Wulf Bender (Hg.) 
und "270565400022"

542 Tage

Die Aufzeichnungen eines 
ostdeutschen Wehrpflichtigen

1999 by Verlag Ludwig, Kiel  
ISBN 3-933598-06-0 

Für Franz

Wulf Bender (Hg.) 270565400022 :  542 Tage Die Aufzeichnungen  eines ostdeutschen  Wehrpflichtigen   - 

Aschebuch    B.htm

1999   72 Seiten  

 

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u1:  ( Ordner ) Anmerkungen  

M.Steinbach,Tagebuch

(d-2007:)  Im Gegensatz zu der Leserrezension bei Amazon, finde ich das Buch auch als Buch gelungen. Und ein Tagebuch ist ein Tagebuch. Da steht eben das drinn, was dort reingeschrieben wurde. Und 45 Anmerkungen sind ja auch vorhanden. Es gibt zum Aschethema ja nicht nur das eine Buch.

Der Autor wurde eingezogen am 1.11.83 (bis April 85). Bereitschaftspolizei ("Transport­polizeibereit­schaft") in Bad Kleinen (Nordrand Schweriner See bzw. südl. Wismar.)  


Bei Amazon: 

Für einen Außenstehenden leider nicht nachvollziehbar    2002   Von wukasch  

Vorweg: Als Wehrpflichtiger, der im gleichen Zeitraum wie der Autor im beschriebenen Objekt war, habe ich natürlich gewisse Erwartungen an dieses Buch gestellt. Ich hätte mich nach 18 Jahren gern an Objektbeschreibungen, Namen oder Episoden erfreut, die während dieser Zeit wohl jeder Wehrpflichtige in Bad Kleinen so gesehen hat. Leider gewährt der Autor aber insbesondere Außenstehenden nur sehr unzureichend, das Leben hinterm Kasernenzaun kennenzulernen oder gar nachzuempfinden.

Viele Episoden, die hier nur in einem Satz erwähnt wurden, hätten ganze Kapitel füllen und den Leser fesseln können. In diesem Taschenbuch stehen persönliche Empfindungen des Autors, parallel zu privaten Gegebenheiten außerhalb der Kaserne mehr im Mittelpunkt des Geschehens, als der Wehrdienst bei der Transportpolizei an sich. Ich finde es schade, daß dieses Tagebuch nicht umfangreicher überarbeitet wurde und vielen Lesern die Möglichkeit verwehrt bleibt, sich aus ihrer persönlichen Sicht ein Bild von den chaotischen Verhältnissen in dieser Einheit zu machen.


10 Jahre nach dem Verschwinden der NVA und der DDR      2001  Von Dirk Saeger  (Grünstadt, Rheinland/Pfalz) 

Das Buch erzählt hastig und hingeworfen, eben so wie es erlebt wurde, die abrißweise Geschichte der legendären 542 Tage Grundwehrdienst. Deutlich ist die seelische Abstumpfung des Autors mitzuerleben, vom Grauen der ersten Tage, vom Unverständnis für das was mit einem passiert, von der Diskrepanz der Worte der sozialistischen Gesellschaft zu ihren Taten an der jungen, durchaus hoffnungsvollen Generation, bis zum Absinken in stumpfes Tagezählen mit dem teilweisen Verlust des Kontaktes zur Außenwelt. 

So oder ähnlich werden es viele seiner, meiner Generation erlebt, gehaßt und zwangsweise durchlebt haben. Und hinterher waren alle andere Menschen. Sie/Wir hatten einen tiefen, oft viel zu tiefen Blick hinter die wahren Kulissen der sogenannten sozialistischen Gesellschaft getan und sich/uns innerlich von ihr abgewandt. 


Vorwort des Herausgebers

 

"Wollte man jemand völlig zermalmen und vernichten, ihn auf das schrecklichste bestrafen, so sehr, daß selbst der gräßlichste Mörder vor dieser Strafe zittern und Angst bekommen würde, so brauchte man seiner Arbeit nur den Charakter absoluter, vollkommener Nutz- und Sinnlosigkeit zu geben."  Fjodor Dostojewski,  Aufzeichnungen aus einem Totenhaus 

 

5

... Mag sein: daß manche Menschen dem Lehrer folgen — "...ihr werdet euch noch mal wundern! Ihr werdet euch zurück­wünschen in diese herrliche Schulzeit!". Oder daß gewisse Herrenrunden zum x-ten Mal die anwesenden Ehefrauen zum Staunen bringen, indem sie sich von Jahr zu Jahr wilderer, gefährlicherer Erlebnisse ihrer Soldatenzeiten erinnern. "War aber alles nicht so schlimm. Man lebt ja noch."

Einigen Menschen ist wirklich noch Schrecklicheres widerfahren — Und überhaupt: "Gehabte Schmerzen — die hat man doch gern???"

Vor einigen Monaten erzählte mir der Autor, daß er nach vielen Jahren wieder seine Militärtagebücher gelesen habe. 15 Jahre nach den Ereignissen sei dieser Problemkreis nun für ihn abgeschlossen, und jetzt könne er sich eine Veröffentlichung vorstellen. Ob ich das herausgeben würde.

