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Politische Verbrechen in der DDR

Die Aufarbeitung des Sozialismus in der DDR

1998 von Ehrhart Neubert

Neubert bei detopia   Pankowbuch

 

 

 

   Flucht aus der Geschichte  

829-844

Die ostdeutsche Provinz des Weltkommunismus hatte einen wunderbaren Namen: »Deutsche Demo­kratische Republik«. Dieser Name verbindet, was die Deutschen in diesem Jahrhundert bis zur Wieder­vereinigung 1990 nur in der kurzen Episode der Weimarer Republik zusammen­brachten. 

Richard von Weizsäcker, der spätere Bundespräsident, erklärte 1978 als Abgeordneter des Bundestages anläßlich einer deutschland-politischen Debatte, »daß es unverrückbar darauf ankomme, unser National­bewußt­sein mit der freiheitlich-demo­kratischen Lebensform auszu­söhnen und zu verbinden«.1 In der »alten« Bundes­republik konnte dies versucht werden. Aber sie war nur ein Teilstaat.

Die Verknüpfung von Nation und Demokratie in der »DDR« war ein Zerrbild, weder Nation noch Demokratie. Sie verdankte ihre Entstehung und ihr Bestehen und schließlich auch ihren Untergang der sowjetischen Sieger­macht. Mühselig mußte sie durch sowjetische Gewalt und DDR-staatlich organisiertes Verbrechen zusammen­gehalten werden. Und zusammengehalten wurde die DDR auch, weil es den Mächtigen gelang, genügend Menschen als Überzeugungs­täter in ihre Politik zu verstricken. Von den Opfern in der Sowjetisch Besetzten Zone und in der DDR, die den Preis für dieses kommunistische Unternehmen darstellen, ist hier die Rede.

Der deutsche Nationalsozialismus hat Millionen Menschen Europas das Leben gekostet, auch Millionen Deutschen, vor allem Deutschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft. Die Etablierung der kommun­istischen Macht in Ostdeutschland und die Verteidigung dieser Macht kostete wieder Tausenden Menschen das Leben. Wem aber sollen die über zwei Millionen deutschen Zivilisten, die durch Vertreibung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten ums Leben kamen, angelastet werden? Und wer ist schuld am Tod von über einer Million deutschen Soldaten, die in sowjetischer Kriegsgefangenschaft starben? Dies wäre alles nicht geschehen, wenn die National­sozialisten nicht den Krieg begonnen hätten. Und gewiß hätten mehr überleben können, wenn Rußland ein demokratisches Land gewesen wäre. 


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Im Ineinander von Ursachen und Folgen des Krieges ist Trauer über Deutschland und Klage um die Opfer die vornehmlich angebrachte Antwort. Das bloße Aufrechnen von Opfern kann eine besonders subtile Form von Verant­wortungs­losigkeit bedeuten. Wer aber Verantwortung wahrnehmen will, muß von den Opfern sprechen, auch von schuldig gewordenen und unschuldigen, von sinnlosen und vergeblichen, aber auch von denen, die zu Opfern wurden, weil sie selbst nicht schuldig werden wollten. Von ihnen allen muß erzählt, sie alle müssen auch gezählt werden. Darum werden hier auch die Opfer in Ostdeutschland gezählt, Tote und Häftlinge, Flüchtlinge, physisch und psychisch Mißhandelte.

Das Motiv, die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft zu zählen, kann  und darf nicht aus dem Triumph über den Zusammen­bruch des Kommunismus herrühren. Die dringenden Fragen, wie das alles hat geschehen können und wie dies möglich war, müssen im Unterton das Erstaunen und Erschrecken über die menschlichen Abgründe mitklingen lassen. Es gibt unter Zeitgenossen widersinnige Rechtfertigungen und Verharmlosungen der kommunistischen Herrschaft — samt ihrer Verbrechen. Doch diese bestätigen eigentlich nur, wie leicht Menschen zu Tätern und politischen Verbrechern werden können.

 

Der Kommunismus ist ein Phänomen der europäischen Kultur. Idee und politische Praxis des Kommunismus, seine Genese und seine Krise sind so eng mit der europäischen Geschichte verbunden, daß die Kritik des Kommunismus diesen Horizont im Blick haben muß. 

Die Wurzeln des Kommunismus hafteten im Boden der jüdisch-christlichen Traditionen, ihren Werten und Widersprüchen, ihren Denkmustern und Ausuferungen. Philosophisch und intellektuell waren die Schöpfer der kommunistischen Ideologie auf der Höhe ihrer Zeit. Mit Marx und Engels waren Deutsche beteiligt. Andere europäische Nationen haben ihre Denker beigesteuert. 

Die kommunistische Idee konnte sich mühelos in diesem Jahrhundert breitmachen. Sie wuchert in großer Vielfalt, in nationalen Kontexten, in den Varianten kommunistischer Parteiinteressen, in primitivierten Formen ebenso wie in künstlerisch durch­gestalteten Sprachen. Den Kommunismus als geschlossenes Ideengebäude gibt es nicht, sondern nur viele Ansprüche auf die kommunistischen Traditionen und Orthodoxien. Dabei hat jede kommunistische Partei ihre geschlossene Geistesgeschichte mittels eines hermeneutischen Wahrheitsbegriffes erfunden. Für nahezu alle Kommunisten sind Marx und Engels, bisweilen auch Lenin, unversiegbare Quellen der Legitimation ihrer Politik. Doch viele Parteien haben weitere »Klassiker« kanonisiert, um ihre partiellen Interessen universell erscheinen zu lassen.

Die Suche nach dem gemeinsamen Nenner des Kommunismus stößt schon in ideologischen Gefilden auf größte Differenzen, die sich in den gegenseitigen Verdammungen der Kommunisten potenzieren und in den politischen Strategien und deren taktischen Umsetzungen noch einmal vervielfältigen. Und dennoch haben die Kommunisten aller Spielarten etwas gemeinsam. Es ist die totale Okkupation der Geschichte, um sie nach ihrem Bilde neu zu schaffen. Dies macht den Kommunismus überall auf der Welt wiedererkennbar.


