Catherine Merridale


Steinerne Nächte (2001)

Leiden und Sterben in Russland

2001 by Blessing-Verlag, ISBN-13: 978-3896670816 

Night of Stone 


Iwans Krieg (2006)


Der Kreml  (2013) Red Fortress 


Lenins Zug  (2016)  Lenin on train


 

2001    550 Seiten  

wikipedia Autorin  *1959 in Britannien

DNB.Autorin  12 Publi

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Montefiore   O.Figes   Applebaum   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurzbeschreibung

Das 20. Jahrhundert war für Russland und die anderen Teilrepubliken der untergegangenen Sowjetunion gekennzeichnet von einer noch nie da gewesenen Häufung von Tod und Vernichtung. Zwei Weltkriege, die Oktoberrevolution mit den anschließenden Säuberungen und Hungersnöte, teils naturbedingt, teils vom Staat zu verantworten, bescherten dem Riesenreich im Osten Europas den traurigen Rekord, das Land mit den meisten gewaltsam zu Tode gekommenen Menschen zu sein. Die russische Erde ist voll von Toten – Soldaten und Partisanen, Gefangene und Verfolgte, vermeintliche wie echte Staatsfeinde, Opfer der großen Säuberungen unter Stalin. Und die meisten wurden am Ort ihres Sterbens verscharrt oder in Massengräbern beigesetzt. Selten war der Tod so anonym wie in diesen Jahrzehnten.

Jahrhundertelang lebten die Russen ohne rechtlichen Schutz, waren der Willkür der zaristischen Obrigkeit ausgeliefert und fügten sich in die Unvermeidlichkeit von Leiden und Sterben. Und sie entwickelten eine fatalistische Beziehung zum Tod. Sie wuchsen auf im Bewusstsein, ein wertloses Leben zu führen, sodass sie den Tod, auch einen frühen und gewaltsamen, als unausweichlich akzeptierten. Sie waren gewohnt, ihr Leben für den Zaren hinzugeben, und als die Herrscher wechselten, konnten auch diese mit einem ans Dulden und Erdulden gewohnten Volk rechnen. Es blieb selbstverständlich, für die neuen Herren und die neue politische Idee zu sterben, und die Hinterbliebenen schienen dies zu akzeptieren. Getrauert wurde nur im familiären Kreis, das Trauern in der Öffentlichkeit war verboten.

Die einzelnen Akte dieses Dramas der Vernichtung im modernen Russland hat Catherine Merridale in Steinerne Nächte einer kritischen Bestandsaufnahme unterworfen. Neben der akkuraten Auflistung der Gräuel beleuchtet sie immer wieder die Fragen:
Wie konnten die Russen diese gigantischen Verluste bewältigen?
Wie konnte eine ganze Nation trauern, ohne dieser Trauer Ausdruck verleihen zu können?
Sind Todesbereitschaft und Todessehnsucht wirklich lebensbestimmend?

Die Autorin verweist auf die prächtigen orthodoxen Gottesdienste, die der Bevölkerung vertraut waren, in denen sie sich geborgen fühlte, und beschreibt die Versuche der Bolschewisten, für die Trauerarbeit wie für alle anderen privaten Rituale eine atheistische, staatsgelenkte Alternative zu schaffen. Das aber wurde von der Bevölkerung nie angenommen.

Erst in den letzten Jahren, seit der Begriff Glasnost mit Leben erfüllt wird, hat sich der Umgang mit der schmerzlichen Vergangenheit geändert. Nun können Familien nach ihren toten Angehörigen, den Opfern stalinistischen Terrors, fahnden, können die Gräber oder die Gebeine ihrer ermordeten Anverwandten ausfindig machen, um sie würdig zu bestatten. Kein Teil der russischen Bevölkerung konnte der Verwüstung durch den Großen Vaterländischen Krieg entgehen, nicht den Hungerepidemien, nicht dem Terror der Tscheka.

Viele Jahrzehnte waren die Russen von den Tröstungen der Kirche abgeschnitten, nun findet die russische Gesellschaft zu diesen Wurzeln zurück. Wie das Gedenken an die Toten, ja den Tod selbst, den Lauf der russischen Geschichte beeinflusste, ist Gegenstand dieses bewegenden Buchs.

 


 

Aus der Amazon.de-Redaktion von Roland Detsch

Liegt die Grausamkeit den Russen womöglich im Blut? Ist sie Erbe der tatarischen Urahnen oder Fluch des menschenfeindlichen Klimas?  

