Michael E. Mann und Tom Toles

Der Tollhaus-Effekt

Wie die Leugnung des Klimawandels unseren Planeten bedroht,

unsere Politik zerstört und uns in den Wahnsinn treibt

 

Mit einem Vorwort des deutschen Klimaforschers Stefan Rahmstorf

 

 

2018 im Verlag Solare Zukunft.

240 Seiten mit 21 teils humoristischen Zeichnungen.

 

first edition: The Madhouse Effect: How Climate Change Denial is Threatening Our Planet, Destroying Our Politics, and Driving Us Crazy.

Columbia University Press 2016

2016   240 Seiten

wikipedia  M.E. Mann
*1965 in Massachusetts

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detopia:

M.htm   Klimabuch 

James E. Hansen   Rich,Nath

Stephen H. Schneider

Inhalt

1. Wissenschaft

2. Klimawandel

3. Was geht mich der ganze Mist an?

4. Die Stufen der Verleugnung

5. Der Krieg gegen die Klimawissenschaften

6. Heuchelei: Dein Name ist Klimaleugnung

7. Geoengineering, oder "Was könnte da schon schief gehen?"

8. Aufbruch in die Zukunft

9. Rückkehr zum Tollhaus


Der Tollhauseffekt ist die deutsche Ausgabe der Ende Juni 2018 in den USA erschienenen Taschenbuch-Ausgabe von "The Madhouse Effect", einem Gemeinschaftswerk des Klimaforschers Michael E. Mann und des Karikaturisten Tom Toles.

Die deutsche Übersetzung kommt von Matthias Hüttmann und Herbert Eppel.

Herausgeber ist der Landesverband Franken der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS-Franken), das Buch erscheint im Erlanger Verlag Solare Zukunft.

 

In seiner ursprünglichen gebundenen Version wurde "The Madhouse Effect" im September 2016 veröffentlicht, also noch vor der Wahl Donald Trumps. Mittlerweile hat sich jedoch einiges getan, vor allem im Land der Autoren. Dies hat sie dazu veranlasst, ihr Buch nicht einfach nur als Taschenbuch zu veröffentlichen, sondern die neue Ausgabe um ein aktuelles "post-election"-Kapitel zu ergänzen. In der vorliegenden deutschen Ausgabe ist dieses Kapitel (im Original: "Return to the Madhouse: Climate Denial in the Age of Trump") bereits enthalten.

 

Der Tollhauseffekt handelt vom Spannungsfeld zwischen Politik und Wissenschaft, wobei es vor allem um die klimaforschende Wissenschaft geht. Das Buch beschäftigt sich mit den Manipulationen sogenannter Klimaskeptiker, deren Pseudo- und Antiwissenschaft, die, allzu oft als seriöse Wissenschaft verkleidet, anerkannte Erkenntnisse und physikalische Tatsachen leugnet und zu untergraben versucht.

Michael E. Mann, verantwortlich für die Texte im Buch, erläutert wie wissenschaftliche Methodik funktioniert und offenbart dadurch gleichzeitig die Tragik der politischen Debatte. So schreibt er unter anderem: "Leider wurde der Begriff "Skeptiker" gerade im Zuge der Klimadebatte verschleppt, um etwas ganz anderes zu auszusagen. Er wird benutzt, um Beweisen auszuweichen, die man einfach nicht mag."

 

Das Buch analysiert, deckt auf, gibt aber auch Hoffnung! Mann ist einer der Hauptautoren des dritten Sachstandsberichtes des IPCC zur globalen Erwärmung und dort wiederum maßgeblich verantwortlich für den Abschnitt über erdgeschichtliche Klimaänderungen. Auch außerhalb der Fachkreise hat er durch sein "Hockeyschläger-Diagramm" Bekanntheit erlangt. Mann gilt als profilierter Warner vor der globalen Erwärmung. Er schreibt dazu auch regelmäßig Beiträge.

 

Die ganz besondere Qualität erhält das Buch durch die zahlreichen bissigen Zeichnungen des Cartoonisten Tom Toles. Der politische Karikaturist hat unter anderem schon den Pulitzer-Preis für "editorial cartooning" erhalten. Toles zeichnet momentan vor allem für die Washington Post. Auch der größte US-Präsident aller Zeiten ist im "Madhouse Effect" mehrfach verewigt.