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Von Beginn an haben die Schöpfer der kommunistischen Ideologien den Ausstieg aus der Geschichte proklamiert. Sie mußten und wollten darum zuerst die Wurzeln Europas ausreißen, die christliche Religion. Der Entwurf einer neuen Welt war ihre Mission. Der junge Marx und die Junghegelianer suchten in ihren Philosophien einen »Kristallisations­punkt massenhaft existentieller Sozialität, an dem sich die akute gesellschaftliche Misere und der Vorschein künftiger Befreiung, an dem sich Resignation und Rebellion, Depression und Hoffnung zu einer in ihrer Ambivalenz alltäglichen Erfahrung synthetisieren und theoretisch generalisieren ließen«. Dies war für die Junghegelianer nur im Bereich der Religion zu beobachten. 

So ging von der Religion für sie »bei aller verbalradikalen Ablehnung eine Faszination aus«, da in ihr die Synthese »von die Gegenwart transzendierenden Glücksversprechen und Kompensation akuter sozialer Misere«2 gelungen schien. Im Versuch, der Religion zu entkommen, sie vom Kopf auf die Füße zu stellen, warfen sich schon die Junghegelianer gegenseitig vor, selbst noch in religiösen Denkmustern befangen zu sein. Mit Recht! Es war unabweislich, daß im Gebäude der Theorie von der Einheit aller Widersprüche das religiöse Erbe seine Verstecke fand. Im Zuge der Dogmatisierungen, der Simplifizierungen und dem Gebrauch der Ideologie zur Legitimation praktischer Politik wurde die Religion zum doppelten Schicksal des politischen Marxismus. Einerseits nahm er selbst quasireligiöse Gestalt an, wie er andererseits auf eine Gegenposition gegenüber dem Religiösen fixiert blieb.

Um sich in den Stand immerwährender Unschuld zu versetzen und aus der Geschichte zu stehlen, haben die Kommunisten auf beachtliche Opferbilanzen der europäischen Zivilisation verwiesen. Das Christentum hat die sozialen Probleme nicht gelöst und seine Ketzer auf den Scheiterhaufen geschickt. Die Nationen des christlichen und des bürgerlich aufgeklärten Europas haben schreckliche Kriege miteinander geführt, wie sie sich in einem verheerenden Kolonialismus die Welt aufteilten. Der frühe Kapitalismus führte zur Verelendung ganzer Regionen. Davon distanzierten sich die Kommunisten und offenbarten neues Heil. Es gab plausible Gründe, die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern zu verändern und zu revolutionieren.

Als aber die Kommunisten Macht in den Händen hielten und ihre Unschuld bei diesen Veränderungen nur allzu sinn­fällig verloren hatten, flüchteten sie auch aus ihrer eigenen Geschichte. Wieder kam das Prinzip der tot­alen Okkupation der Geschichte zum Tragen. Aus der verbrecherischen Diktatur Stalins wurde der von den Komm­unisten zögerlich zugegebene, aber nicht mehr zu übergehende »Stalinismus«. Damit hatte die abgelegte Vergangenheit und überwundene Formation einen Namen. So konnte der Henker der Ukraine, Nikita Chru­scht­schow, der selbst ein übler Stalinist war, 1956 die erste Entstalinisierung und 1961 eine zweite wagen.


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Die Entstalinisierung wurde zur Legitimitätsstütze des Sozialismus. Jenseits von Stalin lag nun das gelobte Land, und die Kommunisten entzogen sich mit dem Abschneiden der Tradition, diesmal ihrer eigenen, wieder der Verantwortung. Sie konnten verkleistern, daß der Stalinismus der Sozialismus/Kommunismus in der Zeit und im Einflußbereich Stalins war.

Als mit der Entmythisierung Stalins der ideologisch-politische Bezugspunkt des Gesamtsystems ausfiel, wurden Zentrifugalkräfte in den herrschenden Parteien und in den beherrschten Gesellschaften entbunden. In Polen und Ungarn kam es zu schweren Unruhen und Panzer rollten. Die Entstalinisierung hatte nichts mit einer Liberalisierung gemein. Sie setzte das Prinzip der Legitimation kommunistischer Herrschaft durch das Bestreiten der Verantwortung früherer Verbrechen nur fort. Insofern war die Entstalinisierung die Fortsetzung des Stalinismus mit anderen ideologischen Mitteln.

 

Nicht anders war es in der DDR. Das Politbüro der SED sprach sich selbst und Ulbricht vom »Personenkult« frei und setzte den Prozeß der Konzentration der Macht in den Händen einer Person, nämlich Ulbrichts, fort. Wer sich der Zentralisierung entgegenstellte oder dies auch nur potentiell hätte tun können, wurde verfolgt. Im Herbst 1956 ließ Ulbricht vorbeugend die Kampfgruppen vor der unruhigen Studentenschaft in Berlin aufmarschieren und setzte eine rigorose Verfolgung gegen jede ideologische Aufweichung durch die »Revisionisten« in Gang. Die Entstalinisierung blieb ein organisiertes Vergessen bis 1989 — selbst als in der UdSSR Gorbatschow schon andere Wege ging.

Auch die Kontinuität der Legitimation kommunistischer Politik durch Verabschiedung von der eigenen Verantwortung blieb gewahrt. Neue Politiken wurden mit der Verdammung der Vorgänger legitimiert. Ulbricht schaffte es zweimal, die Krise seines politischen Systems auf seine Paladine, zwei schreckliche Minister für Staatssicherheit, abzuwälzen. Wilhelm Zaisser mußte 1953 nach dem Aufstand vom 17. Juni und Ernst Wollweber mußte 1956 im Zusammenhang mit der ersten Entstalinisierung zurücktreten. 

1971 kam es dann zur Ent-Ulbrichtisierung. Sein treuester Vasall, Erich Honecker, stürzte ihn. Ulbricht wurde nicht nur gestürzt, sondern sogleich vergessen. In der Krise 1989 kam es zur Ent-Honeckerisierung. Wieder waren es seine Treuesten, Erich Mielke und Egon Krenz, die die »Wende« mit Honeckers Sturz einleiteten. Als es Krenz nicht gelang, die SED wieder handlungsfähig zu machen, zwang ihn Gregor Gysis Truppe zum Rücktritt.

Noch unter Hans Modrow und Gysi begann dann die Enthoneckerisierung, die keine wirkliche Aufarbeitung, sondern eine kommunistische Säuberung darstellte. Honecker und Mielke wurden wegen Hochverrats angeklagt. Eine solch absurde Anklage konnte sich die bundesdeutsche Justiz nach der Vereinigung nicht leisten. Dies geschah, als aus Kommunisten Postkommunisten wurden. Beide kennen keine Verantwortung, und die Postkommunisten distanzieren sich besonders heftig von ihrer Geschichte.


