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König Lear, Tolstoi und der Narr

Bing.Essay     Tolstoi bei detopia

George Orwell in der Zeitschrift 'Polemic' im März 1947

 

 

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Tolstois Essays sind von seinem Gesamtwerk am wenigsten bekannt, und sein Angriff auf Shakespeare ist - wenigstens in englischer Übersetzung - nur schwer aufzutreiben. Vielleicht wird es deshalb nützlich sein, wenn ich mit einer kurzen Inhaltsangabe beginne, ehe ich mich damit ausein­andersetze.

Fußnote von Orwell: 'Shakespeare und das Drama', geschrieben um 1903 als Einleitung des Essays 'Shakespeare und die Arbeiterklasse' von Ernest Crosby.

Tolstoi fängt mit der Erklärung an, daß sein ganzes Leben hindurch Shakespeare »eine unüberwindliche Abneigung und Langeweile« bei ihm hervorgerufen habe.

Er sei sich bewußt gewesen, daß er dabei die Meinung der zivilisierten Welt gegen sich gehabt habe, und daher habe er einen Versuch nach dem andern unternommen, Shakespeares Werke immer wieder gelesen, auf Russisch, Englisch und Deutsch, aber »jedesmal überkam mich unverändert das gleiche Gefühl: Abneigung, Langeweile und Gereiztheit«.

Jetzt, im Alter von fünfundsiebzig Jahren, habe er das gesamte Werk einschließlich der historischen Stücke nochmals gelesen und:

»Mich überkam das gleiche Gefühl stärker denn je — diesmal nicht so sehr Gereiztheit, aber die feste, unerschütterliche Überzeugung, daß der unbestreitbare Ruhm eines großen Genies, den Shakespeare hat, Schriftsteller unserer Tage zur Nachahmung und Leser und Zuschauer dazu zwingt, nicht vorhandene Verdienste an ihm zu entdecken, wodurch sie ihr ästhetisches wie ethisches Urteil verfälschen, was ein Unheil ist, wie jede Lüge.«

Shakespeare, fügt Tolstoi hinzu, ist nicht nur kein Genie, er ist nicht einmal »ein mittelmäßiger Autor«, und um das zu beweisen, nimmt er sich eine Analyse von <König Lear> vor, der, wie er mit Zitaten von Hazlitt, Brandes und andern belegen kann, zu den berühmtesten Stücken Shakespeares gehört und deshalb als Musterbeispiel gelten kann.

Anschließend gibt Tolstoi eine Art Expose der Fabel von <König Lear>, wobei er auf Schritt und Tritt feststellt, daß das Stück dumm, weitschweifig, unnatürlich, unverständlich, bombastisch, vulgär, langweilig und voll von Unwahr-scheinlichkeiten sei, »wilden Wutausbrüchen«, »albernen Witzen«, Anachronismen, Nebensächlichkeiten, Obszönitäten, billigen Theatereffekten und zahllosen anderen Mängeln sowohl moralischer wie ästhetischer Natur. 

Auf jeden Fall sei Lear ein Plagiat, und zwar des früheren und sehr viel besseren King Leir eines unbekannten Autors, das Shakespeare gestohlen und dann verdorben habe. Es lohnt sich, einen Absatz wiederzugeben, um die Art zu zeigen, wie Tolstoi zu Werke geht. Die zweite Szene des 3. Aktes, in der Lear, Kent und der Narr im Sturm umherirren, wird folgendermaßen beschrieben:

»Lear wandert auf der Heide umher und spricht Worte, die seine Verzweiflung ausdrücken sollen: er möchte die Winde blasen sehen, bis ihre (der Winde) Kinnladen brächen, der Regen soll alles überfluten und die Blitze sein weißes Haar versengen, der Donner soll die ganze Welt zum Einsturz bringen und jeden Keim zerstören, aus dem undankbare Menschen entstehen können. Der Narr äußert inzwischen noch sinnlosere Worte. Kent tritt auf. Lear sagt, daß aus irgendeinem Grund bei diesem Sturm alle Verbrecher aufgespürt und verurteilt werden sollten. Kent, den Lear noch nicht erkannt hat, bemüht sich, ihn zu überreden, in einer Hütte Schutz zu suchen. In diesem Augenblick äußert der Narr eine Prophezeiung, die in keinerlei Zusammenhang mit der Situation steht, und alle gehen ab.«

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Tolstois endgültiges Urteil über Lear lautet, daß niemand, der nicht einer Hypnose unterliegt, wenn es einen solchen Leser gibt, das Stück bis zu Ende lesen kann, ohne etwas anderes zu empfinden als »Abscheu und Langeweile«. Und dasselbe gilt für alle anderen gepriesenen Dramen von ihm, ganz zu schweigen von den dummen dramatisierten Novellen wie Perikles, Twelfth Night, Der Sturm, Cymbe-line, Troilus und Cressida etc.

Nachdem er Lear abgetan hat, geht Tolstoi zu einer generellen Verurteilung von Shakespeare über.

Er meint, er habe eine gewisse technische Geschicklichkeit besessen, die zum Teil darauf zurückzuführen sei, daß er Schauspieler war, aber sonst habe er nicht die geringste Begabung. Weder habe er Figuren auf die Beine stellen noch Dialoge und Handlungen erfinden können, die sich folgerichtig aus einer bestimmten Situation ergeben hätten. Seine Sprache sei eintönig, überladen und lächerlich, fortwährend lege er seine eigenen zufälligen Gedanken irgendeiner seiner Figuren in den Mund, die gerade da sei, er zeige einen »völligen Mangel an ästhetischem Empfinden« und »seine Sprache habe auch nicht das geringste mit Kunst und Dichtung« zu tun. 

»Shakespeare hätte Gott weiß was sein können«, sagt Tolstoi abschließend, »ein Künstler war er jedenfalls nicht.« Seine Ansichten seien weder originell noch genial oder interessant, und seine ganze Einstellung gehöre »zum Niedrigsten und Unmoralischsten«.

Sonderbarerweise stützt sich Tolstoi bei seinem letzten Urteil nicht auf Shakespeares eigene Texte, sondern auf die Äußerungen zweier Kritiker, Gervinus und Georg Brandes. Nach Gervinus (oder jedenfalls dem, was Tolstoi zitiert) »lehrte Shakespeare, man könne zu gut sein«, während nach Brandes »Shakespeares Grundauffassung darin besteht, daß der Erfolg alle Mittel rechtfertigt«.

