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13  Ein qualitativer Sprung  (2)

 

 

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Auch der Strom der Memoiren und Zeugenaussagen reißt nicht ab, sondern wird eher noch breiter. In einem Land, das keine Öffentlichkeit und freie Artikulation kennt, wo die Gegenwart geheimgehalten und die Vergangenheit verschwiegen wird, ist dieser Drang, wenigstens jene Wahrheit festzuhalten, die man selbst bezeugen kann, völlig verständlich. Es sind Erinnerungen über die alten und neuen Lager. 

Von den alten Stalinschen Lagern schreiben L. Berschadskaja (»Rastoptannyje shisni« [Zertretene Leben], ein hochinteressanter Augenzeugenbericht über den Aufstand von Kengir bei Dsheskasgan), D. Bajkalskij (»Kaschketinskije rasstrely« [Kaschketinische Erschießungen]), D. Witkowskij (»Polshisni« [Ein halbes Leben]), M. Ioffe (»Odna notsch. Powest o prawde [Eine Nacht. Eine Erzählung über die Wahrheit]), L. Fischer (»Parikmacher w GULage« [Der Friseur im GULag]), L. Gendlin (»Rasstreljannoje pokolenije« [Die erschossene Generation] — hier tauchen etliche Persönlichkeiten der Zeitgeschichte auf, wie Molotow, Kaganowitsch, Kirow, Chruschtschow, Suslow, Berija, Rjumin, die Schriftsteller Babel, Achmatowa, Pasternak, Majakowskij), M. Schulman (»Butyrskij dekameron. Moja shisn w nowellach« [Das Butyrki-Dekameron. Mein Leben in Novellen]; diese Erinnerungen, in der Tat literarisiert, stellen sich als Novellen mit dramatischen Handlungsabläufen vor, was sie sicherlich lesbarer, aber dafür auch weniger überzeugend und wahrheitsgetreu macht. Handelnde Personen sind unter anderem Schaljapin, Meierhold, Majakowskij, Stalin, Woroschilow, Molotow, Litwinow, Kirow, Tuchatschewskij, Berija, Lunatscharskij), Je. Gnedin (»Katastrofa i wtoroje roshdenije« [Die Katastrophe und die zweite Geburt] — Gnedin ist der Sohn von Parvus, dem Führer des linken Flügels der deutschen Sozialdemokratie; er bekleidete einen hohen Rang in der sowjetischen Parteielite, wurde 1939 verhaftet und in der Untersuchungshaft in Anwesenheit von Berija gefoltert), Lew Kopelew, das Urbild des Rubin in Solschenizyns »Erstem Kreis« (»Utoli moi petschali« [dt. Tröste meine Trauer] und »Chranit wetschno« [dt. Aufbewahren für alle Zeit!]). 

In letzterem Buch finden wir auch erschütternde Schilderungen von den Greueltaten, die sowjetische Soldaten während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland begingen; leider wird dieses Thema bis heute in der russischen Literatur mit peinlichem Schweigen bedacht (auch in der freien Literatur; in der offiziellen ohnehin) — eine Ausnahme bilden nur Solschenizyns Poem »Prusskije notschi« (dt. Ostpreußische Nächte) und Wachtins Erzählung »Sershant i frau« (Der Sergeant und die Deutsche). 

In seinem Buch »I sotworil sebe kumira« (dt. Und schuf mir einen Götzen) erzählt Kopelew von der Entstehung einer neuen sowjetischen Intelligenz in den zwanziger und dreißiger Jahren und von den schweren inneren Kämpfen, unter denen es später von den Götzen der Jugend Abschied zu nehmen galt.


Doch das wohl bemerkenswerteste Buch dieser Art ist der zweite Band von Jewgenija Ginsburgs Erinnerungen »Krutoj marschrut«, der nach dem Tode der Schriftstellerin im Westen erschien (dt. Gratwanderung).14) Es ist nicht deswegen so bedeutsam, weil J. Ginsburg Ungewöhnliches berichtet, sondern weil dieses Buch, abgesehen von Zeugenaussagen über Verbrechen, noch von etwas anderem Zeugnis ablegt: Mit erstaunlicher Kraft wird hier der Mensch in einer existentiellen Grenzsituation offenbar, enthüllt sich die Seele des Menschen in ihrem Kampf mit dem Entsetzen, dem Zerfall und dem Tod. Dieser Sieg der Menschenseele, der Triumph des Guten im Reich der Grausamkeit und Ungerechtigkeit könnte einfach als schöne Phantasie und als ein unwahrscheinliches, harmloses Märchen erscheinen, wäre nicht die bezwingende Aufrichtigkeit, die kindliche Unmittelbarkeit und durchdringende Wahrhaftigkeit dieser Frau, die zugleich Augenzeugin und Urheberin dieses Triumphs war. 

Dieses Buch wird ein Klassiker werden, und wahrscheinlich werden es unsere Nachfahren selbst dann noch lesen, wenn die Probleme unseres Zeitalters für sie jede Aktualität verloren haben. Hier, im zweiten Teil von »Krutoj marschrut«, löst sich jener Widerspruch, der uns im ersten Teil ins Auge stach. J. Ginsburg gibt selbst zu, daß sie den ersten Band in der Hoffnung schrieb, ihn in der Sowjetunion zu veröffentlichen — deshalb die ständige vorsichtige Selbstzensur und diplomatische Taktik. Den zweiten Band aber schrieb sie ohne die naive Hoffnung, die sowjetische Zensur täuschen zu können, hier ist die Schriftstellerin unbeschränkt frei und vollkommen aufrichtig; offen spricht sie das Credo ihres Lebens aus, zu dem sie nach zwanzig Jahren schwerer »Marschroute« durch die Hölle der Stalinschen Lager gelangt ist. Mehr noch, dieses Credo wird zum Thema des Buchs: Jewgenija Ginsburg kam ins Lager als überzeugte Marxistin und aktive Parteifunktionärin — sie verließ es als tief gläubige Christin, die mit verächtlichem Lächeln auf ihre marxistische Vergangenheit zurückblickt. Und gerade diese innere Evolution, diese »innere Marschroute«, wie sie selbst es nennt, dem Leser zu vermitteln, war der Schriftstellerin viel wichtiger, als eine »einfache Leidenschronik« zu schreiben.

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Von den neuen, nachstalinschen Lagern erzählen Wladimir Bukowskij in seinem großartigen Buch »I woswraschtschajetsja weter« (dt. Wind vor dem Eisgang; ein erschütterndes Dokument über den Widerstand eines einzelnen gegen die allmächtige totalitäre Macht), Andrej Amalrik (»Sapiski rewoljuzionera« [dt. Aufzeichnungen eines Revolutionärs]), W. Markman (»Na kraju geografii« [Am Rande der Geografie]), E. Kusnezow (»Mordowskij marafon« [Mordwinisches Marathon]; das zweite Buch, das Kusnezow im Lager schrieb und heimlich nach draußen geben konnte; nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion begann er auch Erzählungen zu schreiben, die jedoch bislang wenig geglückt scheinen). 

Im Lager schrieb M. Chejfez sein Buch »Mesto i wremja« (Ort und Zeit), und D. Schumuk wurde wegen seiner Erinnerungen an das Lager (seine Haft endete 1968) im Jahre 1972 erneut verhaftet und abermals für zehn Jahre ins Lager deportiert. A. Martschenko berichtet in seinem Buch »Ot Tarussy do Tschuny« (von Tarussa bis Tschuna) von seinen neuen mühseligen Irrwegen: Verhaftung, Hungerstreik, Verbannung in das Dorf Tschuna im Gebiet von Irkutsk. Schon in der Verbannung schrieb er das autobiografische Buch »Shiwi kak wse« (Leb wie alle). 

G. Snegirjow berichtet in seiner dokumentarischen Skizze »Kak na duchu« (In aller Offenheit; der Titel stammt von der Redaktion des »Kontinent«,15 die das Manuskript nach Snegirjows Tod erhielt) von seinem Untersuchungsverfahren beim Kiewer KGB.

Leonid Pljuschtsch, der wegen oppositioneller Tätigkeit viele Jahre in der psychiatrischen Klinik verbringen mußte, erzählt spannend und lehrreich von seinem Leben in dem Buch »Na karnawale istorii« (Auf dem Karneval der Geschichte). 

I. Klejner berichtet in »Anekdotitscheskaja tragedija« (Anekdotische Tragödie) von der nationalen Bewegung in der Sowjetunion Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Scharf und witzig enthüllt L. Larskij einige dunkle Punkte aus der Geschichte der Sowjetarmee während des Krieges (»Memuary rotnogo pridurka« [Memoiren eines Kompanieschlaukopfes]).

Von unschätzbarem Wert für jeden, der sich für die Geschichte der russischen Literatur und Kultur interessiert, sind die in der Sowjetunion unpubliziert gebliebenen Erinnerungen von Menschen wie Olga Iwinskaja, der Freundin von Boris Pasternak, die seiner Lara aus dem »Doktor Schiwago« zum Vorbild diente (»U wremeni w plenu« [Gefangene der Zeit]), oder L. Beloserskaja-Bulgakowa, der Freundin Michail Bulgakows (O, mjod wospominanij« [Oh, Honig der Erinnerungen]); die Memoiren der Literaturwissenschaftlerin N. Roskina »Tschetyre glawy« (Vier Kapitel; über ihre Begegnungen mit Anna Achmatowa, Sabolozkij, Grossman); A. Gladkows »Wstretschi s Pasternakom« (Begegnungen mit Pasternak) und A. Gladilins »Moje literaturnoje pokolenije« (Meine literarische Generation); A. Glesers Buch »Tschelowek s dwojnym dnom« (Der Mensch mit doppeltem Boden; über die nonkonformistischen Künstler und den Kampf, den sie mit den Machthabern um ihre Existenzberechtigung führen müssen) und die Erinnerungen von Je. Kropiwnizkij »Trishdy roshdjonnyj« (Der dreimal Geborene).

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Lesenswert sind auch »Slutschaj na datsche« (Zwischenfall auf der Datscha) von A. Gorlow, einem Freund von Solschenizyn, Je. Etkinds »Sapiski nesagoworschtschika« (dt. Unblutige Hinrichtung) und natürlich die Memoiren von Dmitrij Schostakowitsch, die von Solomon Wolkow aufgezeichnet wurden (der große Komponist zeigt sich uns hier in unerwartetem Licht: nicht als Staatspreisträger und Bannerträger der sowjetischen Kunst, sondern als ein tief unglücklicher Mensch, der zu jahrelangem Doppelleben gezwungen wurde). 

Die Liste solch interessanter Memoiren ließe sich noch eine geraume Zeit fortsetzen; wir wollen zum Abschluß nur noch einige erwähnen: »O wremeni i o sebe« (Über die Zeit und über mich) von G. Podjapolskij, einem Wissenschaftler und Lyriker; »Lichije gody« (Böse Jahre), »Ruk twoich shar« (Deiner Hände Glut) und »W poiskach nowogo grada« (Auf der Suche nach der neuen Stadt) von dem religiös engagierten A. Lewitin-Krasnow, »Otreschis ot stracha« (dt. Entsage der Angst) von dem Historiker A. Nekritsch, »Pokinutaja Rossija« (Verlassenes Rußland) von dem Journalisten W. Perelman, »Perwaja nenautschnaja kniga« (Das erste unwissenschaftliche Buch) von dem Wissenschaftler S. Mjuge, »Malenkije saweschtschanija« (Kleine Vermächtnisse) von dem Literaten D. Dar, sowie die Erinnerungen des Bildhauers Ernst Neiswestnyj und des Philologen K. Uspenskij (Koszinskij), die ein ereignisreiches Leben hinter sich haben und davon eindrucksvoll zu erzählen wissen; und schließlich das frisch und lebendig geschriebene Buch »Wospominanija o mojem detstwe« (dt. Eine russische Kindheit) von Gjusel Amalrik, der Frau Andrej Amalriks.

Doch obgleich der Strom dieser literarischen Zeugenaussagen nicht nur nicht aufhört, sondern sogar noch anwächst, macht er nicht die Hauptrichtung der heutigen Samisdatliteratur aus. Es entstand das Gefühl eines Überflusses an Information, man sagte sich, daß bloße Zeugenaussagen noch keine Literatur schaffen. Zu einem beträchtlichen Teil ist dies damit zu erklären, daß eine neue Generation von Schriftstellern Einlaß in die Literatur suchte: Geboren in den vierziger Jahren, haben diese jungen Schriftsteller den Stalinismus nicht mehr erlebt (zumindest fallen die bewußt erlebten Jahre schon in die nachstalinsche Periode), es ist eine Generation, die nicht mehr zurück, sondern nur nach vorn sieht.

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Der Bankrott der marxistischen Umgestaltung der Gesellschaft ist für sie schon etwas Selbstverständliches, das keiner weiteren Beweise und keines Zeugnisses mehr bedarf, das erbärmliche Leben ringsum ist für sie ein stabiles, von Kindheit an erlebtes Milieu, dessen Merkmale längst bekannt sind und keiner flammenden Entlarvung mehr verlohnen. Was sie interessiert, ist die künstlerische Bewältigung der vorgefundenen Situation.

