Robert Kurz

Schwarzbuch Kapitalismus

Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft 

1999 by Eichborn-Verlag 
Herstellung: Fuldaer Verlagsagentur
Lektorat: Ulrich Callenberg 

  

1999  792 (816) Seiten   

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Inhalt

Prolog (9)

Übrigens sah der Verurteilte so hündisch ergeben aus, daß es den Anschein hatte, als könnte man ihn frei auf den Abhängen herumlaufen lassen und müsse bei Beginn Exekution nur pfeifen, damit er käme.   Franz Kafka

Epilog  (781)  

Literatur  (793-816) 


 

Es kann nur noch ein Abenteuer geben: die Überwindung der Marktwirtschaft jenseits der alten staats­sozialistischen Ideen. Danach mag eine andere Geschichte beginnen.

Der Lebensstandard breiter Bevölkerungsgruppen sinkt, die Arbeits­losigkeit nimmt zu, der Ausweg in die Dienst­leistungs­gesellschaft erweist sich als Illusion. Die Markt­wirtschaft wird mit ihren Produktivitäts­sprüngen – Automation und Globalisierung – nicht mehr fertig.

In einer Analyse der drei großen industriellen Revolutionen zeigt Robert Kurz, weshalb die Wachstums­dynamik der letzten 200 Jahre zwangsläufig erlischt und warum das bisherige System von "Arbeit", Geldein­kommen und Warenkonsum nicht mehr zu retten ist.

Robert Kurz seziert die Marktwirtschaft, zeichnet die drei industriellen Revolutionen nach und belegt, wie der Kapitalismus aus weitverzweigten Wurzeln und vielen Quellen im Laufe der Geschichte Varianten seiner inneren Widersprüch­lichkeit hervorgetrieben hat: Liberalismus und Sozialdemokratie, den Staatssozialismus als Form nachholender Modernisierung, aber auch immer wieder Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus.

Es zeigt sich, daß die bisherigen Gegenentwürfe das Wesen der kapitalistischen Geldmaschine unangetastet ließen und selber nur Trendsetter jener permanenten "Modernisierung" waren, die sich zunehmend als antisozialistischer Drohbegriff entpuppt. 

Aber ausgerechnet in demselben Maße, wie er von allen Parteien zum alternativlosen Schicksal der Menschheit erklärt wird, treibt der Kapitalismus heute auf eine ausweglose Situation zu. 

 

1. Modernisierung und Massenarmut  (14)  Marktwirtschaft macht arm (15)  Weberelend und Weberaufstand (22)  Die Geburt des Weltmarkts aus dem Geist des Absolutismus (26)

2. Die schwarze Utopie der totalen Konkurrenz  (33)  Eine Gesellschaft von Ungeheuern (34)  Private Laster als öffentliche Vorteile (45)  Die Frau als Hündin des Mannes (53)  Die unsichtbare Hand (65)  Das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl (76)  Die Meuterei auf der Bounty (90)

3. Die Geschichte der Ersten industriellen Revolution  (101)  Die Vernunft der Betriebswirtschaft (106)  Die Mühlen des Teufels (111)  Maschinenstürmer (125)  Das Bevölkerungsgesetz: Verschwindet von der Erde! (138)  Soziale Emanzipation oder staatsbürgerliche Nationalrevolution? (154)  Die sozialdemokratische Sonntagsschule des Liberalismus (167)  Freihandel und nachholender Nationalismus (179)  Das Gesetz des Gleichgewichts und das industrielle Schneeballsystem (188) 

4. Das System der nationalen Imperien  (199)  Vater Staat (203)  Gründerschwindel und Große Depression (219)  Das Gesetz der zunehmenden Staatstätigkeit (227)  Sozialistischer Absolutismus (237)  Panzerkreuzer und Raubnationalismus (250)  Ausgerechnet Bananen (265) 

5. Die Biologisierung der Weltgesellschaft  (273)  Der Kampf ums Dasein (275)  Menschenzucht und Fortpflanzungs­hygiene (281)  Rassenkampf und Weltverschwörung (289)  Die deutsche Abstammungs­gemeinschaft  (299)  Sozialismus der höheren Wirbeltiere (312) 

6. Die Geschichte der Zweiten industriellen Revolution  (330)  Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts (335)  Henry Ford und die Geburt der Auto-Gesellschaft (364)  Die Rationalisierung des Menschen (386)  Weltwirtschaftskrise (414)  Diktaturen und "Krieg der Welten" (440)  Arbeitsstaat und Führersozialismus (450)  Der verlorene Traum und der kapitalistische Furor (459)  Die negative Fabrik Auschwitz (478)  Löcher graben und Pyramiden bauen: die keynesianische Revolution (496) 

7. Das System der totalitären Weltmarkt-Demokratien  (513)  Nagelneue Ruinen (514)  Der totalitäre Markt (524)  Totale Mobilmachung (539)  Totalitärer Freizeitkapitalismus (564)  Die totalitäre Demokratie (574)  Der kurze Sommer des Wirtschaftswunders (582)  Weltzerstörung und Bewußtseinskrise (591) 

8. Die Geschichte der Dritten industriellen Revolution  (602)  Visionen der Automatisierung (605)  Die Wegrationalisierung des Menschen (616)  Der Staat dankt ab (642)  Der letzte Kreuzzug des Liberalismus (667)  Die neue Massenarmut (698)  Die Fata Morgana der Dienstleistungsgesellschaft (718)  Kasinokapitalismus: Das Geld wird arbeitslos (728)  Das Ende der Nationalökonomie (748)  Die Dämonen erwachen (762) 

  


Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 25.05.2000      perlentaucher.de/buch/1880.html 

Schwarzbücher haben Konjunktur, schreibt der Rezensent Günther Frieß, und nachdem bereits das Ende des Kommunismus konstatiert wurde, ist nun also der Kapitalismus an der Reihe, angeschwärzt zu werden. Allerdings ist ein Ende des Kapitalismus nicht in Sicht, und gerade darum sei es ein mutiges Unterfangen, meint Frieß, in dieser Zeit eines sich "alternativlos" zeigenden Gesellschaftssystems, dessen laut Autor "unheilvolle" Geschichte zu bilanzieren. --- Kurzens Schwarzbuch tut dies gründlich und auf offenbar lesenswerte Weise, folgt man den Ausführungen von Frieß. Als Manko des Buches sieht er allerdings die Tendenz des Autors, "den Kapitalismus als Wurzel allen Übels" zu betrachten. 

