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6. Die Degeneration der amerikanischen Demokratie  

 Auftritt:  der Gouvernator  

Theo Roszak 2003

 

259-277

Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte ich gesagt, dass die Präsidentschaft von Ronald Reagan das Maximum an Illusionskunst darstellt, das in den Vereinigten Staaten möglich ist. Die skurrile Aura des Wunschdenkens, die diese auf traurige Weise inkompetente Gestalt umgab, gehört immer noch zu den schrillsten Alarmzeichen, was die Leichtgläubigkeit der amerikanischen Öffentlichkeit angeht.

Doch es sollte noch schlimmer kommen, und es passierte ausgerechnet in meinem Bundesstaat Kalifornien.

Denn im Herbst 2003 wurde dort zum ersten Mal in der Geschichte Kaliforniens ein Gouverneur durch Volksentscheid abberufen. Aus der darauf folgenden Wahl ging Arnold Schwarzenegger als neuer Gouverneur des größten, reichsten und demografisch am stärksten diversifizierten Staates der USA, dessen Bürger angeblich über den höchsten Bildungsgrad im Land verfügen, hervor.

Dass so etwas möglich ist, zeigt im Detail, was am demokratischen Prozess in den Vereinigten Staaten verkehrt ist.

Die so genannten »recall elections« waren eine der wichtigsten Wahlrechtsreformen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Die Führer des »Progressive Movement« strebten damit nach etwas, was sie als »Wahlurnen-Demokratie« bezeichneten. Bei diesem Gesetz ging es darum, einen Amtsinhaber noch während der Amtszeit abzuwählen und ersetzen zu können. Bis zum Jahr 2003 war dieses Gesetz in Kalifornien noch nie angewendet worden, um einen Gouverneur abzuberufen. Doch in diesem Jahr führte eine unglückliche Kombination mehrerer Faktoren zu einer akuten Finanzkrise, die den Gouverneur der Demokraten, der erst im Jahr zuvor gewählt worden war, hart traf.

Dazu gehörte zum einen das abrupte Ende des Dot-com-Booms, der Kalifornien während der neunziger Jahre reich gemacht hatte. Als Hunderte von Internet-Firmen Pleite gingen, verlor das Land sein steuerliches Fundament und hatte plötzlich kein Geld mehr. Kalifornien war hier kein Einzelfall. Dieser schlagartige Rückgang des Steueraufkommens war in anderen Bundesstaaten ebenso zu verzeichnen. Kalifornien allerdings, die Heimat des Silicon Valley, traf die Hightech-Rezession am stärksten.

Doch das Platzen der Internetblase war nicht der einzige Grund für die finanziellen Schwierigkeiten des Landes. Mindestens ebenso schwer wog die Energiekrise, die das Land im Jahr 2001 traf. Wie bereits geschildert, war diese Krise hausgemacht. Eine Hand voll Unternehmen hatten von der Deregulierung des kalifornischen Energiemarktes profitiert und künstlich einen Mangel erzeugt, der die Preise für Elektrizität und Erdgas ins Unermessliche steigen ließ.

Der Gouverneur war sich im Klaren darüber, dass die Energiekrise durch die Aktivitäten der Spekulanten verursacht wurde, und bat Washington inständig, einzugreifen und den Markt zu stabilisieren. In der Zwischenzeit garantierte die kalifornische Regierung ihren Bürgern Energie zu einem vertretbaren Preis. Die neue Regierung unter George W. Bush weigerte sich in der Folge, Kalifornien zu helfen, weil damit ja die Gesetze des freien Marktes verletzt wurden. Interessant dabei ist, dass Vizepräsident Cheney eben mit jenen Energieversorgern, die das kalifornische Problem überhaupt erst geschaffen hatten, eng zusammenarbeitete.

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Am Ende der Dot-com-Pleite und der Energiekrise hatte der kalifornische Staat einen enormen Schuldenberg angehäuft. Die Haushaltslücke hätte leicht durch Steuererhöhungen geschlossen werden können, doch die republikanische Mehrheit im Parlament, der die konservativsten Politiker des Landes angehören, verweigerte die Zustimmung. Stattdessen verlangten sie den Kopf des Gouverneurs, den sie für das haushaltspolitische Debakel verantwortlich machten. Ein Millionär aus dem republikanischen Lager finanzierte eine landesweite Abwahl-Kampagne.

Damit über den Rücktritt des Gouverneurs überhaupt abgestimmt werden konnte, waren nicht einmal eine Million Stimmen nötig. Doch auch dann wäre das Volksbegehren vermutlich gescheitert, hätte Arnold Schwarzen­egger nicht signalisiert, dass er für das dann frei werdende Amt zur Verfügung stünde.

