15.
Mainländers
Mahlstrom 

Über eine philosophische
Flaschenpost und ihren Absender 

(FAZ 1989)

 

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Mainländer bei detopia 

Audio 2009 mit Horstmann: "Das hat noch niemand gedacht." 

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Ein Kaiser erhält einen Brief von einem Philosophen. Der Kaiser hat zu tun. Das Reich ist jung, der Feind des Vaterlandes aufs Haupt geschlagen, die Wirtschaft floriert. Auch an guten Ratschlägen herrscht kein Mangel. Ein Kaiser kann nicht alles lesen. Man muß ihm die Arbeit abnehmen — besonders mit Philosophen.

Die Eingabe, abgefaßt in der gestochenen Handschrift eines mittleren Bankangestellten, wird also von der dafür zuständigen Stelle geöffnet, vom Amtsinhaber überflogen: »Eure Kaiserliche Majestät wollen allergnädigst verzeihen, wenn der allergehorsamst Unterzeichnete es wagt, Allerhöchstdemselben folgendes Gesuch ehrfurchtsvoll vorzutragen...« Der Mann bringt einen Vermerk an, zeichnet ab, erlaubt sich einen Anflug des Befremdens, das nicht wie das Staunen der Anfang des Nachdenkens ist, sondern sein sanftes Ruhekissen, und leitet weiter — an das Kriegsministerium.

Das Kriegsministerium prüft die Eingabe, wie es in solchen Fällen heißt, wohlwollend, wird tätig, beraumt einen Termin an. Der Philosoph ist pünktlich. Am 2. Mai 1874 erscheint Philipp Mainländer vor einer Berliner Kreis-Ersatz-Kommission. Die Mitglieder dieses Gremiums sind sämtlich überfordert; einer, so erinnert sich Mainländer später, »forschte in meinem Gesichte, als ob er Spuren geistiger Zerrüttung auffinden wollte; ein anderer, alter freundlicher Herr, legte die Feder hin und murmelte in einem Ton, den ich nicht begrifflich spiegeln kann: Sieh mal an! Sieh mal an!« Diese Begriffsstutzigkeit wird sich sofort als ansteckend erweisen. 

Erstens hieß Philipp Mainländer damals nämlich noch gar nicht so, sondern Philipp Batz. Zweitens hatte er zu diesem Zeitpunkt noch keine Zeile veröffentlicht, die die Bezeichnung Philosoph gerechtfertigt hätte. Er hatte überhaupt noch nichts publiziert, womit es, wie man im nachhinein meinen könnte, doch schon deshalb pressierte, weil sein vorletztes Lebensjahr bereits angebrochen war.  

Drittens kommt auch heute weder ein Philipp Batz noch ein Philipp Mainländer in den gängigen Philosophiegeschichten vor. Und viertens und letztens ging es vor der Kreis-Ersatz-Kommission überhaupt um etwas ganz anderes als die <Liebe zur Weisheit>, um die Liebe zum Kommiß nämlich, jene »vernünftigen Vorstellungen nicht zugängliche, fanatische Neigung«, die den anti-preußisch erzogenen Mainländer wie eine Reihe von Malariaanfällen heimsuchte und mit zweiunddreißig dazu brachte, sich ohne jede äußere Notwendigkeit freiwillig zu melden.

So etwas von Patriotismus war den Kommissionsmitgliedern, »die den ganzen lieben langen Tag fast nur Bitten um Befreiung von der Last des Militär­dienstes hören mußten«, noch nicht vorgekommen. Sie schütteln hinter Mainländers Rücken verständnislos die Köpfe. Und zu dieser Ertüchtigungs­übung für die Nacken­muskulatur nahmen auch andere Zuflucht: der »betrübte« Arzt, der Mainländer die Tauglichkeit für den schweren Reiterdienst bescheinigte, die ihre »kolossale Verwunderung« nicht verhehlenden Revier­polizisten, die ein Führungszeugnis ausfertigten, die Kameraden und Vorgesetzten beim 7. Magde­burger Kürassier­regim­ent, die Nachbarn in Halberstadt, die sich über den selbst im Privatquartier noch ewig wienernden, putzenden, Helm und Küraß einölenden Sonderling amüsierten.

