Primo Levi

 

Ist das ein Mensch?

Ein Jahr in Auschwitz (1947)

 

Die Untergegangenen und
die Geretteten
 (1986) 

 

1947  

Wikipedia.Autor   *1919 in Turin bis 1987 (68, Unfall)

DNB.Autor

Google.Buch 

 

detopia:    Gulagbuch

Sterbejahr   L.htm

Gu.Herling    Je.Amery   DesPres   Sofsky 

 

Audio:  2009 Gebu-90   #   2019 Gebu-100   ##    Ist das Mensch gelesen von ...   #    Atempause 

 

Die Verlorenen und die Geretteten

  

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Was bisher berichtet wurde und was noch zu berichten sein wird, ist das zwielichtige Leben im Lager. Unter so harten Beding­ungen, gepreßt in die Tiefe, lebten viele Menschen unserer Tage, doch jeder nur für eine verhältnismäßig kurze Zeit. Darum könnte man sich vielleicht die Frage stellen, ob es denn angebracht, ob es recht sei, daß von diesem ungewöhnlichen Menschen­dasein überhaupt ein Andenken verbleibe.

Auf diese Frage möchte ich doch mit Ja antworten. Denn ich bin überzeugt, daß kein menschliches Erleben ohne Sinn ist und eine Analyse nicht verdient, ja, daß man sogar dieser besonderen Welt, von der ich berichte, Grundlegendes abgewinnen kann, mag es auch nicht immer positiv sein.

Man erwäge einmal, daß das Lager, und zwar in beachtlichem Maße, auch eine riesige biologische und soziale Erfahrung gewesen ist. Tausende von Individuen, voneinander verschieden nach Alter, Stand, Herkunft, Sprache, Kultur und Sitten, sperre man hinter Stacheldraht und unterziehe sie dort einer Lebensweise, die konstant, kontrollierbar, für alle identisch ist und unterhalb aller Bedürfnisse liegt: Kein Experimentator könnte sich etwas Rigoroseres ausdenken, um zu ermitteln, was vom Verhalten des Lebewesens Mensch im Kampf ums Leben wesensbedingt und was erworben ist.  

Ich glaube nicht an den so augenfälligen und einfachen Schluß, daß der Mensch von Natur aus so brutal, egoistisch und töricht sei, wie er sich zeigt, wenn ihm jeder zivilisatorische Überbau entzogen wird, und daß der Häftling demzufolge nichts anderes sei als der Mensch ohne Hemmungen. Ich glaube lediglich, man kann hier schlußfolgern, daß Entbehrung und größtes körperliches Leiden viele Gewohnheiten und viele soziale Regungen zum Verstummen bringen.

Bemerkenswert scheint mir allerdings dies zu sein: Es erweist sich, daß es zwei ganz besonders klar voneinander geschiedene Kategorien von Menschen gibt, Gerettete und Verlorene. Andere gegensätzliche Arten (Gute und Böse, Weise und Törichte, Feige und Tapfere, Unglückliche und Glückliche) sind bei weitem nicht so klar voneinander geschieden, machen nicht den Eindruck, so angestammt zu sein, und dulden vor allen Dingen zahlreichere und ausgedehntere Zwischenwertungen.

Diese Scheidung ist im normalen Leben längst nicht so augenfällig; hier kommt es nicht oft vor, daß ein Mensch sich verliert, denn für gewöhnlich ist er nicht allein, und sein Aufstieg wie sein Abstieg ist mit dem Schicksal seiner Mitmenschen verknüpft. So stellt es eine Ausnahme dar, wenn jemand grenzenlos an Macht zunimmt oder in einem fort von Niederlage zu Niederlage bis zum Ruin hinabsinkt. Auch verfügt jeder für gewöhnlich über so viel geistige, körperliche und auch finanzielle Reserven, daß ein Schiffbruch, ein Versagen vor dem Leben noch weniger wahrscheinlich ist. 

Dazu kommt noch, daß durch Gesetz und moralisches Bewußtsein, durch das innere Gesetz also, ein merklicher Ausgleich geschaffen wird; in der Tat gilt ein Land für um so zivilisierter, je umsichtiger und wirksamer seine Gesetze sind, die den Elenden daran hindern, allzu elend zu sein, und den Mächtigen, allzu mächtig.