 

Dass Schwarzenegger, Bodybuilder und Actiondarsteller, überhaupt gewählt werden könnte, mag vom Standpunkt der Vernunft aus betrachtet unwahr­scheinlich erscheinen. 

Er besaß keinerlei politische Erfahrung und hatte sich nie zu irgendeinem wichtigen Thema öffentlich geäußert, auch wenn er immer wieder verlauten ließ, dass er sich um ein öffentliches Amt als Senator oder Gouverneur bewerben wolle. Doch sobald er 2003 die politische Szene betreten hatte, schienen Republikaner und Demokraten gleichermaßen begeistert. 

Obwohl seine Kampagne sich auf ein paar dünne Klischees beschränkte, zum Beispiel mit dem Anspruch, die Macht dem Volk zurückzugeben, jubelten ihm in ganz Kalifornien begeisterte Menschen­massen zu. Er argumentierte recht populistisch, die Profi-Politiker hätten einen ganz schönen »Schlamassel« angerichtet, doch nie kam auch nur ein einziger Hinweis, wie er denn beabsichtige, diesen »Schlamassel« aufzuräumen. Bei den meisten Themen blieb er äußerst vage und versprach möglichst wenig.

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Auf die Frage, was genau er denn mit seinen Parolen meine, antwortete er gewöhnlich, er würde Experten damit beauftragen, sich mit dem fraglichen Problem zu befassen. Er verweigerte sich der Debatte mit anderen Kandidaten und ging jeder Pressekonferenz sorgfältig aus dem Weg.

Dagegen leistete er eine innovative Öffentlichkeitsarbeit. Er trat so häufig wie möglich in Talkshows auf, wo er als Berühmtheit natürlich willkommen war. Selbst seine Kandidatur kündigte er in einer Talkshow an. Das Fernsehen war die Plattform, auf der er sein Image aufbaute, das eines zornigen politischen Außenseiters.  

Doch auch hier vermied er politische Themen und hielt sich an Small Talk, humoristische Einwürfe und Klatsch aus dem Filmgeschäft. Darüber hinaus warb er auf zahlreichen Wahlkampfveranstaltungen in den großen Einkaufszentren. Dort erreichte er viele Menschen, die niemals eine politische Veranstaltung besucht hätten. Viele von ihnen gingen schon längst nicht mehr zur Wahl. Gerade unter jungen Wählern, die ihn aus seinen Filmen kannten, war Schwarzenegger sehr beliebt. Wenigstens dafür gebührt ihm Anerkennung: Seine ungewöhnliche Wahlkampagne mag tatsächlich chronische Nicht-Wähler angesprochen haben.

Denn tatsächlich schienen Schwarzeneggers Ausweichmanöver und taktische Winkelzüge ihm nicht zu schaden. Die Wähler interessierten sich offenkundig gar nicht dafür, was er über ein bestimmtes Thema wusste oder nicht wusste. Tatsächlich verstand er weder etwas von Finanzen noch von der Gesetzgebung im Allgemeinen. Aber das schadete nicht. Die Menschen wollten ihn einfach sehen, damit ein wenig von seinem Glanz als Berühmtheit auf sie abstrahlte.

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An einem bestimmten Punkt tauchte die Frage auf, wie er in seiner Zeit als Bodybuilder und Filmstar mit Frauen umgegangen war. Einige Frauen gaben an, er habe sie belästigt beziehungsweise missbraucht. Und Schwarzenegger stritt dies auch gar nicht ab. Doch seine Anhänger — auch die weiblichen — taten die Sache damit ab, dass von einem großen Filmstar ja nichts anderes zu erwarten sei. Dass er Frauen reihenweise abgeschleppt und sogar Gruppensex gehabt hatte, verstärkte nur sein Image als Macho, auf dem doch die ganze Wahlkampagne aufgebaut war. Und so fuhr er nach kurzem Wahlkampf einen deutlichen Sieg ein.

Was aber steckt hinter diesem erstaunlichen Erfolg bei Schwarzeneggers erstem politischem Abenteuer?

Ganz einfach: die Macht des Stars. Schwarzeneggers Wahlkampfmanager kleideten ihren Kandidaten in die Persönlichkeit, die er in seinen Filmen verkörpert hatte. »Arnold«, wie er sich gern nennen lässt, ist »Der Terminator«. Er ist »Herkules«. Er ist der »Eraser«, »Conan, der Barbar« und der »Last Action Hero«.

Während seines gesamten Wahlkampfs ließ er diese Rollenbilder lebendig werden, indem er sie ständig zitierte. So wirkte er wie der unbesiegbare, nahezu übermenschliche starke Mann, der Außenseiter, der seine eigenen Gesetze macht und die Gegner einfach auslöscht. Seine Anhänger erwarteten von ihm offensichtlich, dass er sich in die kalifornische Hauptstadt Sacramento aufmachte, um sich die Politiker zu unterwerfen. Zu welchem Zweck? Das schien nicht weiter von Belang, denn Schwarzenegger sprach nie davon, was er als Gouverneur tun würde — außer »den Schlamassel aufzuräumen«. Die Macht des Stars war alles, was er brauchte.