Alles verständliche und menschliche Reaktionen, denn die Leute waren schließlich irritiert. Nur den angeb­lichen Profis der Irritations­bewältigung mangelte es an Duldsamkeit. Die Militärs ließen Mainländer, dessen Mot­iv­ation sie nicht begriffen, immerhin einen »köstlichen Schluck aus dem schäumenden Becher des Reiter­lebens« nehmen, d.h. »den Stall misten, Stroh tragen, Wasser schleppen, das Pferd pflegen«

Die Philosophenzunft dagegen war zu soviel Entgegen­kommen bei einem Menschen, der Trost in der mittel­alter­lich­en Mystik fand, als er sich durchritt, und mit Tacitus und Leopardi im Gepäck eingerückt war, nicht bereit.

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Verkniffen blickte man durch ihn hindurch und überließ den coup de grâce einem damals selbst unehren­haft aus der akademischen Truppe Entfernten. Der hieß Friedrich Nietzsche und räumte in der <Fröhlichen Wissenschaft> u.a. mit der »Ungeschicktheit dieses nach-Schopenhauerischen Pessimismus« auf; Eduard von Hartmann bekam sein Teil, der »alte Brummkreisel« Bahnsen und natürlich der Autor der <Philosophie der Erlösung>: »Oder durfte man solche Dilettanten und alte Jungfern wie den süßlichen Virginitätsapostel Mainländer unter die guten Deutschen zählen? Zuletzt wird es ein Jude gewesen sein (— alle Juden werden süßlich, wenn sie moralisieren).«

Damit war die Akte Mainländer geschlossen. Undeutsch und unphilosophisch. Ein Spinner, der die Lauterkeit dessen in Frage stellte, der sich mit ihm beschäftigte. Verschrobenheit, Dilettantismus, Besserwisserei auf Schritt und Tritt, der dritte Aufguß der <Welt als Wille und Vorstellung>, nur ohne ihre visionäre Kraft und Sprachgewalt, Makulatur, brauchbar allein zum Ausstopfen der Ritzen im Unterstand jenseits von Gut und Böse.

 

(d-2015:) Einschub von mir:
aus mainlaender.de: 1868-74: Mainländers Vater verkauft die Fabrik in Offenbach und er wird frei von familiären Verpflichtungen. Es folgen verschiedene Anstellungen als Banker in Berlin (u.a. 1874 bei der Deutschen Bank) und ein intensives philosophisches Studium (keine Universität). Vergebliche Versuche, dem Militär beizutreten. 
1870-71: Der Deutsch-Französische Krieg wirkt auf Mainländer ein: “Die Gefühle, welche der Krieg in meiner Brust hervorrief, waren die Geburtswehen meiner Philosophie der Erlösung.”

Philipp am Ziel: 1875 in Halberstadt: Endlich ein Reiter sein....:

Nietzsche wollte mit dem Hammer philosophieren, weil so viele nur noch behutsam vor sich hinziselierten. Gut; aber diesmal traf der wuchtige Schlag das Allerkostbarste in diesem Metier: eine Idee. Sie wurde durch den Hieb zwar nicht zerstört, aber ein Jahrhundert tief in den Boden getrieben, so daß sie erst jetzt wieder an der Oberfläche erscheint. Und verwundert reiben wir Zeugen dieses Vorgangs uns die Augen. Denn Mainländers <Philosophie der Erlösung> ist zwar auch alles das, was ihre gebildeten Zeitgenossen so abstieß: verschroben, unausgewogen, durch den Selbstbehauptungswillen eines Autodidakten deformiert, aber gleichzeitig unzweifelhaft ein großer Wurf, ein aufregendes Buch, die erste und einzige Metaphysik der Entropie, die wir besitzen.