Tolstoi setzt von sich aus hinzu, daß Shakespeare ein Chauvinist übelster Sorte gewesen sei, daß aber abgesehen davon Gervinus und Brandes eine treffende und der Wahrheit entsprechende Charakterisierung gegeben hätten.

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Tolstoi rekapituliert darauf in ein paar Absätzen seine Theorie über Kunst, die er bereits ausführlicher an anderer Stelle dargelegt hatte. Sie läßt sich noch kürzer in die Forderung nach einem würdigen Stoff, Wahrhaftigkeit und gutem handwerklichen Können zusammenfassen. Ein großes Kunstwerk sollte ein Thema behandeln, das »für das menschliche Leben wichtig ist«, es sollte etwas zum Ausdruck bringen, was der Autor wirklich empfindet und denkt und technische Mittel verwenden, welche die angestrebte Wirkung hervorrufen. Da Shakespeare gedanklich belanglos, in der künstlerischen Gestaltung liederlich und keinen Augenblick ehrlich ist, ist der Stab damit über ihn gebrochen.

An diesem Punkt erhebt sich eine schwierige Frage: wenn Shakespeare alles das war, was Tolstoi ihm nachsagt, wie kommt es dann, daß er universell bewundert wird?

Die Antwort kann offenbar nur in einer Art von Massenpsychose oder epidemischer Suggestion liegen. Die gesamte zivilisierte Welt ist demnach irgendwie zu dem Irrglauben verführt worden, Shakespeare für einen großen Dichter zu halten, und selbst der klarste Beweis des Gegenteils bleibt wirkungslos, weil man es nicht mit einer fundierten Kritik, sondern einer dem religiösen Glauben verwandten Einbildung zu tun hat. 

Die ganze menschliche Geschichte, meint Tolstoi, sei voll von solchen »epidemischen Suggestionen«, zum Beispiel die Kreuzzüge, die Suche nach dem Stein der Weisen, der plötzlich über Holland hereingebrochene Wahnsinn, Tulpen zu züchten, und so weiter.

Als modernes Beispiel führt er bezeichnenderweise die Affäre Dreyfus an, die die ganze Welt ohne hinreichenden Grund in wildeste Erregung versetzt hätte.

Ebenso gäbe es plötzliche kurzlebige Begeisterungsausbrüche für bestimmte politische und physikalische Theorien oder irgendeinen Schriftsteller, Künstler oder Wissenschaftler, zum Beispiel Darwin, der (1903) »schon wieder beginne, in Vergessenheit zu geraten«.

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Manchmal könne sich ein Idol des Volkes jahrhundertelang in der Gunst der Massen halten, »denn es kommt auch vor, daß derartige Massensuggestionen, die infolge zufällig günstiger Umstände entstehen, in solchem Maße der vorherrschenden Lebensauffassung der Gesellschaft entsprechen, besonders in literarischen Kreisen, daß sie lange Zeit erhalten bleiben«.

Shakespeares Stücke sind deshalb so lange bewundert worden, »weil sie der irreligiösen und amoralischen Geisteshaltung der oberen Gesellschaftsklassen seiner und unserer Zeit entsprochen haben«.

 

Die Entstehung von Shakespeares Ruhm erklärt Tolstoi damit, daß deutsche Professoren Ende des 18. Jahr­hunderts ihn »in Mode« gebracht hätten. Er sei zuerst in Deutschland und dann in England anerkannt worden. Die Deutschen suchten sich Shakespeare aus, weil es zu jener Zeit keinen nennenswerten deutschen Dramatiker gab, und die klassische französische Dramatik angefangen habe, steril und künstlich zu erscheinen. Sie waren von Shakespeares »kluger Szenenführung« begeistert und hatten in ihm den ihnen gemäßen Ausdruck ihrer Weltanschauung gefunden. Goethe habe ihn als großen Dichter bezeichnet, worauf sämtliche Kritiker wie eine Schar von Papageien dasselbe nachgeplappert hätten, und dieser Bann habe seitdem angehalten. Die Folge sei ein weiterer Niedergang des Dramas gewesen.

Tolstoi ist unparteiisch genug, bei seinem harten Urteil über den Verfall der zeitgenössischen Dramatik und die um sich greifende Korruption der herrschenden moralischen Anschauungen seine eigenen Stücke nicht auszunehmen. Dam folgt, daß die »falsche Verherrlichung Shakespeares« ein Unheil sei, das zu bekämpfen Tolstoi für seine Pflicht hält.

Das ist im wesentlichen der Inhalt der Streitschrift von Tolstoi.

Die erste Reaktion darauf ist, daß er mit der Behauptung, Shakespeare sei ein schlechter Autor gewesen, etwas nachweisbar Falsches sagen müsse. Aber das ist nicht der Fall. 

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Es gibt in Wahrheit keinen Beweis oder ein Argument, durch das sich nachweisen ließe, daß Shakespeare oder wer immer ein <guter> Autor ist, ebensowenig läßt sich mit Sicherheit beweisen, daß zum Beispiel Warwick Deeping ein <schlechter> ist.

Letztlich gibt es keine Maßstäbe für den Wert eines literarischen Werkes, ausgenommen sein Fortbestehen, das an sich auch nur etwas über die Meinung der zeitgenössischen Mehrheit aussagt.

Kunsttheorien wie die von Tolstoi sind ganz wertlos, weil sie nicht nur von willkürlichen Annahmen ausgehen, sondern von vagen Ausdrücken abhängen (>aufrichtig<, >bedeutend< etc.), die sich beliebig auslegen lassen. Genaugenommen kann man auf Tolstois Angriff überhaupt nicht antworten.

Die wirklich interessante Frage ist: warum hat er ihn unternommen? Beiläufig sei bemerkt, daß er zahlreiche schwache und hinterhältige Argumente benutzt. Einige sollte man näher untersuchen, nicht um seine Hauptangriffspunkte zu entkräften, sondern weil sie sozusagen einen Beweis für seine gewollte Bösartigkeit bilden.

Zunächst einmal ist seine Untersuchung des König Lear nicht >objektiv<, wie er zweimal versichert. Im Gegenteil, es ist eine fortgesetzte, bewußt falsche Darstellung. Es liegt auf der Hand, daß eine Inhaltsangabe für jemanden, der das Stück nicht kennt, nicht objektiv ist, wenn man eine wichtige Textstelle (Lears Worte, als Cordelia tot in seinen Armen liegt), auf folgende Weise einleitet: »Wieder beginnen Lears schreckliche Ausbrüche, von denen man sich angewidert fühlt, wie von schalen Witzen«.