Und diese Macht setzt er heute noch ein, um seine politischen Gegner kirre zu machen.

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Wenn sie seine Maßnahmen in Frage stellen und sich gegen seine Führung auflehnen, droht er damit, »zum Volk zu gehen«. Was heißen soll, dass er einen Volksentscheid initiiert, auch dieser — wie das Recall-Verfahren — ein vom »Progressive Movement« eingeführtes Mittel. Die Wähler stimmen direkt über eine Gesetzesinitiative ab. Wird sie vom Volk angenommen, wird daraus ein Gesetz, auch wenn andere Gesetze dagegenstehen.

»Zum Volk gehen« — das bedeutet auch, an lokalen Wahlkampagnen teilzunehmen, um mit der Macht des Stars die Kandidaten aus der Partei des Gouverneurs zu unterstützen.

Oberflächlich betrachtet wirkt diese Taktik ungemein demokratisch. Ursprünglich waren der Volksentscheid und das Recall-Verfahren ersonnen worden, um als Formen der »direkten Demokratie« die Politik Amerikas aus den Klauen der Parteibosse und deren Geldgeber, der großen Trusts, zu reißen. Sie sollten verhindern, dass das Kapital die Regierung kontrolliert.

Doch in Schwarzeneggers Fall wurden diese politischen Instrumente zu ganz anderen Zwecken eingesetzt. Kombiniert mit der Macht des Stars führten sie dazu, das, was vom demokratischen Prozess noch übrig ist, vollkommen zu korrumpieren.

Denn allmählich stellt sich heraus, dass Schwarzenegger nur den Strohmann für die am besten bestückten Interessengruppen dieses Landes spielt.  

Obwohl er öffentlich beteuerte, seinen Wahlkampf aus eigenen Mitteln zu finanzieren, akzeptierte er großzügige Zahlungen von Unternehmen und Immobilien­firmen, deren Interessen er jetzt wahrzunehmen sucht. Seine so genannte »Lösung« für die fiskalpolitischen Probleme Kaliforniens war ganz einfach: Er kürzte den Etat für Gesundheit und Bildung und machte vor allem bei älteren Menschen und Behinderten tiefe Einschnitte ins System. Gleichzeitig weigerte er sich, die Steuern für die wohlhabenderen Bürger des Landes zu erhöhen.

Das ist die typische Politik des rechten Flügels, doch im Glanz des Starruhms geht auch dies unter.

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Wie Ronald Reagan vor ihm lässt auch Schwarzenegger seine Person geschickt mit den Rollen verschmelzen, die er gespielt hat. Das Publikum kennt ihn, wie er seine Gegner platt macht, also möge er das bitte doch auch im richtigen Leben tun. Wäre das nicht aufregend! Es wäre wie... im Kino!

Und wer kann schon sagen, wie weit ihn das illusionäre Denken der amerikanischen Öffentlichkeit noch trägt? 

Kaum hatte er die Wahlen in Kalifornien gewonnen, begannen die republikanischen Kongressabgeordneten schon darüber zu debattieren, ob man nicht das verfassungsmäßige Verbot einer Kandidatur von im Ausland geborenen Amerikanern für die Präsidentschaft abschaffen sollte. Wenn Ronald Reagan den Sprung vom Stuhl des kalifornischen Gouverneurs ins Weiße Haus geschafft hat, warum dann nicht auch Arnie, der Gouvernator?

Wie Schwarzeneggers Erfolg erkennen lässt, hat die Sehnsucht nach Berühmtheiten in den USA ein pathologisches Niveau erreicht. Berühmtheiten, also Menschen, die im Rampenlicht stehen, erfreuen sich mittlerweile in den Medien einer so hohen Nachfrage, dass bereits ein regelrechter Mangel zu herrschen scheint. Shows und Fernsehmagazine zahlen immer höhere Gagen für Namen von der »A-Liste«, für Leute also, die jeder kennt. 

Natürlich trifft dies auch auf andere Länder zu, in denen die Medien eine immer größere Rolle im täglichen Leben besetzen.

Doch die Krankheit ist in den USA entschieden weiter fortgeschritten, denn nur dort okkupieren die »Celebrities« auch die Politik und lassen das Regierungsgeschäft zum Entertainment verkommen.

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Bald mag es durchaus sein, dass irgendwann mehr Schauspieler als Politiker die politische Szene bevölkern, wenn Politik und Showbusiness weiter in dieser Form zusammenwachsen.

