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Teil 3 - Hat die Kultur noch eine Zukunftschance? 

Staat contra Kultur 

 

Kunert-1994

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Dieser Titel klingt tatsächlich so, als seien anonyme, gar dämonische Mächte am Werk, mit der Kultur in unserer Gesellschaft Tabula rasa zu machen. Die Ebbe in öffentlichen Kassen als Ursache für Kürzungen in den Kulturetats gibt uns wenigstens erneut Gelegenheit für energische Proteste. Endlich dürfen wir wieder »Betroffenheit« zeigen und uns als Mahner und Warner betätigen und bestätigen — was wir nur allzugerne tun. 

Wir weisen lautstark darauf hin, daß die Schließung von Theatern der eindeutige Beginn der Barbarei sei. Wir geben der Öffentlichkeit unsere Empörung zum besten, weil städtischen Büchereien die Gelder für Buchankäufe gekürzt oder sogar gesperrt werden. Schon verfassen wir Resolutionen und sammeln Unterschriften, um die Verantwortlichen, wie man sie gemeinhin nennt, an ihre Verantwortung für die Kultur zu erinnern. 

Wir machen unserem Zorn in Interviews, Podiumsdiskussionen und Artikeln Luft, denn das tut einem immer gut, auch wenn es nichts ändert. Wir können als Schriftsteller, als »Meister des Wortes«, wie unsereins in der DDR hieß, den Zustand kultureller Verarmung und Verödung eindrucksvoll schildern und bedauern und beklagen. Nur eines können wir nicht: unsere persönliche Beteiligung an diesem Prozeß einsehen. Denn daß wir darin aufs Unterschiedlichste verstrickt sind, ist unleugbar.

Bis zu dem gegenwärtigen Augenblick, da der Staat in seinen diversen Ausprägungen und Organisationsformen uns den Geldhahn zudreht, hat sich bereits seit langem eine Entwicklung angebahnt, von der wenig Gutes zu erwarten war.

Es hat sich nämlich, kaum bemerkt, eine kulturelle Erosion ereignet, die erst jetzt zur Gänze deutlich wird. Und Erosion ist ein Geschehen, von dem man weiß, daß es unumkehrbar ist.

Womit bei unserer Betrachtung beginnen, da die ausschlaggebenden Momente zahlreich sind und doch insgesamt auf ein bestimmtes Ziel hinaus­laufen? Vielleicht sollten wir bei unserer eigenen Selbstüberschätzung anfangen. Dafür liefert die doppeldeutsche Geschichte Beispiele genug.

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Erinnern wir uns der ersten Nachkriegsjahre, da das deutsche Ansehen in der Welt einen nicht mehr zu unterbietenden Tiefpunkt erreicht hatte, ein Zustand, den Ernst Niekisch in seinem Buch <Das Reich der niederen Dämonen> in bezug auf Große Männer folgendermaßen beschrieb: 

»Ihre Leistungen wurden trotz dieses Volkes politischer und geistiger Untertanen vollbracht; das Volk nahm daran keinen Anteil. ... Die Flüche Winckelmanns gegen Preußen, der Hohn Nietzsches über die Deutschen sind allen großen Männern aus der Seele gesprochen. Wenn dies Volk mit jenen Männern protzt, sooft es über seinen Wert, seine Qualität Rechenschaft ablegen soll, begeht es Täuschung und Betrug. Es weist diese Männer als Qualitätsprobe vor, um in Bausch und Bogen als Edelmetall in Kauf genommen zu werden, obschon es doch selbst nur verrotteter Schrott und ausgebrannte Schlacke ist.«

Nach dem Verfall aller tradierten Werte, nach dem moralischen Desaster und dem Ende der Eigenstaatlichkeit, bot sich für die Nation ein allerletztes Indiz für ihren vorgeblich unbeschadeten Geisteszustand an: die Kultur. Daß man die Nazi-Zeit trotz allem einigermaßen gesund im Kopf überstanden hatte, ließ sich mit Hilfe der Kultur belegen. Dergestalt erhielten die Künstler, vorab die Autoren, einen außerordentlichen Stellenwert, indem sie zur Zeugenschaft für das unsterblich fiktive »Bessere Deutschland« berufen wurden. Eine Berufung, die man nur zu gerne annahm.

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Mit dem Auftakt zum »Kalten Krieg«, insbesondere mit der Teilung des Landes zwischen Ost und West, erhöhte sich der Legitimationsdruck in den beiden deutschen Staaten enorm. Nicht die künstlerische Bedeutung eines Werkes interessierte den jeweiligen Staat, sondern hauptsächlich dessen Schöpfer, die Person als Kronzeuge für die »Freiheitlich demokratische Grundordnung« auf der einen und für den »Sozialistischen Humanismus« auf der anderen Seite. Was für ein Rollenangebot!

