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1. Kapitel - Schicksal oder Fall? Exposition

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1.1 - Wie sind wir geworden, wie wir sind?

"Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?", fragt Christa Wolf in ihrem Roman Kindheitsmuster.(1) Man kann dies die Grund- und Ausgangsfrage jeder Geschichtsphilosophie nennen. Sie beginnt in der Gegenwart, es geht ihr um die Gegenwart - und die Zukunft. Deshalb wendet sie sich der Vergangenheit zu, nicht aus interesseloser Neugier für die alten Zeiten.

Christa Wolf stellt die Frage für sich selbst und für ihre Familie. Deshalb erzählt sie ihre Kindheit, Das „Wir" in ihrer Frage ist aber zugleich ein gesellschaftliches: In dem Roman von 1976 geht es um die Gesellschaft der DDR und die ketzerische Frage, wie die Nazizeit als Kinderstube der heute Handelnden das Bewusstsein auch im „real existierenden Sozialismus" prägt. Deshalb beginnt der Roman mit dem - gegen die herrschende These vom vollständigen Bruch mit dem Faschismus gerichteten - Satz: "Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen."(2)

Dieser Eröffnungssatz könnte ebenso als Einleitungsthese einer Geschichtsphilosophie und -theologie gelten. Auch deren Fragestellung geht davon aus, dass uns die Vergangenheit in den Knochen steckt - von den Genen bis zum Geist. Wir sind, was wir heute sind, tatsächlich als Gewordene. Das war im Grunde die Ahnung der Menschen, seit sie Geschichte schreiben.

So beginnt das berühmte Historienwerk Herodots mit der Frage, "warum sie gegeneinander zum Krieg schritten"(3): Gemeint sind Griechen und "Barbaren", also die Perser. Den großen Bruch in Herodots unmittelbarer Vergangenheit will er auf seine Ursachen zurückverfolgen. Eine Geschichtsreflexion dehnt so die Vergangenheit, die nicht vergangen ist, auf die ganze Breite oder in die ganze Tiefe unseres Geschichtsbewusstseins aus.

Solch eine universalgeschichtliche Perspektive ist gerade heute angebracht, wo die Globalisierung zur Realität und zum Bewusstsein einer einen Menschheit geführt hat, die nur noch gemeinsam eine Zukunft hat und die deshalb auch ihre Vergangenheit als eine gemeinsame begreifen muss.

Ich habe die Situation dieser Menschheit in meinem Buch <Apokalypse ist jetzt> in theologischer Perspektive analysiert: Dabei zeigt sich unsere Situation als die einer permanenten Apokalypse, einer realen Endzeit. Denn die moderne Menschheit ist erstmals in der Lage und ständig in der Gefahr, sich selbst zu vernichten, der Zivilisation insgesamt ein Ende zu bereiten, sei es durch Massenvernichtungswaffen, sei es durch die Unbeherrschbarkeit unserer Groß­technologie oder durch die Konsequenzen der ökologischen Katastrophe.

Wir leben im Erdzeitalter des Anthropozän: Die Menschheit ist sich selbst in die Hand gegeben. Dabei ist diese durch die Globalisierung geeinte Menschheit jedoch zutiefst in sich gespalten: in Machtbereiche, in Ideologien, vor allem aber in Mächtige und Ohnmächtige, in Besitzende und Arme. Und sie ist gefesselt in das die Globalisierung antreibende Gehäuse einer alle Verhältnisse durchdringenden kapitalistischen Wachstums-Wirtschaftsweise, die sich selbst den Charakter der „Alternativlosigkeit" gegeben hat und dadurch eine Lösung der bedrohlichen Menschheitsprobleme nur in einem verstärkten <Weiter so> zu erlauben scheint — selbst wenn gerade das schließlich zum Kollaps führen sollte.

Diese zugleich höchst dynamische und von Stagnation geprägte Situation ist das, "wie wir geworden sind".

Eine theologische Dialektik der Geschichte - wie ich dieses Buch im Untertitel nenne - hat also zu fragen, wie wir in diese globale Apokalypse geraten sind. Von einer solch radikalen, an die Wurzeln zurücktastenden Rück-Frage erwartet sie auch ein Aufbrechen der uns fesselnden „Alternativlosigkeit". Wer begreift, warum wir so geworden sind, wie wir sind, gewinnt eher eine Vorstellung davon, dass wir auch anders geworden sein könnten und uns also auch ändern können. Es ist gerade die Frage nach den geschichtlichen Determinanten unserer Situation, die uns aus unserer Selbst-Determination befreien soll.

In diesem universalgeschichtlichen Vorhaben steckt also ein ähnliches Vor-Urteil, ein Axiom, wie in Christa Wolfs Selbsterforschung im Roman: Wir versuchen hinter die Aporien unserer Situation, die Verfahrenheiten zurückzukommen, so wie jemand, der sich verlaufen hat, der in einer Sackgasse steckt, zurückgeht bis zu den Weggabelungen, um den Weg neu zu überlegen.