Nicht umsonst nennt man Washington heute schon das »Hollywood der Hässlichen«. Was wird erst geschehen, wenn die Schönen Hollywoods Geschmack daran finden, die hässlichen Entlein der Hauptstadt zu ersetzen? Immer wieder hört man Gerüchte über Filmstars, die sich um politische Ämter im Land bemühen. Sicher würden sie gern in die Fußstapfen von Reagan oder Schwarzenegger treten. Der Wahlkampf wäre schließlich keine besondere Herausforderung: Sie müssten nur weitgehend mit den von ihnen dargestellten Figuren verschmelzen. Und die magische Macht des Bildschirms würde ihnen helfen, ihre politischen Gegner zu besiegen.

Wenn ein Mann wie Schwarzenegger, der in seinem Leben immer nur platte, muskelbepackte Robotniks gespielt hat, die Öffentlichkeit überzeugen kann, wieso sollte dies ein Akteur, den das Publikum als weise, anziehend oder gar väterlich kennt, nicht vermögen? Einige Republikaner diskutieren ernsthaft darüber, ob sie nicht die Talkshow-Königin Oprah Winfrey als Kandidatin für den Senat oder gar für das Präsidentenamt aufstellen sollten. Schließlich ist sie die berühmteste Entertainerin im Land und vor allem bei Frauen sehr beliebt. In der Öffentlichkeit gilt sie als freundliche, mitfühlende Millionärin — eine umwerfende Konstellation. Andere wiederum meinten schon, Martin Sheen solle als Präsident kandidieren, spielt er doch ohnehin schon den Präsidenten in der erfolgreichen Fernsehserie <The West Wing>. Ganz sicher sieht er präsidial aus — und was will man mehr?

Vielleicht gibt es auch bald eine dritte Partei in den USA: die Partei der Filmstars. Zweifelsohne könnte sie große Erfolge verbuchen.

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Jahr für Jahr gibt es im amerikanischen Fernsehen mehr Award-Shows, die nach demselben Muster funktionieren wie die berühmte Oscar-Verleihung. Wofür der Preis steht, ist weniger wichtig. Die Menschen sehen einfach nur gern, dass berühmte Menschen ausgezeichnet werden. Meist geht es um wenig mehr als um glanzvolle und möglichst hirnfreie Star-Paraden, bei denen die Happy Few in teuren Roben über den roten Teppich schweben. Ebenfalls jährlich findet die Verleihung des beliebten People's Choice Award statt. Bei dieser Show stimmt das Publikum online oder per Telefon ab. Daher kann dort jeder gewinnen, den das Publikum gerade aus irgendeinem Grund besonders schätzt. So hat Clint Eastwood diesen Preis gewonnen, Tom Hanks, Bill Cosby und Julia Roberts. Oprah war natürlich mehr als einmal Siegerin.

Vielleicht ist dies die Zukunft der Demokratie. Keine Themen, keine Diskussionen, kein Denken. Lassen wir alle ihren Lieblingsstar wählen, der uns dann regiert. Willkommen in Fantasien!

 

  Die Bruderschaft des Zorns  

 

Ich habe in diesem Buch die amerikanische Öffentlichkeit, zu der — das sollte ich nicht vergessen — auch ich gehöre, mitunter recht scharf kritisiert. Doch für die politische Inkompetenz, die mein Land mehr und mehr dominiert, sind nicht nur die Ignoranz und der Zynismus verantwortlich, die ich hier angeprangert habe. Tief darunter liegt etwas anderes, das viel mit Wut zu tun hat — mit berechtigter Wut. Einer Wut, die jeder von uns verstehen kann und die jeder Einzelne teilt.

Sehen wir uns doch einmal an, was die Massenkultur uns zu diesem Thema zu sagen hat.

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Seit den frühen siebziger Jahren beglückt uns die amerikanische Filmindustrie ständig mit Neuauflagen von <Dirty Harry>, <Ein Mann sieht rot> oder <Stirb langsam<, Filmen, in denen der Held zum totalen Rundumschlag ausholt. Der Protagonist misstraut dem System — jedem System. Ein zentrales Merkmal dieser Faustrecht-Filme ist, dass der brutale und minderbemittelte Hauptdarsteller für sein üblicherweise extrem destruktives Verhalten keine andere Rechtfertigung hat als den Ungehorsam gegenüber Autoritäten. 

Das Publikum nimmt daran keinen Anstoß. Es liebt diese Filme, wie es jede Zornesäußerung liebt, die durch den Äther transportiert wird. Offener Hass ist zum zentralen Thema von Talk- und Ratgebersendungen im Radio geworden. Moderatoren mit Pitbull-Mentalität verspritzen ihren Geifer und stacheln ihre Gäste zu immer unkontrollierteren Wutausbrüchen auf. Ernsthaftes Radio heißt heute: in Rage zu geraten und seinem Ärger hemmungslos Luft zu machen.