Bekanntlich vollzieht sich die künstlerische Widerspiegelung einer Epoche oder einer Gesellschaft stets mit einer gewissen Verspätung; das Leben muß sich erst ein wenig absetzen, die Erfahrung sich herauskristallisieren, damit der Schriftsteller den Geschmack und die Farbe der Zeit, ihren Atem und Pulsschlag wiederzugeben vermag. Die Stalinperiode hat ihre Gestalter bereits gefunden; davon war oben die Rede. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre nun begannen in steter Folge Werke zu erscheinen, die das nachstalinsche Leben angemessen zu gestalten versuchen. Die zweite Hälfte der siebziger Jahre ist zugleich auch die Blütezeit der experimentellen Literatur. Doch die »reine Kunst« dieser apolitischen Avantgarde-Schriftsteller, die ganz in der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln für ihre inneren Erfahrungen aufgehen, ist in einem Land, wo die »reine Kunst« als Ketzerei verfolgt wird, bereits ein Ausdruck des politischen Protests.

Von den Schriftstellern der neuen Generation sind zwei von ganz besonderem Interesse: der eigenwillige, ätzende Nikolaj Bokow und der blendend begabte Sascha Sokolow.

Nachdem er das Leben als Irrenhausinsasse, Dissident und Ausgestoßener hatte kosten müssen, kam Nikolaj Bokow 1975 nach Paris und enthüllte dort seine Pseudonyme als Schriftsteller. Es stellte sich heraus, daß sowohl die phantastische Erzählung »Gorod solnza« (Die Sonnenstadt), die unter dem Pseudonym Ewus zirkuliert hatte, als auch das Buch »Nikto. Disangelije ot Marii Dementnoj« (Niemand. Das Dysangelium der Maria Demens), die groteske expressionistische Erzählung »Palata Nr. 8« (Krankenzimmer Nr. 8; über die Zwangsbehandlung in Irrenhäusern), die im Samisdat unter den Initialen A. S. umlief, und die Erzählung »Dwojnik« (Der Doppelgänger) ebenso wie das Buch »Smuta nowejschego wremeni ili udiwitelnyje pochoshdenija Wani Tschmotanowa« (Die Wirren der neuesten Zeit oder Die erstaunlichen Abenteuer des Wanja Tschmotanow) sowie sämtliche

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Bücher, die unter dem Pseudonym Wassilij bekannt geworden sind, darunter die Mysterienspiele (in denen der Tod, die Sowjetmacht, der Dichter usw. auftreten) — daß alle diese Bücher aus der Feder von Nikolaj Bokow stammen (der »Wanja Tschmotanow« wurde zusammen mit einem Schriftsteller verfaßt, der noch in Rußland lebt und seinen Namen nicht preisgibt). 

Eine derart breite Palette erstaunt bei einem so jungen Schriftsteller. Was gar den »Wassilij« betrifft, ist dies nicht einfach nur ein Pseudonym, sondern eine ganz eigene Autorenpersönlichkeit mit ihrer Biografie und ihren Anschauungen; in dieser Verkörperung schrieb Bokow die »Sushdenija« (Meinungen), und seinen »Wassilij« ließ er auch die Untergrundzeitschrift »Kostry besumija« (Scheiterhaufen des Wahnsinns) herausgeben. Unter seinem richtigen Namen veröffentlichte Bokow den illegalen Sammelband-Almanach »Katscheli sudby« (Die Schaukel des Schicksals). Diese Trennung zwischen seiner eigenen Person und seinem Schriftsteller-Ich (zumindest in einer seiner Verkörperungen) ist sehr charakteristisch für Bokow, der ständig neue Wege sucht, seinen Stil verändert und sich neuen Themen zuwendet. Er selbst ist mit dem, was er schreibt, noch nicht zufrieden und glaubt, er habe sein wahres Gesicht noch nicht gefunden. Doch was bisher von ihm vorliegt, ist von beachtlichem Interesse und begründet große Hoffnungen. 

Bei der Ausreise konnte Bokow sein noch in Rußland geschriebenes, bisher umfangreichstes Werk »Bestseller« herausschmuggeln (ein Titel im Geiste der Pop Art; ursprünglich hieß das Buch »Strady Omosolelowa« [Omosolelows Mühen]). In Paris entstanden die Novellen »Pismo dlja Rosenkranza« (Brief für Rosenkranz), »Kljuw chimery« (Der Schnabel der Chimäre), »Pantera w pryshke« (Der Panther im Sprung) und »My letim nad dolinoj« (Wir fliegen über dem Tal), die große Reife und Meisterschaft spüren lassen. Im Samisdat verbreitet sind weiterhin philosophisch-psychologische Essays von Bokow (er absolvierte die philosophische Fakultät der Moskauer Universität): »Filossofija obwinjajemogo filossofa« (Die Philosophie des angeklagten Philosophen) und »Kontakt s KGB kak psicho-soziologitscheksij fenomen« (Der Kontakt mit dem KGB als psycho-soziologisches Phänomen). 

Das ethische Klima der Sowjetgesellschaft, sagt Bokow, erzeugt ein standardisiertes Verhalten, das durch die Angst und das Verbot der freien Willens­äußerung bedingt ist, in dieser Atmosphäre wird die physische Existenz als höchster Wert erlebt und verdrängt den Sinn dieser Existenz aus dem Bewußtsein.

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In Bokows frühen Werken ist die Handlung sehr klar umrissen und fungiert als die wesentliche »tragende Konstruktion«, der alles untergeordnet ist. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht oftmals eine überraschende, einfallsreiche Wendung im Gang der Handlung. »Dwojnik« erzählt, wie ein Stalinscher Beamter unter Ausnutzung seiner Macht den Bräutigam der Frau verhaften und hinrichten läßt, in die er verliebt ist und die er nach vergeblichem Werben mit Gewalt und Täuschung (er verspricht, ihr zu helfen) erobert. Die Erkenntnis der eigenen Niedrigkeit richtet innere Verwüstung in ihm an, er agiert unkontrolliert, beginnt heimlich mit der westlichen Presse zu korrespondieren, wird verhaftet und verliert beinahe den Verstand. 

Ebenso erregend und markant ist die Fabel in »Gorod solnza«, »Palata Nr. 8« und den anderen frühen Arbeiten. In der letzten Zeit jedoch, angefangen mit »Bestseller«, wird die Handlung nur noch mit flüchtigen Strichen skizziert, der Leser muß sie sich aus knappen Andeutungen selber konstruieren — wodurch die Bücher freilich nicht an Intensität verlieren, sondern eher noch gewinnen. Die Aufmerksamkeit des Schriftstellers jedoch konzentriert sich nicht mehr auf die Entwicklung der Ereignisse, sondern auf die Erforschung der inneren Zustände, die diese Ereignisse begleiten.

In »Bestseller« ist es der Horror einer hoffnungslosen und sinnentleerten Existenz in einer feindlichen und erstickenden Umgebung (am Arbeitsplatz und zu Hause in der Gemeinschaftswohnung), die wahnhafte Atmosphäre der Verdächtigungen, der Angst und der Feindseligkeit, der innere Zustand des Menschen, in einer abstrusen und wahnwitzigen Welt, die Tragödie der absoluten Beziehungslosigkeit. In »Pismo dlja Rosenkranza« ist es der Horror eines Lebens unter ständiger Verfolgung durch die Polizei, der Zustand der Schutzlosigkeit, des zum Scheitern Verurteiltseins, die Deformation der natürlichen menschlichen Beziehungen durch die Einmischung des KGB.

Diesen Horror des sowjetischen Alltags hat noch niemand mit solcher Kraft und in solchen Farben geschildert.

Bokows Prosa ist das literarische Gegenstück zu der neuen russischen Avantgarde-Malerei, die in der letzten Zeit beträchtliche Aufmerksamkeit im Westen erregte und wohl die anschaulichste Vorstellung davon gibt, wie das Leben in der Sowjetunion aussieht. Bokows Stil ist dabei den extravaganten und provozierenden Grafiken Michail Schemjakins verwandt. Es ist die Poetik der totalen Verzweiflung. Es ist der Schrei, der auf den Lippen erstarrt, weil er weiß, daß er nicht zu Ende geschrien werden kann.

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Die Unmöglichkeit, sich auszudrücken, ist praktisch das Hauptmerkmal dieser neuen Kunst. Denn das, wovon sie spricht, ist neu, unerhört und unaussprechlich. Fast jeder Satz bei Bokow (vor allem in »Bestseller«) parodiert gängige literarische Verfahren und Stilmittel. Parodiert wird etwa das Porträt des Helden: 

»Er hob den Kopf. Sein Gegenüber sah ihm in die Augen. Sehen auch wir ihm in die Augen. Schwarze Pupillen auf grauem Untergrund (...) Sein Mund ist groß, seine Lippen, wie wir bei der Gelegenheit bemerken wollen, voll, die Zähne mittelmäßig und gelichtet, die Zunge gelblich — sie hat ein klein wenig Mühe, im Mund, von dem bereits die Rede war, Platz zu finden —, der Gaumen rauh, der Kehlkopf nicht übel, die Kehle — ... Doch wir wollen hier auf der Schwelle zu Dmitrij Petrowitschs Innenleben einhalten — einesteils, weil wir keine Chirurgen sind, andernteils, weil er ein lebendiger Mensch ist.«16 

Parodiert wird der Joycesche Bewußtseinsstrom, mit seinem Kontrapunkt des rationalen Verstands: »Dmitrij Petrowitsch lag im Kampf mit seinen Gedanken, die in zwei verschiedene Richtungen ausbrachen: nach Osten — welches Wort fängt mit >Prot< an, außer Proteus, nach Westen — was hatte ihn dieser Mensch gefragt, der da vor ihm stand? Eine dritte tauchte auf: Wer war eigentlich dieser Mensch, der ihn da irgend etwas gefragt hatte? Und plötzlich entstand zu Dmitrij Petrowitschs Entsetzen eine nördliche Richtung: Was zum Teufel ist der Sinn des Lebens?« 

Oder die Parodie auf den kritischen Realismus: »Omosolelow eilte nach Hause, um sich umzuziehen. Wie? werden jetzt Millionen fragen — hat er etwa zwei Mäntel? Natürlich nur einen. Und Anzüge? Auch nur einen. Und Schuhe — er wird ja doch wohl nicht in Strümpfen aus dem Haus gegangen sein? Schuhe und Strümpfe hat er auch nur je ein Paar. Was also hat er dann umzuziehen? Und wozu? Ist er vielleicht ein Leichnam, oder was? Und nur die aufmerksamen Leser werden sich erinnern: die Schnürsenkel! Die Schnürsenkel waren an Omosolelows Schuhen gerissen. Die wollte er umziehen, das heißt vielmehr festnähen, denn er besaß nur ein Paar Schnürsenkel.«

Und Parodie auf den Intellektualismus: »Die Umstände waren derart neu, daß er die von der Menschheit angehäuften Erkenntnisse nicht verwenden konnte. Er wollte seine eigenen Kenntnisse anwenden, aber die standen derart im Widerspruch zu der Erfahrung von Jahrtausenden, daß sie sich wie die Halluzinationen eines Geisteskranken ausnahmen.« 

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Und so parodiert Bokow vollendeten, schwerelos fließenden Stil: »Er erkannte sofort, daß es Chljastikows Handschrift war, flüchtig, ja fliegend, gleichsam eilend, irgendwohin zu kommen, wo man sie ebenso zügig und rasch durchlesen und Anordnungen treffen würde: hinzufahren, an der Tür zu läuten, einfach hereinzukommen, freundschaftlich zu plaudern und liebenswürdig dazu einzuladen, ins Theater zu fahren — für immer.«

Ironie, Furcht vor Sentimentalität und Pathos und Scheu vor Banalität verleiten Bokow gelegentlich zu nüchterner, fast steriler Kälte. Die Personen werden zu Sprechpuppen, die Absurdität des Erzählten macht die Geschichte selbst manchmal undurchdringlich und unverständlich. Doch in seinen letzten Erzählungen deutet sich auch schon ein Übergang von dieser geometrischen Nüchternheit zu einem herzlicheren, milderen Grundgefühl an, und die kalte Absurdität belebt sich mit warmen Körpern aus Fleisch und Blut.

 

Grell und unerwartet kündigte sich ein großer neuer Schriftsteller an, als der brillante Sascha Sokolow seinen meisterlich geschriebenen Roman »Schkola dlja durakow« (dt. Die Schule der Dummen) veröffentlichte. Sascha Sokolow wurde 1943 in Kanada geboren, wo sein Vater stellvertretender sowjetischer Militärattaché war (und als Agent größten Kalibers das sowjetische Spionagenetz in Kanada organisierte); doch nachdem einer der Untergebenen des Vaters übergelaufen war, mußte die Familie das Land binnen kurzem verlassen. 1971 beendete Sokolow die Journalistische Fakultät der Moskauer Universität, doch bevor er so weit war, hatte er als Präparator in der Anatomie und als Dreher in den Iljitsch-Werken arbeiten und Heilanstalt und Militärgefängnis über sich ergehen lassen müssen, um der Ausbildung am Militärischen Fremdspracheninstitut zu entrinnen. 

