Wolfgang Bergmann

Pädagoge

Das Drama des

modernen Kindes

 

wikipedia.Autor  *1944 bei Bielefeld bis 18.05.2011 (67, Knochenkrebs)

DNB.Autor

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detopia:  B.htm 

Psychobuch   Sterbejahr 

A.Miller   K.Rutschky   H.Maaz 

C.Schlingensief   C.Meves   Blankertz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Audio am 18.04.2011 im Deutschlandfunk

 

DNB.Drama des modernen Kindes  2003, 200 Seiten 


Wolfgang Bergmann im Gespräch mit Jürgen Liminski am 18.04.2011

Der Bestseller-Autor Wolfgang Bergmann gehört zu den bekanntesten Pädagogen und Psychologen Deutschlands. Einen Namen gemacht hat er sich zunächst als Fachmann für ADS-Kinder. Wolfgang Bergmann hat sich auch im Deutschlandfunk gerne und oft zu Wort gemeldet, er kam dafür immer ins Studio. Seit einiger Zeit ist er schwer krank, ins Studio kann er nicht mehr kommen, er liegt jetzt in einem Hospiz, hat sich aber bereit erklärt, für diesen Sender in der Osterwoche noch ein Telefoninterview zu führen über sein Lebenswerk. 

dlf - 2011 - 1438249  

Herr Bergmann, zunächst eine persönliche Frage, die Sie mir im Vorgespräch auch erlaubt hatten. Wie hoch schätzen die Ärzte Ihre Lebenserwartung noch ein?

WB: Nun, das ist schwer einzuschätzen. Letztlich weiß man das angesichts dieser Krebsdiagnostik nicht. Wir wollen mal hoffen, dass es noch ein Jährchen wird. Es kann aber auch durchaus sein, dass in einem halben Jahr bereits alles zu Ende ist. 

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Bergmann: Nein.

Sie wollen Spuren hinterlassen. Wenn Sie zurückblicken, was war oder was halten Sie für Ihr wichtigstes Buch?

WB: Ich habe versucht, mich gegenüber bestimmten Mainstreams, gegenüber bestimmten Breitenströmungen der Pädagogik immer zu sperren, mich dagegenzustellen, und es sind vor allem zwei Entwicklungen, denen ich versucht habe, mich entgegenzustellen. Das eine ist die deutsche Disziplin, die Kinder brauchen doch Anstand und Disziplin, und was darunter gemeint ist, ist nicht Anstand und Disziplin, sondern ist in aller Regel Unterwürfigkeit und der Versuch, die Kinder klein zu machen. Und das Zweite ist eine Geschichte, den kleinen Menschen ihre Lebensgeschichte zu rauben, ihnen wegzunehmen, was ihre Eigenart, ihre Besonderheit, ihre Persönlichkeit ausmacht. Das wird ihnen genommen mit der Begründung, dass das zu Ungehorsam führe oder zur Abweisung von vernünftigen Lebenskonzepten. Was hier dann vernünftig genannt wird, das ist in aller Regel nichts anderes als eine Art von Überangepasstheit.

Wo läuft denn die familienpolitische oder auch erziehungswissenschaftliche Debatte in Deutschland sonst noch schief?

WB: In genau derselben Richtung. Es ist eine Art Überangepasstheit, an die sich dann auch die Eltern, auch die Lehrer anpassen. Sie wissen es auch nicht besser. Woher sollen sie es auch wissen? Es sagt ihnen ja keiner.

Also wir haben eine Diskussion, eine pädagogische Diskussion, die wieder und wieder sagt, so und so muss es sein, und dieses so und so ist eigentlich in jedem Fall eine Art von Anpassung, von du musst dich so verhalten, wie sich alle verhalten, du musst dich so unterordnen, wie sich alle unterordnen. Das ist eigentlich ein uralter Geist, der noch aus der Vorzeit von Fröbel herrührt, dieses Gefühl von "Wir müssen uns doch dem Geist der Gemeinschaft fügen". Das ist aber so nicht richtig, denn der Geist der Gemeinschaft muss immer auch unterlaufen sein vom Geist des sperrigen Individuums.

Liminski: Herr Bergmann, sind das nicht Debatten von immer? Schon Jean Jacques Rousseau hat in seinem pädagogischen Roman "Emil" geschrieben, wir sollten doch endlich aufhören, einen Menschen machen zu wollen, fabrizieren zu wollen, und sollten die Kinder lieber das sein lassen, was sie sind, nämlich kleine Menschen. Gehen die Deutschen, wenn man es mal so verallgemeinern will, zu akademisch und mit Rezepten bewaffnet in die Erziehung?

