Manfred Krug

Abgehauen

Tonbandmitschnitt, Tagebuch
und ein IM-Bericht (aus der Stasiakte)

 

1996 im ECON Verlag 
Lektorat: Krista Maria Schädlich
ISBN 3-430-15723-4  

Manfred Krug Abgehauen (1996)  Tonbandmitschnitt, Tagebuch, IM-Bericht aus Stasiakte  

1996   265 Seiten 

Wikipedia.Autor  *1937 in Duisburg bis 2016 (79) 

DNB.Autor

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detopiaK.htm   Kommbuch

Pankowbuch   Sterbejahr 

W.Biermann   S.Heym   W.Leonhard

 Que Sera  (Zusatzordner)

 

Inhalt 

Mitschnitt 0  (7)  

Mitschnitt 1  (16)

Mitschnitt 2  (51)

Mitschnitt 3  (82)

 

 

Tagebuch 1  (115) 

Tagebuch 2  (150)

Tagebuch 3  (192)

Tagebuch 4  (218)

 

IM-Bericht über den letzten Abend  (255-265)

 

(d-2008:)  Wunderbar - hab's erst heuer gelesen. Der Meister erzählt sogar vom Hotel, wo er seine 3. Million gefeiert hat. Kleiner Scherz. Echt mal: Ich hab das Gerücht damals auch geglaubt. Als Buße dafür habe ich jetzt das Buch abgeschrieben.  Das Buch ist sehr anschaulich, irgendwie ehrlich und präzise. — Und man möchte meinen, der Tonbandbandmitschnitt könne dem Volke gehören — als Kulturgut; oder nicht?

Ein starkes Stück Zeitgeschichtsschreibung samt einem Geheimdokument. 


Manfred Krug, Schauspieler, früher auch Sänger, geb.: 8. Februar '37, in Duisburg, Mutter Tippse, Vater Stahlkocher, großartige Oma.

Krug, damals jenseits der 40, empfand sein Weggehen als Sprung ins kalte Wasser.

Ein aufregendes, ein erschütterndes Zeitdokument, das jedem die Augen öffnet, auch wenn er einer anderen Generation angehört. 

Und jetzt von ihm ein Buch, das er fast 19 Jahre unter Verschluß gehalten hat. Es fing mit einer »Straftat« an: Er nahm 1976 heimlich ein Wortgefecht zwischen elf namhaften Künstlern und drei hohen Politikern auf Tonband auf. Krug, in der DDR ein Volksheld, wollte weg aus dem Land, das für ihn seine Glaubwürdigkeit verloren hatte. 

32 Tage, von dem Augenblick, als er den Ausreiseantrag gestellt hatte, bis zu dessen Genehmigung, schrieb er an seinem Tagebuch.

Niemals ist das DDR-System transparenter beschrieben, niemals die Gefährlichkeit einer versuchten Symbiose von Macht und Kunst heller beleuchtet worden als in diesem Text. 

Beide Texte zusammen, und eine Akte des Verrats, geben neue Einblicke in eine turbulente Zeit und in eine gesellschaftliche Ordnung, der zu entkommen es großer Kraft bedurfte.


  

 

Mitschnitt (0)

7-16

Ich gehe auf meinen Marmorlokus und weiß nicht, was ich zuerst machen soll. Zuerst muß ich mich erbrechen, dann Zähneputzen, dann die anderen Sachen, dann einen Schluck Korn aus dem Flachmann, und dann habe ich immer noch Angst.

Die Türflügel zum getäfelten Zimmer sind abgeschlossen. Das Mikrofon kann man nicht sehen. Es liegt unten, hinter dem Spalt zwischen Schiebetür und Fußboden und soll in das Nachbarzimmer hineinhorchen, wo meine Frau Ottilie hastig den langen Eichentisch gedeckt hat. Es gibt Schmalzstullen, Kaffee und Sprudelwasser. Ich werde was ganz Verbotenes machen. Ich werde ein Gespräch zwischen einem Dutzend Künstlern auf der einen Seite und drei »hochgestellten Persönlichkeiten« auf der anderen Seite auf Tonband aufzeichnen. Und das findet in der Deutschen Demokratischen Republik in einem Privathaus statt, in meinem Privathaus. 

Das hat es noch nicht gegeben. Ein historischer Nachmittag. 

