George Orwell

Rache ist sauer 

Essays 1940-49

1975 im Diogenes-Verlag, Zürich

 

1940-1949   180 Seiten

DNB.Buch

 

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Ökobuch 

 

ISBN 3-257-20250-4  

Redaktion: Claudia Schmölders

Zeichnung von Tomi Ungerer 

Aus dem Englischen von Felix Gasbarra

Dieser Band enthält eine Auswahl aus

›The Collected Essays, Journalism and Letters of George Orwell‹, 1920-1950, 4 vols., Secker & Warburg, London 1968  

›Revenge is Sour‹ und

›Autobiographical Note‹ wurden von Peter Naujack übersetzt; 

›Raffles and Miss Blandish‹ von Claudia Schmölders.

Inhalt 

 1  Autobiographisches  (7)  1940

 2  Rückblick auf den Spanischen Krieg  (10)  1942

 3  Zu Nutz und Frommen der Geistlichkeit: Einige Bemerkungen über Salvador Dali  (39)  1944

 4  Raffles und Miss Blandish  (53)  1944

 5  Rache ist sauer  (71)  1946

 6  Zur Verhinderung von Literatur  (77)  1946 

 7  Gedanken über die gemeine Kröte  (97)  1946

 8  Bekenntnisse eines Rezensenten  (103)   1946 

 9  Politik contra Literatur: Eine Untersuchung von Gullivers Reisen  (109)  1946 

10  Lear, Tolstoi und der Narr  (136)  1947  (Shakespeare)

11  Gedanken über Gandhi   (159)   1949

12  Die Schriftsteller und der Leviathan   (171)   1948

  

(1)  Autobiographisches

Geschrieben am 17. April 1940

 

7-9

Ich wurde 1903 in Motihari, Bengalen, als zweites Kind einer anglo-indischen Familie geboren. Meine Schulbildung erhielt ich teilweise in Eton, von 1917-21, da ich das Glück hatte, ein Stipendium zu bekommen; aber ich arbeitete dort nicht und lernte sehr wenig, und ich habe nicht das Gefühl, daß Eton einen besonders formenden Einfluß auf mein Leben gehabt hat.

Von 1922 bis 1927 diente ich bei der Kaiserlich Indischen Polizeitruppe in Burma. Ich quittierte den Dienst teilweise deswegen, weil das Klima meine Gesundheit ruiniert hatte, teilweise weil ich bereits vage Vorstellungen vom Bücherschreiben hegte, hauptsächlich aber weil ich auf keinen Fall länger einem Imperialismus dienen konnte, den ich inzwischen als einen ziemlich großen Volksbetrug durchschaut hatte.

Nachdem ich nach Europa zurückgekehrt war, lebte ich ungefähr anderthalb Jahre in Paris, wo ich Romane und Kurzgeschichten schrieb, die niemand veröffentlichen wollte. Als mein Geld zu Ende ging, erlebte ich einige Jahre recht bitterer Armut, in denen ich unter anderem als Tellerwäscher, Hauslehrer und Lehrer an minderwertigen Privatschulen arbeitete. Ein Jahr oder etwas länger war ich auch als Aushilfskraft in einer Londoner Buchhandlung beschäftigt — eine Arbeit, die ich sehr interessant fand, die jedoch den Nachteil hatte, mich zum Leben in London zu zwingen, was ich verabscheue.

So um 1935 war ich in der Lage, von dem zu leben, was ich mit Schreiben verdiente, und gegen Ende dieses Jahres zog ich aufs Land und machte eine kleine Gemischt­warenhandlung auf. Das Geschäft rentierte sich kaum, lehrte mich aber Dinge über dieses Gewerbe, die von Nutzen sein könnten, falls ich je wieder einen Versuch in dieser Richtung unternehmen sollte.

Im Sommer 1936 habe ich geheiratet. Ende des Jahres ging ich nach Spanien, um mich am Bürgerkrieg zu beteiligen, und meine Frau folgte mir bald. Ich diente vier Monate bei der POUM-Miliz an der Front von Aragon und wurde ziemlich schwer verwundet, glücklicherweise aber ohne ernsthafte Folgen. Ehrlicher­weise kann ich nicht behaupten, daß ich seit dieser Zeit etwas anderes getan habe — mit Ausnahme eines in Marokko verbrachten Winters — als Bücher zu schreiben und Hühner und Gemüse zu züchten.

Was ich in Spanien gesehen und seitdem von der inneren Funktion linker politischer Parteien erfahren habe, hat in mir tiefen Abscheu vor der Politik erweckt. Ich war eine Zeitlang Mitglied der Independent Labour Party, trat aber zu Beginn des gegenwärtigen Krieges wieder aus, weil ich glaubte, daß diese Leute Unsinn redeten und eine politische Richtung verfolgten, die Hitler sein Vorhaben nur erleichtern konnten. 

Gefühlsmäßig stehe ich eindeutig ›links‹, aber ich bin überzeugt, daß ein Schriftsteller nur ehrlich bleiben kann, wenn er sich von Parteietiketten freihält.

Die Schriftsteller, die ich am meisten schätze und niemals müde werde zu lesen, sind Shakespeare, Swift, Fielding, Dickens, Charles Reade, Samuel Butler, Zola, Flaubert und, was die modernen Schriftsteller betrifft, James Joyce, T. S. Eliot und D. H. Lawrence. Am meisten aber hat mich wohl von allen modernen Schriftstellern Somerset Maugham beeinflußt, den ich wegen seiner Fähigkeit, eine Geschichte gerade heraus und ohne schmückendes Beiwerk zu erzählen, grenzenlos bewundere. 

Neben meiner eigentlichen Arbeit schätze ich am meisten die Gartenarbeit, und davon besonders den Gemüseanbau. Ich mag die englische Küche und englisches Bier, französischen Rotwein, spanischen Weißwein, indischen Tee, starken Tabak, Kohlenfeuer im Kamin, Kerzenlicht und bequeme Sessel. 

Dagegen mag ich nicht große Städte, Lärm, Autos, das Radio, Konservenessen, Zentralheizung und ›moderne‹ Möbel. Der Geschmack meiner Frau stimmt fast vollkommen mit dem meinen überein. 

Um meine Gesundheit steht es miserabel, aber das hat mich nie davon abhalten können, zu tun was ich wollte, mit der bis jetzt einzigen Ausnahme, in dem gegenwärtigen Krieg zu kämpfen. 

Ich sollte vielleicht noch erwähnen, daß George Orwell nicht mein richtiger Name ist, obschon dieser Bericht über mich selbst nichts als die Wahrheit enthält.

Im Augenblick schreibe ich an keinem Roman, hauptsächlich wegen des durch den Krieg verursachten Durcheinanders. Aber ich plane einen langen, dreiteiligen Roman, den ich entweder <The Lion and the Unicorn> (1941 erschienen) oder <The Quick and the Dead> nennen werde, und ich hoffe, daß ich den ersten Teil irgendwann 1941 fertigstellen kann.

9

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