Sein allmächtiger Papa hatte ihn an diesem Institut angemeldet, wo man aus ihm einen Agenten machen wollte. Vor der Musterungskommission des Verteidigungs­ministeriums, die aus zwölf Generälen bestand, spielte Sokolow erfolgreich den Geisteskranken; endgültig von seiner Untauglichkeit überzeugt war die Kommission, als er ein selbstverfaßtes gewaltiges Poem über das Leichenschauhaus laut rezitierte. 

1965 nahm Sascha Sokolow an dem ersten öffentlichen Auftreten der SMOG-Gruppe in der Furmanow-Bibliothek teil, trennte sich jedoch bald darauf von ihr, was ihm möglicherweise die Verhaftung ersparte. 

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In die Universitätsjahre fällt seine erste und einzige Veröffentlichung in der Sowjetunion: In der Blindenzeitschrift »Shisn slepych« (Das Leben der Blinden) erschien seine Erzählung »Na beregu« (Am Ufer) — über einen blinden Kapitän und seine Beziehung zum Meer und zu seiner Katze. Noch bevor er — im Fernstudium — die Universität beendete, begann Sokolow bei einer kleinen Rayonzeitung im Dorf Morki in der ASSR der Mari zu arbeiten und war dann in Moskau für die Zeitung »Literaturnaja Rossija« tätig. 

Doch mit der ihm eigenen Fähigkeit, seinem Leben eine scharfe Wendung zu geben und sich rückhaltlos ganz der schöpferischen Tätigkeit zu widmen, auch wenn dafür scheinbar alle Voraussetzungen fehlen, wirft er 1972 plötzlich alles hin und fährt ins Wolgagebiet, wo er ohne einen Pfennig Geld, ohne jemanden zu kennen, in einem armseligen abgelegenen Dörfchen Wohnung nimmt, um dort zu leben und seinen Roman »Die Schule der Dummen« zu schreiben. Es gelingt ihm, eine Arbeit als Jäger zu finden. Als der Roman fertig ist, gibt Sokolow das Manuskript ins Ausland; bald darauf heiratet er eine österreichische Staatsbürgerin und beginnt einen zähen Kampf mit den sowjetischen Behörden und dem eigenen Vater um die Erlaubnis zur Ausreise (Sokolow tritt in Moskau und seine Frau in Wien in den Hungerstreik). 

Erst als der österreichische Kanzler Kreisky persönlich bei Breshnew interveniert, erhält Sokolow im Oktober 1975 die Erlaubnis zur Ausreise; mit Kreiskys Hilfe wird er als Holzfäller im Wienerwald angestellt. Dort, im Wienerwald, beginnt Sokolow seinen zweiten Roman »Meshdu sobakoj i wolkom«. Als er ihn beendet, ist er bereits auf dem amerikanischen Kontinent, wo er die Staatsbürgerschaft seines Geburtslandes Kanada erhält.

Der Held und Ich-Erzähler des Romans »Die Schule der Dummen«17 — der sich nicht an den Leser, sondern an sich selbst wendet, diesen »anderen« mit Du anredend — geht auf eine Sonderschule für geistig Behinderte; er leidet an starker nervlicher Zerrüttung und Gedächtnisschwund (er hat ein »selektives Gedächtnis«, das nur das bewahrt, was er bewahren will), an dem Verlust des Gefühls für die eigene Identität (»der Doktor nennt das ein Sichauflösen in der Umgebung«), Verlust des Zeitgefühls oder besser Staunen über das Rätsel der Zeit (»Unsere Kalender sind zu fiktiv, und die Zahlen, die darauf geschrieben sind, bezeichnen nichts und sind durch nichts gesichert, wie Falschgeld«). 

Es ist ein Bewußtseinsstrom (einen der nachhaltigsten Einflüsse empfing Sokolow von Joyce), und zwar der eines Kranken, in heilloser Unordnung und gerade deshalb so aufschlußreich, denn indem die-

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ser Kunstgriff die Kontrolle durch den Verstand ausschaltet, erlaubt er dem Schriftsteller, sich ganz dem reinen Element des spontanen Denkens und Fühlens anheimzugeben (jenem Element, über das zu einer Zeit, da die russische Literatur eben erst aufging, Puschkin sein großartiges Gedicht schrieb: »Ne daj mne Bog sojti s uma« [Herr, gib, daß ich nicht den Verstand verliere]), befreit die Phantasie von ihren Fesseln, führt zu den überraschendsten und schlagendsten Assoziationen, treibt ein bizarres (und eindrucksvolles) Spiel mit Bildern, Wörtern, Klängen und Zeichen. Man spürt den Einfluß von Faulkners »Schall und Wahn« (jener Kapitel, wo die Ereignisse mit den Augen des Geistesschwachen gesehen werden), doch nicht mit Imitation haben wir es hier zu tun, sondern vielmehr mit der Aneignung der modernen Errungenschaften der Romantechnik in der Weltliteratur; Sokolows Buch hat einen ganz anderen Ansatz als Faulkners. '

Die Sprache des Romans ist großartig. Wer mit Dreißig so schreibt, sagte Nabokov von Sokolow, der muß einfach ein großer Schriftsteller werden. Manchmal dient zum Anstoß etwa ein Homonym (der Zweig eines Baumes und das Zweiggleis bei der Eisenbahn), das sich schrittweise in zwei parallel laufenden Erzählsträngen entfaltet und sich Zug um Zug zu einem bizarren und verschlungenen Doppelbild auswächst. Der endlose (über eine ganze Seite gehende) Satz, der von einem bestimmten Wort seinen Ausgang nimmt, verzweigt sich allmählich, wächst gleichsam zu einem ganzen Baum mit mächtigen Ästen heran, die ihren Ursprung in einer Wurzel haben. Es ist eine merkwürdige und bestrickende Sprache, unbeholfen, aber liebenswert, mit altmodisch gesuchter Intonation, die diesem Buch eine wundervolle Eleganz verleihen, es ist die Rede eines ungeschützten, ergreifend naiven und reinen Menschen, eines Narren in Christo, denn nur Krankheit und Blödsinn vermögen sich heutzutage eine solche Reinheit zu bewahren. Hier spricht ein ungehemmter Phantast, dem noch das kleinste Alltagsdetail zur Quelle einer poetischen Umgestaltung bis zur Unkenntlichkeit wird.

Das Thema der Zeit — das Rätsel der Zeit — verwandelt sich aus einem Gegenstand der Erzählung plötzlich in ein formbildendes Element. Das Buch selbst demonstriert die Relativität der Zeit, die sich endlos in immer neue Abschnitte spaltet, es ist selbst ein Beispiel für den Stillstand der Zeit: es hat weder Anfang noch Ende — es beginnt mit einem halben Satz, einem Wortgefecht über den Anfang, und endet damit, daß der Leser auf die Rückkehr des Erzählers wartet, der nur eben kurz in ein Geschäft gegangen ist, um Papier zu kaufen und die endlose Plauderei mit dem Leser fortzusetzen.

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Eine Handlung läßt sich nur undeutlich ausmachen, sie schimmert gleichsam nur schwach durch den »magischen Kristall« (Puschkin) hindurch. Diese Fähigkeit, flüchtig zu skizzieren, beherrscht Sokolow meisterlich, sie verleiht seinem zweiten Roman »Meshdu sobakoj i wolkom«18 etwas fast mystisch Geheimnisvolles und etwas tragisch Unbegreifliches. Die Anspielung, das Unausgesprochene beherrschen die gesamte Struktur des Textes. Schon der Titel (eine Zeile von Puschkin, die auf eine französische Redewendung hinweist), spricht davon: »Zwischen Hund und Wolf« — das ist die Zeit der Abenddämmerung. Die Erzählung wird von mehreren Stimmen getragen, wie in der polyphonen Musik, und jede Stimme hat ihre deutliche Intonation — die Erzählung des Bauern Ilja Besobrasnik, die Monologe des Jägers Jakobi, der einst zur Intelligenz gehörte und in den Wald gegangen ist (wie seinerzeit der Autor selbst) usw. Diese Stimmen zeichnen das Geschehen in verschiedener Perspektive, alle jedoch gleichermaßen rätselvoll — nur in den lyrischen Intermezzi zwischen den einzelnen Kapiteln kommen einige Handlungssituationen etwas deutlicher heraus —, und so wird gleichsam die Möglichkeit einer prosaischen und linearen Lesart eliminiert.

Auch an diesem Buch beeindruckt die sprachliche Form. Leider muß in der Übersetzung dieser unvergleichliche Reichtum der Sprache verloren gehen, und die Romane werden, allen Aromas beraubt, vielleicht überhaupt kein Interesse mehr erwecken. Der Remisowschen Skas-Tradition folgend, verwendet Sokolow ausgiebig Dialektismen und außer Gebrauch gekommene Archaismen, vermischt sie jedoch zugleich mit modernem Jargon und eigenen Neologismen. Diese Sprache zeugt von der umfassenden Bildung des Autors und von harter Arbeit an sich selbst. Ebenso vielschichtig und bunt wie die Sprache ist auch die Struktur des Romans: Zeit und Ort der Handlung sind unbestimmt; Einzelheiten aus dem Leben vor dem Krieg und sogar vor der Revolution vermischen sich mit Bruchstücken aus dem sowjetischen Leben von heute, und alles zusammen ist unser ewiges Rußland, unser ewiges unsterbliches russisches Volk, sein verborgenes innerstes Leben. Alles in diesem Roman bleibt unpräzise, nicht zu Ende gesagt, wie Trugbilder im Dämmerlicht — in der Zeit »zwischen Hund und Wolf«. Die Erzählweise ist einläßlich und bedächtig, philosophierend.

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Die wesentlichen Knoten der Handlung werden im Vorübergehen geknüpft, als handle es sich um Nebensächliches, die Reflexionen aber beziehen sich fortwährend auf ganz andere Dinge, die mit der Fabel nur in losem Zusammenhang stehen. Die Handlungsstränge selbst sind widersprüchlich, schließen einander oftmals aus; dabei sind sie für sich genommen hochdramatisch: blinde Liebe, Mord, Rache, Eifersucht. Durch das ganze Buch weht der Atem der Volkskunst, der Erde, der Geist der Legende und des Märchens. Orte und Menschen haben symbolische Namen und Bezeichnungen. Die Personen werden wie schwankende Luftspiegelungen gezeichnet: Sie vibrieren, trüben sich; mal verdoppeln, verdreifachen, vervielfachen sie sich, immer neue Namen annehmend, dann wieder verschmelzen sie plötzlich alle zu einer Person, verallgemeinern sich. Das Bild des Erzählers Ilja wächst zu einer farbenprächtigen, fast tragischen Gestalt empor, die ganze Erzählung gewinnt zeitweilig wahrhaft epische Höhe. Es entsteht das Bild vom russischen Leben — traurig, absurd und nichtsnutzig, doch voller Sehnsucht nach Gott und voll erhabener Poesie, die aus der Tiefe des Volkslebens entspringt. In diesem Roman hat Sascha Sokolow noch mehr an Reife gewonnen und zu einem fast makellosen Stil gefunden.

 

Eine andere Begabung, die für uns alle unerwartet hell und blendend aufflammte, ist der Schriftsteller Wassilij Aksjonow, der einer etwas älteren Generation angehört, der Generation des Chruschtschowschen »Tauwetters«. Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre errang er mit Erzählungen Popularität, die ganz im Geiste des Tauwetters geschrieben waren, halbherzig, halbaufrichtig, vielfach schlicht verlogen (»Kollegi« [dt. Drei trafen sich wieder], »Swjosdnyj bilet« [dt. Fahrkarte zu den Sternen], »Apelsiny is Marokko« [dt. Apfelsinen aus Marokko] und andere). Doch die letzte Erzählung dieser Periode, »Satowarennaja botschkotara« (dt. Defizitposten Faßleergut) läßt uns bereits eine gewisse Beunruhigung, eine ahnungsvolle Suche spüren und markiert eine Wende zu größerer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit und zugleich zu stärkerer künstlerischer Originalität. Dann folgte eine lange, fast zehn Jahre dauernde Periode des Schweigens, der leidvollen Reifung und der Erarbeitung einer eigenständigen Sprache. 1976 erschienen im »Nowyj mir« seine Reiseeindrücke aus Amerika, »Kruglyje sutki non-stop« (Rund um die Uhr nonstop). 

Die Erzählungen jedoch, mit denen Aksjonow zu sowjetischen Themen zurückkehrte, waren für die Veröffentlichung

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schon nicht mehr tragbar und mußten im Ausland erscheinen: »Stalnaja ptiza« (Der stählerne Vogel; in »Glagol« Nr. 1, 1977), »Solotaja nascha sheleska« (Ardis, Ann Arbor 1979) und die Stücke »Tschetyre temperamenta« (Die vier Temperamente; in dem Almanach »Metropol«) und »Zaplja« (Der Reiher; in »Kontinent« Nr. 22). 1978 machten die Behörden erneut den Versuch, den begabten Schriftsteller zu domestizieren, indem sie ihn seine modernistische Erzählung »Poiski shanra« (dt. Der rosa Eisberg oder Auf der Suche nach der Gattung) im »Nowyj mir« veröffentlichen ließen. Nachdem es dann zu dem Skandal um den Almanach »Metropol« gekommen war und Aksjonow seinen Austritt aus dem Schriftstellerverband erklärt hatte, tat er einen weiteren entscheidenden Schritt: Er gab seinen Roman »Oshog« (Die Brandwunde) in den Westen, ein monumentales Werk, an dem er sechs Jahre gearbeitet hatte. Prompt schikanierte man ihn mit allen möglichen Repressionen. 1980 durfte Aksjonow ausreisen; mit sich brachte er das Manuskript seines neuen Romans »Ostrow Krym« (Die Insel Krim) — oder ließ es durch geheime Kanäle herausbringen.