Dies verstricke den Autor in eher paranoide Verschwörungstheorien, die davon ablenken, dass Kurz zwar Handlungsbedarf, aber kein Personal für eine soziale Rebellion sieht.


Lehrreich, und doch ärgerlich     J.W. Sommer  aus Mühlhausen/Thüringen    2000

800 Seiten Text, vom reichhaltigen Literaturverzeichnis abgesehen, bieten viel wertvollen Lesestoff zur Zeitgeschichte. Und doch: Es ist liegt erstens eine gefährliche Konfusion von Marktwirtschaft und Kapitalismus vor. Die Kritik an einem ausufernden Kapitalismus ist zwar berechtigt, eine Alternative zum Markt wird nicht geboten. Der Markt mit Angebot und Nachfrage ist schließlich so alt wie die Menschheit. 

Bedenklich sind die Thesen, die im Epilog aufgestellt werden. Der Rückgriff auf die Gedanken der 68er und die Empfehlung einer Räte-Republik mit einer Kultur der Verweigerung sind Lösungsvorschläge von gestern. Die Marxsche Theorie ist nicht widerlegt, das stimmt, doch die globalisierte Welt wird nicht mehr von greifbaren Unternehmen regiert, die den Mehrwert abschöpfen. R.Kurz kann dazu anregen, über den Marx des 19. Jhd. hinaus zu denken.


Erschreckend, und doch überzeugend   Eine Leserin oder ein Leser aus St. Gallen, Schweiz , 13. Januar 2000

Robert Kurz' Abrechung mit dem Kapitalismus ist erschreckend, angesichts der leicht nachvollziehbaren Argumente und Fakten aber höchst überzeugend - leider. Bedauerlicherweise kennt auch Robert Kurz keine einfachen Wege aus dem Teufelskreis des Kapitalismus, doch allein die Lektüre dieses Buches regt zum Nachdenken an ... Pflichtlektüre für alle Menschen, die sich trotz Kapitalismus einen Buchkauf noch leisten können. 


Ein unsäglich plattes Buch    Ein Leser aus München  2000

Wenn dieses Buch den Stand der Kapitalismuskritik widerspiegelt, dann gute Nacht! Herr Kurz macht sich nicht mal die Mühe, Kapitalismus zu definieren, er setzt ihn einfach mit Geldwirtschaft und Diktatur und Imperialismus gleich. Kurz macht sichs einfach, verdammt die Marktwirtschaft in Bausch und Bogen ohne eine mögliche Alternative auch nur zu erwähnen, geschweige denn zu skizzieren. Zur historischen Methode: Die Behauptung, den Leuten im 14. Jahrhundert wäre es besser gegangen als heute, ist so sagenhafter Unsinn, daß man nur staunen kann. Warum kann die Erde heute 6 Milliarden Menschen ernähren, während es im Mittelalter nur ein Bruchteil dieser Zahl war? Genau: Weil die Produktionsmethoden sich dramatisch verbessert haben und unendlich mehr Güter zur Verfügung stehen. Daß diese Güter auf mehr Menschen verteilt werden müssen, ist ja wohl nicht die Schuld der Marktwirtschaft. Wenn man ein intelligentes Buch über die Krise der Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert lesen will, sollte man lieber zu "Der Turbokapitalismus" greifen.


Volltreffer     Dr. Ulrich Tretter aus Mainz    2000

Robert Kurz hat geschafft, was viele, wenn nicht fast alle für unmöglich hielten: Er hat die theoretische Lähmung, die die Linke angesichts des real existierenden und triumphierenden Kapitalismus befallen hatte, überwunden. Und er hat die emanzipatorischen Grundgedanken von Marx neu entdeckt, jenseits des nun wirklich abgewirtschafteten Staatskapitalismus des sogenannten "real existierenden Sozialismus". Wer ab jetzt den Kapitalismus grundsätzlich kritisiert, muß sich diesen Schuh wirklich nicht mehr anziehen. Mit einem immensen Aufwand an Belesenheit und gründlicher historischer Quellenanalyse weist Kurz nach, daß "freie Marktwirtschaft" einige wenige reich und sehr viele arm macht, daß die vielbeschworenen Fortschritte zu Lasten der Menschen gehen, und daß das keine bedauerlichen Übergangserscheinungen, sondern systembedingte Notwendigkeiten sind. Vor allem aber weist Kurz auf den Grundwiderspruch hin: Nicht das System der kapitalistischen Waren- und Güterproduktion dient dem Menschen, sondern der Mensch hat diesem System zu dienen. Der Selbstzweckcharakter dieser Veranstaltung wurde selten so klar herausgearbeitet, ebenso die Grundlagen der Entfremdung. Die theoretisch fundierten Analysen verbindet Kurz mit brillanten rhetorischen Seitenhieben, so wenn er nachweist, daß die Menschen trotz der angeblich arbeitsersparenden Maschinen noch nie so viel gearbeitet haben wie im Kapitalismus. Und er nennt die Gründe dafür. Fazit: Wer sich grundsätzlich mit diesen Problemen jenseits der herrschenden Meinung der Ökonomen, Beschwichtigern des "dritten Wegs", die ein wenig soziale Salbe auf die Wunden schmieren wollen, die der Kapitalismus schlug, und Uralt-Marxismus-Leninismus auseinandersetzen will, der sollte zu Robert Kurz greifen! Robert Kurz lädt zum Denken ein. Und das ist sein größtes Verdienst.