Ein furchtbarer Verdacht wird darin auf den Begriff gebracht, die Denkmöglichkeit mit letzter Konsequenz durchgespielt, daß diese Welt sich nicht nach dem Wendel­treppenprinzip immer höher hinaufschraubt und emporwindet, sondern eher wie das Schneckengewinde eines Fleischwolfs funktioniert, der auf die Verarbeitung jeder Form von Materie eingerichtet ist. Verschleiß und Vernichtung rücken unter dieser Perspektive zum eigentlichen Endzweck der kosmischen Veranstaltung auf; Höher- und Weiterentwicklung findet zwar statt, aber keineswegs als gegenläufiges Prinzip, sondern als unterstützende Maßnahme.

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Evolutionsgeschichte beschreibt nichts anderes als die Mittel und Wege, auf die die Natur zum Zwecke der Erhöhung des Stoffdurchsatzes und der Rotations­geschwindigkeit der Transportschraube verfallen ist.

Dieses Weltbild setzte sich bei Mainländer vielleicht schon in frühester Jugend fest, denn er und seine vier Geschwister waren allesamt, wie er einmal formuliert, »Kinder ehelicher Notzucht«, und die Atmosphäre im Fabrikantenhaushalt Batz muß eine Art schleichendes Gift enthalten haben, das schon 1859 einen seiner Brüder in den Freitod trieb und später noch zwei weitere Opfer fordern sollte. Philipp Batz erreichte die schreckliche Nachricht in Neapel, wo er insgesamt fünf Jahre in einem Handelshaus tätig war. In dieser Zeit liest er neben Petrarca, Boccaccio, Tasso und Leopardi auch zum erstenmal Schopenhauer, der seine Sicht der Dinge auf das nachdrücklichste bestätigt und zum »Ferment« seines eigenen Nachdenkens wird.

Gären allerdings sollte es bis zur endgültigen Niederschrift der <Philosophie der Erlösung> noch mehr als zehn Jahre, wenn sich auch 1866 im dritten Teil seines — im übrigen unsäglichen — dramatischen Gedichts <Die letzten Hohenstaufen> schon eine bildliche Vorwegnahme der Leitidee findet. Dort nämlich beschreibt Galiane verstört einen metaphysischen Traum. Auf einer weiten Ebene schläft je ein Exemplar aller Geschöpfe dieser Erde und, so die Erzählerin, »ich erstaunte ob des großen Friedens«. Der aber währt nicht lange, denn auf einen Weckruf hin erhebt sich alles und fällt übereinander her. Ein furchtbares Gemetzel und Zerfleischen hebt an, das immer grauenvoller wird, weil es nicht enden kann, »denn aus den Getöteten erwuchsen immer wieder neue Wesen«.

Im Traum kommt endlich die Nacht, und eine Stimme preist jene ganz andere Welt, von der gelten soll: »Hier ist kein Werden, hier ist kein Vergeh'n, hier ist kein Kampf ... [nur] ew'ger Friede.« Nach diesem Nicht-mehr, nach dem Ausschalten des Fleischwolfs Realität und dem Ende jener produktiven Notzucht, die für Nachschub sorgt, hat sich Mainländer ein Leben lang gesehnt. Sein philosophisches System, das er in Fragmenten Anfang der siebziger Jahre zu konzipieren begann, ist der verzweifelte Versuch, die Endlichkeit der Schöpfung und damit des Leidens nachzuweisen. Und es soll noch ein Zweites leisten, nämlich die Sinnhaftigkeit der Selbsterosion des Kosmos verdeutlichen, damit die ungeheuerlichen Opfer nicht umsonst gebracht wurden.

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»Das Herz will etwas haben, woran es sich anklammern kann, einen unerschütterlichen Grund im Sturm des Lebens«, schreibt Mainländer später, und er reibt sich ebenso an seinem Lehrer Schopenhauer, dessen elitärer Pessimismus die Masse »höhnisch« ihrem Schicksal überlasse, wie an einem empiristischen Schulterzucken gegenüber den Welträtseln. 