Aber wo kommt die ganze Wut nur her? 

Teilweise liegen die Gründe klar auf der Hand. Der Gangsta Rap, der mir aus dem Radio entgegendröhnt, wenn ich die verschiedenen Kanäle absuche, nennt die klassischen Ursachen »schwarzer« Wut: Polizei, Vermieter, Arbeitgeber, Crack-Dealer. Die mehr oder weniger stagnierende Rassenintegration lässt diesen Zorn nur zu verständlich erscheinen. Traurigerweise belegen diese Texte auch, dass schwarze Frauen von schwarzen Männern mindestens ebenso schlecht behandelt werden wie diese von ihren Hassfiguren. Das lässt vermuten, dass die Wut die Domäne der Politik mitunter überschreitet.

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Neben den Rapstern sind da noch die zornigen Weißen. In diesem Fall sind die Experten sich nicht einig, woher deren Wut rührt. Vielleicht von Arbeitslosigkeit und Geldmangel? Verschiedene Umfragen verneinen dies, zumindest bei oberflächlicher Betrachtung. Vielmehr zeigt sich, dass die Wut der Weißen wenig mit der wirtschaftlichen Lage zu tun hat. Den Umfragen zufolge ist die Quelle ihres Zorns irgendwo im Spannungsfeld von Reizthemen wie Schwule, Gewehre und Gott zu suchen — ähnlich wie bei den evangelikalen Christen und der <National Rifle Association>.

Ich persönlich glaube nicht, dass man die wirtschaftliche Seite so eilig ausklammern sollte. Aber auch mir scheint, dass hier eher andere, weniger rationale Kräfte am Wirken sind und das Feuer des Hasses entzünden, das sich rundherum entlädt. Viel von diesem Zorn klingt in einem Ausdruck an, den der Historiker Richard Hofstadter prägte, als er vom »paranoiden Stil« in der amerikanischen Politik sprach, einem Underdog-Gefühl, einer Angst, von den privilegierten Eliten ausgebeutet zu werden, die auf die Tage der Populist Party (1891-1904) zurückgeht. Jedes Opfer hat natürlich sein eigenes Hassobjekt, doch bezüglich einiger Sündenböcke besteht Konsens. Das FBI und der Internationale Währungsfonds (IWF) stehen rechts wie links ganz oben auf der Klageliste.

Misstrauen gegenüber bestimmten Institutionen mit »Paranoia« gleichzusetzen greift meiner Ansicht nach zu kurz. Es gibt nun einmal Eliten. Sie existieren tatsächlich. Und sie arbeiten nach Kräften an der Verwirklichung ihrer Interessen. Skandale wie Watergate oder die Iran-Contra-Affäre haben gezeigt, dass es ernst zu nehmende Bemühungen gibt, in Washington eine Regierung hinter der Regierung zu schaffen. Sogar das geistige Lumpenproletariat der Milizen, dem generell alles und jedes verdächtig ist, liegt mit seinem Argwohn nicht völlig falsch. Und die Welle der Finanzskandale, die jüngst erst Wall Street erschüttert hat, zeigt deutlich, dass mit einiger Sicherheit Gefahr im Verzug ist, wenn Männer in teurem Zwirn sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit treffen.

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All das ist Grund genug für Zorn.

Doch sind in den Untiefen der amerikanischen Seele vermutlich noch andere, weniger explizite Kräfte am Werk, Ängste, die uns alle zusammenschweißen zu einer immer größer werdenden Bruderschaft des Zorns. Und leider lassen diese dunklen Unterströmungen sich nicht einfach trockenlegen, indem man den Schuldigen ausfindig macht und ihn bestraft. Einer dieser Faktoren ist intellektuelle Verunsicherung.

In einem Film der Marx Brothers gibt es eine Szene, in der Harpo ein Buch zur Hand nimmt, darin herumblättert und es dann in einem Wutanfall zerfetzt. Ein erstaunter Zeuge sagt zu Chico: »Lieber Himmel! Das Buch gefällt ihm wohl nicht?« Und dieser antwortet: »Nein. Er kann Bücher nicht leiden, weil er nicht lesen kann.«

 

Meiner Ansicht nach geht es der amerikanischen Öffentlichkeit wie Harpo. Wir starren alle in ein Buch, das wir nicht mehr verstehen, und fühlen eine ohnmächtige Wut in uns aufsteigen. Das Buch heißt: <Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde>. Diesen Titel gab Buckminster Fuller, der visionäre Techniker und Philosoph, einem schmalen Bändchen, das er 1969 veröffentlichte und das ihn zum Propheten der brodelnden sechziger und siebziger Jahre machte. Fuller war ein genialer Taschenspieler, der ein ansteckendes Vertrauen in die Zukunft verbreitete, das die Menschen zumindest kurzfristig hoffen ließ.