Der Roman »Oshog«19 markiert ohne Zweifel den Gipfel von Aksjonows Schaffen, es ist sein tiefstes, reifstes und brillantestes Werk, das ihm auf Anhieb einen der ersten Plätze in der modernen russischen Literatur sichert. Dieser Sprung nach vorn zu künstlerischer Vollkommenheit und innerer Freiheit ist ebenso großartig wie überraschend, schien doch bisher nicht das geringste darauf hinzudeuten, daß in Aksjonow solch ein Schriftsteller verborgen sein könnte, wie wir ihn jetzt vor uns sehen. Seine frühen Erzählungen sind typische Komsomolzenliteratur mit den üblichen sowjetischen Schablonen und Konventionen. Seine im Ausland erschienenen Erzählungen und Stücke wiederum erstaunen durch die Diskrepanz zwischen ihrer Inhaltsarmut und der Reife des Ausdrucks. Die offene Rede des Autors wird hier durch die Selbstzensur gebremst, und der Glanz der Begabung entfaltet sich allein in der Akrobatik der Wörter. 

In »Oshog« brach der Schriftsteller endlich aus sich heraus: Alles, was er in sich genährt hatte, fand nun seinen Ausdruck, sprachliche Vollkommenheit paarte sich mit gedanklicher Schärfe, und uns Lesern wurde ein Musterbeispiel hoher Kunst gewonnen. Der volle Titel des Romans lautet: »Oshog. Posdnije schestidesjatyje rannije semidesjatye« (Die Brandwunde. Späte Sechziger, frühe Siebziger). Der erste Teil des Titels ist eine philosophische Metapher. 

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Die menschliche Seele wird versengt von dem, was sie im Leben erfahren und erleiden muß. Und wir finden hier in der Tat eine bemerkenswerte künstlerische Synthese aus der Lebenserfahrung einer ganzen Generation. Der Tonfall, der den Roman beherrscht, ist der einer intellektuellen Ironie, der Ironie eines durchdringend klugen, wissenden und müden Menschen, der sozusagen durch alle Feuer gegangen ist. Die Schilderung der Kindheit seines Helden trägt bei Aksjonow deutlich autobiografische Züge. Es ist seine eigene Kindheit in dem »verpesteten« Magadan der Nachkriegszeit, der Stadt der Sträflinge und Geheimpolizisten. Vieles von dem, worüber Aksjonow schreibt, kennen wir schon (freilich anders gesehen und gesagt) aus dem Buch seiner Mutter Jewgenija Ginsburg: aus dem zweiten Band ihrer Erzählungen. Doch im weiteren Verlauf des Romans verdoppelt, verdreifacht, vervielfacht sich dieser Junge aus Magadan, wächst sich aus zu mehreren Gestalten. Aus einer verallgemeinerten, man kann vielleicht sagen: symbolischen Kindheit der Stalinzeit entwickeln sich in dem Roman fünf Hauptpersonen, jeder mit seiner eigenen inneren Welt und seinem eigenen Schicksal.

Die zweite Hälfte des Titels verweist darauf, daß der Roman auf eine besondere Art eine Chronik des sowjetischen Lebens der letzten beiden Jahrzehnte darstellt. Der Bogen ist dabei sehr weit gespannt: von der Bezirks-Ausnüchterungszelle und dem »Männerklub« an der Trinkbude bis zu den Kreml-Sälen, wo die Regierung die Schriftsteller und die Angehörigen der Intelligenz zu offiziellen »Begegnungen« empfängt und ihnen erklärt, wie sie zu leben haben. 

In buntem Reigen ziehen sie vorüber: Chruschtschow und Jewtuschenko, Marina Vlady und Wladimir Wyssozkij, Ernst Neiswestnyj und Anatolij Kusnezow, sowjetische Kleinbürger mit ihrer Höhlenmoral und dem winzigen Gehirn eines Neandertalers und sowjetische Intellektuelle, die die Wahrheit des Lebens erfahren haben, sowjetische Spitzel und einfache sowjetische Säufer, Dissidenten und pensionierte Tschekisten, Kaderoffiziere und ebensolche »Kader«-Poeten in Zivil usw. 

Einige Szenen sind von äußerst intensiver Ausdruckskraft. Die Anzeige eines Spitzels aus einer Moskauer Valuta-Bar etwa ist eine kleine Perle, die an Soschtschenko heranreicht, und die Erzählung des Majors Koltun, wie wir der Tschechoslowakei »brüderliche Hilfe« leisteten, ist ein wahres Meisterstück sprachlicher Charakterisierung. Die ganze tschechoslowakische Odyssee gipfelt in der surrealistischen Schilderung, wie ein sowjetischer Panzer, vom Wege abgekommen, versehentlich Kurs auf Südeuropa nimmt und schließlich erschöpft zwischen lauter Touristenbussen und eleganten Autos über die Straßen Italiens irrt.

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Der Roman ist von sehr komplexer Struktur, nicht linear, sondern sozusagen parallel konstruiert. Die Grenzen von Zeit und Raum und die Konturen der Personen sind verwischt, in einem bizarren Spiel der Assoziationen geht eins ins andere über. Realität verflicht sich mit Träumen, mit Alkoholhalluzinationen und den Fieberphantasien des Sterbenden, wie im Finale des Romans: in einem halbfiebernden, halbphantastischen surrealen Strom, wo der Autor sich zu durchdringender Ausdruckskraft und beklemmender Tragik erhebt. Verschiedene Stile und verschiedene Genres wechseln sich ab: Groteske und Märchen, Symbolismus und Realismus, Bewußtseinsstrom und impressionistische Skizze, naturalistischer Dialog und philosophische Reflexion. Spürbar wird der Einfluß des neuen amerikanischen Romans, den Aksjonow gründlich studiert hat (er übersetzte Updike ins Russische). Das Bild, das hier von der sowjetischen Gesellschaft gezeichnet wird, ist recht unansehnlich, die Atmosphäre wirkt bedrückend. Und doch hinterläßt der Roman nicht das Gefühl von Düsternis und Hoffnungslosigkeit. Es trägt den Stempel hellen, klaren Glaubens — des Glaubens und der Hoffnung, getragen von der Erkenntnis der Wahrheit. Dieser Glaube und diese Hoffnung sind eindeutig christlicher Herkunft — und auch darin ist Aksjonow ein echter Sohn seiner Zeit. Der Wert des Menschen mißt sich an der Höhe jenes Ideals, das er zu erreichen vermag. Und wenn die meisten der Romanfiguren nicht auf dieser Höhe stehen, so setzt das nicht diese Höhe selbst herab.

Man mag Aksjonow die Art und Weise vorwerfen, wie er in seinem Roman die Dissidenten dargestellt hat. Ziemlich ironisch zeichnet er eine Gruppe von Oppositionellen, die für einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« kämpfen, wobei er offenbar die Gruppe um Roy Medwedew im Auge hat. Doch Medwedews Gruppe läßt sich nur zur äußersten Not den Dissidenten zurechnen. Die Dissidentenbewegung hat eine ganze Reihe bewunderungswürdiger Persönlichkeiten — Helden und Märtyrer — hervorgebracht, die nur, weil sie ihr einfaches Recht behaupteten, ein Mensch sein zu dürfen, ins Lager und ins Irrenhaus gingen. Aksjonow stand den Dissidentenkreisen fern, er kennt die Atmosphäre der Brüderlichkeit und Aufopferung nicht, die für die Mehrzahl der Dissidentenzirkel so kennzeichnend ist.

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Ohne zu übertreiben, kann man sagen, daß auch Aksjonow selbst, wie er heute ist und wie er schreibt, zu einem beträchtlichen Teil ein Produkt der Dissidenten­bewegung ist — ohne das Klima, das im Land dank der Dissidenten entstand, wäre Aksjonows Buch nicht möglich gewesen. In einem Roman, der ein derart breites Bild vom Leben der Sowjetgesellschaft gibt (und darauf sogar noch im Titel hinweist), hätte man sich eine angemessenere Darstellung der oppositionellen Bewegung gewünscht. Ebenso karikierend zeichnet Aksjonow auch die Slawophilen in seinem Roman »Ostrow Krym« (Die Insel Krim) — indem er seine Aufmerksamkeit nur auf jene von ihnen richtet, die das Bündnis mit der Macht suchen, und jene Slawophilen ignoriert, die für ihre Ideen im Lager sitzen, wie Igor Ogurzow oder Wladimir Ossipow.

Zieht Aksjonow in »Oshog« das Fazit aus den Erfahrungen seiner Generation, so wagt er sich in seinem Roman »Ostrow Krym« an die entscheidendsten sozialen und politischen Probleme unserer Zeit. Er selbst hält »Ostrow Krym« für sein wichtigstes Buch. Die Idee des Romans ist in der Tat brillant, doch ihre Ausgestaltung, so muß man sagen, verläuft auf einem unvergleichlich niedrigeren Niveau als in »Oshog«. Leider besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der Tiefe der Idee und ihrer Realisierung. Aus dem als große philosophische und soziale Allegorie konzipierten Werk ist im Ergebnis so etwas wie ein leichtgewichtiger Abenteuerroman geworden. Aksjonow hat hier gleichsam all seine komplexen stilistischen Experimente vergessen, in seiner Gesamtstruktur und in der Konstruktion der einzelnen Episoden zeichnet sich der Roman durch große Anspruchslosigkeit aus. Die Sprache ist weit ärmer und blasser als in den vorangegangenen experimentellen Erzählungen oder gar erst in »Oshog«.

Die Handlung des Romans »Ostrow Krym« basiert auf einer phantastischen Voraussetzung: Die Rote Armee hat 1920 die Krim, das letzte Bollwerk der Weißen, nicht erobern können, und dieses Gebiet blieb frei. Heute, sechzig Jahre später, ist es ein blühender demokratischer Staat. Doch der Komfort und die Freiheit führen zu satter Selbstzufriedenheit, moralischem Verfall und geistiger Verarmung. Die »progressiven Kräfte« der Insel (die Halbinsel Krim ist 1920 zur Insel geworden) träumen von der Wiedervereinigung mit der Sowjetunion: die einen sehen in der UdSSR eine bedeutende sozialistische Großmacht, die anderen machen sich keine Illusionen über die sowjetische Realität, aber wollen dennoch die Leiden des ganzen russischen Volkes teilen und den großen messianischen Weg Rußlands mitgehen. 

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Zu diesen letzteren gehört auch die Hauptfigur des Romans, Andrej Lutschnikow, der Herausgeber der Zeitung »Russischer Kurier«. Er reist oft in die Sowjetunion, die in dem Buch auch mit seinen Augen gesehen wird: das kümmerliche Leben, die drückende Atmosphäre, die altersschwachen Machthaber mit ihren Lügen, die Sitten der herrschenden Elite, die an den Verfall des Römischen Reiches gemahnen, die Flucht der sowjetischen Intelligenz ins Ausland und die nicht unterzukriegende Dissidentenbewegung, die russische Jugend, die nach geistiger Erneuerung strebt, die Vernachlässigung der »menschlichen Ökonomie« (das heißt der Produktion der für den Menschen lebensnotwendigen Güter: Nahrung, Kleidung, Wohnung) und das Anwachsen der »unmenschlichen Ökonomie« (Panzer und Raketen). 

Doch trotz allem glaubt Lutschnikow daran, daß Rußland sich in »eine große schöpferische Gemeinschaft von Menschen« verwandeln wird, die Zwiesprache mit Gott halten. Er gründet einen Bund des Gemeinsamen Schicksals, der bei den Wahlen den Sieg davonträgt und an die Sowjetregierung das Ersuchen um die Wiederangliederung der Insel richtet. Auf die Krim marschieren sowjetische Truppen ein, sämtliche Politiker werden verhaftet. Auch Lutschnikow erwartet seine Verhaftung; in der Kirche des Heiligen Wladimir, der die Rus christianisierte, betet er zu Gott. Es versteht sich von selbst, daß der Roman, hätte Aksjonow nicht von der fiktiven Insel Krim, sondern von irgendeinem konkreten Italien gesprochen, platt politisch und propagandistisch wirken müßte. Sein kompositorischer Kunstgriff erlaubt es dem Autor, in allgemeinerer und etwas abstrakterer Form das Gespräch auf die Probleme zu bringen, die ihn bewegen: das Verhältnis zwischen West und Ost, die Illusionen des Westens und seine Kapitulation vor der Sowjetunion, das Schicksal der russischen Emigration, die Sehnsucht nach dem versunkenen Rußland der Vergangenheit und die dankbare Erinnerung an jene Zeit, der Traum, was aus Rußland ohne Bolschewiki hätte werden können, die katastrophalen Folgen der Oktoberrevolution, die nicht nur zur Tyrannei und Armut führte, sondern auch, was viel schlimmer ist, unter einem psycho-biologischen Aspekt zum Triumph der Unbegabten und Nichtswürdigen, zur Ausrottung von Individualität, Talent, Schönheit, Verfeinerung und geistigem Niveau (ein Phänomen, das bereits Boris Pilnjak, als es erst im Entstehen war, als »Lumpenherrschaft« — Ochlokratie — bezeichnete und das M. Bulgakow in seinem »Hunde-

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herz«, M. Waginow in »Koslinaja pesn« [Das Ziegenlied] und M. Soschtschenko in seinen Erzählungen beschrieben). 