Die Autoren kämpfen seit Jahrzehten an vorderster Front gegen den Klimawandel gekämpft. Sie haben die Manipulation der Medien durch wirtschaftliche und politische Interessen und das skrupellose Spiel mit der Parteilichkeit bei Themen, die das Wohlergehen von Millionen Menschen betreffen, miterlebt. Die Lektionen, die sie dabei gelernt haben, boten die Inspiration für dieses brillante Werk.

 


 

Michael E. Mann und Tom Toles

Der Text wurde dem neuen Telepolis-eBook "Der Tollhauseffekt: Wie die Leugnung des Klimawandels unseren Planeten bedroht, unsere Politik zerstört und uns in den Wahnsinn treibt" von Michael E. Mann undTom Toles entnommen.

heise.de/tp/features/Klimaerwaermung-4098974.html  06. Juli 2018 –

 

Die besten Beispiele für Heuchelei finden sich natürlich in den Worten und Taten von Politikern, die den Klimawandel leugnen. Viele haben buchstäblich den Kopf in den Sand gesteckt, wenn es um diese Bedrohung geht.

Ein bekanntes Beispiel gab der republikanische Präsidentschaftsanwärter Mitt Romney ab, als er in den letzten Wochen der Präsidentschaftskampagne 2012 die Besorgnis von Präsident Barack Obama über den "Anstieg der Ozeane" verspottet hatte. Sein Timing was jedoch ungewöhnlich schlecht. Sein Angriff erfolgte nur wenige Wochen bevor der Supersturm Sandy katastrophal über das Land fegte. Als dann der Wahltermin näher rückte, reisten Präsident Obama und Gouverneur Chris Christie, in einer überparteilichen Demonstration von Stärke und Engagement, gemeinsam die verwüstete Küste von New Jersey entlang, die nun Symbolcharakter hatte. Der Anstieg des globalen Meeresspiegels hatte eine zusätzliche Verwüstung von 65 Quadratkilometern und einem zusätzlichen Schaden von mindestens zwei Milliarden Dollar beschert.

Zieht man weiter nach Norfolk in Virginia, dem weltgrößten Marinestützpunkt, der dort wesentlich zur Wirtschaft beträgt, wird eines deutlich: Die gesamte Hampton Roads Region ist bereits heute vom Klimawandel bedroht und wird immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht, wenn Sturmfluten und Gezeitenhochwasser gemeinsam auftreten. Die dortigen Erfahrungen haben gezeigt, dass der Meeresspiegel momentan alle 50 Jahre um 30 Zentimeter ansteigt.

Als Abgeordnete von Hampton Roads in der Generalversammlung von Virginia im Jahr 2012 staatliche Finanzierung beantragten, um die möglichen Auswirkungen des Anstiegs des Meeresspiegels zu untersuchen, reklamierte die republikanische "Tea Party" ein böses Foul. Ihrer Ansicht nach waren Begriffe wie Klimawandel und Meeresspiegelanstieg lediglich "liberale Codewörter." Erst als diese Worte durch den "politisch neutralen" Begriff "wiederkehrende Überschwemmungen" ersetzt wurde, genehmigten die Republikaner, darunter auch der Gouverneur Bob McDonnell, die Studie.1

Anderes Beispiel:

Virginias ehemaliger Generalstaatsanwalt Ken Cuccinelli, der sich ebenfalls der Tea Party zugehörig fühlt, versuchte vor einigen Jahren die Universität von Virginia zu verklagen, weil die Regierung einen ihrer Professoren, den Mitautor dieses Buches, Michael Mann, dabei finanziert hat, die Frage des Klimawandels zu untersuchen. Wobei anscheinend übersehen wurde, dass natürlich nahezu die gesamte naturwissenschaftliche Forschung von der Regierung finanziert wird. Unter Zuhilfenahme einer sogenannten zivilen Ermittlungsaufforderung, forderte Cuccinelli die Herausgabe des gesamten persönlichen E-Mail-Austauschs des Professors mit mehr als dreißig Klimawissenschaftlern auf der ganzen Welt.