Doch im Lager verhält sich das anders: Hier wird der Kampf um das Überleben ohne Erbarmen geführt, denn jeder ist verzweifelt und grausam allein. Wenn irgendein Null Achtzehn strauchelt, findet er keinen, der ihm die Hand reicht; wohl aber findet er einen, der ihn aus dem Wege schafft, weil niemand daran interessiert ist, daß sich noch ein Muselmann* mehr jeden Tag zur Arbeit schleppt.

* Mit Muselmann bezeichneten die Lagerveteranen aus mir unerfindlichen Gründen die schwachen, untauglichen und selektions­reifen Häftlinge.

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Und kommt jemand durch ein Wunder an grimmig entschlossener Ausdauer und Durchtriebenheit auf eine neue Kombination, um sich vor der härtesten Arbeit zu drücken, auf ein neues Verfahren, das ihm einige Gramm Brot einbringt, dann wird er das nach Möglichkeit geheimhalten, er wird darum bewundert und respektiert werden und seinen ausschließlichen persönlichen Nutzen davon haben; es wird ihn stark und gefürchtet machen, und wer gefürchtet wird, ist schon dadurch ein Anwärter fürs Überleben.

In der Geschichte wie im Leben scheint bisweilen ein grausames Gesetz erkennbar zu sein, das heißt: »Wer da hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird alles genommen.« Im Lager, wo der Mensch allein auf sich gestellt und der Lebenskampf auf seine Urform reduziert ist, gilt dieses ungerechte Gesetz in aller Offenheit und wird allgemein anerkannt.

Mit den Erprobten, also den starken und gerissenen Individuen, unterhalten selbst die Kapos gern Beziehungen, die sogar manchmal beinahe kamerad­schaftlich sind, weil sie hoffen, vielleicht später einmal irgendwelchen Nutzen daraus ziehen zu können. An die Muselmänner hingegen, die Menschen in Auflösung, verlohnt sich nicht, ein Wort zu richten, weiß man doch schon im voraus, daß sie lamentieren würden und aufzählen, was sie daheim zu essen pflegten.

Ebenso unnütz ist es, sich mit ihnen anzufreunden, denn sie haben keine illustren Bekanntschaften im Lager, sie essen keine Extrarationen, sie arbeiten nicht in vorteilhaften Kommandos, und sie sind nicht fähig, heimlich zu organisieren. Und vor allem weiß man, daß sie nur vorübergehend hier sind und daß in ein paar Wochen nichts weiter von ihnen übrig sein wird als eine Handvoll Asche in einem benachbarten Acker und eine durchgestrichene Nummer in einer Kartei.

Mögen sie auch eingereiht sein in die zahllose Menge von ihresgleichen, die sie rastlos mit sich zieht, sie leiden doch und schleppen sich dahin in grauer, innerer Einsamkeit; und sterben oder verschwinden in Einsamkeit, ohne eine Spur von Erinnerung zu hinterlassen.

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Das Resultat aus diesem erbarmungslosen, natürlichen Selektionsprozeß hätte man den Lagerstatistiken entnehmen können. 1944 lebten in Auschwitz von den alten jüdischen Häftlingen (von den übrigen Häftlingen spreche ich hier nicht, denn ihre Bedingungen waren andere), von den »kleinen Nummern« unter Hundert­fünfzig­tausend nur noch ein paar hundert; keiner von diesen war ein gewöhnlicher Häftling in einem gewöhnlichen Kommando und mit gewöhnlicher Ration. 

Es blieben nur die Ärzte übrig, die Schneider, Flickschuster, Musiker und Köche, attraktive junge Homosexuelle und Freunde oder Landsleute irgendwelcher Lagerautoritäten; darüber hinaus besonders rücksichtslose, kräftige und unmenschliche Individuen, die sich (vom SS-Kommando dazu ausersehen, das in dieser Wahl eine satanische Menschenkenntnis an den Tag legte) als Kapos, Blockälteste und noch in anderen Ämtern behaupteten; und endlich diejenigen, die zwar keine besonderen Ämter bekleideten, aber vermöge ihrer Durch­triebenheit und Tatkraft stets imstande waren, mit Erfolg zu organisieren und demzufolge außer dem materiellen Nutzen und dem Ansehen auch noch Nachsicht und Achtung der Lagergewaltigen für sich buchen konnten.

