Theodore Roszak

 

Der Verlust des Denkens

Über die Mythen
des Computer-Zeitalters 

 

The Cult of Information:
The Folklore of Computers and the True Art of Thinking

 

1986  first edition

1986 bei Droemer

1988 im Bücherbund

1988 bei Knaur als Taschenbuch

Der Verlust des Denkens - Über die Mythen des Computer-Zeitalters  

1986  333 Seiten

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Inhalt  

Volltext - deutsch - pdf  (von Irwish.de)

Inhalt - pdf  (DNB)

Einleitung  (9)

 

I. »Information please«  (15)

Information im alten Sinn (16)  Auftrittt UNIVAC (19)  Die Kybernetik und die Geheimnisse des Lebens (23)   Botschaften ohne Bedeutung (27)  Der Biocomputer (34)

II. Die Datenhändler  (39)

Die Hochtechnologie und die konservativen Opportunisten (40)  Sunbelt-Politik und Waffenwohlfahrt (47)  Megahyper (53)  Hacker und Propagandisten (60)  Silizium und natürliche Selektion (67)  Technophilie (72)

III. Der heimliche Lehrplan  (75)

Der Wahn von der Computerkompetenz (76)  Eine Lösung auf der Suche nach Aufgaben (82)  Der computerisierte Campus (88)  Macht und Abhängigkeit (100)  Ein privates Universum (105)

IV. Das Programm im Programm  (111)

Der Fall Logo  (112)

V. Von Ideen und Daten  (133)

Am Anfang steht die Idee (134)  Die großen Ideen (139)  Erfahrung, Gedächtnis, Einsicht (144)  Die Strategie der Empiristen (152)  Keine Ideen, keine Information (157)

VI. Computer und die reine Vernunft  (161)

Das Licht in Platos Höhle (162)  Die alte Magie der Mathematik (168)  Die Verführungen der Software (172)  Eine fremde Intelligenz (178)  Die Flucht vor der Realität (187)  Die fünfte Generation ... und weiter (191)

VII. Der Computer und die Gegenkultur (199)

»Big Blue« und die Guerilla-Hacker (200)  Eine elektronische Volksbewegung 204 Das heroische Zeitalter des Mikrocomputers 208 Atavisten und Technophile 214 Daten und Drogen 220 Niedergang und Sturz (223)

VIII. Die Informationspolitik  (229)

Nichts als die Fakten (230)  Datenflut (236)  Probleme und Informationen (242)  Online-Gemeinschaften: Die Verheißungen der Netze (245)  Die öffentliche Bibliothek: Das fehlende Glied des Informationszeitalters (252)

IX. In den falschen Händen  (259)

Grundlagen der Informationstechnologie (260)  Die Überwachungsmaschine (265)  Die Wahlmaschine (273) Die Kriegsmaschine (282)  Machine á gouverner (289)  An den Grenzen der Zurechnungsfähigkeit: Die psychotische Maschine (296)

X. Descartes' Engel  (307)

Reflexionen über die wahre Kunst des Denkens (308)

 

Anmerkungen  (323) 

 

Einleitung

übernommen von von irwish.de

 

 

5-7

Als der kleine Junge im Märchen die peinliche Wahrheit heraustrompetete, daß der Kaiser ja gar keine Kleider anhabe, wollte er damit nicht auch unbedingt sagen, daß der Kaiser nun keinen Respekt mehr verdiene.

Vielleicht besaß der arme Mann sogar eine Menge guter Eigenschaften. Nur war er eben in seiner Verblendung einfach der Verlockung unerreichbarer Größe erlegen. Sein größtes Vergehen aber bestand darin, daß er ein paar opportunistischen Gaunern erlaubt hatte, seine und seiner Untertanen Leichtgläubigkeit auszunutzen.