In zahllosen Fällen ändert Tolstoi die von ihm kritisierten Stellen oder gibt ihnen eine etwas andere Wendung, und zwar immer so, daß die Fabel noch komplizierter oder noch unglaubwürdiger oder die Sprache noch übertriebener erscheint. So wird uns zum Beispiel erzählt, daß für »Lear kein Grund bestanden habe, abzudanken«, obwohl in der ersten Szene des Stückes die Gründe dafür klar angegeben sind (daß er zu alt sei und wünsche, sich von den Staatsgeschäften zurückzuziehen). 

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Ich werde noch darauf zurückkommen, daß Tolstoi selbst an der bereits von mir zitierten Stelle einen Satz absichtlich mißverstanden und den Sinn eines anderen leicht abgeändert hat, wodurch etwas sinnlos wird, was in seinem Zusammenhang völlig vernünftig war. Keine dieser Verdrehungen ist sehr grob, aber in ihrer Häufung steigern sie den Eindruck einer psychologischen Zusammenhanglosigkeit des Stückes. 

Nochmals, Tolstoi ist nicht imstande, zu erklären, warum Shakespeares Stücke noch zweihundert Jahre nach seinem Tod gedruckt und aufgeführt wurden (bevor die >Massensuggestion< begann, wohlgemerkt), und seine These über Shakespeares Aufstieg zum Ruhm ist ein Rätselraten und beruht auf eindeutig falschen Behauptungen.

Zudem widersprechen sich viele seiner Beschuldigungen, zum Beispiel: Shakespeare habe nur zur Unterhaltung des Publikums geschrieben, und sei »nicht ernst zu nehmen«, während er anderseits seinen Figuren unaufhörlich seine eigenen Gedanken in den Mund lege.

Alles in allem kostet es einen Mühe, anzunehmen, daß Tolstois Kritik auf Überzeugung beruht. Auf keinen Fall kann er im Ernst an seine Hauptthese geglaubt haben, daß nämlich die gesamte zivilisierte Welt ein Jahrhundert lang einem riesigen Schwindel zum Opfer gefallen sei, den er allein imstande war zu durchschauen. Bestimmt ist seine Abneigung gegen Shakespeare echt genug, aber die Gründe dafür mögen verschiedene oder zum Teil andere sein als die, die er angibt. Und das ist das Interessante an seiner Schrift.

An diesem Punkt muß man anfangen zu raten. Immerhin gibt es eine mögliche Erklärung oder eine Frage, die zu einer Erklärung führen könnte. Sie lautet: Warum hat Tolstoi von den dreißig oder mehr Stücken, die zur Verfügung standen, gerade König Lear als Zielscheibe genommen? Sicher, Lear ist so allgemein bekannt und hoch angesehen, daß er mit Recht als repräsentativ für die besten Werke Shakespeares gelten kann. 

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Dennoch hat Tolstoi vermutlich für seine negative Analyse das Stück gewählt, das er am meisten haßte. Wäre es nicht denkbar, daß der Grund für seine besondere Abneigung gerade gegen dieses Stück darin lag, daß er bewußt oder unbewußt eine Ähnlichkeit zwischen dem Schicksal Lears und seinem eigenen sah? Aber man tut wohl besser daran, auf dem entgegengesetzten Weg nach der Erklärung zu suchen, das heißt, indem man zunächst das Stück selbst und seine Vorzüge untersucht, die Tolstoi verschweigt.

Eines der ersten Dinge, die einem englischen Leser in dem Essay von Tolstoi auffallen würden, ist, daß von Shakespeare als Dichter kaum gesprochen wird. Er wird als Dramatiker behandelt und seine allgemeine Anerkennung, soweit sie echt ist, auf bühnenwirksame Effekte zurückgeführt, die erfahrenen Schauspielern die größten Möglichkeiten geben. Nun, für den ganzen Bereich der englischsprechenden Welt stimmt das nicht.

Viele Stücke, die von Shakespeares Bewunderern am meisten geschätzt werden (zum Beispiel Timon von Athen), werden nur selten oder nie aufgeführt, während einige der bühnenwirksamsten Stücke wie Ein Sommernachtstraum am wenigsten geschätzt werden.

Was Anhänger seiner Kunst an ihm am meisten verehren, ist die Handhabung der Sprache, die >Wortmusik<, von der ein anderer gegen ihn eingestellter Kritiker, nämlich Bernard Shaw, zugeben mußte, daß sie »unwiderstehlich« sei. Tolstoi läßt gerade das vollkommen beiseite. Er scheint nicht zu begreifen, daß ein Gedicht von besonderem Wert für die ist, welche die Sprache sprechen, in der es geschrieben ist.

Aber selbst wenn man sich an Tolstois Stelle versetzt und versucht, an Shakespeare wie an einen ausländischen Dichter zu denken, so ist doch klar, daß Tolstoi manches unterschlagen hat. Poesie ist, wie es scheint, nicht nur eine Frage von Klang und Assoziation, die außerhalb ihres Sprachbereichs ohne Wert ist. Wie wäre es sonst möglich, daß bestimmte Gedichte, selbst Gedichte in einer toten Sprache, alle Grenzen mit Erfolg überwinden konnten? 

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Sicher lassen sich Gedichte wie Morgen ist Sankt Valentinstag nicht befriedigend übersetzen, aber in Shakespeares Hauptwerken ist etwas, das man als Poesie bezeichnen könnte, die nicht an das Wort gebunden ist. Tolstoi hat recht, wenn er sagt, daß Lear als Theaterstück nicht sehr gut ist. Es ist zu sehr in die Länge gezogen, hat zuviele Figuren und zuviele Nebenhandlungen. Eine entartete Tochter hätte vollauf genügt, und Edgar ist eine überflüssige Figur. Es wäre auch wahrscheinlich besser gewesen, hätte man Gloucester und seine beiden Söhne gestrichen. Trotzdem, etwas wie die Struktur oder vielleicht auch nur die Atmosphäre hat sich auf die Dauer als stärker erwiesen als die Verwicklungen und die Längen. 