Wer es nicht fertigbringt, Organisator, Kombinator, Prominenter zu werden (welch grauenvolle Beredsamkeit der Ausdrücke!), der endet bald als Muselmann. Einen dritten Weg gibt es im Leben, und da ist er sogar die Regel; aber im Konzen­trations­lager gibt es ihn nicht.

Unterliegen ist am leichtesten: Dazu braucht man nur alles auszuführen, was befohlen wird, nichts zu essen als die Ration und die Arbeits- und Lagerdisziplin zu befolgen. Die Erfahrung hat gezeigt, daß man solcher­art nur in Ausnahmefällen länger als drei Monate durchhalten kann. Alle Muselmänner, die im Gas enden, haben die gleiche Geschichte, besser gesagt, sie haben gar keine Geschichte; sie sind dem Gefälle gefolgt bis in die Tiefe, ganz natürlich, wie die Bäche, die schließlich im Meer enden.

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Im Lager kamen sie auf Grund der ihnen eigenen Untüchtigkeit oder durch Unglück oder durch irgendeinen banalen Umstand zu Fall, noch bevor sie sich hätten anpassen können; sie konnten mit der Zeit nicht Schritt halten, und sie fangen erst dann an, Deutsch zu lernen und sich ein wenig in dem infernalischen Durcheinander von Geboten und Verboten zurechtzufinden, wenn ihr Körper schon in Auflösung begriffen ist und sie nichts mehr vor der Selektion oder dem Erschöpfungstod bewahren könnte. 

Ihr Leben ist kurz, doch ihre Zahl ist unendlich. Sie, die Muselmänner, die Verlorenen, sind der Nerv des Lagers: sie, die anonyme, die stets erneuerte und immer identische Masse schweigend marschierender und sich abschuftender Nichtmenschen, in denen der göttliche Funke erloschen ist, und die schon zu ausgehöhlt sind, um wirklich zu leiden. Man zögert, sie als Lebende zu bezeichnen; man zögert, ihren Tod, vor dem sie nicht erschrecken, als Tod zu bezeichnen, weil sie zu müde sind, ihn zu fassen.

Sie bevölkern meine Erinnerung mit ihrer Gegenwart ohne Antlitz; und könnte ich in einem einzigen Bild das ganze Leid unserer Zeit einschließen, würde ich dieses nehmen, das mir vertraut ist: Ein verhärmter Mann mit gebeugter Stirn und gekrümmten Schultern, von dessen Gesicht und Augen man nicht die Spur eines Gedankens zu lesen vermag.

Haben die Verlorenen keine Geschichte, und gibt es nur einen einzigen, breiten Weg des Verderbens, so gibt es doch auch viele mühselige und unvermutete Wege der Rettung.

Der wichtigste Weg geht, wie schon erwähnt, über die Prominenz. »Prominente« heißen die Lagerfunktionäre, vom Lagerältesten über die Kapos, Köche, Pfleger, Nachtwachen bis zu den Ausfegern, Scheißministern und Bademeistern. Hier sei besonders von den jüdischen Prominenten die Rede; während die andern nämlich allein auf Grund ihres natürlichen Vorrechts bei ihrem Lagereintritt automatisch mit Ämtern betraut wurden, gelang dies den Juden nur durch Intrigen und verbissenen Kampf.

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Die jüdischen Prominenten stellen ein trauriges und bemerkenswertes menschliches Phänomen dar. In ihnen vereinigt sich das gegenwärtige und das vergangene, altüberkommene Leid, der überlieferte und der anerzogene Fremdenhaß, und das alles macht sie zu asozialen, gefühlsrohen Ungeheuern.

Sie sind das typische Ergebnis der Struktur des deutschen Lagers: Man biete einigen Individuen, die ein Sklavendasein führen, eine privilegierte Stellung, gewisse Annehmlichkeiten und die Aussicht zu überleben, man fordere dafür den Verrat an der natürlichen Solidarität mit ihren Kameraden, und einer von ihnen wird sich gewiß dazu bereitfinden. Er wird dem allgemeinen Gesetz nicht mehr unterstehen und unantastbar werden; darum wird er um so gehässiger und gehaßter sein, je mehr Macht er erhält. 