Wir sind jahrelang befreundet, hatten uns öfter über die Militär-Erlebnisse unterhalten, und ich wußte, wie sehr ihn das Thema immer gedrückt hatte. Ohne den Inhalt zu kennen, redete ich ihm sofort zu: Dies sollte gut, schnell und final zu erledigen sein. Kurze Zeit später erhielt ich die ersten Seiten zu lesen, und ich weiß mal wieder erst heute, daß sich der Wehrdienst auch auf mich ausgewirkt hat.

Alle Tagebucheintragungen sind unverändert übernommen. Alle Brüche und Gedankensprünge blieben erhalten. Außer einigen Erklärungen wurde nichts hinzugefügt. Wir haben nichts weggelassen. Nur einige Namen wurden geändert oder auf Spitznamen reduziert.

Vorliegendes hat diesbezüglich keine Mängel – es hat nur Eigenschaften. (Ich hätte so ein Tagebuch nicht führen können. Auch heute kann ich das nicht.)

 

Ich war 2 Jahre vor dem Autor ein 18jähriger Wehrpflichtiger (Funker) bei einer Einheit mit fast identischem Status, bei der Bereitschaftspolizei ("Volkspolizeibereitschaft") in Stralsund. Nach 18 Monaten hatte ich mich bis zu emotionaler Infantilität herunter­geleugnet, wurde entlassen, gammelte herum und wußte nicht, was ich nun machen sollte. Nach ein paar Tagen war ich meine Freundin los.

Zehn Jahre lang war ich sehr gut im Verdrängen. 

Fast 10 Jahre später: Ich verließ das Gefängnis, wohin ich wegen eines dämlich organisierten DDR-Fluchtversuchs gekommen war. Die Gemeinheit dieser Haftstrafe erschloß sich auch nicht so wirksam, weil sie nur ein paar Wochen dauerte. Dann nämlich, hihi, gab es die DDR nicht mehr. Manche Probleme erledigen sich von selbst? Naja...

Die nun folgenden 10 Jahre lang war ich kein so guter Verdränger mehr.

Wieder fast 10 Jahre später ist nun HEUTE. Heute will ich das Thema auch für mich gut und final behandelt haben. Und ich stelle fest: Nicht die Fakten und Geschehnisse sind wichtig, sondern nur das eigene Verhältnis dazu — gesetzt den Fall, man hat ein Verhältnis entwickelt, bevor die nächsten 10 Jahre herum sind. Damit der Zwiespalt gar nicht erst aufkommt. Denn unser Fell wird immer dünner...

Transportpolizeibereitschaft Bad Kleinen, 1983

Der Selbsterhaltungstrieb motivierte den damals 18jährigen mit der Hundemarkennummer 270565400022 gerade so weit, daß er mitunter glaubte, mit seinem Dasein und seiner Anwesenheit zurechtzukommen. Bei einigen jungen Menschen klappte das gut und dauerhaft, bei fast allen zeitweise und mit Beschädigungen, bei ihm aber eben nie.

Es gab sogar eine Hilfe, nämlich die ganz normalen Bedenken gegenüber der eigenen, verträumten Hoffnung, daß es — anderswo, anderswie und besonders jetzt — besser sein könnte. Der Hauch eines Anflugs von Verdacht auf all die schönen Möglichkeiten blieb aber allen. Der Fehler kam dann vom System, als perfektes Eigentor: Man lieferte diesen spärlich motivierten Menschen auch noch handfeste Argumente gegen ihre Anwesenheit. Für Y-Chromosomenträger besonders gründlich mit Verpflegung und Betreuung in den "Bewaffneten Organen", wie die Truppen von Armee und Polizei genannt wurden. (Organe von was für einem Körper? Vom Volkskörper etwa? Das Dritte Reich war doch durch den Sozialismus wirklich und komplett beseitigt! Coventriert sozusagen!)

Frühmorgens stand ich an einer Bushaltestelle

Ein TraPo-Wehrpflichtiger ging vorbei, er trug die blauschwarze Dienstuniform "K2", mit Käppi, Stiefeln und Breeches, mit silbernem Funkerabzeichen und einer Kulikowantenne1) in der Hand. Zusammengerollt sah dieser Ausrüstungs­gegenstand aus wie eine Nilpferdpeitsche. Im Dritten Reich gab es die gleiche, ja fast dieselbe Uniform, nur eben NOCH einen Hauch dunkler und natürlich mit anderen Symbolen auf den sonst sehr ähnlichen Abzeichen. 

Ein alter Opa vor dem Wartehäuschen fuhr sichtbar in sich zusammen. Und die wahre Persönlichkeit des armen Wehrpflichtigen war mal wieder verdreht, kaputt und weg. Wer einmal die Tonbandaufzeichnungen von Erich Mielkes (Minister für Staatssicherheit) Reden gehört hat, weiß, daß es für ihn als Gegenteil von "anwesend" nur "Abwesenheit durch Tod" gab. Machen Sie das bitte einem 18jährigen plausibel!

Versuchen Sie sich bitte vorzustellen, daß Sie während einer schrecklichen Episode Ihres Lebens – kurz vor deren Ende – sogar Angst und Unsicherheit vor dem nächsten Lebensabschnitt haben. Und dann rekapitulieren Sie bitte, wie oft Sie dieses Gefühl schon einmal hatten...

Man übersteht das alles. Aber vieles von dem ist unnötig, nicht wahr?

Übrigens: Die Klosetts der Transportpolizeibereitschaft hatten nicht einmal Türen.

8

Ribnitz-Damgarten, im August 1999, Wulf Bender  

 

 

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