In den Hirnen von Dichtern und Schriftstellern rumorte noch immer die stockige Idee vom Fürstenerzieher. Diesmal mußte es doch klappen, da einem ein solch immenser Einfluß unterstellt wurde.

Unvergessen die Tagungen der »Gruppe 47«, welche, ähnlich den Gipfeltreffen mächtiger Politiker, die Medien rastlos beschäftigten; unvergessen die Schriftstellerkongresse in Ostberlin, von denen gewaltige kultur-revolutionäre Anstöße ausgehen sollten. Ein Rummel sondergleichen. Und die Machthaber hier wie dort Arm in Arm mit Literaten — als Beweis, daß der Gegensatz zwischen Geist und Macht endgültig Vergangenheit wäre, und der Bundesrepublik, respektive der DDR die Siegesflamme im Widerstreit der Systeme gebühre. Ja — wir haben alle fleißig mitgestritten und wurden mehr und mehr zu Ideologen, zumindest zu politisch inspirierten Schreibern, weil unsere eingebildete Identifikation mit der Macht uns ein Selbstbewußtsein verschaffte, von solcher Einzigartigkeit, daß dessen Verlust schmerzlich verspürt wird.

Dabei wucherten die falschen Vorstellungen über die jeweils andere Seite ins Ungemessene. Galt für manchen Intellektuellen im Osten die Bundesrepublik schon als »Viertes Reich«, so sahen die auf dem linken Auge Erblindeten vom Westen her die DDR als eine, obwohl dürftige, Realisierung dessen, was unter dem Stichwort »Utopie« noch heutzutage durch die von keiner Wirklichkeit belehrten Schädel spukt.

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Den Kulminationspunkt von Täuschung und Selbsttäuschung bildeten die ebenfalls unvergeßlichen »Friedensgespräche« der Schriftsteller aus den gegnerischen Lagern zu Zeiten der »Pershing II«- und Nachrüstungsdebatte. Zusammenkünfte, bei denen man höchst ernst und bedeutungsvoll die Weltlage erörterte und einschätzte und zur Friedenspflicht aufrief, als hätte sich überhaupt jemals eine der Supermächte um diesen seltsamen Stammtisch geschert.

Man wurde instrumentalisiert, ohne es zu wissen, oder schlimmer: ohne es wissen zu wollen. Denn die Publizität, das Spektakulum, der Auftritt vor der Kamera ließen keine selbstkritischen Fragen aufkommen. Wir schritten insgesamt auf Kothurnen einher und ließen uns gnädig von den Medienvertretern interviewen und genossen es, daß unsere Formulierungen wie letzte Weisheiten empfangen wurden. Es steht zu fürchten, wir würden ob unserer Naivität erschrecken, wollte man uns heute die Aufzeichnungen von gestern vorspielen.

Dennoch und entgegen jeglicher Vernunft werden wir wehmütig der Tage gedenken, da die beiden deutschen Staaten die Kultur zu Repräsentationszwecken benötigten und zugleich mißbrauchten. Weil in dieser Art der Repräsentation der Mißbrauch obligatorisch beschlossen liegt. Unser Irrtum bestand einfach darin, daß wir annahmen, der einmal erreichte Status des Repräsentanten sei für alle Zeiten unabänderlich gefestigt. Bedauerlich, daß unser Denken dermaßen vom unaufhaltsamen Fortdauern der Stagnation erfüllt gewesen war, so daß wir nun durch die gewandelten Verhältnisse und Umstände von Irritation befallen sind wie von einem unvermittelten Infekt.

Von diesem Status der Repräsentanz, der jetzt als überflüssig gestrichen wird, partizipierten sogar die minderen, die mangelnden Talente: sie gaben sich als Sockel für eine Pyramide her, die zum Abbruch freigegeben worden ist. 

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(Besagte Pseudo-Autoren werden großzügig von der Bundesregierung über den »Kulturfonds« in Berlin alimentiert: Unter den Stipendiaten für Literatur befinden sich nicht nur ehemalige Parteileitungsmitglieder, sondern auch neun »Informelle Mitarbeiter« der Staatssicherheit. Allein in der Hauptstadt werden an 58 Stipendiaten 342.000 D-Mark verschenkt. Eigentümlicherweise besitzt der bankrotte Staat ausgerechnet für jene Leute ausreichend Bares, die seine Feinde waren und weiterhin bleiben werden.) 

Das vereinigte, in sich unvereinbare Deutschland, vom Zwang zum internen kulturellen Konkurrieren erlöst, aus der weltweiten ökonomischen Krise die Berechtigung ableitend, spart blindlings an den falschen Stellen.

