Michael Meyen

Breaking News:

Die Welt im Ausnahmezustand

Wie uns die Medien regieren

2018 im Westend-Verlag

(auch als Hörbuch auf 5 CDs)

2018    200 Seiten

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detopia:  M.htm 

Umweltbuch   Aufmerksamkeit 

Konicz  Hamm 

 

Verlagstext:

Drei Medienrevolutionen – Privatfernsehen, Internet, Social Media – haben die Massenmedien von Grund auf geändert. Alles, was Klicks, Likes und Shares, Quote, Auflage bringt, ist angesagt. Auch jenseits von Facebook, Instagram und Twitter sieht Realität heute oft so aus wie das, was wir vom Bildschirm kennen: Bunt, grell und originell, herausstechen aus der Masse, anders sein – ob als Kneipe, Gymnasium und Basketballprofi, als Theater, Museum, Universität. Michael Meyen beschreibt ebenso scharfsinnig wie unterhaltsam, wie der Imperativ der Aufmerksamkeit inzwischen unser aller Leben verändert hat, und zeigt, wie wir uns dagegen wehren können.

 

Autor

Dr. Michael Meyen hat als Journalist begonnen: in der Regionalpresse (Leipziger Volkszeitung) und im Radio (MRD Info). Noch stärker als das Tagesgeschehen lockte aber die Forschung. Deshalb ging er 2002 als Professor an die LMU nach München, bildet dort seitdem Journalisten, PR und Werbeprofis aus und schreibt über das, was uns alle am meisten angehen sollte: die Welt der Massenmedien.

 

Alles was Klicks, Likes und Shares, Qutoe, Auflage bringt ist angesagt. Auch jenseits von Facebook, Instagram und Twitter sieht Realität heute oft so aus wie das, was wir vom Bildschirm kennen: Bunt, grell und originell und vor allem: Herausstechen aus der Masse ist das Leitmotiv. Inhalte, Wichtigkeit, Relevanz spielen nur noch eine Rolle, insofern sich mit Ihnen Aufmerksamkeit schaffen lässt. Und so passierte es, dass unlängst die abendliche Tagesschau damit aufmacht, dass bei den olympischen Spielen ein deutscher Biathlet den dritten Rang erreicht hat.

Michael Meyen beschreibt in seinem neuen Buch ebenso scharfsinnig wie unterhaltsam, wie der Imperativ der Aufmerksamkeit inzwischen unser aller Leben verändert hat, und zeigt, wie wir uns dagegen wehren können.

 

Aus der Einleitung

Der 31. Mai 2015 war ein guter Sonntag für US-amerikanische Journalisten. Zumindest für die, die arbeiten mussten. Außenminister John Kerry hatte sich beim Radfahren in Frankreich das Bein gebrochen und wurde in ein Krankenhaus nach Genf geflogen. Ein Aufreger, der samt Rücktransport in die Heimat auch noch den halben Montag füllen würde. Und dann starb der Sohn des Vizepräsidenten. 46 Jahre, Hirntumor. Was für eine Geschichte. Joe Biden, ganz nah am Machtpol dieser Welt und doch vom Schicksal geschlagen. Ein Mann, der vor einer halben Ewigkeit schon Frau und Tochter bei einem Unfall verloren hatte. Auch der kleine Beau saß damals, 1972, mit im Wagen. John Kerry und Joe Biden. Beinbruch und Familientrauer zur Prime Time, auf jedem Kanal. Etwas Wichtigeres hatte die Welt an diesem Sonntag nicht zu bieten, zumindest nicht für Fernsehredakteure in den USA. Vermutlich wussten sie, wie gut die beiden Themen im Netz liefen. Auch Barack Obama ließ die Zuschauer schnell wissen, dass er und seine Frau Michelle für Beau Biden und die Seinen beten. Immerhin, auch das durften wir erfahren, blieb dem Präsidenten etwas Zeit, nicht nur den Herrn anzurufen, sondern auch John Kerry.