»Zu sagen: <Die Welt ist durch einen Urzufall>, kommt dem Verzichte gleich, sie zu erklären. Einen Weg der Welt ohne Zweck und Ziel und Ende annehmen heißt den tiefernsten Charakter, den der ganze Verlauf dieses Prozesses an sich trägt, zu einem vollendet grausamen zu verschärfen. Was hat eine Philosophie, die von solchen Voraussetzungen ausgeht, dem Individuum, das nach Erlösung von der Qual des Daseins schreit, von Trost zu bieten?«

 

Tröstung ist eine entscheidende Funktion der Religion, und ihr Heilsgarant heißt Gott. Energisch reklamiert Mainländer eben diese Aufgabe jetzt für die Philosophie, die bei ihm den Weltsinn allerdings auf ganz ungewöhnliche und unerhörte Weise transzendental verankert. Denn das Göttliche verwirklicht sich in seiner Schöpfung nicht mehr, um in einem umfassenderen Sinne zu existieren, sondern gerade um sich zu entewigen, um sterben zu können. Die Schöpfung ist der Selbstmord des Demiurgen.

»Die Theologen aller Zeiten haben unbedenklich Gott das Prädikat der Allmacht gegeben, d.h. sie legten ihm die Macht bei, alles, was er wollte, ausführen zu können. Keiner jedoch dachte hierbei an die Möglichkeit, daß Gott auch wollen könne, selbst zu Nichts zu werden. Diese Möglichkeit hat keiner je erwogen. Erwägt man sie aber ernstlich, so sieht man, daß in diesem einzigen Falle Gottes Allmacht, eben durch sich selbst, beschränkt, daß sie keine Allmacht sich selbst gegenüber war.« 

Das Transzendente kann sich folglich, gerade weil es den Sonderstatus der Omnipotenz besitzt, nicht einfach selbst durchstreichen und aufheben, es muß seine Substanz vielmehr mühsam über den wechselseitigen Abrieb mynadenfacher Vergegenständlichung aufzehren: »Gott erkannte, daß er nur durch das Werden einer realen Welt der Vielheit, nur über das immanente Gebiet, die Welt, aus dem Übersein in das Nichtsein treten könne.«

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Am Anfang also war — der Wille zum Ende. Alles durchwaltet dieser urtümliche und unbeeinflußbare Trieb, der immer schon auf Abnutzung, Verschleiß, Vernichtung abzielte und dessen auf den ersten Blick überwältigende schöpferische und konstruktive Potenz nach Mainländer im Endeffekt nur dazu dient, den Verfall zu beschleunigen — so wie der Mensch immer komplexere Maschinen einsetzt, um beispielsweise Urwälder zum Verschwinden zu bringen oder von ihm selbst errichtete Gebäude wieder einzureißen.

Das Leben hat als bisher effektivster Entropievermehrer zu gelten, und der Homo sapiens zumindest in dieser Hinsicht weiterhin als Krone der Schöpfung. Die Verheerungen, die unsere Gattung auf ihrem Planeten angerichtet hat und über die die Ökophilen nicht müde werden zu lamentieren, sind demnach kein Betriebsunfall der Evolution, sondern ihr höchster Triumph. Und auch das selbstbewirkte Verschwinden dieses aufrechten Säugers ist ganz in der kosmischen Ordnung, wenngleich sich die Philosophie der Erlösung von unserem Abgang nichts verspricht, das dem ähnelte, »was man auf dem Theater einen Knalleffekt nennt«.

Das ganze, sich »in gewaltigster Tension« befindende Weltall steht unter dem »Gesetz der Schwächung der Kraft«. Deshalb wehrt sich Mainländer auch zu keinem Zeitpunkt gegen den kosmischen Shredder, sondern schlägt sich rückhaltlos auf die Seite des Ruinösen. »Der Streit ist der Vater aller Dinge, sagte Heraklit. Ich füge hinzu: Es kann gar nicht genug Reibung in der Welt sein.« 

Da die menschliche Zivilisation in dieser Hinsicht als ein Multiplikator par excellence zu gelten hat, findet sich in Mainländers Werk sogar eine breit ausgeführte Theorie des »idealen Staates« mit sozialistischen und kommunistischen Zügen. Aber auch diese Utopie eröffnet keineswegs einen heilsamen Ausweg, sondern bleibt Mittel zum Zweck, Subsystem jener Selbstzerstörungs­maschine Welt, deren Raison d'être sich für den modernen Leser vielleicht am eindrücklichsten durch den Hinweis auf die autodestruktiven kinetischen Skulpturen eines Jean Tinguely veranschaulichen läßt.