Freilich: noch bietet jedes Klein-Kleckersdorf seinem Stadt- oder Turmschreiber Lohn und Brot. Noch vergeben die Kommunen und Akademien und Vereine Literaturpreise in einer im sonstigen Europa unbekannten Fülle. Noch existieren Buchhandlungen, auch wenn die Buchhändler selber sich auf die Lektüre von Rezensionen beschränken. Noch verteilt man Zuschüsse für Veröffentlichungen, Beihilfen für Autoren und für solche, die es werden wollen und doch nie schaffen. Noch stehen wir am Anfang des kulturellen Krankschrumpfens, für das die Sparmaßnahmen ein Vorzeichen darstellen. Der umsichgreifende Verzicht auf kulturelle Repräsentanz durch den Staat, mit allen seinen Folgen, hat tieferliegende Ursachen als allein die Beendigung der Blockkonfrontation. Solange wir uns über diese Ursachen nicht im klaren sind, werden wir die besagte Erosion einzig mit wachsender Wut oder zustimmender Gleichgültigkeit beobachten. Aber gerade von den Ursachen muß die Rede sein.

Falls wir Theodor Lessing und seiner These vertrauen, daß Kultur, insbesondere Literatur, die Kompensation eines Mangels sei, begegnen wir dem Umstand, daß eben diese Kompensation von der Literatur kaum noch geleistet wird. Als Ersatz für ein richtiges Leben im falschen (verkürzt gesagt) hat sie ihre Funktion an das Fernsehen verloren. 

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Analog zur Malerei, welche durch die Fotografie um ihre wesentlichsten Aufgaben gebracht worden ist und somithin in einer sich selber unaufhörlich rekapitulierenden Moderne ein Schattendasein fristet, ist es um die Literatur bestellt. Wir wollen uns nichts vormachen. Auch wenn der Betrieb weiterzulaufen scheint wie eh und je: Das Buch, die Belletristik, hat ihren Spitzenplatz schon lange eingebüßt. 

Man kann nicht über den Kulturschwund jammern und dabei ignorieren, daß die Abteilungen der Sach- und Fachbücher in den Buchhandlungen, in den Kaufhäusern im Laufe der letzten Jahrzehnte einen erstaunlichen Umfang angenommen haben. Man suche einmal in einem solcher Buchgroßmärkte nach der Abteilung für Lyrik. Mit etwas Glück entdeckt man ein kleines Fach, in welchem sich, nahezu angstvoll, ein paar Bändchen verloren aneinanderdrängen. 

Von der Flut anderen Lesestoffes, anderer Druckerzeugnisse ganz zu schweigen.

Keine Frage: mit dem Computer und seiner umsichgreifenden Anwendung ist auch im Unterricht eine Sprache aufgetaucht, die sich der von Literatur als diametral entgegengesetzt erweist. Die seit Jahren vollzogenen Einschränkungen sogenannter kultureller Wortsendungen im Hörfunk und die extensive Ausweitung des »Autofahrerradios«, des telegrammstilartigen Geplappers und Geplausches, haben nirgendwo und nirgendwann zum Protest der Betroffenen, nämlich der Schriftsteller, geführt, ja nicht einmal zu öffentlich formulierten Einwänden gegen den Trend zur technologischen Abschaffung des menschlichen Gehirns. Wir nehmen nicht erst seit gestern die kulturellen Verluste hin, als ginge das nicht uns direkt und höchst persönlich an, sondern irgendwelche obskuren Figuren, ohne daß wir merken, daß es sich bei letzteren um uns selber handelt.

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Wir kommen ziemlich spät aus dem Mustopf. Weil es jetzt ans Eingemachte geht und man nicht mehr so tun kann, als gehöre man keineswegs zur Gilde der für den Lebenserhalt Schreibenden, denen sacht der ökonomische Boden unter den Füßen weggezogen wird. Was sich da ereignet, läßt sich mit einem weiteren Zitat von Ernst Niekisch trefflich charakterisieren. Zwar ist eine ganz andere Epoche anvisiert, doch im Prinzip und in der Zielrichtung trifft es exakt auf unsere Situation zu: 

»Die Gleichschaltung vollzieht sich auf der Ebene äußerster, menschlicher, moralischer Niedrigkeit. Mit der Differenziertheit gibt man die Höhe preis, die man erklommen hatte. Man zwingt sich zu geistiger Anspruchslosigkeit. ... Man verliert das Gefühl dafür, daß es Dinge gibt, die man einfach nicht tut; man bewundert Banalitäten, wenn sie nur gigantisch sind; man fühlt sich wohl dabei, von der Freiheit und ihrer schweren Verpflichtung erlöst zu sein; man unterscheidet nicht mehr, wo Politik aufhört, und das ... Verbrechen beginnt. ... Der Mensch wird im Prozeß der Gleichschaltung bis zu seinem Untersten hinab entblättert; er muß Hefe und Bodensatz geworden sein, wenn er ... nicht Fremdkörper bleiben will.«

Worte, deren Gültigkeit unbestreitbar ist. Denn die »populäre« Kultur, die Massenkultur, funktioniert als Instrument der Gleichschaltung. Durch so geartete Instrumente, auf Platz eins das Fernsehen, werden Minderheiten mit ihren Ansprüchen ins Abseits gedrängt, wird verhindert, daß sich künftig Minderheiten mit speziellen Bedürfnissen überhaupt zu entwickeln vermögen. Der Bannfluch »Einschaltquote« grenzt jene aus, die ohnehin nicht »in der ersten Reihe« vor der Glotze sitzen und diffamiert sie als televisionär nicht integrationsfähig und bescheinigt ihnen einen elitären Geschmack.