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Die kommunistischen Verbrechen sind auch keine Folge der Psychopathien einiger kommunistischer Führer. Wie der psychische Habitus der Persönlichkeit Hitlers den National­sozialismus nicht erklärt, sondern allenfalls illustriert, dürfen die Persönlichkeitsmerkmale der kommunistischen Führer nicht einer Argumentation Vorschub leisten, nach der der deutsche Kommunismus lediglich in die falschen Hände gefallen wäre. Die Spitzenleute haben der kommunistischen Politik ihre persönliche Note gegeben, wie gleichzeitig die kommunistische Theorie und Praxis diese Personen physisch und politisch selektierte und hervorbrachte.

Der »demokratische Zentralismus«, die einheitliche Organisation des politischen Systems, führte zur Machtakkumulation bei einzelnen Personen und dem hierarchisch gegliederten Kadersystem. Die dauernde Säuberung der Kader zur Ausbildung und zum Erhalt eines Potentials absolut ergebener Funktionäre ersetzte öffentliche und standardisierte Verfahren der Konfliktregulierung durch die Unterwerfungsrituale gegenüber dem Despoten, der das einheitliche politische und ökonomische System repräsentierte. 

Eine solche Zuschreibung von absoluter Macht über Geschichte und Schicksal mußte Einzelne in der Rolle Mensch überfordern. Wer aber die Rolle eines Übermenschen annahm, mußte in rücksichtsloser Gewalt das Walten der Geschichte zum guten Zwecke erkennen. Walter Ulbricht und Erich Honecker sahen sich als letzte Instanzen der Weltgeschichte. Sie konnten darum am Schreibtisch Todesurteile aussprechen und über die Effektivität von Tötungsmaschinen an der Grenze nachdenken. Die Selbst­überschätzung kommunistischer Führer wurde für Gorbatschow ein Problem, als er sein Reich mit einer vorsichtigen Dezentralisierung noch retten wollte. Am 1. November 1989 sagte er zu Egon Krenz in Moskau, »Genosse Erich Honecker habe sich offensichtlich für die Nummer 1 im Sozialismus, wenn nicht gar in der Welt gehalten«3

Gorbatschow hat damals nicht gesehen, daß die Selbsterhöhung kommunistischer Führer Folge des kommun­istischen Allmachts­anspruches war. Woran er auch nicht gedacht haben mag, war der Umstand, daß Honecker seinen Vorgänger Ulbricht aus dem gleichen Grund gestürzt hatte. Honecker hatte sich im Jahre 1971 bei Breschnew beschwert, daß Ulbricht sich selbst für »unwiederholbar« halte und daß er eine »übertriebene Einschätzung seiner Person«4 auf die DDR übertrüge. Ulbricht mußte gehen.

Ein Mörder war Mielke, der seine Mordkarriere schon Anfang der dreißiger Jahre begann und als Chef des MfS für die Blutspur dieses Organs hauptverantwortlich ist5. Wer sich mit seinem Leben und Wirken befaßt, seine Reden auf Bändern hört, seine rüden Äußerungen zur Kenntnis nimmt, ist angewidert. Das Entsetzen an diesem Mann darf die Erkenntnis nicht verstellen, daß Mielke zuerst ein kommunistischer Parteisoldat war, der der Macht der Partei alles unterordnete, selbstverständlich auch Leben und Würde von Menschen.


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Mielke klagte noch im April 1989 anläßlich einer gelungenen Flucht: »Wenn man schon schießt, dann muß man es eben so machen, daß nicht noch der Betreffende wegkommt, sondern dann muß er dableiben bei uns. Was ist das denn für eine Sache, was ist denn das, 70 Schuß loszuballern, und der rennt nach drüben.«6 Dieses zynische Mordverlangen ist die Vernunft des Kommunismus.

Die Diener ihrer Herren auf den niedrigeren Rängen waren ebenso bereit, Mord und Totschlag, physische und psychische Folter und jede Form des Eingriffs in die Rechte und Würde von Menschen vorzunehmen. Unter ihnen gab es besondere Schreckens­gestalten, wie die langjährige Justizministerin Hilde Benjamin7, im Volksmund die »rote Hilde« genannt, oder einen von vielen gefürchteten Strafvollzugsbeamten, den die Häftlinge »Roter Terror« nannten. Neben ihnen stehen zahlreiche MfS-Offiziere, Grenzer, Vernehmer, Richter, Staatsanwälte, Polizisten, Lehrer, Spitzel. Sie waren Menschen und keine Dämonen. Sie wurden zu Mördern und Menschen­schindern, weil sie ihre eigenen Interessen mit denen des Kommunismus im Einklang sahen und damit menschliche Maßstäbe dahingaben. Sicher haben manche dabei ihre eigenen sadistischen Gelüste ausgelebt. Das aber war nur möglich, weil sie auch darin gebraucht wurden.

Die kommunistische Herrschaft von 1917 bis 1991, in Ostdeutschland von 1945 bis 1989, war aus einem Guß. Die Brüche, die Kurswechsel, die neuen Strategien, die Wechsel von Eiszeiten und Tauwettern, die Verdammung der Vorgänger, die anschließenden Rehabilitationen von eingesperrten und ermordeten Genossen, die veränderten Politiken in den jeweils anderen »Kämpfen unserer Zeit«, wie dies ein Staatsdichter bezeichnete, die ideologischen und politischen Wenden zeigen keine Diskontinuität, sondern die Kontinuität der totalen Verfügung über die Geschichte.

Die Kommunisten haben den Bruch mit der europäischen Zivilisation organisieren wollen und konnten sich dabei nicht über die unaufgeklärten Ränder dieser Zivilisation hinausbegeben. Sie blieben eine europäische Politsekte, die dem berechneten und dann stets ausgefallenen Weltgericht hinterherlief, neu berechnete, den Irrtum zur Übergangserscheinung erklärte und sofort neue Offenbarungen verkündete. In diesem Anspruch waren sie maßlos. Sie waren ein Schisma der Aufklärung und der europäischen Vernunft mit einer religiösen Sendung ohne religiöse Selbstkontrolle. 

Selbst die Nationalsozialisten sind nicht derart aus der Geschichte entflohen. Sie haben die Geschichte germanisieren und »entjuden« wollen und dabei allerlei Mythisches ausgerechnet aus der jüdisch-christlichen Tradition, wie da» 1000jährige Reich, aufgenommen. Es waren lächerliche Montagen aus romantischen Bühnenbildern und verfallenen Grüften. Es waren Kinder­buch­phantasien von Kleinbürgern, die ihren Mordrausch und ihre Mengele-Exzesse in den Rang abendländischer Großtaten hoben. Das Ganze konnte unverarbeitete Ängste und abwegige Phantasien mobilisieren, war aber keine wirkliche Gefahr für die intellektuellen Köpfe Deutschlands und Europas. Die Vernunft stand dagegen und auch die Moral.