Man könnte sich Lear als Puppenspiel, Pantomime, Ballett oder eine Reihe von lebenden Bildern vorstellen. Ein Teil seiner Poesie, vielleicht der wesentliche Teil, liegt in der Fabel selbst, unabhängig von besonderen Wortgebilden oder der körperlichen Darstellung. Man schließe die Augen und denke an König Lear, möglichst ohne den Dialog. Was erblickt man? Hier, was ich erblicke: ein majestätischer alter Mann in einem langen schwarzen Gewand, mit wehendem weißen Haar und Bart, eine Gestalt wie von Blake gezeichnet (aber auch, sonderbarerweise, fast wie Tolstoi selbst), der in einem Sturm umherirrt, den Himmel verflucht, begleitet von einem Narren und einem Verrückten. Die Szene wechselt: der alte Mann, noch immer Flüche auf den Lippen, noch immer nichts begreifend, hält ein totes Mädchen im Arm, während der Narr irgendwo im Hintergrund am Galgen schaukelt. Das ist das bloße Knochengerüst des Stückes, und selbst davon möchte Tolstoi noch das meiste streichen. Am Sturm bemängelt er, daß er unnötig ist, der Narr ist in seinen Augen nur eine langweilige Belästigung und ein Anlaß zu dummen Witzen, und Cordelias Tod schließlich beraube das Stück seiner Moral. 

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Nach Tolstoi endet das Stück King Leir, das Shakespeare übernahm und umarbeitete, natürlicher und mehr im Einklang mit den moralischen Forderungen des Zuschauers als bei Shakespeare, weil der König der Gallier die Männer der älteren Töchter besiegt und weil Cordelia, statt getötet zu werden, Lear seine alte Position zurückgibt.

Mit andern Worten, die Tragödie hätte eigentlich eine Komödie oder ein Melodram sein sollen. Es ist zweifelhaft, ob sich das Wesen der Tragödie überhaupt mit dem Glauben an Gott verträgt. Auf jeden Fall widerspricht es dem Glauben an menschliche Würde und der Forderung, daß das Gute zu triumphieren hat. Eine tragische Situation tritt immer dann ein, wenn das Gute nicht triumphiert, aber doch der Eindruck entsteht, daß der Mensch edler ist als die Mächte, die ihn vernichten. Es ist sehr bezeichnend, daß Tolstoi keine Berechtigung für die Gestalt des Narren sieht. Der Narr gehört aber zum Stück. Seine Funktion ist nicht nur die eines antiken Chors, der die Haupthandlung durch seine Kommentare intelligenter verdeutlicht als die übrigen Figuren, sondern auch so etwas wie ein Spiegelbild Lears. 

Seine Witze, Rätsel und gereimten Sprüche, seine zersetzenden ironischen Bemerkungen zu Lears hochfliegender Verrücktheit, vom blanken Hohn bis zu einer Art von melancholischer Poesie (»All Deine andern Titel, weggegeben hast Du, womit Du warst geboren«) sind wie ein Rinnsal gesunden Verstandes, der durch das Stück fließt, wie eine Erinnerung daran, daß trotz aller Ungerechtigkeiten, Grausamkeiten, Intrigen, Enttäuschungen und Mißverständnissen, die hier vorgeführt werden, irgendwo das Leben seinen gewohnten Gang geht. Tolstois Abneigung dem Narren gegenüber verrät etwas von den tieferen Ursachen seines Haders mit Shakespeare. Nicht ganz unberechtigt wirft er ihm in seinen Stücken Zerrissenheit, Häufung von Nebensächlichkeiten, unglaubwürdige Handlung, Übertriebenheit der Sprache vor. 

Was er aber wohl am meisten verabscheut, ist die Überschwenglichkeit, die Shakespearesche Art, die wirklichen Vorgänge des Lebens nicht so sehr mit Vergnügen, sondern nur mit Interesse zu verfolgen. 

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Es wäre falsch, Tolstoi nur als einen Moralisten zu bezeichnen, der einen Künstler angreift. Er sagt nirgends, daß Kunst an sich verwerflich oder unbedeutend sei, ebensowenig findet er technisches Können unwichtig. Aber sein Hauptanliegen in seinen späteren Jahren war, die menschliche Bewußtseinssphäre einzuschränken. An Interessen, an Kontakten mit der Umwelt und ihrem Alltagskampf sollte es nicht soviel, sondern sowenig wie möglich geben. 

Die Literatur sollte aus Parabeln bestehen, aller Einzelheiten entkleidet und so gut wie unabhängig von der Sprache. Die Parabel — und hier unterscheidet sich Tolstoi von dem vulgären Durchschnittspuritaner — sollte selbst Kunstwerk sein, wenn auch unter Ausschaltung von Unterhaltung und Neugier. Auch die Wissenschaft sollte frei von Neugierde sein. Deren Aufgabe sei nicht, zu entdecken, was vorgeht, sondern die Menschen zu lehren, wie sie leben sollten. Das gleiche bei Geschichte und Politik. 

Viele Fragen (zum Beispiel die Affäre Dreyfus) lohnen sich nicht, gelöst zu werden, und er ist dafür, sie auf sich beruhen zu lassen. Seine ganze Theorie über epidemischen Wahnsinn< und >Massenpsychosen<, bei denen er Dinge zusammenwirft wie die Kreuzzüge und die Tulpenzucht in Holland, zeigen allerdings, daß er geneigt ist, das menschliche Treiben vielfach wie das bloße Hin- und Herwimmeln von Ameisen anzusehen, unerklärlich und uninteressant. Natürlich konnte er nicht die Geduld für einen chaotischen, ins Einzelne gehenden, wortreichen Dichter wie Shakespeare aufbringen. Seine Reaktion ist die eines reizbaren alten Mannes, der sich von einem lauten Kind belästigt fühlt: »Warum mußt du in einem fort auf- und abhüpfen? Warum kannst du nicht stillsitzen wie ich?« In gewisser Weise hat der alte Mann recht; aber die Schwierigkeit liegt darin, daß das Kind eine körperliche Vitalität hat, die der alte Mann nicht mehr besitzt. 

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Ist sich der alte Mann dessen bewußt, so steigert es nur noch seine Reizbarkeit, er würde aus Kindern Greise machen, wenn er könnte. Tolstoi weiß vielleicht nicht einmal genau, was ihn an Shakespeare so irritiert, er weiß nur, daß er etwas vermißt, und er ist entschieden der Meinung, daß es auch jeder andere vermissen muß. Von Natur war er (ebenfalls) herrschsüchtig und egoistisch. Als er bereits erwachsen war, kam es vor, daß er Diensboten in einem Wutanfall schlug, und noch sehr viel später fühlte er oft, wie sein englischer Biograph Derrick Leon schrieb, »bei dem kleinsten Widerspruch das Verlangen, dem, der nicht mit ihm einer Meinung war, eine Ohrfeige zu versetzen«. 