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Natürlich lässt sich die Geschichte nicht zurückdrehen. Aber an ihren Weggabelungen lassen sich die Entscheidungen benennen, die getroffen wurden, können wir uns auf deren Prinzipien besinnen und daran unsere Prinzipien und damit unsere Entscheidungen für die Zukunft messen.

Ähnlich wie in einer Psychotherapie geht es darum, die eigene Geschichte rückwärts aufzudecken in der Hoffnung, sich gerade nicht weiter von ihr zwanghaft und unbewusst beherrschen zu lassen - oder auch positiv, um an die Quellen zu gelangen, die uns Kraft zu neuen Wegen geben können.

Im Titel dieses Buches - Bruchlinien(4) - ist diese Arbeit vorgestellt wie eine archäologische oder geologische: Die Geschichte hat sich abgelagert in immer neu einander überdeckenden Sedimentschichten. Sie abtragend treffen wir auf die Brüche, die durch Entwicklungsschübc und Katastrophen entstandenen Veränderungen der Geschichte. Diesen Bruchlinien entlang lassen sich die Scheidewege der Geschichte lesen. Darin steckt ein weiteres Vor-Urteil, das sich erst im Lauf der Arbeit überprüfen lässt: Dass die Geschichte in Brüchen voranschreitet, dass wir als geschichdich Gewordene also vielfach Gebrochene sind.

Welches Bild von Geschichte steckt in dieser Voraussetzung? Bevor ich mit der Grabungsarbeit beginne, gilt es dies zu klären. Ich möchte den Ausgangspunkt meines Vorhabens deshalb im Gespräch mit den grundlegenden Geschichtsbildern der Menschheitsgeschichte zu klären suchen.

Diese prägenden Geschichtsbilder werden häufig nach ihren Antworten auf eine einfache Leitfrage sortiert: Geht es in der Geschichte stets aufwärts oder abwärts oder bleibt die Geschichte trotz aller Veränderungen letztlich doch immer gleich? Danach eingeteilt gibt es Geschichtsbilder des Fortschritts, des Niedergangs und des Kreislaufs, wertend gesagt: optimistische, pessimistische und skeptisch-gelassene Geschichtsansichten. Zuletzt hat etwa Alexander Demandt seine <Philosophie der Geschichte> nach diesem Schema aufbereitet.    wikipedia  Alexander_Demandt  *1937 in Marburg

Ich halte diese Einteilung durchaus für brauchbar, meine aber, dass sie für sich genommen - so wie bei Demandt - eine tiefer liegende Alternative der Geschichtsbetrachtung übersieht. Diese entsteht in der Antwort auf die Frage: Waltet in der Geschichte eine durchgängige Notwendigkeit oder geht es in ihr um eine grundlegende Entscheidung?

Im ersten Fall ist Geschichte letztlich immer determiniert, sie ist Schicksal. Im zweiten Fall sind die Brüche der Geschichte das Ergebnis von Verfehlung. Schicksal bedeutet trotz aller Dramatik Kontinuität, gleichgültig ob sie sich in einer aufsteigenden, abfallenden oder zyklischen Kurve ereignet. Dieses Geschichtsbild ist evolutionär, Entscheidungen dagegen fallen; die Brüche sind Ergebnisse von Unterbrechungen: Ein solches Geschichtsbild ist eher „revolutionär". Auch dabei kann eher pessimistisch apokalyptisch oder erwartend messianisch gedacht werden, oder die Geschichte kann als stagnierendes Ergebnis bestimmter Ur-Entscheidungcn begriffen werden.

So ergibt sich eine Typologie der Geschichtsbilder:

Paradigma des Schicksals  Paradigma des Falls
Zyklus bzw. Statik

Erbsünde, Status corruptionis

Niedergang

Apokalypse

Fortschritt

Messias

In diesem Sinne analysiere ich die prägenden Bilder der Geschichtsschreibung also unter der Grundalternative: Schicksal oder Fall. Den beiden Grundtypen werden dann die Bilder von Zyklus, Dekadenz oder Progression eingeordnet, die natürlich anders ausfallen, je nachdem, ob sie einem evolutionären oder einem revolutionären Geschichtsbild entspringen.

Natürlich ist eine solche Typologie schematisch und vereinfacht die komplexen, nuancierten real existierenden Geschichtsphilosophien. Aber die Typologie dient dazu, in der Vielfalt der Modelle eine Unterscheidung der Geister zu ermöglichen und meinen eigenen Ansatz transparent zu machen.

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(1) 1. Wie sind wir geworden, wie wir sind? -- Taxacher 2015