Anders der Kommunismus. Er setzte tiefer an, mobilisierte die unauslöschliche Sehnsucht nach dem Guten, die allen Europäern in die zivilisatorische Wiege gelegt ist.


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Seine Verführungskraft wurzelte in den Schattenseiten der bürgerlichen Welt, die aufzuhellen schon an sich eine Berechtigung hat. Damit konnte er über die halbe Welt die Macht ergreifen, die Gesellschaften tiefgehend verändern. Im Namen des antiimperialistischen Kampfes wurde er zum wirklichen europäischen Kulturimperialismus. Seine Flucht aus der europäischen Geschichte im Namen des Guten geriet zur Schande Europas und seiner Zivilisation. Kein anderer europäischer Kolonialismus hat derartige Zerstörungen angerichtet und soviel Todesopfer gekostet. Wohlmeinend könnte zugestanden werden, daß der Weltkommunismus nicht auf seinen Terror und nicht auf die von ihm zu verantwortenden Millionen Todesopfer reduzierbar ist. Doch wo, muß dann gefragt werden, ist seine Kulturleistung? Was ist sein Beitrag zur Kulturgeschichte der Menschheit, der Bestand haben wird? Hier ist nichts, gar nichts, worauf die Menschheit stolz sein kann.

Der Kommunismus war nicht allein auf der Welt, und die sich gegenseitig exkommunizierenden Kommunisten waren nicht unter sich. Sie bekämpften den Westen und seine Zivilisation, die europäische Tradition und das moderne Amerika als ihre Erzfeinde. Aber sie mußten auch mit diesen Feinden kommunizieren. Im geteilten Deutschland waren die Kommunisten nicht nur geographisch dem Westen nahe. Sie ergriffen die Macht auch in einem Teil eines unteilbaren Kulturraumes und eines damals seit hundert Jahren zusammengewachsenen Wirtschaftsraumes. Zudem bestanden millionenfache familiäre Bindungen über Demark­ations­linien und Grenzen hinweg. Sie blieben zu jeder Zeit auf ihren Feind, den Westen, fixiert.

Immer gab es eine heimliche Faszination durch westliche Technik und westliche Wirtschaftskraft. Wie sich der werdende Marxismus nicht wirklich von der Faszination durch die Religion lösen konnte, konnte sich der politisch zur Macht gekommene Kommunismus auch nicht von seinem Feind lösen. In der DDR trieb das besondere Blüten. Viele Jahre war die Chiffre für die ökonomische West­orientierung »Weltniveau«. »Überholen ohne einzuholen!« verkündete Ulbricht. In den letzten Jahren schauten die Bürger mitsamt den Genossen offiziell-inoffiziell Westfernsehen, und selbst im Wohngetto des Politbüros in Wandlitz gab es westliche Konsumgüter und Pornovideos.

Wie aber haben sich umgekehrt die »Klassenfeinde«, die Vertreter der westlichen Zivilisation gegenüber dem Kommunismus verhalten? Gewiß, sie wollten nicht in der Art, wie sie von den Kommunisten definiert wurden, Feinde sein. Sie konnten sich andererseits dem erklärten Klassenkampf auch nicht ganz entziehen. Der nichtkommunistische Rest der Welt nahm aber den Kampf nur selten an und auf. Und wenn er den Kampf aufnahm, war er fast immer an die Mittel gebunden, die ihm im Interessen­kampf zwischen westlichen Nationen angemessen erschienen.

Wohl gab es immer Antikommunisten und Antibolschewisten, die ihre Identität aus dieser Feindschaft defin­ierten. In der Weimarer Republik machten die Nationalsozialisten und die Kommunisten gegeneinander mobil.


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Doch trotz blutiger Auseinandersetzungen haben sie gemeinsam gegen die Demokratie paktiert8. Der Anti­bolschewist Hitler schloß schließlich einen Vertrag mit Stalin. Als er dann doch gegen die bolschewistische Sowjetunion zu Felde zog, segelte er im Wind der Angst vor dem Kommunismus einen Kurs, der alles übertraf, worauf die Angst beruhte. Sie bekämpften sich gegen­seitig und brauchten sich gegenseitig, um ihren Kampf zu legitimieren.

Viel wichtiger ist darum die Frage, wie die Demokraten im Nachkriegsdeutschland auf den Kommunismus reagiert haben. Hatten die demokratischen Gegner des Kommunismus nicht auch einen Anteil an der Gestalt des Kommunismus?

Die Entspannungspolitik der siebziger Jahre brachte Erleichterungen im sogenannten Kalten Krieg. Positiv gesehen waren dies Waffenstillstands­verhandlungen, die zweifellos legitim waren, selbst wenn die Kommunisten auf die Proklamation ihres Endsieges nicht verzichteten. Doch im geteilten Deutschland hat es auf westlicher Seite einen Sinnüberschuß in der West-Ost-Politik gegeben. Nicht nur der Status quo als Balanceakt zum Zwecke der Friedenssicherung, sondern ein Status pro zum Zwecke der Anerkennung kommunistischer Legitimation wurde gepflegt. Abgesehen von der üppigen Finanzierung des Sozialismus übte sich wenigstens ein Teil der politischen Klasse im Vergessen der frühen und im Verdrängen der damals gegenwärtigen Verbrechen.

Mehr noch: Die ostdeutschen Kommunisten erschienen als Opfer westlicher Politik. Der Erhalt ihrer Macht wurde zur Friedensaufgabe. Oder hat das professionelle Übersehen kommunistischer Verbrechen etwas mit der Verstörung zu tun, die unfreiwillige Zeugen von Untaten befällt? Lösten sich das Unbehagen an Verbrechen und ihre Unerträg­lichkeit in der Suche nach deren verborgenem Sinn auf? Das liegt schon deswegen nahe, weil bis heute kommunistische Verbrechen relativiert und verdrängt werden.

Der DDR-Sozialismus in den achtziger Jahren wurde zu einer west-östlichen Inszenierung. Politiker beteuerten, keine kalten Krieger zu sein, und Intellektuelle entdeckten in ihm eine legitime Alternative. Als 1989/90 der Kommunismus in Europa zusammen­brach, gerieten sie darum zunächst in die politische Krise.