 


Amazon.de   von Stephan Fingerle 

Die Verheißungen der globalen Marktwirtschaft haben sich seit 1989 als Illusion erwiesen. Wer angesichts dieser unerwarteten Krise des Kapitalismus auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertraut, hängt einem Irrglauben an. Für den Philosophen und Schriftsteller Robert Kurz ist der Kapitalismus ein Auslaufmodell, das unaufhaltsam auf seinen Untergang zusteuert, unfähig Alternativen zu entwickeln, die den Weg aus der Krise weisen könnten.

"Marktwirtschaft macht arm" postuliert Kurz in seinem Schwarzbuch Kapitalismus und weist im folgenden en detail nach, daß es der großen Mehrzahl der Menschheit unter der neuen Marktordnung "in nahezu jeder Hinsicht schlechter gegangen ist als im 14. und 15. Jahrhundert". Zwar gibt es auch Gewinner, wir selbst gehören zweifellos dazu, aber in der Gesamtbilanz überwiegt doch eindeutig die Verliererseite.

Um aus der von ihm diagnostizierten Ausweglosigkeit des kapitalistischen Systems ausbrechen zu können, fordert Kurz eine Rehabilitierung der Geschichte. Die folgende präzise Analyse der drei großen industriellen Revolutionen legt den Grundstock für seine eigentliches Anliegen: ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neue radikale Kapitalismuskritik.

Robert Kurz geht es nicht um eine Reform des Kapitalismus, sondern um dessen Abschaffung. "Staat und Markt" sind nicht alternativlos, doch liegt die Alternative nicht im "vorsintflutlichen Staatssozialismus", der ohnehin "nur eine gröbere, eher mickrige und auf halbem Weg steckengebliebene Billigversion des Westens" war. Die wirkliche Alternative liegt in der Selbstverwaltung der Gesellschaft durch ein umfassendes Rätesystem.

Mit seinem Schwarzbuch Kapitalismus hat Robert Kurz einen zentralen Beitrag zur aktuellen Debatte um die Zukunft unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung vorgelegt. Das Buch macht Hoffnung, daß mit dem Zeitalter der entfesselten Märkte nicht auch das Ende der Geschichte gekommen ist.

 


Günther Frieß, Riegelsberg (Saar) 

Seit einiger Zeit schon haben <Schwarzbücher> Konjunktur. Nach dem <Schwarzbuch Kommunismus> und dem <Schwarzbuch KGB> bekommt jetzt auch der Kapitalismus seinen schwarzen Anstrich verpasst. 

Der Philosoph und Krisentheoretiker Robert Kurz, der bereits mit „Kollaps der Modernisierung“ für Aufsehen sorgte, übt in seinem jüngsten Buch, „Schwarzbuch Kapitalismus“, eine fulminante und radikale Kritik am kapitalistischen Weltsystem – in Zeiten einer gesellschaftlichen Tabuisierung von Kapitalismuskritik ein kühnes Unterfangen.

Während Francis Fukuyama mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 bereits das Ende der Geschichte konstatierte und den Kapitalismus als letztgültiges Prinzip propagierte, sieht Kurz indessen den marktwirtschaftlichen Kapitalismus „am Ende seines Blindflugs durch die Geschichte angelangt“. Nach dem Ende des Sozialismus also auch das Ende des Kapitalismus?

Auf über 800 Seiten stimmt der Autor einen „Abgesang auf die Marktwirtschaft“ an und zieht eine provokative Bilanz der „unheilvollen“ Geschichte des Kapitalismus. Dabei ist es ein zentrales Anliegen von Kurz, dem historischen und kollektiven Gedächtnis der Menschen auf die Sprünge zu helfen, denn: Das Bewusstsein der Herkunft der ökonomischen Rationalität mit ihrer konstitutionellen Wachstums- und Steigerungsdynamik sei verlorengegangen und werde nicht mehr reflektiert. Damit einher gehe sowohl eine Mystifikation der „Naturbedingtheit“ der kapitalistischen Produktions- und Lebensweise als auch eine Art „freiwilliger Alternativlosigkeit“. Aber, so der Autor, „um eine neue, andere Alternative denken zu können, muss zuerst die Geschichte rehabilitiert werden.“ 

Folglich steht im Zentrum des Buches eine Analyse des industriellen Kapitalismus. Kurz sammelt und präsentiert hierfür eine Fülle von Fakten und Daten, zitiert und rezipiert unermüdlich 300 Jahre Modernitätsgeschichte und kommt zu dem Schluss, es sei eine historische Tatsache, dass „der Kapitalismus einige wenige reich, die Masse aber bettelarm macht.“ Schon immer habe der Kapitalismus nur in relativ kurzen Phasen so etwas wie Massenwohlstand produziert. Zwar konzediert Kurz dem Kapitalismus einige zivilisatorische Errungenschaften wie zum Beispiel bessere Gesundheitsversorgung und Bildung sowie eine bessere Versorgung der Menschen mit Gütern und Dienstleistungen, doch der globale Kapitalismus differenziere die Gesellschaft mehr und mehr – mit der Folge einer strukturellen Asymmetrie gesellschaftlicher Macht.