WB: Ja, das ist so. Die Deutschen erklären die Kinder sozusagen zu Gegenständen, die man so und so behandeln muss, und dann wird schon was Ordentliches daraus werden. Das ist natürlich ein Irrtum. Man kann Kinder überhaupt nicht behandeln, so und so nicht und anders herum auch nicht. Man kann überhaupt nicht einwirken in dieser Form auf die kleinen Menschen, sondern man kann sie nur sozusagen zu sich selber kommen lassen, und dieses zu sich selber kommen, das ist ein schwieriger Vorgang für Eltern und für die Kinder selber auch, schwierig auch in dem Sinne, dass die Kinder ja eine Erfahrung ihrer selbst machen müssen, die über das hinausgreift, was sie jetzt gerade sind. Sie sind immer mehr, als sie in diesem Moment sind, und dies zu erfahren und zu erfüllen, das ist schwierig genug und reicht aus für ein Erziehungskonzept. Leider tun wir, die Eltern, wir Lehrer, wir Pädagogen insgesamt, da immer noch irgendwelche gute Ratschläge oder irgendwelche optimalen Bezugspunkte hinzu, und das schadet.

Liminski: Wo würden Sie denn gerne noch einmal eingreifen, konkret mit Wort und Feder, wenn Sie könnten?

WB: Ich würde gerne noch einmal dorthin weiterschreiben, wo ich angefangen habe, nämlich die Frage, was ist eigentlich Disziplin, was ist Gehorsam. Das scheint mir ein ganz wichtiger Punkt. Gehorsam und Disziplin sind nämlich keineswegs ohne Weiteres abzulehnen. Sie sind wichtige Punkte in der Entwicklung eines Menschen. Sich hineinzubegeben in das Gefüge der menschlichen Ordnung, das ist schwer zu beherrschen und schwer zu entwickeln, und dabei den einen oder anderen jungen Menschen noch zu begleiten, das wäre mir eine Freude, aber es wird wohl nichts.

Liminski: Was wäre denn die Botschaft, sozusagen das Vermächtnis, das Sie sich für Ihr Lebenswerk wünschen?

WB: Meine Botschaft, wenn man das so pathetisch sagen will, meine Botschaft ist an die jungen Menschen, haltet euch an euch selber fest. Ihr habt nichts mehr und nichts Klügeres und nichts Kompetenteres als euch selber, haltet euch daran fest und gebt euch nicht auf. Und wenn ihr dies tut, dann gebt ihr euch die beste Botschaft, die man sich selber geben kann, und die verlässlichste, und von da aus ist dies die beste Idee von dem was bin ich eigentlich, die man sich selber geben kann.

Liminski: Und da Sie von der Disziplin gesprochen haben, was ist denn das Gegenmittel zur Disziplin?

WB: Das Gegenmittel zur Disziplin ist paradoxerweise Disziplin, also eine falsche Disziplin, das heißt eine Disziplin, die stramm steht, eine, die in Reih und Glied sich aufstellen lässt, eine Disziplin, die sozusagen sich mit allen anderen einordnet und zurecht findet und gemeinsam einen Weg beschreitet. Das ist nicht die Disziplin, von der ich spreche, sondern die Disziplin, die ich meine, das ist die, in der das Einzelne, das Individuelle, das freimütig Individuelle tief verwoben ist. Wo das gelingt, das Individuelle und das Freie, gewinnt ein junger Mensch auch die Fähigkeit zu sich selber.

Liminski: Gehört dazu nicht auch ein liebevoller Umgang?

WB: Dazu gehört zutiefst ein liebevoller Umgang. Ohne Liebe ist Pädagogik ohnehin nicht machbar. Und so beende ich meine Vorträge und viele meiner Bücher immer mit dem einen Satz von Paulus, und der lautet: "Die Liebe höret nimmer auf". Dieser Satz hat einen ganz tiefen Klang, nicht nur eine technische Bedeutung, sondern einen tiefen Klang, ein tiefes Wissen. Wer das verstanden hat, der hat auch Pädagogik verstanden.