Gewiß, das Fernsehen allein läßt sich kaum für den Kulturschwund haftbar machen. Fernsehen und Popkultur liefern bloß die Schmier- und Gleitmittel in einer sich rastlos mechanisierenden Gesellschaft, indem sie das Reflexionsvermögen reduzieren und ausschalten. 

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Dahinter steckt kein mephistophelischer Plan geheimer Verführer, keine Dr. Frankenstein-Strategie, sondern einzig und allein der Automatismus des Gesamt­systems, die sanfte und abstumpfende Herrschaft der Technokratie in Verbund mit einer gewissenlosen Ökonomie. Es ist keine leere Behauptung, und leider auch keine provokative mehr, wenn ich meine, daß wir in unserem Menschsein uns unter dem dauernden Einfluß von Naturwissenschaft und Technik verändert haben und fortwährend verändern werden, bis wir endgültig mit der Megamaschine eins geworden sind. 

Wir müßten das Wagnis eingehen, an eines der stärksten Tabus zu rühren, um überhaupt zur Einsicht in unseren Zustand zu erlangen. Dem steht die intellektuelle Hilflosigkeit einer gesinnungs­orientierten, kultur­produzierenden Kaste entgegen, deren Denkweise, vielleicht bedingt durch ihre Produktions­weise, weitestgehend dem neunzehnten Jahrhundert entstammt. 

Ich rede von der Aufklärung, deren Zwiespältigkeit, deren Dialektik in den Köpfen emeritierter deutscher Professoren und politisierender Großschriftsteller noch keinerlei Zweifel, noch nicht einmal ein skeptisches Ahnen hervorgerufen hat. Immer noch wird mit der Rhetorik des Präzeptors vom Katheder verkündet, wenn sich alle Wortgewalt mit dem Prinzip der Aufklärung vereine, dann würden die Ergebnisse die gewünschten sein: der aufgeklärte, gegen Verführungen aller Art gefeite Bürger. Das mag glauben, wer zur Gläubigkeit prädestiniert ist. 

Ich bin eher der Ansicht, daß die Aufklärung längst in den von ihr selber geförderten Mitteln aufgegangen ist. Die Naturwissenschaft als dienstwillige Magd der Aufklärung hat sich an die Stelle ihrer Herrin gesetzt und bedarf keiner Auftraggeberin mehr, welch letzterer sie ja zu Sieg und Triumph in den Hirnen verhelfen sollte. Die Naturwissenschaft hat das Geschäft übernommen und sich damit von den Zwecken und Zielen der Aufklärung emanzipiert. Nun liefert sie uns das Wunschbild der Welt.

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Horkheimer-Adornos »Dialektik der Aufklärung« wirkt wie vom Winde verweht. Die Erkenntnis, wie so viele Erkenntnisse, wollte keiner wahrhaben: daß die Aufklärung auch eine Kehrseite besäße, aus den Fugen geraten sei und zum Ungleichgewicht sich neige. (In sich ein Indiz dafür, wie wenig Aufklärung vermag, denn auch Horkheimer-Adornos Werk steht in der gleichen Tradition, die sie selbstkritisch betrachtet.)

Die Zeichen melden eindeutig, was vorgeht. Der Anspruch der Naturwissenschaften gegenüber einer von der Aufklärung mitgeprägten Kultur steigt rasant. Die Naturwissenschaft, die Erbfolge fordernd, ist insoweit im Vorteil, als sie auf den schönen Schein des Humanen, auf die Fiktion von Menschentum und Menschenwürde verzichten kann, ja, verzichten muß, da ihr derlei Illusionen nur im Forschungswege stünden. Wie weit wir schon sind, lese man in einem kürzlich publizierten Artikel von Professor Audretsch mit dem Titel »Physiker als Hüter der letzten Geheimnisse« einmal nach. Da steht:

»Unsere Kultur ähnelt ... einem postmodernen Bauwerk. Bei dem Bauwerk finden wir als Zitate mittelalterliche Erkerchen, jugendstilige Fenster, einen klassischen Portikus. In der uns allen präsenten Kultur einen zusammengerührten Salat aus unverstandenen Zitaten aus Theologie, Psychologie, Zeitgeschichte, Ökonomie und eben — immer klarer dominierend — aus den Naturwissenschaften. Das alles mit dem Anspruch auf Welterklärung und Metaphysik. Wenn man über Wissenschaft als Kultur sprechen will, muß man sich fragen: welche Kultur? Was uns tatsächlich prägt, ist die populäre Einheitskultur, wie sie durch Werbung, Zeitschriften, Fernsehen verbreitet beziehungsweise widergespiegelt wird. Und die ist jedenfalls dabei, Naturwissenschaften, genauer gesagt, das, was davon vermittelt wird, zum letzten Mythos unserer Kultur aufzubauen.«