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Das »Raumschiff Erde« war eine wunderbare Metapher, welche die entstehende weltweite Industriegesellschaft auf ein einfaches mechanisches Modell reduzierte. Die Erde, so verkündete Fuller, sei ein Fahrzeug, nicht anders als ein Auto. Alles, was dieser galaktische BMW von uns verlange, sei »regelmäßige Wartung«. Und wie sollte das funktionieren? Ganz einfach. Wir brauchten eine »Revolution im Design und in der Technik«. Und woher sollte diese kommen? Von »effektiven gedanklichen Instrumenten«. Als da wären? »Die Suche nach Raum- und Netzstrukturen, nach der Geometrie des Denkens, einer allgemeinen Systemtheorie.«

So sah Fullers Lösung aus, wenn es darum ging, aus der Welt einen noch effizienteren Mechanismus zu machen. Wir müssten eben nur unsere »gedanklichen Instrumente« in Form bestimmter Denkweisen auf die Finanznetzwerke, die großen technologischen Systeme und die Umwelt anwenden, und schon würde alles prima laufen.

Bei Fuller las sich das alles recht simpel. Doch alle, die seine Bedienungsanleitung studierten, machten bald die ernüchternde Entdeckung, dass Menschen Systeme erschaffen können, die ihrerseits nicht für Menschen geschaffen sind und deren Zwecken folglich nicht dienen. Und an eben diesem Punkt begann die intellektuelle Verunsicherung, als wir entdeckten, dass das Raumschiff Erde in Wirklichkeit ein frankensteinsches Monster ist, das außer Kontrolle geraten war.

Warum aber versetzt uns diese intellektuelle Verunsicherung so in Rage?

Weil Nicht-Wissen nun einmal wehtut. Und zwar in der schlimmsten Weise. Wir fühlen uns machtlos und gedemütigt. Dieses Nicht-Wissen unterminiert ein grundlegendes biologisches Bedürfnis des erwachsenen Menschen: die Möglichkeit einer verantwortungsvollen Elternschaft.

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Wenn früher die Kinder zu uns kamen und wissen wollten, wie es auf der Welt zugeht, dann konnte man ihnen eine vernünftige Antwort geben. Die Eltern jener Zeiten kannten die grundlegenden pragmatischen Fakten zur Überlebenssicherung wie Jahreszeiten, Wildwechsel und die beste Zeit für den Getreideanbau. Sie besaßen Fertigkeiten, die von der Zeit nicht überholt wurden, wie Feuermachen, Wild aufspüren oder den Stamm über den Fluss führen, und konnten sie an ihre Nachkommen weitergeben. Die Erwachsenen wussten, wie diese Dinge funktionierten. Solch wichtige kulturelle Überlebenstechniken weitergeben zu können trug nicht wenig zum Stolz unserer Vorfahren bei.

Natürlich war das Leben damals wie heute schwierig, doch wenn früher etwas schief ging, konnte man die Schuld daran immer irgendwelchen übernatürlichen Kräften zuschreiben, die sich dem menschlichen Einfluss entzogen. Dann betete man und tat Buße und wartete, bis die Krise vorbei war. Diese Taktik erwies sich mitunter sicher als verhängnisvoll, doch damals glaubte nun einmal niemand daran, dass der Mensch die Welt selbst geschaffen hatte und daher auch in der Lage sein müsste, sie zu reparieren, wenn sie in die Brüche zu gehen drohte. Eine angemessene Demut im Angesicht der Katastrophe wirkt meist besänftigend auf den Hass, den diese in uns auslöst.

Heute stellen unsere Kinder uns andere Fragen. Sie löchern uns im Hinblick auf Technologien, die nicht für Menschen mit geringer technischer Begabung ersonnen wurden. Oder sie wollen das Tagesgeschehen erklärt haben, was oft genug sogar die Kompetenz ausgewiesener Experten übersteigt. »Kann man jetzt genveränderte Nahrungsmittel essen oder nicht? Gibt es Wege aus dem Handelsdefizit? Ist GATT nun gut oder schlecht? Was ist denn saurer Regen? Oder die Ozonschicht? Gibt es nun eine globale Erwärmung oder Abkühlung? Warum sterben in Israel so viele Menschen? Warum lassen diese Menschen Flugzeuge ins World Trade Center rasen? Warum hast du deinen Job verloren, Paps?«

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Und die meisten von uns wissen auf solche Fragen keine Antwort. Und was noch schlimmer ist: Wir entwickeln langsam das Gefühl, dass es ohnehin keinen Sinn hat, Fragen zu stellen, weil weder wir selbst noch unsere Kinder die Antworten verstehen.

