Peter Wawerzinek

 

Rabenliebe (2015)

 

Schluckspecht (2014)

 

Audio 2014  Gespräch mit Wawerzinek dlf

'Wenn etwas passiert, beginnt sie sofort mit der Verdrängung.'

wikipedia Autor  *1954 in Rostock

DNB.Wawerzinek  40+ Publi

wawerzinek.de 

wikipedia  Rabenliebe  

dradio Autor  

 

detopiaW.htm   Psychobuch 

Simon Borowiak (Alk)   W.Jerofejew (Alk)

Martin Miller (Mutter)

 

 

Romane über Sucht

"Alkoholismus ist wie Krieg"

Eine Begegnung mit Peter Wawerzinek und Simon Borowiak, 

die über ihre Sucht geschrieben haben. 

von Daniel Schreiber

DIE ZEIT  16/2014

10.4.2014

zeit.de  2014 alkohol-borowiak-sucht-wawerzinek

 

 

Das Gesicht der jungen Frau ist kaum zu erkennen. Es wird vom fein gemalten, durchsichtigen Weinglas verdeckt, das sie, wie es die Sitten der damaligen Zeit verlangten, am Boden des Stiels hält. 

Peter Wawerzinek ist hingerissen. Es ist ein Nachmittag unter der Woche, und wir sind so gut wie alleine in der Berliner Gemäldegalerie. <Herr und Dame beim Wein> ist das erste Bild aus dem Spätwerk Jan Vermeers, das Bild also, auf dem jenes traurige Leuchten, für das der niederländische Barockmaler berühmt wurde, erstmals zur Vollendung kam. "Der Blick des Mannes hat etwas Wissendes", sagt Wawerzinek über die Szene, "etwas Mitleidiges: Wieder eine, die es nicht übersieht."

Es ist nicht unbedingt offensichtlich, dass es in diesem Bild um Abhängigkeit geht. Doch im Buntglasfenster auf dem linken Bildrand hat Vermeer eine deutliche Botschaft hinterlassen. Das Wappen der Temperamentia ist dort zu erkennen, eine Mahnung zur Mäßigung.

Man merkt Wawerzinek an, dass er früher viel getrunken hat, und auch, dass er heute immer noch trinkt. Die geplatzten Äderchen im Gesicht des 59-Jährigen sind nicht zu übersehen. Überhaupt redet er mit großer Offenheit über seine Abhängigkeit. Sein neuer Roman <Schluckspecht> ist zu großen Teilen seine eigene Trinkerbiografie.

Wenn der furiose Roman eine Botschaft hat, dann die, dass einige von uns das Trinken eben nicht mäßigen, nicht kontrollieren können, auch wenn sie vom Gegenteil überzeugt sind. "Werd mir nur kein Schluckspecht", warnt Tante Luci, die heimliche Heldin des Buches, ihren Pflegesohn, während sie ihn mit alkoholgetränkten Weihnachtspuddings, selbst gemachten Eierlikören und Rumtöpfen zugleich halb wissentlich zum Trinken verführt. Und natürlich wird er einer. Als Teenager kommt Wawerzineks Alter Ego das Saufen wie ein Versprechen auf das Erwachsensein vor, später hilft es ihm dabei, eine Art Waffenstillstand mit dem Leben in der DDR zu schließen. Zum Schluss ist es jene Tante Luci, die ihn in die Entzugsklinik bringt – und dann gleich selbst mit dableibt und nüchtern wird.

 

Auch Simon Borowiak weiß, was es bedeutet, unfähig zur Mäßigung zu sein. Einen Tag nach dem Gemäldegalerie-Besuch mit Wawerzinek gehen wir in einer Schrebergartenanlage im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel spazieren. Borowiak hat hier eine kleine Parzelle. Die Forsythien blühen schon, die Sonne kam früh dieses Jahr. Der Autor von <Sucht>, dem zweiten großen Abhängigkeitsroman dieses Frühlings, trinkt nicht mehr.