Kurz — dadurch, daß er nicht eine reale Situation schildert, sondern eine künstlerische Interpretation der Weltlage vornimmt, übersetzt Aksjonow die Probleme auf eine höhere, ideelle Ebene. Da andererseits jedoch das Land Krim und alle geschilderten Einzelheiten (bei denen Aksjonow ausgiebig verweilt) erfunden sind, erhalten die erörterten Probleme auch etwas Unernstes und Spielerisches und wirken die Figuren leblos. Das wird auch dadurch verursacht, daß die Aufmerksamkeit ganz auf die abenteuerlich spannende Handlung gerichtet ist: Spionage und Gegenspionage, Lutschnikows Liebesaffären (mit modernem Naturalismus geschildert), in die das KGB ebenfalls verwickelt ist, Flucht, Trinkgelage, nächtliche Abenteuer usw. Der Roman verliert gleichsam sein Ziel aus dem Auge und geht damit auch seiner Integrität verlustig — ein Buch von ernsthafter Problematik verwandelt sich in einen erotischen Abenteuerschmöker. Dennoch finden sich hier und da einzelne geglückte Szenen, fein gezeichnete psychologische Situationen, schlagende sprachliche Einfälle und großartig ausgemalte Bilder (wie die gewaltigen Schlußszenen der sowjetischen Okkupation). Darüber hinaus bleibt das Buch bei all seinen Mängeln ein sehr interessanter und unkonventioneller Versuch, bedeutsame Themen unserer Gegenwart zur Sprache zu bringen, die in der Literatur bisher noch nicht behandelt wurden.

Ist das Bemerkenswerte an Aksjonow gerade, daß er verfeinerte Intellektualität mit markanter plastischer Ausdruckskraft zu verbinden weiß, so überwiegt bei den anderen Prosaikern der neuen Welle entweder das eine oder das andere. Zum ersteren Typus gehören vor allem Alexander Sukonik und Genrich Schef. Sukonik schreibt eine feinsinnige analytische Prosa in Proustscher Manier. Seine Erzählungen untersuchen in minuziöser Gewissenhaftigkeit die inneren Zustände des Menschen unter den Bedingungen des heutigen sowjetischen Lebens. Sein Held lebt nicht einfach nur, sondern reflektiert über die verborgenen Motive für seine eigenen Handlungen und die der anderen, er fühlt nicht einfach nur, sondern versucht noch die ungreifbarsten Nuancen seiner Gefühle zu erforschen. Doch während wir es bei Sukonik mit real existierenden Situationen und mit realen Konflikten zu tun haben, steht bei Genrich Schef in der Regel eine unwahrscheinliche, absichtsvoll konstruierte oder gar phantastische Situation, die er freilich — ebenso wie Sukonik — so gewissenhaft und ernsthaft erforscht, als wäre sie real.

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Die Erzählung »Moja istorija s topolem« (Die Geschichte mit der Pappel) schildert die Leiden des Helden, vor dessen Fenster eine Pappel gefällt wird; die Erzählung »Shisn w neprerywnom bege« (Leben in ununterbrochenem Lauf) zeigt Menschen, die mit der normalen Lebensweise gebrochen haben und in ununterbrochenem Lauf leben; »Graniza« (Die Grenze) erzählt von einem Volk, das alle seine Kräfte für die Befestigung seiner Grenzen verausgabt; in »Schkaf« (Der Schrank) sehen wir einen Menschen, der beschlossen hat, fortan in einem Schrank zu leben, und in »Tschempion« (Der Champion) jemanden, der vergebens versucht, das Glück festzuhalten (»Wissen Sie, mir scheint, daß ich glücklicher wäre, wenn ich niemals glücklich wäre«). Doch so irreal diese Erzählungen sind, sie werden seltsamerweise (wie die Erzählungen Kafkas) nur noch tiefer, sie verlassen gleichsam die naturalistische Oberfläche und rühren an mystische Tiefen. Es geschieht gleichsam ein Verwandlungswunder durch die Kunst. Schef selbst sagt in einer seiner Erzählungen: »Die Worte — das ist ein anderes Element, eine andere Materie im Vergleich zu dem, worauf sie bezogen sein können, genauer, worauf sie nicht bezogen sein können: Ihre Ordnung ist gröber und materieller.« Das heißt, realistische Schilderungen bringen uns der Tiefe nicht näher, sondern führen uns im Gegenteil von ihr weg.

Noch komplexer ist die intellektuelle Prosa von Igor Pomeranzew (»Nemnogo o tebe, lossif« [Etwas über dich, lossif]); der reflektierende und analysierende Bewußtseinsstrom schillert hier von übertriebenen, manchmal einfach phantastischen Details. Pomeranzew ist auch ein begabter Essayist und Literaturkritiker. Ein langsamer, nachdenklicher Erzählton kennzeichnet Wladimir Aleksejew (»Dnewnik filologa« [Tagebuch eines Philologen] und »Sapiski sumasschedschego« [Aufzeichnungen eines Verrückten]), der gezwungen war, sich sein Brot als Feuerwehrmann zu verdienen, Dmitrij Pirogow (philosophisches Disputationsstück »Mesto Boga« [Gottes Ort]) und Alexander Tutschkow (»Nowyj Dekameron« [Das neue Dekameron]). Bei Felix Rosiner (»W obnimku s Chronossom« [In Chronos' Umarmung]) wird die Proustsche Suche nach der verlorenen Zeit durch etwas schwerfällige Exkurse in die Ästhetik und Philosophie verkompliziert. Doch der Autor, der an schillernder Intellektualität alle anderen aussticht, ist Henri Wolochonskij: in »Romanpokojnik« (Die Roman-Leiche) erdrückt die linguistische, philosophische und theosophische Komponente alles übrige, wie auch in seiner wissen-

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schaftlichen Prosa — etwa in dem monumentalen »Foma, udiwitelnaja poema o snamenitom scholaste Fome Akwinskom, jego utschitele Alberte Welikom i o iskusstwennoj shenschtschine, Albertom sosdannoj« (Thomas. Das erstaunliche Poem von dem berühmten Scholastiker Thomas von Aquin, seinem Lehrer Albertus Magnus und der von Albertus erschaffenen künstlichen Frau). Viel lebendiger geschrieben ist seine witzige Farce »Sapasnyj wychod« (Der Notausgang), die er gemeinsam mit A. Chwostenko verfaßte. Auch viele andere Dichter, die der sogenannten »Petersburger Schule« angehören oder ihr nahestehen, schreiben neben Lyrik auch interessante Prosa: Alexander Mironow, Jelena Schwarz, Boris Iwanow, W. Erl, ebenso W. Schirali, W. Nesterowskij, D. Markinow, A. Daun, I. Bokstein, A. Dragomoschtschenko (Roman »Ten tscherepachi« [Der Schatten der Schildkröte]), Je. Wensel (»Dshekki, ili shisn, proshitaja is 1coketstwa. Roman-oglawlenije« [Jacky oder Ein Leben aus Koketterie. Ein Inhaltsverzeichnis-Roman]).

Innerhalb dieser intellektualistischen Richtung gewinnt quantitativ und qualitativ der »Rosanowsche« Strang immer mehr an Bedeutung: Prosaminiaturen, tagebuchartige Aufzeichnungen mit Reflexionen oder zufällig miterlebten kleinen Episoden. Lesenswert sind etwa die Miniatur-Essays oder, wie er selbst sie nennt, »isolierten Notizen« von Gennadij Ajgi unter dem Titel »Son-i-poesija« (Schlaf-und-Poesie). Michail Desa vereinigte seine Betrachtungen in dem Zyklus »Dwishenija« (Bewegungen), Michail Berg in dem Buch »Sapiski na manshetach« (Notizen auf den Manschetten). Walerij Lewjatow läßt in seinen knappen Notizen Reflexionen mit Erinnerungen abwechseln (Semnuju shisn projdja do serediny« [Das Erdenleben bis zur Mitte hin durchschreitend]). Von Interesse sind ebenfalls Wladimir Glosmans »Fragmenty« (Fragmente) und »Rasgowor s soboj sa neimenijem sobessednikow« (Selbstgespräch aus Mangel an Gesprächspartnern) von Georgij Peskow. Sehr wirkungsvoll sind die »Ballady« (Balladen) von Alexander Rosen — kurze Szenen (auf einer halben Seite), an denen die konzentrierten schlagenden Details, die überraschenden Situationen und die farbenkräftigen Figuren frappieren. Miniatur-Erzählungen im Stil des Oberiu schrieb Michail Sokownin und schreibt Helena Burjakowskaja (einige sind in der Zeitschrift »37« erschienen).

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In ganz anderem Geiste sind die »Malenkije istorii is zykla Ljubimyj tschelowek« (Kleine Geschichten aus dem Zyklus Ein geliebter Mensch) von Wjatscheslaw Sorokin geschrieben, welche die offiziellen sowjetischen Geschichten über Lenin parodieren. Witzige Parodien und Aphorismen vereinigt der Band »Sotschinenija Nestora Iwanowitscha Puschlera« (Werke des Nestor Iwanowitsch Puschler). Genrich Schachnowitsch sammelte seine kurzen humoristischen Erzählungen, Märchen, Fabeln und »laute Gedanken« in dem Buch »Solo na barabane« (Solo auf der Trommel). Jurij Miloslawskij verfaßte zusammen mit Konstantin Skoblinskij die grotesken Miniaturen »Rasskasy dlja detej« (Geschichten für Kinder) und die parodistischen »Obratnyje narodnyje skaski« (Volksmärchen rückwärts). 

Jurij Miloslawskij ist einer der interessantesten unter den in der letzten Zeit nach Israel emigrierten Schriftstellern. Er schreibt temperamentvolle, zornerfüllte Erzählungen, in denen das sowjetische Leben mit einem gnadenlosen Blick betrachtet wird: Die Charaktere und Situationen bewegen sich am Rande des Pathologischen, die Verwahrlosung der sowjetischen Spießer, die materielle Armseligkeit ihres Lebens und die seelische Verkommenheit werden mit kalter Grausamkeit gezeichnet. Miloslawskijs Erzählung »Sobirajtes i idite« (Macht euch fertig und geht)20 über Dissidentenkreise und die jüdische Bewegung entfachte einen wahren Sturm in der russischen Presse in Israel. Leser und Kritiker fielen mit Empörung über Miloslawskij her, weil er es gewagt hatte, einen Aktivisten der jüdischen Bewegung als Informanten des KGB darzustellen (diese Figur, Michail Lipskij, hat jedoch ein reales Vorbild: Sanja Lipawskij, der beim Prozeß gegen Schtscharanskij als Provokateur auftrat). 

Dabei gehören die Szenen, wo Lipskij von den KGBlern angeworben wird, zu den eindringlichsten und besten in dieser Erzählung, und die ganze Figur ist erstaunlich plastisch herausgearbeitet. (Die gleichen Beschuldigungen wurden auch gegen Leonid Girschowitsch erhoben, als er seine Erzählung »Maltschiki i dewotschki« [Jungen und Mädchen] über jüdische Rückkehrer veröffentlichte, und noch früher wurde Anna Gerz' Erzählung »K wolnoj wole sapowednyje puti« [Zur Freiheit die verborgnen Wege] als Verleumdung der sowjetischen Dissidenten und ihrer Lebensweise bezeichnet. Solche Empörung kommt aus der vollkommen verständlichen Verehrung, die die meisten für jene Menschen empfinden, die mutig gegen das totalitäre Regime aufstehen; aber weder Miloslawskij noch Gerz hatten die Absicht, die Dissidentenbewegung in ihrer Gesamtheit darzustellen, ihr Interesse richtet sich vielmehr auf einzelne psychische Situationen, die im Zusammenhang mit dieser Bewegung entstehen.)

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Doch noch andauernder und gravierender war der Skandal um Eduard Limonow, wobei dieser im Unterschied zu Miloslawskij und Gerz selbst den Skandal gesucht und zielbewußt herbeigeführt hatte, weil er darin das einzige Mittel sah, aus der Masse aufzutauchen und die Umwelt auf sich aufmerksam zu machen. Schon sein Buch »Sekretnaja tetrad ili dnewnik neudatschnika« (Das Geheimheft oder Das Tagebuch eines Pechvogels)21 hatte ihm die Ablehnung durch zahlreiche Kritiker eingetragen und mit seiner unmoralischen und zynischen Haltung Widerwillen erregt. 

