Prof. em. Christian Bergmann

Die Sprache der Stasi  

Ein Beitrag zur Sprachkritik 

 

Christian Bergmann, Professor für Germanistische Linguistik an der Technischen Universität Chemnitz, seit 1996 emeritiert

1999 by Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen  
ISBN 3-525-34012-5 

Christian Bergmann :  Die Sprache der Stasi   (1999)   Ein Beitrag zur Sprachkritik  - 

1999  133 Seiten 

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v-r.de  Verlag Vandenhoeck  

Stasi-Sprache.de  Webseite aus Berlin 

single-generation.de  woerterbuch_sozialpopulismus  

detopia

B.htm    Kommbuch   Pankow 

Rezension von Prof. Metzger

Möller: NVA-Sprache  +  Steinacker: Aschesprache  

Walther - Sicherungsbereich Literatur 

Hartewig - Die Fotografie der Stasi  

Deutsche Sprache bei detopia 

Klemperer: Sprache des Hitlerismus  + Die Sprache des Neoliberalismus 

 

 

Inhalt 

Vorwort  (5-7) 

Nachwort  (106)   

Anmerkungen (108) 

Abkürzungsverzeichnis (127)

Literaturverzeichnis (129)  


Verlag: Schwer ist es, sich der Sprache der Staatssicherheit sachlich zu nähern; denn sie funktionierte als Instrument eines unerhörten Repressionsapparates. Untersucht wird sie nicht um ihrer selbst willen; immer wird in ihr die Vergegenständlichung eines Welt- und Menschenbildes voll feind­seliger Verachtung gesehen. Dieses hinter sprachlichen Formulierungen zu entdecken, hat sich Christian Bergmann zur eigentlichen Aufgabe gemacht. Er verzichtet dabei bewusst auf die Fachterminologie des Linguisten, denn er will alle erreichen, die bereit sind, sich mit der jüngsten deutschen Vergangenheit auseinander zu setzen.

 

Was ist Aufklärung?  — Für das MfS, für die SED, für uns?   (8) 
Zu gruppen- und allgemeinsprachlichen Bedeutungsnormen  
MfS-spezifische Norm  —  SED-spezifische Norm  —  Beziehungen zur allgemeinsprachlichen Norm  — Beziehungen im Sprachsystem  —  Außersprachliche Beziehungen

Über das »Herausbrechen« und »Zersetzen« von Menschen   (16) 
Bedeutungsverschiebungen nach Verben mit einem Akkusativobjekt
bearbeiten / arbeiten an  —  nutzen / nutzbar  —  schaffen — herauslösen / herausbrechen — sichern — abschöpfen — zersetzen 

Wortfelder im Sprachgebrauch der Staatssicherheit  (26)  
Das Wortfeld lügen  —  Das Wortfeld verleumden  —  Das Wortfeld Klassenfeind

Die Struktur des geheimdienstlichen Apparats  (65) 
Die Führungsebene Die Offiziersebene Die IM-Ebene Schlussfolgerungen

Einflüsse auf die Sprache der Staatssicherheit  (79) 
Einflüsse von Geheimsprachen — Einflüsse der Amtssprache — Einflüsse der Militärsprache  

 

"Man muss solche jungen Tschekisten heraussuchen, herausfinden und erziehen,  
dass man ihnen sagt, du gehst dorthin, den erschießt du dort im Feindesland.  
Da muss er hingehen und selbst wenn sie ihn kriegen, dann steht er vor dem Richter und sagt:  
<Jawohl, den hab ich im Auftrag meiner proletarischen Ehre erledigt!>  
So muss das sein!"   

Erich Mielke auf der Delegiertenkonferenz der SED-Grundorganisation 
der Bezirksverwaltung des MfS Cottbus, 1979

 


   

Vorwort

5-7

Am 11. Juni 1997 bekommt der Schriftsteller Uwe Grüning für seine Arbeiten als Lyriker und Übersetzer in Glogau den Andreas-Gryphius-Sonderpreis. Die Ansprache anlässlich der Preisverleihung hält der Staatsminister für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen, Prof. Dr. Hans Joachim Meyer. Bezug nehmend auf den soeben Ausgezeichneten sagt er: 

Uwe Grüning, dessen erster Gedichtband 1977 erschien, hat vor 1989 sich und sein Werk konsequent dem Zugriff der SED-Herrschaft entzogen. 
Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR hat darüber mit den ihm eigenen Methoden und in der ihm eigenen Sprache seinerseits ein umfangreiches Opus geschaffen, dem man allerdings nicht das Adjektiv <literarisch> zuerkennen kann.
1)  

Diese Sprache bildet den Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Allerdings bedarf der verwendete Begriff der abwägenden Überlegung. 