Die drei mächtigsten Politiker der USA, vereint in einem Drama von biblischem Ausmaß. Selbst die Plagen, die einst Ägypten heimsuchten, hätten kein größeres Schlagzeilengetöse ausgelöst.

Natürlich: Es war Sonntag. Wer je in einer Nachrichtenredaktion gesessen hat, der weiß, was das bedeutet. Warten auf das Fußballspiel, auf ein Zugunglück, auf irgendeinen Streit. Hauptsache, man hat etwas zu melden. John Kerry und Joe Biden. Besser kann so ein Sonntag gar nicht werden. Das Problem ist: Auch montags und mittwochs bekommen Leser, Hörer und Zuschauer Dramen ohne Inhalt und das längst nicht mehr nur in den USA.

Schleichend und fast unbemerkt hat sich das verändert, was deutsche Redakteure für so wichtig halten, um ihr Publikum damit zu behelligen. Journalismus war schon immer vor allem Selektion. Nicht einmal eine Kleinstadt passt in fünf Minuten Sendezeit und auch nicht auf drei Lokalseiten. Heute aber, das ist die erste These dieses Buchs, heute wählen Redakteure in Deutschland etwas ganz anderes aus als ihre Vorgänger noch vor 30 oder 40 Jahren.

Und das, was sie auswählen, verpacken diese neuen Redakteure anders: grell, schrill, laut. Wenn es den objektiven Beobachter früher gegeben haben sollte – zum Beispiel in Gestalt des Fernsehmannes, den Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs 1995 kurz vor seinem Tod besungen hat (»Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein«1) –, wenn es ihn tatsächlich je gegeben haben sollte, dann ist dieser Kollege inzwischen ausgestorben.

Hanns Joachim Friedrichs, Jahrgang 1927, erzählte seinerzeit im Nachrichtenmagazin Der Spiegel, er habe nach dem Krieg beim deutschen Dienst der BBC gelernt, was guter Journalismus sei. Informieren und aufklären, das vor allem. Eine »Art Nachhilfeunterricht für Diktaturgeschädigte«. Die Parteien raushalten, auch aus den Gremien. Der Fernsehmann als »Mensch, der mit am Esstisch sitzt, der ein bisschen mehr weiß, weil er die Fähigkeit hat, unbefangen in die Welt zu gucken und das, was er entdeckt, so wiederzugeben, dass die Leute ihm glauben«. Auch nicht unwichtig: »die Leute abends in ihrer Wohnung nicht anbrüllen«. Sie selbst entscheiden lassen, »ob sie betroffen sein wollen oder nicht«.2

Vorbei. »Lügenpresse, halt die Fresse«, schreit und stöhnt der Wutbürger. Vertrauenskrise, sagt Uwe Krüger, ein Leipziger Medienforscher, ausgelöst durch die Ukraine-Berichterstattung – durch ein »Schwarz-Weiß-Bild«, in dem »wesentliche Fakten unterschlagen« worden seien. Krüger: »Man merkt die Absicht und ist verstimmt.«3 Auch die ARD-Dokumentation »Vertrauen verspielt?«, die am 11. Juli 2016 zu später Stunde im Ersten lief, macht die Medienschelte an dem fest, was gesendet und geschrieben wurde und was vielleicht auch nicht. Flüchtlinge und die Silvesternacht von Köln, Putin, die Jagd auf Christian Wulff. Sehr konkrete Inhalte für eine eher diffuse Kritik.

Dieses Buch zeigt, dass die Inhalte austauschbar sind. Und dass es nicht besser werden wird, wenn wir nicht zuerst verstehen, wie Journalisten das zusammenstellen, was wir für wichtig halten müssen, und dann darüber sprechen, was wirklich wichtig wäre.