Ich glaube, dass so viele Menschen verzweifelt versuchen, das Internet zu begreifen, weil sie hoffen, dort irgendwo einen magischen Mechanismus aufzuspüren, der ihnen alles offenbart, was sie über diese gigantische, verwirrende Welt wissen wollen. Stattdessen finden sie auf dem berühmten Daten-Highway nur noch mehr technologische Abhängigkeit: Serverprotokolle, Netzwerkeinstellungen, gescheiterten Verbindungsaufbau und auf jeder Seite eine andere Navigation, Dinge also, die noch schwieriger zu meistern sind als die Fernbedienung des Satellitenempfängers.

Und wenn sie dann endlich »drin« sind, finden sie dort keineswegs Wahrheit, Weisheit oder auch nur halbwegs verlässliche Information, sondern noch mehr plattes Chat-Gebrabbel, banale Aktivitäten und zornige Zeitgenossen.

Die Technik symbolisiert geradezu emblematisch das immer weiter um sich greifende Gefühl der Hilflosigkeit, das die Menschen bedrückt. Nirgendwo lässt sich dieses so gut festmachen — was nicht bedeuten soll, dass die Technik dieses Gefühl verursacht. Computer sind die Schlüsseltechnologie unseres Zeitalters, so wie die Dampfmaschine das Sinnbild der industriellen Revolution war. Tag für Tag können wir beobachten, dass Computer eine wichtige Rolle spielen. Wir sehen uns überall von ihnen umgeben.

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Am Arbeitsplatz müssen wir diese Technik beherrschen und uns darin immer weiter verbessern, sonst kann es geschehen, dass wir den blauen Brief erhalten, weil wir mit der neuesten Version von Windows nicht zurechtkommen. Doch statt unsere intellektuelle Verunsicherung zu beseitigen, macht die neue Technik alles nur noch schlimmer, weil sie uns mit ständig steigenden Komplexitätsgraden konfrontiert.

Wir holen uns einen Computer nach Hause, nur um innerhalb weniger Monate festzustellen, dass leider nichts so funktioniert wie versprochen. Und die Fehlermeldungen, die in regelmäßigen Abständen über unseren Bildschirm flimmern, sind ähnlich verständlich wie die Botschaften des Orakels von Delphi.

Und so kauft der moderne Mensch Bücher mit Titeln wie Internet für Dummies oder Windows für Vollidioten. Der Kauf solcher Bücher ist ein simples Eingeständnis der Machtlosigkeit angesichts einer Technik, von der es heißt, dass sie künftig unverzichtbar sein wird. Übrigens glaube ich, dass diese Bücher die Unsicherheit, die sie beheben sollen, nur verschärfen, denn sogar Bücher für »Dummies« sind ziemlich anspruchsvoll. Welche Art von »Hilfe« findet sich denn darin: »Sehen Sie in Ihrer PIF-Datei nach. Konfigurieren Sie Ihren Desktop neu. Beseitigen Sie sämtliche Viren auf Ihrer Festplatte. Sie müssen Ihren Spam-Filter upgraden. Tunen Sie Ihren Cache, sonst arbeitet Ihr Rechner im Schneckentempo oder hängt sich ganz auf.« Für Computerprofis mag das kein Problem sein, aber glauben diese Leute denn wirklich, der Rest von uns hätte die Zeit und die Fähigkeiten, sich in diese Dinge einzuarbeiten? 

Dass zwischen dem Menschen und seiner Technik eine Beziehung der Entfremdung herrscht, ist neu in der Geschichte der Industrietechnologie.

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Dampfmaschinen, Lokomotiven, Autos, Flugzeuge und Fertigungsstraßen mögen zwar gewaltig scheinen, sind letztlich aber nicht schwer zu verstehen. Häufig liegen die entscheid­enden Teile sogar ganz offen. Oder sie waren — wie die klassischen Haushaltsgeräte — einfach zu bedienen. Man versorgte sie mit Strom, stellte sie an und konnte sie dann vergessen. Man musste kein »Kühlschrank-Experte« sein oder Handbücher vom Format einer mittelschweren Enzyklopädie studieren, um den Staubsauger bedienen zu können. Was man über diese Apparate wissen musste, füllte gerade einmal ein kleines Heftchen. Die wesentlichen Bedienungselemente waren übersichtlich in Zeichnungen dargestellt. Auch wenn die Techniker über so geheimnisvolle Kästen wie Radio oder Fernsehapparat mehr wussten als wir, so hielt man sie doch nicht für die Genies unseres Zeitalters. Ihr Wissen löste weder Beklemmung noch Bewunderung aus.