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Das klingt wie ein Schlußwort, wie der Abschied von der durch ästhetische Werte, durch humane Intentionen gekennzeichneten Kultur. Aus, vorbei, perdu. Das »Schöngeistige«, wie man unsere Erzeugnisse einstmals ganz unironisch nannte, weicht einem anderen Geist, und zwar dem märchenhaften aus Aladins Wunderlampe, der wohl viele Wünsche erfüllt, doch sich zugleich zum Herrn über den Wünschenden aufschwingt. Aus einem Artikel wie dem obigen ertönt eine Befehlsstimme: Ihr, die Künstler, die Schriftsteller, habt euren Sessel zu räumen, da ihn die Naturwissenschaftler beanspruchen, unterstützt vom Staat, der seine Repräsentationspflichten mittels Naturwissenschaften befriedigender und konfliktloser erfüllen zu können meint.

Die regelmäßig erneuerte Beschwörung der Aufklärung wirkt immer matter. Äußerungen in dieser Hinsicht artikulieren sich im unduldsamen Ton von Fundamentalismen. Und wenn es eines zusätzlichen Nachweises für das Quasi-Religiöse dessen bedürfte, so ergibt es sich aus der Verteufelung all derer, die sich zum Kniefall vor der Aufklärung nicht mehr bereitfinden. Wer sich dem Konsens der letzten Gläubigen und Aufklärungsprediger nicht anschließt, muß damit rechnen, der politischen Rechten zugeordnet zu werden, als Verräter an der Vernunft, die lobenswert und ewig und nur zeitweilig ein bißchen mißachtet worden ist. Als Nihilist oder Pessimist »entlarvt« zu werden, zählt noch zu den freundlicheren Invektiven, für die man dankbar zu sein hat.

Wir erleben gegenwärtig einen unerwarteten Dissens unter den »Kulturträgern«, der, nach Art des Landes, in Todfeindschaften, Verleumdungen, üblen Nachreden und Heimtücke ausartet. Aber just dadurch, daß ein sich seinem Selbstverständnis nach mit dem linken Spektrum identifizierendes Kartell, vom Fehlverlauf der Historie enttäuscht, dem Diskurs über die eigenen ideologischen Prämissen verweigert, offenbart sich seine positionelle Dürftigkeit.

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Es war und ist ein Irrtum, anzunehmen, daß sich, selbst nach einem wirtschaftlichen Aufschwung, der frühere, gemütliche Zustand wieder herstellte und daß die Dichter wie einst im Mai erneut Einzug ins Herz ihres Volkes halten könnten! Weil die Technokratie rapide ausufern und eine enge Symbiose mit der Gesellschaft eingehen wird, ja, bereits eingegangen ist. Die Zukunft wird ohne »Nischen« sein, wenn auch mit Reservaten versehen. Ich gehe keineswegs soweit, das Ende aller Kultur zu prophezeien, doch ist deren Minimierung todsicher.

Erinnern wir uns des ehedem häufig zitierten Satzes von Marshall McLuhan, daß das Medium die Message sei, ergo die Vermittlung die eigentliche Botschaft, so sehen wir diese Feststellung nun als Realität um uns. Der permanente Schwund des Inhaltlichen zugunsten der Vorherrschaft des Vermittelnden wird unübersehbar. Ein Bühnenklassiker, auf den subventionierten Brettern im wahrsten Wortsinne exekutiert, wird herabgestuft zum puren Materiallieferanten für das inszenatorische Vabanque sich göttlich dünkender Interpreten. Die Sache selber ist von minderem Interesse, die verblüffende Aufführung alles. 

Mit diesem Substanzverlust geht eine Tempozunahme aller Abläufe einher, deren Folgen verheerend sind. Kultur, insbesondere Literatur, benötigt Zeit nicht bloß zum Entstehen, sondern auch zur Aufnahme. Aber weder Autor noch Leser bringen ausreichend Geduld auf, sich gründlich mit einem Werk zu befassen. Einzig die Älteren, die alten Leute besitzen noch die Muße — ein übrigens fremd gewordener Begriff —, sich mit einem Buch ausgiebig zu beschäftigen. Ob jedoch die heutzutage Jüngeren als Ältere die gleiche Fähigkeit aufweisen werden, ist fraglich. Man kann den Umgang mit Literatur verlernen. Bereits jetzt erscheint uns die Jugend fremd wie nie, wie eine andere Rasse, deren verrohte und eingeschränkte Sprache wir nicht nachvollziehen und reproduzieren können, ohne komisch zu wirken.