 

Inhalt

 

1 Auftakt

Wie dieses Buch zu lesen ist  (7)

2 Medienlogik:

Wie Journalisten heute Realität erschaffen

»Wir sagen, wann es kalt ist«  (41)

3 Mediatisierung I

Wie der Spitzensport zur Show wurde

Das Fernsehen sagt, wie gespielt wird und wer gewinnt  (83)

4 Mediatisierung II

Wie unsere Welt Medienrealität wird

In der Schule, im Büro, in der Partei: Gut aussehen und gut rüberkommen  (115)

5 Mediatisierung III

Wie wir selbst Medienrealität werden

Kochen, feiern, Urlaub machen: Alles für die Show  (145)

6 Medienresilienz:

Wie wir mit der Berichterstattung umgehen können und dabei zugleich den Journalismus stärken  (167)

 

Anmerkungen  (187)

 

 

1.3.18, Klöckner-Meyen:
heise.de/tp/features/Medien-reden-von-Objektivitaet-und-Neutralitaet-produzieren-aber-genau-das-Gegenteil-3978378.html

gekürzt

 

Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen über den Imperativ der Aufmerksamkeit und die Medienrealität

 

.....

2) Können Sie Ihre Beobachtung an einem Beispiel festmachen. Worüber berichten heute große Medien an prominenter Stelle im Vergleich zu früher?

Michael Meyen: Es gibt viel mehr Soft News. Sport, Gesundheit, Human Interest. Über Politik und Wirtschaft wird nicht nur weniger berichtet, sondern auch ganz anders als vor 30 Jahren. Negativer, emotionaler, stärker an Prominenten und Experten aufgehängt und vor allem an Konflikten. Wenn sich zwei streiten, die mächtig sind, dann wird das ein Medienthema. Man konnte das schön sehen, als die Gespräche zwischen SPD und CDU beendet waren. Schulz gegen Gabriel gegen Nahles. Persönliche Befindlichkeiten, Küchenpsychologie. Was sich die beiden Parteien vorgenommen haben, ging dabei völlig unter.

3) Was bedeutet das?

Michael Meyen: Wir bekommen perfekten Gesprächsstoff. Alt gegen jung, Frau gegen Mann, Trainer gegen Spieler: Da kann jeder mitreden. Und die Geschichte wird weitergeschrieben, Tag für Tag. Verloren geht dabei die Orientierung. Der Überblick über das, was wirklich wichtig ist, was uns als Bürger und als Menschen interessieren müsste.

Viele Themen passen nicht in die Aufregungsmaschine. Der Klimawandel zum Beispiel, die Folgen unserer Lebensweise hier im Westen für den Rest der Welt, überhaupt globale Bedrohungen. Der Souverän braucht Aufklärung und Wissen und bekommt stattdessen Aufregung und Ablenkung. Die Frankfurter Schule würde sagen: Die Kulturindustrie sorgt dafür, dass wir uns über unsere wahre Lage täuschen, und produziert so Zustimmung.

4) Sie sprechen von einem "Imperativ der journalistischen Aufmerksamkeit". Was hat es damit auf sich?

Michael Meyen: Superlative, Sensationen, Dinge, die es so noch nicht gab. Das Spiel des Jahres. Der Spieler des Jahrhunderts. Das, was wir so nicht erwartet haben. Dieser Imperativ regiert im Moment ja nicht nur den Journalismus. Heute scheint jeder die Medien zu brauchen. Nichts geht mehr ohne öffentliche Aufmerksamkeit und ohne öffentliche Legitimation, egal ob man irgendwelche Bauprojekte plant oder die eigene Karriere. Selbst Wissenschaft zielt inzwischen auf Medienpräsenz.

Der Imperativ der Aufmerksamkeit verändert deshalb die ganze Gesellschaft und auch unseren Alltag. Ich nenne das PR-Bewusstsein. Wir denken die Medienlogik mit, selbst wenn wir für etwas ganz anderes bezahlt werden und auch etwas anderes tun sollten. Gut aussehen und gut rüberkommen. Das ist aber nicht das, worum es zum Beispiel in der Schule eigentlich gehen sollte oder in der Politik.

5) Sie kommen in Ihrem Buch zu einem ziemlich schwerwiegenden Befund. Sie schreiben, dass das System Massenmedien seine öffentliche Aufgabe nicht mehr erfüllt. Ist die Lage tatsächlich so schlimm?