Für die hier unternommene kritische Betrachtung der Computer in unserem Leben, und besonders in unseren Schulen, gilt eine ähnliche Einschränkung. Es ist durchaus nicht mein Anliegen, den Computer als nutzloses Gerät oder gar als Teufelswerk abzutun. Ich könnte ein solches Urteil schwerlich rechtfertigen. Das Manuskript dieses Buches wurde auf einem Textcomputer geschrieben, und häufig habe ich für die notwendigen Recherchen ausgiebig von elektronischen Datenbanken Gebrauch gemacht.

Ich beginne diese Untersuchung mit beträchtlichem Respekt vor den vielen nützlichen Dingen, die Computer leisten können, und nicht von einer Position doktrinärer Technophobie aus. Doch bin ich der Ansicht, daß der Computer, wie der allzu leicht verführbare Kaiser, mit den phantastischsten Ansprüchen ausstaffiert worden ist.

Ferner glaube ich, daß diese Ansprüche ganz bewußt von Kreisen in unserer Gesellschaft aufgestellt wurden, die die Macht der Computer für moralisch höchst fragwürdige Zwecke einsetzen. Die glorreichen Versprechungen, die sie an diese Macht geknüpft haben, müssen in Frage gestellt werden, wenn der Computer nicht in die falschen Hände geraten soll.

Damit ist bereits deutlich geworden, daß mein Interesse in diesem Buch nicht der Technologie der Computer gilt, sondern vielmehr dem Mythos, der sie umgibt: den Machtvisionen, den Wohlfahrtsillusionen, den Phantasien und Wunschträumen, die sich um diese Maschinen ranken. In erster Linie ziele ich ab auf den Begriff, mit dem die Technologie im öffentlichen Bewußtsein inzwischen untrennbar verschmolzen ist: Information.

Der Information sind die Eigenschaften der kaum fühlbaren, unsichtbaren, aber ehrfürchtig bewunderten Seide zugewachsen, aus der die ätherischen Kleider des Kaisers angeblich gesponnen waren. Man hat dem Wort anspruchsvolle, umfassende Definitionen gegeben, die es zum Inbegriff alles Guten für die Menschheit machen. Worte aber, die so weit ausufern, daß sie alles bedeuten können, bedeuten schließlich gar nichts mehr, doch gerade ihre Leere erlaubt es, sie mit faszinierendem Glanz auszustatten. Das oberflächliche, aber üppig wuchernde Gerede, das heutzutage allerorten über die »Informations­wirtschaft« und die »Informations­gesellschaft« zu hören ist, übernimmt genau diese Funktion.

Die ständig wiederholten Phrasen und Klischees sind der Popanz eines weitverbreiteten öffentlichen Kultes. Wie alle Kulte ist auch dieser darauf gerichtet, gedankenlose Gefolgschaft und Fügsamkeit zu bewirken.

Menschen, die keinerlei klare Vorstellung davon besitzen, was sie mit Information eigentlich meinen oder warum sie angeblich so viel davon wollen, sind dennoch jederzeit bereit zu glauben, daß wir in einem Informationszeitalter leben, in dem alle Computer um uns her zu dem werden, was einst im Zeitalter des Glaubens die Splitter des Heiligen Kreuzes waren: Symbole der Erlösung.

Die Information hat in den letzten vierzig Jahren im allgemeinen Sprachgebrauch die erstaunliche Wandlung vom Aschenputtel zur Prinzessin erfahren. Der Begriff war ganz gewiß kein aussichtsreicher Kandidat für den glanzvollen Status eines Kultwortes, aber eben ein solches ist aus ihm geworden und dies keineswegs durch Zufall.

Die Wandlung begann mit seiner esoterischen Neudefinition durch die Informationstheoretiker während des Zweiten Weltkrieges und brachte ihn schließlich mit einem historischen Wandel in unserem Wirtschaftsleben in Verbindung; mit einem Wandel, der die Interessen größerer Konzerne, der Regierung und der wissenschaftlichen Institutionen miteinander vereint, um schließlich in die verführerische Rhetorik der Werbung und der Geschäftswelt einzumünden. Schon allein als ein einheitsstiftendes Thema, das so viele mächtige soziale Kräfte zusammenhält, wäre der Begriff Information kritischer Aufmerksamkeit wert.