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Niemals zuvor bestanden derartige Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Generationen wie gegenwärtig. Diese Kluft ist eine zivilisatorische und durch Kultur nicht mehr überbrückbar, da letztere ihre Allgemeinverbindlichkeit und Allgemeingültigkeit eingebüßt hat.

Gerade im Umgang mit jugendlichen Gewalttätern bietet die Gesellschaft den kläglichen Anblick einer Aufklärung, welche nach anachronistischen Maßstäben urteilt, ohne zu merken, daß sie, das Gute wollend, das Böse recht eigentlich erst geschaffen hat. Lebensverachtung, sogar die des eigenen Lebens, durch erschreckende Todesbereitschaft offenkundig, läßt sich schwerlich mit einem pädagogischen Mangel, mit einem erzieherischen, also aufklärerischen Manko wegerklären. Was gestern schon an Schulen vor sich ging, spielt sich heute auf den Straßen ab. Muß nicht Kultur, insbesondere die der Aufklärung verpflichtete Literatur, vor solcher Bedrohung zuschanden werden? Dies noch dazu unter dem Aspekt der Kosten-Nutzen-Rechnung, da die Kultur als Prävention keinerlei Erfolge vorzuweisen hat?

Ein konkretes negatives Beispiel für politische Aufklärung stellt die DDR dar. Trotz vielfältigster Information über diesen Staat und sein Unrechtswesen hat sich eine dubiose Nostalgie eingestellt und versieht die düstere Vergangenheit mit einem lichten Schein, fast mit einer Aureole. Welche hochgemute und verspätete Ignoranz gegenüber einer Zwangsgemeinschaft, der man auf einmal eine längere, geläuterte, verbesserte Existenz gewünscht hätte, als wäre ein Prolongieren ohne Zwang möglich gewesen. Eine grassierende Sentimentalität leugnet das eben noch vorhandene Wissen über die Wahrheit oder sucht sie entschuldigend abzuschwächen. Motto: »Es war doch nicht alles schlecht in der DDR!« 

Die Unterdrückung nach innen und die Abschottung nach außen stellen sich im Nachhinein als Elemente der Sicherheit und Geborgenheit heraus — angesichts der Enttäuschung über die Vereinigung. Dieses Beispiel erläutert überdeutlich, daß Aufklärung da unwirksam und vergeblich bleiben muß, wo subjektive Interessen stärker sind. Und meist sind sie es ja.

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Hinzu kommt der deutsche Drang, sich der selbstverschuldeten Historie entziehen zu wollen, um ein merkliches Unbehagen, einen Gewissensdruck loszu­werden. Der große Erfolg, die große Beliebtheit eines zum Ministerpräsidenten gewandelten Stasi-Informanten zeigen unabweislich die durch keine Aufklärung zu schließende Kluft zwischen öffentlicher Moral und individueller Befindlichkeit, welche in ihrer Summation der öffentlichen Moral ein Schnippchen schlägt. Wo wir alle ein bißchen Dreck am Stecken haben, wählen wir natürlich eher einen unseresgleichen anstelle eines Saubermannes, mit dem wir uns nicht identifizieren können. Den letzten Neuigkeiten aus Frankreich zufolge könnte man dieses Verhalten das »Mitterand-Syndrom« nennen.

Die vom Westen weit überschätzte Leidenschaft des DDR-Bürgers für das »gute Buch« ist nicht zufällig so abrupt abgeklungen. Dem Leser wurde erlaubt, innerhalb seiner Nische die Faust um einen zugelassenen Lesestoff zu ballen — metaphorisch ausgedrückt. Insoweit war auch die kritische DDR-Literatur ungefährlich für das System und diente vielmehr zu dessen Stabilisierung. Denn das Maß des dem Leser zugestandenen »Giftes« überschritt niemals die homöopathische Dosis. Von daher wird die verschwundene Lesegier verständlich. Wer geringprozentige Getränke zu sich nimmt, bedarf großer Mengen, um überhaupt eine Wirkung zu verspüren.

Im übrigen war die DDR nur der Extremfall dessen, was bei Herbert Marcuse die »Affirmation der Kultur« heißt. Mit der Prothese Literatur humpelte man eben leichter durch den grauen DDR-Alltag. Gerade an der DDR und ihren Nachwehen läßt sich die noch kaum bestrittene Notwendigkeit des Kompensationseffektes von im Westen bereits überlebten Kulturformen ablesen. 

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Die besondere Bedeutung der Lektüre für den DDR-Bürger bestand darin, daß das Buch für alles Vermißte und Unerreichbare einstehen mußte. Daher war das Bewußtsein vom »falschen Leben« schärfer und schmerzender, als es bei einem Altbundesbürger hätte sein können, der im Taumel technischer Innovationen und der Hektik beschleunigten Daseins extrovertierter als sein Bruder jenseits der Mauer gewesen ist.