Bekommt er die Befehlsgewalt über eine Handvoll Unglückseliger und das Verfügungsrecht über deren Leben und Tod, dann wird er grausam und tyrannisch, denn er weiß, daß sonst ein anderer an seine Stelle treten wird, den man für geeigneter ansieht. Ferner wird die ganze Gewalt seines Hasses, die sich den Unterdrückern gegenüber nicht Luft machen konnte, nun unsinnigerweise auf die Unterdrückten niedergehen: Und er wird erst dann genug haben, wenn er die von oben erlittene Unbill auf seine Untergebenen abgewälzt hat.

Ich weiß sehr wohl, daß dies alles recht wenig zu dem Bild paßt, das man sich im allgemeinen von Unter­drückten macht, die sich, wenn schon nicht im Widerstand, so doch im Erdulden zusammen­schließen. Ich bestreite nicht, daß dies der Fall sein kann, wenn die Unterdrückung ein bestimmtes Ausmaß nicht übersteigt, oder wenn der Unterdrücker es aus Unerfahrenheit oder Großmut duldet oder begünstigt.

Aber man sieht ja, daß heutzutage in allen Ländern, die von einem fremden Volk besetzt sind, ein durchaus ähnliches Verhältnis von Rivalität und Haß bei den Unterworfenen entstanden ist; und dies trat, wie viele andere menschliche Dinge, im Lager besonders kraß zutage.

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Aus wikipedia-2019

 

Ist das ein Mensch? ist Primo Levis autobiographischer Bericht über seinen elfmonatigen Zwangsaufenthalt im KZ Auschwitz III Monowitz (1944–45), aus dem er als einer der wenigen Überlebenden befreit werden konnte. Das Buch wurde zwischen 1945 und 1947 verfasst.

Durch die Sachlichkeit des Berichtes, bei der sowohl auf Urteile als auch auf explizite Gefühlsäußerungen verzichtet wird, unterscheidet sich das Werk von anderen autobiographischen Holocaust-Romanen.

Entstehung und Entwicklung

Levi erklärte, er habe das Buch aus einem bedrängenden inneren Impuls geschrieben. Es sei ihm zwar nicht um irgendwelche Vergeltung gegangen: Vielmehr habe er das Bedürfnis gespürt, seine Erfahrung weiterzuerzählen, damit die Mitmenschen an seinem Schicksal teilnehmen.

Aus diesem ersten Impuls entstanden die ersten Entwürfe, wobei sich mit der Zeit ein zweiter Drang entwickelt habe: Levi merkte allmählich das Bedürfnis, das Erlebte nicht nur zu beschreiben, sondern auch zu verstehen. Aus diesem zweiten Bedürfnis hätten sich nach und nach neue, erweiterte Fassungen des Textes ergeben.

Nach einer kaum beachteten Veröffentlichung 1947 in dem kleinen Turiner Verlag Francesco De Silva wurde eine Neuausgabe 1958 bei Einaudi ein Erfolg. Das Buch wurde in viele Sprachen übersetzt. Levi war von seinen Erlebnissen in Auschwitz nachhaltig geprägt worden. Der Schreibprozess ging deshalb weiter: 1962 entstand La tregua, die Atempause; der Roman beschreibt die lange Zeit zwischen der Befreiung von Auschwitz und seiner Heimkehr. 1986 entstand Levis Werk Die Untergegangenen und die Geretteten, das die Thematik der KZ erneut aufgriff.

Themen

Levi alterniert seinen Erlebnisbericht mit Textstellen, die das Leben im Lager überwiegend analytisch beschreiben: Dabei soll die Gesellschaft der Häftlinge in ihrer Gruppendynamik aus einem eher objektiven, fast wissenschaftlichen Blickwinkel erklärt werden. Eine Hauptrolle spielt dabei die Frage nach den Fertigkeiten und den Betrügereien, die absolut notwendig sind, damit man als Häftling zumindest eine Chance auf mittelfristiges Überleben behält. Ferner wird explizit auf die Veränderung der Häftlinge nach der Internierung hingewiesen: Durch den Kampf ums Überleben müssen einige grundlegende ethische Grundsätze vorübergehend ausgeschaltet werden.