Um den „Aporien des Kapitalismus“ auf die Spur zu kommen, geht Kurz zu „den ontologischen Kategorien des Kapitalismus“ zurück. Utilitarismus (Bentham) und Protestantische Ethik (Weber) beförderten die Dynamik des grenzenlosen Wachstums und das Prinzip der Gewinnmaximierung. Auf der Grundidee, es gebe ein Naturrecht auf Einkommen aus Eigentum zum Erwerb von noch mehr Eigentum, beruht laut Kurz eine „totalitäre Ökonomie“ mit all ihren Folgen von zwanghafter Produktivität und neurotischem Konsum. So habe sich mit Beginn der zweiten industriellen Revolution (Fordismus) der irrationale Selbstzweck der kapitalistischen Produktionsweise einer gesteigerten Produktivität und „Leistungsverdichtung“ immer mehr verselbständigt. 

Vor allem die Autogesellschaft, das Auto als eine „geglückte Symbiose von Investition und Konsum“ konnte den gesamten Lebenszusammenhang als kapitalistischen formulieren. Die forcierte Verinnerlichung der kapitalistischen Disziplin mit ihrem Fetischcharakter von Geld und Waren und einem abstrakten und sinnlos gewordenen Wachstum schlägt laut Kurz nun um in Degeneration. In der „Wegrationalisierung des Menschen“, dem „zentralen Merkmal der dritten industriellen Revolution“, offenbart sich für Kurz der „logisch programmierte und irreversible Selbstzerstörungsprozess“ des marktwirtschaftlichen Kapitalismus.

Weder der Dienstleistungssektor noch neue Technologien wie Mikroelektronik erweisen sich für Kurz als Arbeitsplatzmotor; weitere Segmente der Arbeitsmärkte brechen unterdes immer mehr weg. Zudem hat eine Beschleunigung des technischen Fortschritts zur Folge, dass die Menschen als Produzenten nicht mehr gebraucht werden; die kapitalistische „Geldmaschine“, so Kurz, habe kein „Material“ mehr. Und je mehr sich die Wirtschaft in den Dienst inhalts- und substanzloser Geldvermehrung stelle, um fiktive „Wertsteigerungen“ zu realisieren, desto früher breche das überhitzte und spekulative System zusammen.

Kurzs radikale Kritik des Kapitalismus erinnert zuweilen an Verschwörungstheorien marxistischer Provenienz, in denen das verdinglichte Kapital an allem schuld ist. So habe der Kapitalismus nahezu alle Katastrophen der Moderne verursacht. Die Missstände in der dritten Welt und die Zerstörung der Ökosphäre zählen für ihn ebenso dazu wie Faschismus, Nationalismus und Antisemitismus. In der Tendenz, den Kapitalismus als Wurzel allen Übels zu betrachten, liegt freilich ein Manko des Buches. Und wenn Kurz gegen den „Kapitalismus als Menschendressur“ polemisiert und von der „Verhausschweinung des Menschen im Triptychon des demokratischen Gulags“ spricht, ist dies nicht nur übertrieben und zynisch, sondern zeugt auch von schlechtem Stil. 

Gleichwohl: Der zeitkritischen Diagnose einer Verhärtung der kapitalistischen Bewusstseinsform kann man durchaus zustimmen. Beispielhaft führt der Autor hier ein immer brutaler werdendes „Gewinner/Verlierer-Spiel“ an, das einhergeht mit einer neoliberalen „Redarwinisierung“ des Sozialen und Ökonomischen. Angesichts dieses „Rückschlag des Denkens“ fordert Kurz konsequent einen Rekurs auf Theorieansätze, „die den Menschen als soziales und psychisches Wesen und die Gesellschaft aus ihrer eigenen historischen Konstitution heraus verstehen wollen“; die Marxsche Theorie sei notwendiger und aktueller denn je, „sie ist nicht widerlegt; sie gewinnt erst jetzt ihren historischen Wahrheitsgehalt.“

Seinen ganzen Zorn über eine Entwicklung, in der die Weltkrise der dritten industriellen Revolution „verharmlost, verleugnet und ideologisch verdreht“ werde, lässt der bekennende <68er> Kurz an den Vertretern des eigenen Lagers aus. Überhaupt griff die linke Kritik des Kapitalismus schon immer zu kurz, sei von jeher „systemimmanent“ und „kapitalismuskompatibel“ gewesen. Heute sei es die affirmative Haltung der „Armani-Linken“; mit ihrer fehlenden Radikalität verwalte sie die kapitalistische Krise und die soziale Repression mit.

So hält Kurz auch wenig von Ideen und Maßnahmen zur Korrektur und Begrenzung des Kapitalismus, wie sie z.B. Giddens, Beck und Hobsbawm einfordern. Stattdessen propagiert er den radikalen Bruch mit einem System, das die Menschen auf Waren und Kostenfaktoren reduziert, dessen Produktivitäts- und Rationalisierungsschübe kaum mehr zu kontrollieren sind. Doch was ist die Alternative zur „betriebswirtschaftlichen Rationalität“ des „totalitären Marktes“? Einen möglichen Weg sieht Kurz in der „Selbstverwaltung der Gesellschaft“, in der Etablierung eines „Rätesystems“. Im Rahmen eines solchen Projekts dominiere dann nicht mehr das Kapital; die Menschen entwickelten sich vielmehr zu bewussten Gestaltern ihres sozialen und wirtschaftlichen Lebens und kreierten Rationalitätsformen, die nicht mehr - ausschließlich - ökonomisch definiert seien. 