 

Erziehungsratgeber haben Konjunktur

Immer mehr Eltern mangelt es an eigenem pädagogischen Instinkt

Ellen Kositza, 31, hat als Lehrerin gearbeitet und ist Mutter von fünf Kindern.

jungefreiheit.de, Mai 2005  

 

Es ist eine Beigabe unseres Zeitalters des grenzenlosen Individualismus, des kunterbunten Meinungsmarktes, daß Kindererziehung — ebensowenig wie das Zeugen und Gebären an sich — längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Die "Supernanny" fährt für RTL grandiose Einschaltquoten ein, Erziehungsratgeber wie die in dutzend­facher Titelvielfalt ("Kinder brauchen Grenzen" / "Eltern setzen Grenzen" / "Ängste machen Kinder stark") herausgegebenen, vielfach übersetzten Bücher des populären "Kommunikationsberaters" Jan-Uwe Rogge sind Bestseller, an denen die Autoren reich geworden sind. Viel mehr als die Gewißheit, mit den einschlägigen Sorgen und Nöten rund um den Nachwuchs nicht allein zu sein, bieten derartige Werke allerdings selten.

Wie groß der Mangel sowohl an tradiertem Erziehungsverständnis als auch an eigenem pädagogischen Instinkt sein muß, zeigt, daß ein Buch wie "Kindern Werte geben — aber wie?" vom herausgebenden Reinhardt-Verlag als marktfähig eingestuft wird. Gerda Pighins "Leitfaden für eine moderne Werteerziehung" erschöpft sich in oberflächlichen, ja trivialsten Tips, daß es spielend das Niveau jeder noch so banalen Elternzeitschrift unterläuft.

Daß heutige Eltern ihrem Nachwuchs auch die althergebrachten "Sekundärtugenden" wie Höflichkeit, Fleiß und Sparsamkeit "mitgeben" wollen, zählt ebenso zu Frau Pighins Grundannahmen wie die unwiderlegte Gewißheit, daß deren Töchter und Söhne die Rede der Altvorderen für "uncool und altmodisch" halten. Eine demokratische Familienatmosphäre, im Rahmen deren Groß und Klein zusammensitzen und gemeinsam über ihre Probleme reden, so der Ratschlag der Autorin, könnte hier weiterhelfen, denn: "Rücksicht­nahme macht Sinn".

Anhand gängiger Fallbeispiele präsentiert Pighin handliche Lösungen. So wäre demnach etwa dem kleinen Sandkasten-Rowdy zu begegnen: "Findest du das okay, wenn du den Manuel immer schubst? Ich gehe davon aus, daß das jetzt aufhört!" Dem eiligen Leser werden durch ein neckisches Strichmännlein knappe Erziehungshilfen in grau unterlegten Kästchen dargeboten, etwa: "Sich entschuldigen zu können, ist eine wichtige Voraussetzung für ein friedliches und friedfertiges Miteinander." Oder: "Fühlt sich ein Baby in der Krabbelgruppe nicht wohl, kann man es getrost herausnehmen und noch einige Zeit warten."

 

Was kann denn die Punkerin für ihr Aussehen?

Nicht ganz so harm- und sinnlos, doch inhaltlich um so fragwürdiger stellt sich Karl E. Dambachs schmales Praxisbuch "Zivilcourage lernen in der Schule" dar, das der Reinhardt-Verlag nun in gleicher Reihe ("Kinder sind Kinder") veröffentlicht hat. Mobbing und Bullying - eine Übersetzung oder Unterscheidung der Phänomene bleibt der Autor schuldig — seien in Schulklassen alltäglich. Intolerantem Verhalten will der Lehrer und Seminarleiter Dambach durch Übungen begegnen, in denen Schüler "Gefühle ausdrücken und wahrnehmen" lernen, etwa durch sogenannte "Life-Skills-Programme" und Talkshow-Imitationen.

Auch wird die Erstellung eines "Fotoromans" (in Anlehnung an ähnliche Formate in Jugendzeitschriften wie der Bravo) als beispielhaft vorgeführt: Punkermädchen Karin beginnt ein Gespräch mit der Blondine Nora, letztere bietet zum Schein ein Bonbon an und läßt es demonstrativ zu Boden fallen. Diskussionsangebot an die Klasse: Was kann denn die ausgegrenzte Punkerin für ihr Aussehen? Auch die anderen Arbeitsvorschläge sind vielsagend: Max von der Grüns Text "Der Fremde" lesen und ausdiskutieren, anhand eines Zeitungsartikels über eine fragwürdige Brüskierung Paul Spiegels "eingreifen lernen". Was auch immer der Leser von den hier zugrundegelegten Annahmen einer Mehrheits- und Minderheitsmeinung halten mag: Hier dominiert die vordergründige Symptomkur, wo eine ganzheitliche Betrachtung von jugendlicher Aggression und Gruppenzwang wünschenswert wäre.