Idee und Praxis des deutschen Kommunismus kamen auf den Prüfstand. Und immer noch fällt es vielen auch im Westen schwer, anzuerkennen, daß die DDR nie eine Legitimation besaß. Es gibt kaum ein Eingeständnis der Täuschung und Selbsttäuschung, und es gibt die Aufforderung zum Vergessen. Die DDR hätte schließlich keine Leichenberge, sondern nur Aktenberge hinter­lassen. Auch die sollten noch verbrannt werden. Vor allem ist aber die kommunistische Idee ein Reservoir für nachholende Legitimation. Nur wenige Dogmatiker halten sich noch an der kompletten Ideologie fest. Aber beträchtlich sind die Versuche, wenigstens einen Zipfel kommunistischer Wahrheit zu erhaschen. Manchmal geht es dabei nur um die Würdigung der Intentionen und Absichten.


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Doch wer zugreift, hat unversehens das Gewand in der Hand, und der Träger ist entwischt. In einem ist der Kommunismus ernst zu nehmen: Er beanspruchte die Wahrheit, und im Namen der Wahrheit machte er sich zum Herrn über Leben und Tod, Freiheit und Recht. Ohne diesen Anspruch gibt es auch keinen Kommunismus. Ein Zweifel an der eigenen Wahrheit wäre das Ende des Kommunismus vor seinem Anfang gewesen.

Die kommunistische Idee war und ist tödlich, sie war ein Liquidations­programm von Anfang an. Sie war die Entscheidung für den kommunistischen Homunkulus und gegen den wirklichen und unvollkommenen Menschen. Darum gab es keine Humanisierung oder Liberalisierung des Stalinismus, des Kommunismus, des Sozialismus. In den achtziger Jahren verringerte sich die Zahl der Todesopfer, aber es gab mehr Herrschaft. Die Gewalt war in eine andere, in eine modernere Gestalt geschlüpft. Deshalb mußten nun nicht mehr massenweise die Köpfe vom Rumpf getrennt werden. Es genügte, die Menschen zum Verzicht auf den Gebrauch wesentlicher Funktionen des Kopfes und des Herzens zu bewegen. Das macht die Aufarbeitung schwer verständlich. Zu den kommunistischen Verbrechen gehört deren ideelle Tarnung, deren ideologische Konspiration, die anhaltende Tabuisierung. Die Verbrechen sind hinter großen Ideen verbarrikadiert. Wer sie wahrnimmt, setzt sich dem Verdacht aus, Böses zu wollen oder überhaupt nicht bei Troste zu sein.

Die intellektuelle Auseinandersetzung um Rechtfertigung und Delegitimation des Kommunismus findet auf vielen theoretischen und abstrakten Ebenen statt, etwa der Frage nach der Gültigkeit der Totalitarismus­theorie oder der Legitimität des Diktaturen­vergleichs. Es gibt aber Maßstäbe der Bewertung, die die Kommunisten selbst gesetzt haben. Dazu gehört der von ihnen zugegebene Bruch mit der europäischen Aufklärung. Diese hat die europäische Zivilisation auf Menschenrechte und Menschenwürde, auf die Freiheit des Individuums und auf das Prinzip der Verantwortung festgelegt, Werte, die die Kommunisten erklärtermaßen für ihre Heilstaten beschnitten. Die Apologeten werden sich gegen diese Maßstäbe wehren. Das ist auch folgerichtig. Sie haben nicht im Blick, wofür sie immer blind waren.

Der Kommunismus kann nicht in das Museum der Sozialgeschichte entlassen werden, weil seine »Großtaten« wie die Pyramiden oder die chinesische Mauer zu touristischen Sehenswürdigkeiten geworden sind. Er darf sich auch nicht in die zwischen­mensch­lichen Beziehungen seiner Untertanen verflüchtigen. Es geht im deutschen Fall nicht um die soziale Gefängnis­ordnung, die Privatangelegenheiten einzelner Insassen, die Freigangerlaubnis für Privilegierte, sondern um das Gefängnis DDR. Es war ein relativ kleines Gefängnis im Vergleich zu dem, was Kommunisten in aller Welt Menschen zugemutet haben. Im engen Raum zwischen Elbe und Oder, in dem sich 1945 etwa 19 Millionen Menschen drängten, wurde aber auch fast nichts von dem ausgelassen, was Kommunisten der Menschheit angetan haben. 

 


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Sowjetischer und »deutscher« 
Kommunismus

 

Schon 1944 planten die deutschen Kommunisten unter sowjetischer Anleitung in Moskau den Aufbau einer kommunistischen Diktatur für ganz Deutschland. Das sowjetische politische System sollte übernommen und eine Westorientierung Deutschlands verhindert werden. Wichtigstes strategisches Element sollte eine Block­politik sein, in der alle anderen demokratischen Parteien eingebunden und nach einem Spaltungs­konzept gelähmt werden sollten9.

Stalin schickte nach Kriegsende 1945 die »Gruppe Ulbricht« in die sowjetische Besatzungszone. Kommunisten, die die nationalsozialistische Verfolgung und die stalinistischen Säuberungen überstanden hatten, machten unter Führung der sowjetischen Militäradministration die SBZ und die frühe DDR zur Filiale des sowjetischen Kommunismus. Sie galten auch in der Bevölkerung als die Handlanger der Besatzungs­macht. Entgegen den Moskauer Planungen gelang es nicht, in den Westzonen Fuß zu fassen.

Die Sowjets behielten sich zunächst das Gewaltmonopol vor, das sie nur schrittweise den deutschen kommun­istischen Behörden abtraten. Sowjetische »Berater« gab es aber bis zuletzt in allen sicherheits­relevanten Bereichen der DDR. Dieser Staat blieb ein »Kind der Sowjetunion, und die Vaterschaft für seine Kinder müsse man anerkennen«10, klagte Krenz im November 1989 gegenüber Gorbatschow ein, um der SED die Schutzmacht zu erhalten.

In der DDR-Außenpolitik gegenüber den anderen osteuro­päischen Staaten war die SED stets gewaltbereit. Schon 1956 überlegte die SED, ob sie Freiwillige nach Ungarn zur Rettung des Sozialismus schicken sollte. 1968 ließ Ulbricht seine Truppen in Stellung für den Einmarsch in die CSSR gehen. 1980 und 1981 gehörte Honecker zu den Scharfmachern unter den osteuropäischen Politikern und hielt die NVA als Reserve für den Einfall in Polen bereit11). Als die Welt im Juni 1989 über die blutige Niederschlagung der Demokratie­bewegung in China erschüttert war, verbreiteten die SED-Medien zynische Mitteilungen über den Kampf der KPCh gegen die bürgerliche Liberalisierung. Honecker, Krenz und Modrow gratulierten den chinesischen Kommunisten.