Am Ende des Buches führt Kurz dem Leser vor, wie der Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen zu schlagen ist, mit seinen selbst geschaffenen Realitäten von Globalisierung und Mikroelektronik. Denn was dem Kapitalismus recht sei, könne der politischen Bewegung einer „Gegengesellschaft“ nur billig sein. Die „Domestizierung des Kapitalismus“ gelinge dann, wenn die Kategorie der Nation aufgegeben werde und die „emanzipatorische Antimoderne“ sich in „supranationalen Beziehungsformen“ - per Internet und Computer - organisiere. 

Mit einer „allseitigen kommunikativen Vernetzung“ sei es gar möglich, die „Herrschaftszentren vertikaler Menschenverwaltung“ auszuhebeln. Hier verstrickt sich Kurz freilich in eine verquere Logik; vor allem, wenn er zugleich einräumt, dass es gegenwärtig am notwendigen Potenzial zur „sozialen Rebellion“ fehlt. Eine sozialkritisch-politische Aktivität entspricht eben nicht dem Zeitgeist; die Menschen identifizieren sich eher mit dem Kapitalismus - machen ihn zu ihrer eigenen Sache. Hat Kurz vielleicht gerade deshalb das richtige Buch zur richtigen Zeit geschrieben? Darüber und über das Buch selbst, lässt sich natürlich streiten. 

Letztlich kann der Rekurs auf die Geschichte zwar keine eindeutige Antwort darauf geben, wie sich Gesellschaft im globalen System überhaupt organisieren lässt, doch kann er zumindest Kontraste zu einem alternativlos und potenziell unendlich scheinenden Kapitalismus geben.

 

 


Rezension zu Kurz von udo-leuschner.de  Presseblick

Mit Billigung des Autors für detopia.de

 

Als 1997 <Le livre noir du communisme> in Frankreich erschien, löste diese 864 Seiten starke Anklageschrift gegen den inzwischen verblichenen Kreml-Kommunismus eine hitzige Debatte aus, die sich nur vor dem Hintergrund der französischen Innenpolitik verstehen ließ: Kurz davor war eine Linksregierung ans Ruder gekommen, in der neben Sozialisten und Grünen auch die Kommunisten saßen und noch sitzen. 

Die PCF hat sich aber bisher einer Auseinandersetzung mit ihrer stalinistischen Vergangenheit so gut wie völlig entzogen. Die zur PDS mutierte SED in Deutschland (PresseBlick 10/98) ist geradezu ein Muster an Bußfertigkeit, wenn man sie mit ihrem französischen Pendant vergleicht.

Hierzulande fand das "Schwarzbuch des Kommunismus", wie der deutsche Titel lautete, nur ein mäßiges Echo. Auch war die Rezeption eine andere: Kritiker bemängelten, dass sich das Wesen des Stalinismus nicht mit einer bloßen Auflistung des Schreckens erfassen lasse. Aus Koestlers "Sonnenfinsternis" oder Leonhards "Die Revolution entläßt ihre Kinder" erfahre man noch immer zehnmal mehr über die menschenverachtende Ideologie und Praxis des Kreml-Kommunismus. Mit der anfechtbaren Behauptung, der kommunistische Terror habe noch mehr Menschenleben gefordert als das Wüten des Nationalsozialismus, trage dieses Schwarzbuch außerdem dazu bei, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verharmlosen oder zumindest zu relativieren.

 

Drei Fliegen mit einer Klappe: Der Kapitalismus ist auch am Faschismus und Kommunismus schuld

Das vorliegende Buch spekuliert mit seinem Titel auf diese Kontroverse. Es nimmt den Begriff des "Schwarzbuchs" im Sinne eines Kompendiums der Anklage auf, um ihn gegen den Kapitalismus zu richten. Zugleich erweckt es auf den ersten Blick den Anschein, als wolle der Verfasser auf 816 Seiten eine genauso dickleibige Gegenrechnung aufmachen.

Dieser Eindruck einer simplen Retourkutsche trifft allerdings nicht zu. Robert Kurz will nicht dem "Schwarzbuch des Kommunismus" ein noch schwärzeres Buch des Kapitalismus entgegenhalten. Er macht vielmehr den Kapitalismus gleich für alle Übel dieser Welt verantwortlich. Auch die Schwarzbücher des Kommunismus werden da noch zu Schwarzbüchern des Kapitalismus: In der Sicht von Robert Kurz sind nämlich auch der Stalinismus oder der Nationalsozialismus nur so etwas wie historische Seitentriebe aus dem Wurzelgeflecht des kapitalistischen Zeitalters.

Einige Bruchstücke dieser Sichtweise sind gar nicht so neu: Dass der Nationalsozialismus eine "Form bürgerlicher Herrschaft" sei, gehörte schon zu den Gemeinplätzen der Außerparlamentarischen Opposition. Die Theoretiker des Totalitarismus behaupteten schon immer, dass es zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus mehr Gemeinsamkeiten als Gegensätze gebe. Und schließlich tauchte bereits in den linken Theorie-Debatten der achtziger Jahre der Begriff des "Fordismus" als systemübergreifendes Strukturmerkmal für westlichen Kapitalismus und östlichen Realsozialismus auf.

Robert Kurz verbindet diese Bruchstücke zu einem Monumentalgemälde der apokalyptischen Reiter des Kapitalismus, auf dem der Neoliberalismus von den höllischen Varianten des Nationalsozialismus und Stalinismus flankiert wird. Über 800 Seiten wird er nicht müde, das Bild dieser unheiligen Dreieinigkeit zu beschwören, wobei er vor allem dem Neoliberalismus die grässlichen Züge eines Medusenhaupts zu verleihen versucht.