Diese Art der Vorladung war ursprünglich dazu gedacht, den Betrug mit Krankenversicherungen aufzuspüren. In dem Fall gab man als Begründung an, dass die Forschung über den Klimawandel selbst einen Betrug darstellt.

Wichtige wissenschaftliche und akademische Gruppen und Organisationen im ganzen Land traten dafür ein, dass die Universität von Virginia sich gegen Cuccinellis Bemühungen wehren sollte, da sie offensichtlich auf Einschüchterung eines Forschers, dessen Ergebnisse sich als unangenehm für die Geldgeber von Cuccinelli erwiesen hatten, abzielten.

Die Universität engagierte daraufhin Anwälte welche die Rechtmäßigkeit der Vorladung in Frage stellten. Renommierte Medien wie die Washington Post und ihr Cartoonist Tom Toles, der Co-Autor dieses Buches, berichteten über die Affäre und kritisierten sowie verspotteten Cuccinellis "Hexenjagd".2

Cuccinelli verlor in der Vorinstanz, die seinen Fall zurückwies. Das Gericht stellte fest, dass Cuccinelli in seiner mehr als vierzigseitigen Einreichung keine Beweise für Fehlverhalten vorgelegt hatte. Cuccinelli brachte die Angelegenheit vor den Obersten Gerichtshof von Virginia, der letztendlich das Urteil der Vorinstanz bestätigte und die Klage ohne Sachentscheidung zurückwies. Mit anderen Worten, die Richter wollten mit dieser Art von versuchtem Machtmissbrauch nie wieder zu tun haben.3

Cuccinelli schob die Niederlage beiseite und machte 2013 in Virginia einen Anlauf für den Gouverneursposten. Der Wissenschaftler, den Cuccinelli angegriffen hatte, spielte in der Kampagne von Cuccinellis Gegner Terry McAuliffe noch eine entscheidende Rolle. Er schrieb Gastkommentare, führte Interviews und beteiligte sich an Werbespots für dessen Kampagne. Anfang Juli begleitete er McAuliffe auf einer dreitägigen "Wissenschaftswoche". Später trat er zusammen mit McAuliffe und Ex-Präsident Bill Clinton auf, nachdem er Clinton bei einer Kampagnen-Veranstaltung Anfang September vorgestellt hatte. Cuccinellis Angriff auf die Universität von Thomas Jefferson kam offenbar bei den Wählern in Virginia nicht gut an. McAuliffe gewann die Wahl. Cuccinelli, jetzt ohne Job, eröffnete stattdessen eine Austernfarm auf Tangier Island, einer Insel in der Chesapeake Bay, die langsam vom Anstieg des globalen Meeresspiegels überschwemmt wird.4

Lassen Sie sich von niemandem weismachen, dass Wahlen keine Rolle spielen. So hatte beispielsweise Gouverneur Bob McDonnell, der später wegen Korruptionsvorwürfen zu Gefängnisstrafen verurteilt wurde5, während seiner Amtszeit im Jahr 2010 versucht, das Klima als Problem zu beseitigen, indem er die Virginia-Kommission für den Klimawandel auflöste.6 Eine der ersten Amtshandlungen des Demokraten Terry McAuliffe als Gouverneur im Jahr 2014 war es, die Kommission wiederzubeleben. Michael Mann wurde eingeladen, Mitglied zu werden.

Aber so etwas gibt es nicht nur in Virginia. Auch der unmittelbare Nachbarstaat im Süden, North-Carolina, wurde in letzter Zeit von bemerkenswert ähnlichen anti-wissenschaftlichen Ausbrüchen heimgesucht. Die Republikaner dieses Bundesstaats versuchten erst vor kurzem, Klimasimulationsergebnisse, die einen beschleunigten Meeresspiegelanstieg vorhersagen, zu ächten.7 Das ist so abstrus, das man fast erwarten sollte, dass sie den landeinwärts eintreffenden atlantischen Wirbelstürmen, besonders denen mit lateinamerikanischen Namen, einfach die "Einreise" verweigern werden.