Doch den Gipfel der Amoralität erreichte Limonow in seinem Bekenntnisroman »Eto ja — Editschka« (Das bin ich — Editschka)22. Dem Beispiel Rousseaus folgend, wollte Limonow mit seiner Beichte die Menschen mit ihren konventionellen Anschauungen provozieren, doch er trieb seinen Exhibitionismus derart auf die Spitze, daß sich Rousseaus Konfessionen dagegen nachgerade puritanisch ausnehmen. Noch dazu ist der Held — ein ausgewanderter russischer Dichter, der in der amerikanischen Gesellschaft nicht Fuß fassen kann, die schmutzigsten und schlechtestbezahlten Jobs verrichten muß und diese Gesellschaft haßt — derart charakterlos, gehässig und moralisch verkommen, so von kleinkarierter Eitelkeit und Selbstreklame besessen, daß er keinerlei Sympathie, sondern einzig Widerwillen beim Leser zu erwecken vermag. Die Pornografie bildet praktisch das Grundelement dieses Romans, die sprachliche Struktur ist von obszöner Rede durchdrungen und dient dem gleichen Ziel wie alles andere — einen Skandal zu provozieren und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Die gleiche provokative Rolle spielt die obszöne Sprache auch in den Erzählungen von Jus (Iossif) Aleschkowskij, wo sie freilich in einem gänzlich anderen Kontext steht. Nach der Ausreise aus der Sowjetunion Anfang 1979 gab sich Aleschkowskij als der Autor des Mini-Romans »Nikolaj Nikolajewitsch« zu erkennen und publizierte seine neuen Erzählungen »Maskirowka« (Die Tarnung), »Kenguru« (Das Känguruh) und »Ruka« (Die Hand). Wie schon »Nikolaj Nikolajewitsch« sind alle diese Erzählungen ihrer Struktur nach Monologe. Und so ist die obszöne Sprache hier einesteils ein naturalistisch wiedergegebenes Faktum, die genau rekonstruierte Sprechweise des modernen Sowjetmenschen, der es schon verlernt hat, sich ohne Mutterflüche auszudrücken, andererseits jedoch eine Provokation gegen die tote Schablonensprache der sowjetischen Propaganda. 

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Am besten ist dabei »Maskirowka«23) gelungen — die witzige Sprache verbindet sich hier mit wirkungsvollen grotesken Situationen (die ganze Schäbigkeit des sowjetischen Lebens wird von dem Helden als eine Art vorsätzlicher Tarnung aufgefaßt, die das wirkliche Leben vor den Augen der Feinde, der Amerikaner, verbergen soll). Die folgenden Erzählungen wirken allesamt wie ein einziger endloser Monolog, der den Reiz des Neuen verloren hat und auch nicht mehr an den früheren Phantasiereichtum herankommt.

Ein anderer Berufsschriftsteller, der im Westen (er flüchtete 1977 aus der UdSSR) zahlreiche von der sowjetischen Zensur zurückgehaltene Werke publizierte, ist Sergej Jurjenen. Er schreibt bemerkenswerte Erzählungen, die die Atmosphäre unserer Zeit, die Typen von Menschen und ihr Verhalten mit derart feinem Gespür wiedergeben, daß man ihren Autor mit Fug und Recht in die Nachfolge Tschechows stellen kann.

In der Nachfolge Dostojewskijs wiederum stehen Jewgenij Ternowskij und Wladimir Kormer. Ternowskijs Erzählung »Strannaja istorija« (Eine seltsame Geschichte) imitiert, ja kopiert Dostojewskij ganz offenkundig: Dostojewskijs Sprache, seine Themen und Handlungselemente aus seinen Werken sind einfach auf die sowjetische Wirklichkeit übertragen, was den Eindruck von hergesuchter, prätentiöser Künstlichkeit hinterläßt. Die Erzählung »Prijomnoje otdelenije« (Die Empfangsabteilung) wirkt dagegen schon eigenständiger. Der Autor hat seinen eigenen Stil jedoch noch nicht endgültig gefunden, es gibt einen Bruch zwischen der protokollarisch nüchternen Bestandsaufnahme des sowjetischen Alltagslebens (die abstoßenden Umstände der »kostenlosen medizinischen Versorgung«, die soziale Ungleichheit, die Armut des Dorfes usw.) und der psychologischen Analyse der Figuren, die ganz im Gegenteil in altmodisch-ausholender Rede vorgenommen wird.

Wladimir Kormers Roman »Krot istorii ili rewoljuzija w respublike S-F« (Der Maulwurf der Geschichte oder die Revolution in der Republik S-F)24 erhielt 1978 den Dahl-Preis, der von den russischen Exilschriftstellern für das beste in Rußland entstandene, aber dort nicht veröffentlichte Werk verliehen wird. Es ist ein Bekenntnismonolog, der an die »Aufzeichnungen aus dem Untergrund« von Dostojewskij denken läßt. Der Held des Romans ist ein sowjetischer Beamter, der im ideologischen Apparat arbeitet, wo die subversive Arbeit in den Ländern der Dritten Welt koordiniert wird; er selbst organisiert die Revolution in der fernen Republik S-F. Doch er verkalkuliert sich in der Verfolgung seiner Karriere ; das Ergebnis seiner Mißerfolge und des Lebens in einer Atmosphäre der Bespitzelung und des Mißtrauens ist am Ende die psychische Erkrankung.

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Von etwas anderer Art, wenn auch gleichfalls krankhaft deformiert, ist der Bewußtseinsstrom, den Sinowij Sinik in seiner Erzählung »Isweschtschenije« (Die Benachrichtigung)25 gestaltet: Das qualvolle Durchleben all der Probleme, die mit der Ausreise aus Rußland und mit dem Aufbau einer neuen Existenz in der Fremde verbunden sind, bringt auch hier die Hauptfigur an den Rand des Wahnsinns. Im Unterschied zu Ternowskij und Kormer tritt uns mit Sinik jedoch eine vollständig ausgebildete, gereifte und eigenständige Autorenpersönlichkeit entgegen. Die Erzählung ist gut und sicher konstruiert, mit gekonntem, lakonischem Strich wird eine dichte Atmosphäre wiedergegeben, erfüllt von schwankender Undeutlichkeit zwischen Träumen und Wachen.

Unter den Schriftstellern, die in der letzten Zeit nach Israel übergesiedelt sind, muß man neben Miloslawskij, Girschowitsch, Sinik und Nina Woronel (Lyrikerin und Verfasserin origineller Theaterstücke) auch Sima Ostrowskij erwähnen, den Autor der äußerst geistvollen Erzählung »O Boliware Issajewitsche Pawidlowe« (Über Bolivar Issajewitsch Pawidlow)26, sowie Jewgenij Zwetkow, der zahlreiche wissenschaftlich-phantastische (oder vielmehr philosophisch-phantastische) futurologische Erzählungen verfaßt hat. 

Ostrowskijs Erzählung ist eine sehr lebendig, ausdrucksstark und witzig gestaltete Anekdote (Bohemekünstler verfertigen im Auftrag der Polizei ein Transparent zu einem sowjetischen Feiertag). Die Sprache ist beißend und expressiv, die grotesken Situationen bleiben stets im Rahmen des Wahrscheinlichen. Von Jewgenij Zwetkows phantastischen Erzählungen und Romanen (»Pauk-telepat« [Die Telepath-Spinne], »Kinostudija« [Das Filmstudio], »Udatscha« [Der Erfolg], »Labirint« [Das Labyrinth] und andere) muß man dagegen sagen, daß die Versuche, ernsthafte Probleme des Menschen in allegorischer Form darzustellen, unernst wirken — allzu erdacht ist das alles, zu verworren und blutarm. Sehr viel besser gelungen sind seine kurzen psychologischen Erzählungen wie »Rasgowor s gluchonemym« (Gespräch mit einem Taubstummen) oder »Grib« (Der Pilz), die von wirklicher Dramatik und aufrichtigen Gefühlen erfüllt sind.

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Unter den in der letzten Zeit bekannt gewordenen Werken der noch in Rußland lebenden experimentellen Schriftsteller muß neben Boris Dyschlenkos Erzählung »Entre nous«, die in der Untergrundzeitschrift »Tschassy« erschien (die kafkaeske Schilderung einer totalitären Gesellschaft), das unter dem Titel »Raman« erschienene Buch von Wladimir Lapenkow erwähnt werden. Das umfangreiche Werk stellt nichts anderes dar als den Versuch des Autors, an die Abfassung eines Romans — vielmehr eines »Ra-mans« — zu gehen, der jedoch partout nicht zustande kommen will; wir finden hier Parodie, Phantasmagorie, sprachliche Experimente usw. — einen reichlich extravaganten avantgardistischen Protest gegen alle literarischen Normen. 

Der gleiche provokative Avantgardismus begegnet uns auch in den Romanen und Theaterstücken des Lyrikers und Prosaikers Wladimir Kasakow (ein Pseudonym), eines Jüngers von Krutschonych und Chlebnikow. Am bekanntesten ist sein Roman »Oschibka shiwych« (Der Irrtum der Lebenden)27, der die Fabel des »Idioten« von Dostojewskij polemisch-parodistisch im Stile des Joyceschen »Ulysses« transformiert, auf anderem Hintergrund freilich. Absurde Dialoge, Wortspiele, impressionistische Szenen, philosophische Reflexionen, überraschende zusammenhanglose Einzelheiten, Dutzende von Personen, die plötzlich für einen kurzen Moment auftauchen und gleich wieder verschwinden, Episoden aus dem Privatleben des Autors, beharrlich wiederkehrende Symbole, Reminiszenzen aus Blök, Bulgakow, Pasternak, Achmatowa, Passagen in rhythmisierter Prosa — all das macht die recht farbenprächtige und recht chaotische Struktur dieses interessanten, aber nicht ganz überzeugenden Werkes aus.

Sehr interessant sind auch die talentvoll und extravagant geschriebenen Erzählungen von Nikolaj Matrjonin und Leonard Danilzew; die Stücke von M. Lijatow; die wild-phantastischen expressionistischen Erzählungen von Kirill Sarnow (ein Pseudonym) und die im Grunde realistischen, aber leicht impressionistisch angehauchten Erzählungen und Geschichten von Fjodor Tschirskow, der schon seit vielen Jahren für den Samisdat schreibt; Aleksandr Suslows surrealistische apokalyptische Erzählung »Plakun-gorod« (etwa: Die krautüberwachsene Stadt); N. Podolskijs Märchen und Georgij Somows Roman über Puschkin (eine erlesene Mischung aus Jurij Tynjanow und Andrej Belyj).

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Doch das bedeutendste Ereignis der letzten fünf Jahre, das im Westen wie in Rußland die größte Resonanz erfuhr, war natürlich das Erscheinen des Schriftstellers Alexander Sinowjew, der von vielen aus guten Gründen in eine Reihe mit Solschenizyn gestellt wird. Und in der Tat, es gab nach Solschenizyn wohl keinen, der derart machtvoll sein Wort über Rußland gesprochen hat wie Alexander Sinowjew. Seine Bücher kann man schwerlich als Romane bezeichnen — sie bilden in ihrer Gesamtheit einen einheitlichen grandiosen Zyklus über Sowjetrußland; wir haben hier eine völlig neuartige Literaturgattung vor uns, die Elemente von Satire und naturalistischer Beschreibung, soziologischer Untersuchung und Beichte, Posse und Tragödie, psychologischem Essay und philosophischem Traktakt vereinigt. Es ist ein Genre, das wissenschaftliche Denkweise mit literarischen Ausdrucksformen verbindet. 

Das Handlungsgerüst ist nur flüchtig angedeutet und spielt keine entscheidende Rolle: »Sijajuschtschije wyssoty« (dt. Gähnende Höhen; 1974) ist die Geschichte der fiktiven Stadt Ibansk, vielmehr ihrer liberalsten Periode, der Zeit der Verwirrung» die nach dem Tod des Herrn und Gebieters eingetreten ist; »Sapiski notschnogo storosha« (Aufzeichnungen eines Nachtwächters; 1975) ist die Geschichte eines Abtrünnigen, der sich erkühnt zu sagen, was er denkt; »Swetloje buduschtscheje« (dt. Lichte Zukunft; 1976) schildert das Leben eines konformistischen Intelligenzlers, der seinen Freund verrät und mit der eigenen Tochter in Konflikt gerät; »W preddwerii raja« (Im Vorhof des Paradieses; 1977) ist die Geschichte eines jungen Mannes, der sich bereit findet, geheimer Informant der Staatssicherheit zu werden, und dafür Arbeit in einer Spezialabteilung erhält, wo Manuskripte von Menschen lagern, die man für ihre Werke ins Irrenhaus gesteckt hat; »Sholtyj dorn« (Das gelbe Haus; 1978) ist die Geschichte des unbedeutendsten Mitglieds der sowjetischen Gesellschaft — das ist nach Meinung des Autors der »untere wissenschaftliche Mitarbeiter« ; in seinem Aufbau parodiert dieses Buch einen philosophischen Traktat: Erster Teil — Propädeutik, Zweiter Teil — Apologie der unreinen Vernunft, Dritter Teil — Apologie der praktischen Unvernunft, Vierter Teil — Vom ewigen Frieden).