Die SED-Führer waren nicht nur übereifrige Zöglinge der Sowjets, sondern wußten, daß sie nur in einem politisch und militärisch festgefügten Ostblock eine Überlebenschance hatten. Zu den Besonderheiten der kommunistischen Herrschaft in der SBZ/DDR gehörte der Viermächtestatus und die besonders exponierte Lage als westlicher Vorposten des Kommunismus, in den die Welt­öffent­lichkeit begrenzt Einblick hatte. Hier bedurfte es einer besonderen Legitimation. Die Kommunisten sicherten ihre Herrschaft darum nicht nur durch Repression, sondern auch durch eine auf die deutschen Verhältnisse zugeschnittene Legitimation.

In einer kurzen Phase beruhte diese auf der Propagierung der Demokratie. Wie dies praktisch aussah, geht aus der bei Wolfgang Leonhard überlieferten Äußerung Ulbrichts hervor: »Es muß alles demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.«12 


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Stärker noch wurde »Sozialismus« in allen Varianten als »deutscher Sozialismus«, als »christlicher Sozial­ismus« oder als »demokratischer Sozialismus« zum Vehikel der Legitimation. Dieser offene Sozialismus­begriff übte in den ersten Jahren nach dem Krieg auf Intellektuelle eine große Faszination aus. Er galt als Synonym für einen Neubeginn Deutschlands nach einer gescheiterten Demokratie, nach Krieg und Völkermord. Weithin bestand die Ansicht, daß die deutschen Konservativen am Aufkommen des Nationalsozialismus schuld seien und deswegen nur eine sozialistische Alternative möglich und moralisch gerechtfertigt sei. Dies nutzten die Kommunisten geschickt aus und wendeten es gegen die westdeutsche Demokratie. In späteren Jahren hat die SED alle verfolgt, die nicht der Parteilinie folgten. Und obwohl Ideen von einem demokratischen Sozialismus zwischen West- und Ostorientierung zu einem wichtigen Movens von Dissidenten wurden, blieb in ihnen die Legitimation der DDR als Alternative zur Bundesrepublik erhalten. Aber diese Alternative war nur in den Köpfen von Intellektuellen real. Der reale Sozialismus band sich an die KPdSU.

Zur wichtigsten Legitimation aber wurde der Antifaschismus. Er band tatsächlich zahlreiche Intellektuelle moralisch an die Kommunisten, die eine Antwort auf die Verbrechen der Nationalsozialisten suchten. Der Mythos Antifaschismus13 überwölbte die geistige Spannung, die Schuld, Versäumnis, Ohnmacht und der Wunsch nach Entschuldung verursachten. Er wirkte in der DDR bis 1989, und trotz einer breiten aufklärerischen Literatur wirkt er noch heute unter Intellektuellen. Er entstellte die Wirklichkeits­wahr­nehmung derart, daß ein kommunistischer Schriftsteller jüdischer Abkunft seine antifaschistische Biographie noch zusätzlich mit einem KZ-Aufenthalt aufbesserte14. Subjektiv war das nicht einmal eine bewußte Fälschung. Die antifa­schistische Haltung bekam ihre Bilder.

Gegner und Kritiker der SED mußten die geistige und moralische Bindungskraft des Antifaschismus überwinden. So bekannte Kritiker wie der Wissenschaftler Robert Havemann oder der Menschenrechtler und Bischof Hans-Joachim Fränkel konnten selbst eine antinationalsozialistische Vergangenheit vorweisen. Die 1958 gegründete »Aktion Sühnezeichen«, die eine ethische Alternative zum kommunistischen Antifaschismus darstellte, verdankte ihr Entstehen Lothar Kreyssig, einem Juristen und Mitglied der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit. Kirchliche Gruppen haben oft gegen den Willen der Behörden jüdische Friedhöfe gepflegt, des Judenpogroms vom 9. November 1938 gedacht, gegen den Antizionismus protestiert, die Auseinandersetzung mit dem alltäglichen Antisemitismus und neonazistischen Phänomenen geführt.

Das kommunistische Projekt Antifaschismus war immer nur ein selektives Programm zur Geschichts­klitter­ung und Instrument des Machterhaltes. So steht neben der Verfolgung von tatsächlichen und ungerechtfertigt beschuldigten NS-Belasteten deren Integration.


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Allein die Option für den Kommunismus, mehr noch die bedingungslose Ausrichtung an der jeweils gültigen Parteilinie und den Parteiinteressen, wurde als Antifaschismus anerkannt. Mit dieser Reduktion wurde der kommunistische Widerstand, der tatsächlich vielen Kommunisten das Leben kostete, höher als alle anderen Widerstands­formen bewertet. Und selbst die Bewertung des kommunistischen Widerstandes war von dessen Nähe zur Parteilinie abhängig.

 

Die Wurzeln des kommunistischen Antifaschismus liegen in den zwanziger Jahren. Er wurde schnell zu einem antidemokratischen Instrument, das auch Sozialdemokraten als Sozialfaschisten disqualifizierte. Stalin hatte ohnehin kein Interesse an einem substantiellen Antifaschismus. So konnte es geschehen, daß bis 1941 von den Sowjets bis zu 1000 deutsche und österreichische kommun­istische Antifaschisten und Juden an Nazi­deutsch­land ausgeliefert wurden, was für viele den sicheren Tod bedeutete. Diese Abschiebungen von Exilanten begannen schon 1937 und verstärkten sich nach den Hitler-Stalin-Pakt 193915.

Die Kommunisten duldeten auch nach dem Krieg keine unabhängige antinationalsozialistische Selbstorganisation. Als Ulbricht 1945 nach Berlin kam, löste er dort sofort die zuvor spontan gebildeten Antifa-Komitees auf, die mit der Reorganisation des sozialen Lebens begonnen hatten16. Die örtlichen und regionalen Gliederungen der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN) wurden 1953 aufgelöst und durch das zentralistisch von der SED angeleitete Komitee der antifaschistischen Wider­stands­kämpfer ersetzt17. Damit entledigte sich die Partei zugleich der ungeliebten jüdischen Verbandsmitglieder und auch der Kritiker an der Integration von ehemaligen Nazis.