Die »Brave New World« hat sich im Osten noch nicht völlig durchgesetzt, so daß ein weiteres affirmatives Ferment unter der Oberfläche rege tätig sein kann. War ehedem der für kritisch geltende »Kulturschaffende«, der wegen seiner gemäßigten Kühnheit allseits verehrte Dichter, ein Stellvertreter für die eigene Einstellung, so ist die gleiche Gestalt heute der Kristallisationspunkt für jene von Ostdeutschen stets aufs neue beschworene, nur in Anführungs­zeichen zu erwähnende »Identität«. Wir können durch die DDR-Geschichte leichter als durch diejenige gängigerer Gesellschaften den ambivalenten Gebrauch von Kultur begreifen. Ich bin versucht zu sagen, daß die Kultur der DDR, gemessen an den von ihr hervorgerufenen Reaktionen, durchaus altertümliche Züge aufweist. 

Ganz wie der Staat in seiner hierarchischen Struktur, seinem fast feudalistischen Zuschnitt, etwas außerordentlich Unzeitgemäßes hatte, etwas Gestriges, dessen Verlust beklagt wird, ohne daß dabei der Anachronismus selber als solcher erkannt würde. Darum der »Kulturschock« nach dem Mauerfall, weil bis dato ganze Bevölkerungsschichten auf einem anderen historischen Gleis gemütlich dahintuckerten. Das Geschehnis glich einer science-fictionhaften Zeitreise, durch welche Menschenmassen in eine andere Ära versetzt worden sind, durch mangelnde, einzig durch Medien übermittelte Kenntnisse wenig auf das reale Erlebnis vorbereitet. Daß man durch einen langsameren Übergang den Schock hätte vermeiden können, wird von manchen noch immer Verstörten behauptet — doch das wäre vermutlich unmöglich gewesen.

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Mit der Grenzöffnung schäumte die Woge des westlichen Technizismus (wie man die aktuelle gesellschaftliche Formation bezeichnen könnte) unaufhaltsam ins bis dahin durch Dämme umgebene Ländchen hinein. Die Abkühlung des zwischenmenschlichen Klimas, die explosive Zunahme von Gewalt sind wohl Anpass­ungs­erscheinungen und darum besonders auffällig und beängstigend, weil sie von einem Tag auf den anderen inmitten einer pseudoharmonischen Gesellschaft eintraten. Die Phänomene an sich sind weder neu noch überraschend.

Zwei Dinge, mitverantwortlich für den Wandel der gewohnten, überkommenen Kultur, sind zu nennen. Wesentlich einmal das Aufkommen einer neuen, nahezu Babylonischen Sprachverwirrung. Nicht allein, daß im wiedervereinten Deutschland aufgrund von vier Jahrzehnten unterschiedlicher Sozialisationen wir imstande sind, uns von Herzen mißzuverstehen (und es häufig genug auch tun) — gravierender erscheint mir die sprachlich verursachte Entfremdung zwischen Angehörigen verschiedener Altersstufen.

Der immer raschere Wandel technischer Hervorbringungen hat zweifellos den immer schnelleren Wechsel kultureller Zeichensysteme nach sich gezogen, was merkliche Folgen für die Kommunikation zeitigte. Aus den Terminologien sickern unaufhörlich Redewendungen und Versatzstücke in unsere Sprache ein, werden benutzt, vernutzt, verschlissen, werden ausgeschieden und durch neue ersetzt. Die Sprache der Maschinen, das apparatbezogene Kauderwelsch in Basic-English löscht anderes aus. Schon ist einer kein Anhänger mehr, sondern ein Fan, kein intensiv mit einer Sache Befaßter, sondern ein Freak. Auch die Verwendung der Begriffe wird umgestülpt. War vielleicht einmal ein Sympathisant etwas Positives, jemand, der durch Neigung an einer Sache, an einer Gruppe hing, so steht er heute bereits im Geruch des Terrorismus. 

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Und man liest selber schon mit Verwunderung das von Konrad Lorenz empfundene und notierte Verwundern, als er nach dem Studium sämtlicher Werke Sigmund Freuds feststellte, daß dort nicht ein einziges Mal das Wort »Freude« auftauchte. Man möchte eigentlich für eine »Rote Liste« gefährdeter und aussterbender Wörter plädieren, weil das, was wegfällt und aufhört, auch im Denken und Fühlen Leerstellen hinterläßt.

Noch einmal Ernst Niekisch: »Mit der Differenziertheit gibt man die Höhe preis, die man erklommen hat ...« Diese Höhe, von der ruhig behauptet werden mag, sie sei der Zufluchtsort des Elitären, wegen einer Sicht- und Sprechweise aufzugeben, die zwischen Banalität und demokratischem Bedürfnis zu unterscheiden verlernt hat, gleicht einer Kapitulation. Unsere Niederlage wäre komplett, wollten wir den Forderungen nach »Volkstümlichkeit« entsprechen, nach Massenwirksamkeit, dem Anersinnen nach leichterer Verständlichkeit, nach simplerer Schreibweise, nach einer Aussöhnung mit der populären Kultur, also mit der Eintopfsuppe, unter Verzicht auf Subtilität, unter Verzicht auf den Gegenentwurf zu einer alles und jeden instrumentalisierenden Wirklichkeit.