Eine derartige Veranlagung wird man nicht automatisch durch religiöse Bekehrung los, im Gegenteil, es liegt auf der Hand, daß infolge der Illusion, eine Wiedergeburt erlebt zu haben, angeborene Untugenden unter Umständen nur noch üppiger gedeihen, wenn auch vielleicht in verfeinerter Form. Tolstoi war imstande, physischer Gewalt abzuschwören und zu begreifen, was damit verbunden war, er war aber außerstande, Toleranz und Demut zu üben. Wenn man nichts von seinen andern Schriften wüßte, könnte man allein aus dem Essay über Shakespeare seine Neigung zu literarischer Streitsucht erkennen.

Immerhin versucht Tolstoi nicht einfach, andern Menschen das Vergnügen zu nehmen, das er selbst nicht empfindet. Er tut es zwar, aber seine Auseinander­setzung mit Shakespeare hat tiefere Ursachen.

Es ist eine Auseinandersetzung zwischen der religiösen und der humanistischen Weltanschauung. Damit kommt man auf das zentrale Thema in König Lear zurück, das Tolstoi trotz seiner eingehenden Schilderung des Inhalts unerwähnt läßt.

Lear gehört zu der Minderzahl von Shakespearschen Stücken, in denen es unzweifelhaft um einen Zentralgedanken geht. Wie Tolstoi mit Recht kritisiert, ist viel Unsinn über Shakespeare als Philosoph, Psychologe, als »großer Moralprediger« und was sonst zusammengeschrieben worden.

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Er war kein systematischer Denker, seine tiefsten Gedanken äußert er beiläufig oder indirekt.

Wir wissen nicht, wie weit er mit einer bestimmten Absicht schrieb, ja nicht einmal, wie viele der ihm zugeschriebenen Werke wirklich von ihm stammen. In den Sonetten findet sich jedenfalls keinerlei Anspielung auf die Bühnenwerke als Teil seiner Lebensarbeit, obwohl er eine etwas verschämt wirkende Andeutung auf seinen schauspielerischen Beruf zu machen scheint. Es ist durchaus möglich, daß er zumindest die Hälfte seiner Stücke als bloße Brotarbeiten ansah und sich um ihren Sinn oder ihre Glaubwürdigkeit keine Gedanken machte, solange er etwas zusammenflicken konnte, gewöhnlich gestohlenes Material, das sich auf der Bühne mehr oder minder glücklich aneinanderreihen ließ. Dennoch ist das nicht die ganze Geschichte. Zunächst einmal hatte Shakespeare, wie Tolstoi selbst ausführt, die Gewohnheit, irgendeiner seiner Figuren allgemeine, nicht notwendige Betrachtungen in den Mund zu legen. Das ist bei einem Dramatiker ein schwerwiegender Fehler, nur paßt es nicht in das Bild, das Tolstoi von ihm als einem vulgären Stückeschreiber entwirft, der keine eigenen Ansichten hat und nur darauf aus ist, mit den billigsten Mitteln die größtmöglichen Wirkungen zu erzielen. Aber mehr noch - etwa ein Dutzend Stücke, in der Mehrzahl nach 1600 geschrieben, haben unzweifelhaft einen tieferen Sinn und sogar eine Moral. Sie kreisen um ein zentrales Thema, das sich in einigen Fällen in einem Wort ausdrücken läßt. So ist es bei Macbeth der Ehrgeiz, bei Othello die Eifersucht, bei Timon von Athen das Geld. Bei Lear ist das Hauptthema Verzicht, und nur wer sich absichtlich taub stellt, versteht nicht, was Shakespeare sagen wollte.

Lear verzichtet auf seinen Thron, erwartet aber, von allen auch weiterhin als König behandelt zu werden. 

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Er sieht nicht voraus, daß andere sich seine Hilflosigkeit zunutze machen, sobald er die Macht aus der Hand gegeben hat, und ebensowenig, daß die, die ihm am meisten schmeicheln, wie Regan und Goneril, sich als erste gegen ihn wenden. Im Augenblick, als er feststellt, daß er niemand mehr zum Gehorsam zwingen kann wie früher, verfällt er in die Raserei, die Tolstoi als »sonderbar und unnatürlich« bezeichnet, die aber in Wahrheit vollkommen zu der Figur paßt.

In seinem Wahnsinn und seiner Verzweiflung durchläuft er zwei Stadien, die wiederum in seiner Lage durchaus natürlich sind, obwohl er in einem vermutlich von Shakespeare als Sprachrohr seiner eigenen Ansichten benutzt wird. Das eine Stadium ist Ekel, in dem Lear sozusagen bereut, König gewesen zu sein, und zum ersten Mal die Verlogenheit formaler Gerechtigkeit und landläufiger Moral erkennt. Das andere ist das Stadium ohnmächtiger Wut, in dem er phantastische Rachepläne gegen die ausbrütet, die ihm Unrecht zugefügt haben. »Hätte ich Tausend, die rote Flammen spuckten und pfeifend auf sie niederstießen« und:

Ein feiner Plan!
Ja, eine gute Kriegslist, zu beschlagen 
Die Reiterei mit Filz. Ich will's versuchen, 
Und überrasch' ich so die Schwiegersöhne, 
Dann schlagt sie tot, tot, tot! - Tot, tot!! -
Erst am Ende begreift er wie ein vernünftiger Mensch, 
daß Macht, Rache und Sieg wertlos sind:
Nein, nein, nein, nein! Komm! Ins Gefängnis fort . . .
. . . und so überdenken 
Im Kerker wir den Zank und Streit der Macht, 
Die mit dem Monde ebbt und flutet.

Aber als er zu diesem Schluß kommt, ist es zu spät, denn sein Tod und Cordelias sind bereits beschlossen. Das ist die Fabel, und abgesehen von einer gewissen Schwerfälligkeit der Darbietung ist es eine gute Fabel.

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Aber hat sie nicht eine sonderbare Ähnlichkeit mit Tolstois eigener Geschichte? Eine allgemeine Übereinstimmung ist vorhanden, die man nur schwer übersehen kann, weil der denkwürdigste Vorgang in Tolstois Leben, wie bei Lear, ein großer freiwilliger Verzicht war. In hohem Alter verzichtete er auf seine Güter, seinen Titel und die Rechte an seinen Werken und machte den Versuch - einen ehrlichen Versuch, auch wenn er erfolglos blieb -, seiner privilegierten Stellung zu entsagen und das Leben eines Bauern zu führen. 