5/6

Aber das Informationszeitalter hat sich nun auch noch in das Erziehungswesen hineingedrängt, und zwar in einer so aggressiven und heimtückischen Weise, daß die Bedeutung des Denkens selbst Gefahr läuft, entstellt zu werden.

Das ist die eigentliche Sorge, der diese Untersuchung gilt.

Zwei unterschiedliche Elemente vereinen sich im Computer: die Möglichkeit, Informationen in unvorstellbaren Mengen zu speichern, und die Möglichkeit, diese Informationen nach strikt logischen Verfahren zu verarbeiten. Beide Elemente werden gesondert in Kapitel 5 und 6 behandelt und in ihrer Beziehung zum Denken untersucht. Dort werden wir sehen, wie der Informationskult sich jeweils an das eine oder das andere dieser Elemente anhängt (manchmal auch an beide) und seinen intellektuellen Wert konstituiert.

Da die Fähigkeit, Daten zu speichern, irgendwie dem Vermögen entspricht, das wir bei Menschen Gedächtnis nennen, und weil die Fähigkeit, logischen Verfahren zu folgen, irgendwie dem Vermögen entspricht, das wir bei menschlichen Wesen logisches Folgern nennen, sind viele Anhänger des Kultes zu dem Schluß gekommen, daß die Tätigkeit der Computer irgendwie dem entspricht, was wir Denken nennen.

Es ist nicht besonders schwierig, die breite Öffentlichkeit von dieser Schlußfolgerung zu überzeugen, da Computer Daten sehr schnell auf kleinstem Raum verarbeiten, der weit unterhalb der Schwelle des Sichtbaren liegt. Sie sehen nicht aus wie andere Maschinen, wenn sie arbeiten. Sie scheinen so reibungs- und so lautlos zu funktionieren wie das Gehirn, wenn es sich erinnert und folgert und denkt. Andererseits wissen alle, die Computer entwerfen und bauen, ganz genau, wie diese Maschinen in den verborgenen Tiefen ihrer Halbleiter arbeiten.

Man kann Computer auseinandernehmen, genauestens prüfen und wieder zusammensetzen. Ihre Tätigkeiten können verfolgt, analysiert, gemessen und daher klar verstanden werden – was beim Gehirn keineswegs möglich ist. Darum ließen sich die Konstrukteure und Produzenten zu der verlockenden Annahme verleiten, Computer könnten uns etwas über Gehirne sagen, ja der Computer könne sogar als Modell für den Geist dienen, der dann als eine Art Maschine zur Verarbeitung von Informationen betrachtet werden müsse, die ihre Aufgabe vielleicht nicht einmal so gut erfüllt wie die Maschine selbst. Der Schwerpunkt meiner Argumentation besteht in der Behauptung, daß es einen fundamentalen Unterschied gibt zwischen dem, was Maschinen tun, wenn sie Informationen verarbeiten, und dem, was Gehirne tun, wenn sie denken.

Zu einer Zeit, da Computer den Schulen massiv aufgedrängt werden, muß man diesen Unterschied deutlich im Blick behalten, und zwar die Lehrer ebenso wie die Schüler. Aber auf Grund des kultähnlichen Mystizismus, der den Computer mittlerweile umgibt, wird die Trennlinie, die den Geist von der Maschine scheidet, immer mehr verwischt. Entsprechend sind die Kräfte der Vernunft und der Phantasie, die in den Schulen eigentlich gepflegt und gefördert werden sollen, in Gefahr, mit drittklassigen mechanischen Fälschungen abgespeist zu werden.

Wenn wir die wahre Kunst des Denkens von dieser lähmenden Verwirrung befreien wollen, müssen wir uns zuerst einen Weg durch das Dickicht des Werberummels, der Medienfiktionen und der kommerziellen Propaganda bahnen. Haben wir das Gelände so weit gesäubert, gelangen wir erst an den eigentlichen philosophischen Kern des Informationskultes, der ebensosehr den Universitäten und Labors wie dem Marktplatz seine Entstehung verdankt. Begabte Köpfe auf dem Gebiet der Computerwissenschaft haben sich dem Kult aus Gründen der Macht und des Profits verschrieben.