Der Mensch — so das ernüchternde Resultat selbst einer spekulativen sozialen Optimierung — kann gar nicht anders, als sein destruktives Scherflein zum sich immer höher auftürmenden Trümmerhaufen beizutragen. Er hat — den Träumereien von freier Entscheidung und moralischer Souveränität zum Trotz — keine Wahl.

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Selbst wenn er sich nämlich aus aller Kraft gegen den Vernichtungsstrom stemmt, steigert er dadurch letztlich nur seine Gewalt, so wie ein Dammbau gegen die steigende Flut ihre verheerende Wirkung potenziert, sobald das künstliche Hindernis bricht — und das ist nach Mainländer nur eine Frage der Zeit.

Der Teufel und der Heilige arbeiten sich in dieser Welt auf Widerruf gegenseitig in die Hände; der Asket biegt nur einen größeren Teil der Vernichtungs­energien auf sich selbst zurück als der Schwelger, der Kinderlose bleibt ebenso ein Zahn in dem großen Mahlwerk wie der Zeugungswütige, der zusätzlich <Reibeflächen> schafft.

Diese Unausweichlichkeit der Abläufe, das sich Einebnen der Wirklichkeit, ihre Konvergenz im Nichtigen heißt in den Naturwissenschaften Entropie. Dieses Konzept wurde 1850 von dem deutschen Physiker Rudolf Clausius entwickelt und keine zehn Jahre später von Helmholtz <kosmologisiert>, wobei die Analogien zum Deutungsversuch Mainländers ins Auge stechen.

Der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik stellt nämlich fest, daß — in der Formulierung Jeremy Rifkins »Materie und Energie nur in eine Richtung verändert werden können, nämlich von einer nutzbaren Form in eine nichtnutzbare, von einer verfügbaren in eine nichtverfügbare, von einer geordneten in eine ungeordnete; die Grundaussage des Zweiten Hauptsatzes ist, daß alles im Universum eine Struktur besaß und sich unwiderruflich auf ein Chaos zubewegt«.

Unser heutiges naturwissenschaftliches Weltbild basiert auf dem Entropiegedanken und gelangt zu Einsichten wie: »Die Tiefenstruktur von Veränderung ist Zerfall«, oder: »Im Grunde ist alles Qualitätsverlust durch Energiediffusion.« Die zitierten Aussagen stammen von Peter W. Atkins, seines Zeichens Professor für Physikalische Chemie in Oxford. Als solcher weiß er sich der Dreifaltigkeit von Empirie, Experiment und EDV verpflichtet und ist über jeden Verdacht erhaben, seine Einsichten in die Natur der Dinge nicht Einstein, sondern E.M. Cioran zu verdanken.

Trotzdem liefert Atkins eifrig Bestätigungen jener Metaphysik des Seinsverschleißes, die ein obskurer Bankangestellter und keuscher Militarist im Erscheinungs­jahr <Tom Sawyers> und des Otto-Motors in die Welt setzte: 

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»Spontan nimmt die Qualität ab, und der Qualitätsverlust speist die in Wechselwirkung stehenden Prozesse, die wie Zahnräder einer komplizierten Maschine um uns herum und in uns ineinandergreifen. So komplex ist die Verzahnung, daß das Chaos hier und da zurückweicht und Qualität aufflackert, etwa wenn Kathedralen erbaut oder Symphonien gespielt werden. Aber das sind zeitliche und örtliche Illusionen, denn im Inneren der Welt spult sich unaufhaltsam die Feder ab. Alles wird vom Zerfall bewegt.«

Es scheint mehr als fraglich, ob Mainländer mit den Arbeiten Clausius' und Helmholtz' vertraut war. Die wissen­schaftliche Schutzbehauptung, hier habe jemand abgeschrieben, ist nicht plausibel. Außerdem ergeben sich spiegelbildliche Ähnlichkeiten wie die vorliegende ja auch im Schoß von Mutter Natur nicht dadurch, daß ein Zwilling den anderen nachäfft, sondern erklären sich durch denselben Ursprung.

