Fritz Zorn

Mars

Mit einem Vorwort von Adolf Muschg 

 

"Ich bin jung und reich und gebildet;
und ich bin unglücklich, neurotisch
und allein."

Fritz Zorn :  Mars    ( 1977 )    Neurose, Krebs und Einsamkeit        - 

   

1977     225 Seiten  

wikipedia.Autor.Buch   (1944-1976, 32)  

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wikipedia  Adolf Muschg  *1934

 

detopia: 

Z.htm    Psychobuch 

 

1977 by Kindler Verlag München

1979 by Fischer TB

251.-260. Tausend: Juni 1991  

Inhalt 

 

Vorwort von Adolf Muschg (7)

 

1  Mars im Exil  (23)

2  Ultima necat  (161)

3  Ritter, Tod und Teufel (181)

 

Leseberichte:

 

»Der Verfasser erzählt die Geschichte eines Zermalmungsprozesses, aber die Sprache, in der er es tut, ist absolut diszipliniert, bleibt immer souverän, comme il faut. Und doch ist mir Literatur selten so bedrohlich zuleibe gerückt wie in diesem Buch.«   SÜDDEUTSCHE

 

»Mars, diese erbitterte Kritik am falschen Ideal und Lebensstil einer Klasse, ist nicht das Werk eines klassenfeindlichen Revolutionärs, auch nicht eines Schriftstellers, sondern ein Zeugnis: der Aufschrei eines Todkranken, den moderne Wissenschaft gelehrt hat, sich als Opfer seiner Gesellschaft zu verstehen.«   FAZ

 

»Aber das Wichtigere scheint mir zu sein, wie dieses Buch Weltordnung und Gesellschaft, bourgeoise Lebensform und Lebensfeindlichkeit im eigenen >Fall< zusammenfaßt zu einer der schonungslosesten Analysen eines Glücksbegriffs und Glücksstrebens, die sich aus dem Lebensverzicht speisen und im Lebensverzicht vernichten... Der Todkranke hat, so paradox das klingt, damit auch eine blendend genaue Satire auf das Unheil einer heilen Welt geschrieben.«   DER SPIEGEL 

 


 

»Ich bin jung, reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert, und ich bin vermutlich auch ziemlich erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs, wie aus dem vorher Gesagten selbstverständlich hervorgeht.«

So beginnt der junge Schweizer Autor, der sich Fritz Zorn nennt, sein Buch, und er beendet es mit dem Satz: »Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges.« Anfang und Ende sind die Klammern für einen dreißigjährigen seelischen Krieg in scheinbarem Frieden, sind der Schlüssel zu dem Bekenntnisbuch eines Sterbenden, das nach seinem Erscheinen weltweites Aufsehen erregte und zu einem Bestseller wurde.

Es war aber nicht allein die Betroffenheit über das Schicksal des Icherzählers, der unmittelbar nach der Zusage zur Veröffentlichung seines Manuskripts im November 1976 an jener Krankheit starb, die das Thema dieses Buches ist: an Krebs. Der Erfolg beruht auch auf der literarischen Bewältigung eines lebenslang geleugneten, allgemeingültigen Konflikts, der im Bewußtsein des Todes zur befreienden Kriegserklärung führt.

Als der 30jährige Millionärssohn und Gymnasiallehrer während einer psychotherapeutischen Behandlung von seiner tödlichen Krebserkrankung erfährt, gibt er sich Rechenschaft über ein Leben, das er nicht gelebt hat. Die Unaus­weichlichkeit des Todes ist der erste schmerzhafte Einbruch wirklichen Lebens, der physische Schmerz beginnt die »Unempfindlichkeit der Seele« zu beleben. Die »Unempfindlichkeit der Seele«, Ursache schwerer Depressionen und tiefer Traurigkeiten, hat ihren Ursprung im Elternhaus am Zürichsee, in jener gespenstigen Familie, in der man Patiencen legt, Berührungen vermeidet, jede Herausforderung von Realität unter der Magie des Rituals versteckt, jeden Anflug von Sexualität mit dem Begriff der Anständigkeit vertreibt.