Das 2006 von ihm verfasste <Alk – Fast schon ein medizinisches Sachbuch> ist eines der populärsten Alkoholismus-Bücher in Deutschland. Auch Borowiak ist ans Straucheln, Hinfallen und Weitermachen gewöhnt. Jahrelang brachte er sich unter psychischen Höllenqualen als Simone Borowiak durchs Leben, Autorin hochkomischer Titanic-Kolumnen und des mit Martina Gedeck verfilmten Bestsellers <Frau Rettich, die Czerni und ich>. Zu Beginn der nuller Jahre, nach mehreren Psychiatrieaufenthalten, unterzog er sich einer langwierigen Geschlechtsangleichung.

Danach ging es ihm besser, das Abhängigkeitsproblem aber blieb.

Unser Spaziergang führt uns ins nahe gelegene UKE, das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf. Wir besuchen die Entgiftungsabteilung, das Vorbild für die Station, auf der <Sucht> spielt. Als wir das Gebäude betreten, wird Borowiak von einer Krankenschwester gegrüßt. Er war schon oft hier. "Ich habe aufgehört, zu zählen, wie viele Rückfälle ich hatte", sagt er, "so um die 20 müssen es gewesen sein."

Das letzte Mal landete er vergangenes Jahr im UKE, nachdem er den neuen Roman beendet hatte. Der dreht sich, wie schon seine drei Vorgänger, um das Leben der Freunde Cromwell, Schlomo und Mendelssohn. In <Sucht> versuchen die drei, eine Privatdetektei zu gründen. Aber erst einmal muss Cromwell, der sich von sieben verschiedenen Hausärzten Beruhigungstabletten verschreiben lässt, in die Entgiftung. Schlomo, Borowiaks Alter Ego, kommt im Laufe des Romans dazu. <Sucht> ist vor allem eine Gesellschaftskomödie. Seine Kraft zieht das Buch aus der soziologisch hintergründigen Ausleuchtung des Biotops der Entzugsklinik. Eines Biotops voller Schrecken, Verzweiflung und verkorkster Leben und eines, in dem trotzdem mehr gelacht wird als anderswo. Vor allem über sich selbst.

 

Kollektive Fantasie weiter trinken zu können, obwohl es eigentlich zu spät ist 

 

Auch im letzten Drittel von <Schluckspecht> wird eine Klinik zum Schauplatz des Romans. Ihr reales Vorbild hat sie im Rehabilitationszentrum Eulenhof im schleswig-holsteinischen Dorf Wewelsfleth, wo Peter Wawerzinek mit einigen Unterbrechungen mehrere Jahre verbrachte. Wawerzinek hatte, als wir wieder draußen vor der Gemäldegalerie saßen und er sich eine Zigarette anzündete, davon erzählt. Sein Umgang mit seiner Abhängigkeit hat in den vergangenen Wochen viel Beachtung gefunden. Er scheint einer kollektiven Fantasie in die Arme zu spielen, der nämlich, dass es auch möglich ist, weiter zu trinken, wenn es eigentlich zu spät ist.

Wawerzineks betreuender Suchtarzt Dr. Ehlig führte eine ungewöhnliche Gesprächstherapie mit ihm durch, fuhr mit ihm in den Urlaub und schließlich sogar in die Berliner Lieblingskneipe des Autors, um zu sehen, was passiert, wenn dieser sich gehen lässt. Für beide war das ein Experiment. Eines mit einem recht glücklichen Ausgang. "Ich war früher jeden zweiten Tag besoffen", so Wawerzinek. "Das sind 180 Tage im Jahr, die weg sind. Von 2000 bis 2003 habe ich die Zeit sogar überhaupt nicht mitbekommen." Inzwischen trinkt er drei Mal die Woche drei Gläser am Abend. Drei- oder viermal im Jahr hat er nicht ungefährliche Rückfälle in die völlige Betrunkenheit. Auch das ist nicht wenig, aber es ist so viel besser als früher.