Die tiefere Ähnlichkeit liegt jedoch darin, daß sich Tolstoi, wie Lear, von irrigen Beweggründen leiten ließ, und nicht zu dem erhofften Ergebnis kam. Nach Tolstoi strebt jedes menschliche Wesen danach, Glück zu haben, und Glück ist nur zu erreichen, indem man den Willen Gottes befolgt. Das bedeutet aber, allen irdischen Freuden und Ansprüchen zu entsagen und ausschließlich für andere leben. So wandte sich Tolstoi letztlich von der Welt in der Erwartung ab, glücklicher zu werden. Wenn es aber etwas gibt, was sich mit Bestimmtheit von seinen letzten Jahren sagen läßt, dann dieses, daß er nicht glücklich war. 

Im Gegenteil, er wurde fast bis zum Rande des Wahnsinns durch das Verhalten seiner Umgebung getrieben, die ihn gerade wegen seines Verzichtes peinigte. Wie Lear war auch Tolstoi nicht demütig und kein guter Menschenkenner. Es gab Augenblicke, in denen er am liebsten wieder eine aristokratische Haltung eingenommen hätte, trotz seines Bauernkittels. Auch er hatte zwei Kinder, denen er vertraut hatte, und die sich am Ende gegen ihn wandten, wenn auch entsprechend weniger sensationell als Regan und Goneril. Auch in seinem übersteigerten Widerwillen gegen alles Sexuelle besteht eine Übereinstimmung mit Lear. 

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Tolstois Bemerkung, daß »die Ehe Sklaverei, Saturiertheit, Ekel« sei, und ein Leben »umgeben von Häßlichkeit, Schmutz, Gestank und Krankheit« bedeute, findet ihr Gegenstück in Lears bekanntem Ausbruch:

Vom Gürtel abwärts sind's Zentauren,  
Weiber nur oberhalb.  
Nur bis zum Gürtel reicht der Götter Erbteil,  
Was drunter, ist des Teufels.  
Da ist die Hölle, da die Finsternis,  
Der Schwefelpfuhl, Brand, Sieden, Stank, Verwesung.  

Obwohl Tolstoi sein Ende nicht voraussehen konnte, als er den Essay über Shakespeare schrieb, dieses Lebensende — die plötzliche, unvermittelte Flucht von der Stadt aufs Land, nur von einer treugebliebenen Tochter begleitet, der Tod im Landhaus in einem fremden Dorf —, scheint es etwas von einer gespenstischen Erinnerung an Lear in sich zu bergen.

Natürlich ist nicht anzunehmen, daß sich Tolstoi dieser Ähnlichkeit bewußt war oder sie auch nur zugegeben haben würde, hätte man ihn darauf aufmerksam gemacht. Aber seine Einstellung zu dem Stück muß durch das Thema beeinflußt worden sein. Der Verzicht auf eine Machtstellung und die Aufgabe allen Besitzes war ein Stoff, der ihn mit Recht zutiefst anging. Wahrscheinlich ist es die Schlußmoral, die Shakespeare zieht, die ihn erregt und erbittert, mehr als bei irgendeinem andern Stück - zum Beispiel bei Macbeth -, das seinem eigenen Leben nicht so ähnelte.

Welches ist nun genau die Moral bei Lear} Offenkundig gibt es zweierlei Moral in der Geschichte, die eine ausgesprochen, die andere unausgesprochen.

Shakespeare geht davon aus, daß der freiwillige Verzicht auf Macht zum Angriff einlädt. Das besagt nicht, daß sich nun jeder gegen den wehrlos gewordenen wendet (Kent und der Narr bleiben Lear bis zum Ende treu), aber einer wird sich wahrscheinlich finden. Wenn man seine Waffen fortwirft, wird ein anderer sie aufheben, der sich kein Gewissen daraus macht.

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Wenn du jemandem deine linke Wange hinhältst, so wirst du einen kräftigeren Schlag darauf bekommen, als schon auf die rechte. Das muß zwar nicht immer so sein, aber man darf sich darüber nicht wundern. Daraus ergibt sich in erster Linie die normale, dem gesunden Verstand entsprechende Moral, die der Narr zieht: »Gib deine Macht nicht auf, verschenke nicht deinen Besitz.« Aber es gibt, wie gesagt, noch eine andere. Shakespeare spricht sie nirgends aus, und es ist auch belanglos, ob er sich ihrer gänzlich bewußt war. Sie ist in der Fabel enthalten, die er erfand oder seinem Zweck entsprechend änderte. Sie lautet: »Gib ruhig alles hin, was du besitzt, nur erwarte nicht, dadurch glücklicher zu werden. Mit größter Wahrscheinlichkeit wirst du nicht glücklicher. Wenn du für andere leben willst, dann mußt du auch wirklich für andere leben und es nicht als Vorwand benutzen, für dich selbst einen Vorteil dabei herauszuschlagen.«

Es liegt auf der Hand, daß keine von beiden Schlußfolgerungen die Zustimmung von Tolstoi finden konnte. Die erste bringt den gewöhnlichen platten Egoismus zum Ausdruck, den er ehrlich aufzugeben versuchte. Die andere widerspricht seinem Wunsch, den Kuchen zu essen und zu behalten - das heißt, seinen Egoismus zu zerstören, um dafür das ewige Leben zu gewinnen. Selbstverständlich ist Lear keine Predigt zugunsten der Nächstenliebe. Es wird lediglich gezeigt, was dabei herauskommt, wenn man aus selbstsüchtigen Motiven Selbstentäußerung übt. Shakespeare besaß eine beträchtliche Portion Realismus, und wäre er vor die Wahl gestellt worden, Partei in seinem Stück zu ergreifen, hätte seine Sympathie wahrscheinlich dem Narren gegolten. Aber er konnte wenigstens das ganze Problem übersehen und es als Tragödie behandeln. Das Laster wird bestraft, aber die Tugend wird nicht belohnt. Die Moral in Shakespeares späteren Stücken ist nicht religiös in gewöhnlichem Sinne und bestimmt nicht christlich. 

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Nur bei Hamlet und Othello könnte man annehmen, daß sie in der christlichen Epoche spielen und in beiden deutet, abgesehen von der grotesken Geistererscheinung in Hamlet, nichts auf eine jenseitige Welt< hin, in der alles in Ordnung gebracht werden wird. Alle diese Tragödien gehen von der humanistischen Auffassung aus, daß das Leben, trotz aller Sorgen und Nöte, wert ist, gelebt zu werden, und der Mensch ein edles Tier ist — eine Auffassung, die Tolstoi im hohen Alter nicht teilte.

Tolstoi war kein Heiliger, aber er versuchte, mit allen Kräften einen Heiligen aus sich zu machen, und die Maßstäbe, die er an die Literatur legte, waren außer-weltliche. Es ist wichtig, sich darüber klar zu sein, daß der Unterschied zwischen einem Heiligen und einem Durchschnittsmenschen ein Artunterschied und kein Gradunterschied ist, das heißt, daß der eine nicht die unvollkommene Form des andern ist. 