Ich stelle mir vor, wie das aussieht, wenn's schiefgeht. Der Mann aus dem Politbüro hat vielleicht einen von seinen Jungs bei sich, einen V-förmigen Lächler mit kantiger Kinnlade und einer Beule im Jackett, und der sagt ganz freundlich, er will bloß mal einen Blick hinter die Schiebetür werfen, nichts Schlimmes, nur der Ordnung halber, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, ihr wißt schon. Dann kann ich mich einsargen lassen. 

Aber die Leute, die kommen werden, müssen ohnehin damit rechnen, daß nichts von dem verlorengeht, was sie sagen, daß ihre Worte wortwörtlich überliefert werden. Ich laß mich hängen, wenn von den dreien auf der Regierungsseite nicht einer eine Wanze unterm Revers stecken hat. Von dort wird jedes Wort in eins der Autos gesendet, von denen wir umzingelt sein werden, und dort werden sie es aufzeichnen.

Deshalb will ich um die Namen kein großes Geschiß machen. Sie sind alle Figuren der Zeitgeschichte, die mit der Zeit vergehen. Am ehesten vergehen die Mimen, denen die Nachwelt und so weiter.

Dichter halten sich länger. Nicht weil ein großer Teil ihrer Werke zum Vergessen zu schade wäre, sondern weil man sie platzsparend aufbewahren kann. In 1000 Jahren wird man Hitler vielleicht nur noch als den Verfasser von »Mein Kampf« kennen, und kaum jemand erinnert sich, daß er eigentlich als Monster Furore gemacht hat. Schauspieler haben Respekt vor dem geschriebenen Wort. Zwar verbringen sie ihr Leben mit dem Aufsagen von Texten, meistens schlechten, aber verbessern dürfen sie sie nicht. Shakespeare, Goldoni und Moliere haben sich davon freigemacht und zum eigenen Gebrauch schöne Sachen geschrieben. Deshalb kennt man sie noch. Sonst wüßte kein Mensch mehr, daß sie allesamt verzweifelte Schauspieler waren, denen die Nachwelt und so weiter. 

Ich schreibe das jetzt, weil ich will, daß von mir was übrigbleibt und daß ich einmal zu denen gehöre, die etwas aufbewahrt haben. Das Kind ist gezeugt, der Baum gepflanzt, das Haus gebaut. Vielleicht gibt es einmal einen Forscher, der sich haargenau für die Deutsche Demokratische Republik von 1976/1977 interessiert, und da wieder nur für die Unruhe, von der damals so viele Künstlerseelen befallen waren. Ich bin glücklich bei dem Gedanken, daß ich mir diesen Nachgeborenen zum Freund machen kann.

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Warum ist so viel über Biermann geredet worden? Und ich werde noch längst nicht der letzte sein. Weil er dem Sozialismus und dem ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden einen enormen Schlag versetzt hat, indem er sich von diesem hat rausschmeißen lassen, das muß man sagen, auch wenn letzten Endes der Wodka in der Sowjetunion die Hauptarbeit geleistet hat. Deshalb wird Biermann nicht nur in seinem Dichtwerk überdauern, der kann glatt ins Geschichtsbuch kommen, wenn er nicht schon drin ist.

Kaum stand er 1976 schreiend auf der anderen Seite der Mauer — »Ich will zurück!« —, da fing es in der DDR zu grummeln an. Die unvergeßbaren Schriftsteller Hermlin (»Wo stehen wir heute?«) und Heym (»Im Kopf sauber«) trommelten zusammen, was sie in der Eile kriegen konnten: Erich Arendt (»Unter den Hufen des Winds«); Volker Braun (»Wir und nicht sie«); Fritz Cremer (Bildhauer, hat heimlich Kruzifixe getuscht); Franz Fühmann (»Seht her, wir sind's«); Sarah Kirsch (»Das ist Lenins weiße Katze«); Günter Kunert (»Offener Ausgang«); Heiner Müller (»Der Bau«); Rolf Schneider (»Einer zuviel«); Christa Wolf (»Der geteilte Himmel«); Gerhard Wolf (»Der geteilte Himmel«).

Eigentlich waren es nur elf, aber Schneider platzte mitten in die Sitzung, nicht eingeladen noch angemeldet, was ihm Mißtrauen eintrug. Auch war den anderen das jüngermäßige Dutzend nicht angenehm, das er durch sein Erscheinen voll machte. Schneiders anerkannte Formulierkunst war verzichtbar, der Text schon fertig. Den gab man fernmündlich nach Jena durch an Jurek Becker (»Irreführung der Behörden«), der dort eine Lesung hatte und am Telefon zum Erstunterzeichner ernannt wurde, denn ihm, und nicht nur ihm, gefielen die folgenden Sätze auf Anhieb:

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»Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter — das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein ...« Das ist korrekt: ... der Vergangenheit. Mit den gegenwärtigen Dichtern hatte er das Unbequemsein nicht so sehr gemein. Vielmehr war er ihnen darin voraus. Alle wollten ständig wissen: Wie unbequem darf momentan ein Dichter sein? Er war die Vorhut. Wenn er Richtung Front losging und es blieb ruhig, konnte man bequem hinterher robben.  