Michael Meyen: Öffentliche Aufgabe heißt: Informationen bereitstellen, die wir Bürger brauchen, die Mächtigen kritisieren, die Mächtigen kontrollieren und so Orientierung und Meinungsbildung ermöglichen. Das kann ein Mediensystem nicht, das zunächst einmal Aufmerksamkeit maximieren muss. Damit sind wir schnell bei den Eigentumsverhältnissen, bei Medienstrukturen.

Unternehmen müssen Gewinn machen, bei Strafe ihres Untergangs. So etwas wie die öffentliche Aufgabe ist dann höchstens ein "nice to have". Für uns, für die Gesellschaft, heißt das: Wir müssen diskutieren, wie wir das Mediensystem organisieren wollen. Was erwarten wir von den Medien und was wollen wir uns das kosten lassen?

6) In Ihrem Buch gehen Sie immer wieder auch auf "die Medienrealität" ein. Was ist darunter zu verstehen?

Michael Meyen: Medienrealität ist das, was wir in den Medien finden. Kein Abbild irgendeiner Wirklichkeit, sondern eine zweite Wirklichkeit, auf die wir uns bei jedem Gespräch beziehen können. Das Problem ist: Wenn der Imperativ der Aufmerksamkeit die Medienrealität bestimmt, dann finden wir dort nur noch das, was uns aufregt, was anders ist, was es so noch nicht gab. Man kann sich vorstellen, was das mit unserer Beziehung zur Welt macht. Wir werden unzufrieden mit all der Normalität, die uns zwangsläufig umgibt.

7) Welche Auswirkungen auch im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit von Medien hat es, wenn der Unterschied zwischen der Medienrealität und der "wirklichen Wirklichkeit" zu groß wird?

Michael Meyen: In der Lügenpresse-Debatte geht es ja um ganz konkrete Inhalte. Die Berichterstattung über die Ukraine und über Russland, über Syrien und über die AfD. Da geht es um Einseitigkeit, um Weglassen, um Parteinahme für den Westen oder für die Eliten.

In meinem Buch frage ich nach der Metabotschaft jenseits von solchen konkreten Inhalten. Egal ob Bundestag, SPD oder Fußball-Bundesliga: Die Grammatik der Medienkommunikation ist immer gleich. Ich glaube, dass das ein zweiter Grund für die Vertrauenskrise ist und dass die Medien sich da selbst hineinmanövriert haben. Medien reden von Objektivität und Neutralität, von Ausgewogenheit und Vollständigkeit, produzieren aber genau das Gegenteil: Drama, Story, Meinung.

Mein Vorschlag ist: Werft die alten Qualitätskriterien über Bord und konzentriert euch auf Transparenz. Woher ist das Material, wem hilft es möglicherweise, wie steht ihr selbst dazu. Das würde in Sachen Glaubwürdigkeit jedenfalls nicht schaden.

8) Noch ein Wort speziell zum politischen Journalismus. Welche Schwachstellen sehen Sie?

Michael Meyen: Die schlechte Ausstattung, die Nähe zu den Mächtigen und ein Selbstverständnis, das eher auf Mitgestaltung zielt als auf Beobachtung. Uwe Krüger hat das ja in seinen Büchern gut analysiert.

Wir sollten aber nicht den Fehler machen, nur auf die Journalisten zu schimpfen. Die Strukturen machen es ihnen nicht leicht. Allein das Bundespresseamt beschäftigt mehr als 400 gut bezahlte Menschen, die nichts anderes machen, als die Welt darüber zu informieren, was Angela Merkel und ihre Minister so tun. Mehr als 400 Menschen, die Nachrichten produzieren, Dossiers, zitierfähige Sätze und die sich auch sonst in jeder Hinsicht darum kümmern, dass Politik und Politiker gut dastehen da draußen.

Die Presseleute der Ministerien, der Parteien und der Abgeordneten sind da noch gar nicht mitgerechnet. Auch deshalb tut der politische Journalismus gut daran, sich neu zu erfinden und darüber zu reden, wie man die öffentliche Aufgabe erfüllen kann in einer Welt, die vom Imperativ der Aufmerksamkeit beherrscht wird.

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