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Vorbildlich wird eine solche präsentiert durch das Buch mit dem leider etwas albernen Titel "Kleine Jungs — große Not" des Kinder- und Familienpsychologen Wolfgang Bergmann. Instant-Tips für die gebrauchsfertige Anwendung sucht man hier vergeblich, ohne jedoch mit der unbefriedigenden Pauschalberuhigung einer rein entwicklungsbedingten und vorübergehenden Phase abgefunden zu werden. Nein, Bergmanns Diagnosen sind zutiefst beunruhigend. Er kennt die kleinen Schläger, die Zappelphilipps und die Computerkinder. Zugrunde liege diesen durchaus gängigen Verhaltensweisen eine "Egozentrik ohne Ego", die bis in die späte Jugend (und womöglich ins Mannesalter hinein) "infantile Allmachtsbilder gegen die Zumutungen der Realität" zu verteidigen suche.

Nachdrücklich skizziert der Autor die durch Mangel geprägten Lebenswelten, die nicht nur auffällig gewordene Störenfriede umgeben, sondern zum Paradigma einer ganzen Generation geworden sind. Da ist zum einen die moderne Familie, die häufig als "unzuverlässige Befindlichkeitsgemeinschaft" erlebt wird und oft nicht mehr als eine "bindungslose Verwöhnung" zu liefern imstande ist. Die heutige Familie erlebt der Psychologe als "hochgradig gefährdet": Durch das Fehlen einer verbindenden und verbindlichen ökonomischen Basis sei sie zu einem "sentimentalen Gefühlsrelikt" verkommen.

Auch die Kindererziehung an sich kennzeichnet heute nicht mehr die Fortsetzung elterlicher Gewohnheiten, sondern meist einen Bruch mit denselben. Familiäre Bindungen sind heute spielend zu unterlaufen, dazu paßt die Ersetzung des für Bergmann immanent wichtigen Begriffs "Bindung" durch die "Beziehung", einen mechanistischen terminus technicus aus der Handelssprache. Die Einebnung der Geschlechtsunterschiede und die damit einhergehenden Schwundstufen von Väter- und Mütterlichkeit tun dazu ein übriges.

"Weich und widerstandslos" verläuft häufig zusätzlich zur familiären auch die außerfamiliäre Sozialisation, gerade die schulische: "Es gibt keine Könige in den deutschen Schulen, sondern lauter Diener", hält Bergmann mit Blick auf das Gros der Lehrerschaft fest; Diener, die sich "vor der anonymen Moral und den ministeriellen Lehrplänen" ducken. Bergmann nennt diesen Zustand ein "entpersonalisiertes Desaster": Das kalte Zauberwort der "pädagogischen Maßnahme", aus dem wohlwollenden Milieu der siebziger Jahre entsprungen, sei dabei nicht in der Lage, die Realität moderner Jungen auch nur zu berühren. Nicht Absichten und Überzeugungen der Erzieher helfen Kindern auf der Suche nach Anhaltspunkten für ihre Identität weiter, sondern allein authentische Autorität. Den Terminus der "guten Autorität" hat Bergmann schon in früheren Büchern (etwa: "Nur Eltern können wirklich helfen") eingeführt - gemeint ist ein Erzieher, der sich "fordernd, beanspruchend und unumgänglich" zeigt und dies durch seine eigene Persönlichkeit zu beglaubigen in der Lage ist: ein Vater — im besten Falle —, auf den "im Ernstfall Verlaß ist".

 

Männliche Eigenschaften geraten in Vergessenheit

Ein weiteres Problemfeld erkennt der Autor in dem für heutige Heranwachsende selbstverständlichen Umgang mit den neuen Medien. Computerkrüppel, exzessive Mobiltelefonierer, wochenendfüllende "LAN-Parties" - darüber haben schon viele Experten geschrieben. Eine derart umfassende Analyse wie die von Bergmann fehlte bislang. Nachdrücklich — und, das ist wichtig, stets einfühlsam, voller Empathie — erläutert der Psychologe das Flüchtige dieser virtuellen Kommunikation. Das Abhandenkommen einer materiellen Dimension greife auf das Weltverstehen der Jugendlichen über: "Den ganzen Tag kommunizieren bedeutet auch, daß viele alte männliche Eigenschaften in Vergessenheit geraten", hebt Bergmann hervor. 