Nein, den Biermann wollte keiner loswerden. Der war unverzichtbar für die Orientierung. Als sie uns den weggenommen haben, wurden wir alle zum ersten Mal richtig böse. Das hatte sich die Regierung nicht überlegt, in der, wenn überhaupt, nur wenige gewitzte Menschen zu finden waren. 

Wie standen wir auf einmal da. Man kann sagen schutzlos. Dem Proletariat konnte er schon deshalb nicht viel bedeuten, weil man ihn in den sozialistischen Produktionsbetrieben, wohin er eigentlich wollte, schon seit elf Jahren geheimgehalten hatte. Aber das bedeutete nicht viel. Er war vor allem für die Künstler wichtig. Wie das Nebelhorn für die Seefahrer. Sein Rausschmiß war die entscheidende Beeinträchtigung der gesamten künstlerischen Arbeit in der DDR, soweit sie diesen Namen verdiente. Sein Rausschmiß war Empörungs­beeinträchtigung. Nie mehr würde man ohne ihn herausfinden, wieviel Mißvergnügen noch gezeigt werden durfte. Bananen, Spargel, Zitronat, was ist das schon. Wenn nicht anders, konnte man es sich im Westen holen oder holen lassen, aber es ging auch ohne. Ohne Biermann ging es nicht.

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»Unser sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens 18. Brumaire, demzufolge die proletarische Revolution sich unablässig selbst kritisiert, müßte im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können.« Sicher, Biermann war unbequem für den sozialistischen Staat. Aber klingt es, nachdem wir jetzt wissen, für wen er bequem war, nicht wie eine riesige Verarschung, das eklige Wort Unbequemlichkeit hier hinzusetzen? Diese Schreiber, die jeden Tag stundenlang vor ihren Tintenfässern sitzen, können mit der Sprache spitzfindige Sachen machen. Man muß aufpassen. Damals ist mir das nicht so aufgefallen, da fand ich den Text so gut, daß ich ihn sofort unterschrieben habe. 

Die am meisten anachronistische Gesellschaftsform ist nämlich die, die sich selbst nicht am Leben erhalten kann. Wann hat eine Gesellschaftsform je so viel Mühe aufgewendet, um durch die besten Künstler ihre Vorzüge erläutern zu lassen; so viel Geld ausgegeben, sich Freunde zu machen; so viel Druck ausgeübt, die Feinde zu bekämpfen; so viel Beton gegossen, sich dahinter zu verstecken? Bei der DDR mußte ich manchmal an einen alten Hahnrei denken, der sich die Wertschätzung und die Treue seiner jungen Geliebten durch teure Geschenke erkauft, bis er selbst kein Dach mehr über dem Kopf hat.

»Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Wolf Biermanns und distanzieren uns von den Versuchen, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu mißbrauchen.« Identifizieren und distanzieren waren die beiden unproduktivsten und zugleich wichtigsten Tätigkeiten des DDR-Menschen. Die Grundlage dazu war der Klassenstandpunkt. Je wuchtiger der Klassenstandpunkt bei einem Bürger ausgeprägt war, desto nutzloser war sein Wirken in der Gesellschaft. Der Kumpel Adolf Hennecke und der Radfahrer Täve Schur mögen, solange ihre Kräfte nicht erschöpft waren, Ausnahmen gewesen sein, und zwar »eingedenk« ihrer naturgegebenen Anständigkeit, die ihnen dann prompt nur mindere Regierungsaufgaben eingebracht hat. 

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Nein, mit jedem Wort Biermanns konnten sich die dreizehn Künstler nicht identifizieren, ich glaube beinah, daß sie nicht einmal die Hälfte der Biermannworte für identifizierungswürdig angesehen hätten. Am besten wären dafür noch die alten Gedichte geeignet gewesen, wo die Mädchen stets weiße Knie haben mußten. Nicht anders konnte es mit seinen Handlungen sein, die darin bestanden, daß er sich mit Pfaffen zusammentat, um sich ihre Kirchen zu borgen und sie mit unfrommem Gesindel zu füllen. Hat die Dreizehnerbande die Vorgänge um Biermann nicht selbst gegen die DDR mißbraucht? Die wollten die Petition glatt im Zentralorgan der SED NEUES DEUTSCHLAND veröffentlichen, da lachten ja alle DDR-Hühner. 