Ein Heiliger von der Art Tolstois versucht nicht, das Leben auf Erden besser zu gestalten, er versucht, es zu beenden und an seine Stelle etwas anderes zu setzen. Ein deutliches Beispiel dafür ist die Behauptung, das Zölibat stehe >höher< als die Ehe. 

Wenn wir nur, sagt Tolstoi in Wahrheit, aufhören würden, Nachkommen zu zeugen, zu kämpfen, zu hadern und uns zu vergnügen, wenn wir uns nicht nur von unsern Sünden befreien könnten, sondern von allem, was uns an die Erdoberfläche fesselt - einschließlich Liebe in dem Sinne, daß man sich um ein menschliches Wesen mehr sorgt als um ein anderes -, dann wären wir von aller Pein, aller Bürde befreit, und das Reich Gottes würde kommen. 

Dem normalen Menschen liegt jedoch gar nicht daran, daß das Reich Gottes kommt, er möchte, daß das Leben auf der Erde seinen Fortgang nimmt, und zwar nicht nur, weil er >schwach< und >sündig< ist und sich einen >gu-ten Tag< machen möchte. Die meisten haben viel Spaß am Leben, auch wenn das Leiden dem die Waage hält, und nur sehr junge oder sehr dumme Menschen bilden sich ein, es sei

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anders. Letztlich ist es die christliche Anschauung, die von Selbstsucht und Hedonismus geprägt ist, da ihr Ziel darin besteht, dem lästigen, irdischen Lebenskampf zu entfliehen und ewigen Frieden in einer Art von Himmel oder Nirwana zu finden. Die humanistische Auffassung vertritt demgegenüber den Standpunkt, daß der Kampf andauern muß und der Tod den Preis für das Leben darstellt. >Menschen müssen ihr Vergehen erdulden, so wie sie ihr Erscheinen erdulden mußten: Reif sein ist alles< - ein unchristlicher Standpunkt. Oft kommt es scheinbar zu einem Waffenstillstand zwischen Humanisten und Gläubigen, aber in Wahrheit stehen sich hier zwei Anschauungen unversöhnlich gegenüber: man muß sich für diese oder für die nächste Welt entscheiden. Sie treffen diese Entscheidung nur, wenn sie weiterhin Kinder zeugen, arbeiten und sterben und nicht in der Hoffnung auf ein anderes Leben ihre Fähigkeiten verkümmern lassen.

Wir wissen wenig von Shakespeares religiösen Überzeugungen. Aus seinen Werken ist schwer herauszulesen, ob er überhaupt welche besaß. Auf jeden Fall war er kein Heiliger, noch wäre er gern einer geworden. Er war ein Mensch und in gewissem Sinn kein sehr guter. So steht zum Beispiel fest, daß er sich gern an die Reichen und Mächtigen hielt und imstande war, ihnen in servilster Weise zu schmeicheln. In all seinen Stücken sind die Figuren, welche die gesellschaftlichen Zustände attackieren oder die konventionelle Unehrlichkeit durchschauen, entweder komisch oder Schurken oder Verrückte oder Menschen, die sich verrückt stellen oder hysterisch sind. Im Lear ist das besonders stark ausgeprägt. In dem Stück ist eine ganze Menge Sozialkritik versteckt - gerade das, was Tolstoi vermißt -, aber sie stammt von dem Narren oder von Edgar, solange er behauptet, verrückt zu sein, oder von Lear in einem seiner Wahnsinnsanfälle. In normalem Zustand macht Lear kaum eine vernünftige Bemerkung. 

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Und doch, die bloße Tatsache, daß Shakespeare zu solchen Kniffen seine Zuflucht nehmen mußte, beweist, wie groß der Umkreis seines Denkens war. Er konnte sich nicht versagen, zu fast allem Stellung zu nehmen, auch wenn er dazu immer wieder Masken benutzen mußte. Hat man einmal seine Werke gründlich gelesen, fällt es nicht leicht, ihn einen Tag lang nicht zu zitieren. Es gibt keine Frage von größerer Bedeutung, die er unerörtert läßt oder mindestens an irgendeiner Stelle in seiner unsystematischen, aber scharf profilierenden Art erwähnt. 

Die Wortspiele und Rätsel, die Reihen von Namen, Bruchstücke von Berichten, die Unterhaltung der Boten in Heinrich IV. sind Balladen, sie alle gehören zu seiner überschäumenden Lebendigkeit. Shakespeare war weder Philosoph noch Wissenschaftler, aber von Neugier erfüllt. Er liebte das Antlitz der Erde und das Schauspiel des Lebens, was, um es noch einmal zu sagen, nicht dasselbe ist wie sich einen guten Tag zu machen und der Wunsch, so lange wie möglich zu leben. Natürlich ist es nicht die Tiefe seiner Gedanken, der er seinen Nachruhm verdankt, und vielleicht würde man sich seiner nicht einmal als Dramatiker erinnern, wenn er nicht ein Dichter gewesen wäre. 

Die stärkste Wirkung auf uns geht von seiner Sprache aus. Wie sehr er selber von der Musik des Wortes fasziniert war, läßt sich am besten den Reden Pistols entnehmen. Was Pistol sagt, ist weitgehend bedeutungslos. Aber wenn man jede einzelne Zeile für sich nimmt, wird man finden, daß es großartige rhetorische Verse sind. Sätze klingenden Unsinns (»Laß Fluten überschwemmen und die Vernichter aller Nahrung fortheulen« etc.) stellten sich bei Shakespeare anscheinend unablässig wie von selbst ein, und man mußte schon halb-verrückte Figuren erfinden, um sie zu verwenden. Tolstois Muttersprache war nicht Englisch, und man kann ihm weder vorwerfen, daß Shakespeares Verse ihn kalt ließen, noch daß er es ablehnte, in der Wortgewalt von Shakespeare etwas Außergewöhnliches zu sehen. 