Der halbwüchsige Musterschüler, dann Musterstudent und schließlich ebenso musterhafte Lehrer, der weder Freundschafts- noch Sexual­beziehungen je gekannt hat, leidet unter dem ständigen Erstickungsgefühl, »eine Krähe am Hals zu haben«. Als der betrogene Körper dem Krebs verfällt, sieht Zorn darin nur die somatische Form seiner Neurose. Im Sterben setzt er sich zum erstenmal zur Wehr — gegen die Krankheit, gegen die familiäre und soziale Herkunft, gegen das Nichtlebendürfen.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg, der das Manuskript entdeckte und dem Verleger anbot, schreibt in seinem Vorwort in sehr persönlicher Weise über die Entstehung dieses Buches und über seinen Autor.

 


 

Autobiographischer Bericht von Fritz Zorn, postum erschienen 1977. - Eine außergewöhnliche Resonanz erlangte in den späten siebziger Jahren diese Autobiographie eines jungen Züricher Autors, der mit 32 Jahren an Krebs starb; seine Erkrankung war ihm Anlaß, seine Lebensgeschichte zu analysieren, die Bedingungen seiner Nicht-Existenz und seiner Krankheit zu beschreiben und sich darin als »Repräsentant der Krankheit meiner Gesellschaft« zu erkennen. 

Aufgewachsen in einem bourgeoisen Elternhaus am rechten Zürichseeufer, durchlebte der Autor zwar eine behütete Kindheit, in der ihm von Anfang an aber jede Möglichkeit eines spontanen und selbstbestimmten Lebens oder auch nur die Erprobung eines solchen verweigert wurde: »Ich bin jung, reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein«, so der bittere, im Grunde als Quintessenz des Buches zu betrachtende Satz, mit dem der Autor seine Konfession eröffnet. 

Zorn begreift die Krebskrankheit psychosomatisch - als Ergebnis seiner Erziehung, die ihn depressiv, neurotisch, resigniert gemacht hat; er sei »zu Tode erzogen« worden. In drei Kapiteln - Mars im Exil, Ultima necat, Ritter, Tod und Teufel - konfrontiert er sich mit seiner Geschichte, deren Aufarbeitung er mit Hilfe einer in der Verzweiflung der Todesangst begonnenen Psychotherapie vornimmt (von deren realen Inhalten man allerdings nichts erfährt). 

Harmonie war der höchste Wert in dem von der Außenwelt abgeschirmten Elternhaus; alles, was diesen Anspruch zu stören vermocht hätte, wurde im Keim erstickt: keine Beziehungen, keine Gefühle, erst recht keine Sexualität. So bezeichnet Fritz Zorn seinen Kehlkopfkrebs denn auch in metaphorischer Einsicht als »ungeweinte Tränen«. 

Seine Eltern, strenge Vertreter der christlichen Religion, zumal protestantischer Ethik, (das Buch ist auch ein vehement antichristliches Manifest), spricht er schuldig: »Ich bin bereit, meinen Eltern jeden, aber auch jeden mildernden Umstand zuzubilligen; aber auf die Frage, ob sie an meinem Unglück schuldig oder unschuldig sind, lautet mein Urteil: Schuldig.« 

Im Sternzeichen des Widders geboren, wählte Zorn den Buchtitel wohl auch aufgrund der astrologischen Affinität zum Kriegsgott »Mars« - das Buch endet mit einer Kriegserklärung an die bürgerliche Gesellschaft: »Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges.« 

Obwohl der Autor dieser verzweifelten Lebensanalyse von innerem Aufruhr geschüttelt erscheint, legt er seine schmerzlichen Erkenntnisse in klaren, wohlformulierten Sätzen dar, die geradezu zynisch noch einmal jenes Ordnungsprinzip zur Geltung bringen, an dessen alles dominierender Ägide er letztlich gestorben ist. Das rasende Aufbegehren, das innere Brennen scheint gleichsam von sprachlicher Kühle und Distanz gebändigt. 

Adolf Muschg hat ein instruktives, sensibles Vorwort zu Mars geschrieben, dessen letzte Sätze lauten: »In einer unheilbaren Gesellschaft ist sein Tod keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Wir werden weiter so sterben, solange wir weiter so leben. Das ist das wirklich Erschütternde an diesem Buch.« #

 


Amazon:

Anklage eines Sterbenden   2001  Eric.Hahn@gmx.de, aus Berlin 
Ein Buch über einen neurotisch, unglücklichen Millionärssohn welcher in gutbürgerlichen Verhältnissen in der Schweiz aufwächst. 30 Jahre lebt er völlig beziehungslos vor sich hin ist in jeder Hinsicht überangepaßt, nie in der Lage eine eigene Meinung zu vertreten. Vom fünfzehnten Lebensjahr an ist er depressiv ohne es zu merken. Es geht ihm ja gut. Er promoviert ohne große Mühen in Romanistik und wird Lehrer für Latein und Spanisch. 
In seinem ganzen Leben hat er nie eine Frau berührt was er auf seine sexualfeindliche Erziehung zurückführt. Zwei Psychotherapien bricht er ohne Erfolg ab. Schließlich erkrankt er an einem malignen Lymphom - Krebs. 
Das Buch ist der Versuch seiner Verarbeitung und das herausschreiben des Hasses auf die Gesellschaft die ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt ist. Für ihn ist der Krebs nur das Symptom seiner inneren Neurose. Eine dritte Psychoanalyse begleitet ihn 2 1/2 Jahre bis zu seinem Tode. 
Dem Buch merkt man sehr stark die psychoanalytischen Denkmodelle als auch die Lektüre der entsprechenden peripheren Literatur an.
So zitiert er u.a. Reich, Freud, Mitscherlich, Satre. 
Auch von seinen Haßtiraden und Klagecharakter kann sich das Buch nicht so recht lösen.
Es ist ein ständiges Leiden und sich selbst erniedrigen. (Wie Nietzsche schon sagte. Wer klagt, klagt an). Es ist in psychoanalytischer Hinsicht sehr ehrlich, aber auch besonders in den beiden letzten, kurzen Teilen sehr einseitig und redundant. 
Der Ich-Charakter steht für meinen Geschmack etwas zu sehr im Vordergrund. So hat man ständig das Gefühl das der Autor sich von jeder Schuld freizumachen versucht und die ganze Gesellschaft besonders aber seine Eltern als Symbol schuldig spricht. Es scheint, als ob er bis zum Schluß beziehungslos geblieben ist. Eric Hahn

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Perfektes Milieuporträt, 15. April 2001, Schweiz
Ein beeindruckendes Buch eines Sterbenden, der mit messerscharfer Intelligenz die perfekte bürgerliche Fassadenwelt, in der er aufwuchs, analysiert. Es grenzt an ein Wunder, dass der Mensch, der sich hinter "Fritz Zorn" verbirgt, nach seiner Erziehung überhaupt in der Lage war, seine Lage zu erkennen und derart treffend zu beschreiben. Wer Menschen aus dem Milieu kennt, das "Fritz Zorn" beschreibt, weiss, dass seine Kritik auch heute noch aktuell ist.

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Anfangs sehr fesselnd, 7. Dezember 2000, alexandratabea aus München
Ein wirklich außergewöhnliches Buch, aber leider war das nur der erste Eindruck. Das Traurige daran ist, dass sich die Haltung von Fritz Zorn nicht verändert. Aufgrund seiner schlimmen Krankheit, hatte er sehr viel Zeit über sein Leben nachzudenken. Die Bilanz sieht sehr traurig aus. Er schafft es nicht, seinem Leben etwas Positives abzugewinnen. Schuld daran sind seine Eltern, die in der Hoffnung alles perfekt zu machen, alles falsch machten. Doch ab einem gewissem Alter wirkt es lächerlich, für ein ganzes verkorkster Leben, seine Eltern dafür verantwortlich zu machen. Fritz Zorn hat eine gewisse Fähigkeit nicht gelernt: Verzeihen zu können. Diesen negativen Aspekt hat er auch seinem Buch verliehen.

 


 

single-generation.de/schweiz/fritz_zorn.htm 

 

»Ich bin jung, reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. Ich stamme aus einer der allerbesten Familien des rechten Zürichseeufers, das man auch die Goldküste nennt. Ich bin bürgerlich erzogen worden und mein ganzes Leben lang brav gewesen. Meine Familie ist ziemlich degeneriert, und ich bin vermutlich auch ziemlich erblich belastet und milieugeschädigt. Natürlich habe ich auch Krebs, wie aus dem vorher Gesagten selbstverständlich hervorgeht.« 

So beginnt der junge schweizer Autor, der sich Fritz Zorn nennt, sein Buch, und er beendet es mit dem Satz: »Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges.« Anfang und Ende sind die Klammern für einen dreißigjährigen seelischen Krieg in scheinbarem Frieden, sind der Schlüssel zu dem Bekenntnisbuch eines Sterbenden, das nach seinem Erscheinen weltweites Aufsehen erregte und zu einem Bestseller wurde. Es war aber nicht allein die Betroffenheit über das Schicksal des Icherzählers, der unmittelbar nach der Zusage zur Veröffentlichung seines Manuskriptes im November 1976 an jener Krankheit starb, die das Thema dieses Buches ist: an Krebs. Der Erfolg beruht auch auf der literarischen Bewältigung eines lebenslang geleugneten, allgemeingültigen Konflikts, der im Bewußtsein des Todes zur befreienden Kriegserklärung führt.