Im vorliegenden Fall ist das nicht anders. Bei Mainländer wie im Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik bricht dieselbe archaische Vorstellung wieder auf, manifestiert sich der nämliche uralte Mythos: das Wissen um die langsame Kadaverisierung der Welt, die Saga vom Großen Verkommen. Daß sie im wissen­schaftlichen Gewande der Entropie den neuzeitlichen Rivalitätsmythos des Fortschritts, Aufstiegs, der Perfektibilität infiltriert und ihm schon längst zum Trojanischen Pferd geworden ist, beweist nur ihre Kraft und Übermächtigkeit, von der allein ein paar kurze Jahrhunderte szientifischer Wunder­gläubigkeit nichts mehr wissen wollten.

So sieht Mainländer eigentlich nichts Neues, wohl aber Vergessenes und Verdrängtes, das der Menschheit während des größten Teils ihrer Gattungsexistenz in unterschiedlichen Bildern und Geschichten geläufig war. Und das ist ihm übel bekommen. Denn seine Welt war nicht mehr die urtümliche der Schamanen, Seher und Mystiker, sondern die handfest positivistische der <Gründerjahre>. Für Atavismen war darin kein Platz, auch wenn sie in Treue fest zum Kaiser standen und sich in grotesker Überangepaßtheit mitten unter Pickelhauben im Sattel zu halten versuchten.

Trotz seines eisernen Willens und der ledernen Unterhose, die er beim Reiten trug, war Mainländer nach einem Jahr Militärdienst so zerschunden, daß er vorzeitig um seine Entlassung nachsuchte. »Ich glaube, ich bin verbraucht, worked out: ohne Lust und Trieb zu irdischen Dingen«, schreibt der Dreiund­dreißigjährige an seine Schwester Minna, die Mainländer gerade einen Verleger für den ersten Teil der Philosophie der Erlösung besorgt hatte und zehn Jahre später auch den zweiten Band herausgeben sollte.

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Er, so vertraute ihr Bruder ihr weiterhin an, habe der Sphinx ins Auge gesehen, und wenn ihn noch etwas aufrecht halte, dann allenfalls jene Ordnungsliebe, die nicht eher ruhe, bis man sein Haus bestellt habe. Eine Todessehnsucht beginnt sich zu artikulieren, die bei der Schwester um mehr als nur Verständnis wirbt und das letzte Lebensjahr Mainländers grundiert.

Am 1. November 1875 endet sein Dienst bei den Halberstädter Kürassieren, und der Reservist reist zurück in seine Vaterstadt Offenbach, wo ein letzter Kreativitätsschub die verbliebenen Energien aufzehrt. In zwei Monaten fieberhafter Tätigkeit korrigiert er die Druckbogen seines Hauptwerks, verfaßt die Novelle Rupertine del Fino, bringt seine Lebenserinnerungen zu Papier und schreibt die sechshundertfünfzig Seiten des zweiten Teils der Philosophie der Erlösung.