Einen wichtigen Stellenwert hat ebenfalls die Beschreibung der Sprachlandschaft in Auschwitz, die mit dem Turmbau zu Babel verglichen wird.[4] Die Gefangenen bilden eine linguistisch bunte Gesellschaft; neben den einzelnen Sprachen der Häftlinge hat sich auch ein wichtiger Lagerjargon herausgebildet, der als interkulturelles Kommunikationsmittel dient und dessen Wörter das Leben im Lager bildhaft beschreiben.

Inhalt

Die Handlung richtet sich nicht streng nach der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse. Levi betont ausdrücklich, dass er von den geschilderten Geschehnissen nichts erfunden habe.

Die Reise des Erzählers beginnt im Durchgangslager Fossoli. Die Gefangenen werden von dort aus unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Waggons eines Zuges gestapelt und ins Deutsche Reich deportiert. Viele von ihnen sterben auf dem Transport.

In Auschwitz weiß Levi anfänglich nicht, dass die anderen Häftlinge seine Ankunftszeit und seine Herkunft durch die eintätowierte Zahl erkennen können, die er trägt. Der Neuling wird verstehen müssen, dass eine solche Zahl noch weitere Interpretationen zulässt: Da er der Häftling Nr. 174 517 ist, das Lager hingegen nur einige Zehntausende von Plätzen hat, sollte es offensichtlich sein, dass die meisten Menschen, die in diesem KZ waren, bereits ermordet wurden oder sonst starben: Das bekommt Primo von einer Gruppe Juden erklärt. Diese Häftlinge verbergen eine gewisse Missachtung gegen Levi nicht, da er „nur“ ein italienischer Jude ist und somit ihre Sprache, das Jiddische, nicht beherrscht.

Viel zu schnell muss der Neuankömmling neue lebenswichtige Regeln kennen: Man darf keine Fragen stellen, sondern so tun, als hätte man alles verstanden; die extreme Wichtigkeit banaler Gegenstände wie Schuhe und Löffel darf niemals unterschätzt werden, sonst rückt der Tod schnell näher.

Dafür fehlt es im Lager nicht an vereinzelten Beispielen von Solidarität: Primo ist vom Körperbau her häufig hoffnungslos überfordert, aber der Häftling Resnyk unterstützt ihn bei der schweren Arbeit, die er anfänglich verrichten muss. Es gibt (selten) auch Tage, an denen es genug zu essen gibt. Solche Erlebnisse wirken auf die Gefangenen aber bedrückend: Sind sie einmal satt, erinnert der Anschein von Normalität die Häftlinge an die Jahre, die sie zu Hause verbracht haben, und damit an Gedanken, die sie normalerweise im harten Alltag gezwungenermaßen verdrängen müssen.

Es gibt etliche Mangelwaren wie z. B. Stoff: Deswegen werden aus Häftlingsmänteln vor dem Tag des „Wäschetauschens“ Fetzen entnommen, um das Material anderweitig zu verwerten (z. B. als Verband). Um dies möglichst zu vermeiden, sammeln die Behörden diese Wäsche in sehr unregelmäßigen Zeitabständen ein, um sie zu reparieren und zu desinfizieren. Stoff wird statt Geld auf dem Schwarzmarkt als Tauschware verwendet: Vermutet man aus irgendeinem Grund, dass ein Wäschetauschen bald stattfindet, bricht der Preis der Stoffe auf dem Schwarzmarkt bald zusammen, was nicht selten zu Sorgen und Spekulationen Anlass gibt.

Die Schilderung der Laufbahn dreier Leidensgenossen in Auschwitz zeigt die Faktoren auf, die über Leben oder Tod entscheiden können. Die beispielhafte Art und Weise zu sterben ist einfach zu erklären: Diejenigen, die sich an die offiziellen Regeln halten, werden bald vor Hunger oder Erschöpfung sterben; solche Leute, die zum baldigen Verschwinden vorbestimmt sind, werden Muselmänner genannt. Diejenigen, die überleben wollen, müssen hingegen die Regeln umgehen oder sich einen Platz an der Sonne ergattern, z. B. indem man zum Kapo ernannt wird oder sonst eine spezielle Aufgabe erhält. Ausgerechnet ein solches Los rettet den jungen Levi, der später als studierter Chemiker im Labor arbeiten darf, was ihn höchstwahrscheinlich vor dem tragischen Schicksal eines Muselmanns rettet. Welchen Aufgaben Levi im Chemielabor nachgehen muss, wird jedoch nicht verraten.