Neben der Mode einer schnellen, reibungsarmen und weitgehend konsequenzlosen Kommunikation per Mail oder SMS wachse die Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt: radikal, hart und widerstandsfähig. Durch Aggressionen und Unkonzentriertheit kanalisiere sich dieses ungestillte Bedürfnis.

Bergmanns Buch lädt weder zum angelegentlichen Schmökern noch zum gezielten Nachschlagen ein. Es verdient, gründlich und mit höchster Aufmerksamkeit gelesen zu werden. Dann erweist es sich als wahre Schatzkiste: Hier ist ein Buch, das in jede Familienbibliothek gehört.

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Notierungen über die Begrenztheit des Lebens - 2011 - Von Detlef Rüsch (Landshut, Bayern) 

 

Ein philosophisches, spirituelles und nachdenklich stimmendes kleines Buch hat uns der im Frühjahr 2011 verstorbene Wolfgang Bergmann, der bekannte Kinderpsychologe und Erziehungswissenschaftler, hinterlassen. Seine Notizen sprechen eine unverblümte Sprache und geben einen vielfältigen Gefühls- und Gedankenreigen wieder. Mal steht die Müdigkeit, die Trauer und Resignation im Vordergrund, dann aber wieder eher die Klarheit, das Vertrauen und der Wunsch, schmerzarm das Ende des Lebens zu erleben. 

Seine in 23 (!) Abschnitte abgedruckten Texte erzählen kaum vom vergangenen Leben, mehr vom Hier und Jetzt, von dem kurzen Zeitfenster, was ihm noch geblieben ist, ohne zu wissen, wann es sich tatsächlich schließt und wieviel Kraft und Klarheit ihm noch zum Schreiben bleibt. 

Wolfgang Bergmann blieb gerade mal ein Jahr zwischen der Diagnose Knochenkrebs und seinem Tod. Schon bald nach dem Befund hat er sich auf die Palliativstation begeben und hier begonnen, seine Gedanken niederzuschreiben. 

Er setzt sich hierbei mit dem Tod, der Endlichkeit, der Angst und dem Zweifel auseinander. Manches Mal flammen Erinnerungen auf, meist aber lebt er eher in der Gegenwart und schreibt: "...ich werde ja ganz ins Todesgewisse hineingleiten, wo ich keinen Halt mehr finde, sondern jene allerletzte Gewissheit, die mich jetzt schon übermäßig füllt und auseinanderzerrt. Wohin also?" (S. 55)

Die Zeilen trösten, machen traurig, nachdenklich und zugleich ermutigen sie und lassen einen wieder Fragen stellen, die in dem schnelllebigen Alltag so rasch auf Seite gedrängt sind. Das Maß und die Dichte der Zeilen von Wolfgang Bergmann erfordern immer wieder Einhalt, Innehalten, Pause, um die Gedankengänge mit den eigenen abzustimmen. Hierfür sind die Zwischenzeichnungen, die Tuschezeichnungen von Oliver Weiss ausgesprochen hilfreich. Abstrakt gehalten, an chinesische Schriftzeichen erinnernd, wecken sie Bilder und tragen so dazu bei, die Thematik "Sterben und Tod" mit dem Leben zu verknüpfen. 

Der über zehnseitige Abschlussteil "In memoriam" von Annelie Keil führt die Leserschaft einmal mehr in die Welt der Palliativstationen, in die Gedanken- und Gefühlswelt sterbender Menschen ein. Sie ist Sozial- und Gesundheitswissenschaftlerin und hat sich intensiv mit dem begleiteten Sterben von Palliativ Care befasst. Ihre Ausführungen sind von hoher Würde und Wertschätzung geprägt, wenn sie zum Beispiel niederschreibt:

"Was bleibt, ist das Bedürfnis, nicht ungesehen und verlassen zu sterben und der Wunsch nach Liebe und Geborgenheit... Nur zusammen können wir erfahren, was verloren geht und was bleibt, wenn ein einzigartiger Mensch diese Welt verlässt... Die Liebe zum Leben braucht die Tränen des Abschieds." (S. 77)

Ein ausgesprochen ehrliches, leises Buch, dessen Lektüre einen nicht unberührt lässt. Die aufwendige Leinenumschlagsgestaltung wird dem Anspruch eines wertschätzenden Umgangs einmal mehr gerecht. Bei allen Alltagssorgen ein fortwährender Hinweis darauf zu fragen: Was bleibt?

 

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