Welchen körperlichen und seelischen Raubbau er damit treibt, ist ihm ebenso klar wie das fast schon Testamentarische dieser letzten Anordnungen. »Es ist alles Ährenlese auf abgeernteten Feldern«, heißt es in einer Aufzeichnung aus dem Dezember, »daß neben die drückenden Arbeiten, durch eine eigen­tümliche Hast, die ähnlich der Hast des Insekts ist, mit der es im Herbst seine letzten Eier legt, um darauf zu verenden, noch eine berauschende duftige Nachblüte meines Geistes getreten ist, ist Nebensache.«

Ende Februar zeichnet sich dann der Zusammenbruch überdeutlich ab, dessen Symptomatik in vielem dem geistigen Kollaps seines Kritikers Nietzsche gleicht. Mainländer war sich jetzt sicher, daß in ihm »die Gottheit schreibt«, daß »der Geist, in dem ich vor der Welt war, meine Hand führt«. Seine Schwester herrscht er an: »Wenn du mich hindern willst, zertret' ich dich«, und fordert sie auf, »den Saum seines Kleides zu erfassen und dann die Augen zu schließen«, damit sie kein Schwindel überkomme.

Er spürt eine ungeheure Metamorphose, glaubt sich nicht mehr todgeweiht, sondern schon verklärt, will im Handumdrehen vom Philosophen und Theoretiker der Erlösung zum politischen Heiland werden, Erbe Lassalles und sein Überwinder in einem

»Die Rede, die mich sofort auf die höchste Woge der Partei heben wird, liegt in den Grundzügen vor mir und ihre Ausarbeitung verlangt nur zwei Tage. Ich brauche dann nur mit den Führern der heutigen Sozialdemokratie zwei Worte zu sprechen, dann eine Versammlung in Frankfurt zu berufen und am dritten Tage werden alle Zeitungen von mir reden und alle Arbeiter mit verzehrender Glut an meinem Munde hängen.«

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Aber nirgendwo erschienen Aufmacher über den neuen Volkstribun; es gab nur eine kleine Notiz im Polizei­bericht. In der posthum erschienenen <Soldaten­geschichte> erklärt sich Mainländer seinen befremdlichen Drang zu den Waffen einmal damit, daß er wohl auf dem Schlachtfeld sterben solle. Diese Ahnung hat ihn nicht getrogen. Nur war es die Walstatt eines Philosophen, und die fällt in der Regel bescheidener aus als die von Volk und Vaterland. Mehr als ein paar Quadratmeter sind nicht nötig für das letzte Gefecht gegen sich selbst.

Philipp Mainländer besiegte Philipp Batz in der Nacht zum 1. April 1876. Am Vortage waren die ersten, noch druckfrischen Exemplare der Philosophie der Erlösung eingetroffen. Sein Leben habe nun keinen Sinn mehr, soll der Empfänger geäußert haben, bevor er die Treppe zu seinem Zimmer hinaufstieg. Dort oben war es so still wie vor der Erschaffung der Welt. Mainländer dachte nicht mehr an den Kaiser, er dachte an Gott. An jenen Gott, der es in der ewigen Seligkeit und in der Vollkommenheit seiner Transzendenz nicht mehr ausgehalten hatte und deshalb aufbrach ins Nichts. Sein Prophet hatte Zeugnis abgelegt, jetzt überließ er sich selbst dem Sog.

Als sich die Schlinge zuzog um den Hals dieses neben Jean Amery vielleicht größten Schutzheiligen all derer, die Hand an sich legen, hatte er ein paar Sekunden lang nur das abebbende Pochen des Blutes in den Ohren. Dann aber drang langsam, ganz langsam etwas anderes durch und übertönte, fraß, verschluckte alles andere. Ein Mahlen war es von unerbittlicher, von diamantener Härte, ein Knirschen, Schleifen und Schrammen... »Ich hoffe«, waren Mainländers letzte Worte an seinen Verleger, »daß Sie so wenig wie ich zu den Ungeduldigen gehören, die das Korn schon am Mittag schneiden wollen, das sie bei Sonnenaufgang gesät.« 

Seither ist über ein Jahrhundert ins Land gegangen, und was auf Mainländers Grab wächst, gilt immer noch als Unkraut. Vielleicht wird sich das bald ändern. Zu wünschen wäre es. Die Sonne steht tief und verlängert die Schatten eines Jahrtausendendes. Der Thron unserer eingebildeten Souveränität wackelt. Höchste Zeit, herabzusteigen; höchste Zeit, die liegengebliebene Post zu lesen.

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