Eine Art Tagebuch dient als Abschlusskapitel. Deutschland wird bald von den feindlichen Kräften besetzt. Die Ankunft der Roten Armee, die immer wieder in einer als sehr weit empfundenen Zukunft vorausgesagt worden war, rückt Hals über Kopf näher. Deswegen wollen die Nazis das Konzentrationslager evakuieren und die noch brauchbaren Arbeitskräfte anderswo einsetzen. So wird ein Umzug für diese Häftlinge organisiert. Primo weiß noch nicht, dass diese Leidensgenossen fast ausnahmslos während des ihnen bevorstehenden Todesmarsches ums Leben kommen werden. Eine Rettung wird es hingegen nur für die Leute geben, die nicht evakuiert werden können. Das ist bei Primo der Fall, da er an diesem Tag wegen Scharlach noch im Krankenbau (KB) eingeliefert ist und nicht mitziehen kann. Die in Auschwitz verbliebenen Häftlinge helfen sich, wie sie können, und erleben am 27. Januar 1945 die Befreiung durch die Sowjets.

Rezeption und Levis Aussagen über den Roman

Levis Roman fand einen breiten Widerhall: Öfters wurden ihm Fragen gestellt, zu denen er auch öffentlich Stellung nahm: Leser fragten, warum Levi im Buch auf jegliche Urteile verzichte. In der Tat ist im Roman kaum Hass gegenüber seinen Peinigern festzustellen. Levi begründete seine Wahl mit dem Versuch, bei einem rationalen Ansatz zu bleiben: Es liege schlussendlich am Leser, sich ein eigenes Urteil zu bilden. In einem Brief an den Übersetzer der ersten deutschen Auflage erklärte er zudem, er empfinde keinen Hass gegen die Deutschen. Er könne das Volk zwar noch immer nicht verstehen: Aber genau aus diesem Grund erhoffe er sich von deutschen Lesern eine Rückmeldung. Der Autor wurde auch nach den Ursachen des nationalsozialistischen Antisemitismus gefragt, da diese Frage im Roman nicht aufgeworfen wird. Darauf meinte er, eine solche Art Rassismus sei in einem breiteren Zusammenhang zu sehen: Es gehe seiner Meinung nach allgemein um die Feindschaft gegenüber Andersartigen, um eine Feindseligkeit also, die auch sonst immer wieder entstehen könne.

Das Werk gilt heute als Klassiker der Weltliteratur. Es wurde etwa in die Liste der hundert Bücher des Jahrhunderts der Tageszeitung Le Monde oder ins Buch der 1000 Bücher aufgenommen.

Bezug zu anderen literarischen Texten

Ist das ein Mensch? enthält einige bewusste Bezüge zu klassischen Werken der Weltliteratur. Das Kapitel Al di qua del bene e del male (Diesseits von Gut und Böse) ist eine Anspielung auf das Werk Jenseits von Gut und Böse von Friedrich Nietzsche. Levi grenzt sich von Nietzsche ab, indem er den Menschen in seinem erbärmlichen Zustand darstellt. Zahlreiche Bezüge werden zu Dantes Divina Commedia geschaffen. Die Schrift über dem Eingangstor – Arbeit macht frei – wird beispielsweise mit der Inschrift auf dem Tor zur Hölle verglichen: Per me si va ne la città dolente, per me si va ne l'etterno dolore, per me si va tra la perduta gente (Durch mich – also durch diese Tür – geht man hinein zur Stadt der Trauer, durch mich geht man hinein zum ewigen Schmerze, durch mich geht man zu dem verlornen Volke).

Die Reise nach Auschwitz wird somit mit dem literarischen Motiv der „Reise ins Jenseits“ verknüpft. Immer noch in Zusammenhang mit der Göttlichen Komödie wird der Krankenbau, wo Levi vorübergehend eingeliefert wird (der Ka-Be), mit der Vorhölle verglichen. Es geht also um den Teil der Hölle (Limbus), wo weder das Gute noch das Böse herrscht. Im Krankenbau findet der Erzähler, der vorübergehend nicht arbeiten muss, eine Atempause.

 

 

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