Die untergeordnete Rolle der Handlung erklärt sich zum einen daraus, daß all das Neue, was Sinowjew uns über die sowjetische Gesellschaft zu sagen hat, in keiner noch so weitgespannten und vielschichtig angelegten Handlung Platz fände, zum zweiten aber, weil Sinowjew sich nach seinen eigenen Worten den Luxus einer durchgehenden Handlung nicht erlauben durfte: Seine Bücher enthalten derartigen Explosivstoff, daß jedes Kapitel für den Fall einer vorzeitigen Entdeckung der Manuskripte durch das KGB so geschrieben werden mußte, als sei es das letzte.

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Es sind nicht Ereignisse oder Charaktere, die uns der Autor hier entwickelt, sondern es ist eine Idee — eine einzige, alles verschlingende Idee. Er ist von dem leidenschaftlichen Verlangen besessen, zu begreifen, was die sowjetische Gesellschaft in ihrem Wesen ist, dieses nie dagewesene, historisch vollkommen neuartige Gebilde. In den ersten Zeilen des ersten Buches finden wir Sinowjews Grundgedanken zum erstenmal formuliert: 

»Der Sozismus ist eine fiktive Gesellschaftsordnung, die verwirklicht werden könnte, wenn sich die Individuen einer Gesellschaft in ihrem Handeln untereinander ausschließlich von sozialen Gesetzen leiten ließen; wegen seiner irrigen Ausgangshypothesen jedoch ist er in Wirklichkeit nicht möglich. Wie jede ahistorische Absurdität hat der Sozismus seine falsche Theorie und unrichtige Praxis, wobei jedoch weder theoretisch noch praktisch auszumachen ist, was hier Theorie ist und was Praxis.« 

Ihrer Struktur nach sind Sinowjews Bücher gigantische Mosaike, die aus einer Unzahl von Kapitelchen und Stückchen bestehen: In den einen werden Charakterköpfe des öffentlichen Lebens porträtiert (und hinter den fingierten Namen errät man, wer gemeint ist: Solschenizyn, Sacharow, Galitsch, Jewtuschenko, Neiswestnyj, Chruschtschow, Stalin, Breshnew), in den anderen werden bezeichnende Episoden aus dem sowjetischen Leben wiedergegeben, dann wieder wird die Struktur dieser oder jener sowjetischen Institution oder sozialen Erscheinung analysiert und eine physiologische Skizze der sowjetischen Gesellschaft vorgelegt; viele Kapitel enthalten Dialoge unter sowjetischen Intelligenzlern über soziale und politische Themen und Fragen des Alltagslebens; andere wieder verallgemeinern einen Teil der vorgetragenen Gedanken und analysieren das Wesen der Sowjetgesellschaft auf höherer Abstraktionsstufe; dann folgen Untersuchungen zu einzelnen Thesen des Marxismus-Leninismus usw., usw. 

Aus diesem Kaleidoskop treten allmählich immer deutlicher die Grundzüge und grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der neuen kommunistischen Gesellschafts­formation hervor. Was aber noch viel erstaunlicher ist: Mit einer nie gekannten Stimmigkeit und Schärfe wird die Atmosphäre des sowjetischen Lebens in Geschmack, Geruch und Farbe reproduziert. Das Bild, das Sinowjew zeichnet, ist entsetzlich und abscheuerregend. Im Westen sieht man in Sinowjews Büchern vielfach phantastische Übertreibung und Groteske — wir Russen jedoch finden darin die angemessene Schilderung der sowjetischen Gesellschaft, vielleicht die angemessenste, die je versucht worden ist.

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»Würde man das wirkliche Leben der Sowjetunion absolut exakt und vollständig beschreiben«, sagt Sinowjew, »so würde der westliche Leser (und vielleicht auch der sowjetische) einfach nicht glauben, daß dieses Bild richtig sei, so entsetzlich abstrus, grausam, öde und abstoßend sieht es aus.«

Diese furchtbare Gesellschaft, in der Fäulnis und Stagnation, Gewalt und Lüge herrschen, wo Lumpen und Nichtskönner die Macht ausüben, ist nach Sinowjews Ausdruck »eine Sackgasse der Zivilisation«, die das Aufkommen jeglicher Initiative und jegliche Vorwärtsbewegung unmöglich macht. Und das schrecklichste an dieser Gesellschaft ist, daß sie sich bereits reproduziert: In den sechzig Jahren ihres Bestehens ist es der sowjetischen Gesellschaft gelungen, einen bestimmten Menschentypus hervorzubringen, der seinerseits wieder die soziale Organisation dieser Gesellschaft beeinflußt. Der Kreis hat sich geschlossen. Und diese Menschen können bereits in keiner anderen Gesellschaft mehr leben. 

Doch Sinowjew schildert die Sowjetgesellschaft nicht nur, analysiert nicht nur ihre Struktur und ihre Mechanismen, sondern versucht die Ursachen zu verstehen, aus denen diese Gesellschaft entstehen konnte. Und diese Aufgabe ist von größter Wichtigkeit, denn heute steht nach Sinowjews Worten die Menschheit zum erstenmal in ihrer Geschichte vor der bewußten Wahl ihres weiteren Weges, und diese Wahl kann sich als verhängnisvoller und nicht wieder gutzumachender Fehler erweisen. Diese Möglichkeit ist um so realer, als der Weg in den Abgrund mit den verlockendsten Versprechungen und den besten Absichten gepflastert ist. Das edle Bestreben, die »lichte Zukunft«, eine gerechte und klassenlose kommunistische Gesellschaft aufzubauen, führte zu dem genau entgegengesetzten Ergebnis, weil dieses Bestreben von absurden und unrealisierbaren Voraussetzungen ausging, weil es sich vom Marxismus leiten ließ — einer Ideologie, die sich als Wissenschaft ausgibt. 

Eine neue menschliche Gesellschaft nach einem vorfabrizierten Schema aufzubauen, ist prinzipiell unmöglich, sagt Sinowjew: Das ist etwas anderes, als ein Haus zu bauen — man stelle sich mit Willen und Bewußtsein begabte Ziegelsteine vor, die sich bewegen und ihre Form und Fläche verändern können und die das Bestreben haben, in die oberen Stockwerke zu dringen und die anderen Ziegel zu verdrängen, und man begreift die Unmöglichkeit dieser Idee. 

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Theoretisch wie praktisch absurd ist allein schon der Gedanke einer klassenlosen Gesellschaft, in der alle sozialen Gegensätze verschwunden sind — eine solche Gesellschaft läßt sich nicht einmal auf dem Friedhof erreichen, sagt Sinowjew. Der Marxismus in seiner Besserwisserei und Überheblichkeit leugnet schlankweg die Existenz prinzipiell unlösbarer Probleme, wie sie die moderne Wissenschaft eingesteht.

Bei ihren Versuchen, ihre Utopie zu realisieren, griffen die Umgestalter von Anfang an bedenkenlos zur Gewalt, weil ihre »Wissenschaft«, die ja vermeintlich die Gesetze der Geschichte und der menschlichen Gesellschaft erkannt hat, sie von der persönlichen Verantwortung entbunden und zu bloßen Vollstreckern der »historischen Notwendigkeit« gemacht hatte. Die Zerstörung aller sogenannten »Institutionen der ausbeuterischen Klassengesellschaft«, also von Äußerungen der menschlichen Zivilisation wie Recht, Moral und Religion, führte zu der grauenhaften, abstoßenden, nicht mehr menschlichen Herdenexistenz, wie wir sie heute in der Sowjetunion vorfinden.

Dennoch tauchen in dieser grauen und festgefügten Gesellschaft auf einmal Menschen auf, die aus der Herde ausbrechen und die Gesellschaft nicht hinnehmen. Alle Bücher Sinowjews sind voll von diesen merkwürdigen Menschen: Dissidenten, die ihre Existenz und sogar ihr Leben hingeben für ihre Ideen, für ihr Recht auf Freiheit. »Warum tun sie das?« fragt jemand in einem der Bücher und erhält zur Antwort: »Weil sie nicht anders können.« Das bringt einen optimistischen Zug in das schreckliche Bild, das uns Sinowjew zeichnet. Doch für ihn ist das ein schwer erklärbares Paradox. Überhaupt ist die ganze Prosa Sinowjews von Paradoxa durchwoben. Was er uns zu sagen hat, ist oftmals so neu und überraschend und widerspricht dem Gewohnten derart kraß, daß wir es als ein Paradox empfinden. Im übrigen ist das Paradox nach Sinowjews Überzeugung das einzige Mittel, die widersprüchliche und jeder Festschreibung entschlüpfende Realität zu beschreiben. 

»Ich kann in der einen Situation die eine Überzeugung aussprechen und begründen und in einer anderen die genau entgegengesetzte«, sagt Sinowjew. »Das ist keine Prinzipienlosigkeit; es ist das Verlangen, die Sache von einem anderen Gesichtspunkt aus zu betrachten, einen anderen Aspekt zu beleuchten. Bei komplizierten Ereignissen und komplizierten wechselseitigen Beziehungen zwischen diesen Ereignissen sind diese einander ausschließenden Tendenzen unvermeidlich. Das betrifft vor allem das gesellschaftliche Leben.« 

Mit anderen Worten, weil er dem begrenzten Denken entgehen will, das das Unbegreifliche dem

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Begreifbaren anzupassen und einzelne gesicherte Schlußfolgerungen zu verallgemeinern trachtet, landet Sinowjew immer wieder bei Paradoxa. Und doch scheint es uns, daß jenes Paradox von den Dissidenten nicht aus der paradoxen Darstellungsweise entspringt, sondern aus einem Widerspruch, der in Sinowjews Konzeption selbst angelegt ist. 

In der Tat, wie ist es zu erklären, daß in einer kollektivistischen Gesellschaft, die alles daran setzt, den Individualismus auszurotten und die Persönlichkeit zu vernichten (denn die Persönlichkeit ist die Negation dieser Gesellschaft, und eine kommunistische Gesellschaft mit Persönlichkeitsrechten für ihre Bürger, wie das die Eurokommunisten anstreben, ist für Sinowjew ein ebensolcher Nonsens wie eine kapitalistische Gesellschaft ohne Geld, Kapital und Profit), daß in dieser Gesellschaft trotz aller Erziehung und Normierung, trotz der Eliminierung aller unerwünschten Informationen und der permanenten Einhämmerung der erwünschten, trotz des Einflusses der Umwelt Dissidenten auftauchen? 

Die Frage läßt sich nicht beantworten, wenn man dabei von der materialistischen Auffassung über die Natur der menschlichen Persönlichkeit ausgeht. Und hier ist bei Sinowjew der grundlegende Widerspruch verborgen: Indem er den pseudowissenschaftlichen Charakter des Marxismus entlarvt, läßt er sich selbst zu sehr von der streng wissenschaftlichen Analyse der Sowjetgesellschaft hinreißen — so weit, daß er sie mit einem Ameisenhaufen vergleicht und vergißt, daß die Menschen eine Seele haben. Dieses Geheimnis der menschlichen Seele, das nach Meinung vieler das eigentliche Geheimnis Gottes ist, führt Sinowjew in die Aporie. Eine der Personen aus der »Lichten Zukunft« sagt: »Ich beziehe Ihn (Gott) bei der Durchführung meiner Handlungen nicht als realen Faktor mit ein, aber ich versuche mich so zu verhalten, als sähe Er alles, und ich will nicht, daß ich mich vor Ihm schämen muß.« 

Das Problem des Kantschen Kategorischen Imperativs stellt sich erneut mit aller Schärfe. Gegen Solschenizyn polemisierend, behauptet Sinowjew, daß man, um das Wesen der sowjetischen Gesellschaft wirklich zu begreifen, ein neues, dem Gegenstand angemessenes Erkenntnisinstrumentarium benötige, daß die alte Skala der moralischen Kriterien und traditionellen Werte dazu nicht mehr taugen. Hier liegt Sinowjews Stärke, hier liegt aber auch seine Schwäche. Nachdem er tiefgründig das Wesen des sowjetischen Gesellschaftssystems analysiert hat, ist er nicht imstande, die Menschen, die in diesem System leben, in der gleichen Gründlichkeit und Tiefe zu verstehen (darin ist ihm Solschenizyn überlegen). 

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Sinowjews These, daß die Mehrzahl der sowjetischen Menschen, bei aller Unzufriedenheit mit den Machthabern, auch wenn sie täglich über sie fluchen, dennoch mit dem System bereits verwachsen seien und keine Veränderung wünschten, wird von den Tatsachen, die jedermann bekannt sind, nicht bestätigt: den immer wieder an den verschiedensten Ecken des Landes aufflammenden Revolten, der massenhaften Flucht ins Ausland, dem ganzen System der Repressionsgesetze und des Repressionsapparats, den die Machthaber brauchen, um die Unzufriedenheit des Volkes niederzuhalten usw. 

Es genügt ein Streichholz, wie in Nowotscherkassk, und diese Unzufriedenheit explodiert wie ein Pulverfaß. Die drückende schreckliche Atmosphäre der sowjetischen Gesellschaft schildert Sinowjew richtig, doch die Atmosphäre der Mikro-Innenwelt des sowjetischen Menschen, wenn man so sagen kann, ist etwas ganz anderes, und hier stoßen wir auf ein weiteres Geheimnis, auf ein weiteres unauflösbares Paradox der sowjetischen Gesellschaft. Der sowjetische Mensch als Teil des Systems ist eine Sache, doch der sowjetische Mensch für sich genommen eine ganze andere.