Damit meine ich nicht die Utopie, deren Koordinaten von der Gesellschaft ausgehen und zu ihr zurückführen und deren Attraktion durch politische Indienst­nahme zugrunde gerichtet worden ist. Was der Gegenentwurf zu enthalten hätte, wäre die Einmaligkeit des individuell Erfahrenen, solange die Möglichkeit zum Erfahren des jeweils eigenen Seins noch gegeben ist. Wir wissen doch: Nur das absolut Individuelle ist gleichermaßen das Allgemeingültige. Aber das ist schon eine unzulässige Abschweifung vom Thema ...

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Zum Thema gehört der Hinweis, daß die materiellen Mittel für Kultur ihr ja keineswegs zur Gänze zukommen. Denn Kultur wird auch von Verwaltern verwaltet. Zwischen die Gesellschaft und die primären Kulturproduzenten hat sich, ähnlich wie beim Sport, eine Schicht von Funktionären, Managern, Vermittlern geschoben, welche, durch Abwesenheit anderer Talente gestraft, sich dem Organisieren von Kulturereignissen hingibt, von Festivals und Bücherfrühlingen, von Lyrik-Märkten und Lese-Olympiaden. Dergleichen »Pflege« entspricht dem Wachstum gesellschaftlicher Mechanisierung. Durch bestimmte Formen der »Aufbereitung« erweckt Kultur den Anschein, sie sei ein Fachgebiet wie theoretische Physik oder anorganische Chemie, meßbar, quantifizierbar, kombinierbar, einpaßbar und damit anpaßbar. Wo alles berechenbar wird und umrechenbar in Einnahme-Ausgabe-Relationen, und damit auch bezahlbar, schwindet an der Kultur ihr Essentielles, nämlich das an ihr Unbezahlbare, das sich der Berechnung entzieht.

Und noch ein anderes der Kultur abträgliches, ebenfalls aus den Naturwissenschaften stammendes Moment scheint mir wichtig, weil es die Undifferenziert­heit befördert. Was bei den Naturwissenschaften Wertfreiheit und Objektivität heißt, wird bei der Kultur zum Pluralismus, zu einer Gleichwertigkeit kultureller Phänomene, vom Slogan »Everything goes!« geheiligt.

Die Naturwissenschaftler und ihre Propheten und Praktiker haben das bedrohliche Exempel vorgeführt, daß man alles machen kann, weil der rächende und strafende Gott inzwischen aus der Kirche ausgetreten ist, beziehungsweise weil die Folgen sich in eine Zukunft verlagern lassen, die ihre Urheber nichts mehr angeht. Aber, so muß gefragt werden, wenn die ethischen wie die ästhetischen Maßstäbe zerbröckeln, sind dann nicht tatsächlich die Naturwissenschaften wahrhafter legitimiert, sich an die Stelle der bisherigen Kultur zu setzen, da sie, die Naturwissenschaften, einen viel geringeren Traditionsballast mit sich tragen, als es die alten Kunstgattungen trotz ihrer »Modernität« immer noch tun?

Die naturwissenschaftlichen, der Forschung und Lehre entspringenden Ideale liegen klarer auf der Hand, sind eindeutiger, und zudem nützlicher, falls sie in Praxis münden. Soweit jedenfalls die allgemeine Ansicht. Wer würde wohl bei einer Abstimmung zwischen Naturwissenschaft und Kultur gegen erstere votieren? Wer solche Wahl für eine ironisch-phantastische Alternative hält, irrt sich mächtig. Wir votieren tagtäglich dementsprechend, auch wenn wir uns dessen nicht bewußt sind. Wir setzen immer mehr auf Wissenschaftlichkeit, auf Wissen, und immer weniger auf Kultur, auf Kunst, auf Literatur als einem »Lebensmittel«.

Die Kultur als »Steuerungsmechanismus« der Psyche, als Schule der Emotionen, als Arkanum und Mittel der Persönlichkeitsbildung hat ihre einzigartige Stellung nur noch peripher inne. Die Präferenzen wechseln. Die Gesellschaft, meinetwegen der Staat, wenden ihr Augenmerk verstärkt den Naturwissen­schaften zu, welche die Waage zu ihren Gunsten in Bewegung setzen, während die Kultur, einem Luftikus gleich, nicht mehr ins Gewicht fällt.

Ob das eine unkorrigierbare Perspektive ist, kann ich nicht entscheiden. Zumindest aber ist es höchste Zeit, sich wenigstens spekulativ mit der Entwicklung zu befassen. Die Überraschungen kommen noch früh genug — so oder so.

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(11.9.1994)

 

  Heinz Friedrich 1979 

 

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