Als der 30jährige Millionärssohn und Gymnasiallehrer während einer psychotherapeutischen Behandlung von seiner tödlichen Krebserkrankung erfährt, gibt er sich Rechenschaft über ein Leben, das er nicht gelebt hat. Die Unausweichlichkeit des Todes ist der erste schmerzhafte Einbruch wirklichen Lebens, der physische Schmerz beginnt die »Unempfindlichkeit der Seele«, Ursache schwerer Depressionen und tiefer Traurigkeiten, hat ihren Ursprung im Elternhaus am Zürichsee, in jener gespenstigen Familie, in der man Patiencen legt, Berührungen vermeidet, jede Herausforderung von Realität unter der Magie des Rituals versteckt, jeden Anflug von Sexualität mit dem Begriff der Anständigkeit vertreibt. 

Der halbwüchsige Musterschüler, dann Musterstudent und schließlich ebenso musterhafte Lehrer, der weder Freundschafts- noch Sexualbeziehungen je gekannt hat, leidet unter dem ständigen Erstickungsgefühl, »eine Krähe am Hals zu haben«. 

Als der betrogene Körper dem Krebs verfällt, sieht Zorn darin nur die somatische Form seiner Neurose. Im Sterben setzt er sich zum erstenmal zur Wehr - gegen die Krankheit, gegen die familiäre und soziale Herkunft, gegen das Nichtlebendürfen.

 


Wikipedia-2019:

 

Fritz Zorn (eigentlich Fritz «Federico» Angst; * 10. April 1944 in Meilen; † 2. November 1976 in Zürich) war ein Schweizer Lehrer und wurde zu einem bekannten Literaten der Achtziger-Bewegung in der Schweiz.

Leben

Zorn besuchte das Realgymnasium und studierte Portugiesisch, Deutsch und Spanisch an den Universitäten Zürich, Lissabon und Madrid. Er wurde 1971 bei Georges Güntert in Zürich mit einer Dissertation über den portugiesischen Schriftsteller Luís de Sttau Monteiro promoviert und war dann für kurze Zeit Gymnasiallehrer. Zeitlebens litt er an seiner bitter erfahrenen Liebesunfähigkeit und an schweren Depressionen. 1976 starb Fritz Zorn in Zürich im Alter von 32 Jahren.

«Mars»

In seinem 1977 postum erschienenen autobiografischen Buch Mars macht er die schweizerisch-bürgerliche Umwelt für seine Krebserkrankung (malignes Lymphom) verantwortlich. Das Buch wurde wegen seiner Radikalität und der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung zum Lebensgefühl der protestierenden Jugend passenden rebellischen Diktion zu einem Kultbuch der 1980er-Jahre.

Zorn beschreibt in Mars sein (zu) spätes, von der Krankheit ausgelöstes Erschrecken über sein dreissigjähriges «nicht gelebtes» Leben. Seine Krankheit deutet er in einem psychosomatischen Sinn, aber auch als Symptom eines den gesamten gesellschaftlichen Organismus befallenden Degenerationsprozesses. Im Angesicht des nahenden Todes wird ihm klar, dass während seiner zugleich behüteten und kalt-strengen Kindheit in einer wohlhabenden, grossbürgerlichen Familie an der Zürcher Goldküste und hinter der Fassade seiner geradlinigen Berufskarriere für ihn als Menschen fast alles «falsch gelaufen» ist.

Werke

Charme und Moral. Die Darstellung der Wirklichkeit bei Luis de Sttau Monteiro. Juris, Zürich 1972 (Dissertation, Universität Zürich, 1971). 

Mars. «Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein…» Mit einem Vorwort von Adolf Muschg. Kindler, München 1977, ISBN 3-463-00693-6.

Taschenbuchausgabe: Mars. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-596-22202-8.

 


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