch in seinem Lied "Erika fasst vier Kopien" besungen hat.

Das unansehnliche Äußere ist sozusagen die Kehrseite des attraktiven Inhalts; es stand für Authentizität und Wert der Texte, wie in dem sowjetischen Dissidentenwitz von der Großmutter, die für ihren Enkel "Krieg und Frieden" abtippt - weil er Literatur nur als Typoskript kennt und akzeptiert. 

Der ungarische Architekt Laszló Rajk, als einstiger Organisator eines Samizdat-Verlages (des Budapester AB-Verlags) mit dem Untergrundhandwerk vertraut, hat beim Design der Ausstellung auf die Stofflichkeit des Samizdat angespielt, mit einfachen, unfertigen, zerbrechlichen Materialien; zugleich hat er Alexander Solschenizyns Bild vom "Archipel Gulag" (auch ein Werk der Gegenkultur) umgedreht und ein "Archipel Samizdat" aufgebaut.

Geschwungene, amöbenhafte Vitrinen in einer kahlen Halle sollen die bunten Inseln darstellen, in denen sich die Alternativkultur organisierte. Die Inselhaftigkeit, so dargestellt, führt allerdings zur Verinselung der Themen. Das macht den Reichtum der Alternativkultur sichtbar und unübersichtlich zugleich. Aber viele der Exponate sprechen ohnehin für sich. 

Wie eine Gesellschaft, oder zumindest ihre aufgeweckteren Teile, beharrlich die Lücken füllt, die staatliche Denkverbote schaffen, zeigt am schönsten jene offizielle Ausgabe von Bulgakows "Meister und Margarita", in die ein Leningrader Leser alle gekürzten Stellen wieder eingefügt hat: säuberlich auf Schreibmaschine getippt und eingeklebt. Es ist für die Verbreitung des Wissens über die Samizdat-Welt ein Glücksfall, dass mit György Konrad ein ehemaliger Dissident und Samizdat-Autor die Berliner Akademie leitet.

Wie Menschen zu "Andersdenkenden" werden, wie sie das Auseinanderklaffen von privater und öffentlicher Moral nicht mehr akzeptieren, wie sie, in den hehren Worten von Andrej Amalrik, "in einem unfreien Land begannen . sich wie freie Menschen zu benehmen", darüber sprach Konrad.................

 

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