Der ideologische Antifaschismus sollte die kommunistische Diktatur rechtfertigen. Das, was ein Anti-National­sozialismus hätte leisten können und sollen, die Legitimation und die Begründung einer demokratischen Tradition in Deutschland, an der es wahrlich fehlte, durfte nicht sein. Die antifaschistische Propaganda im Inneren diente vorwiegend dem Transformationsprozeß. Bürgerliche und nichtkommun­istische Gruppen wurden tendenziell unter Faschismusverdacht gestellt. In vielen Einzelfällen war es auch nicht schwer, solche Zusammenhänge herzustellen. Allein schon die Mitgliedschaft in nationalsozialistischen Organisationen wurde zur Enteignung, zur Vertreibung und zum Austausch von Eliten benutzt. Dabei wurden selbst erwiesene Nicht­national­sozialisten Opfer dieser Vorgehensweise. 

Gleichzeitig verfolgten die Kommunisten eine Integrations­politik ehemaliger Nazis. Diese rührte aber nicht etwa aus dem edlen Motiv, den minderschwer Belasteten eine reelle Chance des Neuanfangs zu geben, sondern zielte auf deren Nutzung und Vereinnahmung für den Aufbau der Diktatur. Die Kommunisten unterbreiteten darum schon seit 1945 der Masse der NS-Belasteten Versöhnungsangebote.


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Die erste »Massenorganisation«, der am 4. Juli 1945 gegründete und kommunistisch dominierte Kultur­bund, schloß die Mitarbeit von minderschwer belasteten Sympathisanten der Nazis ein. Selbst manchen Kommunisten paßte das nicht. Aber es ging um den Aufbau einer »nationalen Einheitsfront der deutschen Geistesarbeiter«18. Nach diesem Muster wurde dann der »Anti­faschistische Block« im Juli 1945 gegründet, die spätere »Nationale Front«, das Instrument zur Knebelung der Demokraten. Um auch innerhalb des Blocks die bürgerlichen Parteien einzuschränken, gründete die SED 1948 eigens eine Partei für die früheren »Mitläufer«, die NDPD.

Zwar hat die SED eine öffentlich nachweisbare Integration von NS-Tätern gescheut und auch im inneren Kern der Macht­sicherung, etwa dem MfS, keine NS-Täter geduldet. Aber für den Aufbau der Justiz, der Propaganda oder des Wissen­schafts­bereiches wurden selbst belastete Nazis verwendet. Vor allem kamen NS-Militärs in größerer Zahl und mit teilweise hohen Dienstgraden in den militärischen Formationen der Kommunisten unter. Anfang der fünfziger Jahre hatten mehr als ein Viertel der SED-Mitglieder eine NS-Vergangen­heit.

Als es der SED darauf ankam, die Westintegration der Bundesrepublik zu verhindern, wollte Honecker als FDJ-Chef die politische Organisationskraft von ehemaligen HJ-Führern, Offizieren der Wehrmacht und Waffen-SS nutzen. Mit diesen traf er sich mit einer Delegation von FDJ-Funktionären, in der sich ebenfalls ehemalige nationalsozialistische hochrangige Jugendführer befanden, am 29. und 30.1.1951 in Berlin19. Bisweilen gab es Aufsehen erregende und für die SED peinliche Enthüllungen. Doch die antifaschistische Dauerpropaganda ging darüber hinweg. Alles, was den realen Sozialismus in Frage stellte, wurde als faschistisch diffamiert. So war der Aufstand am 17. Juni 1953 ein faschistischer Putsch und die Mauer ein antifaschistischer Schutzwall. Als Havemann zum Kritiker wurde, ließ ihn die SED kurzerhand aus den Listen der antifaschistischen Wider­stands­kämpfer streichen. Selbst die Opposition der achtziger Jahre mußte sich mit dem Faschismus­vorwurf ausein­andersetzen.

Auch in der Propaganda gegen die demokratische Bundesrepublik war der Antifaschismus Dreh- und Angelpunkt. Die Bundes­republik wurde generell als imperialistisch und potentiell faschistisch deklassiert. In den Westen seien vor allem die Altnazis aus der DDR geflohen, und dort würde der Neofaschismus begünstigt. Die DDR veröffentlichte immer wieder Listen mit Nazis in Bonner Diensten und startete aufwendige Propagandaaktionen. Aus dem Westen wurde gekontert und über Nazis in der DDR berichtet.

Die gegenseitigen Vorwürfe hatten Anhaltspunkte in den tatsächlichen Versäumnissen beider Staaten. Allerdings übertraf der Zynismus der kommunistischen Propaganda jedes Maß. Die SED inszenierte mangels Masse bisweilen selbst die faschistische Gefahr. So organisierte das MfS während des Prozesses gegen den Organisator der Judenmorde Adolf Eichmann in Israel im Jahr 1961 eine antisemitische Kampagne in München. In den Unterlagen der »Aktion J. — Briefschreiber«20 finden sich Drohbriefe an jüdische Bürger wie auch schon die Reaktionen der verängstigten Juden, die das MfS zur Diskreditierung der Bundesrepublik selbst verfaßt hatte.


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Die SED renommierte gegenüber der Bundesrepublik mit der angeblich entschlossenen juristischen Verfolgung von NS-Verbrechen. Doch auch die justitielle Verfolgung von NS-Tätern war stets der politischen Zweckmäßigkeit untergeordnet. In den frühen Jahren diente sie einerseits der Abrechnung mit dem National­sozial­ismus, andererseits wurde sie immer mehr zu einer »instrumentalisierten politischen Säuberung«21, die auch andere Gegner und Kritiker der Kommunisten erfaßte. So gab es neben Ahndungen von NS-Untaten, die rechts­staatlichen Ansprüchen genügten, vollkommene Willkürurteile. Wie viele der insgesamt etwa 1.300.022 in der SBZ/DDR als NS-Täter Verurteilten keinen oder nur einen vorgeschobenen NS-Bezug hatten, kann bislang nicht exakt festgestellt werden.

Nach 1951 wurden nur noch wenige hundert NS-Täter abgeurteilt. Dieser Rückgang beruht teilweise auf Motiven, die dem kommunistischen Antifaschismuskonzept entstammten. Neben den bremsenden Faktoren der Integrations­politik wollte die SED gegenüber der Bundesrepublik eine vollständige Bewältigung des NS-Problems vorweisen. Dieses Motiv war so stark, daß die SED später auf die Verfolgung von Kriegs­verbrechern verzichtete und sie geradezu versteckte23. Die Ermittlungen waren in diesen Fällen oft schon abgeschlossen, und ein Zugriff hätte erfolgen können. Private Ermittlungen wurden durch das MfS verhindert.