Der Text war ein gefundenes Fressen für die Westagenturen, und, schlau wie die Dichter waren, haben sie sich schon bei seiner Formulierung davon distanziert. Das zeigt die hohe Distanzierungskunst, die in der DDR erblüht war. »Biermann selbst hat nie, auch nicht in Köln, Zweifel darüber gelassen, für welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt...« Des Dichters Taten sind seine Worte: »Sozialismus, schön und gut, doch was man uns hier aufsetzt, das ist der falsche Hut.« 

Wie kann ein nachdenklicher Mensch für einen Staat eintreten, und schon überhaupt für einen der beiden deutschen? Wer für einen Staat eintritt, wird enttäuscht, sofern er das für seine Reifung nötige Alter erreicht. Biermann hat es erreicht, schon nach rund dreißig Jahren war er von dem Arbeiter-und-Bauern-Staat, für den er als junger Mann eingetreten war, tief enttäuscht. Deutsche Staaten mögen übrigens Landsleute nicht, die von ihnen enttäuscht sind. Ein deutscher Staat kann sich das nicht vorstellen. 

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Er kann sich Millionen Menschen vorstellen, die für ihn eintreten, ihn toll finden, ihm zujubeln, aber jeder ist ihm unheimlich, der von ihm enttäuscht ist. Staaten können derart eifersüchtig sein, daß sie Enttäuschte verstoßen oder beschießen. Wer es unangebracht findet, ein intimes Verhältnis mit einem Staat anzufangen, der sollte schon gar nicht auf sozialistischem Gebiet siedeln.

»Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossenen Maßnahmen zu überdenken. 17. November 1976.« Für den Laien oder den Westdeutschen, der Unterwürfigkeiten dieser Art höchstens aus seinen Briefen ans Finanzamt kennt, scheint der Text an dieser Stelle bloß Männchen zu machen, wenn da nicht das Wort »protestieren« Verwendung gefunden hätte. Es gilt als sicher, daß diese erste Person Plural von »protestieren« in einem Brief an die Regierung der DDR während ihres siebenundzwanzigjährigen Bestehens noch nie geschrieben worden ist. Zwar ist das ungeheuerliche Wort die Folge des bis dahin schwersten Regierungsfehlers gewesen, das wissen wir nun, dennoch bleibt es eine große Tat. Wie eine Bowlingkugel raste dieses Wort unter die Politbürokegel. Alle neune. 

Der Kulturdompteur im Politbüro hieß Werner Lamberz, er galt als intelligent, feinfühlig, man hielt ihn für den Kronprinzen von Honecker und hoffte, daß er diesen bald ablösen würde. Lamberz war eins neunzig groß, trug eine goldgerandete Brille, hatte die Zähne in Ordnung, war brav gescheitelt, aber das Exotische an ihm war, daß er aus seiner Vaterstadt Mayen einen rheinischen Akzent behalten hat, wodurch der Klang seiner Worte angenehmer war als ihre Bedeutung.

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Er war bereit, sich mit den Benutzern des Wortes »protestieren« zu treffen, wo immer sie wollten, nur nicht in seinem Politbüro, das war ihm für die Bande (Westsynonym: Pinscher) denn doch zu schade. Inzwischen hatten über hundert Vario-Künstler der DDR die Petition unterschrieben, darunter auch solche, die schon an einen neuen Wind glaubten, in den sie ihre Jacken hängen könnten. 

Dem Stefan Heym, der mit dem Text tatsächlich zum NEUEN DEUTSCHLAND ging und um Veröffentlichung nachsuchte, zeigte das NEUE DEUTSCHLAND die Stelle, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Von dem Verlagsgebäude hat Heym nur das Foyer, von den Genossen dort nur den Pförtner kennengelernt. Aber größer wird seine Neugier schon nicht gewesen sein. Jedes Kind in der DDR wußte, daß es unter den sozialistischen Sünden eine Todsünde gab, die Nestbeschmutzung. Heym, der etwas von psychologischer Kriegführung verstand, wird seinen Besuch beim NEUEN DEUTSCHLAND denn auch kalt als zum Scheitern verurteilt angesehen haben. Nur in äußerster Verzweiflung hat er dem Klassenfeind erlaubt, einen Blick auf das Wort »protestieren« zu werfen.