Doch in einem Punkt stimmt Sinowjew mit Solchenizyn überein: Im Unterschied etwa zu Richard Pipes oder Tibor Szamuely sind beide der Überzeugung, daß der sowjetische Kommunismus kein Produkt Rußlands ist, sondern eine Krankheit unseres Jahrhunderts, die jederzeit an jedem Ort der Erde wieder auftreten kann. Aus diesem Grund bedeutet der Protest auch nur eines einzigen sowjetischen Dissidenten mehr als die Verlautbarungen ganzer politischer Parteien in anderen Ländern — es ist der Protest der Persönlichkeit gegen den Kommunismus, der sie erstickt.

Wenn Sinowjew in der philosophischen und soziologischen Analyse Brillanz und Tiefe zeigt, läßt sich das gleiche doch nicht für die künstlerische Seite seines Werks behaupten. Unverzeihliche Längen, oftmalige Wiederholungen, chaotische Konstruktion in vielen Partien dieses gigantischen Zyklus machen seine Bücher schwer lesbar. Ich kann mir kaum einen normalen Leser (also keinen Sowjetologen) vorstellen, der sich nach dem ersten Buch auch noch durch das zweite, geschweige denn das dritte und vierte durcharbeiten würde.

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Zum Abschluß wollen wir kurz auf die Arbeiten jener Schriftsteller eingehen, die schon vor einiger Zeit aus Rußland emigriert sind und im Westen an den mitgebrachten Themen und Fragestellungen weitergearbeitet haben. 

Andrej Sinjawskij schrieb »Kroschka Zores«28, eine erlesene kleine Erzählung, die den Leser bewußt als unkonventionell vor den Kopf stoßen will: Der Held, eine unangenehme, abstoßende Gestalt, der ungewollt am Tod seiner fünf Brüder schuldig wird — ein Antipode zu Goethes Mephisto, ein Mensch, der stets das Gute will und nur das Böse schafft —, dieser Held heißt Sinjawskij und ist der Ich-Erzähler, scheinbar mit dem Ich des Autors zusammenfallend. Und hier finden wir wieder Sinjawskijs Lieblingsgedanken, daß die Kunst höher stehe als das Leben, daß die Kunst die einzige wahre Wirklichkeit sei.

Viktor Nekrassow hat im Westen bereits drei Bücher verfaßt: »Sapiski sewaki« (Aufzeichnungen eines Gaffers), »Wsgljad i netschto« (dt. Ansichten und etwas mehr) und »Po obe storony steny« (dt. Zu beiden Seiten der Mauer). Sie sind in der Form eines ungezwungenen Gesprächs mit dem Leser geschrieben, ein Genre, in dem sich Nekrassow schon in Rußland versucht hatte, doch das er sich erst im Westen voll und ganz anzueignen vermochte, wo er größere Lockerheit und Ungezwungenheit gewann. Es ist alles zugleich: Essay, Erinnerungen, Beichte, Reiseskizzen und vertrauliches Plaudern mit einem imaginären Gegenüber.

Als sehr produktiv im Westen zeigte sich Iossif Brodskij, den es inzwischen immer stärker zur großen Form zieht. Seine poetische Sprache wird immer reifer, aber zugleich auch schwieriger. Sein Hang zu Prosaismen und Gesprächston ließ ihn endgültig zu einer völlig freien, scheinbar keinerlei Regeln gehorchenden Sprache finden — eine Freiheit, die bei einem Lyriker von höchster Meisterschaft zeugt. Brodskijs Phrasierung wird immer raffinierter, labyrinthischer, verschlungener, und nur in diesem verzweigten synthetisierenden Stil kann er seinen vielschichtigen hybriden Gedankenbildern Ausdruck verleihen. Die Assoziationen werden immer bizarrer, die Beschreibungen immer expressiver und bedeutungsreicher, doch sie arten nirgends zu eingängiger Symbolik oder absichtsvoller Verschlüsselung aus. Im Gegenteil, das atmende, pulsierende Leben ist ihm reicher als jedes Symbol, die Tiefe des Daseins aber läßt sich nicht rational ausdrücken: »In der Bewegung der Lippen ist viel mehr Leben als in dem, was sie aussprechen.« Heroisch behauptet Brodskij eine poetische Existenzweise in unserer kalten und pragmatischen Welt, wo das Gefühl für das Schöne, für das Leben, die Natur und für Gott immer mehr verloren geht.

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Wladimir Maximow schrieb im Westen seinen neuen Roman »Kowtscheg dlja neswanych« (dt. Eine Arche für die nicht Geladenen). Geschildert wird darin, wie in den ersten Monaten nach Kriegsende 1945 Arbeiter zur Besiedlung des von den Japanern eroberten Gebietes Süd-Sachalin angeworben werden. Hier, auf der neuen Erde, kommen wie in der Arche die unterschiedlichsten Menschen zusammen, und die Verflechtung ihrer Schicksale erlaubt es dem Autor, ein breites Bild von der sowjetischen Nachkriegsgesellschaft zu entwerfen. Unter anderem tritt auch Stalin auf. Maximow sammelte und bearbeitete die im Volk weit verbreiteten »Apokryphen« über Stalin.

Einen heftigen Streit entfachte Maximows Pamphlet »Saga o nossorogach« (Die Saga von den Nashörnern). B. Schragin und E. Etkind beschuldigten Maximow, er habe keine Streitschrift, sondern eine Schmähschrift verfaßt und die linke Intelligenz des Westens verleumdet, noch dazu in unverzeihlich grober Form. Man kann dieser Kritik an Maximows Tonfall zustimmen und überdies einräumen, daß nicht alle Adressaten seiner Satire glücklich gewählt sind, aber man muß auch sehen, daß Maximows Kritiker das eigentliche Problem vollkommen ignorieren: das Aufeinanderprallen der sowjetischen Dissidenten und der westlichen Linken, ihr gegenseitiges Unverständnis und ihre gegenseitige Feindseligkeit. Die sowjetischen Dissidenten empören sich darüber, daß die westliche Linke (zumindest ihr größerer Teil) mit aller Gewalt das Sowjetregime zu rechtfertigen und den negativen Charakter der sowjetischen Gesellschaft abzuschwächen sucht, was in den Augen der Dissidenten letzten Endes auf Verrat an den Völkern hinausläuft, die unter der Herrschaft des Kommunismus leben müssen. 

Ihrerseits jedoch bleiben die sowjetischen Dissidenten vielfach blind für die Probleme der westlichen Länder, die ihnen im Vergleich zu der Tragödie ihrer Heimatländer geringfügig erscheinen. Daher gehört der Konflikt zwischen Dissidenten und Linken zu den tiefgreifendsten unserer Gegenwart. Maximow hat den Dialog darüber begonnen, andere werden ihn gewiß fortführen.

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Alexander Solschenizyn veröffentlichte neue Teile seines gewaltigen Epos über die russische Revolution »Krasnoje kolesso« (Das rote Rad). Eines dieser Teilstücke, »Lenin w Zjuriche« (dt. Lenin in Zürich)29 stellt ein durchaus selbständiges Werk dar. Es ist ein überraschendes und zugleich wohl das einzige wirklich künstlerische Porträt des Begründers der Sowjetunion, das es bisher in der Weltliteratur gibt. In vielem mag dieses Porträt der Realität nicht ganz entsprechen, an seiner Überzeugungskraft ist jedoch nicht zu zweifeln — und das ist das Entscheidende. Für viele Russen ist zum Beispiel der Napoleon von Lew Tolstoj viel lebendiger als der wirkliche Napoleon, und von einem bestimmten philosophisch-ästhetischen Gesichtspunkt aus haben sie dabei nicht so unrecht. 

In Solschenizyns Buch tritt uns Lenin als ein von seiner Idee besessener Mensch entgegen, ein von der Wahrheit seiner Mission überzeugter Fanatiker, machtliebend und intrigant, ein Asket, schonungslos gegenüber sich selbst und anderen, ein argwöhnischer Misanthrop, der keine Fehler nachzusehen gewillt ist, ein verblendeter Politiker, den seine engen Theorien der Moral beraubten (seine Freude über die Opfer während des Krieges — je mehr Opfer, desto mehr wächst die Unzufriedenheit des Volkes), ein intoleranter, grausamer Mann, der die Menschen als Mittel für seine Zwecke benutzt. Doch zugleich ist dies ein bemitleidenswerter und lebensfremder Mensch (mit der »wissenschaftlichen« marxistischen Doktrin ausgerüstet, spricht er wenige Tage vor der Februarrevolution von der Aussichtslosigkeit der revolutionären Bewegung in Rußland, davon, daß ihm noch lange Jahrzehnte des Exils bevorstünden). 

Alle diese Charakterzüge Lenins und alle Episoden sind dokumentarisch sorgfältig belegt. Es stimmt zwar, daß Solschenizyn einige Züge stark herausarbeitet und andere im Schatten läßt, doch in diesem Solschenizynschen Lenin erkennen wir die Züge vieler Revolutionäre, wir haben hier gleichsam das Gesamtbild des Kommunisten vor uns. Sehr interessant ist die Sprache des Buches; sie wächst aus der Anlage der Figur organisch hervor und gibt das unheimliche unablässige Brodeln von Lenins Gedankenstrom meisterlich wieder. Von seiner Sprache her gehört dies sicherlich zu den interessantesten Werken Solschenizyns.

Im Westen brach Solschenizyn mit seiner früheren Gewohnheit und trat mit Interviews und Reden an die Öffentlichkeit. Diese Verlautbarungen haben ihm viele Feinde geschaffen. Solschenizyn wirft dem Westen vor, er schätze das innere, geistige Leben gering und sei nur auf den »Verlauf der materiellen Geschichte« fixiert, ihm mangele es an dem Willen und der Entschlossenheit, die Freiheit zu verteidigen; er beschuldigt die westlichen Politiker der Kapitulation vor der Sowjetunion. Sie begriffen die seiner Meinung nach einfache Wahrheit nicht: 

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»Es kann keinen Kompromiß mit der kommunistischen Diktatur geben — es gibt nur entweder ihren vollständigen Triumph auf der ganzen Welt oder ihren vollständigen Zusammenbruch allerorten«; der Westen habe keinen Begriff von der sowjetischen Geschichte und verfälsche sie. 

Zugleich entwickelt er die Gedanken weiter, die er in seinem »Offenen Brief an die sowjetische Führung« niedergelegt hat. Dabei ist hervorzuheben, daß diese Gedanken in allgemeiner Form ausgesprochen werden; Solschenizyn verfügt über keinerlei konkretes Programm. 

»Ich bin kein Staatsrechtler und kein Politiker«, sagt er, »ich bin nur ein Künstler, der von den allzu laut schreienden Ereignissen unserer Gegenwart schmerzlich vorwärtsgestoßen wird.« 

Doch Solschenizyns Gegner erfanden ein Programm für ihn und legen ihm Verfehlungen zur Last, die er gar nicht begangen hat (besonders heftig A. Janow, Je. Etkind und W. Tschalidse). Solschenizyn wirft der Demokratie vor, daß sie machtlos sei gegen eine kleine Gruppe von Terroristen, gegen das um sich greifende organisierte Verbrechen, gegen den unaufhaltsam wachsenden Profit des Kapitalismus zum Schaden der Moral der Völker; er sagt, daß eine Demokratie ohne festes moralisches Fundament auf Sand gebaut sei. 

All das sind reale Probleme der heutigen Demokratien, und trotzdem stellen Solschenizyns Gegner seine Äußerungen so dar, als hege er Haß und Abneigung gegen die Demokratie. 

Weil er einen Übergang des sowjetischen Totalitarismus zur Demokratie nicht als absehbare Realität ansieht, äußert Solschenizyn die Hoffnung, daß das Regime sich zumindest allmählich mildern und vom Totalitarismus zum normalen Autoritarismus übergehen möge, was für Rußland bereits ein Schritt vorwärts wäre. Solschenizyns Gegner behaupten statt dessen, er predige den Autoritarismus. 

Solschenizyn träumt von einer geistigen und moralischen Wiedergeburt des russischen Volkes, die ohne eine Gesundung der nationalen Wurzeln und Traditionen nicht möglich ist. Für seine Gegner ist das finsterster Nationalismus. 

Es scheint, als seien alle diese Attacken gegen Solschenizyn weniger von seinen Gedanken als vielmehr von dem Ton seiner Äußerungen provoziert. Solschenizyn ist das in unserer Zeit selten gewordene Beispiel eines integren Menschen, eines Streiters für seine Sache. Das macht seine Kraft aus. Die Kehrseite dieser Haltung ist jedoch jener Gestus des Verkündigers und jene Unduldsamkeit, welche auf alle, die mit ihm nicht übereinstimmen, so provozierend wirkt. 

Doch trotz alledem — die Probleme, die Solschenizyn aufwirft, lassen sich nicht beiseite schieben, es sind Kernprobleme unserer Gegenwart, und sie werden unser Denken noch lange Zeit beschäftigen. Und jedesmal wird man dabei auf Solschenizyn zurückkommen, als einen Gleichgesinnten oder als einen Kontrahenten, um in ihm Unterstützung zu finden oder um sich von ihm zur Polemik anreizen zu lassen.

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 Juri Malzew 1981