Eine Sprache entfaltet sich in mehreren Teilsystemen, für die sich die Bezeichnung <Ebene> als zutreffend erwiesen hat. Die Phonetik gehört hierzu ebenso wie der Wortschatz und die Grammatik. Es versteht sich, dass die Staatssicherheit der DDR kein eigenes Lautsystem herausgebildet hatte, und ebenso wenig verfügte sie über eine eigene Grammatik. Der Untersuchungsgegenstand liegt vornehmlich im Bereich des Wortschatzes, vor allem der Wortbedeutung. 

Trotzdem ist die Bezeichnung <Sprache> legitim, zumal es üblich geworden ist, neben Hochsprache, Umgangssprache und Mundart auch Fachsprachen, Gruppensprachen und Sondersprachen zu unterscheiden, obwohl damit — im Gegensatz zu den sprachlichen Existenzformen — lediglich auf die jeweiligen lexikalischen Systeme abgezielt wird. Erfährt der Begriff <Sprache> dadurch eine Einengung, so muss er andererseits auch erweitert werden. Denn er wird nicht nur auf das sprachliche System mit seinen Elementen und mit seinen Normen bezogen.

5/6

Seit Anfang der 60er Jahre beschäftigt sich die Sprachwissenschaft hauptsächlich mit dem Funktionieren dieses Systems in der Kommunikation. Sie ist dabei zu einer Reihe von wichtigen Forschungsergebnissen gekommen, die heute von jeder Arbeit, die ernst genommen werden will, berücksichtigt werden müssen. In den Sprachbegriff ist also der Sprachgebrauch eingeschlossen. Dabei stellt die Stilistik wiederum einen Teilbezirk dar.

Ausgegrenzt bleibt allerdings die mündliche Kommunikation. Sie sollte ursprünglich den eigentlichen Forschungsgegenstand bilden. Tonträger sind in genügender Anzahl vorhanden; und das Wesen der Persönlich­keit Mielkes wird erst voll erfassbar, wenn man das von ihm gesprochene Deutsch untersucht,2) zumal die schriftlichen Passungen seiner Reden häufig genug nicht mit der Originaldokumentation übereinstimmen.3)  

Nach Absprache mit der Forschungsstelle des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR wurde dieser Plan vorerst aufgegeben. Er lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht verwirklichen.

Überdies ist das schriftlich überlieferte Material so umfangreich, dass es genügend Ansätze für sprach­wissen­schaftliche Untersuchungen bietet. Gewonnen wurde es beim Studium ausgewählter Akten, die von der Außenstelle Chemnitz in freundlicher Weise aufbereitet wurden. Außerdem wurden das Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit, Richtlinien des MfS und dazugehörige Durchführungs­bestimmungen sowie von der Gauck-Behörde in Berlin herausgegebene Informationen, Dokumente, Analysen und Berichte verwendet. In diesen enthaltenes Quellenmaterial wurde ebenfalls genutzt.

Wer erwartet, dass ihm die vorgelegte Arbeit »die sprachlichen Niederungen der Staatssicherheit«4) vor Augen führen will, wird enttäuscht sein. Im Gegenteil wurden Belege, die Verstöße gegen grammatische oder orthographische Normen enthielten, ausgesondert. Sie hätten unter Umständen vom eigentlichen Anliegen der Untersuchung abgelenkt. Dieses ist darauf gerichtet, das in der Sprache sichtbar werdende Denken zu ermitteln, das Menschen- und Weltbild zu erschließen, das den Formulierungen zugrunde liegt. 

Denken und Sprechen sind nicht identisch, aber sie gehören zusammen und stellen eine Einheit dar. Diese Überlegungen sollen weder sprach-philosophisch noch stiltheoretisch erörtert werden. Aber sie bilden den Hintergrund der sprachlichen Analysen und werden in ihnen transparent. Jeder weiß, dass Sprache verräterisch sein kann. Diese Erfahrung wird für die Untersuchungsarbeit genutzt. 

Die Sprachwissenschaft kann auf diese Weise ihren Beitrag im Ensemble geisteswissenschaftlicher Forschungen leisten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den gefürchteten geheimdienstlichen Apparat der ehemaligen DDR, der sich über 40 Jahre lang getarnt und im Verborgenen gehalten hatte, zu durchleuchten und ihn ins Licht der Öffentlichkeit zu stellen.

7

 

Prof. em. Bergmann 2010 in Zwickau (15 Jahre Förderstudio Literatur)

 

 

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