Das ließ sich der Klassenfeind nicht zweimal zeigen, die westdeutschen Zeitungsmacher waren hellwach, alle Unterzeichner wurden über Nacht berühmt, viele fanden ihre verschmähten Namen zum ersten Mal oder endlich wieder mal gedruckt, viele waren unglücklich, durch Urlaub oder Krankheit den großen Augenblick ihrer Friedrich-Wilhelm-Setzung unter die Petition versäumt zu haben, manche schickten aus der — wenn auch nicht allzu weiten — Ferne Depeschen, in denen nichts als ihre Namen zu lesen waren. Sie hofften, in dieser Stunde schon richtig verstanden zu werden. Es gab Tränen und Vorwürfe von Leuten, die sich auf der Liste nicht fanden. 

Wie es zu der ungewöhnlichen Initiative von Lamberz gekommen ist, einem Künstlerkollektiv auf privaten Plüschsesseln den folgenden Vortrag zu halten, weiß man nicht. 

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Vielleicht war er es, der gegen die Bedenken seiner Politbürokollegen den Biermannrausschmiß ausgeheckt und durchgeführt hat. »Nun sieh zu, wie du das wieder in die Reihe bringst«, könnten sie gesagt und ihm Beine gemacht haben. Oder umgekehrt, die Kollegen waren es, die gegen seine Bedenken den Biermannrausschmiß ausgeheckt und durchgeführt haben. »Oh, das haben wir nicht vorausgesehen, Genosse Lamberz«, könnten sie in dem Fall gesagt haben, »geh zu diesen Schlangen, die wir an unsern Busen genährt haben, auf dich hören sie vielleicht noch.« 

Hastig ließ er mit Hilfe des Schauspielers Hilmar Thate einen gemischten Künstlertrupp zusammentelefonieren, man beschloß, sich in meiner Wohnung zu treffen, wahrscheinlich hatte ich den längsten Tisch und die meisten Stühle. Was niemand wußte: Ich besaß auch eines der damals modernsten Tonbandgeräte aus dem Westen. Das hatte einen Knopf, mit dem man eine Bandgeschwindigkeit von 2½ cm pro Sekunde einstellen konnte.

 

Der Chef der Abteilung Agitation und Propaganda, Werner Lamberz, schien seine Mitstreiter so ausgewählt zu haben, daß die Gefahr, an Brillanz übertroffen zu werden, von vornherein gebannt war. Der eine, Heinz Adameck, war Intendant des Fernsehens der DDR und damit quasi Regierungsmitglied, denn das Fernsehen gehörte der Regierung, den anderen brachte Lamberz aus seinem Büro mit, er hieß Karl Sensberg, und man kann von ihm sagen, daß er nicht zu der Brigade gehörte, welche die tiefen Teller erfunden hat.

Natürlich war es für alle eine Ehre, teils ein- teils vorgeladen worden zu sein. Ich gehörte ausnahmsweise dazu, weil man mich als Gastgeber schlecht aussperren konnte. Mir war Lamberz vor Jahren in einer Dresdener Hotelhalle begegnet, wo er mit offenen Armen auf mich zukam und mir nach wenigen Minuten das »Du« anbot. Wer mich kennt und meinem proletarischen Charme je ausgesetzt war, weiß, daß das möglich ist.  

Adameck war selbstverständlich der Duzfreund aller brauchbaren Schauspieler, auch der parteilosen, anders wäre die Fülle seiner Macht für einen abhängigen Freischaffenden nicht zu ertragen gewesen.

Mein ehrbares Haus dürfte an diesem Nachmittag des 20. November 1976 die bestbewachte Immobilie Ostberlins gewesen sein. Für vier Stunden lebten wir inmitten eines Fuhrparks von dunklen Limousinen. Nachdem alle sich versammelt hatten, räusperte und äußerte sich der Schauspieler Thate, der, zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Angelica Domröse, nicht zitiert sein möchte, weshalb ich die Beiträge dieser beiden zum Teil streiche und diejenigen indirekt vortrage, die zum Verständnis nötig sind. 

Den richtigen Namen des dritten Mannes in der Regierungsdelegation habe ich geändert, weil ich den Mann nicht finden konnte. Alle anderen Teilnehmer des folgenden Gesprächs haben zum Abdruck ihre Zustimmung gegeben.

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