Und wie geht man nun mit diesem allgemeinen, alles durchdringenden Gefühl der Hilflosigkeit um, vor allem, wenn man den Verdacht hegt, dass die eigene Unwissenheit von anderen Menschen zu deren Vorteil ausgenutzt wird? Eine Möglichkeit, dieses Gefühl der Demütigung wieder loszuwerden, ist es, jemanden zu finden, dem man für alles, was nicht richtig läuft, die Schuld in die Schuhe schieben kann. Jeder auch nur halbwegs akzeptable Sündenbock leistet hier gute Dienste: illegale Einwanderer, Homosexuelle, Sozialbetrüger. Und wenn das alles nicht klappt, gibt es da immer noch die allwissenden Politiker, die versprechen, für mehr Glück und Sicherheit für uns alle zu sorgen, auch wenn deren Programme aus irgendeinem Grund regelmäßig fehlschlagen. Und wenn wir dann doch einmal einen Politiker verantwortlich machen wollen, gibt es immer zumindest einen guten Verbündeten: den politischen Gegner, der sicher nichts gegen eine solide Schmutzkampagne einzuwenden hat.

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An Sündenböcken herrscht kein Mangel, doch die sich ausbreitende Verunsicherung, die Wurzel der allgemeinen Wut, können auch sie nicht beseitigen, denn diese ist elementarer Bestandteil unserer hoch industrialisierten Gesellschaft. Ein ständig wiederkehrendes Stereotyp in der gegenwärtigen politischen Debatte in Washington ist das Bild von den Demokraten als Partei der »Abhängigkeiten«. Abhängigkeit ist für mündige Bürger, die selbst über ihr Leben entscheiden wollen, ein demütigender Zustand. Doch sollten wir nicht die globale industrielle Ordnung aushebeln wollen, sind wir nun mal von einem gewaltigen System aus Investitionen, Kommunikation, Produktion und Verteilung abhängig.

Die Zentralgewalt der Regierung zu »verkleinern«, vor allem, wenn es nur darum geht, in einem Rundumschlag die öffentliche Hand und alle regulatorischen Schutzmaßnahmen herunterzufahren, wird uns nichts nützen, denn die urban-industriell organisierte Gesellschaft unserer Tage ist nun einmal auf Größe ausgelegt. Reduziert man den Einfluss der Regierung, stehen wir nackt vor der rohen Macht der Unternehmen, die zu Anfang von der Regierungsgewalt ja nicht wenig profitiert haben. Dann haben wir noch weniger Kontrolle über diese Interessengruppen als vorher.

Ich persönlich bin immer ein wenig verblüfft, wenn ich sehe, wie wir heute mit dem Begriff »intelligent« umgehen.

Es gibt intelligente Maschinen, intelligente Systeme, intelligente Waffen. Doch was eine hoch entwickelte Industriegesellschaft vor allem braucht, sind intelligente Menschen. Je schlauer die Maschinen werden, desto klüger müssen auch wir sein, um sie weiter unter Kontrolle halten zu können. In einer Gesellschaft, in der Wissen am meisten zählt, haben nun einmal viele Menschen das Gefühl, zu kurz zu kommen.

Mir geht es hier um intellektuelle Verunsicherung und Abhängigkeit von der Technik, wie ich sie in Amerika täglich beobachten kann. Doch es mag sein, dass das Problem hier nur deutlicher in Erscheinung tritt, weil Amerika im industriellen Prozess schon weiter fortgeschritten ist als andere Gesellschaften. Doch die Bruderschaft des Zorns ist wohl ein Phänomen, das irgendwann die ganze Welt erfasst. Die Industriegesellschaft hat meiner Ansicht nach eine Grenze erreicht: Sie entgleitet der Intelligenz jener, die sie erschaffen haben, und überstrapaziert die Geduld derer, die von ihr das sprichwörtliche gute Leben erwarten. An diesem Punkt werden Unwissenheit und Zorn immer stärker. An der Spitze der Gesellschaft nimmt die Kompetenz ab, während ihre Basis langsam die Geduld verliert. Am Ende wird das System unbrauchbar, weil man nicht mehr damit umgehen kann.

Was also findet sich unter der wohlgenährten Oberfläche der Wissensgesellschaft?
Sodom. Babel. Das Pandämonium.

Im Moment soll unser gesamtes Denken sich auf den Terrorismus und seine Gefahren konzentrieren. Man versucht, uns Angst und Zorn einzureden, weil in irgendeinem verlassenen Winkel jenseits des Hindukusch Osama bin Laden mit seinen Gefolgsmännern sitzt und vielleicht eine neue Teufelei ausheckt. Möglicherweise aber fürchten die Amerikaner etwas, das ihnen wesentlich näher ist. Etwas, das draußen vor der Tür lauert und um die Ecken unseres täglichen Lebens blickt.

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