Weil die Propagandisten so viele Wissenschaftler für ihr Unternehmen gewonnen haben, müssen schwerwiegende intellektuelle Fragen ebenso wie politische Interessen untersucht werden, wenn wir den ganzen Einfluß der Computer auf unsere Gesellschaft verstehen wollen. In einem sehr wörtlichen Sinn stehen die Fähigkeiten und Zwecke des menschlichen Geistes auf dem Spiel. Wenn auch die Lehrer schließlich von dem Kult mitgerissen werden, müssen wir eines Tages vielleicht feststellen, daß die heranwachsende Studentengeneration ernstlich beeinträchtigt ist in ihrer Fähigkeit, die sozialen und ethischen Fragen zu durchdenken, die uns die letzten Stadien der noch andauernden industriellen Revolution aufgeben.

6/7

Die sogenannte Informationswirtschaft ist vielleicht gar nicht das, was uns ihre Großpropagandisten glauben machen möchten. Nicht das futuristische Utopia, das die Science Fiction so lange vorausgesagt hat. Allerdings stellt sie eine wichtige und aufregende Übergangsphase in unserer industriellen Geschichte dar. Keine Technologie hat ihre Potenzen jemals so rasch entfaltet, wie es die Computer und die Telekommunikation heute tun. Es ist verständlich, daß wir angesichts solch stürmischer Veränderungen verwirrt sind von den ständig auf uns einstürzenden Neuerungen, dem plötzlichen Einbruch der neuen technischen Mächte.

Aber wir konnten in der Vergangenheit zu viele Technologien in die Irre streben sehen, um unsere Aufmerksamkeit nun von den Computerenthusiasten einfach in die falsche Richtung lenken zu lassen. Die Informationstechnologie birgt offensichtlich die Möglichkeit in sich, politische Macht zu konzentrieren und neue Formen sozialer Benachteiligung und Herrschaft hervorzubringen. Je weniger wir geneigt sind, die Zwecke in Frage zu stellen, zu denen sie benutzt wird, desto sicherer werden wir diesen Tendenzen zum Opfer fallen.

Letzten Endes handelt dieses Buch ebensosehr von der Kunst des Denkens wie von der Politik und Technologie der Information. Ein offensichtlich humanistisches Anliegen durchzieht diese Kritik. Ich gehe von der Annahme aus, daß der Geist – und nicht nur in der Form menschlicher Intelligenz – ebensosehr an ein Naturwunder grenzt wie jedes andere Wunder, das die Religionen der Welt verehren.

Über die Kräfte des Geistes nachzudenken und in seine Geheimnisse einzudringen gehört zu den altehrwürdigen Aufgaben der Philosophie. Es ist aber etwas ganz anderes, Kinder zu lehren und der Öffentlichkeit zu verkünden, daß alle Geheimnisse bereits gelüftet und alle Kräfte nutzbar gemacht seien – und als Beweis eine Sammlung von Halbleitern in einem Metallkasten anzubieten. Gemessen an diesem Anspruch muß selbst der genialste Computer in den Augen nachdenklicher Menschen geradezu lächerlich unzulänglich wirken – eher ein Witz als eine Errungenschaft.

So kritisch dieses Buch sich auch in manchen Passagen mit der Stellung des Computers in unserer Gesellschaft auseinandersetzen wird, so will es doch zugleich diese bemerkenswerte Erfindung vor den überzogenen Behauptungen retten, die ihre begeisterten Befürworter in die Welt setzen. Unbelastet von großspurigen Ansprüchen, gekleidet in bescheidenere, aber solide Arbeitskleidung, kann der Computer, wie der Kaiser im Märchen, noch immer ein recht nützlicher Diener der Allgemeinheit werden.

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