Nun kann man über den Neoliberalismus und seine Auswüchse - man denke an den Kult um den Shareholder value oder an die nicht eben seltene Abkopplung der Börsenkurse von der realen Wertschöpfung - durchaus verschiedener Meinung sein. Neulich warnte sogar ein dezidierter Verfechter der Marktwirtschaft, der frühere Bahn-Chef Heinz Dürr, vor der "Vergötzung" des Marktes und mokierte sich über Börsenanalysten, "von denen viele noch nie eine Fabrik von innen gesehen haben". 

Das neoliberale Credo, dass der Markt bzw. die berühmte "unsichtbare Hand" des Adam Smith alles schon irgendwie ins Lot bringen werden, stößt bei den Leidtragenden der gegenwärtigen Entwicklungen naturgemäß auf wenig Verständnis. Die Leidensbereitschaft, mit der die Engländer glaubten, sich eine Maggie Thatcher zumuten zu müssen, wird kaum so schnell Nachahmung finden. Die Kritik am Neoliberalismus nimmt jedenfalls zu, und einschlägige Bücher sind schon mehrfach zu Bestsellern geworden. Zu erwähnen sind hier etwa Viviane Forresters emotionale Abrechnung mit dem "Terror der Ökonomie" (PB 8/97), Marion Gräfin Dönhoffs Appell "Zivilisiert den Kapitalismus" (PB 12/97) oder die ätzende Kritik des erfolgreichen Börsenspekulanten George Soros in "Die Krise des globalen Kapitalismus" (PB 2/99).

Auch der Autor des hier besprochenen Buches hat sich schon wiederholt in dieser Auseinandersetzung zu Wort gemeldet. In der von ihm mitherausgegebenen linken Theoriezeitschrift "Krisis" und anderen Publikationen attackiert er allerdings nicht nur den Neoliberalismus als Wirtschaftsdoktrin, sondern die Marktwirtschaft und den Liberalismus überhaupt. Er sieht im Kapitalismus schlechthin das Erzübel unserer Zeit - so als wäre dem Kind damit geholfen, dass man es mit dem Bade ausschüttet. Denn Alternativen hat auch Kurz nicht anzubieten, abgesehen von wolkigen Vorstellungen über eine "dritte Kraft", rätedemokratischen Utopien oder ebenso weltfremden Verweigerungshaltungen.

 

Nach dem "Kollaps der Modernisierung" gelang Kurz nun der Sprung auf die Bestseller-Liste

Die größte Beachtung fand Kurz bisher mit dem Buch "Der Kollaps der Modernisierung", das 1991 in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Anderen Bibliothek erschien und 1994 eine erweiterte Taschenbuch-Ausgabe erlebte (PB 9/94). Das Buch bestach durch sprachlichen Stil, intellektuelle Brillanz und gekonnte Polemik, die jedem Essayisten zur Ehre gereichen würden. Die elegische Melodie von der Dialektik der Aufklärung, die sich selbst zerstört, wurde hier ins Ökonomische gewendet und zum Schwanengesang auf die Marktwirtschaft, die sich selbst das Grab schaufelt. Das Problem ist nur, dass Kurz sich nicht als Essayist versteht, der bewusst zuspitzt, um Zusammenhänge deutlicher werden zu lassen, sondern die Rolle der Kassandra mit missionarischem Eifer auslebt. "Kurz liebt die große verbale Geste, die das Detail nicht selten zugunsten der Hauptlinie wegwischt", stellte Friedrich Dieckmann in seinem Vorwort zu der Taschenbuch-Ausgabe fest. Und im PresseBLICK hieß es damals zum Schluss der Besprechung: "Das hier entworfene Untergangs-Szenario ist wohl des Nachdenkens wert, aber keinesfalls von fataler Unausweichlichkeit."

Solche Vorbehalte gelten ebenso und in noch größerem Maße für das "Opus magnum" (Verlagswerbung), das Kurz mit diesem Wälzer vorlegt. Auf der Liste der Bestseller, welche die Wochenzeitung "Die Zeit" regelmäßig ermittelt, rangierte das "Schwarzbuch Kapitalismus" im Februar auf dem achten Platz. Für ein Buch dieses Umfangs und dieser Preislage ein beachtlicher Erfolg. Noch bemerkenswerter ist, dass ihn ein Verfasser erzielt, dessen Thesen man als marxistisch oder neo-marxistisch bezeichnen kann.

Rein handwerklich ist dem Verfasser die Arbeit sicher wieder gelungen. Im Unterschied zu Cato, der im römischen Senat seine Forderung nach der Zerstörung Karthagos monoton zu wiederholen pflegte, findet Kurz immer wieder neue sprachliche Einkleidungen, um sein "ceterum censeo" gegen den Kapitalismus zu schleudern. Er garniert seine Anklage außerdem mit vielen ausführlichen Zitaten, die auch dann interessant sind, wenn Kurz bei ihrer Interpretation überzieht.

Die Resonanz auf das "Schwarzbuch Kapitalismus" in den Medien war großteils positiv bis enthusiastisch, was auch damit zu tun hat, dass in intellektuellen Kreisen der Neoliberalismus immer mehr in Misskredit gerät. In der "Zeit", die das Buch gleich von zwei Rezensenten mit kontroversen Standpunkten besprechen ließ, hielt es der eine gar für die wichtigste Veröffentlichung der letzten zehn Jahre. Der andere fühlte sich dagegen durch die sektiererischen Züge des Mammut-Traktats in dem Eindruck bestätigt, "dass die hellere Seite des Marxismus nicht ohne die dunklere zu haben ist".

Die Grundthesen des Verfassers sind dieselben, die er bereits im "Kollaps der Modernisierung" entwickelt hat:

  1. Schon die sozialdemokratische Arbeiterbewegung war zutiefst von jenem kapitalistischen System geprägt, das sie bekämpfte und überwinden zu können glaubte.