Manche der NS-Täter hatten in der DDR wieder eine Karriere gemacht. Unter diesen befanden sich Ärzte, die an der Euthanasie mitgewirkt hatten. Deren Verfolgung hätte nicht in die antifaschistische Landschaft gepaßt. Die Verhinderung der Strafverfolgung ging so weit, daß bundesdeutsche Auskunftsersuchen bei dortigen Strafverfahren gegen NS-Täter nicht oder falsch beantwortet wurden. Die wenigen in der DDR noch durchgeführten Strafverfahren hatten den Zweck, den in der Bundes­republik noch geführten Prozessen etwas entgegenstellen zu können. Gleichzeitig scheute sich das MfS nicht, NS-Täter als IM anzuwerben. Erst nach 1990 kamen diese Tatsachen aus den Akten an die Öffentlichkeit.

Dem entspricht der Umgang der SED mit nichtkommunistischen NS-Opfern. Ganze Opfergruppen, wie Angehörige der »Zeugen Jehovas«, »Zigeuner«, »Asoziale« oder Homosexuelle, blieben nicht nur weithin ignoriert, sondern fanden sich neuen politischen und sozialen Drangsalierungen ausgesetzt. Zeugen Jehovas, die in Konzentrations­lagern überlebt hatten, wurden z.B. wieder inhaftiert. Besonders galt dies aber für die jüdischen Bürger. Als Anfang der fünfziger Jahre eine Welle des Antisemitismus durch die kommunistischen Staaten lief, kam es auch in der DDR zu neuen Verfolgungen. Diese hatten zwar nicht das Ausmaß wie in der Tschechoslowakei oder in der UdSSR. Sie veranlaßten aber führende Vertreter der kleinen jüdischen Gemeinden, die Juden in der DDR aufzufordern, das Land zu verlassen. Über 500 Juden flohen bis 1953. Auch in der SED wurden zahlreiche jüdische Kommunisten zurückgestuft und benachteiligt.


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In den späteren Jahren schlüpfte der Antisemitismus in die Gestalt des antiimperialistischen Antizionismus. Erst 1988, als Honecker seine internationale Reputation aufbessern wollte, wurde der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus mit großem staatlichen Aufwand gedacht.

Das Heer der bürokratischen Apparatschiks konnte aber nicht allein mit Utopie und antifaschistischer Moral bei der Stange gehalten werden. Der DDR-Staat mußte die Tugenden der Untertanen mobilisieren. Im Laufe der Jahrzehnte nahm der deutsche Kommunismus immer mehr Elemente der traditionellen deutschen politischen Kultur, gerade auch der vordemokratischen, in sich auf. Dazu gehören Gemeinschaftsideale, der unverwüstliche Glaube an die Allmacht des Staates, der hohe Wert des Militärischen, die Abgrenzung gegen Fremdes und selbst der Antisemitismus, in den fünfziger Jahren in Gestalt des Antikosmo­politismus und in den siebziger Jahren in Gestalt des Antizionismus. 

Auch der traditionelle Chauvinismus wurde instrumentalisiert. Die DDR war darauf bedacht, nur wenige Ausländer aufzunehmen. Vertragsarbeiter aus politisch befreundeten Ländern hatten unter Ausgrenzung in der Bevölkerung und Restriktion der Behörden zu leiden. Antipolnische Ressentiments wurden 1980 während der Polenkrise und 1989 während der Revolution benutzt. Wenn es schon angesichts der trauma­tisierenden Teilung nicht gelang, eine sozialistische deutsche Nationalkultur zu schaffen, wurden doch Forderungen nach Sauberkeit, Ordnung, Pflichtbewußtsein, Disziplin sehr wohl verstanden. Die sozialistische Staatsreligion kreierte einen Ethikersatz, wie etwa Ulbrichts »10 Gebote der sozialistischen Moral« aus dem Jahr 1958. Die auf Machterhalt und Klassen­kampf­ideologie gestützte Ethik konnte letztlich nur einige banalisierte, deutsche konservative Werte reproduzieren.

»Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich bei diesem deutschen Sozialismus um eine politische Kultur der Angst handelte, der Angst vor dem Hauptfeind Heterogenität, vor dem Chaos der Zivilisation, als das die westliche Moderne nach wie vor wahrgenommen wurde. Es mußte gelingen, die Moderne in den Plan zu pressen; er symbolisierte Einheit und verlangte die unbedingte Disziplin der Kämpfenden ebenso wie ihren Gehorsam vor der Autorität.«24 Die marxistische Ideologie steuerte das ideologische Gerüst für den kommunistischen Weltenplan bei. Die deutsche politische Kultur gab das Maß für die Verhaltens­muster der Exekutoren. Angesichts der Größe der Aufgabe der Welterlösung waren alle offen­sichtlichen Unzuläng­lichkeiten und Mängel lediglich »Übergangserscheinungen«. Die kommunistischen Revolutionen — eine Metapher zur Veredelung von Verbrechen — waren die apokalyptischen Wehen der neuen Zeit. 

So pendelt die kommunistische Lebenswelt zwischen Banalität und Heroismus. In der Rückschau sagt der MfS-Offizier: »Wir haben unsere Pflicht getan.« Intellektuelle erklären: »Wir hatten Ideale von einer neuen Zeit.« In der Architektur stehen stalinistischer Byzantinismus oder der himmelstürmende Fernsehturm den Einheitsplattenbauten gegenüber.

Nach der Ideologie sollte im Sozialismus Arbeit das Bedürfnis aller sein, nicht mehr durch Entfremdung und Ausbeutung gezeichnet. In der Praxis war Arbeit Mittel zur Erziehung und Strafe. Wie die Nazis mit dem »Arbeitsdienst« versuchten es die Kommunisten Anfang der fünfziger Jahre mit einem »Dienst für Deutschland«25, um die Jugend einspannen zu können. Und immer wieder richteten sie Arbeitslager für Strafgefangene ein.

In Tausenden von MfS-Berichten wird der Verrat der IM an den Mitmenschen durch die Führungsoffiziere moralisch bewertet. Die IM wären treu ergeben, zuverlässig, ehrlich. Doch das war nicht neu in Deutschland. Dietrich Bonhoeffer klagte in der NS-Haft über die Verwirrung aller ethische Begriffe.

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