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Aber er hätte überhaupt die ganze Auffassung von Poesie, das heißt als einer Form von Musik, abgelehnt. Hätte man Tolstoi beweisen können, daß seine Erklärung für den Ruhm Shakespeares auf einem Irrtum beruht, daß jedenfalls in der englischsprechenden Welt eine echte Verehrung für ihn besteht, und daß seine Gabe, Silbe an Silbe zu reihen, Generationen von Menschen englischer Zunge einen großen Genuß bereitet hat, so hätte Tolstoi das alles vermutlich Shakespeare nicht als Verdienst angerechnet, sondern eher als das Gegenteil. Es wäre für ihn nur ein weiterer Beweis für die areligiöse, erdgebundene Natur des Dichters und seiner Verehrer gewesen. Tolstoi hätte gesagt, daß man Poesie nach ihrem Inhalt beurteilen müsse, und daß der verführerische Klang von Versen höchstens dazu diene, einen wertlosen Inhalt zu übertönen. Auf jeder Ebene handelt es sich um die gleiche Frage: diese Welt oder die nächste - und Musik gehört zweifellos zu dieser Welt.

Wie bei Gandhi hat es auch bei Tolstoi immer so etwas wie Zweifel an seinem Charakter gegeben. Er war nicht einfach ein Heuchler, für den ihn manche gehalten haben, und er hätte sicher noch größere Opfer auf sich genommen, wäre er nicht bei jedem Schritt von seiner Umgebung daran gehindert worden, besonders von seiner Frau. Anderseits ist es immer gefährlich, Menschen wie Tolstoi nach ihren Schülern zu beurteilen. Es besteht dabei die Möglichkeit, ja sogar die Wahrscheinlichkeit, daß nichts weiter geschehen ist, als einen Egoismus gegen einen anderen zu tauschen. Tolstoi verzichtete auf Reichtum, Ruhm, Vorrechte, er schwor der Gewalt in jeder Form ab und war bereit, dafür zu leiden. Es fällt schwerer zu glauben, daß er auch der Anwendung von Zwang abschwor oder zumindest dem Wunsch, Zwang auf andere auszuüben. Es gibt Familien, in denen der Vater zu seinem Sohn sagt: »Wenn du das noch einmal machst, kriegst du eins hinter die Ohren!« während die Mutter mit Tränen in den Augen das Kind in die Arme nimmt und liebevoll flüstert: »Sag selbst, Liebling, konntest du das Mama zuliebe nicht unterlassen?«

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Wer wollte bestreiten, daß die zweite Methode die weniger tyrannische ist? 

Der Unterschied, auf den es wirklich ankommt, ist nicht der zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit, sondern zwischen der Neigung zur Machtausübung und der Abneigung dagegen. Es gibt Leute, die sowohl von der Verwerflichkeit von Armeen wie von Polizei überzeugt und dabei viel intoleranter und inquisitorischer in ihren Anschauungen sind, als Normalmenschen, die glauben, daß es unter bestimmten Umständen notwendig ist, Gewalt anzuwenden. Sie werden nie zu jemandem sagen: »Tu dies und das oder du kommst ins Gefängnis«, aber sie werden sich, wenn sie können, seines Gehirns bemächtigen und ihm bis in die letzten Einzelheiten vorschreiben, wie er zu denken hat.

Glaubenslehren wie Pazifismus und Anarchismus, die oberflächlich betrachtet den Verzicht auf Gewalt einzuschließen scheinen, begünstigen das Gegenteil. Tritt man nämlich einer Bewegung bei, die frei vom gewöhnlichen Schmutz der Politik zu sein scheint - einem Glauben also, von dem man für sich selbst keinerlei materielle Vorteile erwarten kann -, so ist das sicherlich ein Beweis dafür, daß man recht hat. Und je fester man davon überzeugt ist, im Recht zu sein, so natürlicher ist der Wunsch, jeden anderen mit allen Mitteln dahin zu bringen, ebenso zu denken.

Wenn wir glauben sollen, was Tolstoi in seinem Pamphlet schreibt, so ist er nie imstande gewesen, in Shakespeare etwas Besonderes zu sehen, und hat nie begriffen, daß seine literarischen Kollegen wie Turgenjew, Fet und andere nicht ebenso dachten wie er. Wir können sicher sein, daß er in den Tagen vor seiner Neugeburt gesagt hätte: »Sie lieben Shakespeare? Ich nicht. Lassen wir es dabei.« Später, als die Einsicht ihn verlassen hatte, daß eine unendliche Vielfalt die Welt ausmacht, kam er darauf, in Shakespeares Werk etwas für ihn selbst Gefährliches zu sehen. Je mehr Menschen sich für Shakespeare begeisterten, desto weniger würden sie auf Tolstoi hören. 

Deshalb sollte niemand sich für Shakespeare begeistern dürfen, so wie niemand Alkohol trinken und Tabak rauchen sollte. Sicherlich konnte Tolstoi niemand mit Gewalt daran hindern. Er verlangte nicht, daß jedes Exemplar polizeilich beschlagnahmt werden würde. Aber er wird ihn heruntermachen, soweit er kann, er wird versuchen, sich ins Gehirn jedes Shakespeare-Liebhabers einzubohren und ihm mit allen erdenklichen Mitteln den Genuß zu verderben, selbst unter Verwendung von Argumenten, die, wie ich in der Inhaltsangabe seines Essays gezeigt habe, einander widersprechen oder von zweifelhafter Wahrheit sind.

Was am Ende am meisten überrascht, ist die Erkenntnis, wie wenig das alles überhaupt besagt. Wie ich schon sagte, kann man auf Tolstois Pamphlet nicht antworten, wenigstens nicht in seinen Hauptpunkten. Es gibt keine Beweismittel, mit denen sich ein Gedicht verteidigen läßt. Es verteidigt sich selbst, indem es fortlebt, oder es ist nicht zu verteidigen. Wenn dieser Beweis stimmt, so meine ich, muß das Urteil im Falle von Shakespeare <nicht schuldig> lauten. 

Wie jeder Schriftsteller wird auch er eines Tages vergessen sein, aber es ist kaum denkbar, daß jemals ein härteres Urteil über ihn gefällt werden könnte.

Tolstoi wurde vielleicht von allen Schriftstellern seiner Zeit am meisten bewundert und gehörte auch als Polemiker nicht zu den unbegabtesten. Er griff Shakespeare mit aller ihm zu Gebote stehenden Gewalt an, wie ein Schlachtschiff, das alle Kanonen auf einmal abfeuert. 

Und was ist das Ergebnis? Vierzig Jahre später ist Shakespeare immer noch vorhanden in seiner ganzen Größe, unversehrt, während von dem Versuch, ihn zu vernichten, nichts übriggeblieben ist als die vergilbten Seiten eines Pamphlets, das kaum jemand gelesen hat und das der Vergessenheit anheimgefallen wäre, wenn Tolstoi nicht auch der Schöpfer von <Krieg und Frieden> und <Anna Karenina> gewesen wäre. 

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