  2. Auch das kommunistische Modell, wie es Lenin in Russland installierte, war nur eine Art Metamorphose des Kapitalismus. Es bildete keine Alternative, sondern war der russische Versuch einer "nachholenden Modernisierung".

  3. Der Nationalsozialismus war sowieso nur eine Variante kapitalistischer Herrschaft.

  4. Alle Hoffnungen, den Kapitalismus im Sinne einer "sozialen Marktwirtschaft" oder ähnlichem zähmen zu können, sind Illusion oder Augenwischerei. Das kapitalistische System ist und bleibt labil und krisenhaft. Es wird von einer zerstörerischen Eigengesetzlichkeit beherrscht, die tendenziell der Barbarei zustrebt.

  5. Die Wurzel des Übels ist, dass der Kapitalismus alles zu Ware und Geld macht. Er zwingt die Menschen, die Welt durch diese Brille zu sehen, und entfremdet sie so ihren wahren Interessen. Auch in seinen demokratischen Erscheinungsformen ist er deshalb von Grund auf totalitär.

Dies alles klingt zum großen Teil wie eine Wiederholung von Thesen, die zur Zeit der Studentenbewegung im Schwange waren: Man findet darin die Entfremdungs-Theorie von Marx ebenso wie die politische Ökonomie von Ernest Mandel, den Kulturpessimismus der Frankfurter Schule oder eine Prise Anarcho-Syndikalismus. Wirklich neu gegenüber der ideologischen Melange von 1968 ist lediglich, dass nun auch die Arbeiterbewegung nicht mehr als Hoffnungsträger gilt und der Kreml-Kommunismus im Prinzip genauso wie der Nationalsozialismus als eine monströse Metamorphose des Kapitalismus gesehen wird.

 

Parallel zum neoliberalen Paradigmen-Wechsel entdeckten linke Theoretiker den "Fordismus"

Relativ neu ist außerdem der Begriff des "Fordismus", den Kurz exzessiv verwendet und der in den Debatten der Außerparlamentarischen Opposition noch nicht auftauchte. Im engeren Sinne steht der Begriff für die rationelle Ausnutzung der menschlichen Arbeitskraft zur Steigerung der Produktivität, wie sie erstmals Henry Ford mit der Fließbandproduktion im Automobilbau vorexerziert hat. Im weiteren Sinne, wie er in der linken Theorie-Diskussion ab den achtziger Jahren Karriere machte, impliziert der Begriff aber einiges mehr: Er dient hier als Chiffre für eine Ära des Kapitalismus, die geprägt war von Massenproduktion, Massenabsatz, Dominanz des Binnenmarktes, Wachstum, Arbeitskräftemangel, Reallohnerhöhung, sozialer Sicherheit sowie weitgehender Kooperation zwischen Gewerkschaften und Unternehmern.

Demgegenüber steht die Phase des "Post-Fordismus", die Mitte der siebziger Jahre in der Wirtschaftspolitik mit der Ablösung des Keynesianismus durch den Neoliberalismus einsetzte. Sie wird geprägt von reiner Marktwirtschaft, Dominanz des Weltmarktes, stagnierendem Absatz, Staatsverschuldung, struktureller Arbeitslosigkeit, unbeständigen Arbeitsverhältnissen, Reallohnsenkung, Abstieg der Gewerkschaften, Shareholder-Value-Kult und Konfrontationskurs der Unternehmer. Kurzum: Aus dem früheren "Fließband-Kapitalismus" wird nun der "Kasino-Kapitalismus".

Der "Fordismus" wurde von den linken Theoretikern also just entdeckt, als es mit ihm zu Ende ging. Er bildet in der linken Theorie die spiegelbildliche Entsprechung zum neoliberalen Paradigmen-Wechsel. Zugleich enthielt er schon immer ein Moment der Abgrenzung gegenüber dem orthodoxen Marxismus oder gar dem parteiamtlichen Marxismus-Leninismus, die dem "fordistischen" Konzept in punkto Effizienz und Massenproduktion nachzueifern suchten. Zum Beispiel waren Lenins Ansichten über die effiziente Organisation der Sowjetwirtschaft unter diesem Blickwinkel ein pures Nachbeten fordistischer Rezepte. Als systemübergreifendes Strukturmerkmal liegt der "Fordismus" auch der von Kurz vertretenen These zugrunde, das von Lenin begründete System sei von Anfang an ein zum Scheitern verurteilter Ableger des Kapitalismus gewesen.

Kurz hält sich nicht damit auf, den fordistischen Zuständen nachzutrauern oder sich mit dem Post-Fordismus nach Art des amerikanischen "Kommunitarismus" (PB 9/94) zu arrangieren. Für ihn ist der Kapitalismus grundsätzlich mit etwas ähnlichem behaftet, was die katholische Theologie unter Erbsünde versteht. Und wie für die Theologen gibt es für ihn kein Heil in dieser Welt, die grundsätzlich vom Kapitalismus verderbt ist. 

Während die marxistisch inspirierte Arbeiterbewegung immerhin noch das Licht der "neuen Zeit" am Ende des Tunnels zu erblicken vermeinte, kann Kurz über solche Illusionen nur müde lächeln. Seine Exegese der Marxschen Schriften stützt sich auf die Entfremdungstheorie, welche die Partei-Ideologen bei der Zusammenstellung ihrer jeweiligen Marx-Bibeln geflissentlich ignoriert und zu den Apokryphen gesteckt hatten. In der Tat ist die Theorie des Warenfetischismus bis heute einer der interessantesten Aspekte am Werk dieses Denkers geblieben, und als "verdinglichtes Bewusstsein" lieferte sie eines der wichtigsten Stichworte der Frankfurter Schule. Wer allerdings glaubt, diese Entfremdung nur in Gestalt des Kapitalismus dingfest machen zu können und sie partout überwinden zu müssen, erliegt wahrscheinlich gerade damit einer speziellen Form des verdinglichten Bewusstseins.