Borowiak beschreibt in Sucht zwei seiner Protagonisten einmal als "Naphta und Settembrini, nur ohne Schweizer Berge". Dieser Scherz trifft auf eine seltsame Weise ins Schwarze. Nicht nur, dass die Schauplätze beider Romane manchmal entfernt an die Klinik im Zauberberg erinnern. Vieles spricht dafür, dass es sich bei der Abhängigkeit heute um eine kulturell ähnlich aufgeladene und ähnlich verdrängte Krankheit handelt wie bei der Tuberkulose zu Zeiten Thomas Manns.

 

Nach der letzten Erhebung des Bundesministeriums für Gesundheit stehen ganze 27 Prozent der deutschen Bevölkerung an der Schwelle zum Alkoholismus oder sind bereits alkoholkrank, jährlich sterben 74.000 Menschen an den Folgen des Trinkens bei uns. Trotzdem ist kaum eine andere Krankheit so von Mythen, Klischees und Tabus bestimmt. Kaum eine Krankheit steht so sehr im Verdacht, noch nicht einmal eine Krankheit zu sein. 

<Schluckspecht> und <Sucht> fragen schon durch ihre bloße Existenz danach, was es für uns als Gesellschaft bedeutet, wenn wir uns gemeinschaftlich eine Droge erlauben, aber zugleich nicht mit den Menschen umgehen können, die diese Droge nicht vertragen. Mit den Menschen, die nicht mehr in der Lage zu der Kontrolle sind, die Vermeer in seinem Bild anmahnt.

Von der Entzugsstation im obersten Stock des UKE-Gebäudes kann man durch das mit einem Drahtgitter verstärkte Fenster auf ganz Hamburg schauen. Die Frühlingssonne geht langsam unter. "Alkoholismus ist wie Krieg", sagt Simon Borowiak irgendwann. "Ich kenne Krankheiten aller Art. Die Operationen waren auch nicht gerade einfach. Sie haben zehn, zwölf Stunden gedauert. Aber der schlimmste Zustand ist der Entzug. Der ganze Körper liegt quer in Aufruhr, kotzend und zitternd. Du hast Kreislaufprobleme und eine Blitzwachheit über mehrere Tage und Nächte."

Trotz allem, was er durchgemacht habe, sagt er, liege er aber abends oft im Bett und freue sich. Er liebt das Schreiben, seine Freunde und sein kleines Gärtchen. Er habe so viel Glück gehabt, sagt er. 

Auch Wawerzinek hatte am Tag zuvor erzählt, wie froh er sei, noch am Leben zu sein. Die meisten Menschen stellen sich Abhängige als unglückliche Menschen vor, doch trifft man die beiden Autoren, stellt sich genau der gegenteilige Eindruck ein. Auch Wawerzinek übrigens will über kurz oder lang nüchtern werden, komplett nüchtern. "Ich habe schon das Vorhaben", sagte er, "dass ich irgendwann, eines schönen Tages, über diesen großen, langen Umweg doch trocken sein werde. Ich habe bisher schon so viel geschafft. Ich bin ganz optimistisch, dass auch das noch klappt."

 

Im ICE zurück nach Berlin muss ich an einige meiner Freunde denken, die schon seit vielen Jahren nüchtern sind, an diejenigen, die es geschafft haben, sich ihrer qualvollen Krankheit zu stellen. Ich muss auch an zwei Bekannte denken, die im vergangenen Jahr daran gestorben sind. 

Niemand scheint wirklich zu glauben, dass Abhängigkeit eine Krankheit ist, die tötet. Vielleicht muss man erst ihren kalten Hauch im Nacken gespürt haben, um das zu verstehen. Und vielleicht ist das auch die größte Leistung von Simon Borowiak und Peter Wawerzinek und ihrer so verschiedenen Romane: dass sie diesen Hauch literarisch spürbar machen.

 

 

 

 

 

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