Solche Fragen sind nicht etwa nur auf dem Mist übler Rassisten gewachsen, sondern treiben -- in Resignation über die mehr als 50 Millionen Opfer von Gewalt und ihren Begleiterscheinungen allein zwischen den Jahren 1914 und 1953 -- sogar manchen Intellektuellen des eigenen Volkes um.

Und der britischen Historikerin Catherine Merridale waren sie zumindest Anlass für eine breit angelegte Studie über das wahre Wesen der viel beschworenen russischen Seele. Die Ergebnisse ihrer Arbeit, die unter anderem auf Dutzenden von Einzelgesprächen und Gruppeninterviews mit Akteuren und Betroffenen dreier Generationen aufbauen, flossen in ein Buch mit dem düster-poetischen Titel Night of Stone. Death and Memory in Russia ein, das schon kurz nach Erscheinen unter dem bereits zu Recht bemäkelten, nebulöseren Titel Steinerne Nächte. Leiden und Sterben in Russland nun auch in Deutsch vorliegt. Zu Recht bemäkelt deshalb, weil es in dem Buch in allererster Linie um "Memory", also um das Totengedenken, um den Totenkult, letztlich also um Trauer, Erinnerung, Verlustgefühle, Angst, Zorn und Rache geht, deren Formen wesentlich mehr über Menschlichkeit aussagen können, als dokumentarisches Material und Opferstatistik.

Merridale stimmt Maxim Gorki zu, der die von totaler Gesetzlosigkeit, Unterdrückung und "tierischer Grausamkeit" geprägten Lebensumstände unter dem Zarismus für die Brutalitäten im Gefolge der späteren Revolution, die mangelnde Achtung der Menschen- und Bürgerrechte, die Gefühllosigkeit gegenüber der Gerechtigkeit verantwortlich machte. Für sie tat das atheistisch-materialistische Verständnis von Leben und Tod sowie die Tatsache, dass sich die bedrängte sowjetische Herrschaft zu einem Gutteil auf skrupellose Gewalttäter, Kriminelle und Psychopathen stützte, ein Übriges.

Trotz ihres etwas makaber anmutenden Ansatzes, ihrer eingestandenermaßen ideologischen Befangenheit sowie den methodisch bedingten Problemen, die allen "Oral History"-Projekten anhaften, liefert Merridale eine eindringliche Geschichtslektion mit tiefen Einblicken in die russische Kultur und die Abgründe der menschlichen Psyche.

 


Gemischte Gefühle      2001   Von Ein Kunde bei amazon

Nachdem ich das Buch beendet hatte, wußte ich zunächst nicht, wie ich es einordnen sollte. Ich hatte letztendlich den Eindruck, das das Thema zu komplex ist, um in nur knapp 500 Seiten beschrieben zu werden. An manchen Stellen fehlten mir einfach die Details und auf Stalins Säuberungen im 2. Weltkrieg wird nur in wenigen Zeilen eingegangen. Auch das Thema Tschernobyl kommt eher kurz. Woher dann 4 Sterne... die Autorin möchte sich hiermit nicht in die endlosen Zahlenstatistiken, die über das Thema schon existieren, einreihen. Und das ist auch nicht ihre Absicht. Sie versucht eher den Umgang mit dem Tod in Russland während der Zarenzeit und des Kommunismus anhand von Berichten dazulegen, was ihr sehr gut gelingt. Desweiteren verfügt dieses Buch über ein sehr umfangreiches Quellenverzeichnis, was sehr gut dabei hilft, in verschiedene Zeitabschnitte tiefer einzusteigen. Für eine 5 Sterne Bewertung währen sicherlich einige hundert Seiten mehr notwendig gewesen. 


Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.09.2001 

Obgleich der Rezensent Andrei Denejkine die Interviews mit Überlebenden diverser russischer Katastrophen durchaus interessant findet, ist ihm bei diesem Buch deutlich unbehaglich zumute. Die Absicht der Autorin, statt bloßer Lamentos nach "konkreten sozio-historischen Ursachen" für das Leid zu fragen, findet er natürlich begrüßenswert. Leider ist ihr das seiner Meinung nach aber nicht so recht gelungen. Bedenklich dünn kommen ihm die reflexiven und theoretischen Fundamente vor, auf denen Merridale nach Gründen und Erklärungen sucht: hier sieht er den "spektakulärsten Nachteil" des Bandes. Die Form "rhapsodischer" Geschichtsschreibung, die dabei herauskommt, war in sowjetischen Zeitschriften vor zehn Jahren populär, meint Denejkine - heute, fordert er, sollte man konzeptuell über diese schlichte Opferperspektive hinausgelangen.


Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.09.2001 

Rezensent "U. Sm" stellt fest, dass den Russen im 20. Jahrhundert nichts erspart geblieben ist. Den zahlenmäßigen Beleg dessen, die "abstrakte Arithmetik" des Todes, allerdings hält er für ungeeignet, beim Leser ein individuelles Bild von diesem Unglück zu erzeugen. Dem vorliegenden Buch traut er es zu. Es sei das Verdienst der Autorin, erklärt er, nicht nur das Leiden der Opfer, sondern auch die Bewältigung des allgegenwärtigen Sterbens durch die Hinterbliebenen an konkreten Beispielen dargestellt zu haben. Gemeint sind die "Patchwork-Riten", die insbesondre Sowjetrussen infolge einer staatlich verordneten Tabuisierung des Todes entwickelten. An einem Ort, wie "U. Sm" schreibt, an dem nach wie vor "das Sterben leicht, das Totsein hingegen schwierig ist."


Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2001 

Das besprochene Buch zieht einen Querstrich durch die russische Geschichte unter dem Leitthema "Leiden und Sterben". Rezensent Helmut Altrichter fühlt sich dabei an die negative Bilanz Gorkis erinnert, der sich die Frage nach einer Neubegründung der Kultur durch das Proletariat stellte und sie durch einen "Sieg unserer Vertierung und vertieft weiter durch unsere Primitivität" als misslungen ansah. 

Auch wenn es sich um andere Geschichten als bei Gorki handelt, sieht der Rezensent Parallelen des Blickwinkels dieses Buches, das den Opfern des Stalinismus gewidmet ist, mit den Geschichten von Gorki. Zu einer wirklichen Bewertung kommt Altrichter nicht, doch betont er den skizzenhaften Charakter des Buches, das nichts unbedingt "beweisen" will, noch eine "zentrale These" präsentiere.


Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.08.2001 

Ein Schwarzbuch der Erinnerung an die erdabgewandte Seite der Sowjetunion und eine Chronik der Verdrängung nennt Alex Rühle diesen Band. Was hier an Einzelerinnerungen und Lebenslügen von Sowjetbürgern zusammengetragen werden konnte, hat ihn sichtlich erschüttert. 

Um so mehr, als die alten Mythen, Klischees und Erklärungsmuster der sowjetischen Geschichtsschreibung auch heute noch lebendig scheinen. Dass Rühle bei der Lektüre "streckenweise" mit einer "hermeneutischen Naivität" der Autorin konfrontiert wurde, "die ans Groteske reicht" (Merridale hält es offenbar für möglich, sich in die Lage eines Sowjetbürgers der 30er Jahre zu versetzen), schmälert nicht seine Achtung vor einem "beeindruckenden Stück Erinnerungsarbeit."


Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 23.05.2001 

Hoffentlich geht die Studie der in Bristol lehrenden Historikerin Catherine Merridale nicht in der Flut der Neuerscheinungen über die Katastrophen und das millionenfache Leid im Russland des letzten Jahrhunderts unter, sorgt sich Dietrich Geyer. Der Autorin schenkt der Rezensent seine volle Sympathie. Denn Merridales Untersuchung fußt weniger auf Aktenbeständen denn auf teilnehmender Beobachtung und persönlichen Gesprächen mit Experten, Opfern und deren Angehörigen, die sie in den Jahren 1997 und 1998 während eines ausgedehnten Russland-Aufenthalts interviewt hat, informiert Geyer. Und zwar nach Meinung des Rezensenten mit einem ungewöhnlichen und anrührenden Maß an Professionalität, Empathie und "beachtlichen" literarischen Qualitäten. Und ohne dass Merridale auf sozialpsychologische oder psychoanalytische Deutungsangebote unkritisch zurückgreife, denkt Geyer. Bei so viel Lob stört es den Rezensenten auch nur wenig, dass es der Studie an einer kohärenten Systematik mangelt. Was er aber leidlich vermisst, ist ein Sachregister. Den roten Faden muss sich der Leser streckenweise selbst erdenken, bedauert der Rezensent.

 

 

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