Genau besehen bleibt das Sündenregister, das Kurz dem Kapitalismus aufmacht, wenig hilfreich. Sein Buch lebt vor allem von der düsteren Prognose, dass der post-fordistische Kapitalismus eine große Seifenblase darstellt, die irgendwann platzen und die Welt in den Abgrund reißen wird. Zum Teil wird das recht geistreich begründet, so wenn er im anscheinend unaufhaltsamen Höhenflug des Aktienindexes eine Camouflage der Inflation sieht, die zeitgleich zurückging. Im wesentlichen pflegt er damit aber doch einen ähnlichen Chiliasmus wie der von ihm verachtete "Arbeiterbewegungs-Marxismus", der voller bang-süßer Erwartung die irreparable Krise bzw. den "großen Kladderadatsch" des kapitalistischen Systems prophezeite.

Verjährungsfristen kennt Kurz bei seiner Anklage nicht. Seine wichtigsten Kronzeugen holt er sich sogar aus der Prähistorie des Kapitalismus: Schon in Hobbes sieht er einen "bitteren, finsteren Propheten der Marktwirtschaft" und in dessen "Leviathan" das "Gesamt-Ungeheuer", das die kleinen Ungeheuer der marktwirtschaftlichen Konkurrenz bändigt.

Besonders insistiert er auf den Werken Mandevilles (1670-1733) und Benthams (1748-1832), als könnten mit solchen Denkern aus der Raubritter-Phase des englischen Bürgertums die heutigen Apologeten des Neoliberalismus in Sippenhaft genommen werden. Der Marquis de Sade (1740-1814) muss mit seinem abartigen Verständnis von Lust und Erotik sogar als Vorläufer aller kapitalistisch verkrüppelten Egomanen herhalten, die in der Frau nur das Lustobjekt sehen oder sich mit Telefon- und Cyber-Sex abspeisen lassen.

Gnadenlos geht Kurz selbst mit Ikonen der Linken wie dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci ins Gericht, den er als Apologeten des Fordismus entlarvt. Der alte Bebel kriegt sein Fett weg, weil er den Antisemitismus als "Sozialismus der dummen Kerle" bezeichnet hat. In dieser Äußerung habe nämlich die Hoffnung mitgeschwungen, den Antisemitismus als dumpfen Affekt gegen das Kapital und Vorform von Klassenbewusstsein seitens der Sozialdemokratie beerben zu können. Mit dieser Interpretation dürfte Kurz sogar recht haben, und es macht einen Reiz seines Buches aus, wie er immer wieder solche Dinge ausgräbt und genauer unter die Lupe nimmt. Dennoch wirkt es reichlich unfair, wenn er an den Zeitgeist einer Epoche, die den Juden eben erst die bürgerliche Gleichberechtigung eingeräumt hatte, rückwirkend Maßstäbe anlegt, die erst nach dem national­sozialistischen Massenmord entstanden sind.

Unangenehm berühren bei seinem Buch vor allem die Hassausbrüche gegen den "Liberalismus", den er nolens volens mit einer Wirtschaftsdoktrin bzw. dem Neoliberalismus gleichzusetzen scheint. So sicher ein Zusammenhang zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und bürgerlichen Freiheiten besteht, so kurzsichtig und verhängnisvoll wäre es, den Wirtschaftsliberalismus mit dem politischen Liberalismus gleichzusetzen. Purer Wirtschaftsliberalismus herrschte beispielsweise auch unter der Diktatur Pinochets in Chile, wo die "Chicago-Boys" ihr erstes Experimentierfeld fanden. 

Der politische Liberalismus ist dagegen oft notgedrungen sogar der Antagonist des Wirtschafts­liberalismus, wenn er sich als Garant bürgerlicher Freiheiten und menschenwürdiger Lebensbedingungen versteht. Wo er dies versäumt oder nicht vermag, kommt der Antagonismus auf andere Weise zu seinem Recht, wie schon die Abspaltung der Sozialdemokratie vom bürgerlichen Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gezeigt hat. Das feudale Lager, gegenüber dem sich einst der Liberalismus profilierte, gibt es inzwischen längst nicht mehr, und auch die sogenannten konservativen Parteien sind mehr liberal als konservativ. Die einzige reale Alternative zum Liberalismus sind Totalitarismen aller Schattierungen. Mit seinem undifferenzierten Wüten gegen den Liberalismus haut Kurz deshalb in eine gefährliche Kerbe. Da lobt man sich fast noch die Revoluzzer vom SDS, die einst mit einer Mischung aus Verachtung und Nachsicht auf "liberale Scheißer" wie Ralf Dahrendorf herabblickten...

Mit seiner Fokussierung auf den Kapitalismus als Quelle allen Übels erinnert das Buch an ein völlig anders geartetes Pamphlet, in dem der Amerikaner Francis Fukuyama nach dem Zusammenbruch des Kreml-Kommunismus das "Ende der Geschichte" prophezeit hatte. Der Unterschied ist: Während für Fukuyama nun weltweit die Glückseligkeit nach Art des american way of life anbricht, sieht Robert Kurz die Barbarei triumphieren. 

Was beide verbindet, ist die Einseitigkeit einer Sichtweise, die nur "Hosianna!" oder "Kreuziget ihn!" kennt.

 

 

 

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