Wenn es darum geht, den Kopf in den Sand zu stecken, liegt Florida ganz weit vorne. Mit fast 2.000 Kilometer Küstenlinie und mehr als fünf Millionen Einwohnern, die bereits bei einem Meeresspiegelanstieg von drei Metern umgesiedelt werden müssten8, hat Florida wohl mehr zu verlieren, als jeder andere US-Staat. Aber obwohl das langfristig wohl unvermeidlich sein wird, auch wenn die Geschwindigkeit, mit der es passieren dürfte, noch ziemlich ungewiss ist, kann man den Plan des republikanischen Gouverneurs Rick Scott, um höflich zu bleiben, nur als "unkonventionell" bezeichnen. Er reagiert auf die Bedrohung mit einem Verbot der Verwendung der Begriffe Klimawandel und globale Erwärmung in allen offiziellen staatlichen Mitteilungen und Publikationen.9

Floridas US-Senator und ehemaliger Präsidentschaftskandidat Marco Rubio, schneidet nicht viel besser ab. Sein Ansatz im Umgang mit dem Klimawandel besteht darin, die Wissenschaftler anzugreifen, jede menschliche Rolle bei der globalen Erwärmung zu leugnen und sich gegen alle tragfähigen politischen Lösungen zu stellen.10

 

Wie ist es, als Karikaturist über das Klima zu berichten?

Tom Toles:

Als ich Ende der 1980er Jahre damit begann, Karikaturen über den Klimawandel zu zeichnen, wurde dieser noch als "Treibhauseffekt" bezeichnet. Es ist merkwürdig, an diese Zeit zurück zu denken, denn der Treibhauseffekt wurde ursprünglich als ein simpler Fakt unserer Atmosphäre verstanden. Kohlenstoffdioxid fängt Wärme ab. Die wissenschaftlich belegte Tatsache, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe durch den Menschen mehr von diesem Kohlenstoffdioxid in signifikanten Mengen hinzufügt, schien es selbstverständlich zu machen, dass Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Ich hielt es für ausreichend, in Karikaturen auf diese Tatsache aufmerksam zu machen und den öffentlichen und politischen Apparat zu ermutigen, dies nachzuvollziehen und entsprechend zu handeln. Aber das Thema erwies sich als alles andere als einfach. Die von der Industrie gesteuerten Bemühungen, die Wissenschaft zu verfälschen und zu verwirren, kombiniert mit Medienmüdigkeit und dem Fehlen offensichtlicher Folgen des Klimawandels, schufen so etwas wie eine Art "Funkloch" für das Thema. Während die Uhr tickte, blieben Öffentlichkeit und Politiker weitgehend gleichgültig. So fuhr ich fort, Karikaturen zum Thema zu zeichnen, aber sie waren nicht sehr populär. Die Menschen haben das Thema einfach nicht ernst genommen. Der Klimawandel war nur ein Thema für Humor eines trügerisch beschwichtigenden Witzes, ganz nach dem Motto: "Wenn das der Klimawandel ist, nur her damit!" Diese Einstellung machte die Sache nicht einfacher, aber auch nicht weniger wichtig.

Die Beweise folgten später als eine Art Racheakt. Plötzlich war das Wetter nicht mehr so angenehm: merkwürdige, lang anhaltende Dürreperioden, massive Waldbrände, die ganze Landstriche in Brand setzten, Tornados, die in Dutzenden durch die Städte im Mittleren Westen fegten, gewaltige, rekordverdächtige Regenstürme, die unvorbereitete Gebiete überfluten, und Monster-Wirbelstürme, die mit beispielloser Wut eintrafen. Plötzlich waren die Bilder für die Karikaturen des Klimawandels reichlich vorhanden. Und plötzlich schenkten die Leute ihnen viel mehr Aufmerksamkeit. Mein Beharren darauf, das Klima kontinuierlich in meinen Cartoons zu erfassen, ergab für die Menschen nun einen Sinn. Jetzt geht es darum, Druck auf das politische System auszuüben, damit es reagiert. Und weil die Vereinigten Staaten in dieser Frage kürzlich einen großen Rückschritt gemacht haben, steigt die Notwendigkeit, den Fokus scharf und den Druck stark zu halten. Bis wir anfangen, es richtig zu machen.

 

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